Der kleine Unterschied

Was trennt den Aufarbeiter vom Historiker?

Matthias Krauß

In: junge Welt online vom 27.07.2015

Es ist eigentümlich, welche Symbolkraft Kleinigkeiten gewinnen können. Im Standard-Duden der DDR gab es das Stichwort »Aufarbeitung« nicht, er führte auch nicht das Verb »aufarbeiten«. In Gebrauch war dieses Wort seinerzeit dennoch, etwa, wenn es darum ging, ein altes Möbelstück aufzuarbeiten, ihm gewissermaßen alten Glanz zurückzugeben. Man kann es also mit einiger Berechtigung als einen Fremdkörper betrachten, was unter dem Begriff »Aufarbeitung« nach 1990 in Ostdeutschland implantiert worden ist. Die Konjunktur dieses Vorgangs hält ungebrochen bis heute an. Es ist schwierig, einen vergleichbare Vorgang in anderen Ländern zu finden, wie es auch schwierig ist, das Wort »Aufarbeitung« in andere Sprachen zu übersetzen. Umso merkwürdiger, dass daraus eine Selbstverständlichkeit geworden ist, die nicht hinterfragt werden muss. Denn gerade was scheinbar jeder Beweisführung enthoben ist, sollte immer wieder und sehr genau hinterfragt werden. Zumal, wenn das in Deutschland stattfindet, wenn ein beträchtlicher Personenkreis recht gut davon lebt und öffentliche Gelder für sich abzweigen kann.

Was wäre nach der politischen Wende und der Herstellung der staatlichen Einheit 1990 der historische Normalfall gewesen? Er würde darin bestanden haben, dass der Prozess der gegebenenfalls strafrechtlichen Bewältigung erfolgte und nach dessen Abschluss das Thema »DDR« Historikern und Journalisten überlassen bliebe. Deutschland leistet sich unendlich viele Lehrstühle, die Geschichte ausgiebig, vielfältig, und kontrovers debattieren, es leistet sich auf Kosten der Gebührenzahler diverse öffentliche Sender, die dem Thema Raum geben könnten. Und im übrigen kann jeder Mensch zum Thema DDR denken, was er will. Das aber gilt und genügt im DDR-Fall offensichtlich nicht. Hier wurden den Historikern die Aufarbeiter zur Seite gestellt. Aber warum? Was leistet der Aufarbeiter, was der Historiker nicht leistet? Und warum kommt man weltweit ohne diese typisch deutsche Erfindung aus? Und warum ist das inzwischen zur einer regelrechten Aufarbeitungsindustrie aufgebläht worden? Den Vorgang versteht nur, wer den Abstand zwischen Historiker und Aufarbeiter begreift.

Der Hauptunterschied besteht in der gesellschaftlichen Rolle und im geistigen Grundansatz: Im Unterschied zum Historiker besitzt der Aufarbeiter eine politische und ideologische Funktion. Er operiert in einem ideologischen Kampffeld. Hier leistet der Aufarbeiter, was der Historiker nicht leisten will und darf. Beide beanspruchen für sich, die Arbeit des Historikers zu leisten. Und auch dies stimmt: Der Aufarbeiter nutzt Mittel, derer sich auch der Historiker bedient. Der Aufarbeiter möchte sich als Historiker herausputzen, sein schönster Lohn wäre es, wollte die historische Wissenschaft ihn als einen Teil betrachten und adeln. Das kann aber ebensowenig gelingen wie es dem Agitator gelingen kann, als Wissenschaftler anerkannt zu werden. Warum ist das so? Warum wird beispielsweise das von Hubertus Knabe für seine Gespensterburg Hohenschönhausen entwickelte Konzept von Historikern abgelehnt? Der entscheidende Unterschied, aus dem sich alle übrigen ableiten, liegt im geistigen Grundverständnis. Der Historiker arbeitet vorurteilsfrei, er wird einen geschichtlichen Gegenstand umfassend betrachten und seine Schlussfolgerungen ziehen. Die Sache des Aufarbeiters ist im wesentlichen die Geschichtspropaganda. Der Historiker behandelt seine Adressaten als mündige Menschen, der Aufarbeiter hat die Haltung des Werbefachmanns gegenüber den Kunden. Der Aufarbeiter hat nicht mit allem unrecht. Aber Dinge, die seinem Denkschema widersprechen, nimmt er offensiv nicht zur Kenntnis. Seine Sache ist nicht, Sachverhalte zu erklären, er erarbeitet ein Schuldregister. Der Aufarbeiter hat nicht in erster Linie ein wissenschaftliches Ziel, sondern ein ideologisches, er will ein Weltbild verbindlich machen. Er gesteht nur jenen eine »richtige« Meinung zu, die sich seiner Einseitigkeit angeschlossen haben. Er ist das, was Lenin »Ingenieur der Seele« nannte. Von allen historischen Figuren ist ihm der katholische Inquisitor am nächsten. Der Historiker sucht Antworten auf geschichtliche Fragen, der Aufarbeiter Belege für feststehende Urteile.

Der Historiker setzt sich mit anderen Meinungen auseinander, weil ihn das besser macht. Der Aufarbeiter lässt nur seine Meinung und die seiner Gesinnungsgenossen gelten. Der Historiker ist für Überraschungen gut, der Aufarbeiter niemals. Der Historiker zögert beim Einsatz eines Gut-Böse-Schemas, für den Aufarbeiter ist dieses Schema das Lebenselixier. Der Historiker lässt den Vergleich als Methode zu. Nichts könnte dem Aufarbeiter ferner sein. Der Historiker weiß, dass die der DDR zugeschriebenen Verbrechen im Kontext zu den zeitgleichen Verbrechen des Westens betrachtet werden müssen, wenn man sie angemessen bewerten will.

Für den Aufarbeiter wäre das eine Zumutung. Denn er weiß, dass die Verbrechen des Westens schlimmer waren als die der DDR. Dies anzuerkennen, würde der Aufarbeitungsindustrie ihre Arbeitsgrundlage entziehen.

Der Leiter des Instituts für zeitgenössische Forschung Potsdam, Professor Martin Sabrow, verfasste kürzlich für den Spiegel einen Nachruf auf den DDR-Staatsschef Erich Honecker. Das war keine hasserfüllte Abrechnung, sondern eine »kritische Würdigung«. Sabrow ging der Frage nach, wie es gelingen konnte, eine vergleichsweise ruhige, an Opfern arme Entwicklung in der DDR so lange durchzuhalten. Das war eine Darstellung, in der sich die Aufarbeitung beim besten Willen nicht wiederfinden konnte. Entsprechend schäumte sie. Der Vorgang zeigt: Der Historiker ist gefährlich, weil unzuverlässig. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass er zu Ergebnissen gelangt, die den Mächtigen nicht gelegen kommen, dass er das politisch Unerwünschte zutage fördert. Das kann dem Aufarbeiter nicht passieren, er ist politisch von Nutzen, weil er die Mächtigen verlässlich bestätigt.

In dieser Rolle und Berufsauffassung ist er arretiert. Um auf die Ausstellung in Hohenschönhausen zurückzukommen: Wovon abstrahiert dieses Machwerk des Hubertus Knabe? Davon, dass der Osten Deutschlands nach 1945 ein Tummelplatz der Geheimdienste war, dass gegen die DDR spioniert und intrigiert wurde, was das Zeug hielt, dass sie durch Sabotage, Verrat, Raub, Diebstahl, Mord und Totschlag Verluste in einer Gesamthöhe von etwa 100 Milliarden Dollar erlitt. Dass sie sich auch mit geheimdienstlichen Mitteln dagegen zur Wehr setzen musste, ist dieser Ausstellung nicht eine einzige Zeile wert. Und deshalb hat dieses Hohenschönhausen keine Bedeutung für Historiker, ist aber für die Aufarbeiter der heilige Berg, ihr Mekka, ihr Jerusalem, ihr Lenin-Mausoleum, wie man will.

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