»Dem Rad in die Speichen fallen«  

Als Christ muss man nicht nur trösten, sondern auch eingreifen. Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet  

Horsta Krum 

In: junge Welt online vom 09.04.2015 

 

Er hätte eine gute, solide Karriere machen können etwa als Jurist oder Mediziner wie seine Brüder und andere Verwandte - und dies um so mehr, als der Name seines Vaters über den Krankenhaus- und Universitätsbereich hinaus bekannt und geschätzt war. Sogar das heutige Berlin kennt ihn durch die »Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik«. Aber der Sohn Dietrich entschied sich für evangelische Theologie. Das war in bürgerlich-liberalen Kreisen nicht unbedingt üblich; zwar gehörte man der Kirche an, stand ihr aber innerlich eher distanziert gegenüber. 

Dietrich Bonhoeffer, geboren 1906, absolvierte sein Studium und sammelte erste berufliche Erfahrungen während der Weimarer Republik. Schon zu Beginn der Nazizeit war die Familie über die Geschehnisse sehr gut informiert. 

Beispielsweise war Karl Bonhoeffer Gutachter ab September 1933, als der Prozess zum Reichstagsbrand begann. Ebenso war er an der Durchführung der sogenannten Euthanasiegesetze beteiligt, deren erstes im Juli 1933 in Kraft trat. Und Dietrichs Schwager Hans von Dohnanyi leitete das Büro des Reichsjustizministeriums. Was die kirchliche Arbeit angeht, so verdankte Dietrich Bonhoeffer u. a. seinem theologischen Lehrer Karl Barth und den Kontakten mit Vertretern von Kirchen anderer Länder ein großes Wissen und einen weiten Blickwinkel, sowohl in politischen als auch theologischen Fragen. 

Die evangelische Kirche seit 1933Manche Gesetze, die dem 30. Januar 1933 folgten, dem Tag, an dem Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte, wirkten sich auch auf die Kirche aus, beispielsweise das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« mit dem sogenannten Arierparagraphen. Staatsbeamte, die ihre »arische« Herkunft nicht beweisen konnten, wurden entlassen. Die Berliner evangelische Kirche übernahm dieses Gesetz, denn die »Deutschen Christen«, die der Naziideologie folgten, bildeten hier und anderswo die Mehrheit. 

Die evangelischen Gemeinden Deutschlands waren und sind in Landeskirchen gegliedert, die ihre Entstehung den von der katholischen Kirche abtrünnigen Landesfürsten verdanken - so entstand die enge Verbindung von Kirche und Staat, die sich im Laufe der Geschichte als verheerend erwiesen hat. Schon der Begründer der evangelischen Kirche, Martin Luther, ging bekanntlich mit Gegnern rigoros um (»Wider die mörderischen Rotten der Bauern«). Die Juden, die sich damals nicht bekehren lassen wollten, nannte er verstockt und betrachtete sie als Feinde des Christentums. Er riet den evangelischen Fürsten, sie außer Landes zu jagen. 

So war es nicht verwunderlich, dass die Deutschen Christen sich 1933 auf Luther beriefen. Gegen sie bildete sich eine Opposition, die sich 1934 als »Bekennende Kirche« organisierte und mit den Namen Martin Niemöller und Karl Barth verbunden war. Sie verstand sich als innerkirchliche Opposition, die sich, im Gegensatz zu den Deutschen Christen, von der jüdischen Wurzel des Christentums nicht trennen wollte, auch nicht von ihren Pfarrern, Mitarbeitern, Mitchristen, die die Nazis als »nichtarisch« klassifiziert hatten. Dietrich Bonhoeffer gehörte ihr an und wurde 1935 mit der Ausbildung junger Theologen betraut, die sich nicht den Deutschen Christen anschließen wollten. 

Die Bekennende Kirche wollte unpolitisch bleiben. Später - Niemöller war verhaftet und Barth hatte in die Schweiz zurückkehren müssen - leisteten viele ihrer Pfarrer den Treueeid auf Hitler. Gegen die Reichspogromnacht am 9. November 1938 protestierten einzelne Mitglieder, aber die Bekennende Kirche als Institution äußerte sich nicht. Sie blieb also weit hinter dem zurück, was Bonhoeffer schon 1933 - siehe folgenden Abschnitt - formuliert hatte. 

Zur »Judenfrage«Von seinem Schwager Hans von Dohnanyi wusste Bonhoeffer sehr bald, dass die Nazis die systematische Verfolgung der Juden vorbereiteten. Als am 1. April 1933 ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte erging, erarbeitete Bonhoeffer seinen Aufsatz »Die Kirche vor der Judenfrage«.¹ »Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.« Noch fest in der Tradition Luthers stehend, sprach er von der Bekehrung der Juden als dem Ende ihres Leidens. Und dann gebrauchte Bonhoeffer ein Bild aus Schillers »Don Carlos«. Im Drama fragt der Marquis den König, ob er dem Rad der Weltgeschichte wirklich »mit Menschenarm in seine Speichen fallen« wolle. Bonhoeffer überträgt dieses Bild auf die evangelische Kirche: Eine Möglichkeit kirchlichen Handelns gegenüber dem Staat »besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln (...) ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht.« Bevor der Aufsatz gedruckt wurde, trug Bonhoeffer ihn in Thesenform vor. Von den anwesenden Pfarrern verließen einige unter Protest den Saal. Forderte er doch bereits jetzt weit mehr als das, was die Bekennende Kirche ab 1934 sagte und tat. 

Später dann, nachdem die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden, den »Staatsfeinden«, immer offensichtlicher und brutaler wurde, stellte sich Bonhoeffer nicht mehr die Frage, ob die Juden sich irgendwann bekehren lassen würden. »Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass, Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. (...) Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen.«² 

In Zusammenarbeit mit Schweizer Freunden und Angehörigen des nichtmilitanten Flügels der französischen Résistance half Bonhoeffer Juden zur Flucht - öfter jedenfalls, als frühere Bonhoeffer-Literatur erwähnt.³ 

Zur FriedensfrageDas Studienjahr 1930/31 in New York hatte Bonhoeffer besonders geprägt. Er gewann dort einen Freund, den Franzosen Jean Lasserre. Der war Pazifist und trat dem Deutschen ohne Ressentiment gegenüber, was umgekehrt für Bonhoeffer sicherlich nicht zutraf. Eine Äußerung vom Februar 1929 zeigt, welches Bewusstsein Bonhoeffer in etwa hatte, als er in New York ankam: Er werde im Krieg zu den Waffen greifen, um seine Angehörigen zu schützen; dies sei ein entsetzlicher Gedanke, »aber die Liebe zu meinem Volk wird den Mord, wird den Krieg heiligen. (...) Was ich habe, danke ich diesem Volk; was ich bin, bin ich durch mein Volk, so soll auch das, was ich habe, ihm wieder gehören, das ist die göttliche Ordnung, denn Gott schuf die Völker.«⁴ Damit gab der junge Theologe ungefähr das wieder, was viele, sehr viele in der evangelischen Kirche dachten. 

Die Freundschaft, die zwischen Bonhoeffer und Lasserre in tagelangen, nächtelangen Diskussionen und gemeinsamen Aktivitäten heranwuchs, hat beide tief beeinflusst. In den erhaltenen Vorträgen und Predigten Bonhoeffers zeigten sich anfangs noch Reste von Nationalismus; aber für den Sommer 1931 stellte Lasserre fest: »Dietrich sprach über den Pazifismus genauso eindeutig wie ich, vielleicht sogar noch überzeugender. Ich dachte nicht, dass er die pazifistische Vision so stark verinnerlicht hatte.«⁵ 

Bereits im Februar 1932 beschwor der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann die Deutschen: »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler; wer Hitler wählt, wählt den Krieg«. Zumindest die zweite Hälfte dieser Aussage wurde auch für Bonhoeffer aufgrund seiner ausländischen Kontakte und den Erfahrungen in Deutschland zunehmend deutlich, so dass ihn die Frage nach Krieg, Frieden und Gewalt nicht mehr losließ. 

Jede seiner aktuellen Äußerungen, gleich aus welchem Jahr, gleich zu welchem Thema, ja, sein ganzes Denken, sein ganzes Leben, war durch und durch theologisch verwurzelt. So auch die Rede, die er 1934 auf der dänischen Insel Fanö hielt anlässlich einer internationalen kirchlichen Tagung. »Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch Tanks und Giftgas bereitstellen? Und dann scheinbar das Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, du sollst dein Volk nicht schützen? Du sollst deinen Nächsten nicht dem Feind preisgeben? Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, dass Friede sein soll unter den Menschen. (...) Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmer sichern. 

Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg.«⁶ 

Bonhoeffer forderte ein christliches Weltkonzil, das radikal zum Frieden ruft. »Müssen wir uns von den Heiden im Osten beschämen lassen? (gemeint sind Gandhi und seine Mitkämpfer; H. K.) Sollten wir die einzelnen, die ihr Leben an diese Botschaft wagen, allein lassen? Die Stunde eilt, die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Misstrauen aus aller Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden - worauf warten wir noch? Wollen wir mitschuldig werden wie nie zuvor?«⁷ Die internationale ökumenische Versammlung, auf der Bonhoeffer diese Forderung stellte, reagierte nicht. Zu groß war das Gewicht der Kirchen, die nicht mit der offiziellen deutschen Kirche, den »Deutschen Christen«, in Konflikt geraten wollten. 

»Eine ganz andere Opposition«Schon im Frühjahr 1934 hielt Bonhoeffer »die Langsamkeit des ökumenischen Handelns allmählich nicht mehr für verantwortlich«. Mit seinem leidenschaftlichen Appell von Fanö versuchte er noch einmal, die Ökumene aus ihrer Langsamkeit aufzurütteln, vergeblich. 

Auch von der Bekennenden Kirche in Deutschland war er enttäuscht: »Obwohl ich mit vollen Kräften in der kirchlichen Opposition mitarbeite, ist mir doch ganz klar, dass diese Opposition nur ein ganz vorläufiges Durchgangsstadium zu einer ganz anderen Opposition ist.«⁸ 

Von dieser Opposition erfuhr er Genaueres Anfang 1938. Sein Schwager informierte ihn über die Kriegspläne der Nazis und über die Entlassung des Oberbefehlshabers des Heeres, Werner Freiherr von Fritsch, der sich gegen dieses Vorhaben gestellt hatte. Dohnanyi fand sich mit Generaloberst Ludwig Beck, dem Chef des Generalstabs, Hans Oster, damals Oberst beim militärischen Geheimdienst der Wehrmacht (Abwehr) von Admiral Wilhelm Canaris, u. a. zusammen. Diese Gruppe, die sich allmählich vergrößerte, arbeitete Pläne zur Rehabilitierung von Fritsch und zum Sturz Hitlers aus. 

Bonhoeffer war Mitwisser geworden. Eine persönliche Entscheidung zögerte er hinaus, nicht etwa aus einer ablehnenden Haltung der konspirativen Widerstandsgruppe gegenüber, sondern aus Loyalität zu seiner Kirche. Ihr fühlte er sich verpflichtet und auch seinem Buchvorhaben, nämlich politische Verantwortung, persönliches Engagement theologisch in einer »Ethik« zu reflektieren. Die wachsende Kriegsgefahr machte seine Einberufung zum Soldaten wahrscheinlich. Mit Hilfe von Freunden bekam er im Frühjahr 1939 ein Visum für die USA und eine Befreiung vom Wehrmeldeamt. In New York konnte er eine Lehrtätigkeit übernehmen. Dort angekommen, quälte ihn die wachsende Einsicht, dass ein unbefristeter Amerikaaufenthalt eine Flucht vor der Verantwortung bedeutete. So kehrte er im Juli 1939 nach Deutschland zurück - zur Enttäuschung seiner Freunde, die ihm die Wege in die Emigration geebnet hatten. 

Trotz wachsender Behinderung durch die Gestapo nahm er seine Tätigkeit für die Bekennende Kirche wieder auf. Im Sommer 1940 entschieden Oster, Canaris u. a. endgültig über Bonhoeffers Mitarbeit. Sie baten ihn, seine ökumenischen Kontakte zum Erhalt und zur Weitergabe von politischen und militärischen Informationen zu nutzen. 

Anfang September 1939, kurz nach dem Überfall auf Polen, erklärte ihn die Abwehrorganisation Canaris für unabkömmlich und verpflichtete ihn als zivilen Abwehrmann bei ihrer Münchener Dienststelle. Offiziell arbeitete er weiter in der Bekennenden Kirche. Bonhoeffer war vom Mitwisser zum Mittäter geworden. 

Die Widerstandsgruppe versuchte, Zeit zu gewinnen und die Ausweitung des Krieges zu verhindern. Auch sammelte sie Beweismaterial über die Greueltaten in Polen, um weitere Militärs und auch ehemalige Gewerkschaftsführer für den Widerstand zu gewinnen. Dem niederländischen Militärattaché gab Oster, nachdem er sich mit Bonhoeffer beraten hatte, die genauen Pläne des Überfalls auf Holland bekannt; aber die Regierung schenkte dem keinen Glauben. 

Die Widerstandsgruppe beauftragte ihn unter anderem, das Ausland - über den Weg kirchlicher Kontakte - von der Glaubwürdigkeit des militärischen Widerstands zu überzeugen, was nach den deutschen Siegen im Westen immer schwerer wurde. So traf Bonhoeffer mehrmals den englischen Bischof George Bell, der seit dem ersten Londoner Aufenthalt Bonhoeffers eine Art väterlicher Freund war. Bonhoeffer übergab ihm eine Liste von deutschen Militärs, die nach der Beseitigung Hitlers Deutschland repräsentieren würden, mit der Bitte, den Krieg nicht fortzusetzen. Aber Premierminister Winston Churchill lehnte einen Kontakt zu der Widerstandsgruppe ab. Bell schockierte die Öffentlichkeit mit Informationen aus Konzentrationslagern, Informationen, die er von Bonhoeffer hatte. Im Oberhaus, dem er angehörte, warb er um Vertrauen in den deutschen militärischen Widerstand. Die meisten Abgeordneten misstrauten Deutschland, auch den Flüchtlingen und dem Widerstand von dort. 

Bonhoeffer legte von September 1940 bis April 1943 reichlich 50.000 Kilometer im Dienste der Abwehr zurück. Trotzdem fand er Zeit, an seiner »Ethik« zu schreiben. In der angespannten gegenwärtigen Situation brauchte er die theologische Arbeit nötiger als je zuvor, war er doch vor allem Theologe. Hatte er sich früher mit dem Begriff »Gehorsam« auseinandergesetzt, so ging es ihm jetzt um Verantwortung des einzelnen, der in Freiheit handelt »ohne Rückendeckung durch Menschen oder Prinzipien. 

Niemand hat die Verantwortung, aus der Welt das Reich Gottes zu machen, sondern soll den nächsten notwendigen Schritt tun«.⁹ 

Nach zwei gescheiterten Attentatsversuchen im März 1943 wurde Bonhoeffer, zusammen mit Hans von Dohnanyi, dessen Ehefrau (Bonhoeffers Schwester) u. 

a. am 5. April 1943 verhaftet und für anderthalb Jahre in das Militärgefängnis Tegel gebracht. Im Oktober 1944 überführten in die Nazis in den Gestapo-Keller in der Prinz-Albrecht-Straße. Im Februar 1945 begann für ihn und andere Gefangene eine Irrfahrt durch mehrere Konzentrationslager, die im KZ Flossenbürg endete. Nachdem die SS Dohnanyis Geheimarchiv Anfang April entdeckt hatte, befahl Hitler, die Widerstandsgruppe zu töten. Dohnanyi, schwer misshandelt und nicht transportfähig, wurde in Sachsenhausen umgebracht. Zusammen mit Wilhelm Canaris, Hans Oster und drei anderen wurde Dietrich Bonhoeffer am Morgen des 9. April in Flossenbürg erhängt. 

Aus der Haft in Tegel sind Aufsätze, auch Gedichte, vor allem Briefwechsel bekanntgeworden. Sie gelangten über wohlgesonnene Wärter nach draußen, später wurden sie unter dem Titel »Widerstand und Ergebung« veröffentlicht. 

Die letzten Briefe aus dem Tegeler Gefängnis stellen immer wieder die Frage nach der Religion: was religionsloses Christentum sei und wie es gelebt werden könne. Bonhoeffer war überzeugt, dass die Kirche sich von Grund auf ändern muss, ändern wird: Sie wird eine neue, nichtreligiöse Sprache finden und ohne Privilegien leben. »Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen.«¹⁰ 

Die evangelische Kirche heuteDie deutsche evangelische Kirche kann nicht viele Kämpfer gegen den Faschismus vorweisen. Deswegen hat sie sich Bonhoeffer ganz groß auf ihre Fahnen geschrieben. Dies ist auch ganz wörtlich zu verstehen: Eine zeitlang flatterte auf dem Berliner Gebäude der evangelischen Kirche eine weiße Fahne mit dem Beginn eines Gedichtes von Bonhoeffer. Es handelt sich um ein sehr persönliches, intimes Gedicht, in dem der Inhaftierte zur Weihnachtszeit schreibt, wie sehr er sich nach seiner Familie sehnt. Dieses Gedicht wurde auch vertont, und seitdem gesungen, sicherlich auch heute in Gedenkgottesdiensten für Bonhoeffer landauf und landab. Das alles ist, gelinde gesagt, eine Geschmacklosigkeit. 

Heuchelei aber ist es, wenn die heutige, wieder groß gewordene evangelische Kirche Bonhoeffer auch inhaltlich vereinnahmt. Nach 1990, als die Kirchen der BRD und der DDR sich zu einer Kirche zusammenschlossen, hatten sie die Chance eines Neuanfangs im Sinne Bonhoeffers gehabt: »Auf unsere Privilegien werden wir gelassen und in der Erkenntnis einer geschichtlichen Gerechtigkeit verzichten können.«¹¹ Eine Kirche, die Militärseelsorge betreibt und sie sich gut bezahlen lässt, hat nicht das Recht, sich auf Bonhoeffer zu berufen. Eine Kirche, die sich nicht von ihrem Pfarrer Joachim Gauck, der die Bevölkerung an Kriege gewöhnen will, klar distanziert und die nicht bei jedem neuen Militäreinsatz der Bundeswehr scharf protestiert, hat Bonhoeffers Rede von 1934 nicht zur Kenntnis genommen. 

Eine Kirche, die der immer größer werdenden Armut mit Diakonie begegnet, verbindet bestenfalls die Opfer unter dem Rad, um es mit Bonhoeffers Bild aus dem Jahre 1933 zu sagen. Aber dieses Rad, das immer mehr Armut für die vielen Armen und immer mehr Reichtum für die wenigen Reichen produziert, benennt die Kirche nicht einmal, geschweige denn, dass sie ihm in die Speichen fiele. 

Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, zitierte Bonhoeffer im August letzten Jahres. Das war ein doppelter Skandal: Er nahm Bonhoeffer in Anspruch, um Waffenlieferungen in den Irak zu rechtfertigen. Außerdem zitierte er falsch: um dem Rad des Terrorismus in die Speichen zu greifen. Der Fehler spricht für sich. Wer Bonhoeffer so verharmlost, missbraucht ihn und repräsentiert eine Institution, die sich als Kirche im Kapitalismus behäbig etabliert hat. 

Anmerkungen1 Die Bonhoeffer-Zitate sind, wenn nicht anders angegeben, der 17bändigen Werkausgabe entnommen. Dieses und das folgende Zitat findet sich in Band 12, S. 353 ff. 

2 Werke, Band 6, S.129 f. 

3 Etwa bei Ferdinand Schlingensiepen: Dietrich Bonhoeffer 1906-1945. Eine Biographie. München 2006, S. 277 f. 

4 Werke, Band 10, S. 337 f. 

5 Das Zitat stammt aus einem unveröffentlichten Manuskript Lasserres. 

6 Werke, Band 13, S. 298 ff. 

7 Ebenda 

8 Werke, Band 13, S. 128 

9 Werke, Band 6, S. 222 

10 Werke, Band 8, S. 435 f. 

11 Ebenda 

Horsta Krum schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 27.8.2014 über den Kunstraub der Nazis in Frankreich. 

 

__________________________ 

 

Bis zum bitteren Ende 

Dietrich Bonhoeffer zum 70. Todestag: Neues in einer umfangreichen Biographie 

Von Sabine Neubert 

 

Es liegt nahe, den Lebensweg Dietrich Bonhoeffers, des berühmten Theologen und Widerständlers gegen das Nazi-Regime, von seinem Tod her zu lesen. Eine neue Biografie versucht genau das. 

Es liegt nahe, den Lebensweg Dietrich Bonhoeffers, des berühmten Theologen und Widerständlers gegen das Nazi-Regime, von seinem Tod her zu lesen, ist es doch ein von ihm selbst sehr oft hinterfragter und angezweifelter, letztendlich jedoch ein konsequenter Weg bis zum bitteren Ende gewesen. Von Todestag oder Hinrichtung zu sprechen, erscheint angesichts der Fakten, die Charles Marsh genau recherchiert hat, eigentlich viel zu blass. Dietrich Bonhoeffer ist wahrscheinlich - entgegen den traditionellen Berichten von seinem gefassten und schnellen Sterben - am Vormittag des 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg mehrere Stunden lang grausam gefoltert, gehenkt und anschließend verbrannt worden, zusammen mit fünf weiteren Männern aus dem Widerstand der Abwehr, darunter Canaris und Oster. Ein überstürztes Standgericht tags zuvor hatte ihn auf höchsten Befehl aus Berlin zum Tode verurteilt. Dietrich Bonhoeffer war neununddreißig Jahre alt. 

In: Neues Deutschland online vom 09.04.2015 

Weiter unter:  

Charles Marsh: Dietrich Bonhoeffer Der verklärte Fremde. Eine Biographie. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Karin Schreiber. 292 S., zahlr. Abb., geb., 29,99 €.  

Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten wunderbar geborgen. Mit 20 Aquarellen von Andreas Felger. 64 S., geb., 9,99 €. Beide erschienen im Gütersloher Verlagshaus. 

Gert von Bassewitz/ Christian Bunners: Auf den Spuren von Dietrich Bonhoeffer. Ellert & Richter Verlag. 96 S., geb., 14,95 €. 

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/967276.bis-zum-bitteren-ende.html 

___________________