Dinge darstellen, die anders sind  

Zum 90. Geburtstag des vorbildlichen Deserteurs Gerhard Zwerenz  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 03.06.2015 

 

Damals war es halbwegs friedlich geteilt und er, Gerhard Zwerenz, war vierzig, als er seinen »Casanova (oder der kleine Herr in Krieg und Frieden)« über Deutschland prophezeien ließ: »Preußen ist untergegangen, doch Gottseidank ist Klingklanggloria uns erhalten geblieben. Es lebe unser großes, gewaltiges, stinkendes, mörderisches, verfaultes, verfluchtundzugenähtes, heiliges Deutschland, dieser elende Wanst, dieser verwesende Kadaver aus großen Zeiten, dieses ewigwährende, aufrüstungsversessene, stolze Irrenhaus, Schlachthaus, Zuchthaus, Freudenhaus, Sterbehaus.« 

Heute wird er 90 und der verwesende Kadaver hat sich längst Stahlschienen eingezogen. Schreit nach Gewehren, Panzern und Kampfflugzeugen, die endlich wieder funktionieren, tatsächlich morden und nicht danebenschießen, überall dort, wo nach de Maizières Gebot der deutsche Soldat heute zu stehen hat, auf allen Plätzen dieser Welt. 

Der Krieg der DeutschenGerhard Zwerenz war und ist stets der Deserteur, weil er zu gut weiß, dass Soldaten Mörder sind. Er musste es 1944 erleben, zog die einzig richtige Konsequenz und schlug sich unter Lebensgefahr in die Büsche. 44 Jahre später – 1988 – schrieb er sein Buch »Soldaten sind Mörder« mit dem Untertitel »Die Deutschen und der Krieg« und ein Jahrzehnt später führten sie ihn wieder, in Fortsetzung, dort wo Hitler 1941 seinen und des deutschen Soldaten Kampf zur Vernichtung Jugoslawiens begonnen hatte. 

Im Jahr des Anschlusses der minderen Deutschen war »Soldaten sind Mörder« noch im Bestand des »Forschungsinstituts für Friedenspolitik« im bayerischen Starnberg. Doch dieses Institut konnte, als zusammenwuchs, was zusammengehört, mit so einem Buch nichts anfangen, strich seinen besitzanzeigenden Stempel durch und gab es weit weg in den Norden – der neue Stempel zeigt: »Schleswig-Holsteinisches Institut für Friedenwissenschaften SCHIFF« in Kiel. Auch dessen Stempel ist wieder überstempelt: »ungültig«. Da waren mutmaßlich die neuen deutschen Kriege dazwischengekommen. Der nunmehrige Stempel sitzt eine Seite weiter: »Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky« – so soll es sein, so soll es bleiben, dort gibt es auch 28 weitere Bücher von den vielen, die Gerhard Zwerenz geschrieben hat. Angefangen von der »Aristotelischen und Brechtschen Dramatik«, die der Schüler Ernst Blochs in Leipzig drei Tage nach Brechts Tod, mit der Vorbemerkung vom 19. August 1956 versah: »Ehren wir ihn, indem wir seinen Tod ignorieren«. Ja, Brecht lebt. 

»Soldaten sind Mörder« – für Studenten ist das Buch wie die meisten anderen in der Universitätsbibliothek mit Ossietzkys verpflichtendem Namen zu haben. Für das gemeine Volk gibt es das nicht: die Hamburger Bücherhallen mit einem Bestand von über einer Million Bänden bietet keinen einzigen Titel von Gerhard Zwerenz. Gesäubert. So wie aus dem reichhaltigen Zeitungsangebot der Bücherhallen das Neue Deutschland verschwand, als die PDS nicht mehr aus dem Bundestag zu verdrängen war. 

Zwerenz – er wurde 1957 aus der SED ausgeschlossen und floh in den Westen – ließ sich 1994 als Parteiloser auf der PDS-Liste in den Bundestag wählen und kämpfte dort gegen deutschnationale Radaubrüder wie Alfred Dregger für die Rehabilitierung der über 40.000 Deserteure im Nazistaat. 

Doch die Todesurteile gegen die Soldaten, die dem Treueid für Hitler den Gehorsam versagten, wurden vom Nachfolgestaat vollständig erst im neuen Jahrtausend aufgehoben, als die mordenden Richter ausgestorben waren. 

Nie verbotenDas Zwerenz-Buch »Soldaten sind Mörder« wurde 25 juristischen Aktionen ausgesetzt von Einstweiligen Verfügungen über Strafanzeigen bis zu Gerichtsverhandlungen – zum Verbot reichte es nie. 

Schon 1932, als Tucholsky diese exakte Berufsbeschreibung benutzte, reichte das juristisch nicht zu einer Verurteilung. 

Den schönsten Prozess gegen Zwerenz gab es 1990 in Buxtehude. Er begann stilsicher mit der Frage des Richters an den Schriftsteller, ob es ihm beim Schreiben darum gehe, seine Thesen unters Volk zu bringen, oder darum, Geld zu verdienen. Zwerenz versagte sich die Gegenfrage, ob es dem Richter bei seinem Tun ums Geldverdienen mit Pensionsanspruch oder ums Rechtsprechen gehe. 

Kläger war der Generalmajor der Bundeswehr Horst Ohrloff, der 1941, einen Monat nach dem Überfall auf die Sowjetunion, als Oberleutnant des 11. 

Panzerregiments 25 von Adolf Hitler für seine Tätigkeit das Ritterkreuz bekam und 1970 die 3. Panzerdivision (»so groß wie Norwegens Landarmee«) übernahm. 

Ohrloff hatte bei einer Zwerenz-Lesung in Buxtehude in der zweiten Reihe gesessen. Nunmehr bekundete er vor dem Richter, was er damals wahrgenommen hatte: Der Deserteur Gerhard Zwerenz las aus seinem Buch vor, dass Hitler die Generale mit Geldgeschenken und Rittergütern gekauft habe. Sie hätten doch gar nichts mehr davon gehabt, erläutert der General dem Gericht, des unglücklichen Kriegsendes wegen. Klar sei auch, daß Zwerenz »sehr geworben hat für Deserteure« und daß der General sich darum fragen mußte, welchem Zweck das dient. Er, der General, halte es nicht für richtig, junge Menschen zur Desertion zu verleiten, das werde, so habe er sich kundig gemacht, mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Ja, und Zwerenz habe zu ihm persönlich gesagt: »Für mich sind Sie als ehemaliger Soldat der Wehrmacht ein Mörder.« 

Für den General war Zwerenz ein vom Osten gesteuerter Agent, der genau gewusst habe, wen er da beleidigte: »Es ist absolut sicher, dass er von vornherein wusste, daß ich ein hoher Offizier der Wehrmacht und General der Bundeswehr bin.« 

Zwar höre er schwer, fügte der General hinzu, aber er habe doch in der zweiten Reihe gesessen und Zwerenz habe – das ist das Fazit – »in der ganzen Veranstaltung… Dinge dargestellt, die anders sind«. Vor allem aber habe Zwerenz – darum klagte der Staatsanwalt für den General – mit dem Finger auf ihn gedeutet und gesagt: »Sie badeten im Blut bis zu den Knien. Sie haben als Wehrmachtsangehöriger schwere Schuld auf sich geladen. Sie sind ein Mörder.« 

Auf Vorhalt des Richters, daß Zwerenz bestreite, zu ihm persönlich gesagt zu haben: »Sie sind ein Mörder«, sagt der General: »Ich lege jeden Eid ab, daß er das gesagt hat.« Zwerenz aber, er kannte den Mann nicht, der da im Publikum anfing, die deutsche Kriegsschuld zu bagatellisieren und ganz selbstverständlich die Bezeichnung Mörder auf sich bezog. Ein Wehrmachtsoffizier, ein alter Nazi vielleicht, der hier randaliert, weil er – welch treffsichere Definition der Aufgabe des Schriftstellers – »die Dinge darstellt, die anders sind«. Nie wäre er, so beschönigte Zwerenz, darauf gekommen, daß es sich um einen General der Bundeswehr handle. 

Ein Beispiel gebenJa gewiss, sagt Zwerenz, er habe darauf bestanden, dass Generale sich mit Rittergütern und Geld – »Blutgeld habe ich gesagt« – von Hitler kaufen ließen. Zwerenz weiß, daß er selbst – er wiederholt es vor Gericht – als MG-Schütze ein Mörder war. »Ich habe geglaubt, wir könnten hier vor dem Publikum ein Beispiel geben, indem wir beide sagen, wir haben an Verbrechen teilgenommen.« Aber der Mann da vor ihm sagte, dass er unschuldig sei und die Wehrmacht auch, dass sie nur gegen den Schandvertrag von Versailles gekämpft habe, dass er, dass das ganze Offizierskorps nur seine Pflicht tat. 

Und da habe er, sagt Zwerenz, von der Wehrmacht als einer »Räuber- und Mörderbande« gesprochen, wie schon 1939 der Wehrmachts-Oberstleutnant Stieff. »Dabei bleibe ich.« Denn genau deshalb sei er aus der Wehrmacht desertiert, weil er selbst schon damals überzeugt gewesen sei, einer Mörderbande anzugehören. Er desertierte, obwohl er wusste, daß es sein sicherer Tod sein musste, wenn er ergriffen würde. 

Und darum musste der Deserteur Zwerenz in jedem Wehrmachtsoffizier, der den justizförmigen Mord an über 40 000 Deserteuren als »rechtens« bezeichnet, seinen Mörder sehen. Der Bundeswehrgeneral hat sich, auch noch im Prozeß, zu seiner »Pflicht« in Hitlers Krieg bekannt. Zwerenz wußte also, was der damalige Oberleutnant mit ihm gemacht hätte, wäre er seiner habhaft geworden. Der Ritterkreuzträger von Buxtehude konnte seine Pflicht nicht erfüllen – der 19jährige Zwerenz überlebte Hitlers und Ohrloffs Krieg. 

Glückwunsch, Gerhard, zum Neunzigsten. Aber Du musst 103 werden, mindestens. Älter als Jünger, der mörderische Kollege, der seine Opfer um das Fünffache überlebt hat und erst 102jährig in die Hölle fuhr. 

Gerhard, die Deserteure im Himmel können noch eine Weile auf Dich warten. 

Wir brauchen Dich hier, dringend, im Kampf gegen unsere neuen Kriege. 

 

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