Gegner der Kurie  

Am 10. Juni 1190 starb Friedrich Barbarossa – deutscher Kaiser am Beginn eines historischen Umbruchs  

Gerhard Feldbauer 

In: junge Welt online vom 06.06.2015 

 

Als Führer des dritten Kreuzzuges fand der deutsche Kaiser Friedrich I. am 10. Juni 1190 in Kleinasien, unweit von Seleukia in den Fluten des Saleph (türkisch Göksu), den Tod. In der Mittagshitze, als er sich bei einem Bad erfrischen wollte, erlitt der fast 70jährige im kalten Wasser des Flusses einen Herzschlag. 

Mit der Krönung Friedrich I. am 18. Juni 1155 durch Papst Hadrian IV. 

(engl. Papst, nach 1100–1159) trat eine der schillerndsten, aber auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Geschichte des Mittelalters als Imperator an die Spitze des bald so bezeichneten Heiligen Römischen Reichs. Mit seiner 38jährigen Regierungszeit begann der mehrere Jahrhunderte währende Übergang von der Feudalzeit zur bürgerlichen Gesellschaft. 

Drei Jahre vorher war der Schwabenherzog am 9. März 1152 kaum 30jährig zum deutschen König erhoben worden. In Italien, auf das sich das Hauptaugenmerk seiner Politik richtete, wurde der Staufer später nach der Farbe seines Barthaares »Barbarossa« (Rotbart) genannt. Er war ein entschiedener Gegner des weltlichen Machtanspruchs der Kurie. Nur widerwillig gab Hadrian IV. ihm deshalb den päpstlichen Segen. Unmittelbar nach der Krönung verwickelte er ihn hinterlistig in die Ermordung Arnolds von Brescia, welcher der Herrschaft des Papstes entgegentretend, die römische Republik ausgerufen hatte. Das blutige Omen belastete das Streben des neuen Kaisers nach einer Verständigung mit dem aufstrebenden italienischen Bürgertum. 

Zu den Widersprüchen dieser Epoche gehört, dass die städtischen Bürger, das heißt, »die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand« (Friedrich Engels), entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung einwirkten. Damit aber führten sie auch die Blüte des Rittertums herbei. Die weitgehend unabhängigen Städte wurden als »Glanzpunkt des Mittelalters« (Karl Marx) innerhalb der Feudalgesellschaft zum vorwärtsweisenden Element des Geschichtsprozesses. 

Die von ihren Bürgern hervorgebrachten Ware-Geld-Beziehungen drängten die bis dahin vorherrschende Naturalwirtschaft zurück. Unter Friedrich I. 

gedieh die Dichtkunst. Es entstanden in seinem Herrschaftsbereich erste Universitäten. Sprache, Literatur und Wissenschaften erlebten einen bisher nie gekannten Aufschwung. Für die Literatur hatte das große Auswirkungen: Das Nibelungenlied erhielt seine endgültige Form. Die großen Epiker Walther von der Vogelweide (die politischen Lieder), Wolfram von Eschenbach (Parzival), Hartmann von Aue (Der arme Heinrich) und Gottfried von Straßburg (Tristan und Isolde) ergriffen bewusst Partei in den politischen Streitfragen. Sie verfassten Werke gegen die feudale kirchlich-religiöse Auffassung des Daseins, die nicht nur ihre Zeitgenossen beeinflussten, sondern alle nachfolgende deutschsprachige Literatur. Sie schufen so frühe Grundlagen für den langen Weg der Formierung der deutschen Nation. 

Ausdehnung und GrenzenBarbarossa trat nicht nur dem Anspruch der Päpste auf die weltliche Herrschaft entgegen, den er aufhalten und partiell zurückdrängen konnte, sondern auch dem abendländischen Expansionsdrang Kaiser Manuels I. von Byzanz. Gemessen an feudalstaatlichen Kriterien gewann das aus der Teilung von Verdun 843 hervorgegangene deutsch-römische Reich unter ihm an Macht und Ansehen. Er unterwarf den polnischen Staat seiner Lehnshoheit und nahm die Huldigung der Könige von Böhmen, das Teil des Reiches war, sowie Dänemarks und Englands entgegen. Von seinem strategischen Weitblick zeugte, dass er der Versuchung widerstand, die Expansion nach Osten voranzutreiben und sich statt dessen auf Italien konzentrierte. In dem Mittelmeerland, auf das sich sowohl die Gelüste von Byzanz als auch der sizilianischen Normannen richteten, sah er ein Kernstück seines Imperiums. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands konnte er zwar die Vormachtstellung des Welfen Heinrich des Löwen (um 1130–1195) brechen, den Einfluss der Herzogtümer aber nicht entscheidend einschränken. 

An die Grenzen seiner Macht stieß Barbarossa in der Auseinandersetzung mit dem von Mailand geführten lombardischen Städtebund, einem Vorläufer der künftigen kapitalistischen Gesellschaftsformation. Seine Absicht, die ökonomische Basis der Lombardei zur Stärkung der von ihm angestrebten deutschen Zentralgewalt zu nutzen, stieß auf hartnäckigen Widerstand, da das Bürgertum dort auf seine wirtschaftliche und politische Selbständigkeit pochte. Über viele Jahre herrschten kriegerische Auseinandersetzungen vor, in denen die Kaiserlichen Bürgern Augen ausstachen, Köpfe und Hände abschlugen, Gefangene folterten und brandschatzend in den eingenommenen Städte wüteten. Die lombardischen Befehlshaber, die oft aus dem Adel kamen, zahlten mit gleicher Münze heim. 

Im Kampf gegen Barbarossa verbündeten sich die Lombarden mit dem Feind jeden Fortschritts, Papst Alexander III. (nach 1100–1181). Der 1159 von der Antikaiserpartei gewählte Pontifex belegte Friedrich 1160 mit dem Bann. Im Mai 1176 siegte der Städtebund in der Schlacht bei Legnano nahe Mailand über den Kaiser (siehe Text unten). Das Herausragende an dem militärischen Erfolg bestand darin, dass erstmals ein Ritterheer vom städtischen Fußvolk besiegt wurde. Das von der bürgerlichen Geschichtsschreibung unterschlagene gesellschaftliche Ereignis war die erste Niederlage der Feudalherrschaft auf dem Höhepunkt ihrer Macht, zugefügt von der gerade die Bühne der Geschichte betretenden und sie, wenn auch erst Jahrhunderte später, ablösenden bürgerlichen Klasse. 

Die KyffhäuserlegendeDie Auseinandersetzungen endeten mit dem Verständigungsfrieden 1177 mit dem Papst und die mit dem Lombardenbund 1183 im Frieden von Konstanz. Friedrich erkannte die Selbstverwaltung der italienischen Städte an, diese ihrerseits die kaiserliche Oberhoheit. 

Zwischen dem Heiligen Stuhl und Friedrich I. herrschte eine Pattsituation. 

Durch die Zusicherung der Anwartschaft seines Sohnes Heinrich VI. auf den normannischen Königsthron in Sizilien konnte sich Friedrich jedoch 1186 ein Übergewicht über das Papsttum sichern. Insgesamt hinterließ er bei seinem Tode das von der Nordsee bis Mittelitalien ausgedehnte Reich wesentlich gefestigter, als er es vorgefunden hatte. 

Es war das Ende eines feudalen Herrschers, der eine herausragende Persönlichkeit sowohl der deutschen als auch der europäischen Geschichte darstellt. Ihn mit allen reaktionären Machthabern in der deutschen Historie gleichzusetzen, geht an der Realität vorbei: Militaristische Kriegervereine identifizieren sich seit dem letzten Drittel des 19. 

Jahrhunderts mit Friedrich I., indem sie eine Kyffhäuserlegende in die Welt setzten. Führende Militärs in Hitlerdeutschland missbrauchten seinen Namen für die Aggression gegen die UdSSR, indem sie ihr den Namen »Unternehmen Barbarossa« gaben. Ebenso abwegig sind Idealisierung und Heroisierung des Kaisers, die seit dem 19. Jahrhundert das Geschichtsbild vom Kaiser Rotbart, von der alten deutschen Kaiserherrlichkeit sowie von deutscher Macht und Einheit prägten. 

Legnano 1176: Erstmals besiegte bürgerliches Fußvolk ein RitterheerDie nordwestlich von Mailand liegende Industriestadt Legnano war im 12. 

Jahrhundert eine kleine Ortschaft, die wohl kaum in die Geschichte eingegangen wäre, wenn hier nicht am 29. Mai 1176 eine der bekanntesten Schlachten des Mittelalters stattgefunden hätte. Das Ritterheer des deutschen Kaisers Friedrich I. und die Mailänder Truppen des Lombardenbundes trafen hier aufeinander. 

Barbarossas Ritter, die sofort angriffen, schlugen die lombardischen Reiter nach einem »wilden Kampf«, wie es die Chroniken berichten, in die Flucht. 

Rotbart wähnte sich bereits als Sieger und preschte mit seinen Mannen zum Carroccio, dem Fahnenwagen der Mailänder, vor. Dort trafen sie völlig überrascht auf das Fußvolk, das sie mit eingelegten Lanzen und in den Boden gestemmten Schilden in geschlossener Formation erwartete. 

Nun begann erst die eigentliche Schlacht, die sich über mehrere Stunden hinzog. Als der kaiserliche Bannerträger fiel und auch Barbarossa vom Pferd stürzte, flohen die Ritter vom Schlachtfeld. Der Erzbischof Philipp von Köln, Herzöge und Grafen gerieten in Gefangenschaft. Friedrich entging nur knapp demselben Schicksal. 

Zum ersten Mal besiegte städtisches Fußvolk ein Ritterheer. Friedrich musste die Selbstverwaltung der italienischen Städte anerkennen. Diese akzeptierten im Gegenzug seine kaiserliche Oberhoheit. 

 

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