Spätbürgerlicher Kommunist  

Vor 100 Jahren, am 13. April 1915, wurde der Dichter Stephan Hermlin geboren  

Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 11.04.2015 

 

Stephan Hermlin hat nur ein schmales literarisches Werk hinterlassen, das in der Hauptsache während knapp zweier Jahrzehnte entstand. In den späten 1950er Jahren hörte er auf, Lyrik zu schreiben; alle gewichtigen Prosawerke, mit der Ausnahme des 1978/79 niedergeschriebenen, autobiographisch grundierten Buchs »Abendlicht«, sind zwischen 1944 und 1953 entstanden. 

Nun gibt es, selten genug, Schriftsteller, die irgendwann das Schreiben einstellen. (Und man sollte ihnen danken, angesichts ihrer zahlreichen Kollegen, denen nichts mehr einfällt, die aber dennoch nicht aufhören, Verlagsprogramme und Feuilletons vollzustopfen.) Unter ihnen gibt es aber kaum einen Autor, dessen Gewicht in der literarischen Welt, bei geringer Produktion, sogar noch wächst. 

Zu ihnen gehört Hermlin, und zwar zum einen deshalb, weil er ein bedeutender Vermittler von Literatur war. Als Übersetzer von Gedichten eines Paul Eluard, eines Pablo Neruda und vieler anderer machte er dem deutschen Publikum, und zuerst dem in der DDR, die Literatur vieler Länder zugänglich. In Essays, Reden und Radiobeiträgen beherrschte er die Kunst, Dichter auf knapp umrissenem Raum derart vorzustellen, dass die wesentlichen Züge ihres Werks deutlich wurden und das Interesse geweckt wurde, sie zu lesen. 

Kontroverser war das kulturpolitische Auftreten Hermlins. Jüdischer Herkunft und Kommunist, musste er nach Tätigkeit im Widerstand 1936 Deutschland verlassen und kehrte nach Stationen in Palästina, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz erst 1945 nach Deutschland zurück. Seine Bemühungen um ein antifaschistisches Literaturverständnis wurden im US-amerikanischen Machtbereich beim Frankfurter Rundfunk immer mehr behindert, und so wechselte er 1947 in die sowjetische Besatzungszone. 

Der sprachgewandte, umfassend gebildete Hermlin nahm dort bald eine wichtige Funktion ein. Im Weltfriedensrat setzte er sich gegen die vom Westen vorgegebene Aufrüstung im Kalten Krieg ein und konnte wichtige Kontakte knüpfen. Im Verhältnis zur Bundesrepublik zeigte er immer wieder auf, polemisch zugespitzt, wie die Rückkehr der Nazis in westdeutsche Führungspositionen, die von der Regierung Adenauer organisierte Westbindung und die Propaganda von Medien der BRD eine gesamtdeutsche Lösung verhinderten. 

Politisch entstanden in den 1950er Jahren die klügsten Beiträge Hermlins - auch wenn er sich von deren Schärfe später missbilligte. Eine Distanz zu seiner Regierung deutete sich nach Chruschtschows Rede gegen Stalin 1956 an, den ersten schwerwiegenden Konflikt gab es, nachdem Hermlin im Oktober 1962 als Sekretär der Abteilung Literatur und Sprachpflege der Akademie der Künste der DDR Lyrik junger Autoren hatte lesen lassen und in der anschließenden Diskussion grundsätzliche Kritik an der Kulturpolitik der SED formuliert worden war. 

Hermlin musste als Sekretär der Abteilung abtreten (verblieb jedoch in der Akademie). Das Wechselspiel von Regierungsnähe und Opposition wiederholte sich in der Folge mehrfach. Nachdem Erich Honecker 1971 Walter Ulbricht gestürzt hatte, formulierte Hermlin für seinen Freund Honecker neue kulturpolitische Leitlinien, die auch für einige Jahre Bestand hatten. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns organisierte Hermlin eine Protestresolution, von der er sich aber bald zurückzog. 

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die kulturpolitischen Frontstellungen bereits deutlich geändert. Hermlin, seit anderthalb Jahrzehnten im Kampf mit nicht immer klugen Dogmatikern, bemühte sich weiterhin um eine Erweiterung dessen, was als kulturelles Erbe anerkannt wurde - während tatsächlich in der DDR Romantik und Moderne schon umfassend rezipiert wurden und es inzwischen darum gegangen wäre, klassische und realistische Traditionslinien zu verteidigen. 

Enttäuschtes VertrauenIn den 1980er Jahren rückte die Friedenspolitik wieder ins Zentrum von Hermlins Aufmerksamkeit. Er war ein wichtiger Redner auf der Rostocker Plenartagung der Literatursektion der Akademie im März 1981. Angesichts der wachsenden Atomkriegsgefahr, die von der westlichen Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen ausging, veränderte Hermlin seine Argumentation. War es dem Weltfriedensrat, bei allem Bemühen um Verständigung, stets darum gegangen, die Verantwortung des Westens für den Kalten Krieg nachzuweisen, so benannte Hermlin nun gegenseitiges Vertrauen als Voraussetzung für ein friedliches Miteinander; ähnlich bei der von ihm maßgeblich initiierten »Berliner Begegnung« vom Dezember 1981, die Intellektuelle aus Ost und West miteinander ins Gespräch brachte. 

Voraussetzung dafür ist natürlich ein Gegenüber, dem man vertrauen kann; und mit den Regierungen Reagan (ab Anfang 1981) und Bush sen. in den USA, mit den Regierungen Schmidt und Kohl in der Bundesrepublik war diese Voraussetzung nicht gegeben. Bereits 1983 formulierte Hermlin auf einer Tagung der Westberliner Akademie der Künste, dass Friedensinitiativen des Warschauer Pakts im Westen auf Desinteresse stießen. Seine Rede unter dem zugespitzten Titel »Die Sprache der Schlächter« wurde in der Zeit gedruckt; doch zog Hermlin aus dem Scheitern seiner Friedensbemühungen keine Konsequenzen. 1989 begrüßte er die Demonstrationen in der DDR als Möglichkeit, das zu beseitigen, was aus seiner Sicht »Stalinismus« war. 

Insoweit traf er sich mit jüngeren Kollegen wie Christa Wolf oder Christoph Hein. Anders als sie hatte er allerdings das Jahr 1933 erlebt und hatte eine Vorstellung davon, was eine Machtübergabe an die Rechte bedeuten kann. 

So verlangte er bereits am 13. Dezember 1989 auf einer Plenartagung der Akademie, im Falle von Gewaltanwendung die Nationale Volksarmee einzusetzen (Christa Wolf widersprach energisch). Am 7. März 1990 stellte er dann resigniert fest: »Dieser Staat hat sich selbst entwaffnet.« 

Die Parallele, die er bei gleicher Gelegenheit, auf einer Sektionssitzung der Akademie, zu den Ereignissen von 1933 zog, war sicherlich überzogen. 

Sie zeigte jedoch, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit dem Faschismus für Hermlin lebenslang behielt. Auch dass er als SED-Mitglied, gegen alle Parteidisziplin, öffentlich gegen die Ausbürgerung Biermanns protestiert hatte, hing damit zusammen. Die Maßnahme erinnerte ihn an die Ausbürgerungen, die die Nazis vorgenommen hatten. Entsprechend wehrte er sich 1991 lange gegen Heiner Müllers Plan, missliebig gewordene Künstler aus der Ostakademie hinauszuwählen, um mit dem unanstößigen Rest en bloc der Westberliner Akademie der Künste beitreten zu können: Das Verfahren stand in allzu offenkundiger Nähe zur Vertreibung von Juden und Antifaschisten aus der Preußischen Akademie 1933. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Akademiemitgliedern war Hermlin im Westen künstlerisch anerkannt und institutionell gesichert. Bereits 1976 war er von der Westakademie aufgenommen worden, seit Jahrzehnten wurden seine Bücher im Wagenbach Verlag veröffentlicht. Es war unbestritten, dass er - trotz Parteiangehörigkeit - seit mindestens zwei Jahrzehnten Distanz zu seiner Regierung gehalten und Reformen eingefordert hatte, wie sie in den westlichen Medien gefielen. Allerdings waren aus dieser Sicht Autoren wie Hermlin nur solange politisch nutzbar, wie es darum ging, den Staat DDR abzuräumen. Nachdem dies gelungen war, wurden dieselben Schriftsteller lästig: Statt um den ideologisch aufgeladenen Gegensatz von freiheitlichem und staatlichem Sozialismus ging es nun um den Nachweis, dass überhaupt jeder Sozialismus zu verdammen sei. Nach Angriffen auf Christa Wolf und Heiner Müller traf es 1996 auch Hermlin. Karl Corino, als Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks jahrelang bewährt in antikommunistischer Propaganda, rekonstruierte akribisch Hermlins Leben bis 1945 und fand tatsächlich etliche Unterschiede zwischen realem Leben und dem, was der Autor in seinen Texten geschrieben hatte. 

Manche von Corinos Behauptungen waren von abstruser Böswilligkeit: etwa die, dass sich Hermlin von seiner jüdischen Herkunft distanziert habe. Das Werk ist voll von Verweisen auf den faschistischen Völkermord, aber auch auf den Widerstand von Juden; so vor allem die Erzählung »Die Zeit der Gemeinsamkeit«, die den Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 zum Thema hat. Vieles von dem, was er umständlich nachwies, war bereits in der 1985 in der DDR erschienenen Werkbiographie Silvia Schlenstedts nachzulesen, etwa dass Hermlin - anders als die Hauptfigur der Erzählung »Abendlicht« - nach 1933 nicht studierte, sondern als Drucker arbeitete. Ohnehin wollte Corino nichts wissen vom Unterschied zwischen Angaben in fiktionalen Texten und einer realen Biographie. 

Verteidiger wie der Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt wiesen auf diese Schwäche in Corinos Argumentation hin. Auf seiten Hermlins meldeten sich vor allem Intellektuelle aus der DDR zu Wort, die verstanden, dass es hier nicht um den Einzelfall ging, sondern darum, eine ganze Tradition zu diffamieren. Unter gesamtdeutschen Medienverhältnissen musste diese Position die einer Minderheit bleiben. Ein gutes halbes Jahr nach Corinos Angriff, am 6. April 1997, starb Hermlin. 

Person und WerkAllerdings muss zugestanden werden, dass Corino tatsächlich einen angreifbaren Punkt gefunden hatte. Der Status, den Hermlin als Dichter genoss, der kaum mehr schrieb, war auch in der Identifikation von Leben und Werk begründet. Zentral für die Biographie war die Identität großbürgerlicher Herkunft einerseits (noch auf dem Schriftstellerkongress von 1978 nannte sich Hermlin, zur Empörung vieler Anwesender, einen »spätbürgerlichen Schriftsteller«), und kommunistischem antifaschistischen Widerstand andererseits. Letzteren konnte zwar auch Corino nicht völlig abstreiten; doch spielte ihm in die Hände, dass zuvor Hermlin keinen Widerspruch eingelegt hatte gegen Übertragungen von fiktionalen Angaben aus seinen Erzählungen in literaturwissenschaftliche und publizistische Texte über ihn. 

Mehr noch: Die Parallelen zwischen fiktionalen Figuren und realem Autor sind bis ins Extrem getrieben. In »Die Zeit der Gemeinsamkeit« gibt es nicht nur eine Rahmenerzählung, in der ein Ich, wie real Hermlin, ins zerstörte Warschau der Nachkriegszeit reist; in den Trümmern des Ghettos vergegenwärtigt sich dieses Ich Notizen eines kämpfenden Juden aus der Zeit des Aufstands, der zudem bis hin zum Geburtsjahr Züge des Autors Hermlin trägt. 

Die meisten der Hauptfiguren in den Werken haben Züge, die an den Autor Hermlin erinnern. Und zentral im Werk sind Faschismus und Widerstand. 

Zahlreiche der Gedichte und unter den Prosawerken nicht nur »Abendlicht«, sondern fast alle Erzählungen haben diese eindeutige Frontstellung zum Thema. Konflikte beim Aufbau des Sozialismus in der DDR dagegen interessierten Hermlin nur selten. Er zielte, sprachlich aufs äußerste stilisiert, auf die Darstellung der härtesten denkbaren Konfrontation; mit ausgleichbaren Widersprüchen befasste er sich als Essayist, doch kaum je in seinen Erzählungen. 

Der thematisch enge Rahmen wird dabei in großer formaler Vielfalt durchmessen. Die traumhaft-assoziativen Wahrnehmungen des »Der Leutnant Yorck von Wartenburg« (1944) - der nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 während seiner Hinrichtung ein befreites Deutschland vorhersieht - und im »Brief eines Malers aus Paris« (1946) kontrastieren mit der nüchternen Bestandsaufnahme in »Der Weg der Bolschewiki« (1950). In letzterer Erzählung geht es um einen Massenausbruch sowjetischer Kriegsgefangener aus einem deutschen Lager, um Opferbereitschaft und das Versagen der deutschen Bevölkerung, denn: Die meisten der Entflohenen wurden aufgrund von Denunziationen wieder gefangen. Der Rückkehrer aus der Emigration behält den Eindruck, unter Feinden zu sein; noch die späte, novellistisch zugespitzte Erzählung »Ein Mord in Salzburg« (1983) zeigt eine - in diesem Fall österreichische - Gesellschaft, in der Antifaschisten an den Rand gedrängt sind. Dabei geht es häufig um die Frage, weshalb der deutsche Widerstand erfolglos blieb und die Befreiung von außen kommen musste. »Die erste Reihe« (1951), eine Sammlung von Porträts junger Widerstandskämpfer, die während des Faschismus ermordet wurden, bewahrt allerdings die Erinnerung an das dennoch Geleistete auf und gab damals Lesern eine Möglichkeit, positiv an einen Teil der deutschen Geschichte anzuknüpfen. 

Eine Idylle im KriegWie Hermlin das Erlebte literarisch verarbeitet, lässt sich an einer der kürzeren Erzählungen zeigen. »Arkadien«, geschrieben 1949, zeigt kein idyllisches Land der Schäfer und Bauern, sondern spielt in Südfrankreich im Juni 1944. Zu dieser Zeit war zwar Hermlin bereits die Flucht in die Schweiz gelungen, doch spielen sicherlich Erfahrungen aus seiner Widerstandstätigkeit in Frankreich eine Rolle. Der französische Arbeiter Charlot und der deutsche Intellektuelle Louis treten auf; sie kämpfen bei den Franc-Tireurs et Partisans, womit sich der Widerstand als nationen- und klassenübergreifend erweist. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie halten sich die deutschen Truppen und ihre französischen Kollaborateure zurück. So können Charlot und Louis ihren früheren Kameraden Marcel aus einer Zelle holen - doch nicht, um ihn zu befreien. Marcel wurde nach seiner Gefangennahme zum Verräter und hat den Tod von 23 Widerstandskämpfern verschuldet. Er wird auf einem Marktplatz der Bevölkerung präsentiert, zum Standort der Résistance gebracht und am Folgetag nach einem kurzen Gerichtsverfahren gehenkt. 

Es geht jedoch nicht darum, eine brutale Rache oder auch nur eine gerechte Strafe darzustellen. Im Zentrum steht vielmehr, wie der Verrat den Verräter verändert hat. Jahrelang war Marcel ein geachteter Mitkämpfer gewesen. 

Nachdem er den Nazis das Lager seiner Kameraden gezeigt hatte, war er einige Zeit in Freiheit - ein Trinker, verabscheut von der Bevölkerung der Kleinstadt. Nun ist er ruhig und erwartet das Ende. Marcel leugnet nichts und versucht auch nicht, sich mit der Lüge herauszureden, er sei gefoltert worden. Was ihm nun allein noch wichtig ist, das ist ein handwerklich korrekter Ablauf. Widerspruch meldet er erst an, als man ihn an einer zu dünnen Gardinenschnur aufhängen will. Tatsächlich reißt diese; und Louis stellt fest, »dass Marcel außer dem eigensinnigen Verlangen nach dem Tode nur die Befriedigung eines Mannes fühlte, der soeben offensichtlich, unbestreitbar recht behalten hatte gegen die Meinung anderer Leute.« 

Die Erzählung gewinnt ihre Wirkung nicht zuletzt daraus, dass die Handlungen der Personen nicht aufgehen in politischen Überlegungen und ihren Folgen. Vielmehr erlaubt es die extreme Konfrontation in Krieg und Faschismus, grundsätzliche Haltungen zu beleuchten. Dies wird in »Arkadien« zudem durch die Natur überhöht. Nach dem zweiten, erfolgreichen Versuch, Marcel zu hängen, heißt es, aus der Perspektive von Louis: »Er empfand die ganze dunkle Unschuld der Landschaft, ihre Wärme, ihre unergründlich-staunende Redlichkeit, in der sich jetzt überall unter dem wolkenlosen Himmel das Gewitter der Befreiung zusammenzog.« 

Das ist eine Reihe von Sinneseindrücken und sprachlichen Bildern, die sich nicht ins Logisch-Begriffliche übertragen und auch nicht politisch einsetzen lässt. Vielmehr geht es um Erhabenheit und Sinngebung. Marcel erschien keineswegs als Teufel; der Leser hasste ihn vermutlich nicht, sah jedoch - wie der Gefangene selbst - die Notwendigkeit seines Todes ein. Die Naturempfindung rechtfertigt das Geschehene und führt zu einem Schlusssatz, der den Titel »Arkadien« - als das Land der literarischen Gattung Idylle - rechtfertigt. Louis sieht »wie auf einem Bild« (nämlich von einer Mauer, als Bilderrahmen, von der Büste abwärts von einer Mauer verdeckt) zwei Mädchen: »Sie standen da, jede einen Arm um den Nacken der anderen geschlungen, mit leicht geöffneten Mündern, als sännen sie einem Liede nach, und sahen mit großen Augen an dem Erhängten vorbei nach dem Garten zu und den Bergen, während auf der Brüstung neben ihren offenen braunen Händen eine Eidechse sich sonnte.« 

Was an Gewalt notwendig war, wird auch wieder nebensächlich; der Blick der Mädchen richtet sich auf bearbeitete Natur (Garten) wie auch das wild Belassene (die Berge). Gleichzeitig ist dieser Ausblick auf ein friedliches Dasein doppelt als Kunst markiert. Die Mädchen sind ja »wie auf einem Bild« sichtbar, und zumindest in der Vorstellung des Betrachters wirken sie, »als sännen sie einem Liede nach«, also auch wieder der Kunst. 

Repräsentant einer TraditionDie Wahrnehmung ist vielfach und sehr bewusst perspektiviert. Das zeigt die Bedeutung Hermlins, der jedes Wort sehr genau gesetzt hat und auch deshalb kein Vielschreiber werden konnte. Kunst bleibt dabei Kunst und stellt hohe Anforderungen an den Leser; auch das umfangreiche Stalin-Gedicht zu dessen 70. Geburtstag 1949, das Hermlin in seine Gedichtsammlung von 1990 nicht mehr aufnehmen mochte, eignet sich kaum dazu, auf einer Festdemonstration deklariert zu werden. 

Mit diesem Anspruch begriff sich Hermlin als Repräsentant einer Tradition, die für ihn vor allem eine deutsche Tradition war. Als Essayist und Übersetzer brachte er Lesern und Hörern Dichtung vieler Länder nahe. 

Dennoch stand im Zentrum nicht nur seines politischen Denkens, sondern auch seines Kunstdenkens das Deutsche, vor allem Hölderlin, über den er zum 200. 

Geburtstag 1970 das Hörspiel »Scardanelli« (1969) schrieb. Zu seiner Tradition gehörte auch die deutsche Musik, vor allem Bach und Mozart; die beiden Mädchen aber, kann man sich vorstellen, sinnen einem Liede von Schubert nach. 

Dies zeigt auch seine Grenzen. Das nun altertümelnd wirkende »Nachsinnnen« verweist auf eine Sprachebene, die er auch als Leser vorzog. Die Generation eines Volker Braun, den er auf der konflikthaften Lesung von 1962 zu Wort kommen ließ, war eingestandenermaßen die letzte, die er akzeptierte. Bei aller Sympathie für die ästhetische Moderne konnte er einen unreflektierten Umgang mit der Alltagssprache nicht dulden. Dies zeigt eine erfreuliche Distanz des Wenigschreibers zur Faulheit. Allerdings ist Hermlins literarischem Werk - anders als in einigen seiner Vorträge - jeder Spott fremd, jeder Witz, und damit eine ernüchternde Betrachtung der Weltläufte. 

Das wirkt heute fremd. Der hohe Ton, der in den Gedichten zuweilen auch dunkle Stil, bewahrte vor Schlamperei. Zu diskutieren bleibt, welche Mittel er bereitstellt, eine von Schlampereien bestimmte Wirklichkeit zu erfassen. 

12. April 2015 im Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz: In den Kämpfen dieser Zeit. Zum 100. Geburtstag von Stephan Hermlin - mit Rolf Becker, Christof Hein, Volker Braun u. v. a. Beginn um 11 Uhr, Eintritt 10 Euro 

Kai Köhler schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 23. und 24. Februar über den 11. September 2001 in der Literatur der BRD. 

 

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»Auf einmal war er wie Stein«  

Über ihren Vater Stephan Hermlin. Gespräch mit Andrée Leusink (Teil 2)  

Alexander Reich 

In: junge Welt online vom 11.04.2015 

 

Vor 100 Jahren, am 13. April 1915, wurde Stephan Hermlin geboren. Er war einer der berühmtesten deutschen Schriftsteller, Antifaschist, Freund von Erich Honecker, Kritiker der Biermann-Ausbürgerung und Kommunist bis zu seinem Tod am 6. April 1997.  

Andrée Leusink, geboren 1938 in Paris, überlebte den Holocaust in Verstecken und Lagern in Frankreich und der Schweiz, kam nach dem Krieg zu ihrem Vater Stephan Hermlin nach Berlin-Pankow, war dort von 1960 bis 1997 Lehrerin. Sie ist Mitglied in der VVN-BdA und in der Linkspartei. 

  

Sie waren ein Jahr und vier Monate alt, als der Krieg begann. Ihr Vater wurde bald von den Franzosen interniert, dann zur Fremdenlegion eingezogen. 

1941 starb Ihre Mutter unter schrecklichen Umständen. Sie wurden im französischen Dorf Chabannes versteckt. 1943 brachten Résistance-Kämpfer Sie und Ihren Vater in die Schweiz. Warum? 

Das versprach eine größere Sicherheit. Es gab immer mehr Razzien in Frankreich. Juden wurden auch dort regelrecht gejagt. Und die Schweiz lieferte ab Sommer 1943 niemanden mehr nach Deutschland aus. Sie war nach den Schlachten um Stalingrad und Kursk tatsächlich neutral. 

Im Juni 1945 kehrte Ihr Vater ohne Sie nach Deutschland zurück.  

Ich war in einer Schweizer Pflegefamilie. Er ist von einem Wochenendurlaub einfach nicht ins Lager zurück, sondern nach Frankfurt am Main. Dort bekam er eine Anstellung beim amerikanischen Rundfunk. In der Kulturabteilung. 

Zunächst hatte er einen sehr guten Kulturoffizier aus den USA zum Vorgesetzten. Dessen Nachfolger war dann schon auf McCarthy-Linie. 1947 wurden die Kommunisten aus dem Rundfunk entfernt. 

In diesem Jahr zog Ihr Vater nach Ostberlin. Wie kam es dazu? 

Das hat ihm Johannes R. Becher auf dem gesamtdeutschen Schriftstellerkongress 1947 vorgeschlagen. 

Zog er gleich in das Haus in Pankow, in dem er bis zuletzt lebte? 

Ja, dieses Haus wurde ihm zur Verfügung gestellt. Es war noch voll eingerichtet. Er besaß ja nur, was er anhatte und drei Bücher. 

Welche waren das?  

Gedichtbände, an denen er sehr hing. Ich kann mich nur an den Hölderlin erinnern. 

Wer hatte vorher in dem Haus gewohnt? 

Aktive Nazis. Die waren enteignet worden. 1951 oder '52 habe ich beim Spielen im Garten etwas Interessantes gefunden und bin damit freudestrahlend zu meinem Vater, der einen wahnsinnigen Schreck bekam. Es war eine Brandbombe. Sowjetsoldaten haben daraufhin den Garten durchwühlt und ein Waffenlager gefunden. Maschinenpistolen, Gewehre, Munition - alles eingeölt und vergraben. 

Was hat er mit den Möbeln dieser Nazis gemacht, rausgeworfen? 

Woher sollte er neue Möbel haben? Die wurden erst nach und nach ausgetauscht. Das dauerte Jahrzehnte. Der große Tisch hat, meine ich, noch drin gestanden, als ich in den 90er Jahren das letzte Mal in dem Haus war. 

Setzte er große Hoffnungen in die Gründung eines sozialistischen Staates auf deutschem Boden? 

Auf jeden Fall. Es war für ihn die Möglichkeit, an einem neuen Deutschland mitzuarbeiten. Da hing er sich total rein. In die Kultur, das Bildungswesen. Er war sehr glücklich und aktiv. 

Wie lange hielt das an? 

Der erste Knackpunkt war das Parteiverfahren gegen den Spanienkämpfer Franz Dahlem 1952/53. Da wurde eine Verschwörung konstruiert. Das waren Auswirkungen des Stalinismus. Unter den Opfern waren viele Juden. Papa schimpfte in dieser Zeit oft über das große Misstrauen gegenüber den Kommunisten, die in der Emigration im Westen überlebt hatten. Innerlich war er froh, dass Ulbricht keine Todesurteile gegen Genossen zuließ. In der Tschechoslowakei zum Beispiel wurde Ende 1952 wegen dieser angeblichen Verschwörung, an der auch Dahlem beteiligt gewesen sein sollte, der KP-Generalsekretär Rudolf Slánský hingerichtet. 

Es gab antisemitische Tendenzen in den KP-Führungsebenen? 

Ja. Ich glaube, dass ihn das sehr bedrückt hat. Er hat dadurch auch mich für solche Sachen sensibilisiert. 

In »Abendlicht« schrieb er unter Berufung auf Lenin, dass überall, wo »die feige Pest« des Antisemitismus sichtbar würde, kein Sozialismus sein könne. 

Die nächste Zäsur war der 17. Juni 1953. 

Da war er in Budapest bei einer Tagung des Weltfriedensrats. Ich habe diesen Tag fürchterlich in Erinnerung. Wir hatten wirklich Angst, haben die Jalousien runtergelassen und Papas Gewehre mit Munition ans Fenster gelegt. 

Im beschaulichen Pankow? 

Ja. Die haben die roten Fahnen verbrannt. Die haben die DDR-Fahne verbrannt. An der Ecke, wo der Lebensmittelladen war, stand ein sowjetischer Panzer. Sie hätten mal sehen sollen, wie der bespuckt wurde! Von Frauen im mittleren Alter. Die Sowjetsoldaten in der Luke oben schüttelten nur den Kopf. 

Ihr Vater hat über diesen Tag die Erzählung »Die Kommandeuse« geschrieben, in der ein faschistischer Mob eine ehemalige KZ-Aufseherin aus einem Gefängnis in Halle befreit. 

Da spielen die Peiniger der alten Zeit eine Hauptrolle. Er zeigte damit auch, wie wenig sich andere Denkweisen durchgesetzt hatten. 

Die Titelfigur wird von der Stasi wieder hinter Gitter gebracht. Warum durfte das zunächst nicht veröffentlicht werden? 

Im Grunde war das ein direkter Angriff auf ihn. Ihm wurde vorgeworfen, dass ein negative Heldin im Mittelpunkt stand und nicht etwa die Staatssicherheit, die diese Frau zu Fall brachte. Das nahmen ihm einige auch nach der Veröffentlichung im Oktoberheft der Neuen Deutsche Literatur noch übel, aber dann war erst einmal Ruhe, was ihn betraf. Er hatte seinen Stand, war anerkannt. 

Was hatte seine berühmte Lyrik-Lesung im Dezember 1962 an der Akademie der Künste in Berlin für eine Vorgeschichte? 

Es ging um die Entwicklung einer Schreibkultur. Junge Leute sollten Gedichte einsenden. Tragend war die Sektion Lyrik der Akademie. Die Junge Welt hat das aufgenommen. Mein Vater hat von etwa 5.000 Einsendungen die besten ausgewählt und vorgetragen. Sehr viele hochbegabte Leute hatten sich beteiligt: Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun, Karl Mickel, Wolf Biermann. Also ich fand den Abend großartig. So etwas hat es eigentlich in keinem anderen Land gegeben. 

Aber die anschließende Diskussion lief aus dem Ruder? 

Lange war nicht abzusehen, wie unschön der Abend enden würde. Wenn ich mich richtig erinnere, rezitierte Volker Braun noch Gedichte, Wolf Biermann sang ein paar Lieder. Die Missstimmung wurde durch einen Provokateur hineingebracht: Der Hermlin solle doch mal sagen, warum diese Gedichte, die alle so schön sind, nicht im ND erscheinen. Da meinte Papa einfach, das könne er nicht sagen. Er solle sich an den zuständigen Redakteur wenden. 

Als dieser Mann dann abfällig über die DDR zu sprechen anfing, meinte Papa zu ihm: Es ist zehn vor zwölf, Sie müssen jetzt über die Grenze. 

Hätte er die Linie des ND strikter verteidigen müssen? 

Ich habe das nicht so empfunden, aber so sah es einer hinter mir im Publikum. Der war vom ND. Oder Kulturfunktionär. Den Namen habe ich vergessen, fing mit K an. Der meinte, Papa hätte Angriffe auf Partei und Staat zugelassen. Das hat John Heartfield sehr aufgeregt. Ich hatte Angst, der kippt gleich um und hat einen Herzinfarkt. Er verteidigte meinen Vater mit sehr zugespitzten Argumenten - Kommunisten der 20er Jahre. 

Wie mein Vater sich in dieser Situation verwandelte, hatte ich nie vorher gesehen. Als freundlicher, lockerer Dichter hatte er da vorne gestanden und sich gefreut über die Beiträge. Auf einmal war er wie Stein. Das ganze Gesicht war hart. Und er griff diesen Mann hart an, wie es eben auch seine Art war: Sie waren auf der braunen Seite, als es drauf ankam. Ich war im Widerstand. 

Er kannte diesen Mann? 

Jaja. Der war wohl bei der Wehrmacht gewesen. Nach der Auflösung der Veranstaltung bin ich mit Papa nach Hause gefahren und hatte wahnsinnige Angst um ihn. Er beruhigte mich, schien sich keine Sorgen zu machen. Aber in den folgenden Wochen brachten ihn die Reaktionen aus der Partei dazu, alle Funktionen niederzulegen. Und er durfte nicht mehr gedruckt werden. 

Fast zehn Jahre lang. Bis 1972. Er blieb Vizepräsident des Internationalen P.E.N., durfte die DDR bei Kongressen dieses Verbands vertreten, aber wenn er da eine Rede hielt, wurde das im ND mit keinem Wort erwähnt. Er durfte raus, wurde in der Bundesrepublik veröffentlicht, gab dort Lesungen. Aber in der DDR - Totenstille. 

Lesen Sie am Montag: Biermann als Dichter und als Ausgebürgerter, ein Vier-Augen-Gespräch mit Erich Honecker, nicht akzeptable Haltungen nach 1989 und heutige Elfklässler, die weder Böll noch Brecht kennen 

 

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»Klein beigeben wäre Verrat gewesen«  

Über ihren Vater Stephan Hermlin. Gespräch mit Andrée Leusink (Teil 3 und Schluss)  

Alexander Reich 

In: junge Welt online vom 13.04.2015 

 

Heute vor 100 Jahren, am 13. April 1915, wurde Stephan Hermlin geboren. Er war einer der berühmtesten deutschen Schriftsteller, Antifaschist, Freund von Erich Honecker, Kritiker der Biermann-Ausbürgerung und Kommunist bis zu seinem Tod am 6. April 1997.  

Andrée Leusink, geboren 1938 in Paris, überlebte den Holocaust in Verstecken und Lagern in Frankreich und der Schweiz, kam nach dem Krieg zu ihrem Vater Stephan Hermlin nach Berlin-Pankow, war dort von 1960 bis 1997 Lehrerin. Sie ist Mitglied in der VVN-BdA und in der Linkspartei. 

  

Ende 1962 präsentierte Ihr Vater in Berlin junge Lyriker, darunter Sarah und Rainer Kirsch, Volker Braun oder Wolf Biermann. Man unterstellte ihm, dass er in der anschließenden Diskussion nicht entschieden genug für die DDR-Kulturpolitik eintrat. In der Folge wurde er fast zehn Jahre lang nicht gedruckt, durfte aber in den Westen reisen und dort veröffentlichen. 

Welches Kalkül mag dahinter gesteckt haben? 

Da fragen Sie mich zuviel. In der Kulturpolitik lief ja manches anders als in der Wirtschaft zum Beispiel. Die Beeinflussung durch Literatur kann enorm sein. Und man hatte wohl das Gefühl: Diese Intellektuellen, die sind nicht ganz zuverlässig und für die DDR nicht immer angenehm. 

Wollte man ihn loswerden? 

Ich glaube ja. Es gab so eine Episode ... Sein Westberliner Verleger Klaus Wagenbach hatte ein kleines Ferienhaus in der Schweiz. Da machte Papa oft Urlaub mit Familie. Als er einmal die entsprechenden Papiere besorgte, sagte Otto Gotsche: Kannst auch gleich dableiben, brauchst nicht zurückzukommen. Da hat Papa wohl geantwortet: Ihr müsst mich schon von vorn erschießen. 

Gegen das Prinzip, unbequeme Leute abzuschieben, richtete sich 1976 dann seine Biermann-Petition. 

Er hat den Entwurf geschrieben und zehn Berliner Schriftsteller eingeladen. 

Die haben das diskutiert und unterschrieben, darunter Jurek Becker, Sarah Kirsch, Franz Fühmann. Mit Gerhard Wolf ist er dann noch rüber zu dem Bildhauer Fritz Cremer, der seine Unterschrift aber später zurückzog. 

Es ging Ihrem Vater dabei weniger um Biermann, oder? 

Es ging um den Fakt der Ausbürgerung. Es kann nicht sein, dass ein sozialistischer Staat zu Mitteln greift, die die Nazis verwendet hatten. 

Das war das Hauptproblem für Papa. Die Hälfte des Textes war ein Marx-Zitat aus dem »18. Brumaire«. (Sie schlägt nach bei Werner Mittenzwei, »Die Intellektuellen«, 2003.) »Im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen« kritisiert sich die proletarische Revolution »unablässig selbst«, deshalb sollte man »Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können«. 

Was hielt Ihr Vater denn vom Künstler Biermann? 

Er fand ihn spritzig und seine Themen wichtig, hatte aber keine hohe Meinung von Biermann als Dichter. Ich habe Biermann einmal bei uns zu Hause erlebt, '63 oder '64. Papa hat ihm klarzumachen versucht, dass er an seiner Sprache arbeiten sollte. Er möge sich doch zumindest angucken, wie Gedichte aufgebaut werden. Und der war sowas von arrogant, dieser Biermann. Der stand auf: Ick brauch det nich', wat du mir hier erzählst! Also ich fand das entsetzlich. Er hätte doch was lernen können! 

Das muss Ihren Vater gekränkt haben.  

Hat es auch. Weil Biermann gar nicht richtig zugehört hat. Später habe ich dann im Fernsehen diesen Satz von ihm gehört: »Ich und Goethe ...«. Das war ungeheuerlich. Das wäre einem Hermlin nie passiert. 

Für Biermanns Ausbürgerung waren gestandene Antifaschisten wie Paul Dessau oder Konrad Wolf. Hat sich Ihr Vater über diese Sache mit jemandem überworfen?  

Nein, das war eben deren politische Position. Er hat das akzeptiert. Seine Position hatte auch mit seinem Leben zu tun, mit seiner Familie, die von den Nazis ausgebürgert wurde. 

Warum hatte das Ganze für Ihren Vater keine größeren Konsequenzen? 

Die Unterzeichner sollten aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen werden. Honecker wollte das nicht. Er lud Papa zu einem Vier-Augen-Gespräch an einem Sonnabend ins ZK ein. Das Gespräch wurde ohne ihr Wissen aufgenommen. Betreiber war Konrad Naumann [damals Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung, Red.]. Und der hat Auszüge zum Montag an alle Kulturleiter der Bezirke geschickt. Es sollte der Eindruck erweckt werden, Hermlin und Honecker gingen gemeinsam gegen bestimmte Politiker vor. Man wollte Honecker abschießen. Papa hat dann eine Erklärung geschrieben, die das entkräftete. Er wollte Honecker retten. Ich weiß nicht, wie weit das rausgegangen ist. Das waren Machtkämpfe im ZK. 

Als nach dem Mauerfall reihenweise Kommunisten umkippten, nannte er diese Haltung »nicht akzeptabel«. Was machte ihn so unbeirrbar? 

Für mich war er wie wenige beseelt von der kommunistischen Idee. Klein beigeben wäre für ihn Verrat gewesen am gesamten Kampf, zumindest von Marx an. Verrat der Pariser Kommune. Verrat an den Revolutionären von 1848. Das war alles in ihm. Und das hat er mir auf jeden Fall mitgegeben. 

Als ich mit 16 in die Partei wollte, brauchte ich von ihm Angaben über meine früheren Wohnorte. Er hat mir das verweigert. Er sagte: Weißt du, Andrée, es ist sehr schwer, Genosse zu sein, vor allem, die Parteidisziplin zu wahren. Daran denke ich oft. Als ich 18 wurde, hat er mich unterstützt. 

1995 gab es eine große Kampagne gegen ihn. Anlass waren irreführende Angaben, die er über sein Leben gemacht hatte.  

Das waren zum einen falsche Erinnerungen, die jeder Mensch hat. Wenn ich von früher erzähle, sagen meine Kinder: Nee, Mama, das war so! Und da weiß ich auch noch nicht, ob das stimmt. Erinnerungen sind mit Emotionen verbunden und können täuschen. 

Aber manches wollte Papa auch nicht richtigstellen. Als sein Vater im Januar '39 aus Sachsenhausen rauskam, war er ein völlig gebrochener Mensch. 

Er hatte im KZ nur durch die Hilfe von Kommunisten überlebt. Großmama holte ihn raus, indem sie den Nazis ihr Vermögen in den Rachen warf. Hermlin wusste, dass sein Vater bis 1947 in London dahinsiechte. Aber er sagte: Eigentlich ist er in Sachsenhausen gestorben. Damit hatte er natürlich recht, aber im übertragenen Sinne. Dichtung und Wahrheit, verstehen Sie? 

Im Grunde war Papa nachher auch nicht mehr derjenige, der er vorher war. 

Diese Verfolgung, diese Verleumdung, die Hetze, die ganzen Gesetze, die da in Kraft getreten sind, das hat doch alles die Seele kaputt gemacht. Viele habe sich davon nicht mehr erholt. 1941 schrieb Hermlin seinen Eltern, dass meine Mutter gestorben war. Er sei an diesem Tag gestorben, steht in dem Brief. Es lebe nur noch seine Hülle. Da gab es wie gesagt viele, die bis dann und dann gelebt haben, und der Rest war für sie kein Leben mehr. Also ich weiß nicht, ob wir das Recht haben, ihn zu diskreditieren, weil er 1939 gesagt hat und nicht 1947. 

Ziel der Kampagne war offensichtlich, Hermlins Werk loszuwerden. Hat das nicht erschreckend gut funktioniert? 

Es wurde zumindest versucht. Aber das betrifft ja nicht nur ihn. Anna Seghers, Johannes R. Becher ... - es gibt genügend Leute, die in der Versenkung verschwunden sind. Ich habe das Gefühl, dass das in Deutschland besonders schlimm ist. Deutschland kann mit Kommunisten nicht umgehen. 

Gucken Sie sich dagegen Frankreich an. Da können Kommunisten geachtete Künstler sein. In Deutschland nicht. Und das ist so weit verbreitet! Ich habe bis vor anderthalb Jahren Nachhilfeunterricht gegeben. Das waren elfte, zwölfte Klassen. Ich habe versucht, ihnen Literatur nahezubringen. 

Brecht war unbekannt, Anna Seghers sowieso. Ich war so entsetzt, dass ich gesagt habe: Vielleicht kennen Sie Böll? Ich meine, das ist ja immerhin ein großer Schriftsteller der Bundesrepublik gewesen. Nicht einer kannte den! Das ist für mich unvorstellbar, was sich da abspielt. 

Die Tochter eines Freundes von meinem Mann hat in Hamburg Germanistik studiert, Lehramt. Die kommt aus dem Osten. Seit zwei oder drei Jahren arbeitet sie als Lehrerin. Die hat den Namen Anna Seghers nie gehört. 

Was sollten junge Leute von Hermlin zuerst lesen? 

Ich hänge sehr an der »Ersten Reihe«. Was ich vor allem bewundere, ist, wie verdichtet er diese jungen Leute beschreibt, die sehr früh gefallen sind. 

Ich sehe den Walter Husemann direkt vor mir, wenn ich die sieben Seiten über ihn lese. Genauso Käthe Niederkirchner oder Heinz Kapelle. Ich fände es sehr schade, wenn diese Leute vergessen werden würden. Die heutige Jugend sollte das nicht. Hermlins Gedichte sind wahrscheinlich schwerer zu verstehen. »Abendlicht« kann man empfehlen. Und zwei Prosastücke, die ich unheimlich finde: »Die Rückkehr« und »Mein Friede«. 

 

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