Den Krieg beenden  

Giacomomo Notari erinnert an den italienischen Befreiungskampf gegen Hitlerderdeutschland  

Gerhard Feldbauer 

In: junge Welt online vom 18.06.2015 

 

Der italienische Widerstandskämpfer Giacomo Notari erzählt in seinen unter dem Titel »Ihr Partisanen, nehmt mich mit Euch!« veröffentlichten Memoiren von der Resistenza. Notari wird im Dezember 1927 in Marmoreto, einem 300-Seelen-Dorf am Ufer des Secchia-Flusses im Apennin geboren. »Ich komme aus einem sehr katholisch geprägten Umfeld. Insofern hatten wir keine besondere antifaschistische Vorbildung. Wir lebten in ganz ärmlichen Verhältnissen und betrieben Landwirtschaft. Wir erwirtschafteten gerade soviel, dass es zum Überleben reichte. Unsere faschistische Regierung ging zwar in Nordafrika Länder besetzen und führte in Spanien Krieg, aber in unseren Dörfern gab es nicht einmal fließend Wasser oder Elektrizität. 

Und dann kam noch der Eintritt in den Zweiten Weltkrieg dazu«, berichtet der Autor. Die Schule bestand aus einem schmalen Raum mit nur einem Fenster, in dem drei Klassen zusammen die hölzernen Schulbänke drückten. 

Zur Möblierung gehörte ein weißes Kruzifix und an den Seiten die Porträts des Königs und des »Duce«. Die Notdurft wurde hinter einer Hecke verrichtet. Die Lehrerin genoss das Privileg, den Kuhstall benutzen zu dürfen. In dieser Schule gab es Kinder, die die erste oder zweite Klasse vier oder fünf Jahre lang wiederholten. Es gab weder Radio noch Zeitungen und erst recht keine Bücher. 

Mit der deutschen Besatzung ab 1943 wurde alles noch schlimmer. Aus den abgelegenen Bergdörfern wurden Einwohner deportiert, es gab Massaker an Zivilisten mit vielen Toten. »Letztendlich musste man eine Entscheidung fällen: Setzte man sich zur Wehr und versuchte diesen Krieg zu bekämpfen oder zog man wieder für die Faschisten, die mit den deutschen Besatzern kollaborierten, in den Krieg.« Als eine Partisanengruppe das Dorf passierte, schloss sich ihr der 17jährige an. Anfangs sind sie sehr wenige und schlecht ausgerüstet. Aber schnell werden die Partisanen zu einem ernsthaften Störfaktor und leisten ihren Beitrag zur Befreiung. Sie wollen den Krieg so schnell wie möglich beenden. »In den Partisaneneinheiten haben wir uns schon bald einen Kopf darüber gemacht, was aus dem Land nach dem Krieg werden soll. Wir wollten ein anderes Land aufbauen, das niemandem mehr den Krieg erklärt, in dem die Dörfer Wasser und Licht haben und die Kinder zur Schule gehen können.« Der Leser erfährt wie Partisanenrepubliken entstanden. Oft waren es nur sieben, acht Gemeinden, die ein zusammenhängendes befreites Gebiet bildeten. Nach 20 Jahren faschistischer Diktatur gab es demokratische Wahlen. Lebensmittel und Medikamente wurden gerecht verteilt, Schulen für die Kinder organisiert. 

Der Erinnerungsband endet im Dezember 2008 kurz vor Notaris 81. Geburtstag. 

Die Kommunistische Partei, die Großes leistete im Kampf für die Befreiung vom Faschismus, existiert nicht mehr. Manches wurde erreicht, vieles blieb unverändert. »Als ich auf die Welt kam, war es sehr kalt«, schreibt Notari. »Auch heute ist das Wetter nicht zu Scherzen aufgelegt. Es schneit. Der Wind drückt die Flocken in die Fensterritzen und unter der Tür durch.« Im Frühjahr 1945 sei er überzeugt davon gewesen, »dass die Welt ein bisschen besser werden würde und die Armen ein wenig reicher«. 

Auf dem Gipfel des Cavalbianco will der langjährige Präsident des Partisanenverbandes ANPI der Provinz Reggio Emilia begraben sein, »in einem Teppich aus Blaubeeren, in den Steinfeldern, in denen die Alpenrosen wachsen, wo die Schneedecke viele Monate bleibt und die Murmeltiere in Erwartung der warmen Winde schlummern. Dann werden die Bussarde am Himmel kreisen, auf Beute warten und endlich das winterliche Fasten brechen. Die Bergwiesen werden rosa leuchten, von Milliarden Blaubeerblüten. Rehböcke und Hirsche werden röhren, in Erwartung eines neuen Fortpflanzungsreigens.« Es ist an uns, das Erbe der Resistenza zu bewahren, die Welt zu verändern. Die ausgezeichnete Übersetzung aus dem Italienischen stammt von Steffen Kreuseler. 

  

Giacomo Notari: Ihr Partisanen, nehmt mich mit Euch! Papyrossa Verlag, Köln 2015, 159 Seiten, 12 Euro  

 

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