Heiß und kalt  

Die Alliierten besiegen Nazideutschland an Oder und Elbe – London und dann auch Washington sehen indes schon bald die »kommunistische Gefahr«  

Dietrich Eichholtz 

In: junge Welt online vom 13.01.2015 

 

Dietrich Eichholtz resümiert für jW den Verlauf der Kämpfe der Alliierten gegen den Hitlerfaschismus im Zweiten Weltkrieg. Am 28.11.2013 schrieb er über das Zustandekommen der Westfront 1943 und über das weitere Erstarken der Roten Armee im Osten. Am 6.6.2014 erinnerte er an die Invasion am Ärmelkanal und die Entwicklung der Ostfront. Am 26.8.2014 ging es um den Kampf der Roten Armee an einer Feuerlinie von Finnland bis zur Adria sowie um die Belastung des Zusammenhalts der Alliierten durch die Regierung in London. (jW) 

Das Jahr 1945 begann mit lebhaften Hoffnungen der Antihitlerkräfte auf ein schnelles Kriegsende, wie in Europa so im Pazifik. Die Westalliierten warfen den Vorstoß der in die Ardennen eingebrochenen deutschen Truppen in wenig mehr als drei Wochen zurück, ohne dass diese auch nur die Maas (Meuse), geschweige die Nordsee bei Antwerpen erreicht hätten. Eine der beiden Panzerarmeen der Wehrmacht, die hier 600 Tanks verloren, wurde schon Mitte Januar für den Kampf gegen die Rote Armee in Ungarn abgezogen. Ersatz an Treibstoff, Waffen, Munition und Mannschaft erhielten die faschistischen Angreifer seit Beginn der sowjetischen Offensive an der Weichsel nicht mehr. Das Gros der im Westen aktiven deutschen Jagdgeschwader wurde in den Osten verlegt. Fast 300 Flakbatterien folgten. 

Die Westalliierten nahmen ihre Angriffe in Richtung auf den Rhein wieder auf. Sie bombardierten die gegnerischen Nachschublieferungen über den Fluss jetzt nahezu ungehindert, stießen aber hier wie im Süden, flussaufwärts von Strasbourg, noch auf hartnäckigen Widerstand. 

Die UdSSR, seit Jahren im opferreichen Kampf gegen die Okkupanten, begann am 12. Januar ihre seit Monaten vorbereitete Offensive an der Weichselfront in der Absicht und Hoffnung, über Weichsel und Oder nach Berlin in die Machtzentrale des Hitlerreiches und über Ungarn nach Wien zu stürmen. 

Binnen kurzem hatte sich ihr Angriff auf eine Breite von vielen hundert Kilometern ausgedehnt, an Gewalt und Durchschlagskraft durchaus der Großoffensive des Vorjahrs (»Bagration«) vergleichbar (siehe jW-Thema vom 25.6.2009). Die abgestimmten Teiloperationen erfolgten seit Januar/Anfang Februar: die an das 500 Kilometer tiefe Operationsgebiet zur Oder, wo Anfang Februar der Kampf um die Brückenköpfe begann, die oberschlesische Operation, die das dortige Industriegebiet in sowjetische Hand brachte; die niederschlesische Operation, die die »Festung« Breslau einschloss, die ostpreußische Operation, die mit der Einnahme der »Festung« Königsberg und Pillau erst im April beendet war. 

An den Flügeln war dieser Großfeldzug abgesichert: im Norden durch die Abtrennung einer Heeresgruppe vom Hauptheer im Kurland, wo in einem Kessel 400.000 deutsche Soldaten (zum Schluss 200.000) festsaßen. Und südlich der Karpaten konnten neun Divisionen in Budapest und durch schwere Kämpfe gegen ausgewählte deutsche und ungarische Truppen am Balaton eingeschlossen werden. In West und Ost erwies sich der mörderische Widerstand der noch nach Millionen zählenden, jetzt innerhalb der Reichsgrenzen massierten Wehrmacht als unerwartet stark. Aber auch der zu erwartende Sieg würde - sicher in wenigen Monaten - für die Antihitlerkoalition drängende Probleme von größter Bedeutung aufwerfen, denen man noch unvorbereitet gegenüberstand. 

Die Krim-KonferenzWie sollte Deutschland nach dem Sieg aussehen? Sollte es als Staat aufgeteilt, sollte es von den Besatzungsmächten auf Dauer regiert werden? Wie war mit Österreich und den mit Deutschland verbündeten Staaten zu verfahren? Keineswegs gelöst bzw. umstritten waren Fragen nach den Regierungen für Polen, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, waren Fragen nach dem Friedensvertrag mit Italien. Offen blieb auch der Umgang mit Kolonialgebieten. 

Vom 4. bis 11. Februar 1945 tagte in Jalta auf der Krim die nach Teheran (jW-Thema vom 28.11.2013) zweite Gipfelkonferenz der Regierungschefs der drei Mächte der Antihitlerkoalition: US-Präsident Franklin D. Roosevelt, damals schon schwer krank, Großbritanniens Premier Winston Churchill und der sowjetische Marschall Josef Stalin verhandelten. Was offiziell als Ergebnis der Konferenz festgehalten wurde, war als eine klare Linie in bezug auf den Sieg über Deutschland und Japan zu werten. Es hatte noch großen Einfluss auf die Potsdamer Konferenz im Juli 1945 und auf die Beschlüsse zur vorhergehenden Gründung der Organisation der Vereinten Nationen in San Francisco. 

Die Krim-Konferenz stand ganz unter dem Eindruck des sowjetischen Vormarschs bis zur Oder, nach Krakau, Breslau und Königsberg. Sie war großzügig für die Gäste und eine bedeutende Zahl von Begleitpersonal vorbereitet. Man beschloss für die Zeit nach der bedingungslosen deutschen Kapitulation die militärische Besetzung besonderer Verwaltungszonen durch die drei Siegermächte und war bereit, auch Frankreich eine Zone anzubieten. 

Das vorgesehene Besatzungsprogramm war wegweisend: Deutschland war zu entwaffnen, alle militärischen Einrichtungen seien für alle Zeit »zu entfernen und zu zerstören«, die gesamte Industrie, soweit für Rüstungsproduktion zu benutzen, sei »zu beseitigen oder unter Kontrolle zu nehmen«, alle Kriegsverbrecher seien vor Gericht zu bringen. 

Wiedergutmachung und Reparationsleistungen seien zu leisten. Nazismus und Militarismus seien in Deutschland und im ganzen bisher faschistisch besetzten Europa auszurotten. 

Beschlüsse und Kompromisse kamen vor allem durch die geschickte Verhandlungsführung von Roosevelt und Stalin zustande. Churchill dagegen erlitt mit seiner Absicht Schiffbruch, als hauptsächlichen politischen Verhandlungspunkt der Konferenz die Ablehnung der in Lublin eingesetzten polnischen provisorischen Regierung, inzwischen »Warschauer Regierung«, und ihren Ersatz durch eine neue mit wesentlich antisowjetischer Orientierung durchzusetzen. 

Zusammenbruch der »Heimatfront«Im Laufe des Februar und März 1945 setzten die Alliierten im Westen zu neuen Angriffsoperationen an und erreichten in breiter Front den Rhein von der niederländischen bis zur Schweizer Grenze in Höhe von Colmar und Mulhouse. Die langwierigen Kämpfe bis zum Erreichen des Niederrheins dämpften allerdings die frühe westalliierte Siegeseuphorie vom Herbst 1944 erheblich. Erst nach Eroberung von drei Rheinübergängen (Remagen, Oppenheim/Mainz, Wesel/Rees) beschleunigte sich der Vormarsch ins Reichsinnere seit Ende März stark. In den ersten Apriltagen schloss sich der große Ring um den sogenannten Ruhrkessel. Vorstoßende alliierte Truppen erreichten die Weser, fernerhin thüringisches Gebiet, und sie drangen über den Main nach Süden vor. 

Die Rote Armee verhielt indessen im Februar ihren zuvor stürmischen Angriff an der Oder bei Küstrin und bei Frankfurt. Sie sah sich gezwungen, die nördliche Gefahr aus der langen westpreußisch-ostpommerschen Flanke zu beseitigen, die von Danzig bis Stettin noch in deutscher Hand war. Die sich hier im Februar ständig verstärkende deutsche Truppenmacht sollte nach Plänen des Generalstabs die sowjetischen Angriffsspitzen an der Oder abschneiden und vernichten, Berlin schützen und Zeit gewinnen »zur Herbeiführung von Waffenstillstandsverhandlungen mit den Westmächten«, wie es der zeitweilige Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Heinz Guderian, anstrebte. 

Die sowjetischen Fronten unter den Marschällen Georgi K. Schukow und Konstantin K. Rokossowski orientierten sich nach Norden und erreichten zwischen dem 1. und 3. März durch einen Stoß nach Köslin und zur Ostsee die Spaltung der gesamten ostpommerschen Front der deutschen Kräfte. In erbitterten Kämpfen nahmen sowjetische und polnische Truppen am 5. März Stargard, am 18. März Kolberg. Fliehende deutsche Resttruppen und Massen von Flüchtlingen drängten sie auf die Insel Wollin ab. Stettin blieb umkämpft und fiel seit dem 20. März als deutscher Kriegshafen aus. 

Die deutsche Befehlsgebung blieb von nun an hilflos oder sinnlos, auch, weil meist von den Realitäten überholt. Der Ruhrkessel mit einer Ausdehnung von fast 100 mal 100 Kilometern wurde von Hitler zur »Festung« erklärt, ebenso Städte wie Breslau, Posen, Budapest. Diese "Festungen" gingen schließlich verloren. Ohne noch einen Kampfwert zu haben, brachten die Durchhaltebefehle aber der zivilen Einwohnerschaft bis zuletzt Elend und Tod. 

Die Rüstung schrumpfte ohne Ruhrgebiet und Oberschlesien auf ein Minimum. 

Eisenbahnverkehr, Kohletransport und vor allem die Produktion der Hydrierwerke gingen schließlich unter der alliierten Bombenoffensive zu Ende, zum großen Teil schon seit Januar. Leuna und Pölitz bei Stettin, die beiden größten und wichtigsten Hydrierwerke, stellten nach letzten Angriffen Anfang April endgültig die Produktion ein. Im Februar stoppte das Rüstungsministerium bereits die Lieferung von Ausrüstung und Bewaffnung an den »Volkssturm«. Der »Schrei nach Munition« im Westen und auch an der Ostfront wurde »von Monat zu Monat« lauter, heißt es im März 1945 im »Hauptausschuss Munition« des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Die »Führerbesprechungen« unter Hitler vermitteln aus dieser Zeit den gespenstischen Eindruck der Sinnlosigkeit und der völligen Blindheit des »Führers« gegenüber der Realität. 

Auswege für die GroßwirtschaftDie Beschlüsse von Jalta ließen für Vertreter der Staatsorgane und der Wirtschaftsmacht der Deutschen keine Hoffnung erkennen, dass sie in die Nachkriegszeit hinübergerettet werden könnten. 

Die Reichsgruppe Industrie und ihre politische Stütze, das Rüstungsministerium, ließen ihre noch immer optimistischen Zukunftspläne fahren. Sie sahen klarer, dass sie ihren Einfluss wenigstens in Restdeutschland nur würden retten können, wenn sie sich den westlichen Alliierten unterwerfen und sich als zuverlässige Partner in einer von den USA und Großbritannien beherrschten Nachkriegswirtschaft anbieten würden. 

Großunternehmen und Großbanken zogen sich früh und möglichst vorsichtig aus dem voraussichtlich sowjetisch besetzten Osteuropa zurück und transferierten Unternehmensaktiva, Firmenstützpunkte, flüssige Mittel und Guthaben, Entwicklungslabors und Geheimpapiere westwärts, wenigstens bis hinter die Elbe. Leute wie Ludwig Erhard, Rudolf Stahl und Karl Albrecht, maßgeblich in der Führung der Reichsgruppe Industrie, dienten sich dort schon im April 1945 den ersten höheren amerikanischen Besatzungs- und Militärdienststellen in Westdeutschland an. 

Anders als im Ersten Weltkrieg beschäftigten sich führende Kreise der deutschen Bourgeoisie frühzeitig mit den Problemen, die die Krisenstimmung und die Unruhe unter der eigenen Bevölkerung, besonders unter der Arbeiterschaft, bei unerwünschtem Kriegsausgang mit sich bringen könnten. 

Ein politischer Experte, der österreichische Altnazi Richard Riedl, empfahl als Antirevolutionsstrategie schon Anfang 1944, die Masse der nach dem Krieg heimkehrenden Soldaten sei mit Arbeit und Verdienst zu versorgen, »wenn man nicht wieder erleben will, was wir nach dem Ersten Weltkrieg mit Grauen erlebt haben«. 

Seit der sowjetischen Offensive im Januar/Februar 1945, als sich das soziale Chaos durch Millionen einströmender Flüchtlinge aus Ostdeutschland vervielfachte, verbreitete die Reichsgruppe Industrie Anordnungen für den Fall der Niederlage. Die Führung dieser Institution erklärte es zum »obersten Grundsatz« und als »die moralische und staatspolitische Pflicht der Unternehmer (...), ihre Stammgefolgschaft so lange wie irgend möglich in Arbeit und Lohn zu halten«. So müsse man den Arbeitern und Heimkehrern gegenüber »Treue um Treue« bezeugen - wobei für voraussichtliche Kosten bei Arbeitsausfall und Kurzarbeit der Staat aufkommen müsse. Nur so könnten die Betriebe als »wichtige Ordnungszellen im Staatsgefüge« erhalten werden; nur so könne verhindert werden, dass die Arbeiterschaft »auf die Straße kommt«. 

Eine der größten Sorgen der deutschen Industrie, die sie von Januar 1945 an immer wieder bei staatlichen Stellen, bei Partei- und Gestapo-Ämtern vorbrachte, war ihr dringendes Bedürfnis, vor einem Zusammenbruch »das Recht (zu) erhalten, z. B. die KZ-Häftlinge, Juden und Kriegsgefangenen an die zuständigen Dienststellen (Stalag, Gestapo, Arbeitsamt) zurückzugeben« (Reichsgruppe Industrie am 8.2.). Grundsätzlich waren sich Industrie, Ministerien, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, NSDAP und Polizei darin einig, alle »unzuverlässigen Ausländer möglichst frühzeitig vorweg abzutransportieren«. Mörderische Befehle des Reichsinnenministers Heinrich Himmler und des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, schufen hier einen »gesetzlichen« Rahmen, dem noch bis Kriegsende viele Tausende zum Opfer fielen. Lebensrettende Hilfe konnten deutsche Antifaschisten hier nur unter Gefahr für das eigene Leben leisten, wenn sie zum Beispiel den Verfolgten wochenlanges, möglicherweise monatelanges Versteck boten. Und das zu einer Zeit, in der Hysterie und Ausländerphobie breite Bevölkerungskreise erfassten. 

Probleme der sowjetischen StrategieDie letzten Wochen und Monate des Krieges der Alliierten in Deutschland haben selten eine umfassende Würdigung erfahren. Zur Zeit der Jalta-Konferenz stand die Rote Armee an der Oder, kaum 90 Kilometer vor Berlin. Damals waren die Westalliierten bis zur Höhe von Strasbourg noch westlich vom Rhein und hatten als größere deutsche Stadt nur Aachen besetzt. Im März und April 1945 änderte sich diese militärische Lage in West und Ost durchgreifend. Briten und Amerikaner stießen im Laufe des März über den Rhein und Anfang April weit nach Osten vor, besetzten mit dem Ruhrkessel Rheinland und Westfalen und drangen ins Wesergebiet, nach Kassel, nach Thüringen (Gotha, Suhl) und ins Hessische vor (Frankfurt am Main, Würzburg). Bis zum 18. April erreichten sie Elbe und Mulde und Orte wie Stendal, Magdeburg, Halle, Leipzig, Zwickau, Plauen. 

Die Rote Armee stand Mitte April noch immer an der Oder und an verschiedenen anderen Brennpunkten der wohl tausend Kilometer langen Frontlinie von der Kurischen Nehrung bis zur ungarisch-österreichischen Grenze und bei Wien in schweren Kämpfen. Der Angriff auf Berlin, als Teil und Höhepunkt der großen Sowjetoffensive seit Januar im Konzept, verzögerte sich damit bis in die zweite Aprilhälfte, das heißt, um zweieinhalb Monate. 

Hinter der strategischen und politischen Fehlrechnung des Moskauer Hauptquartiers, die bisher nicht oft kritisch aufgearbeitet ist, verbirgt sich eine Anzahl schwerwiegender Gründe. Die wichtigsten waren die Unterschätzung des außerordentlich verbissenen deutschen Widerstands und die Inkaufnahme fürchterlicher Verluste der Roten Armee. Hierbei wog die Überführung von mehr als 30 Divisionsverbänden kampfstarker deutscher Truppen seit Januar nach Osten schwer, hauptsächlich solche vom Westen und von der Heeresgruppe Kurland, nicht zuletzt auch die von mehreren hundert Batterien schwerer Flak, deren Feuer ein erheblicher Teil der hohen sowjetischen Panzerverluste zuzurechnen ist. Die mühsame Liquidierung der zahlreichen Hitlerschen »Festungen« auf dem Weg der sowjetischen Offensive - von Posen und Breslau bis Küstrin und Frankfurt an der Oder - kostete viel Zeit und zahlreiche Opfer, auch infolge ungünstigen Wetters und der zeitweiligen Schwäche der sowjetischen Luftwaffe. Wohl sind auch Zweifel an der Richtigkeit strategischer Entscheidungen wie den langwierigen und kräftezehrenden Kämpfen um Ostpreußen, Königsberg und Danzig angebracht. 

Stalin brauchte den Sieg in Berlin. Schließlich war es die Rote Armee gewesen, die seit Stalingrad über 2.000 Kilometer in blutigem Kampf zurückgelegt hatte, um den Feind zu vernichten, der ihre Heimat jahrelang besetzt, geschändet und verwüstet hatte. Er nahm die schwierigen Verkehrs-, Nachschub- und Ersatzprobleme und die unerhörten Opfer in Kauf. Probleme des personellen Ersatzes wurden im März und April immer drängender. 

Unerfahrene und unvorbereitete Truppen füllten mehr und mehr die Einheiten auf und drückten das militärische und moralische Niveau sogar in den Gardearmeen. Der nahe Sieg, dieses Weltereignis des Jahrhunderts, demotivierte manchen frisch gezogenen Soldaten aus den Weiten der Sowjetunion, der nicht mehr großer Ziele wegen kämpfen und sterben wollte. 

Neben der außerordentlichen Brutalisierung der Gefechte durch die deutschen Militärs im Reich zeigte die sowjetische Vergeltungspropaganda nach über drei Jahren mörderischer faschistischer Besetzung große Wirkung. Ferner entzogen sich demoralisierte Rotarmisten nicht selten der Befehlsgewalt ihrer Kommandeure und begingen Straftaten wie Raub, Plünderung und Vergewaltigung. 

Churchills »kommunistische Gefahr«Am 12. April 1945 starb Roosevelt, der viel für den einvernehmlichen Kampf der Antihitlerkoalition getan hatte. 

Churchill, der seine Stellung als britischer Premierminister für unangefochten hielt, obwohl landesweite Wahlen bevorstanden, hoffte, bei Harry S. Truman, Roosevelts Nachfolger, seine gesteigerten sowjetfeindlichen Ziele besser durchsetzen zu können. Er, in dessen Nachkriegsvorstellungen die Vorherrschaft Großbritanniens - weithin in Europa, Afrika, in Teilen Asiens und in sämtlichen Dominien und Kolonien -, in vollem Glanz wiedererstehen sollte, sah in der Ausbreitung des Einflusses der UdSSR seit 1943/44 ganz ernsthaft, ja notwendig die Gefahr eines neuen Weltkrieges heraufziehen. 

Während die antifaschistische Welt dem Sieg der Antihitlerkoalition in Europa und im Pazifik entgegenfieberte, führte Churchill in der Hauptsache schon einen Kampf gegen das militärische und politische Vordringen der UdSSR in Europa. Er kritisierte bitter die amerikanische Politik: »In dem Moment, da sie am dringendsten nötig gewesen wäre, fehlte die unerlässliche politische Führung.« Zu jener Zeit nicht für die Öffentlichkeit und auch nicht für den noch unsicheren amerikanischen Bundesgenossen bei deren Verwirklichung bestimmt, legte er die Eckpunkte seiner künftigen Strategie und Politik im Frühjahr 1945 fest: Sowjetrussland, jetzt »zu einer tödlichen Gefahr für die freie Welt geworden«, müsse eine neue Front entgegengestellt werden - »so weit im Osten Europas wie möglich«. Berlin sei »das vornehmste und eigentliche Ziel der angloamerikanischen Armeen«. 

Die Tschechoslowakei sei zu befreien, die Amerikaner müssten in Prag einmarschieren. Die Westmächte hätten in Wien und Österreich »zumindest auf dem Fuß der Gleichheit mit den Sowjets« zu stehen. Die vom jugoslawischen Marschall Jozip Broz Tito erhobenen Ansprüche gegen Italien an der Adria seien »einzudämmen«. Die westalliierten Armeen dürften nach Kriegsende in Deutschland nicht vermindert werden und keinerlei bereits eroberten Boden aufgeben. 

Die Frage der polnischen Regierung und der künftigen Grenzen Polens war für Churchill ungelöst. Für offen hielt er auch die politische und Friedensregelung mit Rumänien, Bulgarien, den baltischen Ländern, Ungarn und womöglich auch mit Finnland. 

Er bombardierte Truman mit seinen geheimen Anliegen und stieß bei ihm auf ein positives Echo. In den USA gelangten nach Roosevelts Tod - und schon vorher - angesichts der Probleme der zu erwartenden Nachkriegskonjunktur aggressive Kräfte in Wirtschaft und Politik massiv in den Vordergrund. Es ging ihnen wesentlich darum, die jahrelange Kriegskonjunktur in eine langwährende Nachkriegskonjunktur hinüberzuretten. Außenpolitisch ging Truman von Anbeginn bei Churchill in die Lehre. Was er lernte, wurde zum Grundstein der »Truman-Doktrin«, deren erklärtes Element es war, »freie Völker« vor »kommunistischer Unterwerfung« zu retten. 

Schon vor der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 beschleunigte Truman die Arbeiten zur Fertigstellung der Atombombe, mit deren erfolgreicher Erprobung in Los Alamos er sich in Potsdam vor Stalin brüstete. Im April 1945 entschied der US-Kongress, dass der 1941 beschlossene Lend-Lease-Act, wonach Hilfsgüter an strategisch wichtige Kriegsteilnehmer auf Kredit verkauft wurden, gegenüber der UdSSR sofort ausgesetzt werden sollte, soweit die Lieferungen für den Wiederaufbau nach dem Krieg verwendet werden konnten. Langfristige Kredite der Sowjetunion für die Nachkriegszeit, die schon seit 1943 vorangemeldet waren, bewilligte der US-Kongress statt in einer Höhe von sechs nur in der von einer Milliarde Dollar - und erhöhte die Zinsen aufs Doppelte. Im Herbst 1945 verschwanden solche Zahlungen endgültig von der Agenda der US-Außenhandelsverwaltung. 

Vor dem Ende in BerlinMitte April 1945 standen an Oder und Neiße drei sowjetische Fronten mit je etwa einer Million Mann zum Angriff auf Berlin bereit. Zehn lange Wochen waren verstrichen, in denen der große Schlag gegen das Zentrum des Reiches vorbereitet worden war. Die Flanken für die Offensive schienen gesichert. Nur die Verhältnisse in Ostpreußen und in der Danziger Bucht waren noch nicht endgültig bereinigt. 

Auf deutscher Seite waren inzwischen einige starke Verteidigungslinien aufgebaut worden, besonders zwischen Berlin und der Oderfront. Alle verfügbaren Truppen waren hier konzentriert. »Volkssturm«, Jugendliche und sogar Kinder unter 16 Jahren, wurden zu Zehntausenden notdürftig bewaffnet und in den Kampf geworfen. 

Die riesigen Apparate der SS und Polizei verfolgten jede Widerstandsregung in der Bevölkerung mit blutigem Terror, nachdem schon nach dem 20. Juli 1944 Tausende hingerichtet und Abertausende »Verdächtige« verhaftet und mit dem Tod bedroht worden waren. Angst und Verzweiflung über die drohende Niederlage hatten die Masse der übrigen Bevölkerung fest im Griff. Flucht und Vertreibung von Millionen Ostdeutschen sorgten dafür, dass die Propagandahetze der Goebbels-Leute ihren Schrecken verbreitete. 

 

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Der letzte Coup  

Vor 70 Jahren endete die Ardennenoffensive der Wehrmacht mit einer verlustreichen Niederlage  

Martin Seckendorf 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

 

Im August 1944 geriet die Westfront in Bewegung. Bis Anfang September 1944 waren Frankreich sowie große Teile Belgiens und Luxemburgs befreit. Der deutsche Rückzug artete vielfach in heillose Flucht aus. Die letzte Haltelinie der deutschen Truppen war der Westwall, eine vor dem Krieg an der deutschen Westgrenze von Kleve bis an die Schweizer Grenze errichtete Befestigungslinie. Dort stockte der alliierte Vormarsch. Im Osten hatte die Rote Armee seit Juni 1944 binnen weniger Wochen der Wehrmacht die bis dahin größten Verluste beigebracht und drang bis an die Weichsel, an die Reichsgrenze in Ostpreußen sowie in die ungarische Tiefebene vor (siehe jW-Thema vom 25.6. und 19.8.2009). Im September waren auch an der Ostfront die Kämpfe abgeflaut. Die deutsche Führung hatte im Grunde zwei Möglichkeiten: warten auf die mit Sicherheit im Winter losbrechenden Offensiven der überlegenen Streitkräfte der Antihitlerkoalition oder versuchen, der »Schraubstocksituation« durch eigene Offensiven zu entkommen. Die einzig vernünftige Lösung, eine Kapitulation, war für die Nazis keine Option. 

Hitler und seine Generale griffen auf die in Erwartung einer Invasion der Alliierten in Frankreich im November 1943 entwickelte Doktrin zurück: Man wollte im Osten die Front halten und im Westen den Angloamerikanern verlustreiche Niederlagen bereiten oder sie gar zurück ins Meer werfen, um danach die Hauptkräfte der Wehrmacht gegen die Rote Armee zu wenden. Ein solcher Schlag im Westen hätte nach Meinung der Naziführung auch weitreichende politische Folgen bis hin zum Zerfall der Antihitlerkoalition und der Möglichkeit, mit den Westmächten aus einer Position der Stärke ins Gespräch zu kommen. Ein Erfolg werde den Westmächten den Wert der Wehrmacht vor Augen führen und sie zu der Erkenntnis bringen, dass man ohne die Deutschen den Bolschewismus nicht besiegen könne. 

Abenteuerliche StrategieSo illusionär die strategischen militärischen und politischen Vorstellungen, so abenteuerlich waren die operativen Leitlinien. Man glaubte, an der 750 Kilometer langen Westfront an einer Stelle eine solche Kräftemassierung vornehmen zu können, dass sie für einen tiefen Durchbruch ausreichte. In Anlehnung an den erfolgreichen Vorstoß durch die Ardennen im Jahr 1940 wollte man auf einem etwa 100 Kilometer langen Abschnitt zwischen Monschau und Echternach die Front der 1. US-Armee durchbrechen, mit aller Kraft die Maas überschreiten und an Brüssel vorbei nach Antwerpen vorstoßen. Für die etwa 200 Kilometer lange Strecke bis Antwerpen waren sieben Tage eingeplant. Die nördlich dieser Linie stehenden vier alliierten Armeen sollten in einer riesigen Kesselschlacht vernichtet werden. Mit der Besetzung Antwerpens wäre der wichtigste alliierte Nachschubhafen ausgeschaltet. Der Plan trug die Deckbezeichnung »Wacht am Rhein«. 

Wesentliche Voraussetzung für sein Gelingen war eine stabile »Ostlage«. Die erwartete sowjetische Offensive an der Weichsel durfte nicht vor dem Ende der Ardennenoffensive beginnen. Um die überlegene gegnerische Luftwaffe am Boden zu halten, sollte der Angriff losbrechen, sobald eine 14tägige Schlechtwetterperiode eintritt. Am 10. November fasste Hitler zusammen: »Ziel der Operation ist, durch Vernichtung der feindlichen Kräfte nördlich der Linie Antwerpen-Brüssel-Luxemburg die entscheidende Wendung des Westfeldzuges und damit vielleicht sogar des ganzen Krieges herbeizuführen.« 

Der deutschen Führung war es gelungen, aus Kräften von den Flügeln der Westfront und durch Neuaufstellungen eine starke gepanzerte Angriffsgruppe zu bilden und unbemerkt an die Durchbruchstellen heranzuführen. Für die erste Welle standen mehr als 200.000 Soldaten in drei Armeen mit 13 Infanterie- und sieben Panzerdivisionen, die in hohem Maße mit modernen »Panther«- und »Tiger II«-Panzern ausgestattet waren, zur Verfügung. Für das Unternehmen wurden 2.470 Flugzeuge zusammengezogen, darunter erstmals Düsenflugzeuge. Auf der Gegenseite standen nur etwa fünf amerikanische Divisionen. Die Deutschen waren der US-Army in diesem Abschnitt an Menschen um das 2,4fache, an Panzern um das 1,4fache und an Geschützen um das 4,8fache überlegen. 

Zögerliche US-GeneraleAm 16. Dezember begann die Offensive. Die taktische Überraschung war gelungen. Die Wehrmacht durchbrach die vordersten amerikanischen Stellungen. Die operative Überraschung gelang jedoch nicht. 

Dwight D. Eisenhower, Oberkommandierender in Westeuropa, schrieb, schon am 17. Dezember sei klar gewesen, dass der Feind plane, bis nach Antwerpen vorzudringen. Der Widerstand der U.S. Army versteifte sich. Starke Kräfte wurden herangeführt. Keines der Marschziele konnten die Deutschen erreichen. 

Die Hauptkraft der deutschen Offensive, die 6. SS-Panzerarmee, die den direkten Stoß in Richtung Lüttich-Brüssel-Antwerpen führen sollte, kam nur zehn Kilometer weit nach Nordwesten voran. Man rächte sich an Kriegsgefangenen. Bei Malmedy erschoss eine SS-Einheit am 17. Dezember 87 gefangene amerikanische Soldaten. 

Die südlich davon vorstoßende 5. Panzerarmee blieb sieben Kilometer vor der Maas liegen. Um die Weihnachtszeit wurde, auch weil das Wetter aufklarte und die alliierte Luftwaffe eingreifen konnte, aus dem Blitzkrieg ein Stellungskrieg - und wenig später ein verlustreicher Rückzug. Die Zaghaftigkeit der US-Generale verhinderte ein Desaster für die Wehrmacht. 

Die von den Deutschen erreichte Frontausbuchtung bot sich für eine Zangenoperation hart westlich des Westwalls an. Drei deutsche Armeen wären in diesem Kessel gefangen gewesen. Die zögerliche Vorgehensweise der Alliierten ermöglichte der Wehrmacht, den größten Teil ihrer Truppen an den Westwall zurückzuführen und die Front bis Ende Februar wieder zu stabilisieren. 

Auf dem Höhepunkt des deutschen Vormarsches besannen sich die westlichen Politiker ihres Verbündeten Sowjetunion. Am 6. Januar sandte der englische Premier Winston Churchill einen Hilferuf an Stalin. Daraufhin zog die Sowjetunion die für den 20. Januar geplante Großoffensive auf den 12. vor. 

»Im Hinblick auf die Ostlage« befahl Hitler »im Westen zur Verteidigung überzugehen« und in größerem Umfang Truppen von der West- an die Ostfront zu verlegen. Um die ungarischen Ölvorkommen so lange wie möglich zu nutzen, wurde die 6. SS-Panzerarmee mit 600 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen an den Balaton verlegt. 

Die Ardennenoffensive kostete Zehntausenden alliierten und deutschen Soldaten das Leben, führte zu starken Zerstörungen in Belgien und Luxemburg und fügte der Wehrmacht beträchtliche materielle Verluste zu, die nicht mehr ersetzt werden konnten. Der alliierte Vormarsch zum Rhein wurde um etwa sechs Wochen verzögert. 

Martin Seckendorf schrieb bereits am 25.2.2010 auf den jW-Themaseiten zur Ardennen-Offensive 

 

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Quellentext:

Der »Führer« will die gesamte feindliche Streitmacht zerschlagen 

In: junge Welt online vom 17.01.2015 

 

Am 2. Dezember 1944 informierte Hitler einige Nazifunktionäre über die bevorstehende Ardennenoffensive. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schrieb darüber in seinem Tagebuch:  

Der Führer ist fest entschlossen, in kürzester Frist den von ihm geplanten großen Offensivschlag durchzuführen. Es stehen im rückwärtigen Raum zwei stärkste, wohlausgestattete und glänzend disziplinierte Armeen bereit. 

(...) Der Führer hofft, dass er damit nicht nur einen militärischen, sondern auch einen erheblichen politischen Erfolg erzielen kann. 

Die Kriegsmüdigkeit in England hat so überhandgenommen, dass man sich heute noch gar nicht vorstellen kann, welche Folgen aus einer katastrophalen militärischen Niederlage im politischen Leben Englands entstehen würden (...). Auch unter den Amerikanern ist die Lust, den Europakrieg unter so harten Bedingungen und schweren Opfern endlos weiter fortzusetzen, erheblich gesunken. (...) 

Der Führer will an den Kanal und an die Atlantikküste und dann von dort aus Südengland und London mit unseren V-I- und V-2-Waffen derartig bombardieren, dass schwere psychologische Rückschläge in der britischen Bevölkerung gänzlich unvermeidlich sind (...). Wir können bei Gelingen unseres Schlages eventuell eine ganz neue Kriegslage verzeichnen (...). 

Der Führer hat die Absicht, (...) in etwa acht bis zehn Tagen bis Antwerpen vorzustoßen. Damit würde der ganze nördliche Teil der feindlichen Front abgeschnitten sein. Er rechnet für diese Operation insgesamt drei Wochen. 

(...) Der Führer geht ernsthaft mit dem Gedanken um, die gesamte feindliche Streitmacht zu zerschlagen, und zwar zuerst die nach Norden und dann die nach Süden hin (...). Es wäre dann ein Cannae von unvorstellbaren Ausmaßen fällig. 

 

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