Die Kämpfe nach dem Sieg  

Sowjetische Kulturoffiziere von 1944 bis 1950 

Von Rüdiger Bernhardt  

In unsere zeit online vom 29.05.2015 

 

Zuerst fiel mir in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit Arbeiten zu Gerhart Hauptmann der Name des sowjetischen Kulturoffiziers Grigorij Weiss (1908–1980) auf. 

Informationen zu ihm zu finden war schwierig. Andere Namen wurden oft genannt wie Alexander Dymschitz (1910–1975) und schienen die sowjetischen Kulturoffiziere zu repräsentieren. 

Dann lernte ich 1965 die Germanistin Galina N. Snamenskaja kennen – eine ehemalige Inspektorin für Volksbildung der SMAD –, die von ihrer Liebe zu Heinrich Mann erzählte und davon, wie sie sich 1945 um die Universitätsbibliothek in Halle (Saale) bemüht hatte. 

Darüber hatte sie schon am 9. Oktober 1945 in der „Täglichen Rundschau" berichtet. 

Was in Wirklichkeit eine harte Auseinandersetzung mit US-amerikanischen Offizieren war, nahm sich dort bescheiden aus: „Durch ihren unmittelbaren Beistand (der Sowjetischen Militärverwaltung, R. B.) konnte man die evakuierte Universitätsbibliothek an ihren Standort zurückschaffen." Nach diesen Anfängen ergab sich bei meinen Nachforschungen, dass diese Offiziere sich für deutsche Literatur begeisterten und trotz der Leiden, die sie durch Deutsche erdulden mussten, von der Liebe zu deren Literatur nicht ließen. Bekannt wurde ihre Arbeit seit 1967 durch eine Publikation Sergej Iwanowitsch Tjulpanows (1901–1984) in den „Weimarer Beiträgen". Ihr Tenor war, dass diese Offiziere Wesentliches für die materielle Sicherung kultureller Prozesse leisteten, aber „sehr vorsichtig mit eigenen Anweisungen auf dem Gebiet der Kultur" umgingen. Die meisten Kulturoffiziere jedoch waren 1965 aus dem Bewusstsein verschwunden. 

Grigorij Weiss begrüßte es, als ich in meiner ersten Untersuchung Namen nannte, die in Vergessenheit geraten waren: „… mir scheint, dass in der DDR um einige russische Namen herum so etwas wie ein ‚Personenkult‘ gemacht wird und gleichzeitig viele Genossen, die auch viel Gutes getan haben, ganz vergessen sind." (Brief an den Verfasser vom 5. 11. 76). Er gab den Arbeiten eine „politische und höchst aktuelle Bedeutung". 

Die Kulturoffiziere hatten 1949/50 die junge DDR, plötzlich und unvorbereitet, per Befehl verlassen müssen; bestenfalls durften sie wie Tjulpanow und Dymschitz in die Lehrtätigkeit zurückkehren; manche wurden diszipliniert, mehrere bestraft. Einige kamen in Lagern um oder starben an den Folgen ihrer Inhaftierung, wie sich eine Mitarbeiterin der „Täglichen Rundschau" 1994 erinnerte (vgl. Annett Gröschner: „Jeder hat sein Stück Berlin gekriegt"). Dank erwartete zu Hause nicht. Mit ihrer Rückkehr in die Sowjetunion änderte sich auch in der Folge einer veränderten politischen Großwetterlage – dem Beginn des Kalten Krieges – der Charakter der Kulturpolitik; nunmehr fassten die Maximen Andrei A. Shdanows (1896– 1948), die in der sowjetischen Besatzungszone bisher keine Rolle gespielt hatten, auch hier Fuß und der verhängnisvolle Kampf gegen den Formalismus, der in der Sowjetunion schon geführt wurde, begann. 

Ins Ausland durften die ehemaligen Kulturoffiziere erst Jahrzehnte später wieder reisen, Ilja Fradkin zum ersten Male 1977 zu einer Vortragsreise mit dem sinnigen Titel „Vom Wachsen unserer Freundschaft". Als ich ihn dabei einige Zeit begleiten durfte, sprachen wir ausgiebig über seine Tätigkeit als Kulturoffizier. Es war nicht nur das erste Mal, dass er seit seinem Verlassen wieder in der DDR war, sondern auch das erste Mal, dass der ausgewiesene Brecht-Forscher rückhaltlos über diese Arbeit sprach – und meine Ergebnisse bestätigte. Am Ende schrieb er mir in seine Brecht-Biografie (Moskau 1965, Leipzig 1974): „Zum Andenken an unsere Begegnung und aufregende Gespräche in Halle". Was er zu berichten hatte, war tatsächlich aufregend. 

Der Widerspruch zwischen Befehl und Taten Die Gründe für Strafe und Vergessen lagen in dem Widerspruch zwischen den Befehlen, die ihnen erteilt wurden, und ihrer Tätigkeit, die sie anders gestalteten. Ihre Begeisterung für die deutsche Literatur machten sie zur Lebensaufgabe. 

Dabei geriet die notwendige Distanz zu den Deutschen, die ihnen aufgetragen worden war, ins Hintertreffen. 

Das führte bereits 1946 dazu, dass persönliche Beziehungen oder gar Freundschaften missbilligt und seither weitgehend untersagt wurden. Es wird deutlich, dass die Differenz zwischen den Befehlen und den Taten für den Erhalt der Kultur der Deutschen wesentlich wurde, sie selbst aber in Konflikte mit ihrem Staat brachte. Bei der Roten Armee wurden Germanisten Kulturoffiziere, die aber in der Regel keine Deutschen waren, sondern Russen oder – sehr viele – Juden, „deren Liebe zur deutschen Literatur stärker war als der Hass auf das deutsche Volk" (A. Gröschner). Auch Dymschitz und Weiss war jüdischer Herkunft. Die Unterschiede zu Kulturoffizieren anderer Besatzungsmächte waren deutlich: Am wenigsten fielen die Kulturoffiziere der Engländer auf, die US-Amerikaner setzten vor allem deutsche Exilanten ein (Stefan Heym, Hans Habe, Golo und Klaus Mann u. a.), die Franzosen – die erst 1946 die Gründung einer Kulturkommission beschlossen – gut ausgebildete Franzosen (Félix Lusset). 

Inge von Wangenheim beschrieb die Unterschiede des Verhaltens der verschiedenen Besatzungsmächte und ihrer Kulturoffiziere (2Die tickende Bratpfanne"). 

Die Arbeit der sowjetischen Kulturoffiziere begann schon in den letzten Kriegsmonaten. Eine objektive Übersicht ihrer Leistungen ist weitgehend unabhängig von den offiziellen Erlassen und in mühevoller Kleinarbeit möglich, denn ihre Tätigkeit schien zwar äußerlich administrativ geregelt zu sein, tatsächlich wurde sie in einem hohen Maße individuell verantwortet. 

Im Nachhinein versuchten die Offiziere, diese Tätigkeit auf die Befehle hin zu objektivieren. Eine Gesamtschau ist deshalb bisher nicht möglich; darf aber keinesfalls durch die Beschreibung von Beschlüssen und Befehlen ersetzt werden. 

Im Heft 4/1975 veröffentlichte die NDL („Neue Deutsche Literatur") eine vorsichtig informierende Zusammenfassung meiner Untersuchungen – es war nicht üblich, an der sowjetischen Politik nach 1945 Kritik zu üben – unter dem Titel „Maßstab Humanismus". Danach gab es Anfragen und Mitteilungen, darunter einen Brief des Grigorij Weiss, der den Besuch Johannes R. Bechers bei Gerhart Hauptmann organisiert hatte. Er habe den Beitrag in der NDL mit „großem Interesse und Vergnügen" gelesen und sei dankbar für die Zeilen darin, die ihm persönlich gewidmet worden seien. Er lenkte die Aufmerksamkeit der russischsprachigen Zeitschrift „Internationale Literatur" auf den Aufsatz, die ihn annahm, mit einem Vorwort versah und veröffentlichte. 

Weiss begleitete ihn mit einem aufschlussreichen Nachwort. War das Interesse schon zuvor beträchtlich gewesen, so steigerte es sich nochmals und kam nunmehr auch aus dem westlichen Ausland, aus Frankreich, wo schließlich 1981 in Lille ein Band über die Kulturoffiziere in den verschiedenen Besatzungszonen („La dénazification par les vainqueurs"), herausgegeben von Jérôme Vaillant, erschien, in dem auch eine Darstellung der Arbeit der sowjetischen Kulturoffiziere veröffentlicht wurde. 

Die Leistungen Die sowjetischen Kulturoffiziere leisteten eine bis heute schwer beschreibbare Arbeit, da sie in ihren Wirkungen erkennbar war, aber kaum dokumentiert wurde. Sie erstreckte sich vor allem auf drei Gebiete: 1. Sie bemühten sich um in Deutschland gebliebene Schriftsteller, um diese für einen Neunanfang zu gewinnen. 

Herausragendes Beispiel war dafür Gerhart Hauptmann, aber es betraf auch Schriftsteller wie Bernhard Kellermann, Hans Fallada, Ricarda Huch u. a. Dabei war das literarische Interesse der Offiziere die Grundlage für ein kulturpolitisches Programm: Sie sahen sich einem Volk gegenüber, dessen Mehrheit den Faschismus nicht nur erlebt, sondern ihm zugestimmt und wenig Widerstand entgegensetzt hatte, als es mit dessen verbrecherischen Taten konfrontiert wurde. Diesem Volk konnte man nicht Schriftsteller aus dem Exil als geistige Vorbilder anbieten – zumal es deren Namen kaum mehr kannte –, sondern musste mit geistigen Größen operieren, die vertraut waren, aber moralisch akzeptiert werden konnten oder die sich in eine innere Emigration gerettet hatten. Es ging nicht um sozialistische Programme, sondern um antifaschistisches Denken, bei dem herangezogen wurde, wer sich dazu bekannte. 

Einzelne Namen sollten für neue Vorhaben gewonnen werden, so Gerhart Hauptmann als Leitgestalt für den neu gegründeten Kulturbund. 

2. Sie schufen die Voraussetzungen für Verlage und Presse. Neben der militärischen Befreiung vollzog sich bereits während der Kämpfe die Organisation dieses Vorgangs für die Nachkriegszeit. 

Spätestens seit der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland verliefen militärischer und geistiger Kampf parallel. Bereits im Dezember 1944 hatte Alexander Kirsanow, der im August 1945 Chefredakteur der „Täglichen Rundschau" wurde, den Auftrag erhalten, eine Zeitung nach dem Einzug in Berlin vorzubereiten, die „Berliner Zeitung". Im Antifa-Lager der 1. Ukrainischen Front, so berichtete Oberst Dubrowitzki, der Leiter des Informationsdienstes der SMA, der die Fragen der geistigen Neugestaltung des besiegten Landes im wesentlichen zu beantworten hatte, wurden Hunderte Deutscher auf ihre Tätigkeit im kulturellen Bereich vorbereitet. Bernd von Kügelgen bestätigte und ergänzte die Aussagen („Die Front war überall"). 

Eine Redaktion der zukünftigen „Täglichen Rundschau", bestehend aus dem Oberst Moritz M. Sokolow, Oberstleutnant Prof. Feodor N. Schemjakin, Major Rosenfeld, Major Bergelson, Hauptmann Grigorij Weiss und Hauptmann Rafail Zechanowskij, bereitete bereits vor dem Kriegsende die Zeitung nach dem Kriegsende – die erste Nummer erschien am15. Mai 19 435 – vor; im Juni 1945 stieß Alexander Dymschitz zu der Redaktion. Jeder der genannten Namen ließe sich mit ausgeprägten Beziehungen zur deutschen Literatur und ihren Schriftsteller verbinden. 

Der SWA-Verlag, der Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung, hatte lange vor Kriegsende bereits Publikationspläne für die Nachkriegszeit entwickelt: Als Majakowskis „Ausgewählte Gedichte" (1945) als eines der ersten Bücher nach Kriegsende erschien, stammte das Vorwort von Hugo Huppert von 1943. 

3. Sie stießen ästhetische Diskussionen an, die in keinem Falle einseitig verliefen. Diese Prozesse verliefen anders als sie in Moskau vorgesehen wurden. Die sowjetischen Kulturoffiziere, die vor Ort tätig wurden, gingen mit großer Behutsamkeit mit den Deutschen um. Dabei ließen sich die Pläne Stalins, aus der Besatzungszone möglichst schnell ein kommunistisch arbeitendes Staatsgebilde zu machen, objektiv nicht verwirklichen: Die Menschen waren entmutigt und enttäuscht, geistig zerstört und emotional verwahrlost. 

Die linken, im Lande gebliebenen Kräfte waren, wie auch andere Antifaschisten, von eingeschränkter Bedeutung, weil teils vernichtet; die ins Exil gegangenen Kräfte waren zu Hause unbekannt, wurden auch von den Mitläufern des Nationalsozialismus – und das war die Mehrzahl der Deutschen – verdächtigt und hatten ohne die Besatzungsmacht kaum politische Bedeutung. Diese Situation analysierend knüpften die sowjetischen Kulturoffiziere an die demokratischen deutschen Traditionen an, suchten über diese Brücke den Kontakt zu den geschlagenen Deutschen und vermieden, was direkt auf das sowjetische Vorbild, auf Sozialismus und auf eine neue Gesellschaftsformation hingewiesen hätte. 

Insgesamt war „zunächst von dem Ziel einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft nicht die Rede" (Ilse Tschörtner). Jürgen Kuczynski, der freundschaftlich mit Kulturoffizieren verbunden war, bestätigte: „Es gab ganz klar eine andere Politik für Deutschland als für die Sowjetunion." So wie die Kulturoffiziere bürgerliche Dichter wie Gerhart Hauptmann heranzogen, so galt ihre Fürsorge historisch ausgiebig Heinrich Heine und ähnlichen Autoren. Heine wurde das oft genannte Beispiel, mit dem deutsche Kriegsgefangene auf ihre moralische Haltung geprüft wurden oder der als Beispiel benutzt wurde, um die Deutschen an ihre demokratischen Traditionen heranzuführen. Das erste Buch, das man einer jungen deutschen Mitarbeiterin in der Redaktion der „Täglichen Rundschau" in die Hand drückte, „war Heinrich Heines ‚Wintermärchen‘"(A. Gröschner: „Jeder hat sein Stück Berlin gekriegt"). 

In der Diskussion um die ästhetischen Mittel gab es anfangs kaum Hinweise auf den sozialistischen Realismus; man propagierte den bürgerlichen Realismus, von der deutschen Klassik abgesehen. Auf Vielseitigkeit legte man Wert; sie reichte bis zu christlichen Positionen (Oskar Loerke), auf die Ilja Fradkin aufmerksam machte („Die Literatur des neuen Deutschland"). 

Selbst philosophische und literarische Strömungen wie den Existentialismus versuchte man partiell zu tolerieren wie der Umgang mit Sartres Stück „Die Fliegen" zeigte: Einerseits wollte man die Aufführung im Westberliner Hebbel- Theater behindern, andererseits nahmen russische Persönlichkeiten, unter ihnen Alexander Dymschitz, zu dem die französischen Kulturoffiziere sehr gute Beziehungen hatten, an einem Empfang für Sartre teil, und die „Tägliche Rundschau" nahm in Beiträgen am 9. und 10. Januar 1948 trotz der weltanschaulichen Unterschiede eine Ehrenrettung für Sartre vor. Dymschitz war es auch, der in einem abschließenden Beitrag am 19. Februar 1948 Sartre intellektuelle Redlichkeit zubilligte und in ihm einen „ehrlichen Irrenden" sah. Andererseits war Dymschitz der erste der Kulturoffiziere, der die Moskauer Politik auf dem Gebiet der Kultur einzubringen versuchte und in Artikelserien ab 1946 den sozialistischen Realismus erklärte. 

Bemerkenswert war das methodische Vorgehen der Kulturoffiziere: In der Berichterstattung über den Besuch bei Gerhart Hauptmann in der Nr. 129 der Täglichen Rundschau, der die Entscheidung des Dichters für den Kulturbund brachte, wurden zwar alle deutschen Beteiligten genannt – Gustav Leuteritz, J. R. Becher –, jeder Hinweis auf die Wirksamkeit der Offiziere Weiss, der für die Aktion verantwortlich war, und Chanow aber vermieden. 

In einer Besprechung der Aufführung von Friedrich Wolfs „Beaumarchais" im Deutschen Theater vermerkte Ilja Fradkin am 9. März 1946 in der „Täglichen Rundschau", Wolf habe sich nicht vergeblich bemüht, „uns Geschichte zu lehren": Der Sieger sah sich von dem deutschen Dramatiker belehrt. Tjulpanow akzeptierte Thomas Manns Forderung, ein Gespräch mit ihm als „Bürger mit Bürgern" zu führen und der deshalb verlangt hatte, der sowjetische Offizier solle in Zivil erscheinen. Diesen Kulturoffizieren wurden literarische Denkmale gesetzt, unter anderem bei Willi Bredel („Ein neues Kapitel"), Erik Neutsch („Der Friede im Osten"), Hermann Kant („Das Impressum"), Eduard Claudius, Annett Gröschner und anderen. 

Die antifaschistischdemokratische Grundlage Tjulpanow verwies immer wieder – man lese seine Trauerrede auf Gerhart Hauptmann – auf die demokratischen deutschen Traditionen, denn das deutsche Volk benötige „in der Zeit der Überwindung einer tiefsten Krise und zugleich im Moment des entscheidenden Wendepunktes seiner Geschichte … Propheten der Humanität und der Demokratie, die es aus der Finsternis ins strahlende Licht führen dürfen" (Tjulpanow). Er betonte dabei – und wurde damit den zahllosen deutschen Mitläufern gerecht, mit denen es zu arbeiten galt, denn andere Menschen hatte man nicht –, dass Hauptmann in „manchen Widersprüchen" gelebt habe, aber er trotz „einiger Irrungen" zu den fortschrittlichen Geistern zu zählen sei. Diese Bewertung stimmte weder mit dem Auftrag der Kulturoffiziere überein, noch beförderte es die ihnen aufgetragene Entwicklung. 

Tjulpanow musste auch deshalb 1948 einen Bericht über „Drei Jahre Arbeitserfahrung der Informationsverwaltung der SMAD" in Moskau vorlegen und das Scheitern des Auftrags, der den Kulturoffizieren übertragen worden war, eingestehen. Andererseits wusste er selbst zu genau, dass sie ihre Tätigkeit nach vorgefundenen Bedingungen entwickelt hatten und keinesfalls ohne „strategische Linie", wie man ihnen vorwarf. Die strategische Linie hatte Tjulpanow – er steht stellvertretend – bereits 1942 entwickelt, gegen den Willen sowjetischer und anderer Genossen, aber beraten und unterstützt von Johannes R. 

Becher; diese strategische Linie orientierte sich an Namen wie Goethe, Schiller, Kant und Beethoven, Marx und Bebel. Praktisch umgesetzt wurde das von der Presse, die die Arbeit der Kulturoffiziere kommentierte. 

Die „Deutsche Volkszeitung" stellte 1945 (Nr. 27) fest, der „heutigen Jugend" fehlten Namen wie Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Jack London, Ludwig Börne, Upton Sinclair, Heinrich Heine, Stefan und Arnold Zweig, Thomas Mann und Maxim Gorki, die Namen „müssen ihr wieder zugeführt werden". Die Nr. 29 der gleichen Zeitung setzte am 15. Juli 1945 diesen Gedanken mit einem Aufsatz fort „Heinrich Heine, der Dichter und leidenschaftliche Kämpfer für das demokratische Deutschland". Wenn man von demokratischen Traditionen sprach, meinte man solche und nicht „Herrschaft der SED", wie Tjulpanow unterstellt wurde (Gerhard Wettig: „Der Tjulpanow-Bericht", 2012). 

Später hat Tjulpanow den Vorgang nochmals objektiviert und das, was von den sowjetischen Kulturoffizieren subjektiv, im Widerspruch zum Befehl, geleistet wurde, als objektive Notwendigkeit erklärt: „Die Notwendigkeit, eine Etappe antifaschistischdemokratischer Umwälzung zu durchlaufen", durfte nicht unterschätzt und „die Erfahrungen der Sowjetunion" nicht „mechanisch auf die Bedingungen Deutschlands" übertragen werden („Probleme und Erfahrungen der Arbeit von Kulturoffizieren"). 

Zwischen Mai und Juli 1945 entwickelten die sowjetischen Kulturoffiziere in Berlin, aber auch in der sowjetisch besetzten Zone, ein reges geistiges Leben neben der Versorgung mit überlebenswichtigen Gütern. Selbst Gegner wie der Theaterkritiker Friedrich Luft mussten eingestehen, dass unter ihrer Leitung „ein großer kultureller Auftrieb", vor allem „ein ungeheurer Theaterbetrieb in Berlin" (F. Luft im Deutschlandfunk am 5. 5. 1985) entstand. 

Beeindruckend war – auch das würdigte Luft –, wie nachdrücklich die sowjetischen Offiziere neben der materiellen die geistige Versorgung sicherten, wobei sie außerordentlich einfühlsam vorgegangen seien. 

Von diesen Prozessen ist in die spätere Geschichtsschreibung wenig eingegangen. 

In der DDR erschienen die Kulturoffiziere als Bestandteil einer linearen Entwicklung zum Sozialismus. 

In der BRD wurden sie nach vorgefertigten Urteilen gelesen, frühe wissenschaftliche Untersuchungen wurden negiert, hätten diese doch den vorgefassten Urteilen über den Stalinismus in der sowjetischen Besatzungszone entschieden widersprochen. Manche der späteren Untersuchungen verrieten sich selbst: So stellte 2007 eine Magisterarbeit (Maximilian Becker) in München fest, dass Tjulpanow in einem Aufsatz in der „Neuen Welt" sich um den Begriff Sozialismus herumgewunden und Goethe unterstellt habe, im „Faust" eine Ordnung gemalt zu haben, in der freie Menschen sich zur Arbeit zusammenschlössen. Das Herumwinden gehöre zu der „Instrumentalisierung" der Literatur; es ist in dieser Arbeit der inflationistisch gebrauchte Begriff, neben „missbrauchen", um Leistungen der Kulturoffiziere zu diskriminieren. 

Zustande kamen solche „Ergebnisse", weil Dokumente und Beschlüsse zu Rate gezogen wurden und die Arbeit vor Ort kaum beachtet wurde, so als hätte man von einem Kochrezept aus ein Menü gewürdigt. 

In der genannten Untersuchung fällt der Name Grigorij Weiss‘ nicht ein einziges Mal, Gerhart Hauptmann – zudem falsch geschrieben – nur in einem anderen Zusammenhang usw. Dabei hätte gerade das Beispiel Gerhart Hauptmann die Arbeit der Kulturoffiziere in ihrer politischen, ästhetischen und literarischen Bedeutung illustrieren können, wie sie eigene Vorbehalte zurückstellten, Kunstwerke wie Hauptmanns „Die Weber" zu Rate zogen und Verbündete im Geiste auch bei Andersdenkenden suchten. 

 

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