Der Geist von Torgau  

Am 25. April 1945 trafen in dem sächsischen Städtchen sowjetische und US-amerikanische Truppen im Kampf gegen die Wehrmacht zusammen. Eine Reportage von  

Frank Schumann 

In: junge Welt online vom 25.04.2015 

 

  Das über 1.000 Jahre alte Torgau hat, wie es ausschaut, seine Zukunft bereits hinter sich. Dieses Schicksal teilt es gewiss mit anderen Siedlungen hierzulande - besonders denen in den »blühenden Landschaften«. 

Allerdings hebt seine Vergangenheit es aus dem Kreis der Verlierer. Und diese Vergangenheit hat etwas Gleichnishaftes, weshalb man die Stadt an der Elbe nicht abschreiben sollte. Auch wegen der Symbole und Metaphern wird sie noch gebraucht. 

  Aus der Zeit der Renaissance - was bekanntlich »Wiedergeburt« heißt - stammen an die 500 Bauwerke, und wie Historiker befanden, besitzt Torgau damit deutschlandweit so viele wie keine andere Ortschaft. Das sah auch das SED-Politbüro so, weshalb es Mitte der siebziger Jahre beschloss, den Stadtkern als Flächendenkmal zu sanieren. Im Auftrag der Jungen Welt berichtete ich damals über junge Bauarbeiter, die mit der Restaurierung dieses einzigartigen Erbes beschäftigt waren. Einer zeigte mir einen handgestrichenen Ziegel, der den Abdruck einer Hand aufwies, legte seine Pranke in diesen und meinte, das wäre die Spur eines Kollegen, der vor einem halben Jahrtausend hier Hand angelegt habe. Und nicht ganz frei von anrührendem Pathos fügte er an: »Das ist wie eine Verpflichtung, verstehste?« 

  Ich glaube nicht, dass ihm dergleichen im FDJ-Studienjahr eingetrichtert worden war. Das hatte etwas mit dem Ethos seiner Klasse zu tun, eingeschlossen darin die Achtung vor der Leistung vorangegangener Generationen und die Verantwortung für die nach uns kommenden. Das war ganz offensichtlich ins kollektive Unterbewusstsein eingedrungen, was sicherlich mit dem Charakter der Gesellschaft und dem Stellenwert der Arbeit zu tun hatte. Ja, jetzt kommt sofort der Einwand, dass die Sanierung erst später mit viel Geld aus dem Westen fertiggestellt und andere Innenstädte damals dem Verfall preisgegeben worden seien. Trifft alles zu. Aber was sind leuchtende Fassaden, wenn es drinnen dunkel ist? 

  Taxifahrer Joe Polowsky  Ebenfalls Mitte der siebziger Jahre, im Juli/August 1975, endeten die Verhandlungen über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki; die Staats- und Regierungschefs unterzeichneten eine Schlussakte. Und hoch oben im All über Torgau dockte ein »Apollo«-Raumschiff bei der »Sojus 19«-Kapsel an. Den Ort hatte man deshalb gewählt, weil 30 Jahre zuvor eben dort unten auf der Erde Truppen der sowjetischen und der US-amerikanischen Streitkräfte zusammengetroffen waren. Die Begegnung im Kosmos sollte an das vernünftige Zusammenwirken bei der Zerschlagung des deutschen Faschismus erinnern und symbolisch den Ende des Kalten Krieges einläuten. 

  Joe Polowsky, Sohn jüdischer Emigranten aus Kiew und bei jener Begegnung am 25. April 1945 an der Elbe als US-Infanterist dabei, kämpfte zeitlebens dafür, dass dieses Datum zum »Weltfriedenstag« erklärt würde. An jedem 25. 

April hielt der Taxifahrer auf der Michigan-Avenue-Bridge in Chicago Mahnwache, was in den vierziger, fünfziger Jahren als »unamerikanisch« galt und ihm Repressionen eintrug. Er schrieb an die UNO und warb dafür in Ost und West. Walter Ulbricht sprach mit ihm. Eine Begegnung mit Konrad Adenauer ist nicht überliefert. Polowsky ließ sich 1983 auf dem Torgauer Friedhof bestatten, so hatte er es testamentarisch verfügt. Auf seinem Grabstein, der dort noch immer zu finden ist, beschwört er den »Geist von Torgau« - jenen Schwur, den Russen und Amerikaner seinerzeit geleistet hatten, gemeinsam für eine Welt des Friedens zu streiten. 

  Polowskys Beerdigung erfolgte in der Phase der Sprachlosigkeit der Führungsmächte der beiden Militärpakte, als die NATO in Westeuropa »Pershing II« und »Cruise Missiles« stationierte und der Warschauer Vertrag daraufhin die DDR und die CSSR mit »SS-20« bestückte. Erich Honecker, das sollte in diesem Kontext nicht unerwähnt sein, bemühte sich - wohl auch im »Geist von Torgau« - um eine »Koalition der Vernunft« und suchte das Gespräch selbst mit jenen, die Politik nach dem imperialen Muster machten: Wer sich nicht unterwirft, ist unser Feind. 

  Als Moskau sich in den neunziger Jahren endlich unterwarf und mit Jelzin alle alten Geister wieder auflebten, lud mich das Joe-Polowsky-Gymnasium in Torgau ein, um - am Rande des »Elbe Day«, wie das Volksfest im April mit Würstchenbuden und Dixieland neudeutsch hieß - ein Buch über Polowsky vorzustellen. Gekommen waren auch zwei russische Kriegsteilnehmer, deren Ordensschnallen die Jacketts fast bis zum Boden zogen. Sie berichteten lebhaft davon, und ihre Goldzähne blitzten, wie sie auf den Trümmern der von den Deutschen gesprengten Brücke ihren amerikanischen Kampfgefährten die Hände gaben. Und dann hätten sie auf den Elbwiesen getanzt, getrunken und geraucht. Sie wären sich einig gewesen: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus! 

  Die Elbbrücke  Die Schule an der Straße des Friedens trug ihren Namen seit 1995. Sie trug ihn nur 13 Jahre. Dann wurde sie abgerissen, weil Schüler fehlten. Einen Steinwurf von jenem geräumten Ort, der nun hochstapelnd Joe-Polowsky-Hain heißt, wohnt meine fast 89jährige Mutter. 

Sie kam Ende 1944 mit Eltern und Schwestern aus Trakehnen (heute Jasnaja Poljana) hierher. Mit anderen Gestütswärtern überführten sie die Pferde aus dem Gestüt in Ostpreußen in das preußische in Graditz bei Torgau. Am 25. 

April 1945 wurden sie aufgefordert weiterzuziehen. Wegen »der Russen«, die im Anmarsch waren. Kaum dass sie über die Elbbrücke Richtung Westen gezogen waren, flog diese hinter ihrem Rücken in die Luft. Die letzten Durchhalteidioten glaubten, damit den Vormarsch der Alliierten aufhalten zu können. Stunden später lagen sich Russen und Amerikaner auf den Brückentrümmern glücklich in den Armen. 

  Die Flussüberquerung findet man bereits auf einem Gemälde von Cranach dem Jüngeren, im Hintergrund Schloss Hartenfels, betitelt »Hirschjagd des Kurfürsten Johann Friedrich«. Der sächsische Kurfürst und sein Hofstaat siedelten später nach Dresden über, das dann - anstelle von Torgau - als barockes Elbflorenz aufblühte. Dadurch - es lebe die Dialektik - blieben in Torgau die Zeit und die Renaissancebauten stehen. Und während des Zweiten Weltkrieges fiel nur eine einzige Bombe, die aber kaum Schaden anrichtete. 

So überlebte das einzigartige bauliche Ensemble. 

  Die Brücke war 1946 wieder befahrbar, doch der Verkehr nahm stetig zu, so dass schon anderthalb Jahrzehnte später eine neue Elbüberquerung geplant werden musste. Die Ressourcen in der DDR waren knapp, Verkehrsschilder hingegen reichlich vorhanden. Ich erinnere mich, dass in den achtziger Jahren nur noch im Schritttempo die alte Brücke passiert werden durfte, und selbst dabei vibrierte der Boden unter den Füßen, dass man fürchtete, er öffnete sich unter einem und man stürzte in das träge dahinfließende Wasser. So wurde denn verbindlich beschlossen, 1990 endlich mit dem Bau einer neuen zu beginnen. Allerdings wurde auch dieser Beschluss aus den bekannten Gründen Makulatur. 

  Nun aber geschah etwas Merkwürdiges: Die Torgauer, inzwischen sächsische Untertanen, hatten die Demokratie gekostet (oder vielleicht schon immer gekannt) und waren ganz und gar nicht einverstanden, dass Dresden ihnen einfach eine seelen- und geschichtslose Betonüberführung vor die Nase setzen wollte. Es regte sich Bürgerprotest, das historische und symbolträchtige Bauwerk zu erhalten, eine Bürgerinitiative sammelte Stimmen für dieses Mahn- und Denkmal. Landesfürst Biedenkopf entschied: Tut nichts, die Brücke wird gesprengt. - Am Abend des 16. Juni 1994 flog sie unangekündigt in die Luft. 

  »Opfer politischer Gewaltherrschaft«  Und tags darauf beendete im Bonner Bundestag die sogenannte Eppelmann-Kommission ihre Arbeit. Da wie dort hatten die Herrschenden erfolgreich Geschichte entsorgt. Die zeitliche Nähe der beiden Vorgänge war Zufall, die Intentionen, auf denen diese »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur« fußten, ganz gewiss nicht. 

  Meine Torgauer Freunde, die diesen selbstherrlichen Willkürakt wütend verurteilten, tröstete ich mit der Feststellung, dass die CDU-Regierung lediglich den Beschluss des SED-Politbüros erfüllt habe: Der sah die Wiederherstellung der Stadtsilhouette vor, wie sie in der Renaissance bestanden hatte. Und, fragte ich sie, trug vielleicht die Elbüberquerung damals jene Stahlbögen? Wäre die CDU nicht schon immer ein williger Vollstrecker gewesen, egal, welche Fahne gerade auf dem schönen Renaissance-Rathaus am Markt wehte? 

  Für diese Art Sarkasmus fehlte ihnen die Antenne, zumal sie sich schon mit anderen Problemen herumzuschlagen hatten. So schickte sich die politisch instrumentalisierte Erinnerungsindustrie an, am Rande der hiesigen JVA - inzwischen der drittgrößte »Arbeitgeber« in der Stadt - eine Gedenkstätte für die »Opfer politischer Gewaltherrschaft« zu errichten, um auf die sowjetischen Speziallager 8 und 10 und den DDR-Strafvollzug zu verweisen. Und um nicht der Einseitigkeit geziehen zu werden, fanden auch die Toten der beiden - von insgesamt acht - Militärgefängnisse der Wehrmacht Erwähnung wie auch der Umstand, dass seit 1943 in Torgau das Reichskriegsgericht mordsmäßig urteilte und gleich erschießen ließ. Die genauen Opferzahlen sind bis heute nicht bekannt. Auch entdeckte man, bevor alle Zellen in Eigentumswohnungen verwandelt worden waren, den unverbauten Rest des einstigen geschlossenen Jugendwerkhofs als vorzeigbare Folterhölle. 

  Von dort sind es nur wenige Meter zum »Denkmal der Begegnung« an der Elbe. Auf halber Strecke setzte anno 1995, zum 50. Jahrestag der Befreiung, der »Bund der Vertriebenen« sein Denkmal für die »Opfer von Krieg, Flucht und Vertreibung« mit den Wappen der ehemals deutschen Provinzen jenseits von Oder und Neiße. Hingegen wurde der Platz, der einst nach der ermordeten Antifaschistin Martha Brautzsch hieß, in Friedrichplatz umbenannt und bei dessen Umgestaltung das Denkmal für die Opfer des Faschismus (OdF) abgeräumt. Es sollte, so hatte man den Torgauern zugesichert, nach dem Umbau wieder errichtet werden. Das war 1999. Angeblich fehlen bis heute 53.000 Euro für dessen Restaurierung und neuerlichen Aufbau ... Es gab also reichlich Gründe, sich mit der Geschichtsentsorgung und -umdeutung auseinanderzusetzen. 

  »Vereinigen? Mit denen?«  Das Haus, in welchem ich geboren wurde, roch 1975 vermutlich wie vor 500 Jahren. Der Geruch nistet noch heute in meiner Nase. Mein Vater entledigte sich des Hauses in den sechziger Jahren, weil die Instandhaltung zu teuer war. Eine solche Trennung von ihrem Erbe hätten die politisch Verantwortlichen ebenfalls gern vollzogen. Für die Junge Welt suchte ich auch die SED-Kreisleitung auf. Über die Entscheidung im fernen Berlin, den 30. Jahrestag der Begegnung an der Elbe ganz groß zu begehen, waren die Torgauer Genossen überhaupt nicht glücklich. Am liebsten würde er das Denkmal verschenken, sagte mir »der Erste«. Habe nicht der allererste Kontakt zwischen Russen und Amerikanern ein paar Stunden früher in Strehla stattgefunden? In Torgau lag man sich gegen 16 Uhr in den Armen, in Strehla bereits gegen Mittag. Der Ort, das muss man wissen, befand sich nicht nur 30 Kilometer flussaufwärts, sondern bereits im Nachbarkreis, also nicht mehr in der Torgauer Zuständigkeit. 

  Ich hatte nicht den Eindruck, dass die politische Führung der Kreisstadt etwas dagegen hatte, wenn nunmehr - nach 30 Jahren - wieder Amerikaner nach Torgau kämen (die Sowjets waren ja seit 1945 in der hiesigen Garnison ständig präsent). Die Yankees würde man schon aushalten. Auch die Tatsache, dass die große Politik in die provinzielle Ruhe einbrach und sich die Augen der Welt für einen Moment auf ihre Stadt richten würden, beunruhigte sie nicht. Es war vielmehr die allgegenwärtige Sorge, dass die Regieanweisungen aus Berlin nicht so umgesetzt werden würden, wie man es dort von ihnen verlangte. Wenn irgend etwas nicht klappte, hätten ausschließlich sie den Ärger. Und nur diesen fürchtete man. 

  Die Penne - also die Oberschule, an der ich Abitur gemacht hatte - war zum internationalen Pressezentrum und damit quasi zum exterritorialen Gebiet erklärt worden, über dessen Sicherheit die zuständigen Genossen wachten. Bei der Pressekonferenz traf ich meinen ehemaligen Englischlehrer. 

Er erklärte mir auch den Grund, weshalb er ein wenig derangiert aussah: Er hatte in irgendeiner Besenkammer in der Schule übernachtet und damit die Sicherheitsnadeln ausgetrickst, worüber wir beide uns köstlich amüsierten. 

Der Grund für dieses Bubenstück: Er wollte einmal die Männer aus der Nähe erleben, die sich damals die Hände auf der Brücke gereicht hatten. Denn dazu war, wie er mit Recht annahm, bei der offiziellen Feier keine Gelegenheit. Zu entrückt die Soldaten und die Offiziellen, die vor dem Denkmal der Begegnung Aufstellung nahmen, während sich die Torgauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite drängten. 

  Zehn Jahre später wiederholte sich alles. Inzwischen hatte die Stadt gegenüber dem Begegnungsdenkmal ein Betonrelief errichtet, das an die Befreiung Torgaus durch die Rote Armee erinnerte (»Ruhm dem Sowjetvolk - Dank für seine Befreiungstat«). Das war politisch und prinzipiell richtig, aber historisch nicht ganz korrekt. Schließlich hatten die Amerikaner Torgau befreit, während die Rote Armee nur bis zum Ostufer der Elbe gekommen war. Das Kunstwerk wirkte ein wenig trotzig, auch in Richtung Berlin. Warum musste man dort diese Amerikaner derart hofieren? Am Sockel des »Denkmals der Begegnung« war (und ist noch immer) auf schwarzem Granit zu lesen: »Hier an der Elbe vereinigten sich am 25. April 1945 die Truppen der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee mit den amerikanischen Truppen.« Vereinigen? Mit denen? 

  Aus Torgauer Perspektive war der Unmut verständlich. Aber es ging um den Weltfrieden, um Abrüstung, da musste man Zugeständnisse machen, die man nicht überall nachsichtig hinnahm. »Na«, sagte Dieter Itzerott - seit 1976 der »Parteierste« in Torgau und in den sechziger Jahren als 2. Sekretär des FDJ-Zentralrats Mitherausgeber der Jungen Welt -, »wenn du mit dem Teufel Suppe isst, brauchst du einen verdammt langen Löffel.« Den, wie sich alsbald zeigte, besaßen wir nicht. 

  Das Denkmal der Begegnung reckt sich am Ufer der Elbe. Flaggenbekrönt erinnert es mehrsprachig an jenen 25. April 1945. Aus gegebenem Anlass wurde es unlängst mit Sandstrahlgebläse gereinigt, seit kurzem leuchtet es auch nächtens. Über die Straße bröckelt jenes Betonrelief vor sich hin, das im offiziellen Wikipedia-Eintrag der Stadt keine Erwähnung findet. Wohl aber wird dort das OdF-Denkmal explizit genannt - obgleich es doch schon seit 1999 fehlt. Das Grün rings um den Sandsteinquader oberhalb der Elbe ist heute wahrlich gepflegter als seinerzeit; es kommen jetzt auch viel mehr Touristen her. Und sie lesen dort, zumindest auf Englisch: »Glory to the victorious Red Army and our heroic Allies having triumphed over fascist Germany.« Jawohl, sie haben über das »faschistische Deutschland« triumphiert und nicht über die »nationalsozialistische Gewaltherrschaft« oder wie all diese verschwiemelten, verfälschenden Wendungen heißen, die im kapitalistischen Deutschland im Gebrauch sind, um die Wurzeln zu leugnen, aus denen dieses Verbrechersystem wuchs. Und das der Grund war, weshalb Russen und Amerikaner sich mit ihren Soldaten, Panzern und Kanonen aufmachen mussten, dieses Pack in den Staub zu werfen. 

  Ein halbes Jahrtausend  An dem Eckhaus, das ich eine Zeitlang bewohnte, erinnert eine Tafel an die »Torgauer Artikel«, die Martin Luther, Philipp Melanchthon, Justus Jonas der Ältere und Johannes Bugenhagen 1530 verfassten. Jenseits der Straße, die optimistisch »Wintergrüne« heißt, ist die Marienkirche mit dem Grab Katharina von Boras - die Luther-Witwe starb in Torgau 1552 - und das von Sophie von Mecklenburg, der Frau des sächsischen Kurfürsten. Die Bronzeplatte stammt aus der Nürnberger Werkstatt von Peter Vischer dem Älteren, und über den Taufstein daneben wurde auch ich gehalten. Neben dieser Kirche, auf halber Strecke zur Schlosskapelle, der ersten protestantischen Kirche in Deutschland, erhebt sich die einstige Kurfürstliche Kanzlei, in der sich Zar Peter I. und Gottfried Wilhelm Leibniz zum Gedankenaustausch trafen, wie es heißt. Der russische Monarch war 1711 nach Torgau gekommen, weil sein Sohn Alexej im Schloss Hartenfels heiratete. Er war nicht der erste und auch nicht der letzte Russe am Ort. - Geschichte und Gedenktafeln auf Schritt und Tritt. 

  Am liebsten allerdings ist mir die Inschrift an dem ans weiße Eckhaus angrenzende Gebäude vis-à-vis der Stadtbibliothek, die alle Restaurierungen überdauerte. Mit schwarzer Pechfarbe ist dort in kyrillischen Lettern nebst Richtungspfeil hinterlassen, wo es zur Küche des 2. Bataillons geht. Für mich ist es das interessanteste und wichtigste Zeugnis der Vorgänge von 1945. Die Botschaft ist irdisch, menschlich, humanistisch. Sie betrifft ein natürliches Bedürfnis. Womit ein Bogen geschlagen wird zum Humanismus der Renaissance, zum Aufbruch aus der geistigen Enge des Mittelalters. Das geschah an diesem Ort vor einem halben Jahrtausend. 

  Wie gesagt: Etwa 500 Gebäude aus der Zeit der Renaissance stehen in Torgau, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. Und eines mit einer 70 Jahre alten russischen Inschrift. Vielleicht nimmt man diese als das, was sie ursprünglich gewiss nie sein sollte: als einen Appell, den »Geist von Torgau« nicht zu vergessen. 

 

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