Was andere mitteilten 

In: junge Welt online vom 23.06.2015 

 

  Unter dem Titel

»Die Volkspolizei in der Wende«

veröffentlichte das Mitteilungsblatt der »Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR e. V.« (ISOR) ISOR aktuell in seiner Juniausgabe einen Text des CDU-Politikers Peter-Michael Diestel: 

  Durch eigenwillige Umstände, die man heute in den Geschichtsbüchern nachlesen kann, wurde ich Minister und damit Oberkommandierender der deutschen Volkspolizei. In meiner bisherigen militärischen Laufbahn habe ich es dreimal zum Gefreiten geschafft und bin nach meinem Grundwehrdienst in Ehren entlassen worden. Als sich das Volk der Ostdeutschen gegen ihre bisherige Führung erhoben hat, kamen auch der gesamte politische Überbau und alle Machtstrukturen ins Wanken. Anfang April 1990 wurde ich Stellvertreter des Ministerpräsidenten und zum Innenminister ernannt. Ich hatte die Aufgabe, Karl-Heinz Schmalfuß, Herbert Damm, Egon Grüning, Hartwig Müller, Dr. Reinhard Weise, Lothar Ahrendt, Dr. Wolfgang Grandke, Dr. Peter Fricker, Dirk Bachmann, Hartmut Preiß, Erich Bauer, Dieter Winderlich und vielen anderen klugen Leuten in der Volkspolizei etwas zu sagen, aber ich konnte ihnen nur wenig sagen, da ich frei von Sachkunde und politischer Erfahrung war. Zweifelsfrei war es eine komplizierte Situtation, die ich nie gemeistert hätte, wenn Offiziere wie die Genannten und viele andere nicht treu ihren Dienst getan hätten. Wem gegenüber waren sie treu? Der ihnen vermittelten Weltanschauung, dem Treueschwur auf die Verfassung oder Treue gegenüber der marxistisch-leninistischen Partei? Die Volkspolizisten, die ich führen durfte, übten ihre Treue ausschließlich gegenüber dem Souverän, dem Staatsvolk der DDR, aus. 

Damit ist der Polizei, deren Führung für mich die allergrößte Ehre war, das entscheidende Verdienst für den Frieden in der gesamten Phase des deutschen Einigungsprozesses zuzurechnen. Keiner meiner Polizisten hat Verrat begangen, sondern sie haben sich dem Willen des Volkes angeschlossen, weil sie selber wichtiger Bestandteil des Volkes waren. Der Dank für dieses umsichtige und kluge Verhalten ist den meisten Angehörigen der deutschen Volkspolizei nicht zuteil geworden. In künftigen Jahrzehnten wird man jedoch feststellen, dass diejenigen, die Maschinengewehre und Maschinenpistolen hatten, diese zu keinem Zeitpunkt eingesetzt haben und die Macht der gefalteten Hände und der Kerzen akzeptierten. Danke! 

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