Im Sturmlauf  

Vor 70 Jahren erreichte die Rote Armee im Zuge einer gewaltigen Offensive die Oder bei Frankfurt und bereitete den Stoß gegen Berlin vor  

Martin Seckendorf 

In: junge Welt online vom 28.02.2015 

 

Im Sommer 1944 hatte die Rote Armee der Wehrmacht im Verlauf einer Kette gewaltiger Schlachten ungeheure Verluste beigebracht. Diese waren schlimmer noch als die im »Schlachthaus« von Verdun im Ersten Weltkrieg und gravierender als die Verluste von Stalingrad und Kursk. Die Rote Armee stieß bis an die Reichsgrenze in Ostpreußen, an die Weichsel und nach Ungarn vor (siehe jW-Thema vom 25.6.2009). Südlich von Warschau konnte sie mehrere Brückenköpfe am Westufer der Weichsel errichten. Diese bildeten die operative Basis für die vom sowjetischen Oberkommando seit September 1944 geplante Weichsel-Oder-Operation. 

Durch die Kämpfe im Osten konnte die Wehrmacht keine Kräfte nach dem Westen verschieben. Der Ausbruch der westlichen Alliierten aus den seit dem 6. 

Juni in der Normandie errungenen, aber von der Wehrmacht blockierten Landungsräumen und der Übergang zum feldzugsentscheidenden Bewegungskrieg in Frankreich wurde begünstigt. Im Herbst 1944 flauten die Kämpfe im Mittelabschnitt der deutsch-sowjetischen Front ab. 

Illusionäre PlanungIm »Führerhauptquartier« wurde das als Schwäche der Roten Armee gewertet. Die sowjetischen Streitkräfte seien für längere Zeit nicht zu großen Offensiven fähig, so die Meinung dort. Die Unterschätzung der militärischen Kraft der Sowjetunion führte zu einer Reihe gravierender strategischer und operativer Fehlentscheidungen. Hitler und seine Vasallen in der Wehrmacht sahen den Zeitpunkt gekommen, im Westen offensiv zu werden. Im Osten wollte man die Front halten und im Westen den Angloamerikanern verlustreiche Niederlagen bereiten oder sie gar zurück ins Meer werfen, um sich anschließend gegen die Rote Armee zu wenden. Am 16. 

Dezember eröffnete die Wehrmacht die Ardennenoffensive. (siehe jW-Geschichte vom 17.1.15). Angesichts der vermeintlichen Schwäche der Roten Armee würden, so die Auffassung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), bis zum erwartet schnellen Sieg im Westen die im Osten eingesetzten Kräfte reichen. Außerdem begann man seit Herbst 1944 mit der Anlegung von tiefgestaffelten Befestigungssystemen von der Ostsee bis zu den Beskiden. 

Fast 600.000 Zivilisten waren zum Bau der Stellungen eingesetzt. Städte und Verkehrsknotenpunkte wurden zu »Festungen« erklärt. Die Wehrmacht verfügte allerdings über keine operativen Reserven für die Festungslinien. 

Da die Rote Armee im Süden ihre am 20. August 1944 begonnene Offensive zwischen Dnjestr und Pruth (siehe jW-Thema vom 19.8.2009) in Richtung Budapest-Wien weiterentwickelte, wurden sogar gepanzerte Verbände der Wehrmacht aus der Weichselfront herausgelöst und nach Ungarn verlegt. Die sowjetischen Pläne sahen eine Winteroffensive vor, die der Wehrmacht den Todesstoß versetzen und die Rote Armee, wenn möglich, nach Berlin führen sollte. Mit einer unglaublichen logistischen Anstrengung wurden militärische Kräfte in bis dahin nicht gesehener Größenordnung versammelt. 

Als die deutsche Aufklärung eine Vorstellung davon gewann, was sich zusammenbraute, forderte das für die Ostfront zuständige Oberkommando des Heeres (OKH) erhebliche Verstärkungen. Die angesichts der Kriegslage und der vorhersehbaren Ereignisse einzig vernünftige Reaktion, die Kapitulation der Wehrmacht, war für die faschistischen Generale keine Option. Das OKH sah in den 30 Divisionen, die in Kurland eingeschlossen waren, aber über die Ostsee hätten abtransportiert werden können, eine Verstärkungsmöglichkeit. Hitler und das OKW lehnten ab. Sie hielten an der Lageeinschätzung fest, die Rote Armee sei zu einer Großoffensive vorläufig nicht fähig und die ergriffenen Verteidigungsmaßnahmen reichten aus. Einen so starken Stützpunkt auf sowjetischem Gebiet wollten sie nicht aufgeben. 

Für den Fall, dass die Ardennenoffensive gelingen sollte, die Anti-Hitler-Koalition gar zerbreche, so die Spekulationen der Nazis, waren die Verbände in Kurland für eine riesige Zangenoperation gegen die Rote Armee einzusetzen. Die durch im Westen freigewordene Kräfte verstärkte Weichselfront hätte nach Osten vorzugehen und sich mit den Kurland-Divisionen tief in der Sowjetunion zu vereinen. 

Wehrmacht überranntDen Hauptstoß der sowjetischen Offensive sollten die 1. 

Belorussische Front unter Georgi Konstantinowitsch Schukow und die 1. 

Ukrainische Front unter Iwan Stepanowitsch Konew aus dem großen Weichselbogen heraus führen. Beide Fronten verfügten zusammen über 2,2 Millionen Soldaten, 33.500 Geschütze, 7.000 Panzer und 5.000 Flugzeuge. 

Ihnen gegenüber stand die deutsche Heeresgruppe A mit etwa 580.000 Soldaten, 1.104 Panzern und 2.600 Geschützen. 

Angesichts dieser Zahlen und der gewachsenen Fähigkeit der sowjetischen Offiziere bei der Führung großer Verbände hätte selbst eine Verstärkung der Ostfront im Rahmen der dem Faschismus verbliebenen Möglichkeiten und eine optimale Operationsführung den Sieg der Sowjetunion allenfalls verzögert, nicht verhindert. 

Der Beginn der sowjetischen Offensive war zur Entlastung der Westmächte in den Ardennenkämpfen auf deren Bitte vorverlegt worden. Am 12. Januar eröffneten Konews Truppen mit einem gewaltigen Feuerschlag aus dem Brückenkopf Sandomierz heraus die Kämpfe in Richtung oberschlesisches Industriegebiet und Breslau. Am 13. begann der Sturm auf Ostpreußen. Einen Tag später leiteten Schukows Soldaten die Offensive in Richtung Lodz-Poznan-Frankfurt/Oder ein. Die gleitende Gefechtseröffnung erschwerte der Wehrmacht, die Hauptstoßrichtung des sowjetischen Angriffs zu erkennen und mit schnellen Verbänden zu rochieren. Schon die Artillerievorbereitung fügte der Heeresgruppe A erhebliche Verluste zu: fast ein Viertel des deutschen Mannschaftsbestandes. Im Kriegstagebuch des OKW heißt es, der Roten Armee seien »am ersten Tag Einbrüche bis zu 25 Kilometer Tiefe« gelungen. Nach vier Tagen existierte keine zusammenhängende Front mehr. 

Innerhalb einer Woche waren die Sowjettruppen auf 500 Kilometer Breite bis zu 150 Kilometer nach Westen vorgedrungen. 

Am 17. Januar zog die im Verband der 1. Belorussischen Front kämpfende 1. 

Polnische Armee in das geschundene Warschau ein. Dorthin verlegte am nächsten Tag die aus dem »Lubliner Komitee der nationalen Befreiung« hervorgegangene Provisorische Regierung Polens ihren Sitz. Łódź und Kraków wurden am 19. Januar erreicht. Am 27. Januar befreiten Konews Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Ihnen bot sich ein apokalyptisches Bild. Nur noch 7.000 Häftlinge, mehr tot als lebendig, trafen die Rotarmisten an, die bei den Gefechten um die Zugänge zum Lager 230 ihrer Genossen verloren hatten. 

Inzwischen wurde den Naziführern die katastrophale Lage der Wehrmacht bewußt. Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb in sein Tagebuch, »den Bolschewisten« sei es gelungen, »eine Streitmacht zu versammeln, die weit über unsere Schätzungen hinausgeht (...) und eine Offensive nach allen Regeln der Kunst vorzubereiten«. Dass es zu einem so schnellen Durchbruch »in einem derartigen Umfang« kam, »mutet geradezu wie eine Phantasie aus dem Tollhaus an. Die Illusionen, die sich unsere militärischen Führungskreise über die Kampfkraft der Sowjets gemacht haben, sind in nichts zerstoben.« Es bestehe kein Zweifel mehr, »dass große Teile unserer Verbände glatt überrannt worden sind«. Er kam zu dem Schluß: »Wir befinden uns in der tödlichsten Krise dieses Krieges«. 

Die grundlegenden Entscheidungen der Clique um Hitler wurden von der Erwartung bestimmt, dass die Alliierten, diese »unnatürliche Frontstellung«, wie es hieß, über kurz oder lang zerfallen, der Krieg eine Wendung zu Gunsten Deutschlands nehmen werde. Goebbels schrieb am 30. 

Januar: »Die feindliche Koalition - darin hat der Führer recht - wird auseinanderbrechen.« Es gelte, Zeit zu gewinnen und wichtige Positionen für die dann mögliche Großoffensive gegen die Sowjetunion in der Hand zu behalten. Neben dem Kurlandkessel ging es um die Ölquellen und Raffinerien in Ungarn und im Wiener Becken. Denn, so Hitler, nur mit ausreichendem Treibstoff könne die Wehrmacht wieder angreifen. 

Alles für die OstfrontHitler und das OKW verließen am 15. Januar das »Führerhauptquartier« bei Bad Nauheim, von dem aus die Ardennenschlacht geführt worden war, und zogen nach Berlin und Zossen. Das OKW befahl, »im Hinblick auf die Ostlage« an der Westfront zur Verteidigung überzugehen und die Ostfront rigoros zu verstärken. 45 Divisionen aus dem Westen und aus Neuaufstellungen sollten nach dem Osten gehen ebenso wie der größte Teil der Neuproduktion von Waffen und Gerät. Von den im Februar 1945 ausgelieferten 1.642 Panzern gingen 1.555 (ca. 95 Prozent) an die Ostfront. 

1.000 Jagd- und Schlachtflugzeuge sowie mehrere hundert Batterien von Fliegerabwehrgeschützen wurden nach dem Osten geschickt. Da vor allem die Luftverteidigung »Reich« vom Abzug der Kräfte betroffen war, blieben viele deutsche Städte - das prominenteste Beispiel ist das damals mit Flüchtlingen überfüllte Dresden - ohne Schutz vor den angloamerikanischen Luftangriffen mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Ab Mitte Januar wurde in den östlichen Wehrkreisen der »Volkssturm« ausgerufen. Das betraf bisher nicht eingezogene Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die meist ohne Uniform, nur leicht bewaffnet und kaum ausgebildet eingesetzt wurden und ungeheure Verluste erlitten. 

Der Abzug von Gerät und Mannschaften aus dem Westen waren möglich, weil die angloamerikanischen Truppen nach der Ardennenschlacht bis Ende Februar weitgehend untätig an der deutschen Westgrenze verharrten. Goebbels schrieb am 19. Januar: »Es ist für uns ein großes Glück, dass die Ostoffensive (der Roten Armee, M. S.) nicht mit einer Westoffensive (der Angloamerikaner, M. 

S.) größeren Umfangs gekoppelt werden kann.« Das führte in der Sowjetunion zu Verstimmungen. Man hatte eine Entlastungsoffensive der Verbündeten erwartet. 

Die Nazis versuchten, mit einer »Politik der Furcht« zusätzliche militärische Potentiale freizulegen. Eine Maßnahme war die Ablösung »weicher« Oberbefehlshaber. So gelangte der als »Bluthund« bekanntgewordene Ferdinand Schörner an die Spitze der Heeresgruppe A. Mit »rücksichtsloser Härte« wollte er gegen »Feigheit« vorgehen. Der Oberbefehlshaber der 4. 

Armee, Friedrich Hoßbach, wurde durch Friedrich-Wilhelm Müller ersetzt, der sich mit Kriegsverbrechen auf Kreta einen Namen gemacht hatte. 1947 wurde er deswegen in Athen hingerichtet. 

Entscheidende Komponente der Politik, militärische Kraft durch Furcht zu gewinnen, war verstärkter Terror gegen Soldaten. Mit »äußerster Härte« und »radikalsten Mitteln«, so der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, sollte gegen »Drückeberger«, »Feiglinge« und Deserteure vorgegangen werden. Fliegende Standgerichte fällten serienweise Todesurteile. 

Propaganda verstärkte den Terror. Alte Russlandängste wurden reaktiviert und mit antibolschewistischen Greuelmeldungen versetzt. Der Völkische Beobachter erschien am 9. Februar mit der Schlagzeile: »So wüten die Sowjets in Ostdeutschland! Grauenhafte Ausrottungsmethoden der Bolschewisten«. Den Durchhaltebefehlen sollte damit ein Sinn verliehen, Soldaten und Zivilisten sollten auch in der immer aussichtsloseren Situation zum Weiterkämpfen motiviert werden. Es gehe, so der Tenor der Propaganda, vor allem »um den Schutz unsere Frauen und Kinder«. In einem Flugblatt der Heeresgruppe Weichsel mit dem Titel »Rotmord Tatsachenbericht« heißt es: »Deutscher Soldat! Denke an Deine Frau, Deine Kinder und handle!« Goebbels schrieb am 25. Januar: »Es kommt darauf an, das Volk zum letzten entschlossenen Einsatz zu fanatisieren.« Der Bericht des Reichspropagandaamtes Niederbayern vom 9. Februar beschreibt Inhalt und Ziel der Propagandaoffensive: »Die Überzeugung, dass ein Sieg der Sowjets Auslöschung des Lebens des Deutschen Volkes und auch jedes Einzelnen« bedeute, müsse »Allgemeingut aller Volksgenossen« werden. »Diese Überzeugung«, heißt es weiter, »fördere die Bereitschaft zum Kampf und (zu) radikaler Härte gegen Drückeberger«. 

Zivilbevölkerung als GeiselIm Verlauf der sowjetischen Offensive erreichte der Krieg das Deutsche Reich, wo er geplant und begonnen wurde. Es kam zu einem Exodus der deutschen Bevölkerung, zunächst aus den vom Nazireich okkupierten und annektierten Gebieten Polens und aus Ostpreußen, ab 18. 

Januar aus den Gebieten westlich der alten Reichsgrenze. Die Räumung wurde aus propagandistischen Gründen zu spät eingeleitet. Bahn- und Buskapazitäten standen vorrangig der Wehrmacht zur Verfügung. Die Mehrzahl der Evakuierten war auf den Fußmarsch angewiesen. Um freies Gefechtsfeld zu schaffen, wurden viele Ortschaften erst dann auf Befehl der Wehrmacht geräumt, wenn die Front herangekommen war. Die Fristen dafür betrugen meist nur ein bis zwei Stunden. Bekleidung und Nahrungsmittel konnten kaum eingepackt werden. Eine große Anzahl von Deutschen verließ wegen der geschürten »Bolschewistengefahr« auf eigene Faust ihre Ortschaften. Neben der aufpeitschenden Nazipropaganda hat aber auch das Verhalten von Rotarmisten nicht wenig zur allgemeinen Furcht vor »den Russen« beigetragen. 

Aufrufe der sowjetischen Militärs, nach denen die Zeit gekommen sei, sich für die an den Völkern der Sowjetunion begangenen ungeheuren Verbrechen zu rächen, erhöhten zwar wie beabsichtigt die Kampfbereitschaft der Rotarmisten, verführten aber auch zu Gewaltexzessen, willkürlichen Tötungen, wahllosen Zerstörungen, Plünderungen und Vergewaltigungen. Die Führung der Roten Armee hatte offensichtlich Schwierigkeiten, die Disziplin in der Truppe wieder herzustellen. Der Berliner Stefan Doernberg, damals Leutnant der Roten Armee, meinte, vor dem Erfahrungshintergrund der meisten Soldaten nach dreijährigem deutschen Vernichtungskrieg gegen die sowjetische Bevölkerung seien solche Ereignisse zwar »erklärbar«, jedoch »nicht entschuldbar«. Die Nazipropaganda griff diese Vorgänge begierig auf. 

Eisige Kälte, mangelhafte Verpflegung und kaum überdachte Unterkünfte führten dazu, dass Hunderttausende Flüchtende, vor allem Kleinkinder und Alte, umkamen. Durch die kaum organisierte Evakuierung mit unzulänglichen Transportmitteln gerieten viele Trecks zwischen die Fronten, was zu weiteren enormen Opfern führte. Ein gravierendes Beispiel für die Evakuierungspolitik ist die schlesische Metropole Breslau. Die Großstadt wurde zwar früh zur Festung erklärt, Evakuierungen zunächst aber verboten. 

Eine Stadt voller Kinder und Frauen wird von den Soldaten, so die perverse Logik der deutschen Führer, hartnäckiger verteidigt als eine von Zivilisten geräumte Festung. Außerdem wäre ein Massenauszug schädlich für die »Siegeszuversicht«. Die Zivilbevölkerung wurde als Geisel einer verbrecherischen Durchhaltepolitik genommen. Als die Kämpfe näher kamen und sich herausstellte, dass die Stadtbewohner in der Festung zum militärischen Problem wurden, erfolgte der zwangsweise Abschub von 700.000 Menschen. Da Bahn- und Buskapazitäten weitgehend für die Wehrmacht reserviert waren, mussten mehr als 200.000 Zivilisten bei eisigen Temperaturen die Stadt zu Fuß verlassen. Bei dem als Todesmarsch der Breslauer Frauen und Kinder bezeichneten Exodus sind etwa 90.000 Menschen umgekommen. 

Das OKW schätzte am 28. Januar, dass 3,5 Millionen Menschen zwischen Weichsel und Oder auf der Flucht waren. Sie wurden zu einem »Imageproblem« für die deutsche Führung und zum Hindernis bei Bewegungen der Wehrmacht. 

Deshalb sollten weitere Evakuierungen und die Unterstützung der Trecks durch die Wehrmacht unterbunden werden. Der Leiter der Abteilung Landesbefestigung im OKH, Karl Wilhelm Thilo, empfahl, Flüchtlingen den Zugang zu befestigten Gebieten zu verwehren. (Thilo war später Kommandeur der 1. Gebirgsdivision der Bundeswehr). Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel befahl: »Wir organisieren die Verteidigung und nicht das Davonlaufen.« 

FlankenbedrohungInzwischen ging der Sturmlauf der Roten Armee weiter. Am 23. Januar wurden die »Festung Posen« eingeschlossen und die letzte deutsche Verteidigungsstellung vor der Oder durchstoßen. Konews Truppen gelang am 29. Januar nach einer brillanten Operation die Befreiung des Oberschlesischen Industriegebiets. Das nach dem Ruhrgebiet wichtigste deutsche Industrierevier geriet fast unversehrt in sowjetische Hände. Die deutsche Kriegsproduktion fiel auf 25 Prozent des Dezemberniveaus. 

Ende Januar, nach 500 Kilometern Vormarsch und Kampf mit herben Verlusten, vor allem bei Panzern, erreichten Schukows Soldaten nördlich von Frankfurt die Oder und bildeten auf dem Westufer Brückenköpfe. Verstärkungen aus der Westfront hatten in Pommern und entlang der Oder den Aufbau einer starken deutschen Kräftegruppierung ermöglicht, die die Flanken von Schukows Front bedrohte. Die Angriffsverbände der Roten Armee mussten nach Norden eindrehen. Erst im März kam die Oderlinie unter Kontrolle der Roten Armee. 

Die Vorbereitung auf die letzte Schlacht, den Sturm auf Berlin, begann. 

Die Erfolge der Roten Armee beeinflussten auch die Februar-Besprechungen der Staats- und Regierungschefs in Jalta. Die westlichen Vertreter waren insbesondere bei dem Hauptthema der Konferenz, der Zukunft Polens, gegenüber der Sowjetunion kompromissbereiter. Die SU konnte ihre Pläne nach Anerkennung des »Lubliner Komitees« als polnische Regierung und nach der Wiedergeburt Polens in sicheren Grenzen ohne einseitige antisowjetische Orientierung durchsetzen. Die DDR erkannte schon neun Monate nach ihrer Gründung die Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze an. Die Bundesrepublik hatte durch Gebietsforderungen an Polen die internationale Lage ständig verschärft, die Entwicklung Polens erschwert. Erst mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag erkannte sie die Oder-Neiße-Grenze an. 

Der Militärhistoriker Martin Seckendorf schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 1.12.2014 über die Liquidierung der griechischen Volksbefreiungsarmee durch britische Truppen im Dezember 1944. 

 

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