Aber alle oder keiner  

Nichts ging für »Täve« Schur über die Mannschaft. Vor 60 Jahren gewann er zum ersten Mal die Friedensfahrt  

Klaus Huhn 

In: junge Welt online vom 15.05.2015 

 

Am Sonntag vor 60 Jahren gewann Gustav-Adolf Schur, genannt »Täve«, zum ersten Mal die Friedensfahrt. Das Rennen endete in Warschau, wo der Jubel groß war. Wogen der Begeisterung hatten die Fahrer zuvor aber schon in Leipzig ins Ziel getragen. Dort hatte Täve die 206-Kilometer-Etappe von Karl-Marx-Stadt in die Messestadt gewonnen – vor dem Belgier Joseph Verhelst, der noch das gelbe Trikot trug. Seinen Vorsprung sah er in der sächsischen Metropole auf zwei Sekunden reduziert. 1.035 Kilometer lagen da noch vor dem Feld, und die schon damals nach Hunderttausenden zählenden Täve-Anhänger waren felsenfest davon überzeugt, dass ihr Idol den Rückstand aufholen würde. Bedauerlicherweise wurde das Duell durch zwei Reifenpannen entschieden, in deren Folge der Belgier trotz des großen Kampfgeistes seiner Landsleute 13 Minuten auf Täve verlor. 

Die 200-Kilometer-Etappe von Leipzig nach Berlin, wo Hunderttausende aus Ost und West das bunte Feld feierten, gewann Benno Funda, und hinter ihm wirbelte Täve die Gesamteinzelwertung durcheinander. Er holte sich das Gelbe Trikot und erkämpfte beruhigende fünf Minuten Vorsprung auf den ärgsten Verfolger Stan Brittain (England). Am Ziel in Warschau lag Täve mehr als acht Minuten vor dem Zweitplazierten. 

Als der Zug, mit dem die Mannschaft heimkehrte, im Ostbahnhof einfuhr, galt der erste Jubel den polnischen Eisenbahnern: Sie hatten die Lok mit einem riesigen Kranz und den Fahnen Polens und der DDR geschmückt. Wohlgemerkt: Man schrieb 1955. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Friedensfahrt lange vor dem respektablen Warschauer Kniefall Willy Brandts die Freundschaft zwischen Polen, die Millionen Ermordet zu beklagen hatten, und Deutschen maßgeblich wiederbelebt. 

Vor dem Bahnhof hatte man eine Rednertribüne errichtet, und als man Täve aufforderte, das Wort zu ergreifen, schwieg er zunächst und sagte dann: »Mir fehlen die Worte, um allen unseren Dank zu sagen. Deshalb kann von einer Rede nicht die Rede sein.« 

An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass Mannschaftssiege damals mindestens ebenso hoch bewertet wurden wie Einzelerfolge. Zwei Jahre zuvor hatte Schur einen Friedensfahrttriumph miterrungen, der vielleicht noch ausgelassener gefeiert worden war als der von Warschau. Es war der Sieg in den blauen Trikots der Mannschaftswertung. 

Die Fahrt von 1953 war geprägt von saumäßigem Wetter. Während die überragenden Dänen Hans Edmund Andresen und Christian Pedersen abwechselnd das gelbe Trikot trugen, schmolz das Feld von Tag zu Tag weiter zusammen. Auch zwei DDR-Fahrer schieden verletzt aus, aber Teamkollege Bernhard Trefflich gewann das mit 226 Kilometern längste Teilstück von Berlin nach Görlitz – der erste Etappensieg eines DDR-Fahrers. 

Täve erkämpfte auf der zehnten von zwölf Etappen (Wroclaw–Katowice) den zweiten Rang, was die DDR-Mannschaft, die nach acht Etappen noch 15:57 Minuten hinter den Dänen gelegen hatte, bis auf 42 Sekunden heranführte. 

Auf der vorletzten Etappe schloss sich Lothar Meister nach 25 Kilometern einer achtköpfigen Ausreißergruppe an, in der kein Däne zu finden war. 

Das brachte drei Minuten in der Mannschaftswertung. 

Auf der letzten Etappe trug damit die DDR die blauen Trikots. In der Regel waren die Schlussetappen undramatisch, aber in diesem Falle galt kein Nichtangriffspakt und schließlich drohte ein Massensturz das Ergebnis auf den Kopf zu stellen. 

Lothar Meister war wegen eines Defekts bereits zurückgefallen, als alle anderen in Blau in den Unfall verwickelt wurden. Paul Dinter musste auf den Rennarzt warten, um sich verbinden zu lassen, Schur und Trefflich hetzten dem Feld hinterher, in dem die Dänen alles auf eine Karte setzten. Aber Schur (24.), Trefflich (18.), Meister (14.) und der abgehangene Dinter (35.), schafften es noch, den Mannschaftssieg zu sichern, 161 Sekunden vor den Dänen! 

1959 wurde die Fahrt dann zum ersten Mal in Berlin gestartet. Wieder gewann die DDR die Mannschaftswertung und Täve holte zum zweiten Mal das gelbe! Der Friedensfahrtsieger war übrigens auch der einzige zweimalige Amateurweltmeister. 1960 hätte er sogar seinen dritten WM-Sieg einfahren können, traf aber die taktische Entscheidung, die eigenen Titelchancen einem möglichen Erfolg des Mannschaftskollegen Bernhard Eckstein zu opfern, und wurde hinter diesem zweiter. 

Einen Rennfahrer, der ähnliche Entscheidungen getroffen hätte, findet man weder bei den Amateuren noch den Profis. Und dann war Täve auch noch Abgeordneter in zwei Parlamenten, sowohl in der angeblich »unfrei« gewählten Volkskammer als auch im aus heutiger Mediensicht »frei« gewählten Bundestag. Als er dort eines Tages aufgerufen war, zum Thema Doping zu reden, und viele schon ihre gehässigen Zwischenrufe vorbereitet hatten, begann er: »Vorab: Eine angesehene Zeitung versicherte unlängst, dass ich meine Medaille 1972 in München gedopt gewonnen habe. Man hatte übersehen, dass ich meine Laufbahn 1966 beendet hatte.« Anhänger, aber auch Gegner schütteten sich aus vor Lachen – und wussten obendrein nicht, dass keine Zeitung das je behauptet hatte … Ja, auch Späße gelangen ihm, so ernst er im Sattel agierte. 

Unlängst interessierte sich sogar das wohl führende rechte deutsche Blatt für ihn, entsandte eine profilierte Journalistin, und diese nannte das Gespräch hinterher im kleinen Kreis »aufschlussreich und meinen Horizont erweiternd«. Vor allem rühmte sie seine »Offenheit«. Auch an diese sei aus Anlass des 60. Jahrestags seines ersten Einzelsieges bei der Friedensfahrt erinnert. Inzwischen ist Täve 84 Jahre alt. Vorgestern fuhr er 50 Kilometer, wie er mir nebenbei erzählte. Ich glaubte ihm, denn ehrlich ist er auch. 

 

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