Im Bergwerk der Ideologiekritik  

Vor 90 Jahren erschien Thomas Manns Bildungsroman »Der Zauberberg« (Teil I): Der Schriftsteller auf der Suche nach politisch-philosophischer Neuorientierung  

Alain Herman 

In: junge Welt online vom 24.12.2014 

 

»Denn dieses Buch, das den Ehrgeiz besitzt, ein europäisches Buch zu sein, es ist ein Buch eines guten Willens und Entschlusses, ein Buch ideeller Absage an vieles Geliebte, an manche gefährliche Sympathie, Verzauberung und Verführung, zu der die europäische Seele sich neigte und neigt und welche alles in allem nur einen fromm-majestätischen Namen führt, - ein Buch des Abschiedes (...) und pädagogischer Selbstdisziplinierung; sein Dienst ist Liebesdienst, sein Wille Gesundheit, sein Ziel die Zukunft.« (Thomas Mann, Vom Geist der Medizin) 

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 90 Jahren erschien »Der Zauberberg«. Zehn Jahre liegen zwischen dem Beginn des imperialistischen Clashs bzw. dem Versuch der »Weltmacht«-Eroberung durch die reichsdeutsche Wirtschaftselite (1914) und der Veröffentlichung des Romans von Thomas Mann (1924). Die runden Gedenkzahlen sind freilich Zufall. Es ist jedoch keine Zufälligkeit, dass Weltkrieg und »Zauberberg« gleichsam in einem Atemzug genannt werden können. Nicht so sehr, weil Hans Castorp, der überaus durchschnittliche bzw. »mittelmäßige« (Th. Mann) deutsche Protagonist des Romans, nach siebenjährigem Aufenthalt auf dem Davoser Sanatoriumsberg in die europäische »Ebene« zurückkehrt und sogleich als Rekrut auf die matschigen Schlachtfelder des imperialistischen Angriffskrieges, dem »Weltfest des Todes«, wie es im »Zauberberg« heißt, katapultiert wird. Denn dabei handelt es sich nur um den logischen Schlusspunkt des inhaltlich atypischen und formal kontrapunktischen Entwicklungsromans. Zulässig ist das vielmehr wegen der Auseinandersetzung des Autors mit dem spätbürgerlichen Zerfallsprozess der Vorkriegsjahre. 

Die »Romanhandlung« nämlich - insofern man bei der Fülle an inneren Monologen, Dialogen, ideologischen Disputen, epischen Traumgebilden und mythischen Anspielungen von einer Handlung im klassischen Sinne sprechen kann - umfasst die Jahre 1907 bis 1914. Castorp, 24jähriger Hamburger Ingenieur und verwaister Sprössling einer kapitalkräftigen Kaufmanns- und Konsularfamilie, ein naiver »Tor« à la Eschenbachs Parzival, verreist in die Schweizer Alpen, um dort seinen moribunden Cousin in einem Davoser Sanatorium zu besuchen. Was als normale Erholungsreise gedacht war, gestaltet sich zu einem siebenjährigen Aufenthalt auf dem Zauberberg, nachdem die Ärzte bei ihm, dem Spätbürger, Fieber festgestellt und ihn zu einem Verbleib überredet haben. Die siebenjährige »Kur« im schweizerischen Luxussanatorium offenbart sich als epische Verdichtung des Kampfes »zwischen Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, Reaktion und Demokratie« (Georg Lukács, Auf der Suche nach dem Bürger) im Zeitalter des präfaschistischen Imperialismus. Dabei bildet das hanseatische »Familiensöhnchen« (»Zauberberg«) Castorp letztlich aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft, aber eben auch seiner psychischen Unbefangenheit, seiner fehlenden Lebenserfahrung sowie seiner ideologisch-kulturellen Unwissenheit das ideale »Anschauungssubjekt«. An ihm können sowohl der psychologische, gesellschaftliche sowie weltanschauliche Fäulnisprozess des Bürgertums als auch - daran anknüpfend - die Fragen politisch-philosophischer, kultureller und sozialer Neuorientierung künstlerisch exemplifiziert bzw. abgehandelt werden. 

Die GlaskugelweltDer junge Protagonist des »Zauberberg« lernt im Davoser Kurhaus auf den ersten Blick recht eigentümliche, ja groteske, zum Teil mythisch anmutende Gestalten, Patienten wie auch Ärzte und Besucher kennen. 

Sie alle sind organisch konzipiert, d.h. sie sind den gesellschaftlichen Gegebenheiten entwachsen, ihre Klassenzugehörigkeit wird trotz der Versiegelung der Zauberberg-Welt nicht verschleiert. Im Gegenteil, hier tummeln sich exemplarische Vertreter des bürgerlich-aristokratischen Milieus, der internationalen Bourgeoisie, des Kleinbürgertums - jeder für sich auf seine Weise »krank«. Hans Castorp durchläuft in einer Atmosphäre »fieberhafter Hermetik« (Th. Mann) einen Steigerungsprozess, der ihm Einsicht in die eigene Psyche verleiht, aber auch in die Seele des gesellschaftlich »kranken«, d. h. dekadenten Vorkriegseuropas. Auf seinen Spaziergängen in der Berglandschaft und während seines Irrlichterns in der luxuriösen Anstalt begegnet er verschiedenen Typen des wilhelminischen und (vornehmlich ost-)europäischen Bürgertums, so z. B. dem soldatischen, von der klassenbedingten Pflicht getriebenen, doch todkranken Vetter Joachim Ziemßen (welcher an seinem Stoizismus zu verkümmern scheint), der erotisch anziehenden, aber »wurmstichigen« zaristischen Beamtentochter Clawdia Chauchat, dem auf dionysischen Lebensgenuss bedachten niederländischen Handelskapitalisten Mynheer Peeperkorn (der dann doch an seiner Einseitigkeit zugrunde geht), dem eher durch humoristische Bemerkungen anstatt durch medizinische Kompetenz auffallenden Klinikleiter Hofrat Behrens (Castorps »Radamanth« in der hermetischen Hadeswelt der Heilanstalt) oder dessen Assistenten, Dr. Krokowski, der den Protagonisten für seine spiritistisch-somnambulischen, ins Animalisch-Instinktive abgleitenden regressiven Ideen zu begeistern versucht. Und nicht zuletzt begegnet er seinen beiden Mentoren Settembrini, dem humanistisch gesinnten Liberaldemokraten, und Naphta, dem protofaschistischen Katholizismuskonvertiten, jenen von Widersprüchen strotzenden »Vertretern von Licht und Finsternis«, welche um die »Seele dieses Durchschnittsbürgers aus Deutschland« (Georg Lukács, Auf der Suche nach dem Bürger) ringen. Auf diese beiden Figuren wird noch ausführlicher eingegangen werden, da sie Thomas Manns Auseinandersetzung mit den verschiedenen bürgerlichen Weltanschauungsformen eindrucksvoll widerspiegeln. 

Für Castorp erweisen sich diese Bekanntschaften als Bildungsabenteuer, die ihn über seine ursprüngliche geistige Verfassung hinausheben und die in ihm den Entschluss reifen lassen, sich dem moralisch-ideellen und körperlichen (indirekt also materiellen) Siechtum der Sanatoriumsgesellschaft entgegenzustellen bzw. dieses zu bekämpfen. Dem Erlebnis des zutiefst bürgerlich-romantischen Krankheits- und Todeskults kann er letzten Endes nichts abgewinnen. Seine Gedanken lässt er nicht vom Tod beherrschen und wendet sich nach einem verwickelten dialektischen Erfahrungs-, Traum- und Reflexionsprozess der »höhere[n] Gesundheit« (Th. Mann) zu. Aber da ist es an sich schon zu spät, denn zurück im »Flachland«, der gesellschaftlichen Wirklichkeit also, gerät er sogleich in die finale Todesmühle des bankrotten imperialistisch-kapitalistischen Systems, nämlich den Krieg, der zur Lösung der allgemeinen Krise entfacht worden ist. An diesem Punkt endet die Castorp-Geschichte, die sich in einer freilich symbolischen, manchmal phantastischen und trotzdem höchst realistischen Glaskugelwelt abgespielt hat. 

Außen vor geblieben ist im Roman die ökonomische Basis, welcher die Exponenten der bürgerlichen Gesellschaft entstammen. Kennengelernt hat Castorp aber die zerfallenden geistig-moralischen und ideologischen Erscheinungsformen einer auf Ausbeutung, Überproduktion und Absatzmarkteroberung beruhenden Gesellschaftsformation. Letzteres wird im Text nicht konkretisiert, und doch - dies macht die künstlerische Totalität des literarischen Werks aus - schimmert diese geschichtliche Realität durch, wie auch schon in den »Buddenbrooks«: Dort muss die alteingesessene Patrizierfamilie Buddenbrook den aggressiver und mit Gespür für den wirtschaftsliberalen Zeitgeist handelnden Hagenströms, jenem »imposante[n] Börsentypus«, weichen. Das alte Bürgertum verschwindet, ein neues von anderer Gestalt tritt auf. 

Castorp erkennt die wirtschaftlichen Mechanismen seiner Gesellschaft und Zeit freilich nicht. Wie soll er auch, vermochte Thomas Mann Mitte der 1920er Jahre ja selbst die Wandlungsvorgänge innerhalb der Entwicklung gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse von seiner idealistischen Warte aus nur zu erahnen. Ökonomische Kenntnisse erwarb er vor allem einige Jahre später, im Zuge der europaweiten faschistischen Umtriebe. Es zeugt aber von inhaltlicher Logik, dass Mann seinen Romanschelm am Schluss sozusagen in das menschenverachtende Krisenlösungsprogramm der Bourgeoisie entlässt: »Da erdröhnte - Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, dass also betäubende Detonation lang angesammelter Unheilsmenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, - ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt.« 

Der Weltkrieg, der von der herrschenden Klasse ausgelöste »Donnerschlag«, der nicht - wie von unzähligen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intellektuellen jener Zeit erhofft - die geistige Befreiung erbrachte, sondern das Ende eines ins Leere laufenden bourgeoisen Kultur- und Weltverständnisses, des »großen Stumpfsinnes«, besiegelte, verschlingt den hanseatischen Bürgersohn, der bis zuletzt phlegmatisch bleibt und die gewonnenen (wie zerronnenen) Erkenntnisse nicht in neues Denken und Handeln umzuwandeln versteht. So weit kann die Entwicklung Castorps nicht gehen, es hätte dem dezidiert realistischen und antiutopischen Charakter dieses Erziehungsromans widersprochen. Castorp als reicher Rentier ist selbst Teil eines ökonomisch parasitären Milieus, und dieses stellt er ob seiner Mittelmäßigkeit sowie seiner Idealismusskepsis folglich nicht grundsätzlich in Frage. Er wäre andernfalls, wie noch gezeigt werden soll, mit Naphta zu überdrehten Schlussfolgerungen gekommen. 

»Betrachtungen eines Unpolitischen«Mit der Figur des Hans Castorp schildert uns Thomas Mann, wie in all seinen Texten, indirekt den eigenen intellektuellen Werdegang. Mit dem bedeutenden Unterschied zum Romanprotagonisten selbst, aber vor allem auch zu den meisten schriftstellernden deutschen Zeitgenossen, dass er die persönliche Entwicklung nicht subjektiv überhöhte bzw. moralistisch diffamierte, sondern zu objektivieren vermochte und gleichzeitig die neuen Einsichten sowohl in seinem Spätwerk als auch in seinem politisch-diplomatischen Agieren zu materialisieren wusste. Thomas Mann hat sich mit dem »Zauberberg« tief in das eigene kulturell-ideelle Bergwerk und jenes der bürgerlichen Intelligenz begeben, um das dort anzutreffende »Gestein« - denn »versteinert« im übertragenen Sinne ist das vorgefundene philosophische Ideengemenge im Lichte der Zeit zweifellos - einer genauen Analyse zu unterziehen. 

Thomas Manns politischer Bildungsprozess ist ein recht komplexer. Er war dialektischer und damit wesentlich interessanter als der seines älteren Bruders Heinrich, dessen Weg humanistisch-demokratisch, jedoch rein idealistisch-geradlinig verlief. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs überwarf sich der Jüngere mit seinem Bruder. Entscheidend für das Verständnis des ideologiekritischen Diskurses im »Zauberberg« ist die essayistisch-politische Schaffensphase während des Kriegs. In diese Zeit fallen zweifelsohne Manns mit Abstand reaktionärste Werke. Essays und Abhandlungen wie »Gedanken im Kriege« (1914), »Friedrich und die große Koalition« (1915) oder die »Betrachtungen eines Unpolitischen« (1918) sind die Schriften eines Ästhetizisten, der sich im Zustand der »machtgeschützten Innerlichkeit« gemütlich eingerichtet hatte und auf die schnell und heftig niederpeitschende Wirklichkeit nur mit den am meisten rückwärtsgewandten aller denkbaren Romantizismen antworten konnte. Indem er kriegswütig probierte, die Fiktion von der sogenannten deutschen Innerlichkeit und der Höhe der deutschen Kultur im Vergleich zur angeblichen Geistestrockenheit der westlichen Zivilisation zu untermauern, begab er sich unweigerlich in protofaschistisches Fahrwasser. Das erklärt auch, warum die »Betrachtungen« nach dem Vertrag von Versailles bei deutschnationalen und völkischen Revanchisten sehr beliebte Lektüre waren. 

Was die Kriegspamphlete anbelangt, so darf man indes nicht außer acht lassen, dass Thomas Mann bereits zu dieser Zeit, sicher ohne eine Zeile Marx gelesen zu haben, erfasst hat, dass die reinen »Tugenddemokraten« französischen bzw. englischen Typs die handfesten kapitalistischen Interessen ihrer Staaten gerne mit Wortpomp übertünchten (so dann auch die Settembrini-Figur im »Zauberberg«, siehe Teil II). 

Man sollte diese Beobachtungen Manns jedoch nicht überbewerten, denn sie bleiben vage und sulzig-pathetisch, romantischer Antikapitalismus eben. 

Überdies hinterfragt er ja keinesfalls den wilhelminischen Imperialismus in jenen Essays. Nicht nur der hysterische Tonfall sowie die recht irrationale Argumentationsweise verraten Manns Unkenntnis der Marxschen Theorie, sondern auch die Tatsache, dass die Barbarei des Ersten Weltkriegs in den »Betrachtungen« von ihm nicht direkt als Kampf um Märkte und Einflusssphären zwischen diversen imperialistischen Mächten erkannt bzw. 

apostrophiert wird. Mit dieser »Kriegsschrift«, die sich als Sammelsurium wenig adretter Attacken auf den schreibenden Bruder Heinrich herausstellte, den er als »Zivilisationsliteraten« und frankophilen Worthülsen-Romancier zu diskreditieren versuchte, beging der Schriftsteller - objektiv betrachtet - in politisch-philosophischer Hinsicht keinen Fauxpas. Bien au contraire, Thomas Mann unternahm den konsequenten Versuch, seine bürgerliche »Innerlichkeit« zu verteidigen, indem er sich auf die Seite der imperialistischen »Macht« schlug, den kriegführenden kapitalistisch-wilhelminischen Staat. Damit beschritt er den angesichts seiner geistigen und gesellschaftlichen Herkunft geradezu folgerichtigen Weg der »Zerstörung der Vernunft«, was er im »Zauberberg« und in Sonderheit gut zwanzig Jahre später im Rahmen seines Künstler-Epos »Doktor Faustus« - nicht ohne Selbstironie - literarisch zu hypostasieren und kunstvoll zu sühnen vermochte. Um mit Georg Lukács zu sprechen: Der Bürger Thomas Mann, aus der Schule des subjektiven Idealismus kommend und fest in der Denkerlinie Schelling-Schopenhauer-Wagner-Nietzsche stehend, wurde aktiv Teil einer regressiven deutschen Intelligenzbewegung, deren Ziel darin bestand, den aufklärerischen (und damit natürlich auch den marxistisch-hegelianischen) Vernunftbegriff zu vernichten, was einer Kappung der Verbindung zum Humanismus sowie einer Verhöhnung der Citoyen-Idee und der republikanischen Trias »liberté, fraternité, égalité« gleichkommen musste. Anstelle der Wahrheit sollte der Mythos, die »erfundene Wahrheit«, inthronisiert werden, ein höchst irrationales Unterfangen, mit dem das Leben in den schönen Schein transzendiert und revitalisiert werden sollte: »... denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt« (Friedrich Nietzsche). 

Diese Entmenschungsphilosophie, der Mann in den »Betrachtungen« an vielen Stellen das Wort redet, besitzt das Potential, das ideelle Fundament für eine Ästhetisierung der Politik zu bilden. Von derartigem Gedankengemisch muss - im Verbund mit den ökonomischen Mächten - letztlich faschistischer Aktivismus und Mordbrennerei ausgehen. Sie führen zu »ein[em] herostratisch[en] Brandstiftungsversuch am Neuen« (Georg Lukács, Auf der Suche nach dem Bürger). Die Nachkriegsjahre haben es in Italien und Deutschland rasch gezeigt. Gleich nach der Veröffentlichung der »Betrachtungen« stellte sich Thomas Mann die Frage, ob so apollinisches Menschentum aussehen könnte. Er zog - im Gegensatz zu zahlreichen Kollegen - die Reißleine, gerade weil er sich der politischen Folgen seines machtgeschützten Nietzscheanisierens zusehends bewusst wurde. In seiner Kunst hatte er bereits gesellschaftliche Erkenntnishöhen erreicht, gegenüber denen die Essays aus der Kriegszeit inhaltlich einen enormen Rückschritt darstellten. So beschreibt er die Abhandlung von 1918 später als »Rückzugsgefecht großen Stils - das letzte und späteste einer deutsch-romantischen Bürgerlichkeit -, geliefert im vollen Bewusstsein seiner Aussichtslosigkeit und also nicht ohne Edelmut. Geliefert sogar mit Einsicht in die seelische Ungesundheit und Untugend aller Sympathie mit dem Todgeweihten, aber freilich auch mit ästhetisch allzu ästhetischer Geringschätzung von Gesundheit und Tugend, welche eben gerade als der Inbegriff dessen empfunden und verhöhnt wurden, wovor man sich kämpfend zurückzog, der Politik, der Demokratie ...« (Th. Mann, Kultur und Sozialismus, 1928). Seine demokratische Wandlung zu Beginn der 20er Jahre - die in den Nachkriegsessays noch sehr widersprüchlich zum Ausdruck kommt - und die darauffolgende Verstärkung des politischen Engagements sind auch als Kampf gegen die eigenen Dämonen zu verstehen. 

Geläuterter Ästhetizist»Dennoch« und »Trotzdem«, um eine Formel aus Manns Schiller-Verklärung »Schwere Stunde« zu verwenden, Liebäugelei mit dem reaktionären Konservatismus hin oder her, was letztlich von Thomas Mann die Politik betreffend bleibt, ist die progressive Wende und Weiterentwicklung. 

Es zeugt von bürgerlich-postmoderner Einfältigkeit bzw. einer bewussten Ignoranz, wenn krampfhaft versucht wird - und dies bleibt weiterhin in der universitären Mainstreamforschung der Fall -, Thomas Manns Literatur und Essayistik zu entpolitisieren bzw. ins Reich des Psychologisch-Metaphysischen abzudrängen oder ihn gar ganz aus den philosophiegeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Traditionslinien herauszureißen. Die Zahl solcher Thomas-Mann-Exegeten ist Legion. 

»Machtgeschützt« wird hier an der Zerstörung der Vernunft - und damit gegen Mann selbst - gewerkelt. Anders als z. B. das Gros der im deutschsprachigen Raum gefeierten bürgerlichen Schriftsteller unserer Zeit hat Thomas Mann in seinen Schriften nach der Publikation des »Zauberberg« nicht mehr mit einem reduzierten bzw. romantisch oder imperialistisch infizierten Politikbegriff operiert. Er ist sich bewusst gewesen, dass es von aufklärerischen Positionen in gesellschaftspolitischen Debatten kein Zurück mehr gebe und dass die Vorstellung von einem politikfreien Kunstraum nur eine Illusion sein könne. So ist er um Horizonterweiterung bemüht gewesen, und seine Annäherung an Pazifismus, Sozialismus und Demokratie hat sich als logische Folge offenbart. Thomas Mann erkannte als geläuterter Ästhetizist sehr schnell die Wichtigkeit eines Instrumentariums, dessen er sich auf politischem Gebiet besser zu bedienen hatte, der eigenen Vernunft. Die Ansprache »Von deutscher Republik« (1922) machte den (vorsichtigen) Anfang. 

Der Wahl-Münchner offenbarte sich bemerkenswert aufnahmebereit hinsichtlich demokratischer Prinzipien und sozialer Lösungen. Bei einem reinen »Tugenddemokratismus« wollte er es keinesfalls belassen. In der Weimarer Zeit näherte er sich zunächst schrittweise der sozialdemokratischen Idee an. Das anschaulichste Dokument dieser Sinneswandlung ist sicherlich die »Rede vor Arbeitern in Wien« (1932) - der wohl erste reale Kontakt mit der Arbeiterbewegung, die nie Subjekt seines literarischen Schaffens werden sollte. Darin machte er große Konzessionen an die marxistische Lehre und propagierte die idealistisch-utopische Vorstellung von einer Verbindung zwischen Marx und Hölderlin. Thomas Mann verschloss sich nicht mehr dem Gleichheitsbegriff, dem sozialen, klassenkämpferischen Politikverständnis, seine Evolution reicht bis zur »Anerkennung der Unvermeidlichkeit des Sozialismus« (Georg Lukács, Tragödie der modernen Kunst), wenngleich diese gesellschaftliche Alternative keinen Eingang in sein Werk - wenn überhaupt, dann bestenfalls in abgeschwächter linkskeynesianischer Form noch im vierten Band der Joseph-Tetralogie (»Joseph der Ernährer«) - findet. 

Zweifellos, der Romancier wurde nicht zum Marxisten - gewisse Dünkel gegenüber der proletarisch-revolutionären Bewegung blieben durchaus bestehen - sehr viel weniger allerdings war er ein Antikommunist, dafür hatte er sich zu sehr mit der sozialistischen Idee sowie (wenn auch nur partiell) mit dem materialistischen Geschichtsverständnis angefreundet. 

Immerhin: Im Laufe der Exiljahre (1933-1952) hatte sich der Bürger Mann gleichsam zu einem fortschrittlichen Sozialdemokraten entwickelt, welcher der Sowjetunion (und später den sozialistischen Staaten), wenngleich mit einer bestimmten (urbürgerlichen und - nimmt man die Tagebücher hinzu - zuweilen leicht opportunistischen) Skepsis, so doch vor allem mit einschlägiger Sympathie und Offenheit gegenüberstand. Gerade in Manns Auseinandersetzung mit dem Faschismus offenbart sich diese politische Haltung. Er befürchtete keinen vom Bolschewismus herbeigeführten Untergang des Abendlandes: »Ich würde gewiss das marxistische Examen nicht bestehen, aber obgleich ich weiß, dass der Faschismus seine geistige Seite hat, und dass man ihn als eine rückschlägige Bewegung gegen die rationalistische Humanität des neunzehnten Jahrhunderts verstehen muss, kann ich nicht umhin, ihn zugleich als eine politisch-wirtschaftlich-reaktionäre Bewegung zu sehen, eine Gegenrevolution pur sang, als den Versuch aller alten sozial und ökonomisch Rückwärtsgewandten, die Völker und ihre Glücksansprüche niederzuhalten und jeden sozialen Fortschritt zu verhindern, indem man ihm den Schreckensnamen des rBolschewismusl anheftet. In den Augen des konservativen Kapitalismus des Westens war der Faschismus schlechthin das Bollwerk gegen den Bolschewismus und gegen alles, was man mit diesem Namen treffen wollte« (Schicksal und Aufgabe, 1944). 

Dass heute vor der Erstarkung faschistischer Strukturen bzw. vor der zivilisationsgefährdenden Verstrickung zwischen Faschismus und krisengeschütteltem Kapitalismus mit dem »Künstler-Bürger« Thomas Mann gewarnt werden kann, dass dieser quasi als »Autorität« in antifaschistischen Angelegenheiten zu gelten hat, ist dessen einzigartigem Wandlungsprozess zu verdanken, den er seit Beginn der 1920er Jahre durchlief, eine politisch-soziale Evolution, die episch-realistisch und künstlerisch objektiv im »Zauberberg« zur Gestalt gebracht wurde. Im Mittelpunkt soll im folgenden Teil der Abstieg in die Zeche des Zauberbergs stehen, aus der die geschilderten ideologiekritischen Einsichten gefördert wurden, welche sich dann als Basis für die im Schillerschen Sinne schöne politisch-philosophische Progression und Neuorientierung eines in den Jahren 1914 bis 1918 bereits der Reaktion zugewandten Bürgers erwies. Die Frage lautet demnach: Wie und mit welchem Ergebnis wird der Weltanschauungsdisput im »Zauberberg«-Roman ausgetragen? 

 

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Duell der Weltanschauungen  

Vor 90 Jahren erschien Thomas Manns Bildungsroman »Der Zauberberg«. Teil II: Licht und Finsternis – Zwei Mentoren ringen um die Seele eines Durchschnittsbürgers aus Deutschland. 

Alain Herman 

In: junge Welt online vom 27.12.2014 

 

»Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen 

mehr als das Wie; jenes können sie einzeln ergreifen, 

dieses im ganzen nicht fassen. Daher kommt das Her- 

ausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn man wohl 

aufmerkt, die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewusst.« 

(Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre) 

Die Arbeit am »Zauberberg« begann nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg. 

Bereits 1913, nach einem dreiwöchigen Aufenthalt im Waldsanatorium auf der Schatzalp bei Davos, wo Frau Katja sich 1912 für eine längere Kur hinbegeben hatte, verarbeitete Thomas Mann seine Eindrücke in einem Novellenversuch, wofür er die Beschäftigung mit dem »Felix Krull« unterbrechen musste. Der Schreibprozess wurde dann aber beendet durch die Kriegsereignisse und das daraus folgende Engagement Manns für die imperialistische Sache. Was wäre aus dem Stoff geworden? Ein Satyrspiel? Eine weitere Idylle? Hätte es den Auftakt für den (quasi unausweichlichen) künstlerischen Leerlauf eines ironisch-romantischen Ästhetizisten und sprachlichen Ziselierhandwerkers bedeutet? Darüber kann man spekulieren, doch schon in »Königliche Hoheit« (1909) ließen sich Erstarrungstendenzen beobachten. Nachdem Thomas Mann die Verteidigung der »machtgeschützten Innerlichkeit« sozusagen auf die Spitze getrieben hatte, setzte gleich nach Kriegsende, wie im ersten Teil dargelegt, ein Läuterungsprozess ein. Der »Zauberberg« ist das eindrucksvolle Dokument dieser Evolution, es musste sozusagen ein pädagogischer Roman mit Totalitätsansspruch werden, in welchem der Darstellung gesellschaftlicher Entwicklungen bzw. historischer Prozesse unweigerlich Bedeutung zukommt: »Alle Risse und Abgründe, die die geschichtliche Situation in sich trägt, müssen in die Gestaltung einbezogen und können und sollen nicht mit Mitteln der Komposition verdeckt werden.« Dergestalt »objektiviert sich die formbestimmende Grundgesinnung des Romans als Psychologie der Romanhelden: sie sind Suchende.« (Georg Lukács, Die Theorie des Romans) Der »Zauberberg« ist als »Experimentierstube« konzipiert und realisiert worden, in dem Werk spiegeln sich Thomas Manns innerer Diskurs und Wandel wider. Im Mittelpunkt der »Zauberberg«-Betrachtung sollen daher die zwei hauptsächlichen männlichen Mentoren des Romanprotagonisten Hans Castorp stehen: Settembrini und Naphta. Diese beiden Herren liefern sich in der hermetischen Sanatoriums- und Bergwelt zum Teil dramatische Wortgefechte. Die Sprachrohre widersprüchlicher, im Grunde moribunder Weltanschauungen zeigen sich (ungeachtet ihrer physischen Schwäche) als Animateure im Bergwerk der Mannschen Ideologiekritik und verleihen der Castorp-Geschichte dialektische Dynamik. 

Der DrehorgelmannHans Castorps erster und größter Lehrmeister auf dem Zauberberg, Lodovico Settembrini, scheint auf den ersten Blick durch die Vereinigung von liberalem Fortschrittsglauben und klassizistischem Humanismus eine recht durchschaubare Figur zu sein. Der »Drehorgelmann« - so Castorps erster kindlich-intuitiver Eindruck - mit den schwarzen Samtaugen, dem fein gebogenen schwarzen Schnurrbart, dem langen blauen Rock, dem Gehstock und der verwaschenen karierten Hose, kurz der unvermögende Italiener mit dem eleganten Fluidum, übernimmt aber nicht nur die Rolle eines vernunftorientierten Mahnrufers, welcher den Norddeutschen dazu drängt, schleunigst wieder in die Welt des Flachlands zurückzukehren, um dort in dem Beruf des Ingenieurs aufzugehen. Er tritt ebenfalls, wenngleich sicher unfreiwillig, als mytho-poetischer Topograph in der geschlossenen Welt des »Berghofs« auf. Der vorkantische Aufklärer und Geschichtsoptimist bereitet durch seine schöngeistigen Reden und seine umfangreichen Literaturkenntnisse ungewollt ein mythisches Terrain vor, in dem sich sein Lehrling verirren wird. Seine Anspielungen auf Dantes »Divina Commedia« oder auf die antike Mythologie, auf Goethe, Homer und Vergil entwerfen vom Sanatoriumsgeschehen ein Unterweltbild, das seinem eigenen fortschrittsgläubigen Geschichtsbild diametral entgegenzustehen scheint. 

Settembrini intendiert diesen Entwurf indes nicht, denn Literatur und Mythologie besitzen ihm zufolge primär eine rhetorische Funktion. Er versteht seine Anspielungen im Grunde als abendländisch-ironische Mahnungen - Ironie als klassisches Mittel der Redekunst - an den der Romantik verfallenen jungen Norddeutschen. Nicht einmal als Ironie im Sinne Thomas Manns kann man Settembrinis elegante Sentenzen auffassen, denn gegen das Ironieprinzip hegt er ebenso wie gegen die Musik politischen Verdacht. Über Settembrinis Politisierung der Kunst zeigt sich Castorp höchst verwundert. 

Gleich zu Beginn der Schülerschaft besteht ein unüberbrückbares Distanzverhältnis: »rEs ist nicht die wahre Klarheit, es ist eine träumerische, nichtssagende und zu nichts verpflichtende Klarheit, eine Klarheit ohne Konsequenzen, gefährlich deshalb, weil sie dazu verführt, sich bei ihr zu beruhigen ... Lassen Sie die Musik die Gebärde der Hochherzigkeit annehmen. Gut! Sie wird damit unser Gefühl entflammen. Es kommt jedoch darauf an, die Vernunft zu entflammen! Die Musik ist scheinbar die Bewegung selbst - gleichwohl habe ich sie im Verdachte des Quietismus. 

Lassen Sie mich die Sache auf die Spitze stellen: Ich hege eine politische Abneigung gegen die Musik.l Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, sich aufs Knie zu schlagen und auszurufen, so etwas habe er denn doch in seinem Leben noch nicht gehört.« 

Thomas Mann blickt hier mit Castorp auf die eigene Verwunderung des Ästhetizisten zurück. Mit Schopenhauers und Nietzsches idealistischer, geniuszentrierter Kunstphilosophie hatte er sich lange gegen einen gesellschafts- und politikbezogenen Kunstbegriff gewehrt, erkannte dann aber im Zuge der eigenen Publizistik während der Kriegsjahre, wie bereits dargelegt, die geschichts- und gesellschaftspolitische Implikation aller Kunst. Settembrini repräsentiert hier sozusagen die Antiromantik Heinrich Manns, des »Zivilisationsliteraten«, der sich der manipulativen Einlullungsgefahr - erinnert sei in diesem Zusammenhang an den weltabgewandten Entrückungszweck der Kunst bei Schopenhauer und Nietzsche - im besten aufklärerischen Sinne bewusst ist. 

Die sympathischen Züge in Settembrinis Wesen, nicht zuletzt erkennbar in seiner mediterranen Folklore und seiner Fähigkeit zu Gefühlsausbrüchen, mögen zwar mehr oder weniger die vernunftorientierte Strenge, die er in Gegenwart seines Schülers Hans Castorp an den Tag legt, übertünchen, man sollte diesen aber nicht zu sehr verfallen. Dies hat zum Teil die ältere Forschung getan, welche allzugerne in Settembrini eine Selbstfiguration des neuen, d. h. des Thomas Manns der Hauptmann-Geburtstagsrede »Von deutscher Republik«, sehen wollte. 

Ein romantischer Verächter der westlichen wirtschaftsliberalen Demokratie ist Thomas Mann bei Fertigstellung seines »Zauberberg« nicht mehr. Dies ändert aber nichts am Faktum, dass in die Settembrini-Figur eine Reihe von Elementen des im 1918er Kriegsbuch extrem negativ dargestellten »Zivilisationsliteraten« eingeflossen sind, wenngleich stark relativiert und ironisiert, was man für die »Betrachtungen eines Unpolitischen« nicht unbedingt behaupten kann. Was vor allem aus dem Kriegsbuch in den »Zauberberg« Eingang fand, ist die Kritik an dem oberflächlichen Literaturglauben in den westeuropäischen Demokratien, welcher für Thomas Mann freilich in erster Linie in den romanischen Ländern, allen voran Italien und Frankreich, vorzufinden ist. Insbesondere den Kult der hohlen Worte schiebt er seiner Figur Settembrini unter, die geistige Abneigung gegenüber dieser Tradition zeigt sich in der Wiedergabe der Settembrinischen Ideen in indirekter Rede, womit er die Dynamik der Rhetorik des Italieners zu unterbrechen vermag: »Denn die Literatur sei nichts anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und Politik (...). Und er sprach vom rWortel, vom Kultus des Wortes, der Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus - Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden.« 

Die Kritik am Kultus der rein rhetorischen, also leeren liberal-humanistischen Hochwertwörter offenbart sich an dieser Stelle, wobei Settembrini allerdings nicht nur der Begriffshuberei zu bezichtigen ist. Seine Prinzipien entspringen im Grunde nicht - wie bei deutschen liberalen Ideologen des 19. Jahrhunderts - dem spekulativen Idealismus, sie sind sozusagen substantiellerer Art, fußen sie doch auf der vorkantischen Aufklärung, dem vormarxschen Materialismus und, als Ausgangsbasis, auf einem erkenntnistheoretischen Monismus. Nichtsdestotrotz kommt Settembrini in seinen Disputen mit Naphta in der Begriffswahl zumeist hegelianischer daher als der wirr ideologisierende Jesuit. Dies hängt vor allem mit des Humanisten Dünkel gegenüber jeder Form von Metaphysik und christlicher Theologie, seiner Absolutsetzung der Vernunft, seiner Politisierung des gesamten Lebens und folglich auch mit seiner Abneigung gegen Castorps Geschichtsfatalismus und dessen Geringschätzung der Arbeit zusammen. Doch in realiter steht er modernen Politideen, welche den arbeitenden Klassen das Wort reden, in jeder Hinsicht fern. Sein Positivismus und kapitalistisches Leistungsethos tragen das Gepräge des 19. Jahrhunderts. 

(Letzterer wird zwar hier parodiert, aber nicht gleich satirisch in den Boden gestampft.) Demzufolge sind auch seine bürgerlich-demokratischen Revolutionsideale - ihm schweben hier vor allem die Französische Revolution und die Julirevolution von 1830 als Musterbilder vor - im Jahre 1907 längst veraltet und mögen im Zeitkontext des Romans mitunter bereits als naiv-liberale Utopie gelten. 

Settembrini repräsentiert nicht die sinnstiftende Perspektive des Romans, aber er vermag Hans Castorp in dessen Entfremdungsprozess zu stören. Es ist daher nicht legitim, von einer Entmachtung oder Niederlage Lodovico Settembrinis gegenüber Castorp zu sprechen. Sicher, Settembrini kann in bezug auf die liederliche Umwelt des Sanatoriums und auch auf das intelligible Wesen Castorps, der nun mal nicht auf der Suche nach Fortschrittsmaximen ist, sondern sich einfacher von einer mythischen Wesensergründung betören lässt, als Rufer in der Wüste gelten. Seinen »Schüler« Castorp vermag er nicht zu überzeugen, dessen Gedankengänge kann er nicht pädagogisch steuern. Castorps Skeptizismus gegenüber dem Ideenhorizont des Italieners erweist sich als übermächtig. 

Settembrini mag insgeheim nicht das absolute Sprachrohr des Autors sein, und doch sollte er zum Teil als kritische Instanz, insbesondere in der zweiten Romanhälfte, also beim Erscheinen Naphtas, gewertet werden. Es dürfte auch kein Zufall sein, wenn Settembrini nach den letalen Abgängen seines Antipoden Naphta sowie von Peeperkorn der einzig verbleibende Pädagoge ist. Zwar hat sich seine Krankheit verschlimmert, genau wie seine Ideologie abgewirtschaftet hat - und Castorp muss sich schon selbst in dessen spartanisch eingerichtete Mansarde beim Davoser Schneider Lukaček begeben, um ihn antreffen zu können. Aber dies offenbart, dass er trotz seines zumeist hohlen Schwätzertums und seiner leichten Ergründbarkeit letztlich die sympathischste Figur in Castorps Odyssee bleibt - gegenüber dem terroristisch-reaktionären Prügelknecht Naphta allemal. Obgleich er ohne jeglichen Machteinfluss bleibt - und dies schon recht früh -, geht seine Stimme im Romanganzen doch nicht vollends verloren, was vor allem offenbart, dass im Roman kein Weltbild absolut gesetzt wird. Es ist dies Thomas Manns verspätete Reverenz an die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts sowie an republikanische Prinzipien, die in ihrer liberal-kapitalistischen Form - Settembrini verrät sich ja überdeutlich - zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftsperspektivisch überkommen sind. 

Der Pseuodokommunist»Was, Himmel, Kreuz, verflucht noch mal - der Mann ist ein Jesuit?!« Hans Castorp zeigt sich angenehm überrascht über den aus dem polnischen Galizien stammenden Ordensmann Leo Naphta. »Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, ... der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen Gläser der im übrigen leichtgebauten Brille«. Settembrini mag zwar menschlicher wirken, doch von Naphta, der vom Judaismus zum Katholizismus konvertierte, lässt Castorp sich gerne metaphysische Philosopheme auftischen, die seine Überlegungen zu Zeit und Raum in etwa bestätigen. Über Naphta gewinnt Hans Castorp auch einen begrifflichen Zugang zu der hinter der Vorstellungswelt liegenden Welt der Irratio. Der philosophierende Naphta ist engstens an Schopenhauers Metaphysik angelehnt, während sich der politisierende Naphta wiederum von Thomas Manns früherer philosophischer Autorität entfernt. Aufgrund dessen kann Naphta wohl zu den komplexesten Figuren des Romans gezählt werden. Hinter dem Fanatismus des Schächtersohnes verbergen sich mehrere ideelle Schichten. In seinen Diskursen macht der Jesuit in der Tat den Spagat zwischen Kirchenvätern, katholischen Dogmatikern, mittelalterlichen Mystikern, Schopenhauer, Hegel, Marx und last, but not least, Nietzsche. 

In erster Linie fällt dem Leser natürlich in Naphtas Kolloquien das explosive politische Ideengemisch auf (brisant scheint schon der Name des Jesuiten, ist doch bekannt, dass Roherdöl, Naphtha, recht schnell Feuer fängt), das sich von den Tugendreden Settembrinis radikal unterscheidet. 

Nun ist die Verbindung von Jesuitentum und Kommunismus nichts Neues, waren es doch Jesuiten, die im 17. und 18. Jahrhundert in Paraguay einen florierenden autoritären Staat auf zum Teil sozialistischer ökonomischer Grundlage errichtet hatten. Naphtas politischer Horizont muss allerdings um einige entscheidende Nuancen erweitert werden, denn als Jesuiten oder gar Kommunisten im reinsten Sinne des Wortes kann man ihn nicht bezeichnen. 

Hierzu sind seine politischen Theorien zu sektiererisch. 

Im biographischen Teil über Leo Naphta wird indirekt ein Grund für sein Abweichlertum geliefert. Erstens entstammt er einer jüdisch-orthodoxen Schächterfamilie, deren Oberhaupt, d. h. sein Vater Elia, bereits selbst als kritisch-sektiererischer Thora-Gelehrter auftrat. Diese Tradition führt Naphta nach dem Tode des Vaters, der aufgrund seiner rituellen Tätigkeit einem grausamen Pogrom zum Opfer fiel, bei seinem eigenen Talmud-Lehrer in verschärfter Dialektik fort, so dass er regelrecht von den judaistischen Studien ausgeschlossen wird. Da kommt die zufällige Rekrutierung für die Societas Jesu durch den »Menschenfischer« Pater Unterpertinger gerade recht, so dass seine intellektuellen Talente in der strengen jesuitischen Erziehung aufblühen können. Zweitens schafft er nach seiner heiß ersehnten Konversion zum Katholizismus und Integration in den katholischen Orden mit einer Vorliebe für das Politisch-Pädagogische den endgültigen Aufstieg innerhalb der Hierarchie der Gesellschaft nicht. Das siebenjährige Gottesstudium kann er trotz exzellenter Veranlagung wegen seiner schwachen Gesundheit und seiner Schwindsucht nicht fortsetzen. Obwohl das devote, harte und streng asketische Klosterleben seinen »tiefsten Instinkten« entspricht, bricht es ihn desgleichen innerlich: »Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung - wenn auch zugleich die große Hoffnung - seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte.« 

Was hier mit ironischem Unterton geschildert wird, ist für die komplexe intellektuelle Physiognomie Naphtas durchaus ernst zu nehmen, insbesondere was sein akrobatisches Sektierertum betrifft. Thomas Mann folgt in seiner Beschreibung des Galiziers aber auch Nietzsches positivem Idealbild vom geistesaristokratischen Juden, der sich einem gedanklichen Dirigismus nur ungern unterwirft: »Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist - und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben.« 

Naphta tritt als Hegelianer auf, insofern er die Geschichte und das Fortschreiten der Menschheit als Kampf der Antinomien versteht. Er reduziert diese These jedoch aufs Simpelste, indem er davon spricht, dass alles auf einen Endkampf zwischen bürgerlicher Herrschaftsklasse und dem Weltproletariat mit Unterstützung der Kirche hinauslaufe. Eine utopisch-sozialistische Haltung zeigt sich - wenngleich auf eine demagogische und unwissenschaftliche Art und Weise, da untersetzt mit mittelalterlicher Inquisitionssprache -, wenn er die bürgerliche Staatsform, d. h. Kosmopolitismus und bürgerliche Staatsvergottung sowie den Wirtschaftsliberalismus, d. h. Profitgier, Spekulationsgeschäfte, Privateigentum, Zinsfestlegungen verwirft. Nachdem Naphta Hans Castorp die ökonomischen Übel des Kapitalismus und die sogenannten betrügerischen Raffinessen der herrschenden Klasse dargelegt hat, offenbart er seine utopistische Kommunismus-Idee, die er bereits in den Plänen Gregors VII., dem Demütiger des deutschen Kaisertums und Erneuerer eines kirchlich-katholischen Internationalismus, präfiguriert sieht: »Nun denn - alle diese wirtschaftlichen Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und sowenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.« Das ist die Errichtung eines Gottesreiches auf Erden, realisierbar nur mittels des heiligen Terrors. 

An diesem Punkt zeigt der Jesuit Naphta seinen wahren Fetisch, einen, der nicht nur Lodovico Settembrini, sondern auch Hans Castorp zuwiderläuft: »Seit den Tagen Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen Staat zum himmlischen Reich. (...) Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: rVerflucht sei der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!l (...) der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und Diesseits, Geist und Macht muss, wenn das Reich kommen soll, vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne.« 

Der französische Germanist Pierre-Paul Sagave liegt richtig, wenn er Thomas Manns damaliges romantisch-literarisches Politikverständnis anführt, welches zu Naphtas irrationalem Pseudokommunismus geführt habe. Es sei maßgeblich Tolstoi gewesen, der Thomas Manns Sicht der Oktoberrevolution von 1917 bestimmt habe. Kurz nach Versailles und nach Abschluss seines Kriegsbuches glaubt er an ein Wiedererwachen eines mystischen Urchristentums in Sowjetrussland. Hiervon zeugt insbesondere die erste Fassung des Goethe-Tolstoi-Essays, in der er behauptet, dass nicht gerade die schlechtesten Elemente der deutschen Jugend dem russischen Kommunismus nahestünden. Daraus ergibt sich, dass das asiatisch-östliche Prinzip bei Thomas Mann äußerst positiv konnotiert ist, wie eben im »Zauberberg« auch, und diesem im Grunde gar keine politische Rolle in westlichem Sinne zugesprochen wird. Von daher begegnet er dem Bolschewismus nicht mit derselben panischen Angst wie der Hauptteil des deutschen Bürgertums. 

Naphtas politische Ideen, also seine Vermengung von revolutionärem Konservatismus, Kommunismus, christlichem Chiliasmus, sowie Naphtas Handlungskonzepte, eine Widerspiegelung der terroristischen Nachkriegsereignisse, d. h. sein Fürsprechen für Bastonade, Folter und Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung - eine scharfe protofaschistische Apotheose der Gewalt überhaupt - führen den italienischen Liberalen aufs Glatteis. Mit seiner »Dialectique rélastiquel« (Pierre-Paul Sagave), seinem Sophismus, manövriert er Settembrini auf Themenfelder, die diesem in seiner unflexiblen erkenntnistheoretischen Position nicht behagen, Naphtas erkenntnistheoretischem Relativismus aber zugute kommen. Deshalb verwundert es auch nicht, dass der Italiener in den großen Disputationskapiteln oftmals sprachlos bleibt. 

Kein SiegerDas »Duell der Weltanschauungen« (Georg Lukács, Auf der Suche nach dem Bürger) kennt in der Tat keinen Sieger. Castorp, der sich durch seine Durchschnittlichkeit kennzeichnende deutsche Bürger, trifft keine Wahl für eine bestimmte Ideologie bzw. irgendeinen ideologische Synkretismus. Am Schluss des Romans versinkt Castorp trotz manch interessanter Einblicke in Variationen spätbürgerlicher Ideologie im Morast des eintönigen und somnambulen Alltagslebens auf dem Zauberberg (auch das natürlich eine Erscheinungsform des dekadenten spätbürgerlichen Zeitgeists). Obgleich der nun nicht mehr so junge Norddeutsche - Castorp ist mittlerweile 31 Jahre alt - seinem ersten Mentor, Settembrini, anvertraut hat, dass dieser ihm sympathischer sei als der katholische Fanatiker, begibt er sich nicht auf die Seite des jeglicher Humanität entleerten Liberalismus, denn zugleich gesteht er, dass Naphta in argumentativer Hinsicht zumeist Recht behalten habe. Settembrini als Repräsentant der bürgerlichen Vorkriegsdemokratie vermag in der Tat Naphtas Sophismen und Terror (der hier nur rhetorisch bleibt) nichts entgegenzusetzen. Hierzu Lukács: »Er [Settembrini - A.H.] ist eben Verkünder des Fortschritts sans phrase, ohne Selbstkritik, ohne Bedenken und Vorbehalt und darum - weit entfernt von jeder persönlichen Interessiertheit - kritikloser Herold des kapitalistischen Systems. Aber eben deshalb steht er ohne durchschlagkräftige geistige Waffen der antikapitalistischen Demagogie Naphtas gegenüber. Damit ist die zentrale Schwäche des durchschnittlichen modernen, bürgerlichen Demokratismus in der Auseinandersetzung mit der reaktionär-antikapitalistischen Demagogie trefflich charakterisiert. Und zugleich ist damit das unentschiedene und tatenscheue Wesen Castorps (...) glänzend aufgedeckt.« (Georg Lukács, Auf der Suche nach dem Bürger) Wir wissen: Auch Naphta steigt nicht als Sieger vom Zauberberg hinab, die Destruktivität seines faschistischen Synkretismus versinnbildlicht sich in der Selbstabschaffung: Naphta hebt sich und seine Ideen gleichsam selber auf, durch das Mittel, auf dem seine Konzepte basieren, nämlich Terror und physische Vernichtung. 

Alain Herman ist Deutschlehrer in Luxemburg 

 

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Vision der Besten  

Vor 90 Jahren erschien Thomas Manns Bildungsroman »Der Zauberberg«. Teil III (und Schluss): Die Hinwendung zu Antifaschismus und »Sozialismus«  

Alain Herman 

In: junge Welt online vom 29.12.2014 

 

»Aber der Faschismus, von dem der Nationalsozialismus eine eigentümliche Abwandlung ist, ist keine deutsche Spezialität, sondern eine Zeitkrankheit, die überall zu Hause und von der kein Land frei ist. Und nie hätten die Gewalt- und Schwindelregierungen in Italien und Deutschland sich nur vier Wochen halten können, wenn nicht eine schmähliche Sympathie ihnen von überall her aus den wirtschaftlich herrschenden und darum die Regierungen bestimmenden Schichten der demokratischen Länder entgegengekommen wäre.« (Thomas Mann, Schicksal und Aufgabe, 1944) 

In Wesen und Werdegang Hans Castorps, des Romanhelden im »Zauberberg«, erkennt man nicht nur eine literarische Beleuchtung des deutsch-bürgerlichen Habitus der Vorkriegszeit, sondern - mit ersterer zusammenhängend - eine zutiefst ironische Introspektive des Autors. Bei aller ironisch sublimierten, auf Distanz bedachten Gleichartigkeit ist Thomas Mann jedoch in keiner Weise Castorp. In der Darstellung der zwei Mentoren Settembrini und Naphta wird literarisch-dialektisch des Autoren ideologiekritische Auseinandersetzung mit bürgerlichen Vorkriegsanschauungen und protofaschistischer Reaktion reflektiert. Anders als der mittelmäßige, willenlose, tatenscheue und sich somit in historische Schuld begebende Castorp trifft Thomas Mann eine Entscheidung. Er optiert nicht für eine Form des »Alten« bzw. für das Pseudo-»Neue« (zur Bewahrung des »Alten«), sondern öffnet sich dem richtigen gesellschaftlichen »Neuen«. 

Mann nennt es selbst »Sozialismus« (wenngleich der Wortsinn bei ihm noch äußerst dehnbar ist) - was freilich eine Konkretisierung der politischen Positionen erfordert. Er erkennt es als naturgemäße Evolution an, der er sich trotz seines bürgerlichen Selbstverständnisses - in dieser Haltung liegt zugleich die große Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Humanität des Epikers - nicht versperrt. 

Mit dem Übergangswerk des »Zauberberg« hat sich Thomas Mann selbst in entscheidendem Maße begrifflich geschärft, und es fällt auf, dass seine Kunst der eigenen Essayistik auf der historischen und gesellschaftlich-politischen Erkenntnisebene folgerichtig nicht mehr zwei Schritte voraus ist. Vielmehr lässt sich diesbezüglich ein gewisses Korrelationsverhältnis feststellen, von dem vor 1924 nicht die Rede sein konnte. Der »Zauberberg« bildet den Auftakt eines rationalen Politisierungsprozesses, welcher sich im gesamten Spätwerk manifestieren soll. Die »Zauberberg«-Arbeit hat bei Mann selbst der »Zerstörung der Vernunft« ein Ende gesetzt, die politische Negativität ist beseitigt und wird ersetzt durch die Sympathie mit dem »Neuen«, was einer ideologischen Wappnung angesichts der historischen Gefahren Mitte der 1920er Jahre gleichkommt. Daher werden einige Schlaglichter auf das späte Werk geworfen, wobei in erster Linie die Herausbildung einer dezidiert antifaschistischen Haltung interessieren soll. 

Rhetorischer KampfWurde Thomas Mann nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aufgrund der »Betrachtungen eines Unpolitischen« in verschiedenen deutschnationalen und revanchistischen Presseorganen partiell als neuer Vordenker der »konservativen Revolution« angesehen, so war er nach seiner zunächst zögerlichen und von Widersprüchen nicht freien Hinwendung zur Demokratie, zum Völkerfrieden und zu den Losungsworten der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts umso heftiger den Schmähungen eben dieser Kreise ausgesetzt. Die Aura des Vaterlandsverräters, verliehen von diesen Leuten, sollte ihn bis zu seinem Tod nicht mehr loslassen (auch und vor allem später in der Bundesrepublik). Das setzte nach der Veröffentlichung des »Zauberberg« ein, zumal in der nachfolgenden Essayistik die Sprache trotz oftmals alter Begrifflichkeit politisch klarer wurde. 

Sehr früh sah er sich der Hetze der Hitlerfaschisten ausgesetzt, welche längst vor der mit der Großbourgeoisie arrangierten Machtübernahme zum Angriff auf fortschrittliche Schriftsteller und Intellektuelle ansetzten, nicht zuletzt auf jene aus dem bürgerliche Lager, was nach 1933 Früchte tragen sollte: Legion war die Zahl jener angeblich progressiven bürgerlichen Kulturschaffenden, die mit wehenden Fahnen zu den Faschisten überliefen, sich vereinnahmen ließen oder die im Mitläufer- und Duckmäusertum versanken. Dass der Hass aus großbourgeoisen und faschistischen Milieus Thomas Mann besonders entgegenschlug, ist keine Überraschung. Die reaktionäre Abneigung gegenüber dem Schriftsteller hatte weniger etwas mit der überraschenden politischen Wandlung des Patriziersohns zu tun als vielmehr mit dessen früh erfolgender Charakterisierung und Entlarvung des italienischen und deutschen Faschismus, dem er nicht nur mit der Leichenbittermiene eines Citoyens entgegentrat. 

Thomas Mann intensivierte den publizistischen und rhetorischen Kampf gegen den aufkommenden Hitlerfaschismus. Im Oktober 1930 hielt er im Berliner Beethovensaal seine bekannte »Deutsche Ansprache«. Als er an das deutsche Bürgertum appellierte, sich den Ideen und Forderungen der organisierten Arbeiterschaft sowie dem Marxismus zu öffnen, brach im Prunksaal des Berliner Konzerthauses großer Tumult aus - reaktionäre Schriftsteller wie Ernst Jünger und Arnolt Bronnen sowie SA-Männer, die sich auf Befehl von Joseph Goebbels im Frack in den Vortragssaal eingeschlichen hatten, sprengten die politisch-kulturelle Veranstaltung. Was danach folgte, ist hinlänglich bekannt: Zweieinhalb Jahre später kehrte Thomas Mann mit seiner Frau von einer Richard-Wagner-Vortragsreise nicht mehr nach Deutschland zurück - dies nur zwei Wochen vor der berüchtigten »Reichstagsbrandverordnung«. 

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Hindenburg am 30. Januar 1933 und der Erlassung der nämlichen Verordnung am 28. Februar überstürzten sich in Deutschland die Ereignisse: Die mit der Unterstützung des aggressivsten Teils des deutschen Finanzkapitals an die Macht gelangten Faschisten begannen Ende Februar mit der systematischen Ausschaltung der parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition, Tausende Kommunisten wurden zunächst in sogenannte Schutzhaft genommen, mit anderen Worten: in Gefängnisse und provisorisch eingerichtete Konzentrationslager eingesperrt, dort misshandelt und nicht selten ermordet. Auch zahlreiche Sozialdemokraten sowie kritische Intellektuelle wurden kurze Zeit später Opfer dieser ersten Verhaftungswelle, die von den staatlichen Polizeiorganen in unverhohlener Zusammenarbeit mit der SA und SS durchgeführt wurde. 

Gegen Thomas Mann lag in seiner Heimatstadt München ebenfalls ein »Schutzhaftbefehl« vor. Einer Internierung war er durch seine Nicht-Rückkehr folglich entgangen. Die Exilzeit, gleichbedeutend mit kultureller und materieller Entwurzelung, fiel Mann anfangs äußerst schwer - zu sehr hatte er auf einen raschen Sturz der Nazis gehofft. Die Depressionen, mit denen er zu Beginn der Exil-Odyssee zu kämpfen hatte, waren aber nur vorübergehend. Er war sich bewusst, dass er den publizistischen Widerstand gegen das Naziregime mit erhöhtem Nachdruck führen musste. Kein Wunder also, wenn er sich nach 1933 kurzerhand den Ruf eines »Kulturbolschewisten« einfing. Mann konnte der kompletten Politisierung seines öffentlichen Auftretens nicht mehr ausweichen und stellte sich dieser Aufgabe. Beispiellos, wenngleich auf einer mehr oder weniger individualistischen Haltung bestehend, setzte er sich im Exil in Wort und Schrift für den antifaschistischen Kampf ein. 

Politik im GroteskstilThomas Mann gab sich zunächst, d. h. seit Mitte der 1920er Jahre, mit dem kulturpsychologischen und ideologischen Substrat des Faschismus ab. In dieser Hinsicht empfand er sich selbst als gebranntes Kind - erinnert sei noch einmal an die politischen Schriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs -, d. h. er wusste um die Gefährlichkeit nietzscheanischer »Übermensch«-Ideen, zumal wenn diese sich mit völkisch-germanischen sowie antisemitischen Dunstbildern vermengen. Die Rationalitätskritik und Mythosemphase hatte sich nach Nietzsche derart radikalisiert, dass (prä-)faschistische Ideologen à la Sorel, Baeumler, Chamberlain und Rosenberg ohne Schwierigkeit Anknüpfungspunkte finden konnten. Die unreflektierte Absorption der irrationalistisch angehauchten deutschen Willens- und Lebensphilosophie sowie der latente Hass auf die Moderne hatten die bürgerlichen Intellektuellen empfänglich für die menschenverachtende Trivialphilosophie des Faschismus gemacht. In gewisser Weise, so könnte man sagen, hat Thomas Mann mit seinen Analysen partiell Georg Lukács' Studie »Die Zerstörung der Vernunft« (1954) vorweggenommen, wenngleich mit einer weitaus unschärferen philosophischen Begrifflichkeit. 

Doch ähnlich wie Lukács erkannte er die nazistische Ideologie als erschütternden Tiefpunkt einer regressiven »Entwicklung«, die darin bestand, den aufklärerischen Vernunftbegriff bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln sowie die großen deutschen Kulturtraditionen völkisch zu »verhunzen«. Was schließlich übrigbleiben sollte, war eine »Riesenwelle exzentrischer Barbarei«; in der Berliner Rede von 1930 (Deutsche Ansprache. 

Ein Appell an die Vernunft) illustriert Mann die nazistische Weltanschauung wie folgt: »Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspricht eine Politik im Groteskstil mit Heilsarmee-Allüren, Massenkrampf, Budengeläut, Halleluja und derwischmäßigem Wiederholen monotoner Schlagworte, bis alles Schaum vor dem Munde hat. Fanatismus wird Heilsprinzip, Begeisterung epileptische Ekstase, Politik wird zum Massenopiat des Dritten Reiches oder einer proletarischen Eschatologie, und die Vernunft verhüllt ihr Antlitz.« 

Die Manipulationstechniken des Faschismus waren ihm ebenfalls vertraut, hatte er diese doch während seiner Italienreisen in den 1920er Jahren beobachten und literarisch verarbeiten können. Die Novelle »Mario und der Zauberer« (1929) legt diesbezüglich beredtes Zeugnis ab: Mit kalkuliert inszeniertem Mummenschanz, Taschenspielertricks, einer bizarren rhetorischen Begabung und massenhypnotischen Experimenten kontrolliert der ölige Illusionist Cipolla sein nationalistisch-xenophobisch erhitztes Publikum. Cipolla wählt seine »Opfer« vornehmlich aus den volkstümlichen und kleinbürgerlichen Teilen der Zuschauerschaft aus. Das adlig-großbürgerliche Publikum lässt er dagegen unangetastet. Eine frappante historische Parallele, die an sich keiner weiteren Erklärung bedarf: Desgleichen verschonte Mussolini das finanzstarke Bürgertum und den italienischen Adel, ging aber rücksichtslos im Auftrag ersterer mit seinen Schlägertrupps gegen politische Gegner und streikende Industrie- resp. 

Landarbeiter vor. Trotzdem vermochte er große Teile des Kleinbürgertums und der Arbeiterklasse durch seine Demagogie - wie Cipolla - um den Finger zu wickeln. Gegen Cipollas und Mussolinis Massenhypnose kann mit einem inhaltsleeren und konzeptlosen Nicht-Wollen kein Widerstand geleistet werden, nur mit einer besseren Zukunftsvorstellung ist dem »Magnetismus« faschistischer Rattenfänger zu begegnen. Indes nicht durch eine Castorp-Attitüde, denn »eine Sache nicht tun wollen, das ist auf die Dauer kein Lebensinhalt; etwas nicht wollen und überhaupt nicht mehr wollen, also das Geforderte dennoch tun, das liegt vielleicht zu benachbart, als dass nicht die Freiheitsidee dazwischen ins Gedränge geraten müsste, und in dieser Richtung bewegten sich denn auch die Zureden, die der Cavaliere zwischen Peitschenhiebe und Befehle einflocht«. (Th. Mann, Mario und der Zauberer) Cipolla wird letztlich besiegt und niedergestreckt vom Kellnerjungen Mario, dessen »Vater ein kleiner Schreiber im Municipio« und dessen »Mutter Wäscherin war«. (Th. Mann, Mario und der Zauberer) 

Was die gesellschaftlich-ökonomischen Triebkräfte, also den Klassencharakter des Faschismus anbelangt, so erkannte er letzteren in der Frühphase seiner demokratischen Politisierung noch nicht direkt, die Analyse blieb vorerst ideeller Natur. Quasi in einem dialektischen Prozess näherte er sich aber merklich einer marxistisch-materialistischen Faschismusinterpretation, von der er bis zu seinem Tod im Grunde nicht mehr abwich. In der Schweiz (1933-1938) und später in den USA (ab 1938) arbeitete der Emigrant mit erstaunlicher Verve an Aufsätzen und Reden, in denen er die Barbarei des deutschen Faschismus sodann nicht nur moralisch geißelte, sondern auch auf die Verstrickung der herrschenden Klassen sowohl Deutschlands als auch der westlichen parlamentarischen Demokratien (in erster Linie derjenigen Großbritanniens) aufmerksam machte. Letztere hätten zweifellos an der »Faschisierung des Kontinents« mitgewirkt. Thomas Mann, der in seiner frühen ästhetizistischen Schaffensphase vor explizit soziologischen Stellungnahmen bzw. Bestandsaufnahmen stets eine gewisse Abscheu empfand, hatte sich im fortgeschrittenen Alter zu einem scharfsinnigen und weitblickenden Faschismus-Analytiker gewandelt. In der Tat, Thomas Mann befand sich grosso modo auf einer Linie mit der marxistischen Faschismustheorie, wobei sich seine Wortwahl von derjenigen der Kommunistischen Internationale bzw. Georgi Dimitroffs nur unwesentlich unterschied. 

Den Höhepunkt von Manns Anti-Hitler-Aktivitäten stellen die in die Geschichte des Antifaschismus der deutschen Emigration eingegangenen BBC-Radiosendungen »Deutsche Hörer!« dar. Ein Jahr nach der Entfesselung des faschistischen Eroberungskrieges in Europa hielt er im US-amerikanischen Exil in vierwöchigen Abständen Reden, die direkt an das deutsche Volk gerichtet waren. Dieses ermahnte er dazu, sich nicht mit dem verbrecherischen Hitler-Regime bzw. dem amoralisch-kulturlosen Faschismus zu identifizieren und den Widerstand aufzunehmen. Die Hoffnung auf eine Rettung Deutschlands und einen Sieg der sozialen Demokratie - und hierunter verstand er explizit Gleichheit und ökonomische Gerechtigkeit - gab er nicht auf. So heißt es in einer Ansprache von 1943: »Ist Deutschland rettungslos verloren? Nein, es [das deutsche Volk - d. A.] kann gerettet werden, noch heute, noch morgen, vor der äußersten Zerstörung, die ihm droht: durch eine demokratische Revolution, durch die entschlossene Beseitigung des weltunmöglichen Raub- und Mordregimes, das diesen Krieg entzündet hat und dessen Verschwinden Deutschland friedensfähig machen würde, nach Ost und West.« Thomas Manns Faschismusbegriff konkretisierte sich mit Beginn des Zweiten Weltkriegs. In einer BBC-Rede vom 28. März 1944 bringt er den imperialistisch-kapitalistischen Charakter des Faschismus wohl am anschaulichsten auf den Punkt: 

»Ich nehme ein Zeitungsblatt und lese: rIn siebzehn Sprachen verkündet die Nazi-kontrollierte Presse des Kontinents ein 'Neues sozialistisches Europa'!l Zweitausend Lufthunnen täglich über diesen Lügensumpf - es gibt nichts anderes. Diese unmäßige Niedertracht, dieser revoltierende, den Magen umkehrende Betrug, diese schmutzige Schändung des Wortes und der Idee, dies überdimensionierte Lustmördertum an der Wahrheit muss vernichtet, muss ausgelöscht werden um jeden Preis und mit allen Mitteln; der Krieg dagegen ist ein Verzweiflungskampf der Menschheit, bei dem diese nicht fragen darf, ob sie selbst etwa im Kampfe Schaden leide. 

Sozialismus! Vom deutschen und internationalen Finanzkapital sind Hitler und seine Bande ausgehalten und in die Macht geschoben worden. Von der blinden Angst der bürgerlichen Welt vor dem Sozialismus haben sie gelebt und hoffen sie immer noch zu leben; denn dass rMünchenl nicht tot ist, dass ihre heimlichen Freunde in den alliierten Ländern weiterarbeiten, dass doch noch die west-östliche Front zerfällt und man sie als Bundesgenossen gegen den Sozialismus annimmt, ist ihre einzige Hoffnung. Der Sozialismus der faschistischen Volksbetrüger - was für eine schamlose Farce! In Italien fing es an, wo Aristokratie und Bürgertum sich dem Faschismus verkauften und das Volk in Krieg und Elend getrieben wurde. In Deutschland ist die Arbeiterklasse entrechtet und ihres Gewerkschaftsvermögens beraubt worden. 

Den Mittelstand hat das Dritte Reich auf den Hund gebracht. Aber wer blüht und gedeiht dortzulande, das sind die Plutokraten und Trustherren. Man spricht vom Staatskapitalismus. Es gibt keinen. Es gibt den Kapitalismus der Staatsbonzen neben dem der Geldmagnaten von vor der rRevolutionl. 

Hitler als Hauptaktionär des Eher-Verlages übertrifft ganz persönlich an gedunsenem Reichtum die meisten amerikanischen Multimillionäre. 

Reichsmarschall Göring hat seit der Gründung seines Konzerns, und nun gar seit dieser Konzern durch Waffengewalt international wurde, soviel kapitalistisches Fett angesetzt, dass er mutmaßlich heute das reichste Individuum der Welt ist. Der Arbeiterplünderer Ley gebietet über fünfundsechzig Kapitalgesellschaften. Gauleiter Sauckel hat einen eigenen Trust von Waffenwerken und Munitionsfabriken aufgebaut, über den noch nie eine Bilanz veröffentlicht worden ist. War denn nicht der Grundtrieb allen Nazitums immer Neid, Habgier, die Lust zu plündern, der geile Drang, sich in Macht und Geld zu sielen? Begriffe und Ideen zu stehlen ist nicht das letzte Gelüst dieses Abhubs. Das Wort rSozialismusl ist eine durch Raubmord erlangte Beute wie eine andere. Sie haben Europa unterworfen, sie gedachten, die Welt zu unterwerfen, damit aus dem Elend der niedergetretenen Völker die Profite des deutschen Großkapitals wüchsen. 

Monopol und Ausbeutung im Riesenmaß - sie nennen das Sozialismus. Was sich in den eroberten Ländern zur Zusammenarbeit, zum Geschäftemachen mit diesen rRevolutionärenl hergibt, ist überall eine korrupte Oberschicht, es sind reaktionäre Großbürger, aristokratische Drohnen und allenfalls süchtige Schriftsteller, die von SS-Offizieren Morphium beziehen. Die Verzweiflung der Völker unterdessen macht sich in Attentaten Luft, die sich häufiger noch gegen diese Kollaborateure als gegen die rsozialistischel Besatzungsmacht selber richten. 

Deutsche Hörer, Europa wird sozialistisch sein, sobald es frei ist. Der soziale Humanismus war an der Tagesordnung, er war die Vision der Besten in dem Augenblick, als der Faschismus seine schielende Fratze über die Welt erhob. Er, der das wahrhaft Neue, Junge und Revolutionäre ist, wird Europa seine äußere und innere Gestalt geben, ist nur erst der Lügenschlange das Haupt zertreten.« 

Der VerfemteÀ bon entendeur, salut! ist man hier geneigt zu sagen. Mit seinen für bürgerliche und linksliberale Kreise überraschenden Demaskierungen des Klassencharakters des Faschismus hatte sich Thomas Mann keine Freunde gemacht - es sollte auch den Vertretern der herrschenden Klassen der USA und der BRD nicht entgehen. So verwundert es eigentlich nicht, dass er gleich nach Kriegsende dem Zorn der amerikanischen und deutschen bourgeoisen Politikerklasse ausgesetzt war. In Westdeutschland wurde er zum Teil unter vorgehaltener Hand, zum Teil offen als »Vaterlandsverräter« apostrophiert - dies waren Töne, die er allzu gut kannte. Es waren Töne, die indes nicht überraschten, stammten sie doch aus den einschlägigen Kreisen. Altnazis und kleinbürgerliche Gefolgsleute der Hitlerfaschisten wie Professoren, Journalisten oder Schriftsteller, die von der lauen »Entnazifizierung« innerhalb der US-amerikanischen Besatzungszone unbehelligt geblieben waren und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wieder in »Amt und Würde« zurückkehren konnten, stempelten Mann zur persona non grata, die sich der Sowjetunion und der Sozialdemokratie zugleich verkauft habe. Als besonderen Affront werteten die alten Reaktionäre Thomas Manns DDR-Besuche im Goethe-Jahr 1949 und im Schiller-Jahr 1955. Die Vergabe des Lübecker Ehrenbürgertitels kann als symptomatisch im possenhaften Umgang zahlloser bundesrepublikanischer Politiker und Würdenträger mit dem Autoren des »Zauberberg« gelten. In Thomas Manns Heimatstadt tat man sich besonders schwer: Der Veranstaltung zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Mai 1955 blieben der Kultusminister Lemke, »Ex«-Nazi und fanatischer Kommunistenjäger, sowie zahlreiche Ratsmitglieder der konservativen Fraktion fern. 

Auf rein bürgerliche Standpunkte ließ sich Thomas Mann nach dem Krieg nicht mehr zurückdrängen. Der Pazifist trat als Mahner und Vermittler zwischen den zwei sich gegenüberstehenden Systemen auf - nichts war ihm mehr zuwider als eine weitere Absage an den Frieden. Ein erneuter Weltkrieg, und diesmal wäre es ein atomarer gewesen, hätte das Ende der menschlichen Zivilisation bedeutet. 

Der Romancier liebäugelte offen mit einer genuin sozialen Demokratie, ja mit dem Begriff »Sozialismus« schlechthin, wobei er zu keinem Zeitpunkt die gesellschaftliche Alternative marxistisch auffasste. Thomas Mann war kein Kommunist, doch als sozial ausgerichteter Antifaschist begrüßte er sozialistische und kommunistische Bestrebungen. Er sympathisierte mit den in den sozialistischen Staaten verfolgten Emanzipationszielen, zeigte indes weder ein gründliches Verständnis der revolutionären Rolle der Arbeiterbewegung bei der Genese sozialistischer Produktionsverhältnisse noch der Funktionsweise der Volksrepubliken. Als linkskeynesianischer Romantiker und Sozialdemokrat fasste er den Staat - etwas vereinfacht - als patriarchalisch organisiertes, sozial gerechtes Hortungs-, Verteilungs- und Investitionskonstrukt auf. 

Im vierten und letzten Band der biblischen Saga »Joseph und seine Brüder«, dem Buch »Joseph der Ernährer«, erfolgt die Transformation der Gesellschaft von »oben«. Freilich, die Eigentumsfrage wird gestellt, aber nur halb gelöst: »Es war eine Verbindung von Volksfürsorge und Kronpolitik, die sehr neu, erfinderisch und erheiternd wirkte (...). Nicht umsonst haben wir von einer Verzauberung des Eigentumsbegriffes durch Josephs Maßnahmen gesprochen; von einem Schwebezustand, in den dieser Begriff durch sie versetzt wurde, so dass der Blick der Leute, wenn sie ihn innerlich auf den Gedanken rBesitzl zu richten versuchten, sich im Zweideutigen brach und sich darin festsah. (...) Josephs Wirtschaftssystem war eine überraschende Verbindung von Vergesellschaftung und Inhaberfreiheit des einzelnen, eine Mischung, die durchaus als schelmisch und als Manifestation einer verschlagenen Mittlergottheit empfunden wurde.« (Th. Mann, Joseph der Ernährer) Das alles kommt dann doch sehr sozialdemokratisch-keynesianisch daher, ein »New Deal« im alten Ägypten. Lukács formuliert es folgendermaßen: »Dieses Oben bedeutet zwar Arbeit für alle, aber nie eine Leistung, eine Tat durch die Massen und weist darum keinerlei Wechselwirkung mit den Massen, keinerlei innere Beziehung zu ihnen auf.« (Georg Lukács, Die Tragödie der modernen Kunst) In der Tat, ein handelndes Subjekt kommt in Thomas Manns Epik trotz seines Respekts, seiner Hochschätzung und Verneigung vor ihm nicht oder bestenfalls peripher vor: die Arbeiterklasse. 

Alain Herman ist Deutschlehrer in Luxemburg 

 

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