Als Bordsteinschwalbe in der Ukraine  

Vor 40 Jahren zogen die ersten DDR-Bauarbeiter in den sowjetischen Osten, um die »Trasse der Freundschaft« zu bauen  

Matthias Krauß 

In: junge Welt online vom 27.04.2015 

 

Eine surreale Situation. Etwa ein Dutzend junger Männer, ein jeder im verschossenen schlamm- und ölverschmiertem Arbeitsdrillich, sitzen an einem langen Tisch und frühstücken nach 14stündiger Nachtschicht schweigend in der großen Speisesaalbaracke. Es ist morgendunkel, und auf einer Art Bühne wiegt sich ein Duo des Berliner Friedrichstadtpalastes in den Hüften und trällert: »Was macht das schöne Grün, wenn die Blüten erblühn...«. Die beiden Künstler mittleren Alters, er im Frack, sie in bunten Rüschen, singen früh morgens kurz nach sieben ein albernes Couplet nach dem anderen. 

Dass ihnen einige im Publikum den Rücken zuwenden, scheint sie nicht zu stören. Sie singen routiniert, es ist ihnen offenbar nicht zu blöd, und wir haben sie auch nicht gefragt. 

Denn wir sind zu müde dafür. Nach dem Frühstück wird noch ein Bier getrunken, dann gehen die studentischen Hilfskräfte der Trassenbauer in ihr Barackenbett. So ist das hier in der tiefsten Ukraine, im Sommer 1984. 

Das war in einer Zeit, als die Ukraine nicht wie heute Fernsehschauplatz einer nationalen Tragödie war, sondern Ersatzheimat und Arbeitsplatz für Tausende DDR-Bürger. Von den drei Abschnitten der Trasse, welche die DDR zu bauen hatte, lag einer in der Ukraine und bot nicht allein gute Verdienstmöglichkeiten. Die deutschen Trassenbauer hatten ein Recht auf kulturelle Betreuung aus der Heimat. Dieses Recht beschränkte sich nicht nur auf die Tagschicht der Trassenbauer, auch die Nachtschicht wird kulturell erfasst. Und deshalb liessen die Künstler in aller Frühe die Blüten erblühen. Sie waren hier nicht die ersten »Kulturschaffenden« aus der DDR und sollten auch nicht die letzten sein. Dem Bildungs- und Erziehungsideal der »vielseitig entwickelten sozialistische Persönlichkeit« wurde selbstverständlich auch in der Ukraine Tribut gezollt. 

Von den SchlaglöchernDie 20köpfige Leipziger Studentenbrigade war zuvor in Lwow (Lemberg) gelandet und danach acht Stunden im Bus durch die hügelige ukrainische »Kornkammer Europas« gefahren, in die Kreisstadt Bar. Die liegt unweit von Winiza, wo 1941 etliche Divisionen der Roten Armee vor der Wehrmacht kapitulierten. 

Wir Studenten waren in den folgenden sechs Wochen im wesentlichen damit befasst, ein ukrainisches Dorf an das Straßennetz anzuschließen und zu diesem Zwecke dem Kreisstraßenbaubetrieb Rodewisch (Vogtland) zugeteilt. Es war wirklich ein Witz: Die Schlaglöcher in den heimatlichen Straßen werden immer größer, und die letzten Reste der vogtländischen Straßenbaukapazität tummelten sich Mitte der 80er Jahre in der Ukraine. Mit dem Kommilitonen Andreas war ich einige Wochen lang für die Bordsteinproduktion zuständig, baute Holzformen nach Bestellung, in die der Mischer dann den Beton gosst. 

Für die Arbeiter, die unsere Werke abholen, um die Straße damit abzugrenzen, waren wir die »Bordsteinschwalben«. Gelegentlich kam eine Bauersfrau vorbei, und verteilte Äpfel. Sie sei aus Moldawien, erzählte sie uns und sei zufrieden mit Brot, Obst und Honig. 

Alles begann vor genau 40 Jahren, am 27. April 1975. Da zogen die ersten Trassenbauer in die Sowjetunion, um die Camps zu errichten, in denen die Bauleute leben sollten. Die Deutschen rückten ein - diesmal friedlich, mit dem Bagger. Für die Energielieferungen aus der Sowjetunion zahlte die DDR, indem sie Teile des Rohres verlegte, aber auch Wohnblöcke baute, Schulen, »gesellschaftliche Zentren« und eben auch Straßen. 

Vor dem selbstgebrannten Schnaps wurden wir gewarnt. Und vor Geschlechtskrankheiten und Zeckenbissen. Düstere Bilder von erblindeten Trassenbauern zeichnete der Einweiser in der FDJ-Kreisleitung Leipzig. Die Arbeiter sahen das anders. Die Qualität des Selbstgebrannten sei wirklich unterschiedlich, aber wirklich schlechte Erfahrungen habe keiner gemacht, behaupteten sie. 

Nicht aus Watte»Mädchen denkt daran, ihr seid nicht aus Watte«. Der dicke Parteisekretär hatte seine Wattejacke gar nicht erst ausgezogen, die Einführung am Arbeitsort ist kurz und nüchtern. Frauen an der Trasse. So ausgehungert die Arbeiter hier auch sein mochten, so scheu benahmen sich die meisten gegenüber den wenigen Studentinnen in den Hilfsbrigaden. 

Alkoholexzesse oder anderes - blitzschnell hatte der Trassenbauer, was er gern vermeiden wollte: die Rückfahrkarte. Auf etwa zwanzig Arbeiter kam hier eine Frau, meist in der Küche oder der Wäscherei beschäftigt oder in den Büros, bei den »Lackschuhen«, wie die Ingenieure, Verwalter oder anderes Leitungspersonal verächtlich genannt wurden. Eheschließungen zwischen Trassenbauern und Ukrainerinnen waren nicht gerade an der Tagesordnung, kamen aber vor. Dann musste der delegierende Betrieb für den Brautvater einen Brunnen graben. 

Mit Gesängen wie »Bau auf, bau auf« war im Spätherbst der DDR nicht mehr viel zu mobilisieren, die zuständigen FDJ-Stellen für das »Zentrale Jugendobjekt« lockten weniger mit blauen Fahnen als mit blauen Lappen, mit viel Geld, in die östliche Ferne. An der Trasse wurden zwischen 2.500 und 4.000 DDR-Mark monatlich verdient, das war ein enormer Anreiz. Die Trassen-Erbauer, wie sie in besonders weihevollen Momenten genannt wurden, warteten nicht 10 Jahren auf einen Trabbi oder 16 Jahre auf einen Wartburg. 

Sie kauften die Autos, wenn sie das Geld zusammen haben, und sie teilten ihre Zeit im Osten danach ein. Ein Trabbi-Zyklus dauerte acht Monate an der Erdgastrasse, ein Wartburg-Zyklus zwei Jahre, rechnete mir Otto vor. Der hieß so, weil er aussah wie Waalkes, er verwaltete das Materiallager im Stützpunkt, und ihn störte nicht, dass die FDJ-Fahne vom Wellblechdach wehte. Er betrieb die Kaffeeküche, und zu ihm stahl sich, wer mal heimlich pausieren wollte. 

Eigenartige GeschäftspartnerDie sowjetischen Auftraggeber waren eigenartige Geschäftspartner für die DDR-Betriebe, nicht gute, nicht schlechte, sondern eben eigenartige. In den Staatsverträgen war ausgemacht, dass alles zum Nötige zum Bauen aus der DDR stammte - es wurden zügeweise Betonplatten um die halbe Welt gefahren und manchmal verschwand auch so ein ganzer Zug in den russischen Weiten auf Nimmerwiedersehen. Für dieses gigantische Trassenprojekt lieferte die DDR alles, bis auf den letzten Nagel. Abgesehen von Kies, Zement und Ziegel, das lieferten die Sowjets. Die Qualität der Ziegel war so schlecht, dass sie nicht einfach abgekippt werden konnten, sie wären dabei zerbrochen. Wir Studenten verbrachten ganze Tage beim sogenannten Steinetreiben, das heisst wir haben uns die Steine zugeworfen und behutsam aufgestapelt, damit nicht noch mehr verloren gingen. 

Die Arbeiter fluchten. »Die Russen sind schuld« hörte man öfter. »Die Russen« lieferten manchmal ihre Baustoffe zum letzten möglichen Termin. 

Denn wenn die DDR-Deutschen nicht pünktlich Teilabschnitte übergaben, kassierten die »Freunde« Vertragsstrafen. Wir waren daher zu Rettungsaktionen verdammt und standen nachts auf schlecht beleuchteten Güterzügen, um im Wettlauf mit der Uhr den Kies dort runterzuschaufeln. Auf der anderen Seite kam es aber auch vor, dass ein sowjetischer Geschäftspartner nach einer feuchtfröhlichen Produktionsberatung mit zehn Lastkraftwagen und hundert Leuten uns an einer anderen Stelle wie verrückt aushalt und dafür weder Geld noch sonst irgendwas wollte. Die Medaille hatte immer diese zwei Seiten. So sah es nun mal aus, wenn fernöstliche Freundschaft schnödes ökonomisches Denken besiegt. 

Weil es ja heutzutage Konvention ist, die DDR auf Schäbigkeit und Unfähigkeit zusammenzustreichen: Die Erdgastrasse ist stabil verlegt, sie sorgt ununterbrochen für einen warmen Hintern sowohl in Ost- wie auch in Westdeutschland. 

 

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