Leben mit dem KZ 

Die Stadt Oświęcim 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Eine Reportage

Von Robert Allertz 

In: junge Welt online vom 27.01.2015 

 

Oświęcim ist über 800 Jahre alt. Die deutschen Faschisten ruinierten den guten Ruf der polnischen Stadt binnen fünf Jahren. Einst trug sie den Beinamen »Jerusalem«, weil Polen, Juden und Deutsche friedlich miteinander lebten. Heute ist »Auschwitz« eine Metapher für den deutschen Faschismus

Durch den bröckelnden Putz lugen hell die Späne. Die Männer vom Bau nennen sie »Sauerkrautplatten«. Die deutsche Industrienorm von 1938 legt fest: langfaserige Holzwolle mit einem Bindemittel zu Platten gepresst, vorzüglich als Dämmaterial geeignet. Oder als Kugelfang. Die Hinrichtungswand im Innenhof zwischen Block 11 und 10 im Stammlager ist damit verkleidet. Und jetzt finde ich sie hier, in der »Krupp-Halle«, der Produktionsstätte der damaligen Krupp AG. Vor der Ruine steht noch die alte, stacheldrahtbewehrte Mauer, die einst KZ-Häftlinge aufrichteten. Ich war durch ein Loch in das Areal geschlüpft und wandere durch die riesige, leere Werkhalle. Moos breitet sich auf dem Boden aus, Büsche brechen sich durch bröckelnden Beton ihren Weg. Durch die zerborstenen Drahtglasfenster an der Decke scheint die Sonne. Nur tschilpende Spatzen sind zu hören und bisweilen der Wind, wenn er auffrischt. Vor reichlich 70 Jahren füllten den Raum das Kreischen von Maschinen und das Klappern der Werkzeuge auf den Produktionstischen, auf denen die Arbeitssklaven aus dem Lager hantierten. 

Und nun diese zufällige Entdeckung dieser »Sauerkrautplatten«. Sie waren vermutlich mit der Bahn aus dem »Reich« gebracht worden, und die SS hatte sich einige davon für die »Schwarze Wand« abgezweigt, an der Tausende in fünf Jahren erschossen wurden. 

In dieser Halle und in anderen in Auschwitz wurden Räder produziert, die für den Sieg rollen sollten. Insgesamt über 200 deutsche Firmen gab es hier in den 40er Jahren, die eingebunden waren in die deutsche Rüstungsindustrie und in denen Zehntausende KZ-Häftlinge schufteten. Alles planmäßig vorbereitet und systematisch organisiert. Am vierten Tag nach dem Überfall auf Polen, am 4. September 1939, war Oświęcim von der Naziwehrmacht besetzt und alsbald die polnische Kaserne als Konzentrationslager bestimmt worden. Berlin hatte im Frühjahr 1940 eine Kommission geschickt, an deren Spitze SS-Hauptsturmführer Rudolf Höß stand, »Schutzhaftlagerführer« des KZ Sachsenhausen, zuvor seit 1934 im KZ Dachau. Die Inspekteure hielten das Objekt für den ihm zugedachten Zweck geeignet, insbesondere weil Auschwitz einen großen Bahnhof besaß, der an der Bahnstrecke Wien–Krakau lag. Zudem existierte hinter dem Zusammenfluss von Soła und Wisła ein Hafen. Das sollte auch für die deutsche Industrie von Interesse sein: verkehrsgünstige Lage, zudem im annektierten Territorium steuerbefreit, Wasser, Salz, Kalk und Kohle vor der Tür sowie billige Arbeitskräfte frei Haus. Die Wirtschaft investierte hohe Summen dort, die I. G. Farben AG – der Welt größter Chemiekonzern – allein 900 Millionen Reichsmark. 

»Zyklon B« 

Im Juni 1940 trafen die ersten Häftlinge aus Polen ein, im Juni des nächsten Jahres die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen. Zwischenzeitlich hatte Reichsführer-SS Heinrich Himmler dem Lagerkommandanten Höß den Aufbau eines zweiten Lagers befohlen. Die Kapazität des Kasernenkomplexes in der Stadt war mit seinen 28 Blöcken begrenzt. In drei Kilometern Entfernung entstand im Ortsteil Birkenau »Auschwitz II«. Gedacht für etwa 100.000 kriegsgefangene Rotarmisten, die die SS als Arbeitssklaven an die deutschen Unternehmen hier oder im Reich zu verpachten gedachte. Vier Reichsmark für zehn Stunden Schufterei am Tag, zahlbar an die SS. 

Im Sommer 1941 »testete« die Mörderbande erstmals im Stammlager das Schädlingsbekämpfungsmittel »Zyklon B« an sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Vergiftung mit Kohlenmonoxid in Gaskammern und in fahrenden Lkw war der SS nicht effektiv genug. Zu gering die Rate, zu aufwendig der Betrieb. In den abgedichteten Kellerbunkern von Block 11 erprobte man das in Dosen vakuumverpackte Granulat, welches Blausäuregase verströmte, sobald die Büchse geöffnet wurde. Nur wenige Atemzüge erwiesen sich als tödlich. Nachdem einige hundert Rotarmisten auf diese Weise ermordet worden waren, wurde der Vorraum des Krematoriums des Stammlagers zur Gaskammer umfunktioniert. In Birkenau errichtete die SS in der Folgezeit vier weitere Krematorien mit vorgeschalteten Gaskammern. Diese Todesmaschinerie war bis wenige Tage vor der Befreiung heute vor 70 Jahren in Betrieb – ehe die Nazis auch diese zerstörten. Man schätzt, dass etwa 1,2 Millionen Menschen – mehrheitlich Juden und viele Sinti und Roma – dort ihr Leben verloren. Rund 900.000 wurden ohne Registrierung von der Rampe direkt ins Gas geschickt. In dem Wäldchen vor Krematorium V, so zeigen Fotos, saßen mitunter Kinder, Frauen und Greise – ohne Wissen von ihrem baldigen Tod –, weil es bei der industriemäßigen Vernichtung zum Stau kam. 

»Zyklon B« wurde von der 1919 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) produziert, die seinerzeit von Nobelpreisträger Fritz Haber geleitet worden war. Der Chemiker hatte sich den Beinamen »Vater des Gaskrieges« erworben: In seine Verantwortung fiel der erste Chemiewaffeneinsatz am 22. April 1915 bei Ypern. Die Degesch produzierte das Giftgas in der Dessauer Zuckerraffinerie, weshalb sich in den Unterlagen viele Transportaufträge zwischen Dessau und Auschwitz fanden. Eigentümer der Degesch, das nebenbei, waren zu gleichen Teilen die I. G. Farben und die Degussa (heute Evonik Degussa GmbH), den Rest von 15 Prozent der Geschäftsanteile besaß die Firma Theodor Goldschmidt, die in den 90er Jahren in der Evonik Industries AG aufging. 

Arbeitssklaven 

Durch das Loch im Zaun schlüpfe ich zurück auf die Straße und gehe die wenigen hundert Meter zurück zum ehemaligen Stammlager. Vor dem einstigen KZ-Aufnahmegebäude dehnt sich ein beachtlicher Parkplatz, der mit Bussen und Autos vollgestellt ist. Deshalb gibt es jenseits der Straße noch einen zweiten. Es heißt, dass inzwischen bis zu anderthalb Millionen Menschen im Jahr die Gedenkstätte besuchen, viele Ausländer, zumeist aber Polen und mehrheitlich junge Leute. Kein Besucher bleibt sich selbst überlassen. Ob allein oder als Gruppe, stets ist ein Guide dabei, der erklärt und darauf achtet, dass sich niemand verirrt, auf dem Gelände raucht (was strengstens untersagt ist) oder sich sonst ungehörig benimmt. Man geht hier über Leichen. Etwa 70.000, schätzt man, zumeist Polen und Sowjetsoldaten, starben im Stammlager, Auschwitz I genannt. Doch Respekt und Demut müssen hier nicht eingefordert werden, die bringen die Besucher von sich aus mit. Ich glaube darum nicht, dass die Guides einzig deshalb Mikrofone und die Besucher Kopfhörer tragen, über die sie die Ausführungen hören, weil ihre Gruppe so groß ist. So können die Erklärungen mit gedämpfter Stimme vorgetragen werden, als wolle man die Totenruhe nicht stören. Nur vor dem Einlass und am Ausgang herrscht lärmende Betriebsamkeit, hinter dem Stacheldraht hingegen angemessene Stille. 

Die wachsende Zahl ist erfreulich, hat jedoch den Nachteil, dass die Besucher im Sekundentakt an den Vitrinen und Zellen vorbeieilen müssen. Es gibt keinen Moment des Innehaltens, keine Möglichkeit zur Reflexion, die nächsten Gruppen drängen heran, um Blicke auf die Berge von Brillengestellen und Bürsten, von beschrifteten Koffern und das Emaillegeschirr, auf Schuhe und Haare zu werfen. Keine Minute zum Verharren und für die Erkenntnis, dass hier in Auschwitz der Kapitalismus am konsequentesten war wie zuvor niemals und nirgends. Er verwertete rücksichtslos alles am Menschen, was es an ihm zu verwerten gab: erst seine Arbeitskraft und dann Haut und Haar, selbst die Prothesen und die Zähne aus Gold. Am Ende blieb nur Asche, die in Gruben hinter dem Krematorium gekippt wurde. Alles speiste man wieder in den Produktionsprozess und Stoffkreislaus ein: Leder, Metall, Glas, Wolle… 

In Auschwitz wurde jedem Arbeitssklaven eine Nummer schmerzhaft eingestochen, ausgenommen jene Menschen, die von der Rampe gleich ins Gas gingen, weil sie auf dem Sklavenmarkt ohne Wert waren. Die Registriernummer behielt der Sklave sein unsägliches Arbeitsleben lang, und sie diente dem SS-Staat bei dessen Logistik: Er verteilte die Menschen übers ganze Reich. Denn das war die eigentliche Bestimmung, die Rüstungsminister Albert Speer im September 1942 dem Lagerkomplex Auschwitz zugewiesen hatte: Reservoir von billigen Arbeitskräften für die deutsche Wirtschaft zu sein. 

Susanne Willems, eine Berliner Historikerin, hat unlängst in einem Militärarchiv in Prag eine Karte gefunden, die am 6. Oktober 1942 – nach jener denkwürdigen Besprechung mit Speer – gezeichnet worden ist. Die bisherigen Überlegungen insbesondere für »Auschwitz II« wurden dort über den Haufen geworfen. Dieser neue Plan – erstmals veröffentlicht in einem Buch von Willems, das im Februar in der Edition Ost erscheinen wird – macht die Verschmelzung von SS-Staat und deutscher Wirtschaft sichtbar. Die Unternehmen wollten billige Arbeitskräfte – die SS trieb sie aus ganz Europa zusammen und der Wirtschaft zu. Und dafür kassierte die schwarzuniformierte Mörderbande. In der Dauerausstellung im Haus der Wannseekonferenz ist ein Schreiben des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes an das Reichsfinanzministerium vom 27. Januar 1943 zu sehen. Unter der Betreffzeile »Häftlingsentgelt« heißt es dort kurz: »Sehr verehrter Herr Ministerialrat! Ich teile Ihnen mit, dass die Einnahmen aus der Häftlingsbeschäftigung in den Konzentrationslagern im Rechnungsjahr 1942 die Summe von RM 13.265.232,- erreichen. Heil Hitler! H. Frank, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS«. Hans Frank war Generalgouverneur des besetzten Polen und residierte im Königsschloss von Krakau, keine 50 Kilometer von Auschwitz entfernt. 

Verbindung gekappt 

Am Rande des Parkplatzes vor dem einstigen Stammlager stehen zwei, drei Pavillons, in einem befindet sich der Laden von Agnieszka Mateja. Die Frau ist mehr als »nur« eine Buch- und Ansichtskartenverkäuferin, wie ich sofort an dem Album sehe, das sie vor mir aufblättert. Die Fotos zeigen ehemalige Häftlinge mit ihr. Die Art des Umgangs miteinander verrät, dass sie sich schon geraume Zeit kennen. Die blonde Polin fungiert offenkundig als Bindeglied zwischen den früheren Häftlingen und der heutigen Einrichtung, die sich Museum, nicht Gedenkstätte, nennt. Es wird – ohne die Leistung der rund 200 dort tätigen Mitarbeiter schmälern zu wollen – verwaltet; der Direktor sitzt in Warschau. 

Agnieszka Mateja hat ihren Buchladen zum 31. Dezember 2014 aufgeben müssen. Die Monatsmiete war auf exorbitante 10.000 Złoty angehoben worden. Die umgerechnet 2.500 Euro erwirtschaften sie und ihre Kollegen nicht, vielleicht der größere Buchladen des Museums im Empfangsgebäude, der nun konkurrenzlos ist. Frau Mateja schenkt mir Lebensmittelmarken aus dem Lager vom Herbst 1943, die ihr einer der Häftlinge zur Erinnerung übergab. Vielleicht habe ich dafür Verwendung, meint sie, und notiert in mein Notizbuch ihre neue Geschäftsadresse in der Innenstadt. Dorthin wird sich vermutlich kein ehemaliger Auschwitz-Häftling verirren. Es gibt nach 70 Jahren auch kaum noch welche. Die Verbindung zur Buchhändlerin ist durch den Umzug gekappt. Zurück bleibt der professionell und kommerziell betriebene, seelenlose Ausstellungsbetrieb. 

»Auschwitz III« 

Im Osten von Auschwitz liegt das Dorf Monowice – Monowitz, als dort die Hakenkreuzbanner wehten und die I. G. Farben fast eine Milliarde Reichsmark investierte. Bereits im November 1940 hatten Behörden des Nazireichs und des Chemiekonzerns die Errichtung eines »Ostwerks in Schlesien« vereinbart. Dort sollte synthetischer Kautschuk hergestellt werden, Buna genannt nach seinen wesentlichen Bestandteilen Butadien und Natrium. Der Buna-Komplex war 1944 noch immer die größte Baustelle Europas, und Zehntausende Arbeitssklaven wurden dort bis zum letzten ausgebeutet, darunter auch britische Kriegsgefangene. Man schätzt, dass bis zu 25.000 dabei zugrunde gingen, die durchschnittliche Lebenserwartung der dort Schuftenden betrug drei Monate. 

Ursprünglich mussten sie täglich den sechs Kilometer langen Weg von Birkenau bis Monowitz zweimal zurücklegen. Doch nach den anderthalb Stunden Fußmarsch waren die ohnehin ausgezehrten Männer so geschwächt, dass sie kaum in der Lage waren, auf dem Bau zu arbeiten, wozu sie bis zu zehn Stunden gezwungen wurden. Um soviel Arbeitskraft wie möglich aus den Gefangenen zu pressen, beschloss die SS die Errichtung eines Lagers für bis zu 100.000 Männer. Monowitz bekam folgerichtig die Bezeichnung »Auschwitz III«. Auch dieses Objekt fußte auf der Vereinbarung, die SS und I. G. Farben bereits im März 1941 geschlossen hatten: Die SS vertrieb die Einwohner aus Auschwitz, damit das deutsche Fachpersonal des Chemikonzerns angemessene Wohnungen bekam, und stellte die Arbeitskräfte – im Gegenzug das Unternehmen Baumaterial. Ohne dieses Tauschgeschäft wären weder der Ausbau des Stammlagers noch der Aufbau von Birkenau und Monowitz möglich gewesen. Für das Lager »Auschwitz III« gab man fünf Millionen Reichsmark aus. An die 20 deutsche Bau- und Ausrüstungsunternehmen partizipierten davon und fuhren durch die Ausnutzung der Häftlinge exorbitante Profite ein: Dyckerhoff & Widmann (heute Teil des österreichischen Bauunternehmens Strabag), AEG, Lurgi (gehört seit 2007 zur Air Liquide Gruppe). 

Durch Monowice führt heute die Ausfallstraße nach Krakow. Der Verkehr brandet und braust an der mit Stacheldraht bewehrten Mauer von damals vorbei. Dahinter gibt es einige Ruinen, recken sich die beiden alten Schornsteine des Heizkraftwerks, das noch immer Teile der Stadt versorgt, und einige Fabrikanlagen jüngeren Datums. Buna wurde nach 1945 ausgeschlachtet, die Produktionsanlagen gingen zu großen Teilen in die Sowjetunion. Der polnische Staat übernahm schließlich das Unternehmen. Mit bis zu 12.000 Beschäftigten war der Chemiebetrieb bis in die 80er Jahre der größte Betrieb der Stadt. Heute produzieren dort Chemoservis-Dwory S. A. und kleinere mittelständische Unternehmen. Würde man die Geschichte des Areals nicht kennen, bliebe ihre Herkunft so verborgen wie das bescheidene Denkmal für die Opfer von Monowitz neben der Haupteinfahrt zum heute als privat ausgeschilderten Gelände. 

Alltag in Oświęcim 

Zur Rechten der Hauptverkehrsstraße, dort, wo sich auf einer Fläche von 500 mal 270 Metern das Lager »Auschwitz III« mit seinen Baracken erstreckte, stehen hübsche Einfamilienhäuser jüngeren Datums mit Obstgärten, in denen Kinderschaukeln und Buddelkästen zu sehen sind. Ab und an ragt aus dem Straßengraben ein Beton-Ei mit schmalen Sehschlitzen. Einmannbunker, in die sich die SS-Wachen flüchteten, sofern es Bombenangriffe gab. Sonst erinnert kaum etwas an die Vergangenheit. Hinter einer Häuserzeile, zwischen den Feldern, entdecke ich die Ruine einer gemauerten Baracke. Bäume wachsen durch das eingebrochene Dach, die Fensterrahmen hängen glaslos in den Angeln. Nicht einmal ein blauweißes Denkmalschild, das zumindest an den Ruinenresten in der Stadt auf die Vergangenheit verweist, findet sich hier. Muss ich das vorwurfsvoll beklagen? Es gibt einfach zu viele Hinterlassenschaften dieser Art am Ort, unter einer Unmasse von Gedenktafeln, die man anbringen müsste, würde jedes Leben heute ersticken. 

Die Gegenwart ist schwer genug. Dazu trägt auch der gesellschaftliche Umbruch nach 1990 bei. Dem Augenschein nach geht es der Stadt und den meisten der inzwischen hier lebenden rund 45.000 Menschen gut. Die Fassaden der alten und neuen Häuser sind bunt, die Altstadt ist restauriert. Die Naziherrschaft ist nicht vergessen: Auf dem Markt markiert ein im Pflaster eingelassenes Metallband den Grundriss des deutschen Hochbunkers, der bis in die 90er Jahre dort stand. Diverse Tafeln und Denkmale erinnern an Ereignisse aus der jahrhundertelangen Stadtgeschichte; oberhalb der Brücke über die Soła thront das Schloss mit Heimatmuseum. Und überall flanieren Menschen jeden Alters, junge Leute dominieren das Stadtbild. Oświęcim präsentiert Normalität. Wer die Stadt schon einmal vor dem politischen Gezeitenwechsel besuchte, bemerkt aber auch andere Veränderungen. Dort, wo im Zentrum ein Obelisk an die bei der Befreiung von Auschwitz gefallenen 231 Sowjetsoldaten erinnerte, steht jetzt ein Denkmal, auf dem in schwülstig-pathetischen Worten auf die in Jahrhunderten fürs Vaterland gefallenen polnischen Patrioten verwiesen wird. Und im Ehrenhain, in welchem die Stadt 1945 die rund 700 Menschen bestattete, die in Birkenau in den Tagen der Befreiung ihr Leben verloren, fehlt auf dem Stein, der den toten Rotarmisten gewidmet ist, der Sowjetstern. Aber immerhin: Auf dem Städtischen Friedhof gibt es eine kollektive Grabstätte für diese Soldaten, mit all ihren Namen und dem Stern, den sie an ihrer Mütze trugen. 

Und an der Wand neben dem Friedhofseingang hängt seit 2012 auch eine Tafel, die den Opfern ukrainischer Nationalisten in Ostpolen gewidmet ist. Dieser Verweis auf das Wüten der Bandera-Banditen, die in der Ukraine heute als Freiheitskämpfer gefeiert werden und denen die politische Führung in Kiew Denkmale errichtet, ist wohl auch als Signal zu verstehen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Jene, die die schwarze Marmortafel anbrachten, haben erkennbar Schlüsse aus der Geschichte von Auschwitz gezogen. 

Susanne Willems: Auschwitz. Die Geschichte des Vernichtungslagers, Edition Ost, Berlin 2015, 256 Seiten, Großformat, durchgängig vierfarbig, mit Fotos von Frank und Fritz Schumann, 29,99 Euro – erscheint am 24. Februar 2015, dann auch im jW-Shop zu bestellen 

junge Welt-Broschüre neu aufgelegt: Hans G Helms: »Oświęcim – Oshpitsin – Auschwitz«, 30 Seiten, 2 Euro – im jW-Shop erhältlich 

 

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»Die Deportationen waren ein Wirtschaftsfaktor«

Eine Ausstellung in Berlin erinnert an die »Verwertung« jüdischen Eigentums. Ein Gespräch mit Wolfgang Dreßen

Markus Bernhardt

In: junge Welt online vom 29.01.2015

Prof. Dr. Wolfgang Dreßen war bis 2008 Leiter der »Arbeitsstelle Neonazismus« an der FH Düsseldorf. Forschungen u. a. zum Extremismusbegriff, zu Ordnungs- und Vernichtungsstrategien im deutschen Faschismus, zur Geschichte der Pädagogik als Normalisierungswissenschaft.

Noch bis Anfang März ist die von Ihnen konzipierte Ausstellung »Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn - Dokumente der Aktion 3« in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zu sehen. Was hat es mit dieser Aktion auf sich?

»Aktion 3« war ein Tarnname. Er bezeichnete die Enteignung der Jüdinnen und Juden, die ab Ende 1941 deportiert wurden. Diese Enteignung wurde von den Oberfinanzdirektionen verwaltet. Für jeden Deportierten wurde eine Akte angelegt, die von den Kleidern, den Möbeln, dem Geldvermögen bis zu Immobilien das jeweilige Eigentum auflistete. Kleider, Hausrat oder Kunstbesitz wurden öffentlich zugunsten des Staates versteigert. Die Ausstellung basiert auf Akten aus den Oberfinanzdirektionen Köln und Düsseldorf.

Wie teilt sich Ihre Ausstellung inhaltlich auf?

Sie zeigt Aktenbeispiele: Sogenannte Vermögenserklärungen, die von den Betroffenen vor der Deportation abgegeben werden mussten, Versteigerungsprotokolle, von den Finanzämtern ausgestellte Quittungen für den jeweiligen Kauf, den Wettlauf um frei gewordene Wohnungen und Häuser.

Der Verkauf von jüdischen Friedhöfen und Grabsteinen stellte die Finanzbehörden vor erheblichen Verwaltungsaufwand. Neben der »Aktion 3« gab es die »M-Aktion«: Möbel deportierter Jüdinnen und Juden wurden vor allem aus dem von den Deutschen besetzten Westeuropa mit Frachtschiffen, Eisenbahnen und Lastwagen in die deutschen Städte gebracht und hier wiederum öffentlich verkauft. Die Akten der Oberfinanzdirektionen enden aber nicht 1945. Die »Entschädigung« wurde nämlich von denselben Beamten verwaltet, die auch die Enteignungen und Versteigerungen organisiert hatten.

Sie hatten 1998 kurzzeitig Gelegenheit, Akten der Oberfinanzdirektion Köln einzusehen, die ursprünglich gesperrt waren. Auf welche Informationen sind Sie dabei gestoßen?

Entgegen zahlreicher Behauptungen im Rahmen der offiziellen »Vergangenheitsbewältigung« waren die Deportationen in den Städten und auf den Dörfern bekannt. Und es gab ein breites Interesse, das Eigentum der Deportierten zu erwerben. An eine Rückkehr der ehemaligen Nachbarn dachte niemand. Die Deportationen waren ein Wirtschaftsfaktor. Etwa für den Kunsthandel, die Speditionen, die Banken, für öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Waisenhäuser, die sich mit Schulbänken aus einer jüdischen Schule oder Kinderwäsche eindeckten, und schließlich für die Menschen, die günstig Wohnungseinrichtungen erwarben.

Also war die komplette Bevölkerung an der »Verwertung« der Jüdinnen und Juden beteiligt?

Die Verkäufe waren öffentlich, mit Massenandrang, in den Dörfern wurde öffentlich auf der Straße versteigert. Es gab keine »Schicht«, die sich nicht beteiligte. Die einen erwarben Kunst, die anderen einen Schrank oder einen Mantel.

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus Ihren jahrzehntelangen Recherchen?

Der deutsche Vernichtungsantisemitismus zielte auch auf eine breite Aneignung des Besitzes der Jüdinnen und Juden: von ihren Arbeitsplätzen gleich nach 1933 über ihre Geschäfte und Häuser bis hin zum Mobiliar.

Antikapitalismus wurde auf diese Weise über einen gewinnbringenden Rassismus in einer scheinbaren »Volksgemeinschaft« aufgelöst, die Ideologie blieb. Die Kriegsprofite der deutschen Konzerne wurden hinter dem »Judenhass« versteckt. Die allgemeine »Betroffenheit« seit 1945 bis heute setzt diese Verfälschungen auf einer anderen Ebene fort.

Der Gewinn besteht nun darin, dass »Auschwitz« überall auf der Welt verhindert werden soll und als deutsche Kriegsbegründung dient.

Innenpolitisch wird behauptet: Weil der Antikapitalismus im Vernichtungsantisemitismus aufgelöst wurde, sei der Antikapitalismus falsch. Damit wird die Perversion des deutschen Faschismus zugunsten des Kapitals verlängert.

 

Ausstellung: »Deutsche verwerten ihre jüdischen Nachbarn. Dokumente der Aktion 3«, bis zum 5. März 2015. Ort: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Foyer, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin.

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Januar 27, 2015  

Hecht-Galinski: „Es ist eine Schande, dass Putin nicht eingeladen wird!" 

by Kommunisten-Online  

 

70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau

Quelle: sputniknews vom 27.01.2015 

 

Als eine „Schande" hat die namhafte Publizistin Evelyn Hecht-Galinski die Verweigerung einer persönlichen Einladung für Präsident Wladimir Putin zur Gedenkveranstaltung nach Auschwitz bewertet. 

„Die Feierlichkeiten anlässlich der Auschwitz-Befreiung ohne die Befreier sind undenkbar", meint die Tochter des 1992 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski. 

„Ich möchte dem russischen Volk für die Befreiung von Auschwitz-Birkenau vor 70 Jahren danken. Es war die Rote Armee, die Auschwitz befreit hat", betonte sie in einem Interview mit Sputnik-Korrespondent Armin Siebert.  „Und gerade als Nachkomme eines Auschwitz-Überlebenden möchte ich es als eine Schande bezeichnen, dass Russland und Putin von Polen nicht zur Gedenkfeier eingeladen wurden und dass Kanzlerin Merkel sich nicht bei Russland für diese Befreiung bedankt hat." 

Hecht-Galinski beobachte, wie das Wort „Auschwitz" zu einem Instrumentalisierungsbegriff geworden sei: „Wenn ich den Ministerpräsidenten des jüdischen Staates, Benjamin Netanjahu, höre, der die Phrase ‚Nie wieder Auschwitz‘ instrumentalisiert, um gegen den Iran vorzugehen, dann ist das für mich unerträglich." Auch in der Ukraine-Krise sei eine Instrumentalisierung des Begriffes wieder zu bemerken. Ihr Vater habe ihr berichtet, dass die schlimmsten Aufseher und Wärter Ukrainer waren: „da frag ich mich, warum wird inzwischen Russland so dämonisiert und als Feind betrachtet, auch von den deutschen Medien? Das ist sehr bedenklich." 

Angesprochen auf die jüngste Behauptung des polnischen Außenministers Grzegorz Schetyna,, nicht russische, sondern ukrainische Soldaten hätten Auschwitz befreit, sagt Hecht-Galinski: „Das sind Dinge, die ich nicht mehr nachvollziehen kann und die für mich unerträglich sind." 

Auch die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck bei der Gedenkveranstaltung sieht Hecht-Galinski kritisch: „Das ist für mich emotional eine Zumutung. Ich halte das für einen Fehlgriff. Herr Gauck trägt ja auch gehörig dazu bei, wie aktuell die Kriegstrommel gegen Russland gerührt wird. Bundespräsident Gauck war einer der ersten, der den Sotschi-Boykott verkündet hat, ohne dass er gefragt wurde. Und das war weit vor der Krimkrise." 

 

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Zweierlei Gedenken  

Jahrestag der Auschwitz-Befreiung: In Berlin kaum Erinnerung an Zweiten Weltkrieg, in Moskau Würdigung des Kampfes gegen Faschismus.  

Von Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 28.01.2015 

 

In zahlreichen Ländern wurde am gestrigen Dienstag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 gedacht. Bundespräsident Joachim Gauck hielt im Bundestag eine Rede, in der er erklärte, es gebe »keine deutsche Identität ohne Auschwitz«. Den Zweiten Weltkrieg und dessen Ursachen streifte er nur am Rand, sein Hauptaugenmerk galt der notwendigen »Betroffenheit«. In Moskau sprach der russische Präsident Wladimir Putin auf einer Gedenkfeier im Jüdischen Museum vor Veteranen der Roten Armee und geistlichen Würdenträgern. Er würdigte den großen Beitrag des jüdischen Volkes und der alliierten Soldaten im Kampf gegen den Faschismus. Eine halbe Million Juden hätten in der Roten Armee gekämpft, und fast 200.000 seien gefallen. 

Gemeinsam mit dem Oberrabbiner Russlands, Berel Lazar, zündete er schwarze Kerzen an. 

Im ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau, heute eine zentrale Stätte des Erinnerns an die Verbrechen des deutschen Faschismus, legten Überlebende vor der sogenannten Todeswand im Stammlager, an der im Zweiten Weltkrieg Tausende Menschen erschossen worden waren, Blumen nieder und entzündeten Kerzen. In den Jahren 1940 bis 1945 wurden dort etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, die meisten von ihnen Juden. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski rief am Nachmittag bei einer zentralen Gedenkfeier zu einem entschlossenen Vorgehen gegen Rassismus und Antisemitismus auf. Er sagte: »Erinnern wir uns daran, wozu der Bruch des internationalen Rechts auf Selbstbestimmung von Nationen führt.« Von Auschwitz aus müsse jeglicher Hass verdammt werden. Gegen jede Relativierung der Naziverbrechen müsse entschlossen Widerstand geleistet werden. 

An der Feier nahmen 300 hochbetagte Überlebende und viele Staatsgäste, darunter Gauck, sein österreichischer Kollege Heinz Fischer sowie die Präsidenten Frankreichs und der Ukraine, François Hollande und Petro Poroschenko, teil. Der russische Präsident war, anders als bei vorangegangenen Jahrestagen, nicht als Ehrengast eingeladen worden. In der vergangenen Woche hatte der polnische Außenminister Grzegorz Schetyna erklärt, Auschwitz sei von »Ukrainern« befreit worden. Das russische Außenministerium warf Polen daraufhin »antirussische Hysterie« und eine »Verhöhnung der Geschichte« vor. In Budapest erkannte Regierungschef Viktor Orbán eine Mittäterschaft Ungarns beim Völkermord an den europäischen Juden erstmals an. Er formulierte, »sehr viele Ungarn« hätten sich »zum schlechten Handeln entschlossen statt zum guten.« Etwa 600.000 ungarische Juden waren Opfer der Shoah geworden. Die meisten wurden mit Hilfe von Ungarns Polizei nach Auschwitz deportiert. Gauck nutzte die Gelegenheit, um den Umgang mit Judenmördern in der Bundesrepublik und in der DDR gleichzusetzen. In Westdeutschland habe sich selbst nach den ersten größeren Prozessen Ende der 50er Jahre keine »wirklich umfassende Betroffenheit« eingestellt. Der »staatliche Antifaschismus« der DDR habe die Gesellschaft »pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung« für die Naziverbrechen freigesprochen und damit »das Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten rkleinen Mannesl«, befördert. Putin verlangte in seiner Rede eine Rückbesinnung auf internationale Zusammenarbeit. Er betonte: »Die Gefahr eines Strebens nach Weltherrschaft (...) zeigt sich mit voller Wucht in der Ostukraine, wo die friedliche Bevölkerung des Donbass kaltblütig niedergeschossen wird.« Er fügte hinzu: »Wir sollten gemeinsam (...) das Recht von Staaten und Völkern auf ihren eigenen Entwicklungsweg verteidigen.« Siehe Kommentar Seite 8 

 

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Am Tage danach 

Gauck und das Auschwitz-Gedenken  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 28.01.2015 

 

In diesen Winter- und Frühjahrsmonaten des Jahres 2015 vergeht kaum ein Tag, der uns nicht an die Ereignisse von vor 70 Jahren erinnern könnte, an die Schlachten zur endgültigen Zerschlagung der deutschen Militärmacht und an die Befreiung von Millionen Menschen, die in die Hände der Welteroberer gefallen waren, viele soeben noch dem Tode entkommen. Kein Tag birgt eine grausigere Erinnerung, als sie der 27. Januar aufkommen lässt, als die sowjetische Armee Auschwitz erreichte, obwohl sich nahe der westpolnischen Stadt nicht das erste Konzentrations- und Vernichtungslager befand, bis zu dem sie westwärts vorgestoßen war. Schon 1944 eroberte sie Lublin und gelangte in dessen Umgebung auf das Gebiet des Lagers Majdanek. 

Journalisten vieler Staaten begaben sich darauf an den Ort mit der Gaskammer und dem Verbrennungsofen, den langen Reihen von Baracken, manche gefüllt mit der Habe der Getöteten. Darin auch die »Kinderschuhe aus Lublin«, so der Titel eines Gedichts von Johannes R. Becher, das in jedes deutsche Schullesebuch gehört. Damals wurde weltweit bekannt, was bis dahin nur aus den Berichten einzelner Geflohener und auf geheimdienstlichen Wegen zu erfahren und vielen unglaubwürdig gewesen war. 

Die Staatsrede zu diesem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat der Bundespräsident gehalten und in ihr eine »Reflexion« über die Geschichte der Menschheit im allgemeinen, über das »Menschenmögliche« und über die Geschichte der Deutschen im besonderen geboten. Er hat, wie in der Publizistik hierzulande üblich, die Ursachen des Massenmordens ausschließlich in Hass und Wahn erblickt, sie einzig ideologischen und mentalen Ursachen zugeordnet. Es ist ihm eine Kleinigkeit dabei entgangen: Das historisch beispiellose Verbrechen hat in einem Krieg stattgefunden, und es sind der Plan und der Entschluss dazu erst im Verlauf des Krieges gefasst worden und darauf 1941 die Befehle an die Mörderschwadronen ergangen. Diese Entschlussfindung war in den achtziger Jahren übrigens Gegenstand einer erstklassig besetzten internationalen Konferenz in Stuttgart, um deren Zustandekommen sich die Historiker Eberhard Jäckel und Jürgen Rohwer besonders verdient gemacht haben. 

Mindestens seitdem muss auch in der Bundesrepublik jeder, der die Voraussetzungen, Bedingungen und Ziele dieses Mordens zu erklären sucht, vom Kriege reden. Von welchem? Einem imperialistischen, begonnen und geführt mit weltweiten Expansionszielen und der Vorstellung, dass die Eroberer entscheiden würden, wem sie in ihrem Herrschaftsbereich das Lebensrecht zubilligen und wem sie es entziehen werden. Die Liste derer, für die letzteres galt, war lang. Sie wäre, würde das Vorhaben geglückt sein, mit Sicherheit länger geworden. Auf ihr standen die Juden oben an, von denen auch kein »Rest« bleiben sollte, gefolgt von den Sinti und Roma, von Millionen Angehörigen verschiedener slawischer Nationen. Mit dem Auslöschen dieser Gruppen, störend überflüssig unter dem Blickwinkel des Herrschens wie der Ausbeutung, wurde bereits während des Krieges begonnen. 

Warum schweigt ein einstiger vieljähriger Bürger der DDR, der über diesen Zusammenhang von Kriegsziel und Massenmord sich in Schulbüchern unterrichten konnte und nicht zu irgendwelchen Untergrundliteratur greifen musste, darüber? Warum vermag er sich der Ergebnisse der Befragungen nicht zu erinnern, die nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik vorgenommen wurden und in denen danach geforscht wurde, wie die einen und die anderen über deutsche Vergangenheit dachten, ja, was sie von ihr überhaupt wussten? Warum sind ihm, angefangen von dem in Potsdam-Babelsberg gedrehten Film »Ehe im Schatten« und der zur Wiedereröffnung der Theater in mehreren ostdeutschen Städten gezeigten »Nathan«-Aufführung, alle Leistungen der ostdeutschen Kultur im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus entfallen? Warum hat er, wenn er daran schon selbst keine Erinnerung besitzt, seine Mitarbeiter nicht beauftragt, nach jenen einstigen Auschwitz-Häftlingen zu fahnden, die in der DDR sofort nach der Befreiung leitende Funktionen übernahmen und sich Verantwortung aufluden? Er wäre auf den Mannheimer jüdischen Kommunisten Stefan Heymann gestoßen, der eine bescheidene, aber bis heute anregend lesbare Broschüre über Marxismus und Antisemitismus vorlegte, eine der frühesten Veröffentlichungen, mit denen im Osten begann, was im Westen »Reeducation« hieß. Oder auf den aus dem Ruhrgebiet stammenden Kurt Goldstein und manche andere. 

In DDR-Zeiten gab es während der achtziger Jahre eine zentrale Gedenkveranstaltung an einem »Auschwitz-Tag« in der Stadthalle in Dresden. 

An ihr nahm auch ein Abgesandter des Jüdischen Weltkongresses teil und ergriff das Wort. Dem Sinne nach sagte er, es wären Juden in der geringen Zahl, in der sie überlebten, den Mördern nicht entkommen, wenn die Rote Armee bei ihrem Ansturm nicht jenes Tempo erreicht hätte, das sie schließlich auch nach Auschwitz führte. Dafür sind Hunderttausende gestorben. Dieser Tag in Dresden und diese Worte fielen mir wieder ein, als der Bundespräsident von 215 Soldaten sprach, die bei der Befreiung des Lagers umgekommen seien. 

 

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Gauck dankt den Rotarmisten 

Bundestag gedenkt der Opfer des Naziterrors 

Von Aert van Riel 

 

Bei der Erinnerungsveranstaltung zur Befreiung von Auschwitz warnen führende Politiker im Bundestag davor, einen Schlussstrich unter die dunkle Vergangenheit Deutschlands zu ziehen. 

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Als Hauptredner spricht der Bundespräsident. Joachim Gauck dankt den sowjetischen Soldaten, welche die Vernichtungslager befreiten. »Vor ihnen, die allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Kameraden verloren, verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit«, sagt der Mann, der ansonsten Kommunisten so ablehnend gegenübersteht. Die Parlamentarier klatschen an dieser Stelle erstmals bei seiner Rede. 

Der 75-jährige Bundespräsident, dessen Eltern Mitglieder der NSDAP waren, setzt sich in seiner Rede auch kritisch mit der Vergangenheitsaufarbeitung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auseinander. »Der Wiederaufbau stand im Vordergrund«, merkt Gauck an. 

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In der DDR wurden führende Stellen mit Antifaschisten und Kommunisten besetzt. Dies sieht Gauck als »Ersatz für eine fehlende demokratische Legitimation des Staates«. Schuld und Versagen des sogenannten kleinen Mannes seien dabei verdrängt worden. Denn dieser konnte sich auf die Seite der Antifaschisten schlagen. In der Gedenkkultur der DDR hätten außerdem die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus im Vordergrund gestanden, weniger die Juden, behauptet Gauck. 

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Als er auf den aktuellen Antisemitismus in Deutschland zu sprechen kommt, ist kein Wort über deutsche Rechtsradikale zu vernehmen. Für Gauck handelt es sich offenbar inzwischen um ein Problem, das vor allem importiert worden ist. Manche Einwanderer würden aus Ländern kommen, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel verbreitet sind, sagt er. 

In: Neues Deutschland online vom 28.01.2015 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/959886.gauck-dankt-den-rotarmisten.html 

 

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Die Russen sind da!  

Mobilmachung zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung  

In: unsere zeit online vom 30.010.2015 

 

Als die Häftlinge den roten Stern an den Pelzmützen der Soldaten bemerkten, ging ein Freudenschrei durch das Lager: „Die Russen sind da!" Das berichtet der Auschwitz-Überlebende Otto Wolken in seinen Erinnerungen an die Befreiung des Lagers. 

Zu den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag dieser Befreiung kam der Russe nicht – zumindest war der russische Präsident Putin nicht eingeladen. 

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano bezeichnete das im Gespräch mit UZ als „unmöglich". 

„Er hätte eingeladen werden müssen. 

Putin vertritt das russische Volk, und viele Menschen aus diesem Volk haben für die Befreiung gekämpft und gelitten. Es war schließlich die Rote Armee, die Auschwitz befreit hat." H Als ob die fehlende Einladung an Putin noch nicht für eine weitere Zuspitzung im Verhältnis zu Russland genügt hätte, legte der polnische Außenminister Schetyna nach: Er gab ein Radiointerview, indem er andeutete, dass der Russe gar nicht nach Auschwitz gekommen sei. Schließlich habe zuerst eine Armee der Ukrainischen Front das Lager erreicht – es seien Ukrainer gewesen, die Auschwitz befreit hätten. 

Der russische Außenminister Lawrow erklärte daraufhin noch einmal, dass in dieser Armee neben Angehörige aller sowjetischen Völker kämpften, und sagte: „Hier mit nationalistischen Gefühlen zu spielen, ist verhöhnend und zynisch." Aber offenbar ist es für viele schwierig, zu benennen, welcher Nation die Befreier angehörten – waren es nun Russen? Oder Ukrainer? Oder Tataren? Oder doch, ganz unabhängig von ihrer Nationalität, einfach Bürger der Sowjetunion? Lawrow hat allen Grund, das Spiel mit dem Nationalismus in den ehemaligen Sowjetrepubliken zu verurteilen, denn dieses Spiel ist eines der wichtigsten Instrumente im Kampf der westlichen Großmächte gegen Russland. Das ist Grund genug, deutlich zu sagen: Die Nation, die die entscheidende Rolle im Krieg gegen den Faschismus gespielt hat, war die sozialistische Sowjetunion. 

Denn die sozialistische Ordnung war die Voraussetzung dafür, die nationalen Konflikte zu überwinden und völlig neue Beziehungen der Gleichberechtigung und der Freundschaft zwischen den Völkern herzustellen. Und der Zusammenbruch des Sozialismus war die Voraussetzung dafür, dass eben dieser Nationalismus in allen ehemaligen Sowjetrepubliken wieder einen – oft blutigen – Aufstieg erlebte. 

H Der NATO-Generalsekretär Stoltenberg hatte unterdessen zu berichten, wo der Russe sonst noch überall hinkommt, nämlich in die Ostukraine, wo er die separatistischen Truppen unterstütze. Russland müsse diese Unterstützung einstellen und damit aufhören, die Ukraine zu destabilisieren. 

Die NATO-Länder stellten währenddessen ihre Unterstützung für die Putschistenregierung in Kiew nicht ein und trugen damit ihren Teil zur Destabilisierung des Landes bei. 

Die Konflikte zwischen den Großmächten eskalieren weiter, und dieser Eskalation sind keine Grenzen gesetzt – zumindest nicht innerhalb der Hauptquartiere der imperialistischen Armeen. Solche Grenzen lassen sich nicht setzen, ohne eine Alternative zu dem – bei uns gerade auch antirussischen – Nationalismus anzubieten. 

Und das kann nur das gemeinsame Interesse und die gemeinsame sozialistische Perspektive der arbeitenden Menschen aller Länder sein. 

Die NATO legt gleichzeitig wieder stärkeren Wert darauf, zu zeigen, dass sie ihre Anstrengungen zum Eingreifen in der ganzen Welt noch intensivieren kann. Bei ihrem Treffen am 5. Februar wollen die Verteidigungsminister der NATO-Länder auch über ihre Reaktion auf verschiedene Manöver der russischen Streitkräfte beraten – und darüber, welche Konsequenzen der Konflikt mit Russland für die „Nuklearstrategie" der NATO haben könnte. 

Manfred Idler 

 

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27. Januar 1945 

Der Tag, als die Rote Armee kam  

In: unsere zeit online vom 30.010.2015 

 

Als die Rote Armee am Vormittag des 27. Januar 1945 in Auschwitz eintraf, brannten die Öfen von A.-Birkenau noch. Der Geruch der verbrannten Leichen lag wie seit Jahren über der Landschaft. 

Die meisten Bewacher waren geflohen, nur wenige Wachmannschaften waren noch vor Ort. Kapos und Insassen wussten nicht, dass die Befreiung unmittelbar bevorstand. Der Widerstand der verbliebenen SS war schnell niedergekämpft. 

Wenige Tage vorher waren 60 000 Insassen von der SS nach Westen evakuiert worden – die bekannten Todesmärsche. 

Wohl über 7 000 waren zurückgeblieben, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Das Hauptwerk der Mörder war längst getan – 1,5 Mio. Menschen waren durch Arbeit im I. G. Farben-Werk A.- Monowitz, im Kugelhagel der SS oder durch das Zyklon B der I. G. Farben- Tochter Degesch vernichtet worden. 

In A.-Birkenau wurden die Rotarmisten mit Jubel begrüßt, als die Häftlinge die roten Sterne an den Mützen erkannten. Sie strömten von überall herbei, manche waren so schwach, dass sie auf allen Vieren kriechen mussten. 

An Feiern war kaum zu denken. 

Noch war das Sterben nicht vorbei. 

Die entkräfteten Häftlinge schwebten zwischen Leben und Tod. Obwohl sofort begonnen wurde das Lager zu reinigen, obwohl ausreichend Lebensmittel bereitgestellt wurden und die sowjetischen Ärzte Tag und Nacht arbeiteten, konnte nur die Hälfte der vorgefunde- Foto: UZ-Archiv (4) nen Insassen gerettet werden. AR 

 

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