Versagen der Wissenschaft  

Neues zum Reichstagsbrand. Ausgerechnet in Springers Welt wird die Einzeltäterthese in Frage gestellt. Deren Haushistoriker und Verfechter dieser Sichtweise schweigt dazu  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 10.07.2015 

 

  Es ist unmöglich, dass ein Täter allein – Marinus van der Lubbe – am 27. Februar 1933 den Reichstag angezündet hat. Alles spricht dafür, dass ein SA-Trupp unter Hans Georg Gewehr zuvor im Reichstag den Brand gelegt hat. 

  Wie ein Paukenschlag ertönte diese Botschaft am 24. Mai aus dem Hause Springer. Die Welt am Sonntag veröffentlichte einen mehrseitigen Aufsatz des New Yorker Historikers Benjamin Carter Hett, dessen Buch »Burning the Reichstag« Anfang 2014 in der Oxford University Press erschien, in den USA und Großbritannien breit diskutiert wurde, hier aber, in dem Land, um das es geht, kaum Beachtung fand. Und bisher auch keinen deutschen Verleger (siehe jW-Thema vom 20. Juni 2015) 

  Die Nazis zündeten das Parlament an? Und nicht der Holländer van der Lubbe als einsamer Einzeltäter? Aber da war doch was, die Chefredaktion erläutert den lieben Leserinnen und lieben Lesern: »Unser Zeitgeschichtsexperte Sven Felix Kellerhoff, der lange recherchiert und 2008 ein Standardwerk zum Thema verfasst hat, ist von der Einzeltätertheorie überzeugt«. Soll er. Aber wir drucken Hett, denn er »hält eine Einzeltäterschaft für unmöglich – und die Geschichtsschreibung in Deutschland für politisch motiviert«. 

  Das war zuviel für den Ressortchef Zeitgeschichte. Noch am 18., 19., 20., und am 21.Mai waren Kellerhoff-Artikel in der Welt erschienen, dann am 22. war nach »Gysi soll angeklagt werden« plötzlich Schluss. Am Samstag vor dem Hett-Sonntag verfiel Kellerhoff fast sechs Wochen lang in trotziges Schweigen. Lediglich außer Haus, für die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Zentrum gegen Vertreibungen, wird er am 9. Juni tätig: er moderiert eine Veranstaltung »Für die ganze Wahrheit« und »Gegen die Einseitigkeit deutscher Erinnerungskultur« mit der ehemaligen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach. 

  Was sonst in den sechs Wochen nach Hetts Beitrag geschehen ist, wir wissen es nicht. Endlich am 1. Juli meldet er sich in der Welt wieder zu Wort. Sein erster Satz: »Personalfragen sind Richtungsfragen.« Er schreibt über die Personalquerelen der »Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Aber er meint wohl das eigene Haus. Es folgte am nächsten Tag noch ein einfühlsames Interview mit Erika Steinbach – dann verstummte er wieder bis zum gestrigen Freitag: Ein Interview mit dem Anführer des BdV, Bernd Fabritius. Andere Themen kennt Kellerhoff seit dem 22. Mai nicht mehr. Will er sich aus der undankbaren Welt in die Gefilde der deutschen Heimatvertriebenen abseilen? Historiker, die mit der Geschichte einen brauchbaren Umgang pflegen, sind dort immer erwünscht. 

  Und da darf man nicht vergessen: Der Patron, der Pate von Sven Felix Kellerhoff ist Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert. »Dem Autor Kellerhoff gilt meine Hochachtung«, erklärte Lammert, als er 2008 zum 75. 

Jahrestag des Reichstagsbrandes dessen etwas dünnes Buch über ebendenselben im Haus der »Parlamentarischen Gesellschaft« vorstellte. 

Seither prangt von der Website des Präsidenten – darüber der offizielle Bundesadler – eine Würdigung dieses Kellerhoff-Werkes, die Lammert nach den Vorgaben des Autors für dessen Blatt geschrieben hat. Er würdigte Fritz Tobias, den Verkünder der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand und beschuldigte dessen Gegner der Voreingenommenheit: »Diffamierung trat an die Stelle methodisch sauberer Geschichtswissenschaft«. Er bekräftigte Hans Mommsens Vorwort zu Kellerhoff vom »nicht hinreichend wahrgenommenen Skandal«, dem »Versagen der Fachwissenschaft in Deutschland«. 

  Ja, Versagen der Fachwissenschaft, überhaupt nie wahrgenommener Skandal, das ist richtig. Fritz Tobias in seinem 1962 erstmals erschienenen Buch (genau wie ein halbes Jahrhundert später in der Neuauflage 2010 im auch von der Justiz als solcher voll anerkannten Tübinger Nazi-Verlag Grabert): »Der Lärm, der zur Reichstagsbrandstätte rasenden Feuerwehrzüge hatte Dr. Hanfstaengl, den ›Auslandspressechef der NSDAP‹, aufgeschreckt, der als Gast des Reichstagspräsidenten Hermann Göring in dessen von ihm selbst nicht bewohnten Palais gegenüber dem Reichstag logierte. Er eilte zum Fernsprecher und rief bei Dr. Goebbels an, bei dem – wie er wusste – Hitler zu Gast war. Goebbels hielt die Brandnachricht für eine ›tolle Phantasiemeldung‹, eine alberne ›Retourkutsche‹, mit der Hanfstaengl ihm einen kürzlich verübten echten Telefonpossen heimzahlen wollte. Ohne Hitler zu verständigen, legte er nach einigen ärgerlichen Worten wegen der läppischen Störung den Hörer auf. Immerhin wurde Goebbels doch bedenklich zumute, er rief im Reichstagsgebäude unmittelbar an. Die Verbindung kam jedoch nicht zustande – die Fernsprech-Zentrale des Reichstages war wie üblich um 20 Uhr geschlossen worden. Nun rief er seinerseits bei Dr. Hanfstaengl an. Der wiederholte erbost sein Sprüchlein, worauf Goebbels schließlich bei der Polizeiwache am Brandenburger Tor anfragte.« 

  Das zitiert Fritz Tobias, um zu beweisen, dass nicht nur Hitler-Freund Ernst Hanfstaengl, sondern vor allem Goebbels und der Führer selbst völlig überrascht waren. Er fasst, was auf den Seiten 210 bis 212 in Hanfstaengls Memoiren »Unheard Witness« (Ungehörter Zeuge) von 1957 steht, einigermaßen korrekt, wenn auch distanzlos wie aus eigener Sicht zusammen. Tobias, das darf man einem Laienhistoriker nicht übel nehmen, ignoriert völlig die gegenüberliegende Seite 213. Dort schreibt Hanfstaengl: »Ich fürchte meine Anekdote bringt nur wenig Beweismaterial.« Und fügt hinzu, er wäre nicht überrascht, wenn Göring das ganze Ding geplant hätte – »notwendigerweise mit Wissen Hitlers« – nur um dem verhassten Rivalen Goebbels die Initiative aus der Hand zu nehmen. 

  Politische Gründe  Das war der vom Spiegel gestützte Laienhistoriker. 

Folgt der Fachmann Hans Mommsen, der noch 1962 in der Stuttgarter Zeitung Tobias heftig widersprach. 2008 schwindelte er, er hätte damals schon Tobias zugestimmt mit der Folge: »Eine breite Phalanx von Historikern und interessierten Zeitgenossen entfesselte eine regelrechte Kampagne gegen alle, die von der ›Alleintäterschaft‹ [van der Lubbes] überzeugt waren.« 

  Mit dieser aus »allgemeinpolitischen Gründen« (Mommsen) welcher Art auch immer zustande gekommenen neuen Überzeugung trat der 1964 noch wenig bekannte Junghistoriker in die Öffentlichkeit mit seinem, ja, berühmt gewordenen Aufsatz »Der Reichstagsbrand und seine politischen Folgen«. In den angesehenen Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte übernahm er die Tobias-Version. Der bekehrte Mommsen auf Seite 382 seines Widerrufs: »Die Widerlegung der Mehrtäterschaftstheorie und die Feststellung, dass der Plenarsaal des Reichstagsgebäudes im Alleingang in Brand gesetzt werden konnte, entbindet uns« – ja, entbindet uns – »der detaillierten Untersuchung darüber, ob die Reaktionen Görings und Hitlers unmittelbar nach Bekanntwerden der Brandstiftung gestellt waren oder nicht. Ihre Überraschung war echt. Goebbels hielt die ihm durch Hanfstaengl telephonisch übermittelte Nachricht für einen schlechten Scherz.« 

  Dahinter die Fußnote 127 mit der von Tobias so abgekupferten unvollkommenen Quelle: »Ernst Hanfstaengl, Unheard Witness, Philadelphia 1957, S. 210f.« Dazu zwecks Wahrheitsfindung: »bestätigt durch Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, München 1934, S. 269«. 

  Mommsen hatte den Meister gefunden, tatsächlich bekräftigte der Volksaufklärungsminister am angegebenen Ort: »Um 9 Uhr kommt der Führer zum Abendessen. Wir machen Musik und erzählen: Plötzlich ein Anruf: ›Der Reichstag brennt!‹ Ich halte das für eine tolle Phantasiemeldung und weigere mich, dem Führer davon Mitteilung zu machen.« Und so fort bis zur »furchtbaren Bestätigung«. 

  Den von Tobias kastrierten Hanfstaengl sowie das zum ersten Jubiläum der »Machtergreifung« (30. Januar 1934) von Franz Eher, dem Zentralverlag der NSDAP, verlegte Goebbels-Tagebuch zu einem unbezweifelbaren Gesamtbescheid für Naziunschuld am Reichstagsbrand zusammenzubringen – das war das Gesellenstück für Mommsens volksaufklärerische Anstelligkeit. 

  Hanfstaengls Geschichte über den völlig überraschten Goebbels ist – unterschlägt man nur die nächste Seite – das Fundament für die Unschuldstheorie. Und dazu erhärtet Goebbels diese Erzählung in seinem Tagebuch – was dort steht, muss ja wohl stimmen. So denkt Mommsen heute noch. Aber im Unterschied zum Laien Tobias, müsste er doch mal irgend etwas über Quellenvalidität gehört haben, ja es sollte ihm doch einmal eine der vielen Abhandlungen über die Aussagekraft der Goebbelsschen Tagebücher in die Finger gekommen sein, aber Mommsen kümmert es nicht. 

  Das Problem nur: Hanfstaengl, egal, ob selbst unschuldig oder doch tatbeteiligt, machte solche Geschichten nicht mit. 1970 erschienen seine Memoiren endlich auch auf deutsch, bei Piper (Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters). Hanfstaengl ergänzt jetzt: »Mir wurde allmählich klar, dass Goebbels, als wir am Abend des Reichstagsbrandes miteinander telefoniert hatten, Theater gespielt hatte«. 

Dem »vollendeten Lügenbold« sei es nur darum gegangen, »für sich und Hitler ein Alibi« zu schaffen. 

  Hanfstaengl in der deutschen Ausgabe weiter: »In der letzten Zeit hat man wiederholt versucht, indem man meine Äußerungen verstümmelt wiedergab, mich als Zeugen der Überraschung Hitlers und Goebbels’ zu zitieren. Ich habe den Betreffenden meine Meinung gesagt, leider sind sie in ihren Publikationen nicht darauf eingegangen.« 

  Mommsen kümmert das nicht. Aber Fritz Tobias hatte Hanfstaengl schließlich doch noch in der deutschen Ausgabe bei Piper gelesen und reagierte wütend. 1986 erschien – ebenfalls bei Piper – ein Sammelband der Verfechter der Naziunschuld: »Reichstagsbrand. Aufklärung einer historischen Legende« mit Fritz Tobias, Hans Mommsen, dem etwas wirren FU-Historiker Henning Köhler, dem Zeit-Historiker Karl-Heinz Janßen und vor allem Uwe Backes und Eckhard Jesse (beide veröffentlichten später zusammen mit dem Revisionisten Rainer Zitelmann das Manifest-Buch der Neuen Rechten »Die Schatten der Vergangenheit«, für das sie nach dem Anschluss Lehrstühle in Dresden und Chemnitz kassierten). Tobias stellte nun plötzlich Hanfstaengl als dubiosen Zeugen dar. Schlimmer noch: Ihm sei »die Brandstifterrolle eher zuzutrauen gewesen als Hitler«. 

  Beweis: Hanfstaengls, so Tobias, »erstaunlich offenherziges Geständnis«, er habe immer das Reichstagsgebäude (»dieses Monstrum«) für eine »architektonische Verirrung« gehalten. Hitler jedoch: »Ihm gefiel das Gebäude« (Tobias-Quelle: die von Joachim Fest zusammengeschriebenen »Erinnerungen« des Albert Speer aus dem Jahr 1969). 

  Und wie rettet Tobias die für ihn so entscheidende »Überraschung« Goebbels’ über die Brandnachricht? Ganz einfach: Der – bald verhaftete – KPD-Fraktionsvorsitzende Ernst Torgler habe zunächst die Nachricht von dem Brand doch auch als »schlechten Scherz« aufgefasst – wohl ein frühes Spiel mit dem Baukasten der Totalitarismustheorie. 

  Gefälschter Hanfstaengl  Der stets sehr gläubige Joachim Fest blieb 1987 auch in der Taschenbuchausgabe seiner 1973 erstmals erschienenen Hitler-Biographie unverändert dabei. Auf Seite 545 erregt er sich im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand über die »Einbildungskraft ehrgeiziger Chronisten«, die den »Vorgang« mit »teils oberflächlichen, teils dreisten Zwecklügen« überwuchern. Nur Fritz Tobias sei es gelungen, alles aufzudecken: durch die »blitzschnelle Inanspruchnahme« – blitzschnelle Inanspruchnahme – des »Ereignisses« haben »die Nationalsozialisten sich die Tat, so oder so, zu eigen gemacht«. Aber unschuldig waren sie, denn, das hat Fest recherchiert: »Hitler hatte den Abend in der Goebbelsschen Wohnung am Reichskanzlerplatz verbracht, als ein Anruf Hanfstaengls meldete, dass der Reichstag in Flammen stehe. In der Annahme, es handele sich um eine ›tolle Phantasiemeldung‹ …« 

  Na, und so fort, wie es 1962 bei Tobias steht. Fest gibt hier überhaupt keine Quelle an. Entweder hat er diese schöne Geschichte schlicht von Tobias abgeschrieben. Oder er litt unter derselben Sehschwäche und konnte von der Seite 212 des »Ungehörten Zeugen« nicht hinübersehen auf die Seite 213, wo die Geschichte von Goebbels’ Überraschung aus den Fugen gerät. 

  Allerdings, Fest treibt es auch wissenschaftlicher: Im Verzeichnis der von ihm benutzten Literatur taucht nicht nur die von Tobias missbrauchte amerikanische Urausgabe von 1957 auf, sondern auch die erweiterte deutsche von 1970, in der der ganze Schwindel auffliegt. Aber den Widerspruch nimmt er nicht zur Kenntnis. 

  Ohne Rücksicht auf den Tobias-Widerruf in der Jesse-Anthologie von 1986 machte der von ihm 1962 durch Weglassung gefälschte Hanfstaengl weiter Karriere bei den deutschen Historikern und Publizisten, die einen entscheidenden Beweis für die Überraschung der Nazis und damit für ihre Unschuld am Reichstagsbrand brauchten. 

  Königlicher Professor  2001 triumphierte der Spiegel: »Alle Welt hatte geglaubt, die Nazis selbst hätten das Feuer gelegt. Inzwischen findet sich die These vom Alleintäter in vielen Standardwerken zur NS-Zeit; erst jüngst übernahm sie der Historiker Ian Kershaw in die neueste Hitler-Biographie.« Auch er ein leichtsinniges Opfer der Tobias-Fälschung von Hanfstaengls Memoiren. Er erzählt auf Seite 579 der deutschen Ausgabe bei DVA (»Hitler. 1889–1936«) die halbe Hanfstaengl-Geschichte als objektive Wahrheit nach, so wie sie bei Tobias und Fest steht. Als Beweis dafür: »Die NS-Größen waren alle überzeugt, dass das Feuer das Signal für einen Kommunistenaufstand bildete …« Hätte ein – ansonsten sorgfältiger – Historiker wie Kershaw die von ihm angegebene Quelle (Hanfstaengl, S. 291–295) von Seite 295 unten bis zur Seite 296 tatsächlich gelesen, ihm wäre kaum die Zustimmung zur Alleintätertheorie (van der Lubbe) unterlaufen: »wird heute in Historikerkreisen weitgehend akzeptiert«. Immerhin, er zeigte kürzlich tätige Reue und würdigte das Hett-Buch (»Burning the Reichstag«) als, ja, »peinlich genaue Untersuchung« zur Widerlegung der Alleintäterthese. 

  Ganz anders der andere große britische Hitler-Biograph Richard J. Evans. 

Auch er erzählt die Hanfstaengl-Geschichte auf Seite 439 (»Das Dritte Reich – Aufstieg«, dtv 2005) als objektive Wahrheit: »Hanfstaengl rief umgehend Goebbels an, der zunächst glaubte, es handele sich um einen Scherz.« Er hat dafür – wie Mommsen – eine wirklich unbedenkliche Quelle: die Tagebücher des Joseph Goebbels. In Evans’ Literaturverzeichnis findet sich allerdings auch die deutsche Ausgabe von Hanfstaengls Erinnerungen, deren allerorts mit wissenschaftlicher Präzision ignorierte Seite 296 das Dementi bietet. 

  Hett hat in seinem uns bisher vorenthaltenen Buch wegen anderer Fehler nicht nur Kershaw, sondern auch Richard J. Evans eher sanft kritisiert. Der aber reagierte mit einem seitenlangen Wutanfall in der London Review of Books, wo er Hett unter die »Conspiracists« (Überschrift), die Verschwörungstheoretiker, einordnete. Bedeutendster Vorwurf: Hett habe Kellerhoffs Buch zu wenig beachtet, das habe doch mit der ganzen Geschichte ein für allemal aufgeräumt. Richtig, deutsche Historiker haben nicht das Monopol auf Stupidität. Tatsächlich war Evans (von 2008 bis 2014) in Cambridge der von der Königin ernannte Regius Professor of History, ein Amt das seither der gleichwertige Christopher Clark ausübt, jener Verkündigungsengel unserer weitgehenden Unschuld am Großen Krieg. 

  Auch in Deutschland erwies sich das 1962 von Tobias ausgezüchtete Hanfstaengl-Virus noch im 21. Jahrhundert als unvermindert ansteckend, sogar bei Historikern, denen man zutraut, dass sie in ihrer Studienzeit erfolgreich ein Proseminar in Quellenkunde und Quellenkritik absolviert haben. 

  Der vom Bundestagspräsidenten protegierte Welt-Historiker Kellerhoff gehört wohl nicht dazu. Auch er macht sich den reduzierten Hanfstaengl zu eigen, wie ihn schon Tobias 1962 generierte. Aber er gibt, wie Joachim Fest, die spätere deutsche Ausgabe von 1970 als Quelle an, wobei er mit hoher Präzision darauf achtet, nicht über die in seinen Anmerkungen angegebenen Seiten »291 bis 295« vorzudringen und auch letztere nur halb zur Kenntnis zu nehmen. 

  Kellerhoff hat sich somit viel mehr Mühe gemacht als Fritz Tobias 1962 noch mit der US-Ausgabe von 1957. Tobias musste nur unterschlagen, dass Hanfstaengl Göring verdächtigte, »the whole thing« – das ganze Ding geplant zu haben, »necessarily with Hitler’s knowledge«. Jetzt aber, mit der deutschen Hanfstaengl-Ausgabe, war alles viel schwieriger, weil da auf Seite 296 steht, dass Goebbels »Theater gespielt« hatte. Die ganze von Kellerhoff engagiert wiedergegebene Szene von der Telefoniererei mit einem völlig überraschten Goebbels war damit erledigt. Und es bedurfte schon uneingeschränkter Geschicklichkeit und geübter Manipulation, so etwas einfach zu unterschlagen. Aber Kellerhoff kann sowas, schließlich hat er auch schon einmal ein Buch des italienischen Historikers Luciano Canfora niedergemacht – mit vielen vernichtenden wörtlichen Zitaten, die allerdings die Eigenschaft hatten, nicht in dem besprochenen Buch zu stehen und nicht von Canfora zu stammen (siehe jW-Thema vom 28.2.2012). 

  Aber auch ein seriöser Historiker wie der in London lehrende Peter Longerich meldet in seiner Goebbels-Biographie (Siedler 2010) knapp und kurz, was – unzweifelhaft – 1933 geschah: »Am Abend des 28. Februar – Hitler und Prinz Auwi waren bei den Goebbels zu Besuch – meldete Hanfstaengl …« Und so weiter, und macht daraus ein Zeugnis für eine Überraschung der Nazis. Longerichs klare Quelle: die Goebbels-Tagebücher. 

Und: »Das Telefonat wird bestätigt von Hanfstaengl ›Zwischen Weißem und Braunen Haus‹, S. 294« – und keine Seite weiter. Allerdings merkt Longerich – er betreibt zuweilen auch Wissenschaft – hinten auf Seite 750 kleingedruckt in der Fußnote 32 an: »Die Frage der Urheberschaft des Reichstagsbrandes ist Gegenstand einer seit langem anhaltenden keinesfalls zugunsten der Alleintäterthese geklärten Kontroverse.« Mehr kann man kaum verlangen. 

  Der »Führer« ist schuld  Der Zeit-Historiker Volker Ullrich ist ebenfalls dabei. Er, der zu den wenigen gehört, die mit gutem Gründen gegen unseren durch Christopher Clarks »Schlafwandler« herbeigeführten unschuldsvollen Endsieg im Ersten Weltkrieg aufmuckten, machte dieses Spiel mit. In seiner Hitler-Biographie (siehe jW-Thema vom 12.3.2014) schreibt er auf Seite 468: »Als Hanfstaengl sich gegen 10 Uhr am Telefon meldete und berichtete, dass der Reichstag in Flammen stünde, hielt man« – man? – »das zunächst für einen schlechten Scherz.« Beglaubigt wird der Satz mit einem Verweis auf Hanfstaengl, S. 294 f., also auch Seite 295. 

Offensichtlich nicht völlig leichtfertig übernommen von Kellerhoff, der die Seiten 291–295 angibt. Auf Seite 295 unten meldet Hanfstaengl schon seine Zweifel an, und auf der von Kellerhoff und Ullrich nicht zitierten Seite 296 wird ihm »allmählich klar, dass Goebbels ... Theater gespielt hatte.« 

  Als die Historiker noch Historiker waren, galt der Grundsatz, Bücher die man zitiert, muss man selbst in die Hand genommen und zumindest im jeweiligen Zusammenhang über den zitierten Satz hinaus gelesen haben. Wenn das nicht möglich ist und ein Zitat von anderen Autoren übernommen wird, schreibt man »zitiert nach …«. Dann weiß jeder, wer für die Richtigkeit des Zitats verantwortlich ist. In unserem Fall hätte jeder in jeder Universitätsbibliothek – so etwas gibt es, Herr Kellerhoff, Herr Mommsen – Einsicht in die Originale nehmen können. Aber das sind wohl Regeln aus jener Zeit, in der Nazis noch nicht völlig unschuldig am Reichstagsbrand waren. Mommsen hat recht, wenn er vom »Versagen der Fachwissenschaft in Deutschland« spricht. Wenn die ihm rechtzeitig 1964 auf die Finger geklopft hätte, wäre den Historikern viel erspart geblieben. Dazu könnte der sonst so redselige Bundestagspräsident auch mal ein Wort sagen. 

  Aber an dem Schlamassel ist der »Führer« schuld. Der ganze Ärger mit Hanfstaengls Memoiren wäre Tobias und den anderen Unschuldstheoretikern erspart geblieben, wenn der 1940 – »Unternehmen Seelöwe« – nicht gezögert, sondern England besetzt hätte. Der einstige Hitler-Freund Hanfstaengl stand auf der Liquidationsliste, die SS-Hauptsturmführer Horst Mahnke vom Vorauskommando London im Reichssicherheitshauptamt für die geplante Besetzung ausgearbeitet hatte. Mahnke übrigens war etwas später auch Ressortleiter bei Spiegel, als Fritz Tobias dort mit seiner Reichstagsbrandserie begann. 

 

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