»Germanisierung« gescheitert  

Joseph Goebbels fabulierte Silvester 1944 noch vom »Endsieg« – dabei war der Krieg bereits verloren. 

Peter Rau 

In: junge Welt online vom 27.12.2014 

 

Am Silvesterabend des Jahres 1944 betrieb der oberste Propagandist des Naziregimes das, was er am besten konnte: Volksverdummung. In seiner Rundfunkansprache zum Beginn des neuen Jahres beschwor Joseph Goebbels einmal mehr den Endsieg. »Was dieser Krieg noch von uns fordern mag, müssen wir auf uns nehmen, aber wir werden dafür den doppelten und dreifachen Lohn davontragen. Nach ihm wird eine neue Blütezeit des Deutschtums anbrechen, wie sie die Geschichte noch nicht gesehen hat. Dahin haben wir den Weg freizulegen.« 

Welche Reaktionen diese gewohnt mystisch-kryptische Rede beim gewöhnlichen Deutschen daheim vor den »Goebbels-Schnauzen« genannten Volksempfängern auslösten, sei offen gelassen. Dahingestellt ebenso, ob sie in den Luftschutzkellern etwa von Hamburg, das an diesem Tag einmal mehr Ziel US-amerikanischer Bomberverbände war, oder von Oberhausen, das ausgerechnet in der Neujahrsnacht von britischen Piloten ins Visier genommen wurde, überhaupt gehört werden konnte. Weniger fraglich hingegen war ihre Wirkung auf die meisten seiner Krieger an der vordersten Front. Die setzten schließlich noch monatelang im steten Rückwärtsgang den längst aussichtslos gewordenen Kampf fort, obwohl die Nachrichten von Ost und West und Nord und Süd alles andere denn Grund zu irgendeiner Hoffnung gaben. 

Rüstungsindustrie boomtNachdem schon die »Wunderwaffen« den Faschisten nicht das ersehnte »Kriegsglück« brachten, steckte Hitlerdeutschland in einem »strategischen Kessel«, aus dem es kein Entweichen mehr gab. Auf diesen Punkt brachte Georgi Shukow, einer der namhaftesten sowjetischen Heerführer, seine Lageeinschätzung zur Jahreswende 1944/1945. In den Ardennen hatte sich die Mitte Dezember begonnene Offensive von Wehrmacht- und SS-Verbänden, insgesamt drei Armeen, bereits völlig festgefahren; ein weiterer Entlastungsangriff Richtung Elsass blieb in den Anfängen stecken. 

In Italien standen die alliierten Truppen vor Bologna, am Rande der norditalienischen Tiefebene. In Ungarn hatten sowjetische Truppen - wenige Wochen nach der Befreiung von Belgrad, Sofia und Bukarest - die Besatzer von Budapest eingeschlossen. In Polen bereitete sich die Rote Armee entlang von Wisla (Weichsel) und Narew auf die Großoffensive Richtung Oder und Berlin vor. 

Die Wehrmachtsstäbe mussten das zu Ende gehende Jahr mit einem drastischen Gebiets- und Personalverlust - 2,6 Millionen Mann verloren sie allein im Osten - abhaken. Dagegen konnte die Rüstungsindustrie als wohl einzige Branche in Deutschland das Jahr 1944 positiv bilanzieren: Unter anderem wurden 38.122 Kampfflugzeuge, 8.339 Panzer und Panzerwagen, 89.069 Militärlastwagen, 17.907 Haubitzen und Geschütze, 276.639 Maschinengewehre, 3.096.495 Karabiner/Gewehre und Maschinenpistolen, 46.363.000 Handgranaten produziert und ausgeliefert. Die Stückzahl der dafür benötigten Munition ging in die Milliarden. Von solcherlei Gewinnbilanzen konnten, wie gesagt, die gewesenen Blitzkriegssieger in den Generalstäben nur noch träumen. 

Überlegenheit der AlliiertenDabei hatte die Wehrmacht noch immer über 7,5 Millionen Mann unter Waffen. Von den 5,3 Millionen Soldaten in den Frontarmeen standen 3,1 Millionen an der Ostfront, die im Laufe des Jahres 1944 um 2.000 Kilometer auf eine Länge von 2.200 Kilometern geschrumpft war. Doch das Kräfteverhältnis hatte sich entschieden zuungunsten der faschistischen Truppen gewendet: Allein die UdSSR verfügte in ihren Einsatzarmeen über sechs Millionen Mann. Hinzu kamen mehr als 300.000 Angehörige in polnischen und tschechoslowakischen sowie rumänischen und bulgarischen Verbänden. An der Westfront - vielfach schon identisch mit den Reichsgrenzen - standen 74 deutschen Divisionen 87 US-amerikanische, britische und französische gegenüber. In Italien konnten die Alliierten 30 Divisionen und Brigaden gegen 24 deutsche (zumeist nur zu drei Vierteln aufgefüllte) Front- und sechs Besatzungsdivisionen ins Feld führen, die sich zudem mit einer ganzen Armee von Partisanen konfrontiert sahen. 

Wer folglich in den Führungsstäben der Wehrmacht noch seine Sinne beisammen hatte, musste sehen: Die geplante Welteroberung war gescheitert. Der Krieg war verloren. Man stand fast überall wieder da, wo man vor fünf Jahren, zu Beginn der Aggression gestanden hatte. Der Traum vom »Lebensraum im Osten« war ebenso ausgeträumt wie der von der »Germanisierung« Europas. Der vielfach geschmähte und verteufelte Feind war im Begriff, seinen Fuß auf deutschen Boden zu setzen, die in aller Welt angerichteten Zerstörungen drohten nun auch verstärkt der eigenen Heimat. Damit war genau das eingetreten, was deutsche Patrioten befürchtet, wovor sie eindringlich gewarnt und für dessen Verhinderung antifaschistische Widerstandskämpfer im Ausland wie im Inneren ihr Leben eingesetzt hatten. 

Nationalkomitee »Freies Deutschland« warnt: »Rasches Handeln tut not!«Schon das im Juli 1943 bei Moskau entstandene Nationalkomitee »Freies Deutschland« (NKFD) hatte in seinem Gründungsdokument davor gewarnt, Hitler weiter Gefolgschaft zu leisten und auf die andernfalls unausweichlich drohende Katastrophe hingewiesen: »Wenn das deutsche Volk sich weiter willenlos und widerstandslos ins Verderben führen lässt, dann wird es mit jedem Tag des Krieges nicht nur schwächer, ohnmächtiger, sondern auch schuldiger. Dann wird Hitler nur durch die Waffen der Koalition gestürzt. 

Das wäre das Ende unserer nationalen Freiheit und unseres Staates, das wäre die Zerstückelung unseres Vaterlandes. (...) Die Zeit drängt. Rasches Handeln tut not. Wer aus Furcht, Kleinmut oder blindem Gehorsam weiter mit Hitler geht, handelt feige und hilft, Deutschland in die nationale Katastrophe zu treiben.« 

Um davor zu warnen und die Alternativen aufzuzeigen, war neben Zeitung und Rundfunk auch eine Frontorganisation geschaffen worden. Deren Bevollmächtigte, Beauftragte und Helfer - in der Regel selbst ehemalige Wehrmachtsangehörige - suchten aus Schützengräben heraus wie in Einsätzen hinter den gegnerischen Linien ihre Landsleute in Uniform davon zu überzeugen, den Kampf einzustellen und so wenigstens das eigene Leben zu retten. Das geschah auch an der Jahreswende 1944/1945 an der deutsch-sowjetischen Front und ebenso in Frankreich, wo das im Herbst 1943 gegründete »Komitee Freies Deutschland für den Westen«, inzwischen von den Behörden des weitgehend befreiten Landes offiziell anerkannt, ebenfalls Bevollmächtigte zu den meist schon eingekesselten Wehrmachtseinheiten entsandte. 

Die deutschen Antifaschisten taten es hier wie dort aus freien Stücken, überzeugt von der Notwendigkeit und Richtigkeit ihrer Argumente und trotz der Gefahr für Leib und Leben. Wie groß das Risiko war, das sie dabei eingingen, sei am Schicksal von Hans Lambertz und Hans Jahn geschildert: Der Wehrmachtsdeserteur Lambertz wurde bei einem solchen Einsatz als Frontdelegierter nahe Thionville im Kampfgebiet Ober-Elsass am 26. Dezember von einer feindlichen MG-Salve getroffen, er erlag Ende Januar seinen Verletzungen. Tausend Kilometer weiter östlich, in der Slowakei, war Unteroffizier Jahn als Beauftragter des NKFD bei einer Armee der 1. 

Ukrainischen Front am 20. Dezember während einer Sendung mit dem Grabenlautsprecher im gegnerischen Granatwerferfeuer gefallen. Zwei von weit über 100 Opfern aus der Widerstandsbewegung »Freies Deutschland«, deren Angehörige wie in den Jahren zuvor auch in den letzten Kriegsmonaten 1945 verhindern wollten, dass auf beiden Seiten der Front noch sinnlos weiteres Blut vergossen wird. 

 

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