Enteignung, Planung, Kontrolle 

Viktor Agartz war der letzte radikale Theoretiker von SPD und DGB. Zur Diskussion seiner fast vergessenen wirtschaftsdemokratischen Konzepte nach 1945.  

Von Christoph Jünke 

In: junge Welt online vom 09.12.2014 

 

Zum 50. Todestag des Marxisten, SPD-Politikers und Gewerkschaftstheoretikers Viktor Agartz drucken wir in drei Teilen einen Text von Christoph Jünke, der im nächsten Jahr in voller Länge in dem von Stefan Berger herausgegebenen Band »80 Jahre Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften – Erfahrungen, Lehren, Erinnerungen« im Essener Klartext-Verlag erscheint. _(jW) 

Max Horkheimers berühmt-berüchtigtes Diktum aus dem Jahre 1939: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen«, wurde in den 1960er und 1970er Jahren gerne auch mal gegen Gewerkschafter und Sozialdemokraten gewendet. Schaut man jedoch in die unmittelbare Nachkriegszeit, in die zweite Hälfte der 1940er Jahre also, fällt auf, dass es damals gerade die Gewerkschafter und Sozialdemokraten waren, die nicht nur mit großer Emphase von dem Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus sprachen, sondern aus diesem Zusammenhang auch bemerkenswert radikale Schlussfolgerungen zogen. 

Nehmen wir nur als sicherlich herausragendstes Beispiel das politische Denken des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher. Der deutsche Faschismus war für Schumacher der Ausdruck eines historischen Klassenbündnisses, eines Bündnisses des deutschen Monopol- und Finanzkapitals und der Schwer- und Rüstungsindustrie mit dem preußisch-deutschen Militarismus und jener spezifischen Mischung aus dem, was Schumacher das »Lumpenproletariat« und die kleinbürgerliche »Lumpenbourgeoisie« nannte. Ökonomisch betrachtet, sah er die Wurzeln des Nazifaschismus in jenem deutschen Imperialismus, der mit den politischen und militärischen Mitteln der Macht wirtschaftliche Expansionsbestrebungen des deutschen Monopol- und Finanzkapitals auf aggressive Weise durchzusetzen bemüht war. Und politisch betrachtet, war dies für ihn nur möglich, weil die politische (repräsentative) Demokratie Weimars nicht sozial abgesichert gewesen sei. 

Dies war der programmatische Gehalt seines Diktums vom Sozialismus als einer unmittelbaren Gegenwartsaufgabe: »Die Demokratie ist erst in einem sozialistischen Deutschland gesichert«, wie er im Juli 1945 schrieb. 

Der feste Wille 

Mit dieser Einschätzung stand Schumacher nicht allein. Ein weiteres, bisher kaum beachtetes Dokument dieses Geistes ist beispielsweise der von mehreren Kölner Sozialdemokraten im Sommer 1945 kollektiv erarbeitete Entwurf »Das Programm der Sozialdemokratie – Vorschläge für seine Erneuerung«. 

Unter der Leitung von Werner Hansen und vor allem von Viktor Agartz (der nicht nur den wirtschaftspolitischen Teil verfasste, sondern auch die Gesamtredaktion übernommen hatte) im September 1945 fertiggestellt, kam dieser Programmentwurf allerdings niemals in die parteipolitische Debatte und verschwand auf lange, lange Zeit in der Schublade. 

»Getragen von dem festen Willen«, lesen wir in der Präambel dieser interessanten Programmschrift, »in Deutschland keine Entwicklung mehr zuzulassen, die zum Nährboden faschistischer Bewegungen und imperialistischer Expansion werden könnte, soll dieses Programm Helfer für die Gegenwart und Wegweiser für die Zukunft sein.« In dem direkt von Viktor Agartz verfassten wirtschaftspolitischen Teil lesen wir, dass die künftige Organisation der deutschen Wirtschaft so zu gestalten sei, »dass durch eine zentrale Lenkung, durch den Einsatz schöpferischer sozialistischer Persönlichkeiten und Organisationen und durch die Überführung der wichtigsten Produktionsmittel in die öffentliche Hand jede Möglichkeit ausgeschaltet wird, den Wirtschaftsapparat zu Zwecken zu gebrauchen, die den sozialistischen Aufbau stören und den friedlichen Interessen des Volkes zuwiderlaufen.« 

Sozialistische Grundlage 

Heißt es bei Schumacher »Sozialismus als Gegenwartsaufgabe«, so heißt die Parole bei Agartz und den Kölner Sozialdemokraten »Neuaufbau auf sozialistischer Grundlage«. Darunter verstanden sie erstens den öffentlichen Besitz an Produktionsmitteln, d.h. die Enteignung der Grundstoffindustrien, der gesamten Versorgungsbetriebe, des gesamten Güter- und Personenverkehrs, der Großbanken und des gesamten Versicherungswesens. Zum zweiten verstanden sie darunter eine umfassende staatliche Planung und Lenkung der Ökonomie, drittens ein Außenhandelsmonopol. Viertens forderten sie die Kontrolle des übrig bleibenden privatwirtschaftlichen Sektors durch die öffentliche Hand und fünftens die Förderung gewerkschaftlicher Eigenbetriebe und eines umfassenden Genossenschaftswesen im Konsumgüterbereich, im Handwerk sowie im Wohnungsbau- und Wohnungsbewirtschaftungssektor. Sechstens schließlich finden wir hier die Forderung nach der Zerschlagung des landwirtschaftlichen Großgrundbesitzes und der genossenschaftlichen Organisation der landwirtschaftlichen Klein- und Mittelbetriebe. 

Wir haben es bei dieser Programmschrift mit einem so weitgehend unbekannten wie bemerkenswert frühen Dokument sozialdemokratischer Neuordnungspolitik zu tun. Und wer sich bisher fragte, warum gerade Viktor Agartz der richtungsweisende Wirtschaftspolitiker der Nachkriegs-SPD und der Gewerkschaften werden sollte, warum gerade Agartz auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD im Mai 1946 das neben Schumacher zweite Hauptreferat (zur sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik) hielt, der findet in diesem frühen Kölner Programmdokument die entscheidende Antwort. 

Neue Formen 

Agartz hat seinen damals von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern breit getragenen und entsprechend einflussreichen wirtschaftsdemokratischen Ansatz im Frühsommer 1946 systematisiert und konkretisiert – in den beiden wirtschaftspolitischen Programmreden über »Sozialistische Wirtschaftspolitik« und »Neue Formen der Wirtschaft«. Er brachte dabei sein Neuordnungskonzept auf den zentralen Begriff einer »Sozialistischen Planwirtschaft im demokratischen Rechtsstaat« – ein Begriff, der beide Aspekte der sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Faschismusanalyse in sich vereinigt: den demokratischen Rechtsstaat als die zentrale politische Lehre aus der Erfahrung mit dem deutschen Faschismus und die sozialistische Planwirtschaft als die zentrale ökonomische Lehre. 

Die alten Analysen 

Die programmatische Idee ist wesentlich die Sozialisierung der ökonomischen Schlüsselindustrien. Betrachtet man die dieser Konzeption zugrundeliegende Kapitalismusanalyse, so steht sie eindeutig in der Kontinuität der alten Analysen Rudolf Hilferdings über das Finanzkapital und den organisierten Kapitalismus. Der Hauptfehler des modernen Kapitalismus wird hier in seinem monopolkapitalistischen Charakter gesehen. Weil dieser Monopolcharakter aber als ökonomisch zwangsläufig gilt, sollen die Monopole nicht zerschlagen, sondern enteignet und vergesellschaftet werden. Das kleine und mittlere Eigentum an Produktionsmitteln kann und soll durchaus beibehalten werden, soll aber durch neue Wirtschaftsformen und neue Formen der Mitbestimmung und Arbeiterkontrolle in seinem kapitalistischen Charakter nachhaltig entschärft werden. 

Wo möglich, sollten neue Unternehmensformen ausprobiert und ausgeweitet werden, v. a. die Vergenossenschaftlichung des Handels-, Handwerks- und Agrarsektors. Und wo dies aus ökonomischen oder betriebstechnischen Gründen nicht gehe, sollten Organe wirtschaftlicher Selbstverwaltung (beispielsweise die Industrie- und Handelskammern) ebenso wie Vorstände und Aufsichtsräte zwischen Lohnarbeit, Kapital und Management paritätisch besetzt werden. Die neuen Einheitsgewerkschaften galten als Garanten einer überbetrieblichen Solidarität. 

Gerade das Ziel, die Sozialisierung weniger in Form einer Verstaatlichung als vielmehr in der Form einer möglichst umfassenden Vergesellschaftung anzugehen, grenzt sich nachhaltig von der kommunistischen Wirtschaftspolitik in Osteuropa ab, von jenem, wie es bei Agartz heißt: zentralistischen Staatskapitalismus in Form einer marktlosen Wirtschaft. »Reine Staatsbetriebe«, so Agartz 1947, »sind im allgemeinen auszuschließen, da eine staatskapitalistische Wirtschaft das Verhältnis von Mensch und Betrieb ebensowenig zu lösen vermag, wie es bei einem privatkapitalistischen Großbetrieb der Fall ist.« Sozialistischer Neuaufbau heißt für ihn nicht nur die bloße Neuordnung der Arbeit, sondern auch des Lebens als Ganzem. 

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Zur Person: Viktor Agartz 

In: junge Welt online vom 09.12.2014 

 

Viktor Agartz war der letzte Vertreter eines explizit sozialdemokratischen Programms gesellschaftlicher Systemüberwindung im 20. Jahrhundert. Er starb heute vor 50 Jahren in der Nähe von Köln. 

Geboren wurde er am 15. November 1897 in Remscheid als Sohn eines Metallarbeiters. Er studierte Volkswirtschaft, Philosophie und Jura. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg und trat 1918 in die SPD ein. Er promovierte zum Thema »Das praktische Verhalten der Arbeiterschaft gegenüber der Durchführung des Betriebsschutzes«, heiratete in Köln eine Ärztin und arbeitete dort in der Konsumgenossenschaft. Von den Nazis entlassen, wurde er Wirtschaftsprüfer, beteiligte sich am antifaschistischen Widerstand und tauchte 1944 ab, um einer Verhaftung zu entgehen. 

Nach Kriegsende beauftragte ihn die Militärregierung in der britischen Besatzungszone mit der Leitung des Zentralamtes für Wirtschaft in Minden, das dann auch für die US-amerikanische Zone zuständig war. 1949 wurde Agartz Leiter des vom DGB gegründeten Wirtschaftswissenschaftlichen Institutes (WWI, heute: WSI), das er wegen einer Intrige gegen ihn 1955 verlassen musste. Noch 1954 hatte er die Grundsatzrede auf dem dritten DGB-Kongress in Frankfurt am Main gehalten, eine »kristallklare Analyse der gegenwärtigen Situation«, wie damals der stellvertretende DGB-Vorsitzende Matthias Föcher anmerkte. 

Im Klima des Kalten Krieges verfolgte Agartz im Unterschied zu seinem Förderer, dem 1952 verstorbenen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher, keinen antikommunistischen Kurs. KPD und SED waren für ihn bei aller Kritik weiterhin Teil der Arbeiterbewegung. 

1956 gründete er mit dem Vermögen seiner verstorbenen Frau die Gesellschaft für wirtschaftswissenschaftliche Forschung, die bis 1961 die Halbmonatszeitschrift WISO – Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften herausgab. 1957 wurde Agartz der abstruse Vorwurf gemacht, von der DDR finanziert zu werden. Er wurde als Landesverräter verhaftet, aus SPD und Gewerkschaft ausgeschlossen und dann, verteidigt vom späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann (SPD), vom Bundesgerichtshof aus Mangel an Beweisen freigesprochen. 

Außerhalb der SPD wurde Agartz in den späten 50er Jahren »schließlich der bekannteste und einflussreichste Exponent linkssozialistischer Opposition« (Christoph Jünke). So gehörte er zu den Initiatoren der Vereinigung unabhängiger Sozialisten, die 1961, allerdings ohne Agartz, in der Deutschen Friedensunion aufging. Für Agartz war diese pazifistisch ausgerichtete, linksbürgerliche Sammlungsbewegung zu wenig klassenkämpferisch orientiert. _(jW) 

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Beteiligen statt bestimmen 

Viktor Agartz war der letzte radikale Theoretiker von SPD und DGB. Zur Diskussion seiner fast vergessenen wirtschaftsdemokratischen Konzepte nach 1945 (2).  

Von Christoph Jünke 

In: junge Welt online vom 10.12.2014 

 

Zum 50. Todestag des Marxisten, SPD-Politikers und Gewerkschaftstheoretikers Viktor Agartz (am 9.Dezember) drucken wir in drei Teilen einen Text von Christoph Jünke, der im nächsten Jahr in voller Länge in dem von Stefan Berger herausgegebenen Band »80 Jahre Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften – Erfahrungen, Lehren, Erinnerungen« im Essener Klartext-Verlag erscheint. _(jW) 

  

Agartz’ Konzeption einer postfaschistischen wirtschaftspolitischen Neuordnung steht eindeutig in der Kontinuität der sozialdemokratischen Konzepte zur Wirtschaftsdemokratie aus den 1920er Jahren. In zentralen Aspekten radikalisiert sie diese Tradition jedoch. Auch wenn der erste Aspekt, die von Beginn an umfassende Enteignung der Schlüsselindustrien, heutige Betrachter eher an den traditionell kommunistischen Standpunkt erinnert, so unterschätzt man dabei leicht die theoretische Radikalität des sozialdemokratischen Selbstverständnisses der zwanziger und dreißiger Jahre, die hier eine letzte Fortführung erfuhr. 

Die in das Weimarer Konzept der Wirtschaftsdemokratie gefasste alte Idee einer Demokratisierung der Wirtschaft bezeichnete nach Fritz Naphtali »die Beseitigung jeder Herrschaft und die Umwandlung der leitenden Organe der Wirtschaft aus Organen der kapitalistischen Interessen in solche der Allgemeinheit«. Das ist leichter formuliert gewesen als theoretisch-praktisch durchdacht, und es gibt entsprechend unterschiedliche Interpretationen dieser Idee einer Wirtschaftsdemokratie. Sie reichen von einem demokratisch reformierten Kapitalismus über die Mischung kapitalistischer und sozialistischer Ordnungsprinzipien bis zu sozialistisch-kollektivistischen Strukturen. In der klassischen Fassung von Fritz Naphtali haben wir es mit einer Form evolutionärer, gradualistischer Demokratisierung zu tun, bei welcher die planwirtschaftlichen Elemente des organisierten Monopolkapitalismus erweitert und/oder ergänzt werden sollen durch das schrittweise Eindringen von repräsentativer Arbeitermacht und Arbeiterorganisationen in den als klassenneutral verstandenen politischen Staat, der dann wiederum die Ökonomie zunehmend von oben wie von unten sozialisiert. Man müsse, so Naphtali wörtlich, »anknüpfen (…) an alle gemeinwirtschaftlichen Keime, die schon im Schoße der alten Wirtschaftsverfassung heranwachsen«. 

Unmittelbar, sofort 

Indem Agartz’ Neuordnungskonzept nicht nur wie Naphtali die praktische Verfügungsgewalt über das Privateigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln schrittweise angreift, sondern, zumindest in den modernen Schlüsselindustrien, dieses Privateigentum selbst aufheben will, indem es gewerkschaftliche Mitbestimmung nicht nur arbeitsrechtlich und sozialpolitisch, sondern auch und vor allem gesellschaftspolitisch fasst und zwar als unmittelbaren, sofortigen Prozess umfassender Sozialisierung, ist es umfassender und tiefgreifender als Naphtalis Konzeption einer Wirtschaftsdemokratie. 

Viktor Agartz‘ Idee einer sozialistischen Planwirtschaft im demokratischen Rechtsstaat als zentrale wirtschaftspolitische Neuordnungskonzeption der frühen Nachkriegszeit darf, historisch betrachtet, als der radikalste Versuch eines explizit sozialdemokratischen Programms gesellschaftlicher Systemüberwindung im 20. Jahrhundert betrachtet werden. Es war jedoch nicht nur der radikalste, es war auch gleichzeitig der letzte Versuch – ein Versuch, der zudem als ebenso praktisch wie theoretisch gescheitert zu betrachten ist. Und praktisch gescheitert ist die wirtschaftsdemokratische Neuordnung einmal mehr an der berühmt-berüchtigten Machtfrage. 

So wichtig auch die Rolle von Gewerkschaften und Sozialdemokratie in den Jahren nach dem Zusammenbruch des deutschen Nazifaschismus gewesen ist, so waren sie doch auch hier immer nur beteiligt, nie aber wirklich bestimmend. 

In historisch neuer Form wiederholten sie den gleichen Fehler wie 1918, den die Sozialdemokratie in ihrem Prager Manifest von 1934 selbst so scharf herausgestellt hat: Man dürfe die Macht kein zweites Mal mit den bürgerlichen Parteien und der alten Bürokratie teilen, man dürfe und könne den Aufbau eines neuen, freien Staatswesens »erst nach der Sicherung der revolutionären Macht und nach restloser Zerstörung der kapitalistisch-feudalen und politischen Machtpositionen der Gegenrevolution« beginnen. Sozialdemokratie und Gewerkschaften haben eine solche Neuordnung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zwar immer wieder propagiert, aber unter den Bedingungen einer (wie auch immer aufgeklärt-zivilisierten) Militärdiktatur der Besatzungsmächte nicht durchsetzen können. 

Evolutionär statt revolutionär 

Entsprechend betonte Hans Böckler als ihr wohl wichtigster Propagandist noch im November 1950, »dass sich die Gewerkschaften darüber klar sind, dass wir heute einen Teil dessen nachholen, was 1945 in anderer Form geschehen wäre, wenn uns die Besatzungsmächte nicht daran gehindert hätten. Wir sind bestrebt, das auf evolutionärem Weg nachzuholen, was 1945 zweifellos auf revolutionärem Weg erreicht worden wäre.« 

Viktor Agartz war sich dieses objektiven Dilemmas sehr genau bewusst. Bereits im Sommer 1945 schreibt er in »Das Programm der Sozialdemokratie – Vorschläge für seine Erneuerung«: »Die von uns aufgestellten sozialistischen Programmpunkte können wir in Deutschland nur dann durchführen, wenn die Gewissheit besteht, dass die Siegermächte einem so beabsichtigten, friedlichen Wiederaufbau Deutschlands keine Hindernisse in den Weg legen.« Gerade dies haben sie aber getan, die alliierten Besatzungsmächte. Sie haben, im Bündnis mit den konservativen Eliten Westdeutschlands und vor dem Hintergrund der weltpolitischen Entwicklung, den progressiven Kräften nachhaltige Hindernisse in den Weg der Systemtransformation gelegt. Und so wurde die Machtfrage in dieser eigenartigen Latenzphase der Nichtgeschichte zugunsten des rheinischen Kapitalismus entschieden. Die wirtschaftsdemokratische Neuordnung wurde verhindert.  

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Reform oder Gegenmacht? 

Viktor Agartz war der letzte radikale Theoretiker von SPD und DGB. Zur Diskussion seiner wirtschaftsdemokratischen Konzepte nach 1945 (3 und Schluss).  

Von Christoph Jünke 

In: junge Welt online vom 11.12.2014 

 

  

Zum 50. Todestag des Marxisten, SPD-Politikers und Gewerkschaftstheoretikers Viktor Agartz (am 9. Dezember) drucken wir in drei Teilen einen Text von Christoph Jünke, der im nächsten Jahr in voller Länge in dem von Stefan Berger herausgegebenen Band »80 Jahre Zerschlagung der deutschen Gewerkschaften – Erfahrungen, Lehren, Erinnerungen« im Essener Klartext-Verlag erscheint. _(jW) 

Das von Viktor Agartz entworfene Programm einer gesellschaftlichen Systemüberwindung wurde von den alliierten Besatzungsmächten im Bündnis mit den konservativen Eliten Westdeutschlands verhindert – vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Kriegs. Statt der Wirtschaftsdemokratie setzte sich der rheinische Kapitalismus durch. 

Nichtsdestotrotz leiden die von Agartz, Schumacher und anderen damals vertretenen sozialdemokratischen Konzepte zur Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft unter einer verkürzten Kapitalismusanalyse und einer daraus bedingten verkürzten Faschismusanalyse. Kapitalistische Ausbeutung und Entfremdung werden hierbei vor allem aus dem Monopolbesitz abgeleitet, also einmal mehr aus Verteilungsfragen und nicht aus der allgemeinen kapitalistischen Mehrwertproduktion und -aneignung als solcher. Der Faschismus ist jedoch nicht das automatische Produkt monopolkapitalistischer Bestrebungen, sondern Produkt einer umfassenden Krise bürgerlicher Demokratie und Ökonomie unter bestimmten historischen Bedingungen, Produkt also eines ebenso staatlichen wie außerstaatlichen Klassenkampfes gegen die organisierte Arbeiterbewegung. 

Eine Verwechselung 

Eine naheliegende Folge der verkürzten Kapitalismus- und Faschismusanalyse ist die Verwechselung von politischer und sozialer Revolution, eine Verwechselung, die weitreichende Folgen auch für die wirtschaftsdemokratische Diskussion hat. Denn so eingängig und auf den ersten Blick überzeugend die Idee einer Ausdehnung der rein politisch gefassten bürgerlichen Demokratie auf den Bereich der kapitalistischen Ökonomie auch ist, lässt sich doch feststellen, dass sie im Grunde genommen prinzipiell unmöglich ist. 

Das Kapital duldet die Demokratie von Lohnarbeitern und anderen nur als politisch-formale, nur weil und nur solange es eine strukturelle Trennung der ökonomischen und der politischen Sphäre in ihren Gesellschaftsformationen gibt. Eine wirkliche Ausweitung der Demokratie auf die Wirtschaft kann es strukturell nicht geben, denn dann wäre die betreffende Gesellschaft keine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsformation mehr. Solange dagegen diese kapitalistische Grundstruktur nicht überwunden ist, kann eine solche Wirtschaftsdemokratie allenfalls eine regulative Idee im Sinne einer Schutzfunktion bestimmter Teile der kapitalistischen Ökonomie sein. Soll dagegen Demokratie in der Wirtschaft wirklich herrschen, kann diese nicht mehr kapitalistisch, nicht mehr nach den Prinzipien von Profit und Konkurrenz organisiert sein. 

Wirtschaftsdemokratische Strategien bleiben deswegen strukturell eingebunden in das, was Ernest Mandel die »Dialektik der Teilerrungenschaften« genannt hat. Jede Arbeiterbewegung muss um Reformen und Teilerrungenschaften innerhalb des herrschenden Systems kämpfen. Die für Sozialisten entscheidende Frage ist jedoch, ob solcherart Mitbestimmung und Demokratisierung verstanden wird als bloße Ordnungs- und Schutzfunktion oder aber auch als Orientierungs- und Mobilisierungsfunktion. Ist die gewerkschaftliche Ordnungs- und Schutzfunktion nur ein Mittel ökonomischer und politischer Machtkontrolle, ein Mittel der Reformen innerhalb des Kapitalismus? Oder ist sie auch das Mittel einer klassenpolitischen Gegenmacht, ein Übergangskonzept erweiterter Auseinandersetzungen um eine grundsätzlich andere Gesellschaftsform? 

Einpassung und Erbauung 

Grob gesprochen lässt sich die aus dieser realgeschichtlichen Entwicklung resultierende Spannung von wirtschaftsdemokratischer Theorie und Praxis Stück für Stück im Sinne einer Anpassung der Theorie an die Praxis lösen, im Sinne einer Einpassung in den vorherrschenden Status quo. So geschehen Anfang der fünfziger Jahre, als sich der Großteil der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Westdeutschlands auf ihrem langen Weg nach Bad Godesberg dafür entschied, sich wenn auch nicht unkritisch, so doch grundsätzlich in die neuen deutschen Verhältnisse zu integrieren. Auf diesem Wege wurde aus der strategischen Zielidee einer sozialistischen Planwirtschaft im demokratischen Rechtsstaat das Selbstverständnis eines demokratischen und sozialen (bürgerlichen) Rechtsstaates, aus der Planwirtschaft die vermeintlich soziale Markwirtschaft einer Mixed economy, aus der Wirtschaftsdemokratie die bloße Mitbestimmung, und aus dem Sozialismus eine unverbindliche ethische Phrase für die sonntägliche Erbauung – bevor sozialistische Positionen im eigenen Organisationsleben schließlich ganz als politisch unvereinbar galten. 

Die Grundsubstanz 

Viktor Agartz dagegen ist ein hervorstechendes Beispiel für eine alternative Konsequenz des dargestellten Dilemmas insofern er sich dieser sozialdemokratischen Entwicklung verweigert hat: Halb freiwillig, halb gezwungen hat ihn sein wirtschaftsdemokratischer Kurs in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre in die gesellschaftspolitische Opposition getrieben und dabei in die Nähe der Kommunisten gebracht – ohne dass er ein solcher geworden wäre. Er hielt an seiner klassisch sozialdemokratischen Haltung fest und wurde ein ausgebürgerter, frei schwebender und marginalisierter Linkssozialist wider Willen, der unter die Räder des politisch-ideologisch zugespitzten Kalten Krieges geriet. 

Als Sozialist sah der späte Agartz in der neuen Bundesrepublik vor allem die alten faschismusfreundlichen Kräfte am Werk. Viele seiner sozialdemokratischen Genossen betonten dagegen das Neue, das Demokratische an der neuen Bundesrepublik und begannen, den antitotalitären Konsens nun vor allem in antikommunistischem Sinne umzuinterpretieren. 

Agartz dagegen gehörte zu jenen, die auch nach der Gründung des SED-Staates davon ausgingen, dass die Kommunisten trotz aller Kritik Teil der deutschen Arbeiterbewegungsfamilie blieben, während führende Sozialdemokraten gerade dies explizit bestritten. Verabsolutierte der sozialdemokratische Mainstream nun den Bruch mit den Kommunisten, so sah Viktor Agartz keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen dem deutschen Nazifaschismus und der von ihm nun als strukturell faschistoid eingeschätzten westdeutschen Demokratie. »Hinsichtlich ihrer Grundsubstanz«, schreibt er, »ist es für eine spätkapitalistische Gesellschaftsordnung gleichgültig, ob sie nationalsozialistisch oder demokratisch verchromt auftritt, da weder die geübte politische Herrschaftspraxis noch die angewandten Methoden entscheidend sind.« 

Zum Weiterlesen siehe Christoph Jünke: »Das dritte Leben des Viktor Agartz«, auf http://www.globkult.de/ (Dezember 2014) 

Am 17. Januar findet in Bochum eine von der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW organisierte Konferenz zum 50. Todestag von Viktor Agartz statt: »Von der Mitbestimmung zur Wirtschaftsdemokratie?«, ab 11 Uhr im Institut für soziale Bewegungen, Clemensstr.17-19 

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