Wunschzettelökonomie  

Vor 75 Jahren: Die »Reichsgruppe Industrie« entwirft einen europäischen Wirtschaftsraum  

Reiner Zilkenat 

In: junge Welt online vom 13.06.2015 

 

Am 17. Juni 1940 fand ein denkwürdiges Treffen am Tirpitzufer 56–58 im Berliner Stadtbezirk Tiergarten statt. Der Hauptgeschäftsführer der »Reichsgruppe Industrie«, Karl Guth, hatte die Geschäftsführer der einzelnen Wirtschaftsgruppen zu sich gebeten. Nur drei Tage zuvor hatten Einheiten der »Wehrmacht« Paris besetzt. Ein großer Teil Europas – ohne Sowjetunion, England und Balkan – stand jetzt unter der Herrschaft des »Dritten Reichs«. Es schien so, als hätte das faschistische Deutschland auf dem europäischen Kontinent die militärische und politische Hegemonie gewonnen. Im Mittelpunkt standen jetzt Konzeptionen, wie die Landkarte Europas zugunsten des deutschen Faschismus neu strukturiert werden könnte (siehe jW-Thema vom 2. und 3.7.2014). Dabei war von zentraler Bedeutung, wie der europäische Kontinent wirtschaftlich neu organisiert werden sollte. Genau darum gingen die Beratungen am 17. Juni in der Geschäftsstelle der »Reichsgruppe Industrie«. 

In der im Januar 1935 gebildeten Institution waren in Wirtschaftsgruppen, unterteilt in Fachgruppen, die einzelnen Industriebranchen, Betriebe und Banken vertreten. Es handelte sich um eine Organisation, die im staatsmonopolistischen System der Kriegsvorbereitungs- und der Kriegswirtschaft vor allem die Interessen großer Konzerne und Banken artikulieren und ihre Umsetzung in politisches Handeln gewährleisten sollte. 

Europäischer GroßraumNach dem Waffenstillstand mit Frankreich, der dem besiegten Land am 22. Juni diktiert wurde, galt es, die Frage zu beantworten, welche Vorschläge die deutsche Industrie von der wirtschaftlichen Organisierung des von Hitlerdeutschland beherrschten Europas unterbreiten würde. Möglichst bis zum 20. Juli, so forderte es Guth am 17. Juni, müssten entsprechende Konzeptionen schriftlich eingereicht werden. Dabei sei zu berücksichtigen, dass auch in Zukunft »die Fortführung der Rüstung« notwendig sei. Außerdem sei die Übernahme von Kolonien in Rechnung zu stellen. »Die wirtschaftliche Planung«, so Guth, »hat zu erfolgen mit Rücksicht auf den gesamten unter deutsch-politischem Einfluss stehenden europäischen Großraum.« 

Wie nicht anders zu erwarten, ließen sich die Herren der Industrie nicht lange bitten. Ihre Phantasie bei der Abfassung entsprechender Denkschriften kannte keine Grenzen. Nicht nur die Wirtschaftsgruppen, auch einzelne Großkonzerne formulierten ihre »Wunschzettel«. 

Die rüstungswirtschaftlich besonders bedeutsame »Wirtschaftsgruppe Metallindustrie« sandte am 13. und 19. August 1940 ihre Memoranden an den Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten Dr. Walther Funk. Der Raub ausländischer Unternehmen der Branche wird mit folgenden Worten propagiert: »Die Metallwirtschaft geht von der Erkenntnis aus, dass sie durch eine, die übergeordneten Interessen berücksichtigende Ergänzung ihrer deutschen Unternehmen durch heute ausländische Unternehmen erst in den Stand gesetzt werden würde, die Wirtschaftsaufgaben der kommenden Zeit zu erfüllen.« Bei der »notwendig werdenden Übernahme außerdeutscher Lagerstätten und Hüttenwerke« sei so zu verfahren, dass »irgendwie geartete Interessenkonflikte« zwischen den dafür in Frage kommenden deutschen Unternehmen »von vornherein vermieden« würden. 

Mit etwas Verspätung erreichte den Wirtschaftsminister die Denkschrift des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats. Am 3. September 1940 waren hier bemerkenswerte Vorschläge zu Papier gebracht worden. Einleitend wurde darauf verwiesen, dass 1938/39 eine Einigung mit dem Verband der britischen Kohlewirtschaft über Förderquoten erreicht worden sei. Eine neue Vereinbarung unter Einschluss der übrigen kohlefördernden Länder sei anzustreben, wobei die deutsche Regierung der britischen Seite Konzessionen zugunsten der deutschen Bergbaubetriebe und der von ihnen geförderten und zu exportierenden Mengen abverlangen müsse. Im übrigen gelte: »Der unter deutscher Führung stehende Wirtschaftsraum wird sich nach dem glücklichen Ausgang dieses Krieges nach Westen ausdehnen.« Er werde »bis nach dem nordfranzösischen Gebiet (…) hinübergreifen.« Alle »westlichen Reviere« müssten in einem Syndikat zusammengefasst werden. 

Grundsätzlich LeistungslohnAbschließend sei darauf verwiesen, dass auch Fragen des Arbeitsrechts und der Gestaltung von Löhnen und Gehältern im vom deutschen Faschismus beherrschten »Wirtschaftsraum« auf der Tagesordnung standen. Die »Reichsgruppe Industrie« formulierte hierzu in einer Denkschrift vom 1. August 1940 bemerkenswerte Grundsätze: »Führerverantwortlichkeit und Gefolgschaftstreue sind (…) das Fundament der auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Gemeinschaft. Die Führerverantwortlichkeit ist aber unabdingbar und unteilbar und darf von keiner Seite (…) beeinträchtigt werden.« 

Die »Führerverantwortlichkeit« müsse sich besonders auf die Lohnfindung auswirken. Nötig seien lokale und regionale Differenzierungen der Löhne, mithin die Möglichkeit für die Unternehmer, auf betrieblicher Ebene von den »Reichstarifen« abweichen zu dürfen. In Zukunft soll gelten: »Der Lohn muss grundsätzlich Leistungslohn sein. Unter Berücksichtigung des Wettbewerbs auf dem Binnen- und Weltmarkt kann der Betrieb nur verpflichtet sein, den wirtschaftlichen Gegenwert der betrieblichen Arbeitsleistung zu bezahlen. Leistungen im Interesse der Volksgesamtheit sind nicht in der Ebene des Betriebes, sondern als Aufgabe der Allgemeinheit, d. h. des Staates auszugleichen.« Und am Ende steht die zynische Formulierung: »Der deutsche Arbeiter hat (…) durchaus verstanden, dass es richtig war, im Zeichen der Wehrwirtschaft und der Kriegswirtschaft bestimmte Konsumgüterbeschränkungen auf sich zu nehmen, drastisch ausgedrückt, dass es besser war, statt für Butter für Kanonen zu sorgen.« Mit anderen Worten: Bei der Verteilung der Beute im von Hitlerdeutschland dominierten »europäischen Wirtschaftsraum« wurde den Arbeitern kein Anspruch auf irgendeinen Anteil zuerkannt. Wie könnte die Verlogenheit und Demagogie des »Volksgemeinschafts«konzeptes der Nazis, auch nach den erfolgreichen »Blitzkriegen« 1939/40, besser charakterisiert werden als in dieser Denkschrift der »Reichsgruppe Industrie«? 

Quellentext: »Einheitliche Ausrichtung des Raumes durch einen zentralen Willen«Aus dem Vortrag »Deutschland als Zentrum des europäischen Wirtschaftsraumes« von Albert Pietzsch, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, am 4. Juli 1940 vor der Akademie für Deutsches Recht: 

Unter wirtschaftlichem Großraum ist ein nach außen verhältnismäßig unabhängiger und zu eigener Konjunkturpolitik bereiter Wirtschaftsbereich zu verstehen. Großraumpolitik bedeutet dabei die einheitliche Ausrichtung dieses Raumes durch einen zentralen Willen. Wie schon aus dieser Forderung hervorgeht, sind Großraumpolitik und Streben nach einem möglichst hohen Grad der Selbstversorgung keineswegs identisch. Großraumpolitik ist vielmehr der übergeordnete Begriff. Selbstversorgung ist im Rahmen dieser Politik nur in dem Maß unerlässlich, als dies die Abriegelung des Raumes vor von außen kommenden wirtschaftlichen Strömungen erfordert. (…) Eine weitschauende Großraumpolitik wird daher aus wehrpolitischen Gründen bereits in Friedenszeiten versuchen, sich hinsichtlich der wichtigsten Nahrungsmittel und Rohstoffe sowie sonstiger kriegswichtiger Güter autark zu machen, sei es durch Erweiterung der eigenen Produktion, sei es durch entsprechende Vorratsbildung. (…) 

Es liegt auf der Hand, dass die Einbeziehung weiterer Länder in den wirtschaftlichen Großraum die erwähnten Schwierigkeiten der Abriegelung verringern muss, besonders wenn die deutsche Wirtschaft und die Wirtschaft dieser Länder sich gegenseitig ergänzen, wie dies beispielsweise für den europäischen Südosten weitgehend zutrifft. (…) Kontinentaleuropa wird zukünftig ein reiches Gebiet sein. Auf dem Wege dahin fällt Deutschland als der zentralen Großmacht die Rolle des ehrlichen Maklers zu. Es heißt dies, Deutschland kann niemals etwa in der Ausbeutung der schwächeren Partner ein wirtschaftliches Ziel sehen, sondern stets nur in der Verbesserung der Lebenshaltung aller mit ihm eng zusammengeschlossenen Völker und in der Sorge für ihre künftige Sicherheit vor äußeren Feinden. Dass Deutschland für die solcher Art geleisteten Dienste mit Fug und Recht ein Äquivalent beanspruchen kann, das letztlich in einer relativ höheren Lebenshaltung zum Ausdruck kommen wird, versteht sich ohne weitere Begründung. 

Aus: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, R 11/2171, Blatt 127 f. und 131 

 

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