Kriegs-Erklärung  

Wie in der Bundesrepublik über das Ende des Zweiten Weltkriegs gedacht wird: »Zusammenbruch«, »Niederlage«, - ganz selten »Befreiung vom Faschismus«  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 02.05.2015 

 

Am 3. Mai 2015 wird Kurt Pätzold 85 Jahre alt (siehe S. 10). Die Thema-Redaktion dankt dem marxistischen Historiker für die vielen auf diesen Seiten veröffentlichten Texte. (jW) 

Sind nach einem geschichtlichen Ereignis sieben Jahrzehnte vergangen, gehen der Gesellschaft die Zeitzeugen aus. Wer 1945 mit 18 Jahren eben noch zur Wehrmacht musste, an die Front und von da in eine womöglich jahrelange Kriegsgefangenschaft geriet, geht heute dem Ende seines neunten Lebensjahrzehnts entgegen. Menschen mit solchen Erlebnissen werden immer weniger. 

Für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung der Bundesrepublik sind der 8. 

und 9. Mai 1945 Daten, mit denen sie zuerst im Geschichtsunterricht bekannt gemacht wurden. Weiterhin wurden sie mehrfach daran erinnert, wenn dazu Staatsakte stattfanden, deren Bilder die Medien verbreiteten. Wiewohl das keine Befragung sicher ermittelt hat, dürfte gelten, dass beide Maitage lange diejenigen geschichtlichen Daten waren, welche die meisten Deutschen im Kopfe hatten. Jetzt ist deren Platz wahrscheinlich durch den Tag des »Mauerfalls« im Jahr 1989 besetzt. 

Damit wären wir unversehens bei Begriffen angekommen, die geschichtliche Ereignisse oder Prozesse erhalten. Sie werden ihnen nicht von Historikern gegeben, sondern meist schon im Augenblick des Geschehens geprägt, denn die Menschen brauchen sie zu ihrer Verständigung. »Kriegsende« ist ein unumstrittenes Wort zur Kennzeichnung jener Maitage. Mit ihm verband sich das Schweigen der Waffen, das Ende der Bombardements, die Hoffnung auf ein Weiterleben, auf die Rückkehr der Kriegsgefangenen, die Zusammenführung der zerrissenen Familien, auf die Wendung hin zu einem normalen Leben mit einem Dach über dem Kopf und ausreichend zu essen, schließlich die Hoffnung auf eine dauerhafte Bleibe, bei vielen auch auf die Rückkehr in die verlassene Heimat im Landesosten. Millionen waren von einem mehr oder weniger großen Teil ihrer Sorgen befreit, neue kamen hinzu. In diesem Sinn, bezogen auf das individuelle Dasein, traf auch das Wort »Befreiung« zu, das jedoch in jenen Tagen kaum benutzt wurde. 

In der Alltagssprache hieß das Geschehen zumeist »Zusammenbruch«. Mit dem Wort verbanden sich verschiedenste eigene Erfahrungen und Eindrücke, ja ein Lebensgefühl vieler Deutscher. Ihre in den letzten Kriegswochen immer mehr zusammengeschmolzenen Hoffnungen waren nun endgültig zusammengebrochen. Sie standen ratlos in sich rasch verändernden Verhältnissen. In den Städten fielen die Ruinen des Bombenkrieges zusammen oder wurden, um Gefährdungen zu beseitigen, niedergerissen oder gesprengt. Die Sorgen des heutigen und morgigen Tages beherrschten die Menschen. Was hinter ihnen lag und gemeinhin Geschichte genannt wird, beschäftigte eine Minderheit. Sie hießen in der DDR später die »Aktivisten der ersten Stunde«. In kalten Räumen, in meist abgetragene Winterkleidung verpackt, trafen sich Ende des Jahres 1945 Kommunisten und Sozialdemokraten und begannen zu bereden, was und warum es geschehen war und wie man aus der Katastrophe, dem Elend, dem Schlamassel herausgelangen könne. Was war das für ein Krieg, der hinter ihnen lag? Wer hatte ihn gewollt? Warum konnten sich die Kriegstreiber in der Gesellschaft durchsetzen? 

InterpretationenDiese und damit sich verbindende Fragen sind den Deutschen über die Jahrzehnte geblieben und zu keinem Zeitpunkt einheitlich beantwortet worden. Denn mit den Antworten verbanden sich Interessen, darunter solche, die mit den Zeitgenossen nicht aussterben, sondern sich auf sozialen Ebenen »vererben«. Wie sich die in Ost und West immer schärfer zu unterscheiden begannen, so unterscheiden sich auch die Bilder von der gemeinsam erlebten Vergangenheit immer stärker. In den Schulen der DDR war die Rede vom »(zweiten) imperialistischen Krieg«, den Deutschland begonnen und verbrecherisch geführt hatte. Damit waren viele Fragen aufgeworfen: Wer waren die Imperialisten? Wer hatte für deren Interessen und Ziele gekämpft? Taten sie es freiwillig, oder waren diese Millionen dazu gedrängt bzw. 

gezwungen worden? Welche Möglichkeiten der Gegenwehr und Verweigerung existierten? In den Schulen der Bundesrepublik wie in der Öffentlichkeit des Weststaates wurde das Dogma von Hitlers Krieg und Hitlers Zielen verbreitet und gepflegt. Das ergab einen Schutzschild, hinter dem sich viele versteckten. Er wurde bunt bemalt: die Ideologie des Wahnsinnigen, eine kleine Verbrecherclique, die ihn umgab, das verirrte und verführte Volk, das schuldlose Opfer. Aber die Historiker, die »nachwuchsen«, wollten nicht zu dem geistig dürftigen Schema zurück, wonach große Männer die Geschichte nach eigenem Gutdünken machen. 

Heute konkurriert in der Bundesrepublik eine Vielzahl von Bezeichnungen für den Krieg, die meist benutzte und wenig besagende lautet »Zweiter Weltkrieg«. Ansonsten: »Hitlers Krieg«, »Hitlers Vernichtungskrieg«, »Aggressionskrieg«, »Eroberungskrieg«, »Krieg um Lebensraum«, »Krieg gegen den Bolschewismus«, »Krieg der Deutschen«, »Weltanschauungskrieg«, »ideologischer Weltanschauungskrieg«, »Hitlers rassenideologischer und rassebiologischer Vernichtungskrieg«. Die Durchmusterung ergibt: »Vernichtungskrieg« ist ein Pleonasmus, denn es gibt keinen Krieg in der Weltgeschichte, in dem nicht vernichtet wurde. Die Kriege unterschieden sich, und je näher sie unserer Zeit sind, um so mehr, durch den Grad, in dem das geschieht. Mit »Eroberungskrieg« steht es nicht anders. Die kriegsauslösende Seite wollte etwas rauben oder erobern, meist Ländereien: Friedrich II. Schlesien, die Japaner die Mandschurei, Mussolini Abessinien. 

Gehobene bildungsbürgerliche Ansprüche befriedigt der Begriff »Weltanschauungskrieg«. Er unterscheidet diesen Krieg von allen vorausgegangenen, von denen keiner mit einer gleichen oder ähnlichen Bezeichnung charakterisiert wurde. Er führt - das ist der erste Vorzug für die Vertreter dieser Auffassung - zu Hitler, denn es war »seine« Weltanschauung, die da zur Triebkraft erklärt wird. Und, dies der zweite Vorzug, es ist mit ihm klargestellt, dass der Krieg aus einer geistigen Verirrung hervorging, aus einem Gemisch von extremem Nationalismus, von Rassismus und Antibolschewismus. Materielle Interessen und Kalküle sollen nicht im Spiel gewesen sein. 

Der Begriff »Imperialistischer Krieg« ist wie das Wort »Imperialismus« hierzulande aus Geschichtsbetrachtungen und auch aus Analysen gegenwärtiger Vorgänge weitgehend eliminiert worden. Wo er verwendet wird, wie etwa in Schulgeschichtsbüchern, geschieht das zur Charakterisierung der Politik der Großmächte bei der Kolonisierung weiter Teile des Erdballs und bei der Erläuterung des Weges in den Krieg, der 1914 begann. Dann hat sich diese »Erscheinung« auf irgendeine geheimnisvolle Weise aus der Weltgeschichte verflüchtigt. Stimmten Historiker, wie Anfang der 1960er Jahre der Hamburger Universitätslehrer und Historiker Fritz Fischer, diesem Bild nicht zu, sondern bestanden auf der Kontinuität von Antrieben, Interessen und Zielen derer, die aus der Großmacht Deutschland eine Weltmacht machen wollten, machten die Verfechter der Legende mobil, die Hitler und die Seinen als eine »deutschem Wesen« fremde weltherrschaftslüsterne Gang ansahen, die in die deutsche Geschichte eingebrochen war. 

Krieg gegen Juden - SED-DiktaturWas für ein Machtgebilde war aber dann im Mai 1945 besiegt und vernichtet worden? Der »nationalsozialistische« oder »NS-Staat« oder die »NS-Diktatur«? Durch diese Bezeichnungen unterscheidet sich das vorherrschende deutsche Sprach- und Begriffsbild von dem der Siegermächte. Dort wird das Geschehen als die Zerschlagung der Koalition der faschistischen Staaten charakterisiert, deren Haupt- und Führungsmacht das Deutsche Reich war. Die imperialistische Eroberungslust, die Androhung, das britische Weltreich zu zerschlagen, und das Unternehmen, aus dem ein deutsches Kolonialreich bis zum Ural hervorgehen sollte, sind nicht vergessen. Vom letzteren sind Millionen Europäer befreit worden. Aber wovon die Deutschen? Indem ihnen die Waffen aus den Händen geschlagen wurden, endete für sie die schändlichste Rolle, die je Generationen in ihrer Geschichte gespielt hatten. Sie waren über die Grenzen Europas hinaus zum verachtetsten und verhasstesten Volk geworden. 1945 lag es an ihnen, sich auf den Weg zu machen, auf dem sich das ändern konnte. 

Das Bild vom Ende des Deutschen Reichs, eines imperialistischen Staates faschistischer Prägung, das heute Nachgeborenen vermittelt wird, sieht in mehrfacher Hinsicht anders aus. Erstens gilt als das Hauptcharakteristikum des besiegten und liquidierten Staates der Antisemitismus und als sein Hauptziel der Mord an auch dem letzten in seinen Machtbereich geratenen Juden. Ein beispielloses Verbrechen, das auch als Krieg gegen die Juden bezeichnet wird. Eroberungskrieg und Judenmord werden als Konkurrenzunternehmen dargestellt, bei dem im Konfliktfall das Morden den Vorrang erhalten haben soll. Zweitens sei 1945 keineswegs ganz Deutschland und seien nicht alle Deutschen befreit worden. Ein Teil von ihnen sei von der NS-Diktatur in die kommunistische geraten und von ihr erst 1990 erlöst worden. 

Die Entstehung beider Dogmen liegt weit zurück, heute aber werden sie in den Rang einer gesellschaftlichen Lehrmeinung erhoben. Ihrer Verbreitung steht weniger eine kritische Geschichtswissenschaft im Wege, als vielmehr - für einige Jahrzehnte noch - Bundesbürger, die einmal DDR-Bürger waren und nicht so senil sind, dass ihr »Vorleben« eingenebelt wäre. 

Zu den beliebtesten Selbstbildnissen hiesiger Obrigkeiten wie auch großer Teile der Bevölkerung gehört, dass die Deutschen, genauer die Altbundesbürger, denen gegenüber die Neubürger einen erheblichen Nachholbedarf haben, die Zeitspanne von 1933 bis 1945 »bewältigt«, was heißen soll: sie kritisch verarbeitet haben. Insbesondere die Deutschen, die sich daran kein Verdienst erwarben, ja, das Erreichte mitunter nicht einmal zur Kenntnis nahmen, verlangen, dass endlich unter dieses »Kapitel« ein Schlussstrich gezogen werde. 

BRD im VergleichNun ist ganz unbestreitbar, dass solche Auseinandersetzung mit der Geschichte, meist fokussiert und eingeengt auf die Zeitspanne von 1933 bis 1945, stattgefunden hat. Eine nähere Betrachtung des widerspruchsvollen Verlaufs dieser Arbeit führt zu Antworten auf die Frage, wer sie leistete und wer gegen sie Barrikaden errichtete. Darüber gibt insbesondere das Geschehen rund um die zwischen 2001 und 2004 durch Deutschland tourende aufklärerische Wehrmachtsausstellung Auskunft sowie die Debatten, die dazu in deutschen Parlamenten stattfanden. Trotz zahlreicher Behinderungen der Exposition, die Bundesrepublik hat etwas vorzuweisen, was sich vor allem in Vergleichen gut ausnimmt. Für diese eignet sich besonders der Umgang Japans mit der eigenen Geschichte - und neuerdings auch der einer Reihe osteuropäischer Staaten. Da lassen sich als Kontrast zur Aufarbeitung in der BRD die jährlich marschierenden lettischen SS-Leute vorführen, deren Kampf an der Seite der deutschen Faschisten gegen die Sowjetunion in ihrem Land als Verdienst gewürdigt wird. Dagegen erinnert sich kaum noch jemand an den Spruch des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2005, der das Zeigen von Transparenten mit der Aufschrift »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« auf Straßen und Plätzen als nicht strafbar einstufte. 

Jedenfalls: Den deutschen Repräsentanten, die an Gedenktagen die üblichen Rituale in Frankreich, Polen oder Israel absolvieren, Kranzschleifen geraderücken und bußfertig um Vergebung bitten, kann niemand kommen und darauf verweisen, dass sie von den Vorfahren begangene Verbrechen und Untaten noch leugnen oder gar rechtfertigen würden. Bestritten werden kann von diesen Repräsentanten freilich nicht, dass es zwischen Saar und Oder »ein paar Unbelehrbare« gibt. Um sie kümmere sich der Verfassungsschutz und, wenn nötig, die Polizei. Eine solche Beschreibung der rechten Szene plaziert die heutigen Nazis ausschließlich an den sozialen Rand der Gesellschaft. Das ist falsch. 

GeschichtsfälscherwerkstattEs ist kein kriminalistischer Spürsinn erforderlich, um auf einen hierzulande als Reklameblatt verbreiteten Text zu stoßen, dessen Aufmachung fragt »Wollte Hitler den Krieg?«. Um es vorwegzusagen, dessen Herstellung und Vertrieb hätte vor 70 Jahren jede Besatzungsmacht verboten. Und dies nicht nur, weil sie in dem Machwerk verleumdet wird, sondern weil er schlicht nichts als eine Aneinanderreihung von Geschichtslügen bietet. Geworben wird mit ihm für den Kauf einer CD, die drei Vorträge konserviert. Das Geld kann sich ein Interessent sparen. 

Die Referate lassen sich auch im Internet anhören und dort mit dem Blick auf die Redner, das Präsidium und in den Saal eines vermutlich honorigen Hotels, gefüllt mit Bürgern, die sich in ihrer Kleidung deutlich von jenen unterscheiden, die auf Straßen und Plätzen ihre nazistische Gesinnung mit Fahnen, Transparenten und Losungen demonstrieren. 

Die Thesen, die in dieser Veranstaltung verkündet wurden, lauten: Hitler wollte keinen Krieg gegen Polen, sondern Danzig in Verhandlungen für das Reich zurückgewinnen. Er wollte demnach die humanitäre Katastrophe abwenden, die den Volksdeutschen im Nachbarstaat drohte. So habe der »Führer« sich schon selbst und seine bescheidenen Wünsche beschrieben, zu denen auch der exterritoriale Verbindungsweg nach Ostpreußen gehöre. Und 1941 wollte er die Ausweitung des Krieges wieder nicht, jedoch stand eine Millionenarmee der Sowjetunion zum Angriff auf Deutschland bereit. Die Gefahr habe Hitler weise erkannt und sich zum Präventivkrieg gezwungen gesehen. Im zweiten Referat wird Hitler als der europäische Politiker präsentiert, der den von ihm ungewollten Krieg 1940 beenden und Frieden durch einen Kompromiss herbeiführen wollte, aber an Churchill scheiterte, der die Kämpfe auf den Balkan ausweitete. Der dritte Redner attestierte auch dem fernen Verbündeten Japan aufrichtige Verhandlungs- und Friedensbereitschaft. Der Krieg mit den USA sei zu vermeiden gewesen, wenn die die Expansion des Inselreichs in China und nach Indochina hingenommen und Lieferungen an das rohstoffarme Land geleistet hätten, statt es durch Wirtschaftsblockaden zu behindern und seine Existenz zu gefährden. Franklin D. Roosevelt wird als Kriegstreiber gebrandmarkt. Er habe schon Polen, dem er sein Wissen über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vorenthalten haben soll, ins deutsche Messer laufen lassen und nun Japan zum Krieg gegen die USA provoziert, um vor allem von dessen Verbündetem Deutschland die Kriegserklärung an sein Land zu erhalten. Fazit: Hätten die anderen Großmächte Deutschland und Japan zugestanden, was sie verlangten, und sie gewähren lassen, also die Appeasementpolitik fortgesetzt, wäre es zu keinen Kriegen gekommen. 

In dieser Geschichtsfälscherwerkstatt arbeitet der Bundeswehrgeneral Gerd Schultze-Rhondorf, der seinen Dienst aus Unzufriedenheit mit der Militärpolitik der Bundesregierung quittiert und sich in eine besondere Art von Geschichtsstudien begeben hat, sowie zwei promovierte Historiker: Stefan Scheil und Walter Post. Über die drei Personen und ihren Umgang mit Quellen ist ernsthaft nicht zu reden, wohl aber über die Gesellschaft und den Staat, in denen derlei Existenzen Propaganda treiben können. Den General finanziert der Staat, also dessen Steuerzahler. Die beiden Freischaffenden leben von den Honoraren von Verlagen für Artikel und Bücher, von Vereinen, die sie zu Vorträgen einladen, und von Stiftungen, die ihnen Preise verleihen. 

SchulbücherDie Geschichtspropagandisten fehlen gewöhnlich in den Bilanzen der geistig-politischen Zustände der Bundesrepublik »70 Jahre später«. Das sollten sie aber nicht. Unter anderem, weil sie ein zusätzliches Argument für die Beibehaltung eines systematischen, chronologisch angelegten Geschichtsunterrichts in den Schulen bieten. An dessen Stelle soll aber mittels sogenannter Themenfelder Geschichte in Längsschnitten unterrichtet werden. Allen Ernstes haben Vertreter der Bildungsverwaltung erklärt, dass chronologisches Vorgehen »pädagogisch überholt sei«. 

Welcher Blick jungen Leuten von Staats wegen derzeit in das Jahr 1945 eröffnet wird, lässt sich verlässlich an ihren Schulgeschichtsbüchern feststellen. In den Blick genommen seien dazu Bände mehrerer Verlage herangezogen, die ein oder zwei Jahrzehnte nach der im Zusammenhang mit seinem Ableben wieder vielzitierten Rede Richard von Weizsäckers aus dem Jahre 1985 gedruckt und eingeführt wurden. So war genügend Zeit für Didaktiker und Schulbehörden, sich den vom damaligen Bundespräsidenten bezogenen Standpunkt, insbesondere seine Verwendung und Begründung des Begriffs »Befreiung«, zu eigen zu machen. Das Ergebnis war nicht überraschend. Im vom Westermann Verlag edierten Geschichtsbuch »Anno 4«, dessen Gegenstand das 20. Jahrhundert ist, verbindet sich der Tag der Befreiung mit der »bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht«. 

Den Begriff »Befreiung« gibt es weder im Minilexikon noch im Register. Im Band »Das waren Zeiten«, von C. H. Buchner angeboten, heißt es im Text, dass Großadmiral Karl Dönitz die »bedingungslose Kapitulation« annehmen musste, die auch »deutsche Gesamtkapitulation« genannt wird. Befreiung taucht weder in der Rubrik »Wichtige Begriffe« noch im Stichwortverzeichnis auf. (Hingegen die Stichwörter »Mauer«, »Mauerbau« und »Maueropfer« mit 13 Seitenverweisen.) 

Das Geschichtsbuch von Cornelsen, das ebenfalls das 20. Jahrhundert zum Gegenstand hat und für die Oberstufe bestimmt ist, erwähnt in einer knappen Chronik die »bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht«. Den Begriff »Befreiung« gibt es darin weder in der Rubrik »Grundinformationen« noch im kombinierten Sach- und Personenregister. Eine bemerkenswerte Ausnahme macht ein für die Mittelschulen Sachsens bei Diesterweg herausgegebener Band »Expedition Geschichte«. In ihm stoßen Schüler unter der Überschrift »Geschichte kontrovers« auf die ihnen gestellte Frage »Der 8. Mai 1945: Befreiung oder Niederlage?« und dazu auf zwei Texte: den erwähnten Weizsäckers und einen des Antifaschisten und ehemaligen Buchenwaldhäftlings Max Oppenheimer. Nachdem sie diese gelesen haben, sollen sie Argumente zusammenstellen und ein Streitgespräch führen. Zu den beiden Herausgebern und der Autorengruppe gehörte, das war wohl einmalig, ein Geschichtsdidaktiker, der in der DDR eine Professur für dieses Fach inne hatte. 

Podiumsgespräch mit Kurt Pätzold und jW-Chefredakteur Arnold Schölzel am 7.5.2015 in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, in Berlin-Mitte, Beginn 19 Uhr 

 

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Ein merkwürdiges Volk  

Den Deutschen ist nicht zu trauen: Der wiederveröffentlichte Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland nach dem Sieg  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 09.05.2015 

 

Zu den Fragen, die man zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa wieder einmal stellen konnte, gehörte auch diese: In welcher mentalen und geistigen Verfassung befanden sich die Millionen deutscher Zivilisten, auf die jene Millionen von Angehörigen der alliierten Armeen trafen, als sie in das Innere Deutschlands vordrangen und das Land schließlich vollständig besetzten? 

Was die Sieger auf deutschem Boden erwartete, auf welche Begegnungen mit der Einwohnerschaft sie sich einzustellen hatten, das beschäftigte Spezialisten in den Siegermächten schon, bevor der erste ihrer Soldaten die deutsche Grenze überschritt. Davon zeugen die »Instructions for Britisch Servicemen in Germany 1944«, der vergangenes Jahr mit deutscher Übersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen ist. Entstanden war dieser »Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944« als kleine Schrift schon 1943 im britischen Außenministerium, gedacht zur Orientierung, es ließe sich auch sagen: zur Einstimmung der Soldaten, die dabei waren, der deutschen Wehrmacht gleichsam den Rest zu geben und das »Reich« zu besetzen. Sie würden, darauf müssten sie gefasst sein, auf ein »merkwürdiges Volk« stoßen. 

Mit einer Vielzahl von Informationen, die von geographischen Informationen bis zu den Ernährungs- und Trinkgewohnheiten der Deutschen reichten, waren Verhaltensratschläge und –regeln verbunden, die den Soldaten für ihre neue Rolle gegeben wurden. Zentral waren natürlich Einschätzungen der mentalen Verfassung der Deutschen. 

Als der Text verfasst wurde, war noch unentschieden, wie lange der Krieg auf deutschem Boden nach dem Passieren der Grenze noch dauern werde und mit wieviel Gegenwehr und Feindschaft nicht nur von militärischen deutschen Einheiten zu rechnen sein würde. Folglich lauteten die Ratschläge und Forderungen, sich nicht täuschen zu lassen, wachsam, und misstrauisch zu bleiben, keine Risiken einzugehen, da diese auch tödlich bestraft werden könnten. 

Die meisten Instruktionen galten aber für die Friedenszeit. Auf kurze Formeln gebracht, lauteten die Verhaltensgrundsätze gegenüber den Besiegten dann: »Nicht brutal, aber auch nicht sentimental« und »Streng, fair und anständig«. Was immer die Soldaten der Royal British Army an Elend und Trümmer sehen würden, Gründe zu falschem oder ausgeprägtem Mitleid gegenüber den gegnerischen Kriegsopfern gäbe es nicht. Denn im Gegensatz zu den Beteuerungen, die sie hören würden, sei die Masse der Deutschen an dem Unheil und den Verbrechen beteiligt gewesen. 

Es habe sich, meinten die Autoren der Schrift, in den Jahren faschistischer Herrschaft ein deutscher Nationalcharakter weiter ausgeprägt, der sich schon lange vor 1933 gebildet habe. Dazu gehöre, dass diese Deutschen alles Militärische anbeten würden, an das Befehligtwerden gewöhnt seien, ja es sogar wünschten. Zudem gäbe es nicht näher beschriebene deutsche »Komplexe«, zu denen der Judenhass und der Hang zur Unterdrückung anderer zähle. Die Deutschen gerieten leicht in Wut, sie beherrschten ihre Gefühle nicht und ihnen fehle ein »ausgewogenes Selbstbewusstsein«. 

Dabei unterschieden die Instrukteure und erwähnten ausdrücklich die ehrenwerte Haltung deutscher Hitlergegner und Widerstandskämpfer. Die offensichtlich bürgerlichen Autoren rangen sich jedoch nicht bis zur Erwähnung von Kommunisten und Sozialdemokraten durch, erwähnten aber, dass die Unbeirrbaren und Mutigen aus Arbeiterkreisen stammten. 

Mehr Schwierigkeiten machte den Autoren die knappe Passage über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges, bei der sie um die Erwähnung von Großbritanniens Rolle doch nicht völlig herumkamen. Nach dem Ersten Weltkrieg hätten sich die Briten von den Deutschen überlisten lassen. In Wahrheit wären in Deutschland aber nur die Kulissen gewechselt worden. 

Hinter diesen »blieb die eigentliche Macht in den Händen der Generale, der Großindustriellen und Großgrundbesitzer und des Berufsbeamtentums. 

Diese warteten ab und lauerten auf die Gelegenheit, sich wieder ins Spiel zu bringen.« Derlei Wahrheiten möchte man in deutschen Schulbüchern lesen. Doch bei den gelungenen deutschen Tricks sei es nicht geblieben, leider wären bei den Verhandlungen 1938 in München Großbritannien und Frankreich nicht auf den Krieg vorbereitet gewesen, und da wird es milde in der Rückschau, so dass deren Regierungschefs »widerstrebend der Annexion wichtiger Grenzgebiete der Tschechoslowakei« zustimmten. 

Bemerkenswert sind dagegen auch noch 70 Jahre später die Warnungen vor den deutschen Klischees von den »Bolschewisten«, die ihnen über Jahre eingeprägt wurden. Auf derlei Lügen sollten die britischen Soldaten nicht hereinfallen, denn sie würden mit der Absicht verbreitet, die Alliierten zu spalten. Die Anti-Hitler-Koalition war da noch intakt und der Kalte Krieg, wenn auch nicht zeitlich, so doch gedanklich fern. 

Der Text schließt mit einem Abschnitt »Words and Phrases«, der den Briten helfen soll, sich mit Deutschen zu verständigen. Da finden sich Wendungen wie »Kann ich in Ihrer Scheune schlafen?« oder »Wann beginnt die Vorstellung?« 

  

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Kiepenheuer & Witsch, Kön 2014, 160 S., 8 Euro 

 

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