„Die wichtigsten Baumeister der neuen Gesellschaft"  

Die Gründung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) vor 70 Jahren  

Von Helmar Kolbe*  

In: unsere zeit online vom 12.06.2015 

 

Knapp fünf Wochen nach der Zerschlagung des Faschismus erließ Marschall Shukow von der sowjetischen Militäradministration am 10. Juni 1945 den Befehl Nr. 2 über die Bildung und Tätigkeit antifaschistischer Parteien und freier Gewerkschaften in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ). 

Damit war die Grundlage für die Gründung der Gewerkschaften gegeben. 

So konstituierte sich am 15. Juni 1945 aus einer Gruppe leitender Funktionäre aller früheren Gewerkschaftsrichtungen ein vorbereitender Gewerkschaftsausschuss für Groß-Berlin. 

In diesem Ausschuss arbeiteten die kommunistischen Gewerkschafter Roman Chwalek, Paul Walter und Hans Jendretzky, die sozialdemokratischen Otto Brass, Bernhard Göring und Hermann Schlimme und Ernst Lemmer von den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften. 

Wie war die Situation? Berlin lag in Trümmern. Verkehrsmittel fuhren kaum. Viele Kollegen kamen zu Fuß oder auf Fahrrädern zu dieser Gewerkschaftsveranstaltung, an der 579 Kollegen teilnahmen. 

Im Kern ging es: H um die Überwindung der ideologischen und organisatorischen Spaltung der Gewerkschaften H das Vertrauen der Völker zurückzugewinnen und Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. 

In diesem Sinne war der Aufruf des Vorbereitenden Gewerkschaftsausschusses die Geburtsstunde des FDGB. 

Die Gründung des FDGB vor 70 Jahren ist nicht mit dem Neubeginn der Gewerkschaften in Deutschland zeitlich identisch. 

Den Anfang machten Gewerkschafter in Aachen Es gehört zur historischen Wahrheit, dass sich bereits am 18. März 1945 in Aachen Gewerkschafter verschiedener politischer und weltanschaulicher Richtungen zusammenfanden (vgl. 

UZ vom 3.4.2015, S. 10). 80 Personen – Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen u. a. waren gekommen, um die Gewerkschaftsgründung unter dem Namen „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund Aachen (FDGB)" vorzunehmen. Sie verabschiedeten die „13 Aachener Punkte". Es ging dabei vor allem um H den Kampf gegen den preußischen Militarismus und Faschismus H die Entfernung der Nazis aus Wirtschaft und Verwaltung H die Vertretung der Gewerkschaft in allen Zweigen des öffentlichen Lebens. 

Aus heutiger Sicht kann man diese Forderungen als vorbildlich und richtungsweisend bezeichnen. Nicht zuletzt waren das auch Orientierungspunkte, die sich in den Grundsätzen bei der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Oktober 1949 wiederfinden. So forderte der 1. Vorsitzende des DGB, Hans Böckler, die Bildung von Einheitsgewerkschaften, die vom Staat, Unternehmen und Parteien unabhängig sind. 

All diese progressiven Ziele wurden letztendlich Opfer des Kalten Krieges. Dabei ist nicht zu übersehen, dass auch einige Gewerkschaftsführer ihren Anteil daran hatten. Dazu kam, dass die westlichen Besatzungsmächte an starken Einheitsgewerkschaften nicht interessiert waren. So wurde zunächst versucht, sie auf die lokale Ebene zu begrenzen. 

Aufschwung der Gewerkschaften in der Sowjetischen Besatzungszone Innerhalb weniger Monate schufen Tausende von Arbeitern in Betrieben, Kreisen und Ländern ihre Gewerkschaften. 

Bereits im April 1947 waren in 18 Industriegewerkschaften 3,5 Millionen Mitglieder organisiert. Der Gewerkschaftsaufbau wurde nach dem Prinzip „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft" gewährleistet. 

Die Gewerkschaften standen vor bisher nicht gekannten Aufgaben. Das verlangte radikales Umdenken. Ohne intensive Aufklärungs- und Bildungsarbeit wäre die Stärkung der Gewerkschaften undenkbar gewesen. 

In mühevoller Kleinarbeit wurde insbesondere die Schulungsarbeit in den Betrieben entwickelt. Dazu wurde monatlich Schulungs- und Referentenmaterial herausgegeben. Auf Beschluss des Bundesvorstandes des FDGB konnten ab 2. Mai 1947 an der ehemaligen Bundesschule des ADGB in Bernau (der späteren Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert") Lehrgänge durchgeführt werden. Vom 1. Januar 1947 an erschien auch die Gewerkschaftszeitung „Tribüne". 

Das waren wesentliche Voraussetzungen, um, ausgehend von den Lehren der Geschichte, die neue Rolle der Gewerkschaften zu erkennen und über Inhalt und Ziel der Gewerkschaftsarbeit zu diskutieren. Dieses Herangehen entsprach dem Leninschen Hinweis, dass die Gewerkschaften „tief im Arbeitsleben verwurzelt bleiben, das Leben der Arbeiter in- und auswendig kennen müssen" (Werke Bd. 33, S. 177). 

Dieser Prozess vollzog sich aber nicht im Selbstlauf, sondern musste im harten Klassenkampf durchgesetzt werden. 

Gewerkschaften im Kalten Krieg Ende der vierziger Jahre zeichneten sich tiefgreifende Veränderungen in der internationalen Arena ab. Von westlicher Seite, insbesondere des USA-Imperialismus, wurde alles versucht, die gesellschaftliche Entwicklung weltweit ihrer Strategie unterzuordnen. 

So wurden die Einheitsgewerkschaften in Italien und Frankreich gespalten. 

Mit dem Marshallplan 1947 erfolgte auch die Spaltung Deutschlands und damit auch der Gewerkschaften. 

Auch die am 20. Juli 1948 eingeführte separate Währungsreform war sozusagen der Ausgangspunkt zur Bildung eines Separatstaates in den Grenzen der westlichen Alliierten, unter Einbeziehung Westberlins. Es bleibt Tatsache, dass sich diesen Prozessen eine Reihe Gewerkschaftsführer unterwarfen. 

Die Unabhängige Gewerkschaftsopposition (UGO) spaltet die einheitlichen Berliner Gewerkschaften. 

In Westberlin begann 1948 ein Kesseltreiben gegen Funktionäre und Mitglieder des FDGB. Die Besatzungsmächte und Konzernvertreter halfen den maßgeblichen Führern der UGO bei der Spaltung der Gewerkschaftseinheit in Berlin und bereiteten das Verbot des FDGB in den Westsektoren vor. UGO-Vertreter forderten beispielsweise, bei den Delegiertenwahlen die parteipolitische Kennzeichnung der Kandidaten einzuführen. Ihr Ansinnen wurde von der Mehrheit der Berliner Gewerkschaften abgelehnt. 

Der Vorsitzende des Eisenbahnerverbandes der UGO, Brach, veranstaltete eine Urabstimmung. Die Gewerkschaftsführer stellten sich also hinter die Feinde der Gewerkschaftseinheit in Groß-Berlin. Schließlich brachen sie alle Beziehungen zum FDGB ab. 

Gründung der DDR – ein neuer Abschnitt in der Geschichte des FDGB Von der Stunde seiner Gründung bis zur Auflösung 1990 war der FDGB ein wirkungsvoller Mitgestalter und Wegbereiter der sozialistischen Gesellschaft. 

Im Leninschen Sinne waren sie „die wichtigsten Baumeister der neuen Gesellschaft" (Werke, Bd. S. 438). 

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte hatten die Gewerkschaften in der obersten Volksvertretung Sitz und Stimme. 

Zusammen mit der FDJ und der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe bildeten sie eine Fraktionsgemeinschaft. 

Die Gewerkschaften hatten das Recht auf Gesetzesinitiative. So arbeiteten sie aktiv am „Gesetz der Arbeit" mit, das im April 1950 in der Volkskammer verabschiedet wurde. 

Das Arbeitsgesetz sicherte jedem Werktätigen das Recht auf Arbeit und eine leistungsgerechte Entlohnung zu. 

Erstmals wurde Frauen ein bezahlter Schwangerschaftsurlaub für die Dauer von fünf Wochen vor und sechs Wochen nach der Geburt des Kindes gewährt. 

Die Mitwirkung an der Arbeitsgesetzgebung, insbesondere des Arbeitsrechts, war ständiger Teil gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Das spiegelte sich auch an der Mitwirkung am Arbeitsgesetzbuch (AGB) 1977 wider. 

Das AGB wurde auf Grund veränderter Bedingungen von der Volkskammer am 16. Juni 1977 verabschiedet. 

Rechte der Gewerkschaften in der Verfassung Die Fragen der Mitbestimmung der Gewerkschaften waren in der DDR keine leeren Worte, sondern verfassungsmäßig garantiert. Im Artikel 44, Abs. 1 hieß es: „Die freien Gewerkschaften … nehmen die Interessen der Arbeiter, Angestellten und Angehörigen der Intelligenz durch umfassende Mitbestimmung in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wahr." Verfassungsgrundsatz war auch Artikel 44. Abs 2: „Die Gewerkschaften sind unabhängig. Niemand darf sie in ihrer Tätigkeit einschränken oder behindern." Auch das Recht der Gesetzesinitiative sowie der gesellschaftlichen Kontrolle waren in der Verfassung festgeschrieben. 

Die hier erwähnten Verfassungsrechte der Gewerkschaften der DDR wären heute sehr wesentlich. Fragen des Mindestlohnes, die Benachteiligung der Frauen oder das beabsichtigte Freihandelsabkommen (TTIP) usw. wären anders zu regeln. 

Der 3. FDGB-Kongress … war der erste FDGB-Kongress nach Gründung der DDR, und gleichzeitig ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 

Auf ihm bekannte sich der FDGB zum Arbeiter-und-Bauern- Staat, wurde aber auch – was man heute kritisch sehen und weiter diskutieren muss (so auch zur Rolle der Gewerkschaften im Sozialismus) – durch die Anerkennung der führenden Rolle der SED das Verhältnis von SED und Gewerkschaft genauer bestimmt und es geschah eine Hinwendung zum Marxismus-Leninismus. 

Gewerkschaftliche Interessenvertretung im Betrieb In der aktuellen Klassenauseinandersetzung wird auch der FDGB nicht ausgeklammert. Um seine 45-jährige- Tätigkeit zu verunglimpfen, reduziert man sein Wirken nur auf den Feriendienst, auf Krankenbesuche oder auf das Werksküchenessen. 

Allein schon diese Aufgaben – und wären es nur diese gewesen – sind Beweis genug, was uns der arbeitende Mensch wert war. Natürlich ging die gewerkschaftliche Interessenvertretung weit darüber hinaus. Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, all diese Gebiete zu benennen. 

Auf einige Aspekte sei aber verwiesen: H Die Sozialversicherung leitete über drei Jahrzehnte der FDGB. Vorher lag sie in der Verantwortung staatlich geleiteter Sozialversicherungskassen. Ein Beispiel dafür war die Gewährleistung, Berechnung und Auszahlung durch die Betriebe unter Kontrolle der Gewerkschaften. 

Die ersten Betriebskollektivverträge (BKV) wurden 1951 abgeschlossen. 

Der BKV war eine neuartige, gegenseitige Vereinbarung zwischen Betriebsleiter und Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL). Sie hatten als Element des Arbeitsrechts in den volkseigenen Betrieben ihren festen Platz und waren Ausdruck demokratischer Mitwirkung, Mitbestimmung und Kontrolle. 

Der gewerkschaftliche Feriendienst wurde am 20 März 1947 gegründet. Begonnen wurde mit 10 Ferienheimen mit einer Kapazität von 498 Plätzen. 

Ende der der 80er Jahre standen den Gewerkschaftsmitgliedern über fünf Millionen In- und Auslandsreisen des FDGB zur Verfügung. 1989 verwaltete der FDGB 698 eigen Heime mit 57 366 Betten. 

Frauenförderungspläne enthielten Festlegungen, um die Frauen im Arbeitsprozess und in der Weiterbildung zu fördern. 

Jugendförderungspläne wurden jährlich zwischen der BGL und der Betriebsleitung abgeschlossen. 

Sie enthielten Maßnahmen zu Bildungsfragen, zur Gestaltung von Kultur und Sport sowie zur Ausgestaltung sozialer Belange der Jugend. 

Kinderferienlager begannen 1950 mit der Aktion „Frohe Ferientage für alle Kinder". 1952 gab es bereits 3 000 Ferienlager, an denen ca. 500 000 Kinder teilnahmen. 1987 haben sich rund 800 000 Kinder in 5 000 Betriebsferienlagern erholt. Die Eltern zahlten unverändert pro Kind wöchentlich 4,00 Mark. 

* Redaktionell bearbeitet und gekürzt. 

Die vollständige Fassung erscheint im Berliner „Anstoß", der Zeitung der DKP Berlin, in der Juni- und in der Juli-Ausgabe. 

Helmar Kolbe war als Metalldreher bis 1971 ehrenamtlicher Vorsitzender einer Betriebsgewerkschaftsleitung, studierte ab 1971 an der Gewerkschaftshochschule „Fritz Heckert" und arbeitete von 1975 bis zur Auflösunge des FDGB am 30. September 1990 als Mitarbeiter im Bundesvorstand des FDGB. 

 

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