Schwur von Buchenwald  

In: junge Welt online vom 11.04.2015 

Wochenendbeilage 

 

Am 19. April 1945 organisierte das Internationale Lagerkomitee des befreiten Konzentrationslagers Buchenwald eine Trauerkundgebung. An ihr nahmen 21.000 Menschen teil 

 In französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache wurde folgender Schwur vorgetragen: 

Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazibestie und ihrer Helfershelfer ermordeten 51.000 Gefangenen! 51.000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt - 51.000 Väter, Brüder, Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren. 51.000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an! 

Wir lebend Gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen. Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache! 

Heute sind wir frei! 

Wir danken den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen. Wir gedenken an dieser Stelle des großen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, Franklin Delanoe Roosevelt. Ehre seinem Andenken! 

Wir Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht - der Sieg muss unser sein! Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf, und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen! Noch leben die Mörder unserer Kameraden! Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum! 

Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Appellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens: Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach: Wir schwören! 

Auf der Trauerkundgebung stellte das Volksfrontkomitee des Lagers die Entschließung »Die nächsten Aufgaben der Volksfront« vor : 

Die demokratischen Kräfte der ganzen Welt stehen vor dem Sieg über den Nazismus. Die deutschen Antinazisten dürfen stolz darauf sein, unter vielen Opfern und Leiden ihren Teil zu diesem Sieg beigetragen zu haben. Aber noch liegt der furchtbare Gegner nicht zerschmettert am Boden. Die geschichtliche Stunde erfordert vielmehr die Mobilisierung aller antifaschistischen Kräfte, um den blutbefleckten Feind jeder Kultur endgültig niederzuwerfen und jede Wiederholung seiner verbrecherischen Diktatur verhindern zu können. Deshalb fordern wir für den Augenblick: 

1. Sofortige Bildung antifaschistischer Volksausschüsse in Stadt und Land. 

2. Übernahme der öffentlichen Gewalt durch die Volksausschüsse im Einvernehmen mit den Besatzungsbehörden. 

3. Säuberung der Polizei von nazistischen Elementen, Errichtung einer Verteidigungstruppe auf der Grundlage der Miliz gegen Saboteure, Werwölfe und dergleichen. 

4. Einstellung jeder Tätigkeit für Hitler, Verhinderung jeder weiteren Zerstörung Deutschlands, Verhinderung jeder Arbeit, jedes Transports, jeder Nachrichtenübermittlung, jeden Kampfes für die Reste des Dritten Reiches durch die Volksausschüsse und ihre Organe. 

5. Verhaftung und Überwachung aller nazistischen Elemente, ihre Überstellung an Volksgerichte. 

6. Beschlagnahme aller Nazivermögen und Nazibetriebe. 

7. Schaffung einer neuen demokratischen Ordnung gegen die Nazis. 

8. Organisation eines Reichsausschusses der Antinazisten, Bildung einer republikanischen Volksregierung. 

9. Wiederaufnahme der Arbeit in Stadt und Land, ausschließlich zur Versorgung des deutschen Volkes unter menschenwürdigen Bedingungen. 

Baldiger Wiedereintritt Deutschlands in die Weltwirtschaft, unverzügliche Aufnahme enger ökonomischer Beziehungen zur Sowjetunion als des natürlichen Wirtschaftspartners auf dem europäischen Festlande. 

10. Bildung von antifaschistischen Einheitsgewerkschaften. 

11. Herausgabe neuer Zeitungen, Zeitschriften, Ausnutzung des Nachrichtendienstes des Rundfunks und aller Bildungseinrichtungen zur Aufklärung des deutschen Volkes über die Verbrechen des Nazismus, über die wirkliche Lage Deutschlands sowie zur Schaffung einer demokratischen öffentlichen Meinung. 

Es lebe die Freiheit! Es lebe die deutsche Volksrepublik! 

 

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Gedenken am Thälmann-Geburtstag 

In: junge Welt online vom 20.04.2015 

 

Am 16. April fanden in Berlin zwei Ehrungen für den im KZ Buchenwald von den Faschisten ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (16. April 1886 bis 18. August 1944) statt. Zudem gab es anlässlich des Geburtstages Gedenkveranstaltungen in Hamburg, Chemnitz, Dresden, Magdeburg, Stralsund, Weimar und Zschopau. Am Sonntag fand in Ziegenhals, wo Thälmann 1933 das letzte Mal vor seiner Verhaftung durch die Gestapo auf einer illegalen Tagung des ZK der KPD gesprochen hatte, eine Kundgebung statt. Der Freundeskreis »Ernst-Thälmann-Gedenkstätte« e. V. verlas dort einen Text des Gewerkschafters und Mitbegründers der KP Großbritanniens, Tom Mann, vom 15. April 1939: 

Anlässlich meines 83. Geburtstag bin ich stolz, Grüße von Freunden und Kameraden aus der ganzen Welt zu empfangen. Meine Gedanken sind bei jenen Kameraden, die in den faschistischen Gefängnissen und Konzentrationslagern sind. 

Insbesondere denke ich an Ernst Thälmann, dessen 53. Geburtstag morgen ist. 

Ich habe die Arbeit des Genossen Thälmann sehr genau verfolgt, besonders in den Jahren, als er den Kampf der Hamburger Hafenarbeiter führte. Es liegt so weit zurück wie 1897, als ich für den Versuch, die internationale Solidarität zwischen den britischen und deutschen Hafenarbeitern zu entwickeln, ausgewiesen wurde. Diese Arbeit wurde mit großer Wirkung von Thälmann weitergeführt. Thälmann ist nun seit sechs Jahren in den Händen seiner faschistischen Kerkermeister. Sie haben nie gewagt, eine Anklage gegen ihn vorzubringen oder einen öffentlichen Prozess gegen ihn zu eröffnen. 

Aber wo ist Thälmann jetzt? In welchem Gefängnis ist er? Unter welchen Bedingungen lebt er? Auf diese Fragen müssen Antworten gegeben werden. Die öffentliche Meinung der Welt verlangt darauf sofort Antworten. 

Ernst Thälmann ist eine weltweit anerkannte Persönlichkeit, respektiert und geliebt, so wie seine Gefängniswärter verachtet und gehasst werden. Sein Name ist in der ganzen Welt bekannt. Das Thälmann-Bataillon in Spanien zeigte höchste Tapferkeit und Selbstaufopferung. Die spanischen Menschen werden sich für immer mit ehrender Zuneigung daran erinnern. Sie haben die Kraft gezeigt, die eines Tages die Mehrheit des deutschen Volkes gegen ihre faschistischen Unterdrücker entfalten wird. 

Es ist undenkbar, dass Thälmann länger hinter den Gittern des Gestapo-Gefängnisses bleibt. Er muss befreit werden! Er kann befreit werden, wenn wir uns weiterhin ausdauernd und stark dafür einsetzen. 

Mit Gefühlen der tiefsten Trauer habe ich vom Tod eines Führers der deutschen Kommunisten erfahren, des Genossen Stoecker [Walter Stoecker starb am 10. März 1939 in Buchenwald an Typhus -jW], der in einem Konzentrationslager starb. Ich kannte ihn sehr gut. 

Dürfen wir unsere Genossen sterben lassen, und nur Gott weiß ihre Todesart, ohne Protest und ohne bestimmte Formen von Aktionen durch die wir ihre Freilassung erreichen könnten? 

Ich appelliere an alle meine Freunde und Kameraden in der ganzen Welt, um geeignete Aktionen zu ergreifen, damit die Freilassung von Ernst Thälmann erreicht wird. Es wäre ein Sieg für all die Gefangenen der Faschisten. Es wäre eine Stärkung des Kampfes gegen Faschismus und Krieg. 

Ich habe soeben ein Flugblatt gelesen, das überall in Deutschland von Antifaschisten aus Anlass des 50. Geburtstags von Ernst Thälmann verteilt wurde. Ich werde es zitieren, weil ich denke, es ist noch aktueller als damals: »Wir sind voller Angst um Deutschland, seine Menschen und ihre Zukunft. Wir erwarten mit offenen Augen einen neuen Krieg, einen Krieg, den niemand will, der keinen Nutzen für uns alle hat, der uns nichts bringt, außer noch größeres grenzenloses Elend und Armut. Ein Mann warnte uns immer und immer wieder, als es noch Zeit war, die Machtübergabe an Hitler zu verhindern. Ein Mann kämpfte in den entscheidenden Wochen Tag für Tag für die Einheit aller Kräfte für Frieden und Freiheit. Dieser Mann war Ernst Thälmann. Dieser Mann kämpfte für uns alle.« 

Wir alle müssen jetzt helfen, diesen Mann freizubekommen. Wir alle müssen jetzt genauso helfen, die Einheit der Kräfte für Frieden und Freiheit in Britannien zu vereinen. Kräfte die verhindern können, dass Chamberlain das britische Volk dahin führt, wo sich das deutsche Volk zur Zeit befindet. 

Wir versichern anlässlich des Geburtstags von Thälmann, unsere Liebe und Kameradschaft für das deutsche Volk. Wir wissen, dass es nicht für Hitler, Krieg und Plünderung ist. 

Wir wissen, wenn die Menschen wirklich frei wären zu entscheiden, dass sie Hitler und sein Terrorregime wegfegen würden - dieses Regime, das die deutsche Arbeiterbewegung unterdrückt hat, zerstört das unschätzbare Erbe der wahren deutschen Kultur, Kunst und Literatur. 

Wir wissen, dass sie wie wir den Krieg hassen und fürchten. 

Wie wir wollen sie in Frieden und glücklich leben und die Bande der Solidarität entwickeln, die uns Sicherheit und die uns für immer Freiheit und Frieden bringt. 

Die Freilassung von Ernst Thälmann wäre ein wichtiger Schritt, um das alles zu erreichen. 

 

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Stärker als die Wölfe  

In: unsere zeit online vom 10.04.2015 

 

In diesen Tagen erinnern wir an die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald vor 70 Jahren. „Der feste solidarische Zusammenhalt, das Bestehen einer internationalen Organisation und das Wissen, nicht wehrlos zu sein, geben den Buchenwalder Antifaschisten in den ersten Apriltagen 1945 den Mut, die Ausführung von Befehlen der SS offen zu verweigern. 

Am 11. April nutzten die bewaffneten Kampfgruppen der Häftlinge den Angriff amerikanischer Panzerspitzen für die Befreiungsaktion." So wurde in der Dauerausstellung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald in der DDR das Kapitel der Selbstbefreiung Buchenwalds eingeleitet. Zu denen, die aktiven Widerstand leisteten, gehörten politische Häftlinge u. 

a. aus Frankreich, den Niederlanden, der Sowjetunion, Belgien, Ungarn, Österreich, Jugoslawien und natürlich Deutschland. 

Nach der Übernahme der DDR und dem Anspruch der regierenden Politiker der Bundesrepublik, das gesamte sozialistische Erbe zu delegitimieren, bekamen jene Kräfte wieder die Oberhand, die in der Tradition des „Kalten Krieges" militanten Antikommunismus verbreiten und durch die Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus alle progressiven und antifaschistischen Bestrebungen „endgültig erledigen" wollten und noch wollen. 

Bald nach 1990 „korrigierte" deshalb die neue Gedenkstättenleitung auf Vorgabe der Politik die bisherige DDR-Darstellung. Diese – und vor allem die Rolle der Kommunisten und Sozialisten im Widerstand – war nicht mehr erwünscht. Nicht des Sieges über den Faschismus sollte gedacht werden, nicht der Kraft der Solidarität unter unmenschlichsten Bedingungen, nicht des unbeugsamen Widerstandes von Kommunisten, Sozialdemokraten und vieler anderer Häftlinge. Geschichte sollte entsorgt werden – und vor allem die Erinnerung an den Kampf der Kommunisten. 

Statt dessen ging man daran, die nach 1945 Internierten „angemessen" zu würdigen, die zivilen Funktionsträger der Nazis, die hohen Wehrmachtsangehörigen, die Mitglieder der SS, des SD und der Gestapo. 

Internierungslager für Faschisten waren keine „Erfindung" der Sowjetunion, sondern waren auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 beschlossen worden und wurden in allen Besatzungszonen errichtet. 

Die Auseinandersetzung um die Geschichte und um die Geschichte der Häftlinge des faschistischen Konzentrationslagers Buchenwald geht bis heute. Dreist behauptet die Gedenkstättenleitung nach wie vor: „Die 1958 eingeweihte Nationale Mahnund Gedenkstätte Buchenwald war als Nationaldenkmal der DDR geplant worden, der Widerstandskampf der kommunistischen Häftlinge wurde überbetont." Überbetont? Ganz offensichtlich soll verdrängt werden dass sich in Buchenwald Kommunisten und Sozialisten international organisierten, sich Häftlinge unter den Augen der SS bewaffneten und schließlich Lagertor und Wachtürme stürmten. Und dass die überwältigten SS-Schergen nicht gelyncht, sondern den später eintreffenden US-Truppen übergeben worden sind. 

Überbetont? Es geht ganz offensichtlich darum, jede Erinnerung daran auszulöschen, dass die Kommunistin- nen und Kommunisten in Deutschland als erste organisiert den Widerstand gegen das Hitlerregime begannen – und diesen selbst unter den schwierigsten Bedingungen und trotz Terror fortsetzten. 

Dass sie gemeinsam mit anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten gegen den Faschismus kämpften, dass sie selbst in den schwersten Stunden Solidarität mit allen Verfolgten dieses barbarischen Systems übten. 

Behauptet wird im Zusammenhang mit der Gedenkstätte in Buchenwald auch: „Dabei wurde", zu Zeiten der DDR, „weitgehend ausgeblendet, dass die SS im KZ Buchenwald noch zahlreiche andere Häftlingsgruppen festgehalten hatte: rassistisch Verfolgte (Juden sowie Sinti und Roma), ‚Gemeinschaftsfremde’ (sogenannte Arbeitsscheue, Asoziale, Gewohnheitsverbrecher und Homosexuelle), Zeugen Jehovas sowie Frauen, die in Außenlagern des KZ Buchenwald Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten mussten." Aber nichts und niemand. wurde ausgeblendet, wurde vergessen, nicht die vielfältigen Gruppen der Opfer – und auch nicht die Täter. 

Die Täter konnten in der westdeutschen Republik nach der Befreiung 1945 nach einer nur kurzen Schamfrist in ihre Schaltzentralen zurückkehren. 

Justiz und Polizei, Wirtschaft und später die Bundeswehr waren von den „alten Kameraden" durchsetzt. Geheimdienste nach innen und außen nutzen die Erfahrungen der Nazi-Verbrecher. 

Verurteilte Kriegsverbrecher saßen in den Aufsichtsräten vieler Industriebetriebe, ehemalige Gestaposchergen spähten wieder KPD-Mitglieder aus – und auch die Zehntausenden anderen, die sich gegen die Remilitarisierung der westdeutschen Gesellschaft zur Wehr setzten. 

Konsequent reduziert die westdeutsche Geschichtsschreibung den antifaschistischen Widerstand auf den 20. Juli 1944 – und verschweigt weitgehend den Arbeiterwiderstand und vor allem den der Kommunisten. 

Der Fälschung der Geschichte müssen wir entgegentreten. Die Erfahrungen der Geschichte zeigen: Gegen Rechts, gegen Faschisten braucht es eine breite Bewegung, einen breiten Widerstand und die Solidarität mit jenen, die das Ziel von Terror und Angriffen der heutigen Nazis sind. Aktuelle Ereignisse wie in Tröglitz, Dortmund usw. zeigen, wie notwendig das gemeinsame Handeln ist. Werner Sarbok 

 

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Ein Tag unbeschreiblicher Freude  

Werner Höner in Stukenbrok zum Tag der Befreiung des Stalag 326 VI-K  

In: unsere zeit online vom 10.04.2015 

 

Wir zitieren aus der diesjährigen Rede von Werner Höner, langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock,zum Tag der Befreiung des Stalag 326 in Stukenbrock am 2. April 2015: Für die 8 610 sowjetischen Kriegsgefangenen dieses ehemaligen Lagers, des Stalag 326 VI-K, war der heutige Tag vor 70 Jahren, der 2. April 1945, der Tag unbeschreiblicher Freude, der ihnen die ersehnte Befreiung aus der Gefangenschaft brachte. 

Augenzeugen berichteten, dass die Erde von dem Freudengeschrei dieser Menschen bebte, als nachmittags um vier Uhr die US-Amerikaner in das Lager einrückten. 

Sie wurden endlich befreit von ihrem Elend, vom Hunger und ihrer Todesangst. 

Für diese Menschen und die Menschen in Ostwestfalen-Lippe war der 2. April bereits der vorgezogene 8. Mai, der als Tag der Befreiung von Krieg und Faschismus in die Geschichte einging. 

Richard von Weizsäcker war es, der endlich im Jahre 1985 in seiner viel beachteten Rede zum 8. Mai deutlich machte, dass dieser Tag als ein „Tag der Befreiung von vom Menschen verachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" für immer zu unserer Geschichte gehört. 

Bedauerlicherweise hat er in der Bundesrepublik nie die Beachtung gefunden, die ihm zukommen müsste. Es wäre zu wünschen, wenn man in den kommenden Tagen bis zum 8. Mai sich im ganzen Land an die Bedeutung dieses Tages erinnern würde. 

Das wäre ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen! Das wäre auch wichtig für die Auseinandersetzung mit den Neonazis, mit der Fremdenfeindlichkeit und dem Rassismus, die in unserem Land immer noch eine Basis haben. 

(…) Dieser 2. April bedeutete nicht nur für die Gefangenen des Stalag 326, sondern auch für die Menschen der heimischen Region die Befreiung von der Angst des Krieges, von den Bombennächten und der furchbaren Herrschaft des NS-Regimes mit seiner Gestapo, mit seiner SS, der Bespitzelung, ja mit der Angst vor dem Terror. 

Für viele Deutsche aber war dieser Tag ein Tag der Niederlage, an dem all ihre Illusionen geplatzt waren, die sie in das NS- Regime gesetzt hatten. 

Für Millionen von Menschen waren die Tage vorher auch verbunden mit ihrer Flucht aus der Heimat. Das alles ändert aber nichts an der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages. 

Wir, die Deutschen, haben allen Grund den Soldaten der US-Armee Dank zu sagen, die für die Befreiung dieses Lagers, für die Befreiung von Stukenbrock und Ostwestfalen ihr Leben eingesetzt haben. (…) Für die Befreiung unseres Landes haben Soldaten und Zivilisten in ganz Europa ihr Leben eingesetzt, ob als Soldaten, Partisanen oder auch im Widerstand. 

Den größten Blutzoll dafür erbrachte die Roten Armee mit über 13 Millionen Toten. Dazu kommen die 14 Millionen Zivilisten, die in der UdSSR Opfer dieses Krieges wurden. 

Auch die 65 000 Kriegsgefangenen, die hier in der Senne in der Zeit von 1941–1945 zu Tode gequält wurden gehören zu diesen Opfern. 

Vor ihnen allen verneigen wir uns am heutigen Tag mit einer Schweigeminute. 

Das große Leid, das den Menschen in der früheren Sowjetunion zugefügt wurde, nachdem ihr Land heimtückisch von der deutschen Wehrmacht überfallen worden war, geriet bei uns in der Nachkriegszeit schnell in Vergessenheit. 

Ja, es wurde von vielen verdrängt. 

Das bekamen auch die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen zu spüren: Nie erhielten sie für das ihnen bei uns zugefügte Leid eine Entschädigung. 

Bis heute verwehrt die Bundesrepublik den noch rund 2.000 Überlebenden der Kriegsgefangenenlager diese. 

Im Falle der Zwangsarbeiter hatte man vor Jahren endlich eine Entschädigung gezahlt. 

In der Zeit des Kalten Krieges wurde das alte Feindbild wieder gebraucht. 

Damals störten offenbar auch Gedenkstätten, die an die Verbrechen der Wehrmacht erinnerten. So auch hier in Stukenbrock. Selbst der Obelisk auf dem benachbarten Ehrenfriedhof sollte verschwinden. 

Glücklicherweise wurde das teilweise von der britischen Besatzungsmacht verhindert. 

Dieser Obelisk war dann aber doch durch die Abnahme der Glasplastik mit dem Symbol der Fahne, unter der die sowjetischen Soldaten für die Befreiung gekämpft hatten, geschändet worden. 

Bis heute verwehrt man den Überlebenden hier in Stukenbrock Respekt, in dem man sich weigert, den von ihnen errichteten Obelisken wieder in den Zustand zu versetzen, wie sie ihn gebaut hatten. 

Viele von uns und auch Überlebende des Lagers in Russland waren mit dem Ende des Ost-West-Konflikts der Meinung, das Feinddenken werde endlich überwunden. Anfangs sah es auch so aus. 

So wurde es von vielen begrüßt, dass die Landesregierung im Jahre 2005 die Absicht äußerte, den Obelisken wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. 

Im Dezember 2014 galt diese Zusagen nichts mehr. 

Es ist zu fragen: War das wirklich eine kluge Entscheidung angesichts der Tatsache, dass heute die Russen erneut spüren müssen, dass man ihre Sorgen um ihre Sicherheit nicht ernst nimmt? Wäre es nicht besser, heute alles zu tun, um das Klima zwischen Russland und Deutschland vertrauensvoll zu gestalten? Sanktionen tragen dazu gewiss nicht bei. 

Alle wissen: Ohne Russland gibt es keinen dauerhaften Frieden in Europa. 

Kriegsdrohungen und Waffenlieferungen an die Ukraine verschärfen nur die schon vorhandene Kriegsgefahr. 

Ich frage: Warum wurden die russischen Bedenken gegen eine Ausweitung der NATO bis an ihre Grenzen bis heute nicht ernst genommen? War das der Dank des Westens für die deutsche Wiedervereinigung vor 25 Jahren? Ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem ohne NATO und Warschauer Pakt war damals die Chance, die vertan wurde. 

Die Überlebenden von Stukenbrock schworen anlässlich der Lagerauflösung 1945 u. a.: „Wir versprechen, gegen jegliche Versuche, einen neuen Krieg zu entfesseln und den Nazismus wieder herzustellen, aktiv zu kämpfen." Wir sollten jetzt alles tun, um die Mahnung von Stukenbrock zum Inhalt aller Politik zu machen: „Und sorget ihr, die ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt, Frieden, zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern." In diesem Sinne sollte an die Befreiung vor 70 Jahren erinnert werden. 

 

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Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora verurteilt Übergriffe der extremen Rechten am Osterwochenende  

In: unsere zeit online vom 10.04.2015 

 

Die Brandstiftung gegen das Flüchtlingsheim in Tröglitz, Gewalt gegen Ausländerinnen und Ausländer in Rostock und nun auch die Schändung der KZ-Gedenkstätte Jonastal bei Arnstadt – was muss noch passieren, bevor die Verantwortlichen in der Politik mit aller Konsequenz gegen extreme Rechte, ihre Propagandisten und Hintermänner vorgehen? Das fragt die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora angesichts der erschreckenden Vorgänge über das Osterwochenende insbesondere in den östlichen Bundesländern. 

Am kommenden Sonntag erinnern wir in Weimar gemeinsam mit den Überlebenden des KZ Buchenwald und hunderten Antifaschisten heutiger Generationen an die Selbstbefreiung des Lagers Buchenwald und wir werden den Schwur der überlebenden Häftlinge erneuern: „Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln und Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit!" Damit diese Verpflichtung kein leeres Bekenntnis bleibt, fordern wir Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker auf, klare Aussagen gegen Rassismus und Hetze gegen Flüchtlinge zu machen, sich für die Unversehrtheit aller Menschen, die in diesem Land leben, aktiv einzusetzen und die Gedenkstätten an den Orten faschistischer Massenverbrechen unter gesellschaftlichen Schutz zu stellen. 

Das wären notwendige politische Signale anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus und Krieg. 

Dr. Ulrich Schneider Geschäftsführer der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis e. V. 

 

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»Antifaschismus ist ein Gegenentwurf zur herrschenden Politik«  

Gespräch mit Ulrich Schneider. Über die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, den kommunistischen Widerstand dort und die Umdeutung der Geschichte durch bundesdeutsche Historiker und Medien  

Reinhard Jellen 

In: junge Welt online vom 11.04.2015 

Wochenendbeilage 

 

Können Sie kurz schildern, was sich am 11. April 1945 und in den Tagen davor im KZ Buchenwald ereignet hat? Welche Rolle spielten die Kommunisten dabei? 

Es gibt wenige historische Ereignisse, die so gut erforscht sind wie die letzten Tage dieses Konzentrationslagers. Schon in den 1980er Jahren hatte die damalige Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald eine Publikation zum Jahr 1945 vorgelegt, die minutiös den Ablauf der Ereignisse nachzeichnete. Was sind dabei die wichtigsten Punkte? 

Es geht um die Rettung des Lagers am 11. April 1945 und von über 21.000 Häftlingen, unter ihnen mehr als 900 Kinder, die noch in diesen Tagen auf »Evakuierungstransporte«, im Klartext: Todesmärsche, geschickt werden sollten. Voraussetzung der Rettung war die Existenz einer illegalen Lagerorganisation der Häftlinge. Dieses Internationale Lagerkomitee, ILK, dem nicht allein deutsche Kommunisten angehörten, sondern Vertreter fast aller internationalen Häftlingsgruppen, arbeitete mehrere Jahre abgeschirmt gegenüber der SS und der Gestapo im Lager. In vielen Zeitzeugenberichten wird formuliert, dass man als neu eingelieferter Häftling sehr schnell spürte, dass hier nicht nur die SS das Sagen hatte, sondern es im Untergrund Verbindungslinien gab, die den Mithäftlingen das Überleben erleichterten. 

Dieses ILK hatte sich Ende 1943 entschieden - als Selbstverteidigungsstruktur - eine internationale Militärorganisation aufzubauen. Leiter wurde der deutsche Kommunist Otto Roth. Er stützte sich u. a. auf den von der SS eingesetzten Häftlingslagerschutz und die Häftlingsfeuerwehr, die mit zuverlässigen Genossen besetzt waren. Von den ausländischen Häftlingsgruppen wurden militärisch erfahrene Genossen und Kameraden ausgewählt, die in diese Strukturen aufgenommen wurden. 

Es klingt unglaublich, aber unter den Augen der SS wurden militärische Übungen durchgeführt, Waffen - insbesondere Handfeuerwaffen, Stichwaffen und Brandflaschen - organisiert bzw. hergestellt. Selbst ein komplettes Maschinengewehr mit Munition gelangte in den Besitz der Häftlinge. Aufgabe dieser Einheiten sollte es sein, sich beim Herannahen der Front gegen alle Versuche der Liquidierung oder andere Greueltaten der SS wehren zu können. 

Diese Situation entstand Anfang April 1945, als zum einen die US-Truppen von Westen kommend sich Thüringen näherten, worauf Tausende Häftlinge aus den Außenlagern auf den Ettersberg transportiert wurden. Gleichzeitig versuchte die SS, das hoffnungslos überfüllte Lager mit Evakuierungstransporten ins Ungewisse wieder zu leeren. In den ersten Apriltagen gingen täglich Todestransporte auf den Weg. Das Lagerkomitee arbeitete darauf hin, diese Transporte durch hinhaltenden Widerstand und andere Maßnahmen zu blockieren. Als beispielsweise nach einem Morgenappell die jüdischen Häftlinge sich zum Transport wahrscheinlich in das Lager Bergen-Belsen aufstellen sollten, wurde die Parole ausgegeben, dass die Häftlinge ihren gelben Winkel entfernen und nicht zum Transport antreten. 

Die Kraft des Widerstands wurde für alle sichtbar, als die SS am 5. April 1945 versuchte, der »Leiter des Widerstands« - oder jene, die sie dafür hielten - habhaft zu werden. 46 Häftlinge sollten antreten. Da jedoch die politischen Häftlinge diese Liste bereits am Vorabend in den Händen hielten, gelang es ihnen, alle 46 Gesuchten rechtzeitig im Lager zu verstecken. Es zeigt die hohe Autorität des ILK, dass nicht ein Mithäftling gegenüber der SS etwas über den möglichen Aufenthaltsort der Gesuchten verraten hat. Einer der Versteckten war übrigens der jüdische Kommunist Emil Carlebach. 

Als nun in den folgenden Tagen die Front immer näher rückte und große Teile der SS-Wachmannschaft und Lagerverwaltung die Flucht ergriffen und im Nahbereich des Lagers bereits US-Panzerspitzen auftauchten, entschied sich das ILK am 11. April 1945 um 14.30 Uhr, den Befehl zum Losschlagen zu geben. Die militärisch organisierten Häftlinge holten die Waffen aus den Verstecken, schalteten den Strom im Zaun aus, besetzten die Türme und überwältigten die verbliebenen Wachen. Um 15.15 Uhr konnte der damalige Lagerälteste Hans Eiden über Lautsprecher verkünden: »Kameraden, wir sind frei!« Zwei Aufklärer der amerikanischen Armee waren völlig verblüfft, auf bewaffnete Häftlinge zu stoßen, die die Kontrolle über das Lager übernommen hatten, wie sie in einer Militärzeitung berichteten. 

Am 13. April, als auch die Kämpfe in der Umgebung der Stadt Weimar beendet waren, übernahm ein US-Offizier das Kommando in dem ehemaligen Lager. 

Alle diese Fakten sind bekannt, aber dennoch werden reaktionäre Kreise nicht müde, allein von einer »Befreiung durch die Amerikaner« zu sprechen. 

Die größte Provokation leistete sich vor 20 Jahren in diesem Zusammenhang der damalige thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel, der glaubte, bei der Gedenkfeier auf dem Appellplatz in Anwesenheit der ehemaligen Häftlinge allein der US-Armee für die Befreiung danken zu müssen - und deren Kampf völlig ignorierte. 

In der DDR-Geschichtsschreibung wurden die Geschehnisse am 11. April dagegen als »Selbstbefreiung« bezeichnet ... 

Ich muss Sie etwas korrigieren. Es war nicht nur die DDR-Geschichtsschreibung, die die Ereignisse vom 11. April mit Recht als »Selbstbefreiung« bezeichnete. Schon in den ersten Berichten der Überlebenden, die in allen vier Besatzungszonen veröffentlicht wurden - und natürlich auch in dem gemeinsamen Bericht des Internationalen Lagerkomitees von 1947 - wurde die Leistung der politischen Häftlinge für das Überleben des Lagers und die gemeinsame Freiheit deutlich. Mir sind frühe Veröffentlichungen aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich bekannt, wo ebenfalls die Internationale Militärorganisation in ihrer Rolle hervorgehoben wird. 

Interessanterweise wurden solche Berichte in den Anfangsjahren der DDR aus Gründen, die nichts mit dem Widerstand im Lager zu tun hatten, sehr zurückhaltend verbreitet. Erst als sich die Häftlinge aus verschiedenen westeuropäischen Ländern gegen die politische Denunziation der Lagergeschichte im Kalten Krieg wehren mussten, wurde die Perspektive auf den Häftlingswiderstand und die Selbstbefreiung zum ideologischen Gemeingut in der DDR. 

Wurde dabei der Widerstand der Häftlinge zu sehr heroisiert? 

Dass es in diesem Zusammenhang - wie in anderen Bereichen auch - Überzeichnungen und z. T. falsche Darstellungen gab, ist völlig unbestritten. Wenn beispielsweise in einem Jugendbuch Ernst Thälmann zum politischen Führer des Widerstands in Buchenwald gemacht wird, dann ist das natürlich ausgemachter Blödsinn. Aber so etwas war die Ausnahme, insgesamt standen die ernsthaften Aussagen der ehemaligen Häftlinge im Zentrum der Darstellung. 

Aus heutiger Distanz mögen manche Berichte recht heroisch klingen. Aber ich möchte mir nicht anmaßen, den persönlichen Mut, die Überzeugungstreue oder auch die Opferbereitschaft der Überlebenden mit den Maßstäben eines Nachgeborenen, der sich niemals in einer solchen Lage befunden hat, zu bewerten. Die Häftlinge sahen sich dazu veranlasst - nicht um selber als Helden dazustehen, sondern weil sie die Nachgeborenen vor der Gefahr des Wiederauflebens des Faschismus und einer neuen Kriegsgefahr warnen wollten. 

Aus der Sicht der Bundesrepublik wird die Selbstbefreiung der Häftlinge als »DDR-Legende« abgetan. Wissen Sie, wie die ehemaligen Häftlinge von Buchenwald diese Beurteilung interpretierten? 

Anfangs haben sich weder Wissenschaft noch Politik in der BRD intensiver mit der Buchenwald-Geschichte beschäftigt. Nur vereinzelte »Ostforscher« verbreiteten ihre mehr oder minder ideologisch geprägten Stellungnahmen. 

Das änderte sich mit dem politischen Ende der DDR, als man mit der »Abwicklung des Antifaschismus« auch die Geschichte des KZ Buchenwald als Inbegriff antifaschistischer Perspektive versuchte umzudeuten. Nun wurde massiv die These der »DDR-Legende« verbreitet. 

Dagegen kämpften die überlebenden Häftlinge - und zwar nicht nur die Deutschen. In öffentlichen Erklärungen, in Beiträgen für die Glocke vom Ettersberg, in eigenständigen Publikationen und in zahllosen Zeitzeugengesprächen verteidigten die ehemaligen Buchenwalder ihre Erinnerung gegen solche ideologischen Denunziationen. 

Kann man sagen, dass die Gedenkstätte nach dem Ende der DDR politisch instrumentalisiert wurde? Welche Rolle spielten der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald Volkhard Knigge und der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich?  

Die DDR hat viele Jahre ihren antifaschistischen »Selbsterweis« in Buchenwald öffentlich zelebriert. Nach 1991 wurde in der Gedenkstätte die Abwicklung dieses Anspruches massiv betrieben und unter der Leitung von Knigge die Umgestaltung nach den ideologischen Vorgaben der politischen Wende umgesetzt. Nur zwei Beispiele: In den Beginn seiner Amtszeit fällt die Kampagne rund um die »roten Kapos« und die sogenannte Geheimakte Buchenwald, die mit der unsäglichen Veröffentlichung von Lutz Niethammer in schludriger - aber politisch eindeutiger - Weise kommentiert zur Denunziation des politischen Widerstands eingesetzt wurde: Aus den Unterlagen einer parteiinternen Untersuchungskommission der KPD nach 1945 wurden diffamierende Behauptungen, die sich durchweg nicht bestätigten, als »Fakten« gegen die politischen Häftlinge in Stellung gebracht. So hieß es, einzelne Kommunisten hätten mit der SS zusammengearbeitet, um Lagerfunktionen zu ergattern, oder sie hätten Gewalt gegen Mithäftlinge zum persönlichen Vorteil ausgeübt. Obwohl auch Historiker sehr schnell die wissenschaftlichen Schwächen und den denunziatorischen Charakter der Veröffentlichung nachwiesen, hielt Knigge lange Jahre an der geschichtspolitischen Linie dieser Veröffentlichung fest und war nicht bereit, dem Narrativ der Überlebenden gegen die politische Kampagne der »Auftragsforschung« zu folgen. 

Besonders kritisierte er den Umgang der DDR mit dem historischen Ort und der Gedenkstätte selbst. Kennzeichnend dafür die Ausstellung im ehemaligen Toilettenhäuschen am Mahnmalsparkplatz, in der die »Staatsnähe« der Einrichtung nachgezeichnet wird. Hier findet man auch eine Kritik an dem Roman »Nackt unter Wölfen«, verfasst vom ehemaligen Buchenwald-Häftling Bruno Apitz, dem historische Fehler vorgeworfen werden. Als sei der Roman eine historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung. In dieser Auseinandersetzung kam es zu absurd anmutenden Vorwürfen. Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich kritisierte die »Legendenbildung« bei Bruno Apitz, da dieser in seinem Roman Fakten nicht korrekt wiedergegeben habe. Gedenkstättenleiter Knigge setzte noch einen drauf, indem er die historische Gedenktafel an der Effektenkammer entfernen ließ und für die Rettung des Buchenwald-Kindes Stefan Jerzy Zweig nur den Begriff »Opfertausch« gelten lassen wollte (anstelle des dreijährigen Kindes musste das Lagerkomitee u. a. den 16 Jahre alten Sinti Willy Blum auf eine Transportliste nach Auschwitz setzen, wo dieser umgebracht wurde; R. J.). 

Erst mit Hilfe eines bundesdeutschen Gerichts konnte Zweig seine eigene Erinnerung an die Hilfe durch die politischen Mithäftlinge gegen diese denunziatorische Abwertung verteidigen. 

Niemand stellt in Frage, dass die SS Herr über Leben und Tod war und sie auch die Funktionshäftlinge zwang, im Sinne der SS-Todesmaschinerie tätig zu sein. Aber es bleibt ein Verdienst der politischen Häftlinge - und das wollte Zweig bestätigt haben - sich für die Schwächsten in dieser Häftlingsgesellschaft, die Kinder, eingesetzt zu haben. 

Wie ordnen Sie in diesem Zusammenhang das MDR-Remake von »Nackt unter Wölfen« ein, das am 1. April ausgestrahlt wurde? Hielt sich denn der Film an die Fakten? 

Buch und Film sind keine wissenschaftlichen Dokumentationen, sondern künstlerische Interpretationen. Es geht daher nicht zuerst um die Frage der Fakten, selbst wenn das Remake den Anschein einer historischen Dokumentation vermittelt. Für mich war erkennbar, dass der Film - bei aller Brutalität der Bildersprache - sich sehr um eine angemessene Perspektive der Häftlinge bemühte und eigentlich keine Umwertung der Geschichte vornahm. 

Das KZ Buchenwald wurde nach der Befreiung von der Sowjetunion als »Speziallager 2« weitergeführt, wo 7.000 Menschen starben. Können Sie eine Einschätzung abgeben: Wurde dieses Speziallager nach der »Wiedervereinigung« dazu verwendet, um die Sowjetunion politisch in die Nähe des deutschen Faschismus zu rücken? 

Das Speziallager Buchenwald wurde wie auch andere ehemalige KZ und faschistische Haftstätten von den Alliierten als Internierungslager genutzt. Dieses Verfahren bei der Ausschaltung ehemaliger Nazis und politisch verdächtiger Personen hatten die vier Besatzungsmächte untereinander verabredet, selbst wenn sie sich im Zuge der weiteren Entwicklung unterschiedlich dazu verhielten. In diesen Internierungslagern wurden jedoch die Menschen weder aus rassischen bzw. politischen Gründen ermordet oder mit Zwangsarbeit gequält. Sie starben, weil die Lebensbedingungen - insbesondere Ernährungsmängel und Krankheiten - katastrophal waren. 

Daher ist der Charakter der Speziallager ein völlig anderer als der eines faschistischen KZ. Aus der historischen Forschung wissen wir, dass die überwiegende Zahl der Internierten Nazifunktionsträger waren - meist jedoch der unteren Hierarchiestufe. 

Das alles wollte man 1990, als das Thema auf die gesellschaftliche Tagesordnung kam, nicht wahrhaben. Ich selbst habe Diskussionen mit Vertretern der Gemeinschaft »Buchenwald 1945-1950« erlebt, in denen kein Wort zu den Naziverbrechen als Ursache für die Politik der Besatzungsmacht zu hören war. 

Das Hauptproblem im Umgang mit dieser Geschichte war sicherlich die jahrzehntelange Tabuisierung - verbunden mit einem idealisierten Bild der Sowjetunion. Die Umkehrung bedeutete nun, dass die Sowjetunion genauso schlimm gewesen sei wie der Faschismus und alle Internierten nur »Opfer« gewesen seien. Diese Haltung wurde zeitweise selbst von der Gedenkstätte vertreten, bis die eigenen Forschungen ein Umdenken in dieser Thematik erzwangen. Im öffentlichen Diskurs ist von diesem Wissen aber oftmals nichts zu erkennen. 

Während zu jedem runden Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 ein Staatsakt abgehalten wird, versucht man den kommunistischen Kampf gegen die Nazis unter allen Umständen kleinzureden oder zu diskreditieren. Haben Sie eine Erklärung, warum der Widerstand immer noch entlang der Koordinaten des Kalten Krieges interpretiert wird?  

Angesichts der Restaurationspolitik in der BRD war es völlig klar, dass antifaschistischer Widerstand als gesellschaftlicher Gegenentwurf - und inbesondere der von Kommunisten - nicht anerkannt war. Der 20. Juli 1944 war dagegen leichter in das bundesdeutsche Selbstverständnis zu integrieren. Die Mehrzahl der Verschwörer waren konservative Kritiker des Naziregimes, die keinen gesellschaftlichen Wandel, sondern nur die Rettung der Restbestände des Reiches anstrebten. Natürlich war das Ziel des 20. 

Juli ehrenwert - insbesondere hätte eine frühere Beendigung des Krieges das Leben von vielen Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten, gerettet. 

Aber eine Vision für eine andere, eine bessere Gesellschaft hatten sie nicht. 

Ganz anders im KZ Buchenwald. Hier formulierten die politischen Häftlinge, die mit der moralischen Autorität der Selbstbefreiung am 19. April 1945 auf dem Appellplatz antraten, einen antifaschistischen Grundkonsens, der bis heute humanistische, demokratische und linke Kräfte einigen kann: Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln, Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit! Diese Begriffe waren damals und sind auch heute klare Aussagen gegen antidemokratische und reaktionäre Entwicklungen, gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen soziale Ungleichheit und insbesondere gegen alle Formen von Kriegs- und Großmachtpolitik. 

Und das ist in der Tat ein Gegenentwurf zur herrschenden Politik in allen seinen Facetten. Anhänger einer solchen Politik können nicht gewürdigt werden, deren Leistungen müssen minimiert oder geleugnet werden - sonst könnten Nachgeborene vielleicht auf die Ideen kommen, sich solchen Vorstellungen anzuschließen. 

Ulrich Schneider war kurzzeitig 1991 Leiter der Gedenkstätte Buchenwald und ist Geschäftsführer der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis sowie Herausgeber ihres Mitteilungsblattes Glocke vom Ettersberg. Der Historiker befasst sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Konzentrationslagers (auch in Kontakt mit Überlebenden). Er ist einer der Bundessprecher der VVN-BdA. 

 

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»Wir wollen weiterdenken«  

70. Jahrestag der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Bodo Ramelow (Linke) fordert mehr Anstrengungen im Kampf gegen Rassismus. 

John Lütten, Weimar 

In: junge Welt online vom 13.04.2015 

 

Mit etlichen Veranstaltungen ist am Wochenende der 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora begangen worden. Neben Gesprächen mit Zeitzeugen, Gedenkmärschen und Führungen fand erstmals auch eine »Lange Nacht« mit Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen im Deutschen Nationaltheater (DNT) in Weimar statt, an der mehrere hundert Interessierte teilnahmen. Am Sonnabend gedachten etwa 80 Buchenwald-Überlebende um 15.15 Uhr - dem Zeitpunkt der Selbstbefreiung - ihrer toten Kameraden mit einer Schweigeminute. Auf dem ehemaligen Appellplatz hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift »Jedem das Seine« legten die Überlebenden weiße Rosen und rote Nelken nieder. 

Einige der hochbetagten Gäste trugen bei der ergreifenden Zeremonie alte Häftlingsuniformen. Manche wagten zum ersten Mal überhaupt den Weg zurück an den Ort ihres unfassbaren Leidens. 

Am Sonnabend vormittag hatten bereits Familienangehörige von Häftlingen aus Deutschland, Polen und Frankreich zwölf Bäume in der Nähe der einstigen »Blutstraße« gepflanzt. Mit der Aktion »1.000 Buchen« wollen sie sich einen Ort des Erinnerns und Gedenkens schaffen. Über die »Blutstraße« trieb und karrte die SS einst die Häftlinge in das Lager. 

Das 1937 errichtete Konzentrationslager Buchenwald war eines der größten des Lagersystems der Nazis. Etwa 56.000 Menschen sind hier umgebracht worden oder durch Hunger und Kälte gestorben. Doch es gibt auch die Geschichte des kommunistischen Widerstands: Politische Häftlinge organisierten sich klandestin, schmuggelten Waffen ins Lager. Als US-amerikanische Streitkräfte das Gelände am 11. April 1945 erreichten, hatten Häftlinge bereits die verbliebenen SS-Männer entwaffnet und gefangengenommen. 

»Musik im Lager«Auch die im Lager geschaffene Kunst hat eine politische Geschichte - zwei Veranstaltungen machten das am Sonnabend deutlich. Eine Sonderführung widmete sich erstmals dem Thema »Musik im Lager«, einem noch kaum erforschten Bereich des Alltags im KZ. »Neben der verordneten gab es auch von den Häftlingen selbst organisierte Musik«, erklärte der Pädagoge Andreas Lehmann, der die Führung leitete. In einem geheim eingerichteten Zimmer soll der polnische Komponist Jósef Kropinski hier knapp 500 Stücke komponiert haben. Bei heimlichen »Blockkonzerten« traten inhaftierte Musiker in den Wohnblocks auf, flüchteten so kurzfristig aus dem Grauen des Lageralltags. Über die Effektenkammer konnten Häftlinge Instrumente ins Lager liefern lassen, Musikgruppen spielten bei illegalen Gedenkveranstaltungen. Später gab es offizielle Lagerkonzerte, die von Insassen selbst gestaltet wurden. »Aber natürlich war deren Reichweite begrenzt«, fügte Lehmann hinzu. 

Der französische Widerstandskämpfer Pierre Provost hat im Lager heimlich 50 Gravuren, Medaillen und andere Kunstgegenstände angefertigt, die nun ausgestellt werden. »Provost arbeitete daran, der Erfahrung der Lager ein Bildgedächtnis zu geben«, sagte Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, während der Ausstellungseröffnung. Medaillen seien traditionellerweise ein Mittel der Ehrung und Würdigung. »Zum ersten Mal wurden Medaillen den Ermordeten des Lagers gewidmet«, so Knigge weiter. Auch Provosts Tochter, Gisèle Provost, die die Ausstellung mitorganisiert hatte, war anwesend und erzählte aus dem Leben ihres Vaters. Bis Ende August sind seine Arbeiten auf dem Lagergelände zu sehen. 

Am Sonnabend nachmittag wurde ein Gedenkstein für republikanische Kämpfer des spanischen Bürgerkrieges, die in Buchenwald inhaftiert waren, eingeweiht. »Als ich das erste Mal hier war, habe ich gesehen, dass es keinen Ort der Erinnerung für die Republikaner gibt«, erzählte Enric Garriga, Mitglied im Internationalen Buchenwald-Komitee, dessen Vater im Lager gestorben ist. »Das wollten wir ändern.« Insgesamt 636 Vertreter des spanischen Widerstandes waren in Buchenwald inhaftiert, viele starben hier. 

Garriga lebt heute in Katalonien und setzt sich dort für antifaschistisches Gedenken ein. »Es kommen jedes Jahr katalanische Schüler zu Besuch nach Weimar«, erzählte er im Gespräch mit jW. »Nun haben sie hier einen Ort, um der Antifaschisten des spanischen Bürgerkrieges zu gedenken.« 

Mit der »Langen Nacht« im DNT in Weimar fanden die Veranstaltungen des Sonnabends ihren Abschluss. Es war ein neues Format mit aktuellem Bezug - zum NSU-Komplex, zur Gedenkpolitik, zu rassistischer und antisemitischer Gewalt heute. »Wir wollen weiterdenken, nicht nur erinnern«, sagte Volkhard Knigge zur Eröffnung. In einem »Zeitzeugencafé« konnte zudem mit Überlebenden der Konzentrationslager gesprochen werden. »Ich musste ab 1943 Zwangsarbeit in Deutschland leisten«, erzählte Afanasij Storozhuk, der 1924 in der Ukraine geboren wurde und sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatte, im Gespräch mit jW. Er kam 1944 nach Buchenwald, gehörte auch hier politischen Strukturen an. »Wir waren Komsomolzen«, berichtete er lächelnd. 

Nach der Befreiung ging er zurück in die Ukraine, heute lebt er im Westen des Landes. Die Frage nach dem aktuellem Konflikt und den involvierten faschistischen Gruppen ging ihm spürbar nahe. »Ich hoffe einfach, dass es keinen weiteren Krieg gibt, keine weiteren Toten«, sagte er und ist den Tränen nahe. »Es muss endlich Frieden geben.« 

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach am Sonntag auf dem »Europäischen Gedenkakt« im Weimarer Theater, mit dem das Internationale Komitee Buchenwald-Dora und ehemalige KZ-Häftlinge den Jahrestag begingen. 

Dabei forderte er mehr Anstrengungen im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Menschenfeindliche Taten wie der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Tröglitz oder Angriffe auf Gedenkstätten für KZ-Häftlinge in Thüringen erforderten, dass »wir Demokraten noch mehr und überall Gesicht zeigen«, sagte Ramelow. Es gelte, die Stimme zu erheben, »wenn die Brandstifter von heute dem Geist der Mordbrenner von damals folgen und geplante Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber in Brand stecken«. 

Schwur erneuertAuf dem Lagergelände fanden derweil selbstorganisierte Führungen von gewerkschaftlichen und antifaschistischen Gruppen statt. An der Kranzniederlegung und der Erneuerung des Schwurs von Buchenwald beteiligten sich bis zu 2.000 Besuchern der Gedenkstätte. Außerdem wurde der Ermordung Ernst Thälmanns gedacht, der im August 1944 in Buchenwald erschossen wurde. »Wir müssen uns wieder mehr der Friedenspolitik und der sozialen Frage widmen«, befand Ben E., Student aus Jena, gegenüber jW. 

»Wenn wir diese Felder nicht mehr besetzen, können wir echt einpacken«, sagte er bestimmt. Noch während der gesamten kommenden Woche finden Gedenk- und Informationsveranstaltungen in ganz Thüringen statt. (Mit Material von dpa) 

www.buchenwald.de 

 

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»Der Antifaschismus der DDR ist von großer Bedeutung«  

DKP veranstaltet zentrale Konferenz zum 70. Jahrestag der Befreiung. Ein Gespräch mit Patrik Köbele  

Markus Bernhardt 

In: junge Welt online vom 13.04.2015 

 

Patrik Köbele ist Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) 

Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung Deutschlands vom Faschismus am 8. Mai veranstaltet die DKP am 2. Mai eine Konferenz in Berlin. Was ist das Ziel dieser Tagung? 

Zum einen wollen wir natürlich an die Befreiung vom Faschismus erinnern und den Befreiern unseren Dank aussprechen. Zum anderen wollen wir jeglichen Versuchen, den 8. Mai politisch umzudeuten, entschlossen entgegentreten. 

Von wem gehen derlei Versuche aus? 

Wir erleben eine Bundesregierung, die sich weigert, die historische Bedeutung des 8. Mai anzuerkennen, geschweige denn dieses Tages angemessen zu gedenken. Damit fallen SPD und Union weit hinter die Position des mittlerweile verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten und CDU-Mannes Richard von Weizsäcker zurück, der zwar erst 1985, aber als erster Vertreter der etablierten Politik in der BRD den 8. Mai als Tag der Befreiung charakterisiert hat. Wir hingegen freuen uns sehr, dass mit Michail Kostrikow, Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, und Roman Kononenko, dem Mitglied des Büros der Sankt Petersburger Sektion, gleich zwei Genossen der KPRF an unserer Konferenz teilnehmen werden. 

Aber zurück zum Inhalt: Im europäischen Raum ist ein massives Erstarken von rassistischen und auch offen neofaschistischen Parteien zu verzeichnen, die mancherorts - zum Beispiel in Ungarn - über große Zustimmung in der Bevölkerung verfügen. Hinzu kommt das aggressive Kriegsgetrommel der Bundesregierung, der EU sowie der USA und der NATO. All diese bedrohlichen Entwicklungen werden auch auf unserer Konferenz eine Rolle spielen, da wir als Kommunisten Antworten geben und handeln müssen. 

Gehen Sie davon aus, dass Sie Linke außerhalb Ihrer Partei zur Teilnahme bewegen zu können? 

Ja. Wir bieten an diesem Tag ein reichhaltiges Programm, das sowohl aus politischen als auch aus kulturellen Beiträgen besteht. Wir dürfen mit dem Armeegeneral a. D. Heinz Kessler, den letzten Verteidigungsminister der DDR ebenso begrüßen wie den Ehrenvorsitzenden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Heinrich Fink. Auch Sevim Dagdelen, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, hat ihre Teilnahme an einer Podiumsdiskussion unter dem Motto »Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen - Strategien im Kampf für den Frieden« zugesagt. Mit dabei ist auch Lühr Henken vom Kasseler Friedensratschlag. Das kann sehr produktiv werden. Wir müssen uns auf die Herausforderungen einer steigenden Aggressivität des deutschen Imperialismus einstellen, aber auch auf solche wie »Pegida«, eine rechte Massenbewegung, die auch soziale Ängste aufgreift, und deren parlamentarischen Arm, die reaktionäre und sozialchauvinistische »Alternative für Deutschland«. 

DKP-Vize Nina Hager wird ein Referat zum antifaschistischen Erbe der DDR halten. Warum sollte dies ein Vierteljahrhundert nach deren Anschluss von Bedeutung sein? 

In den Köpfen vieler Menschen lebt er zu Recht weiter. Der Antifaschismus der DDR gehörte zu ihrem Gründungskonsens, ganz im Unterschied zur BRD. 

Heute wird er als verordnet verleumdet. Und: Von der DDR ging niemals Krieg aus. Grund genug, sich mit dem Erbe der DDR zu befassen und sich positiv auf sie zu beziehen. 

Weite Teile der politischen Linken weigern sich aber bis heute, die Errungenschaften der DDR anzuerkennen ... 

Das ist nicht nur für den Rückblick schlecht, sondern auch für die Zukunftsperspektive. Es verschließt vor allem den Blick dafür, dass die Herrschenden - das heißt Monopolkapital und Regierung - die DDR deshalb delegitimieren, weil sie, bei allen Problemen und Schwächen, gezeigt hat, dass die Zerschlagung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse die Grundlage für die Realisierung der Losung »Nie wieder Krieg - nie wieder Faschismus« ist. Deshalb wird die DDR von den Herrschenden so gehasst. 

Lassen sich Linke darauf ein, verzichten sie darauf, diesen Zusammenhang zu benennen. 

Konferenz: 2. Mai 2015, 11-19 Uhr: »8. Mai 2015: Tag der Befreiung vom Faschismus - der Kampf geht weiter!« Willi-Münzenberg-Saal im ND-Haus, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin 

www.dkp-berlin.info 

 

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April 17, 2015  

Als am letzten Wochenende die Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar stattfanden, meldete RTL Radio Lëtzebuerg, das KZ sei am 11. April 1945 von »amerikanischen Truppen« befreit worden und bei den Häftlingen habe es sich um Juden, Sinti und Roma sowie um Luxemburger gehandelt. 

by Kommunisten-Online  

 

Selektive Erinnerungskultur 

von Oliver Wagner 

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek 

 

Als das offizielle Luxemburg den 70. Jahrestag der Rückkehr von Großherzogin Charlotte aus dem Exil beging, nutzten zwei nach der Befreiung geborene Escher den sonnigen Dienstag, um das Grab der Resistenzlerin Ernie Reitz auf dem Joseph-Friedhof zu reinigen, wieder herzurichten und mit blauen, weißen und roten Blumen zu schmücken. 

Ernie Reitz hatte nach dem Überfall der Nazis geholfen, Refraktäre, die sich der Einziehung in die Hitlerwehrmacht oder den »Reichsarbeitsdienst« verweigert hatten, zu verstecken und mit dem Nötigsten zu versorgen. In Anerkennung ihrer Verdienste wurde nach ihrem Tod 1989 eine Straße ihrer Heimatstadt nach der Widerstandskämpferin benannt. Ihr Grab aber wurde sich selbst überlassen und befand sich vor der Reinigungsaktion in einem unwürdigen Zustand. 

So erging es auch dem Grab von Hans Adam, dem aus Deutschland stammenden Antifaschisten, der am 31. August 1942 im Schifflinger Hüttenwerk das Signal zum Generalstreik gegen die Nazis gegeben hatte. 

Wenige Tage nachdem im vergangenen Jahr überall im Land des 70. Jahrestages der Befreiung von den Nazibesatzern und der Opfer des Generalstreiks gedacht wurde, enthüllte die Escher OGBL-Sektion am 11. September, dem Tag, an dem Hans Adam in Köln enthauptet wurde, eine von ihr gestiftete Gedenktafel an seinem von der Gewerkschaft hergerichteten Grab auf dem Lallinger Friedhof. 

Als am letzten Wochenende die Feierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar stattfanden, meldete RTL Radio Lëtzebuerg, das KZ sei am 11. April 1945 von »amerikanischen Truppen« befreit worden und bei den Häftlingen habe es sich um Juden, Sinti und Roma sowie um Luxemburger gehandelt. 

Kein Wort über die vielen tausend Kommunisten aus ganz Europa, darunter der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, die in Buchenwald ermordet wurden! Auch die 15.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, immerhin die größte Opfergruppe in diesem KZ, in dem in weniger als acht Jahren 56.000 Menschen ermordet wurden, waren RTL keine Erwähnung wert. 

Besonders empörend an dieser selektiven Erinnerungskultur aber ist das Verschweigen der historischen Tatsache, daß sich die Häftlinge in Buchenwald aus eigener Kraft selbst befreit haben, indem sie Jahre vor dem 11. April 1945 begannen, unter den Augen von SS und Gestapo eine geheime Organisation der Häftlinge aufzubauen. Diesem Internationalen Lagerkomitee gehörten neben deutschen Kommunisten wie Emil Carlebach Vertreter fast aller Häftlingsgruppen an. 

Dem Lagerkomitee, das unzähligen Mithäftlingen das Überleben in Buchenwald ermöglichte, gelang es Anfang April 1945, über 21.000 Häftlinge, unter ihnen mehr als 900 Kinder, die noch in diesen Tagen auf Todesmärsche geschickt werden sollten, zu retten. 

Als sich die ersten USA-Panzer dem Lager näherten, holten die militärisch organisierten und geschulten Häftlinge ihre selbstgebauten Waffen aus den Verstecken, schalteten den Strom im Zaun aus, besetzten die Türme und überwältigten die verbliebenen Wachen. Um 15.15 Uhr konnte der Lagerälteste, der Trierer Kommunist Hans Eiden, über Lautsprecher verkünden: »Kameraden, wir sind frei!« Zwei Aufklärer berichteten später in einer Zeitung der USA-Armee, sie seien völlig verblüfft gewesen, auf bewaffnete Häftlinge zu stoßen, die die Kontrolle über das Konzentrationslager übernommen hatten. 

Oliver Wagner 

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