Brüchiger Machtblock  

Vorabdruck Im wilhelminischen Kaiserreich bestand bis 1909 ein Klassenkompromiss zwischen ostelbischen Junkern und Bourgeoisie. Danach orientierte der preußische Landadel auf Staatsstreich und Krieg, um die alten Machtverhältnisse wieder zu festigen  

Werner Röhr 

In: junge Welt online vom 16.06.2015 

 

In diesen Tagen erscheint im Hamburger VSA-Verlag von dem Historiker Werner Röhr der Band »Hundert Jahre deutsche Kriegsschulddebatte. Vom Weißbuch 1914 zum heutigen Geschichtsrevisionismus«. Wir veröffentlichen an dieser Stelle vorab und unwesentlich gekürzt das Unterkapitel »Die Junker und ihre Kriegspartei«. (jW) 

In einigen Arbeiten deutscher Historiker im Jubiläumsjahr (2014, jW) werden die Interessengegensätze zwischen den imperialistischen Hauptländern Europas ins Spiel gebracht, wenn auch zumeist nur im Spiegel der Fehlwahrnehmungen und Fehlentscheidungen von Politikern und Diplomaten und nicht als objektive, materielle Gründe, die Wahrnehmung und Handeln der Politiker erst bestimmten. Innenpolitische Ursachen des Krieges aber werden nur in sehr wenigen Veröffentlichungen thematisiert. Das entspricht dem Reduktionismus bürgerlicher Imperialismustheorien. Dabei war der Imperialismus, ob in Deutschland oder anderswo, entscheidend eine die Gesellschaften und ihre Klassen bestimmende Wirtschaftsstruktur. Mithin waren die innenpolitischen Kriegsursachen keineswegs peripher. Der spezifische Militarismus Preußen-Deutschlands, dessen Verfassungskonstruktion für die deutsche Kriegsentscheidung eine verhängnisvolle Rolle spielte, wird hin und wieder erwähnt, aber selten analysiert. So brachte Christopher Clark es fertig, eine Geschichte Preußens zu schreiben, ohne den preußischen Militarismus auch nur zu erwähnen.¹ Die Bedeutung des jahrelangen Wettrüstens zwischen den europäischen Großmächten für den Weg in den Krieg und für die Kriegsentscheidung selbst wurde 2014 wenig erörtert. Aus der kreditfinanzierten Hochrüstung Deutschlands resultierte eine Schuldenkrise, die bei den Kriegsbefürwortern den Entschluss festigte, diese Rüstungsschulden und die seit 1914 hinzukommenden Kriegskosten durch die Kriegsgegner, in erster Linie Frankreich, bezahlen zu lassen, deren Niederlage als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. […] 

Obrigkeitlicher KlassenstaatMit dem Indemnitätsbeschluss vom 3. September 1866 hatte das Preußische Abgeordnetenhaus der verfassungswidrigen Praxis Bismarcks aus den Jahren zuvor zugestimmt, ohne Haushaltsbeschluss des Parlaments zu regieren und eine Militärreform ohne legale Finanzierung durchzusetzen. Die Kammer erklärte alle illegalen Regierungsakte Bismarcks nachträglich für rechtens. Der seit 1862 andauernde Verfassungskonflikt in Preußen war damit beendet, Bismarck hatte seine machtpolitischen Ziele erreicht, und die politischen Vertreter der preußischen Bourgeoisie hatten kapituliert. Nicht bedingungslos, sie schlossen 1867 mit der von Bismarck vertretenen Junkerklasse einen politischen Kompromiss, der bis 1909 hielt. 

Die historische Bedeutung dieses Kompromisses für die Entwicklung der deutschen Bourgeoisie als Klasse, ihre feige Unterordnung unter den Militäradel, ihren Verzicht auf eigenen politischen Machtanspruch, für die politisch reaktionäre Entwicklung des deutschen Kapitalismus bis 1918 und auch noch danach, für Bewusstseinsformen, Ideologie und Mentalität dieser Klasse ist gar nicht zu überschätzen. Der Stellenwert dieser Preisgabe des Freiheitsanspruchs der bürgerlichen Klasse für die obrigkeitsstaatliche, militaristische Entwicklung Deutschlands wird von Historikern nicht immer erkannt. 

Im April 1867 war der neue Bundesstaat Norddeutscher Bund auf der Basis einer vom Parlament verabschiedeten Verfassung gegründet worden. Der Kompromiss bestand wesentlich in der Sicherung der politischen und wirtschaftlichen Einheit des Landes mit einheitlichem Währungssystem, einheitlicher, liberaler Wirtschaftsgesetzgebung und Handels- und Gewerbefreiheit für die Bourgeoisie bei politischer Entmündigung zum einen und in der Sicherung der Adelsvormacht im preußischen Heer und in der politisch-administrativen Herrschaft der Junker im neuen Staat zum anderen. Das Parlament war nicht verantwortlich. Es konnte weder den Kanzler noch die Regierung bestimmen noch sie absetzen, es konnte sich nicht selbst auflösen und Neuwahlen ansetzen. Allerdings konnte nur das Parlament Gesetze beschließen oder ablehnen. Das machtpolitische Verhältnis zwischen Adel und Bourgeoisie war kein Gleichgewicht, das letzte Wort hatte immer das Militär. Je mehr die Großbourgeoisie wirtschaftlich auch erstarkte, mit der 1867 eingerichteten Verfassungskonstruktion war die Dominanz des Militäradels in Preußen verankert und die Militarisierung der deutschen Gesellschaft dauerhaft institutionalisiert worden. Die konstitutionelle Stellung der Armee samt Immediatrechten der Offiziere und Klassenwahlrecht in Preußen waren die beiden entscheidenden politischen Säulen der konservativen Herrschaft von Monarchie, Adel, Militär und Staatsbürokratie. 

Das Parlament verfügte nur über einen einzigen Hebel, um eine gewisse Kontrolle über die Armee zu übernehmen, den Rüstungsetat. Aber Bismarck hatte es verstanden, die Parlamentshoheit über den Militärhaushalt maximal einzuschränken. Über den Hebel der Haushaltsbewilligung durch das Parlament durfte die Organisation der Armee nicht geändert werden. Das Militär nahm erstens einen »eisernen Etat« in Anspruch, und zweitens unterlagen die Armeeausgaben nicht der jährlichen Bewilligung, sondern nur alle sieben Jahre. Die Legislaturperiode des Parlaments betrug drei Jahre. 

FlottenpolitikEin Hauptinstrument einer deutschen Weltmachtpolitik war seit 1897 die forcierte Aufrüstung zur See. Bernhard von Bülow, seit 1897 Außenstaatssekretär und von 1900 bis 1909 Reichskanzler, prägte das Wort vom Anspruch Deutschlands auf einen »Platz an der Sonne«. 1913 verfügte Deutschland hinter der britischen über die zweitgrößte Handelsflotte, HAPAG und Norddeutscher Lloyd waren die weltweit größten Reedereien. Der Bau schwerer und schwerster Schlachtschiffe sollte dazu dienen, den Anspruch auf ein eigenes deutsches Kolonialimperium und die Überschreitung des kontinentalen Rahmens beim Kapitalexport weltweit durchzusetzen. 

Vorbild beim Übergang zur »Weltpolitik« war England. Der Aufstieg der Bourgeoisie war dort ebenfalls mit dem Ausbau der Kriegsflotte einhergegangen, die deren Handels- und Kolonialpolitik sicherte. 

Der Bau einer Schlachtflotte war ein Lieblingskind Kaiser Wilhelms II. und ein Instrument der deutschen Großbourgeoisie, um eine deutsche Weltmachtstellung zu erreichen, die ihr Kolonien und eine bestimmende Stellung im Welthandel verschaffen sollte. Die maritime Rüstung sollte auch das militärische Gewicht der wesentlich bürgerlich geprägten Marine gegenüber dem junkerlich geführten Landheer verändern. Adlige Junker fanden die Flottenrüstung daher »grässlich«. Die maritime Rüstung fand eine soziale Massenbasis im Kleinbürgertum; Sozialimperialisten wollten mit ihr auch Arbeiter für den Imperialismus gewinnen, indem bestimmte ihrer Schichten mit dem Extraprofit der Monopolisierung bestochen wurden. 

Vor allem war der Schlachtschiffbau ein milliardenschweres Geschäft für die Montankonzerne, die Werften und die Rüstungsindustrie. Übertroffen wurde dieses höchstprofitable Rüstungsgeschäft später noch durch die Kriegsgeschäfte. Der ungeheure Stahlverbrauch für Geschütze und Granaten ließ ihre Gewinne noch einmal explodieren. In der wissenschaftlichen Literatur zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs ist außer bei marxistischen Autoren von den Kriegsgewinnen nur selten und am Rande die Rede, in der medialen Kampagne überhaupt nicht. 

Innenpolitisch sollte der Schlachtschiffbau quasi nebenbei auch das Kräfteverhältnis zugunsten der Großbourgeoisie verschieben, ohne dass diese einen Bruch des Kompromisses von 1867 oder einen offenen Konflikt mit den Junkern riskieren wollte: »Weltpolitik förderte die modernen Elemente der Gesellschaft – Flotte, Technik, Handel, Industrie, Konsum –, das sollte den Liberalismus stärken und einigen, musste den Staat modernisieren, musste endlich zur Entmachtung der vormodernen, feudalagrarischen Kräfte durch das Bürgertum führen und zu mehr Demokratie«, fand der Historiker Thomas Nipperdey.² Politisch unterstützte vor allem die Nationalliberale Partei Bülows Weltpolitik. 

Der Deutsche Flottenverein hatte 1913 über eine Million Mitglieder. Das von Bülow entworfene Konzept einer Weltpolitik »vereinte bald das gesamte bürgerliche Lager einschließlich der linken Liberalen und (mit Abstrichen) der katholischen Zentrumspartei im Zeichen des Imperialismus«.³ 

Dass »Weltpolitik« und Flottenrüstung innenpolitisch dahin wirkten, allmählich das Kräfteverhältnis der Klassen zu verändern, blieb bei den Junkern nicht unbemerkt. Doch Bülow konnte ihnen einen sogenannten Flottenbau-Zollkompromiss abkaufen: »Die Großagrarier, von Natur aus Gegner der maritimen Weltpolitik, ließen sich ihre Zustimmung zum kostenträchtigen Flottenbau durch eine Verfünffachung der Getreidezölle abkaufen, um so ihre niedergehenden Gutsherrschaften vor der Konkurrenz durch das billigere ausländische Getreide zu schützen.«? 

Bündnis brichtDer unter Bismarck geschlossene Klassenkompromiss zwischen Junkern und Bourgeoisie hielt bis 1909. Er wurde durch die gemeinsame Feindschaft gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung zusammengehalten, zerbröselte aber in dem Maße, wie die Sozialdemokratie in die Breite wuchs, immer reformistischer und zu einem integralen Teil des politischen Systems wurde. Zum Bruch kam es 1909 über einen Steuerstreit. Die Großagrarier wollten zwar rüsten, finanziell aber nichts zur Rüstung beisteuern. Der Flottenbau verschlang indes Unsummen und überstrapazierte Jahr für Jahr den Staatshaushalt. Die Regierung Bülow versuchte, den chronisch unterfinanzierten Haushalt über eine Finanzreform auszugleichen. 

Vier Fünftel der jährlich benötigten zusätzlichen 500 Millionen Mark sollten durch höhere Steuern auf Konsumgüter aufgebracht werden, ein Fünftel durch eine Erhöhung der Erbschaftssteuer, die nun sämtliche Erbfälle umfassen sollte, also auch jene des Großgrundbesitzes. Diese Zumutung empfanden die Junker als unerträglich. Bei ihrem Protest ging es gar nicht um den äußerst niedrigen Zinssatz. »Aber die Agrarier waren strikt dagegen, sich der Besteuerung durch das Reich zu unterwerfen, d. h. 

dem Parlament den Steuerzugriff auf ihre Güter zu gestatten, und schon gar nicht für die ungeliebte Flotte des Bürgertums.«? 

Die Konservativen im Reichstag verließen das »Kartell der staatstragenden Kräfte«, sie ließen das Gesetz scheitern und stürzten den Kanzler Bülow, der sein Amt an das Steuergesetz geknüpft hatte. Ein Ersatzgesetz ließ den Großgrundbesitz weiterhin steuerfrei, statt dessen wurden die Massen noch mehr zur Kasse gebeten. Der Klassenkompromiss war 1909 ein für allemal zerbrochen. Im Parlament kam es nicht mehr zu einer tragfähigen und verlässlichen Mehrheit für die Gesetzgebung. 

Bülows Nachfolger wurde 1909 Theobald von Bethmann Hollweg. Die Konservativen waren mit ihm einverstanden, weil er als Gegner der Schlachtflottenrüstung bekannt war. Auch war von ihm kein neues Steuergesetz zu deren Finanzierung zu erwarten. Gegenüber Großbritannien verfolgte Bethmann eine Abrüstungs- und Entspannungspolitik, was den Widerstand der Nationalliberalen hervorrief, die in England den Hauptfeind eines deutschen »Platzes an der Sonne« sahen. Innenpolitisch verfolgte Bethmann Hollweg eine sehr vorsichtige Reformpolitik, was Konservative auf den Plan rief. Aber weder die eine noch die andere Fraktion im Parlament konnte ihn stürzen. Zwar reichte der Rückhalt beim Kaiser dem Kanzler zum Regieren. Um aber Gesetze im Reichstag zu verabschieden, brauchte er dort Mehrheiten. 

Mit dem Sturz Bülows hatte der hegemoniale Militäradel im Parlament noch einmal einen Sieg davongetragen, aber jenen Klassenkompromiss zerbrochen, der seit 1867 seine Herrschaftsstellung gesichert hatte. Zu den Gründen zählte das inzwischen veränderte Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden Klassen selbst, aber auch eine veränderte Bewertung der reformistischen Sozialdemokratie durch die Nationalliberalen. Bethmann Hollweg, ohne Mehrheit im Reichstag, vertrat ein Konzept der Regierung über den Parteien, das er »Politik der Diagonale« nannte. Sein Versuch, die von Bülow angekündigte Wahlreform in einem winzigen Punkt, nämlich einer Erweiterung der Wahlberechtigten, durchzusetzen, scheiterte am adligen Herrenhaus. Der Kanzler scheute eine offene Konfrontation mit den Konservativen, er zog den Gesetzentwurf zurück. Aus Anlass eines Verfassungsgesetzes für Elsaß-Lothringen wandten sich die Konservativen 1911 gegen den Kanzler. Gleichwohl hielt dieser die preußische Schlüsselbastion der Adelsvormacht nicht für unantastbar. 

Die Regierung Bülow hatte ihre Kolonialambitionen auf den halben Erdball gerichtet, Bethmann Hollweg beschränkte sie auf die Errichtung eines kompakten Kolonialreiches in Mittelafrika. Dies vor allem deshalb, weil hier zwar Kollisionen mit Frankreich, Belgien und Portugal, aber nicht mit Großbritannien zu befürchten waren. Auch wenn mit Bülows Sturz 1909 klar war, dass der maritime Rüstungswettlauf mit Großbritannien gescheitert war, wurde er trotz des uneinholbaren Vorsprungs der Navy fortgesetzt. 

Bethmann Hollweg war auf den Rückhalt beim Kaiser angewiesen, der aber stützte Tirpitz’ Flottenbau. Also wurde dieser fortgesetzt. 

Geplanter Coup d’ÉtatKurz nach der Marokkokrise 1911 fanden im Januar 1912 Reichstagswahlen statt. Bei diesen Wahlen spielten das preußische Klassenwahlrecht und die hohen Brot- und Fleischpreise eine große Rolle, die die Arbeiter zugunsten der Agrarier zahlen mussten. Bethmann Hollweg appellierte vergeblich an Konservative und Nationalliberale, für eine »Sammelpolitik« zur Zusammenarbeit von vor 1909 zurückzukehren. Bei den Wahlen 1912 wurde die SPD stärkste Partei (rund 35 Prozent der Stimmen, aber nur 110 Mandate von 397), die Konservativen erlitten eine herbe Niederlage. Sie verfügten (Deutschkonservative und Freikonservative zusammen 57 Mandate) selbst mit den Nationalliberalen (45 Mandate) und dem Zentrum (91 Mandate) zusammen nicht mehr über eine Mehrheit. Die Konservativen zogen aus diesen Wahlen den Schluss, dass sie auf Dauer keine Aussicht hatten, bei Beibehaltung des allgemeinen Wahlrechts ihre bisherige Hegemonie aufrechtzuerhalten, und kalkulierten den Staatsstreich, wobei sie auf den Kronprinzen hofften. Das Wahlergebnis wirkte wie ein Katalysator, es beförderte »die wachsende Radikalisierung eines bedeutenden Teils der deutschen Industrie und ... ihre Bereitschaft, zur Sicherung der ›Herrenstellung‹ einen offenen Konflikt bis hin zum Bürgerkrieg zu provozieren«.? Durch den Ruhrbergarbeiterstreik im März 1912 sahen die Konservativen eine Chance für eine Wende in der Innenpolitik. Sie attackierten die Regierung Bethmann Hollweg als »schwächlich«, weil die sich weigerte, den Ausnahmezustand zu verhängen und Sondergesetze gegen die Streikenden zu erlassen. Am 14. März 1912 rückten Militäreinheiten ins Ruhrgebiet ein. Bethmann Hollweg ließ die Ruhrbarone und die preußischen Behörden vor Ort gewähren, weigerte sich aber, die Koalitionsfreiheit einzuschränken und ein neues Sozialistengesetz zu verhängen. Auch der Kaiser war 1912 nicht bereit, einen Staatsstreich zu riskieren. Da die Staatsstreichpläne der Konservativen nicht genug Unterstützung fanden, verfielen deren Verfechter nach 1912 zunehmend auf die Idee, ihre innenpolitischen Ziele statt durch einen Staatsstreich ersatzweise durch einen Krieg zu erreichen. 

Damit sich aus den Konservativen in diesen Jahren eine ausgesprochene Kriegspartei formierte, bedurfte es noch eines weiteren Anstoßes. Diesen bildete die Frage einer Militärreform. Der preußisch-deutsche Generalstab hatte berechnet, dass er für die Führung eines Zweifrontenkrieges gegen Frankreich und Russland eine Aufstockung des Heeres von 600.000 auf 900.000 Mann brauchte. Das waren drei Armeekorps mehr. Aber Kriegsminister Josias von Heeringen wehrte sich gegen die Aufstockung, weil die dafür benötigten Offiziere nicht mehr aus dem grundbesitzenden Adel rekrutiert werden konnten. Heeringen hielt die »soziale und politische Zuverlässigkeit der Armee für wichtiger« als ihre zahlenmäßige Stärke, er sah in einer Erweiterung der sozialen Basis des Offizierskorps eine Gefährdung der bisherigen Herrschaftsordnung. Helmuth von Moltke (d. 

J.) und Erich Ludendorff, die Hauptbefürworter der Erweiterung, konnten sich nicht gegen das Kriegsministerium und das Militärkabinett durchsetzen. Statt der drei Armeekorps wurden nur zusätzlich 137.000 Mann beantragt. 

Bei der Behandlung der Wehrvorlage für diese Erweiterung des Heeres im Reichstag konnte der Militäradel eine öffentliche Kritik an seinen Sonderrechten nicht verhindern, die anhand der einzelnen Ausgabeposten von liberalen und sozialdemokratischen Abgeordneten geübt wurde. Beantragte zusätzliche Kavallerieregimenter wurden als »Symbole des Militärfeudalismus« (Nipperdey) vom Parlamentsausschuss abgelehnt und im Ergebnis reduziert. Zur Finanzierung der Aufstockung musste der Reichstag erneut zusätzliche Steuern beschließen. Hier wiederholte sich das Manöver von 1909: Der Reichskanzler schlug eine Erhebung eines einmaligen Wehrbeitrages in Form einer Vermögenszuwachssteuer vor, unter Einbeziehung der Erbschaften des Grundbesitzes. Dem Widerspruch der Konservativen traten dieses Mal die Vertreter der Montanbourgeoisie zur Seite, obwohl sie 1909 die Erbschaftssteuer befürwortet hatten. Nun denunzierten sie die Abgabe als Schritt in die Enteignung. »Tatsächlich zogen Konservative und Schwerindustrielle jetzt am gleichen Strang; die Gegnerschaft gegen die Besitzsteuer ... vereinigte die Gruppen. Jetzt erschien der Wehrbeitrag auch für die Schwerindustriellen der erste Schritt zu sein zur Konfiskation der mittleren und großen Vermögen der Bürger.«? 

Die Großagrarier konnten dieses Finanzgesetz nicht verhindern, auch nicht im Bundesrat. »Konnte Bismarck seinerzeit die Militärreform im Verfassungsstreit gegen die Liberalen einsetzen, um die Kontrolle über die Armee zu behalten, wurde jetzt die Notwendigkeit einer Militärreform gegen den Militäradel geltend gemacht und fand im gesamten bürgerlichen Lager bis in die Sozialdemokratie hinein breite Unterstützung.«? Der Militäradel befand sich in einer Klemme. Er konnte in der Öffentlichkeit schlecht eine Reform ablehnen, die die Wehrfähigkeit erhöhen sollte. 

Gleichzeitig hintertrieb er sie aus Angst vor einer Massenarmee, in der sein Einfluss nicht mehr umfassend sein würde. 

Hoffnung auf den KriegIm März 1914 erließ der Kaiser eine Anordnung über den Waffengebrauch des Militärs und dessen Mitwirkung zur Unterdrückung innerer Unruhen. Künftig sollte ein solcher Einsatz nur nach vorherigem Einvernehmen mit den zivilen Instanzen erfolgen dürfen. Noch 1899 hatte derselbe Kaiser in einem Erlass das Gegenteil festgelegt: Die Entscheidung über ein Eingreifen bei inneren Unruhen liege allein im Ermessen des Militärs. Der nunmehrige Entzug bedeutete: Die Armee verlor das Recht, aus eigener Machtvollkommenheit den Ausnahmezustand zu verhängen. Anlass für diese Änderung war die bekannte Zabern-Affäre Ende 1913 gewesen.³ Der Reichskanzler hatte sich – pflichtgemäß, wie er sagte – vor die Militärs gestellt, die eine Bestrafung des Missbrauchs ihrer Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung und der zivilen Verwaltung verweigerten, weil kein Offizier öffentlich einen Fehler einräumen dürfe. Bethmann Hollweg wurde daraufhin eine Missbilligung des Reichstages ausgesprochen. 

Der Reichstag setzte einen Ausschuss ein, der die Rechte des Militärs gegenüber der Zivilgewalt gesetzlich regeln sollte. Ergebnis war die neue Anordnung vom 19. März 1914 über den Waffengebrauch. 

Um dieser Einschränkung ihrer Machtbefugnisse zu begegnen, aber war den Militärs der Weg des Staatsstreiches nach 1912/13 versperrt. Daher hoffte der Militäradel auf den Krieg, von dem erwartet wurde, er werde die alten Machtverhältnisse wieder befestigen, seine Privilegien garantieren und die Rechte des Parlaments einschränken. Der Krieg sollte Abhilfe gegen die drohende Einschränkung der alten Militärverfassung bringen. Seit 1910/11 suchte die Militärführung unter Generalstabschef Moltke, einen Krieg vorzubereiten. Schon während des Balkankrieges 1912 trat Moltke »ganz entschieden für den Krieg bei nächster Gelegenheit ein, also einen Präventivkrieg, um die außen- und militärpolitischen Dilemmata des Reiches zu lösen«.¹? Dabei kam ihm entgegen, dass 1913 Frankreich und Russland Rüstungsbeschlüsse fassten, die die Personalstärke ihrer Heere bedeutend erhöhen sollten. 

Was die Militärführung hinter verschlossenen Türen praktisch tat, nämlich einen Präventivkrieg vorzubereiten, das forderten Politiker und Publizisten öffentlich und unbedenklich. Für welche Zwecke die Kriegspartei den Präventivkrieg anstrebte, blieb den Zeitgenossen nicht verborgen. Noch am letzten Tag, bevor die SPD-Führung auf den Kriegskurs einschwenkte, schrieb ihre Zeitung Vorwärts am 31. Juli 1914: »Und warum will die Militärpartei den Krieg? Er soll ihr die Macht geben. Die Macht, alle Demokratie zu unterdrücken. Die Macht, alle freiheitlichen Regungen am Boden zu halten. Die Macht über das Proletariat und das Bürgertum. 

Zabern hat gelehrt, was das Ziel jener Clique ist. Zabern soll verewigt werden. Durch Blut wollen sie waten, um sich für immer zu Herren des Volkes zu machen.« 

Anmerkungen 

1 Vgl. Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947, München 2007, S. 208 

2 Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. 2: Machtstaat vor Demokratie, München 1992, S. 532 

3 Heiner Karuscheit: Die zerbrochene Hegemonie. Der Weltkrieg als Kampf um die Herrschaft in Deutschland, S. 19, in: Karuscheit/Wegner/Wernecke/Wollenberg: Macht und Krieg, Hamburg 2015, S. 

16–37 

4 Ebd. 

5 Ders.: Deutschland 1914. Vom Klassenkompromiss zum Krieg, Hamburg 2014, S. 180 

6 Klaus Saul: Staat, Industrie und Arbeiterbewegung im Kaiserreich. Zur Innen- und Außenpolitik des Wilhelminischen Deutschland 1903–1914, Düsseldorf 1974, S. 323 

7 Stegmann, Dirk: Die Erben Bismarcks – Parteien und Verbände in der Spätphase des Wilhelminischen Deutschlands. Sammlungspolitik 1897–1918, Köln 1970, S. 360 

8 Karuscheit: Deutschland 1914, a. a. O. S. 208 

9 Vgl. Volker Ullrich: Durchgreifen im Elsaß, in: Die Zeit, 2. November 2013; Hans Ulrich Wehler: Krisenherde des Kaiserreiches, Göttingen 1979, S. 216 

10 Nipperdey: Machtstaat, a. a. O., S. 679 

 

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