„Wo der Eifer waltet"  

Der wissenschaftlich drapierte Antikommunismus des „Forschungsverbunds SED-Staat"  

In unsere zeit online vom 27.03.2015 

 

Lange war von ihm nichts zu hören, und man hatte seine Wortmeldungen auch nicht vermisst. Aber in der Absicht, dem Verdacht offensichtlicher Nutzlosigkeit entgegenzutreten, hat der „Forschungsverbund SEDStaat" nun kräftig ins Horn gestoßen und all diejenigen Sorglosen aus dem Schlaf gerissen, die glaubten, von links drohe keine Gefahr für diese Republik. 

Stimmt nicht, sagt der Forschungsverbund von der Freien Universität Berlin. „Linksradikale und linksextreme Einstellungsmuster sind in Deutschland weit verbreitet." Donnerwetter, mag sich da die eine oder der andere gedacht haben, die ihre Freizeit mit der mühevollen und in diesen Tagen selten erfolgreichen Anstrengung verbringen, den Leuten klar zu machen, warum es letztlich nicht so schlecht wäre, links zu sein, gerne auch ein bisschen radikaler. 

Es ist leicht zu erraten, was es damit auf sich hat. Denn der Zeitpunkt der Veröffentlichung war nicht schlecht gewählt. Während in den vergangenen Monaten zu beobachten war, wie sich mit Pegida und Co. eine rechte Massenbewegung in neuer Gestalt formierte, schienen die ideologischen Ordnungshüter dieses Staates vergessen zu haben, dass der wahre Feind woanders steht, nämlich links. Grund genug für Klaus Schroeder Alarm zu schlagen und dabei den Nachweis einer sinnvollen Verwendung von Staatsgeldern gleich kostenlos mitzuliefern. 

Die Studie, deren zentrale Ergebnisse am 23. Februar in der FAZ vorgestellt wurden, wäre keine aus dem Umfeld des Forschungsverbundes, wenn sie nicht an deren Ende eine Handlungsempfehlung enthielten: „Die notwendige Bekämpfung rechtsextremistisch und islamistisch motivierter Gewalt darf den Blick auf linke und linksextremistische Gewalt nicht trüben. (…) Eine wehrhafte Demokratie muss allen Feinden einer offenen Gesellschaft gleichermaßen entschieden entgegentreten." Methode und Aussagekraft dessen, was Schroeder und seine Koautorin Monika Deutz-Schroeder zuvor herausgefunden haben wollten, sind schon an anderer Stelle kritisiert worden. So ist denn Zustimmung zu antikapitalistischen Positionen keineswegs zwingend Ausweis linker Gesinnung, sondern kann ebenso sehr einer weltanschaulichen Gemengelage entwachsen, die eindeutig rechts ist. 

Die Widersprüchlichkeiten der Studienergebnisse hatte Jürgen Kaube, Herausgeber der FAZ, zwei Tage später spöttisch aufgespießt: „Eine nicht extremistisch genannt werden wollende Revolutionsbereitschaft von links, die eher gewaltlos zu einem Staat ohne Gewaltmonopol führen soll, der sich nicht mehr in kriegerische Auseinandersetzungen treiben lässt und den Kapitalismus zwanglos abschafft? Die Utopie war auch schon aggressiver." So etwas ficht Schroeder und Co. 

nicht an. Noch nie. Der Forschungsverbund war, 1992 gegründet, von Anfang an wissenschaftlich drapierter Antikommunismus. Der Sozialhistoriker Jürgen Kocka, der Sympathien für Kommunismus und „Linksextremismus" gänzlich unverdächtig, nannte die von Schroeder geleitete Truppe vor etlicher Zeit schon „Meister der politischen Demagogie". Sie seien „Autoren von Halbwahrheiten und Verzerrungen und Wissenschaftler ohne Glaubwürdigkeit und Seriosität – um es zurückhaltend zu formulieren". Wo der Eifer waltet, wendet sich die Vernunft mit Grauen ab. Und Eiferer waren die Gründungsmitglieder schon, bevor sie staatlich gedungene Antikommunisten wurden. Etwa Bernd Rabehl, einer der lautesten Krakeeler der 68er, dessen Weg über die Mitarbeit im Forschungsverbund konsequent nach rechts führte und der 2009 als Bundespräsidentenkandidat für NPD und DVU antreten sollte. Konvertiten sind immer die unangenehmsten Migränetypen. 

Gänzlich ohne Theorie dürfen auch die „SED-Staats"-Forscher nicht auskommen. 

Dem albernen Extremismusbegriff liegt die Totalitarismustheorie zugrunde – eine Blüte spätbürgerlicher Wissensproduktion. In Deutschland ist sie besonders beliebt. Vermöge des Einfalls, Erscheinung vom Wesen zu trennen und letzteres gänzlich unbeachtet zu lassen, richtet sich der Blick ausschließlich auf Oberflächenphänomene, bei deren reichlich kurzsichtiger Begutachtung im Kopfe des Forschers tatsächlich ein Bild gewisser Ähnlichkeit entstehen könnte. Der Befund lautet dann: Faschismus und Kommunismus waren zwei gleichartige, gleichermaßen verdammenswerte Herrschaftssysteme. Daher die Bezeichnung „SED-Staat", die nicht zufällig an den „NS-Staat" erinnern soll. 

Inhalt und Zweck einer Staats- und Gesellschaftsordnung sowie die konkreten historischen Bedingungen und Umstände, unter denen sie entstanden ist und sich entwickelt, und die an der Form und Ausgestaltung, an ihrer Physiognomie einen hervorragenden Anteil haben, interessieren hier schlichtweg nicht. Aber einmal angenommen, man wollte diese Theorie und ihre Verfechter trotz ihrer haarsträubenden Unzulänglichkeiten gewähren lassen, so erschließt sich damit noch lange nicht, warum die bestehende bürgerlich-parlamentarische Ordnung die beste aller möglichen sein soll. Die Totalitarismustheorie besitzt keinerlei wissenschaftlich begründete und plausible Erklärung dafür. Sie ist unabgeleitet, ahistorisch und apriorisch und vor allem ist sie schale und stumme Tautologie. 

Ihr unausgesprochenes Resultat setzt sie insgeheim und stillschweigend schon voraus. Zur Erhellung politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge taugt sie so viel wie eine Gabel zum Verzehr einer Suppe. Daniel Bratanovic 

 

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