Mustergültig geläutert  

Zur Restaurationsgeschichte der Bundesrepublik: Von der Reeducation der »Stunde Null« zur Immunisierung der westdeutschen Bevölkerung gegen Osteinflüsse zwecks Stiftung nationaler Identität. 

Johannes Schillo 

In: junge Weltonline online vom 18.02.2015 

 

Zum diesjährigen Gedenktag an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der seit 1996 bundesweit begangen wird, lieferte die politische Klasse wieder ihre obligatorischen Statements ab. Dabei fiel der Bundespräsident mit der Aussage auf, es gebe »keine deutsche Identität ohne Auschwitz«. Kurt Pätzold kritisierte am Beispiel der Gauck-Rede die landesübliche Tour, den Holocaust als unfassbares Verbrechen zu charakterisieren: So werde, indem man »die Ursachen des Massenmordens ausschließlich in Hass und Wahn erblickt«, jeder Zusammenhang mit dem imperialistischen Eroberungsprojekt Deutschlands beseitigt (jW vom 28.1.15). Gemessen an der Stimmungslage im Volk könnte die offizielle Erinnerungskultur aber fast noch als Antifaschismus durchgehen. Immerhin will sich eine große Mehrheit der Deutschen 70 Jahre nach Kriegsende, wie man zeitgleich aus der aktuellen Bertelsmann-Umfrage erfuhr, nicht mehr mit dem Holocaust beschäftigen. 81 Prozent der Befragten möchten die Geschichte der Judenverfolgung »hinter sich lassen«, 58 Prozent sogar einen regelrechten Schlussstrich ziehen. 

Zu Beginn des Jahres 2015 demonstrierten in Deutschland »patriotische Europäer« gegen die Fortdauer des »Kriegsschuldkultes und der Generationenhaftung« (Legida Positionspapier). Ähnliche Beschwerden über eine angeblich ausufernde Erinnerungskultur gibt es im vereinigten Deutschland schon seit längerem - von Martin Walsers Klage über die »Moralkeule« Auschwitz bis zu neueren Forderungen aus der politischen Pädagogik, man müsse das ritualisierte Gedenken an die Untaten der Nazis »renovieren« oder in eine generelle Abrechnung mit den »beiden deutschen Diktaturen« integrieren (vgl. Ahlheim 2014). Was ist da los? Ist die westdeutsche Vergangenheitsbewältigung, die spät genug in Gang kam, etwa übers Ziel hinaus geschossen, so dass die Nation heute unter Schuldkomplexen leidet? Dazu einige sachdienliche Anmerkungen, die sich auf Start und Werdegang der westdeutschen Geschichtspolitik und die staatliche Steuerung von Bildung und Kultur konzentrieren. 

Zentrale für den »Heimatdienst«Eine der wichtigen meinungsbildenden Agenturen der jungen westdeutschen Republik stellte die »Bundeszentrale für politische Bildung« dar, deren Entstehung die Politologin Gudrun Hentges jüngst ihre umfangreiche Studie »Staat und politische Bildung« widmete. Die dem Innenministerium unterstellte Einrichtung startete 1952 als Zentrale »für Heimatdienst« und gab damit gleich zu erkennen, dass sie zu der von den Westalliierten verordneten Reeducation eine gewisse Distanz einnahm. 

Mit der Namensgebung wurde nämlich eine Kontinuität hergestellt, die bis ins Kaiserreich zurückreicht. Im Ersten Weltkrieg wurde 1918 eine »Reichszentrale für Heimatdienst« ins Leben gerufen, nachdem die Oberste Heeresleitung ab 1916 neben der Propaganda für die Front stärker die Stimmung im Hinterland ins Visier genommen hatte. So kam zum »Frontdienst« der »Heimatdienst« hinzu. Es entstanden propagandistische Schriftenreihen, 1917 wurde eine Zentralstelle gegründet, aus der Anfang 1918 die besagte Reichszentrale hervorging. Sie wurde in der Weimarer Republik beibehalten und 1933 in Goebbels' Propagandaministerium integriert - als verdienstvolle Vorläufereinrichtung, die sich für die Sache des Deutschtums, etwa in der Agitation gegen den Versailler Vertrag, eingesetzt hatte. 

Der Neuanfang in der politischen Bildung nach 1945 erweist sich also - so kann man den Diskussionsstand nach Hentges' vielbeachteter Studie zusammenfassen (vgl. die Ausführungen von Otto Köhler und Erhard Meueler in jW, 1.3. bzw. 27.5.13) - gar nicht als Bruch mit einer unseligen vordemokratischen Tradition, von dem immer wieder die Rede war, sondern zeigt in mehrerlei Hinsicht eine erstaunliche Kontinuität. Mit alten Nazis bestückt, dem »Heimatdienst« an der »Volksgemeinschaft« verpflichtet, prinzipienfest im Kampf gegen den bolschewistischen Systemfeind aufgestellt, intern als Propaganda- und Steuerungszentrale der politischen Kultur organisiert, nach außen als »positiver Verfassungsschutz« mit dem Ziel der »Reklame für Demokratie« beworben, verfolgte die Behörde eine Art »Immunisierungsstrategie« gegenüber der Bevölkerung gegen Anfechtungen des nationalen Zusammenhalts. Mit Bildung im aufklärerischen Sinne hatten die Anfänge jedenfalls wenig zu tun, eher mit Manipulation und Indoktrination, die nach Maßgabe heutiger Richtlinien der Bundeszentrale kategorisch ausgeschlossen sind. 

Natürlich gab es eine pflichtgemäße Abgrenzung vom faschistischen Vorgängerstaat. Die Bundeszentrale legte dazu einschlägige Materialien vor, machte Veranstaltungsangebote etc. Entscheidend war aber, wie Hentges herausgearbeitet hat, der »Paradigmenwechsel«, der Mitte der 50er Jahre erfolgte, nämlich die definitive Einschwörung auf den Kampf gegen den Kommunismus, während gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit zurückgefahren wurde. Die Behörde hatte einen expliziten Propagandaauftrag, wurde, wie es in den internen Papieren des Innenministeriums hieß, als »Träger der Breitenpropaganda gegen den Kommunismus« verstanden. In Kooperation mit Geheimdiensten (Verfassungsschutz, CIA) und unter Verwendung moderner Beeinflussungstechniken aus Werbung und PR wurde nach Wegen gesucht, die öffentliche Meinung nachhaltig zu lenken. 

»Alles bewältigt, nichts begriffen«Vergangenheitsbewältigung bestand also im Adenauer-Staat vornehmlich in der Pflege des überlieferten Feindbilds vom international agierenden Kommunismus als Gefährdung der deutschen »Volksgemeinschaft« und in der Trauerarbeit angesichts des Leidenswegs der deutschen Nation. Konrad Adenauer hatte ja schon 1946 in seiner berühmten Kölner Universitätsrede die großen Opfer der Deutschen beklagt und erklärt, dass der »Nationalsozialismus nichts anderes (war) als eine bis ins Verbrecherische hinein vorgetriebene Konsequenz der sich aus der materialistischen Weltanschauung ergebenden Anbetung der Macht« (Recker, Politische Reden 1945-1990, 1999, 74). So wurde der Antikommunismus zum adäquaten Ausdruck der Reeducation im Westen. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim hat 2014 in seinem Essay »Ver-Störende Vergangenheit« (vgl. 

die Rezension in jW, 3.12.14) daran erinnert, dass erst mit den Hakenkreuzschmierereien an der damals neu eingeweihten Synagoge in Köln im Dezember 1959, mit den Auschwitz-Prozessen (deren erster 1963 begann) oder Adornos Imperativ einer »Erziehung nach Auschwitz« eine Vergangenheitsbewältigung in Gang kam, die sich tatsächlich der faschistischen Vergangenheit und den Unterlassungen der Adenauer-Ära stellte. 

Doch was ist dabei herausgekommen? Die Erziehungswissenschaftler Rolf Gutte und Freerk Huisken zogen unter dem bezeichnenden Titel »Alles bewältigt, nichts begriffen« eine Bilanz, die sich den einschlägigen Bemühungen der politischen Bildung widmete (Gutte/Huisken 2007). Hauptgegenstand der Analyse waren die westdeutschen Bildungsziele und -materialien, die ja nicht einfach dem pädagogischen Ermessen anheimgestellt wurden. Die Autoren thematisierten den Zusammenhang von politischer Vorgabe und erzieherischem Programm, stellten also die Frage danach, auf welcher Grundlage im Schulunterricht, aber auch in den außerschulischen Bildungsbemühungen und bei dem in den 70er Jahren einsetzenden Ausbau einer nationalen Erinnerungskultur (Gedenkstätten, -tage etc.) an einem verbindlichen Geschichtsbild gearbeitet wurde. Das Ergebnis verrät bereits der Titel des Buchs. Zu dem Befund führten die Autoren u.a. aus: 

- Antifaschistische Erziehung in der Bundesrepublik habe erstens nicht die Erklärung - und damit die Kritik - des faschistischen Herrschaftssystems zum Ziel gehabt, sondern ein Programm, das mit »Heimatdienst« oder »Vergangenheitsbewältigung« angemessen benannt sei. In der Jugend sollte »ein gesundes Staatsgefühl« verankert werden, wie es die Kultusministerkonferenz in ihren einschlägigen Empfehlungen formulierte. 

Die Adressaten sollten sich mit dem Bekenntnis zu einer neuen, geläuterten Nationalmoral, die der Verliererstaat des Zweiten Weltkriegs pflichtgemäß auszuweisen hatte, als Teil der deutschen Nation verstehen lernen. Ja sagen können zu dieser nationalen Identität - im Bewusstsein der schweren Schuld, die dem Kollektiv anhaftet -, war das oberste Lernziel. Grundgedanke war die Absicht, alle Deutschen für die NS-Verbrechen ideell verantwortlich zu machen, um dann durch die Dialektik von Be- und Entschuldigung (Anfang der 90er Jahre etwa paradigmatisch mit der Goldhagen-Debatte vorgeführt) dem Nachwuchs zu einer gefestigten nationalen Identität zu verhelfen. 

- Die damit etablierten pädagogischen Anstrengungen sollten zweitens den Faschismus bloß als negative Abweichung vom Idealbild der Demokratie präsentieren, ohne darauf hinzuweisen, dass die Faschisten eigene herrschaftliche, etwa imperialistische Zwecke verfolgt haben. 

Nazideutschland diente als dunkle Folie, vor der das demokratische Herrschaftssystem um so heller strahlen sollte. »Nationalsozialismus ist ein Verbrechen, seine staatliche Realisierung ein Unstaat. Demokratie ist deshalb schon eine Wertordnung von höchstem Rang, weil sie nicht faschistisch ist.« Über die beiden Herrschaftsformen sei gar nicht von der Sache her geurteilt, sondern nur die Unvergleichlichkeit des Nachfolgestaates herausgestellt worden. 

Exemplarisch kann man die Kritik von Gutte/Huisken am Thema »Alltagsorientierung« nachvollziehen. Die Entdeckung des »Alltags unterm Hakenkreuz« kam Ende der 70er Jahre als Innovation der »Betroffenheitspädagogik« in Mode. Didaktischen Weiterungen wie Zeitzeugeneinsatz und Jugendbezug hätten sich nicht dem Abstellen eines Mangels bisheriger Faschismuserklärungen verdankt, sondern der Absicht, die Jugendlichen als mitverantwortliche Deutsche anzusprechen. Sie sollten sich im Alltag der kleinen Leute wiedererkennen und deren menschlich-allzumenschliches Durchwursteln a) vom heutigen Standpunkt aus als Ausweis ihrer Verführbarkeit kennenlernen, damit b) auch wieder zum Verständnis der ehrenwerten Motive und zur Entschuldigung des manipulierten Volks gelangen, so dass c) statt einer Kritik an den nationalistischen Grundlagen des Mitmachertums der Stolz auf den demokratischen Staat als Ergebnis herauskomme. Denn so lautete die beabsichtigte Entgegensetzung: Der faschistische Staat greift totalitär in den letzten Winkel der Privatsphäre hinein, während die Demokratie selbige nicht antastet. 

Gutte/Huisken verweisen einerseits darauf, dass im Faschismus - gerade auch im Rückblick der Zeitzeugen - der unspektakuläre Alltag des Mitmachens und der Dienstbarkeit zu finden sei, der erst durch die pädagogische Interpretation zu einer einzigen Zwangsveranstaltung hochstilisiert werde. 

Andererseits seien in der Demokratie Beruf, Familie und Freizeit eben nicht vorstaatliche Räume, sondern politisch eingerichtete und - wie sozialstaatliche Kontrolle, Familienrecht oder moralische Kampagnen (Ehrenamt etc.) zeigten - durchaus öffentlich betreute Sphären. 

In diesem Sinne kritisieren die Autoren, dass in der Vergangenheitsbewältigung einem Zerrbild des Faschismus mit einem Idealbild der Demokratie begegnet werde. Natürlich bestreiten sie nicht die Unterschiede, die sich in den Herrschaftssystemen finden lassen, sie insistieren aber darauf, dass der in solchen pädagogischen Bemühungen immer unterstellte Vergleich reell durchgeführt werden müsse - und nicht von der prinzipiellen Unvergleichlichkeit der Demokratie aus vorentschieden werden dürfe. Und sie bestehen auch darauf, dass es im Nationalismus eine entscheidende Gemeinsamkeit der beiden Herrschaftsformen gibt. Der zentrale Vorwurf ihrer Untersuchung heißt: Die Abwesenheit sachorientierter Aufklärung ist kein bedauerliches Zurückbleiben hinter einem selbstgesetzten Anspruch, sondern notwendige Folge des staatlichen Auftrags, ein Nationalbewusstsein zu schaffen. 

In der Studie kommt auch ausführlich die entscheidende (un-)wissenschaftliche Leistung der »Vergangenheitsbewältigung« zur Sprache: die Totalitarismustheorie, die z. B. über Bildungsagenturen wie die Bundeszentrale verbreitet wurde. Für die politische Pädagogik hieß die Konsequenz, dass Antifaschismus als Antitotalitarismus zu betreiben sei. 

Dies hatte natürlich seine Konjunkturen. In den 80er Jahren versuchten etwa Andreas Hillgruber, Ernst Nolte u. a. im berühmten »Historikerstreit«, die Singularität von Auschwitz in Frage zu stellen und als Folge einer bolschewistischen Bedrohung, als »asiatische Tat«, zu erklären. Verbindlich durchsetzen konnte sich diese Theorie allerdings nicht. 

Fügte sich der westdeutsche Antifaschismus schon immer in die neue (alte) Feindschaftserklärung gegen den Kommunismus ein, so wurde er im vereinigten Deutschland, nach der nun angebrochenen »Unverkrampftheit« und »Normalität«, zum Element eines selbstbewussten Antitotalitarismus herabgestuft - mit dem Anspruch nämlich, dass diese Nation auf eine mehrfache Vergangenheit zurückblicken und sich als moralisch geläutertes Subjekt ganz neu zu Wort melden könne. So kannte etwa das »Münchner Manifest zur politischen Bildung« aus dem Jahr 1997 unter dem Stichwort »Aufarbeitung der deutschen Geschichte« keinen Faschismus oder Nationalsozialismus mehr, sondern nur noch »totalitäre Erfahrungen«, die der »Auseinandersetzung« und »Erinnerungsarbeit« bedürften (vgl. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 32/97). Ähnliches galt für das gesamtdeutsche Gedenkstättenkonzept, das die Bundesregierung in den 90er Jahren erarbeiten ließ. In dem Konzept hieß es damals: »Die Erinnerung an die NS-Terrorherrschaft, an Stalinismus und SED-Diktatur sowie das Gedenken an deren Opfer ebenso wie an Opposition und Widerstand gegen die Diktaturen festigen das Bewußtsein für Freiheit, Recht und Demokratie und den antitotalitären Konsens in Deutschland« (vgl. Praxis Politische Bildung, 4/99). Die Auftragslage wurde also eindeutig klargestellt: Das »Bewusstsein« für das gute Deutschland sollte gefestigt werden, nicht Ursachenforschung oder die Überprüfung von (Dis-)Kontinuität im Verhältnis zum faschistischen Vorgänger standen an, sondern die Funktionalisierung für Herrschaftslegitimierung. Gleichzeitig sollten Unterschiede zwischen Nazi- und SED-Herrschaft pädagogisch keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil, Lernziel war explizit die Einschwörung auf einen »antitotalitären Konsens«, bei der man keine Dissidenz zu akzeptieren bereit war. 

Schlussstrich? Renovierungsbedarf?Auf dieser zielstrebigen Geschichtspolitik - auf der Produktion eines anspruchsvollen, weil geläuterten Nationalismus - konnten dann Ende der 90er Jahre Kanzler Gerhard Schröder, sein Außenminister Joseph Fischer und sein Verteidigungsminister Rudolf Scharping aufbauen. »Wegen Auschwitz« brauchte Deutschland nicht mehr in Sack und Asche zu gehen, sondern konnte, ja musste Krieg (z. B. auf dem Balkan) führen. Zeitgleich mit dieser Entwicklung hielt der Schriftsteller Martin Walser seine berühmte Rede über die »Moralkeule«. Sein Credo, »dass es mit dem ständigen Erinnern an Auschwitz und an die Nazigreuel doch endlich ein Ende haben müsse«, war indes, wie Ahlheim festhält, »schon lange ein gängiges Denk- bzw. 

Gefühlsmuster an den sprichwörtlichen Stammtischen und darüber hinaus«. Das Plädoyer für eine Beendigung der deutschen Scham- und Schuldrituale traf auf breite Zustimmung; Schröder pflichtete bei, ein Schriftsteller könne sagen, was »ein deutscher Bundeskanzler nicht sagen darf«. 

Seitdem gibt es eine Zweigleisigkeit in puncto Vergangenheitsbewältigung. 

Im Grunde versteht sich Deutschland heute als eine »normale« Nation, die sich nicht schuldbeladen in die Ecke stellen lassen muss. Zum Jahresanfang 2014, als deutsche Politiker (Frank-Walter Steinmeier, Ursula von der Leyen, Joachim Gauck) mit dem Anspruch hervortraten, Deutschland müsse mehr Verantwortung, militärische zumal, auf dem Globus übernehmen, wurde dies schlagend deutlich gemacht. Denn eine Nation, die sich so vorbildlich gebessert habe - »das beste Deutschland, das es je gab« (Gauck) - und die nur im Rahmen internationalen Rechts agiere - jedenfalls solange es machbar ist -, dürfe auch im Namen eigener Interessen mehr Führungszuständigkeit in Anspruch nehmen. Im gesamten Gedenkjahr 2014 - mit Rückblicken auf den Ersten Weltkrieg - wurde zudem daran gearbeitet, die These von der deutschen Kriegsschuld zurückzuweisen. Dank Christopher Clark, Herfried Münkler u. a. ist hier zumindest für die »Urkatastrophe« 1914/18 schon Wesentliches geleistet worden, was auch für die Bewältigung der Nazizeit noch einige Revisionen versprechen dürfte... 

Ein Schlussstrich wird allerdings von oben nicht gefordert. Er ist statt dessen - siehe die neue Bertelsmann-Umfrage - das ständige Thema eines Nationalismus von unten. Infolge der Ausstrahlung der US-Serie »Holocaust« im deutschen Fernsehen im Januar 1979 oder infolge der Entscheidung zugunsten eines zentralen Holocaust-Mahnmals in Berlin Mitte der 90er Jahre gab es in der Bevölkerung eine verbreitete Missstimmung angesichts der offiziellen »Scham- und Schuldrituale«. Walser sprach hier nur aus, was viele Deutsche denken. Für die Politik sind solche Stimmungslagen - wie sich am Fall Pegida zeigt - Anlass zu dringlicher Sorge. Statt einen Schlussstrich zu ziehen, wird vielmehr für die Ausgestaltung des neuen nationalen Selbstbewusstseins, worauf Ahlheims Essay fokussiert, ein Renovierungsbedarf angemeldet. Auschwitz - bei Adorno noch der Zentralpunkt einer politischen Pädagogik - wird dabei zu einem Ereignis neben anderen: Das »Jahrhundert der Extreme« wurde nicht vom deutschen Imperialismus eröffnet, sondern von lauter unfähigen europäischen Politikern, die »schlafwandelnd« in eine Katastrophe schlitterten, und in dessen weiteren Verlauf entstanden die »beiden deutschen Diktaturen«, wobei heute vor allem im Blick auf die DDR - auch und gerade unter Beteiligung der Linken - eine gründliche Aufarbeitung Not tun soll. Trotzdem bleibt Auschwitz »singulär«, auch wenn für einen geradlinigen Nationalisten die diesbezügliche Erinnerungskultur eine harte Nuss darstellt. Von offizieller Seite - siehe Gauck - besteht man eben darauf, weiterhin den Ertrag der Vergangenheitsbewältigung einzufahren: Eine derart mustergültig geläuterte Nation hat schließlich alles Recht der Welt, auf dem Globus nach dem Rechten zu sehen. 

Literatur 

Klaus Ahlheim: Ver-Störende Vergangenheit - Wider die Renovierung der Erinnerungskultur. Ein Essay. Offizin-Verlag, Hannover 2014 

Rolf Gutte/Freerk Huisken: Alles bewältigt, nichts begriffen! Nationalsozialismus im Unterricht. VSA, 3. Aufl., Hamburg 2007 

Gudrun Hentges: Staat und politische Bildung: Von der »Zentrale für Heimatdienst« zur »Bundeszentrale für politische Bildung«. Springer VS, Wiesbaden 2013 

Der Autor ist freier Journalist und war bis Ende 2014 verantwortlicher Redakteur des Journals für politische Bildung. 

 

_____________________