Das deutsche Herrenessen  

Heute vor 90 Jahren dinierte die Elite der Weimarer Republik für die Zukunft ihres Vaterlands und fraß sich durch bis zum Kampf gegen Willy Brandt  

Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 12.1.2.2014 

 

Im Geiste saß er mit am Tisch, als sich am 12. Dezember 1924 der »Deutsche Herrenklub« mit einem deutschen »Herrenessen« im feudalen Hotel Bristol konstituierte: Dr. Eduard Stadtler, der nicht als Gefreiter wie Adolf Hitler, sondern als Vizefeldwebel aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war, alsbald mit Industriegeldern - vor allem von Hugo Stinnes und Albert Vögler - die Antibolschewistische Liga gründete und der dem Hauptmann Waldemar Pabst die gern befolgte Empfehlung gab, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umzubringen. 

Über den »Bolschewismus als Weltgefahr« hatte Stadtler auf Einladung von Hugo Stinnes und der Deutschen Bank schon zwei Monate nach der Novemberrevolution, am 10. Januar 1919, vor 50 Wirtschaftsführern aufgeklärt. Am Ende stand Stinnes auf und sagte: »Wenn die deutsche Industrie-, Handels- und Bankwelt nicht willens und in der Lage ist, gegen die hier aufgezeigte Gefahr eine Versicherungsprämie von 500 Millionen Mark aufzubringen, dann sind sie nicht wert, deutsche Wirtschaft genannt zu werden.« 

Es gelte nur noch, sich über den Modus einer »freiwilligen Selbstbesteuerung« zu einigen. Das geschah. Schon in den nächsten Tagen flossen die ersten Gelder in den von einem Stinnes-Mann verwalteten »Antibolschewisten-Fonds« für die entsprechenden Kampfgruppen - »Antibolschewistische Liga«, Selbstschutzorganisationen, Freikorps - und in die Kassen der aktiven Truppen und auch der SPD. Und schon fünf Tage nach Stadtlers Brandrede waren Luxemburg und Liebknecht tot, gemäß der Vizefeldwebelphilosophie: »Wenn auf unserer Seite vorerst keine Führer zu sehen sind, dann darf wenigstens die Gegenseite auch keine haben.« 

Mit den Millionen der Industrie gründete Stadtler ein Fülle von Vereinen, Kampftruppen und auch Zeitschriften wie  

Das Gewissen, das er sich bei seinen Mordaufrufen nicht machte. Dieses Gewissen sprach vor allem für den von Stadtler initiierten »Juni-Klub«, für die »Vereinigung für nationale und soziale Solidarität«, die »Solidarier«, und das »Politische Kolleg für nationalpolitische Schulungs- und Bildungsarbeit«, kurz für all das, was man damals die jungkonservative Bewegung nannte. 

Alles prächtige Einrichtungen. Stadtler, der sich wie der erwähnte Gefreite als Trommler verstand, wollte die Massen erreichen. Aber das hatte einen Nachteil: Die aus dem Kaiserreich in die Weimarer Republik herübergewanderte Elite aus Wirtschaft und Großgrundbesitz war nicht unter sich. Heinrich Freiherr von Gleichen-Rußwurm, der mit Stadtler schon aus der »Arbeit« der »Antibolschewistischen Liga« verbunden und der zu Kaisers Zeiten im preußischen Landwirtschaftsministerium und im Generalstab tätig war, er wollte diese Elite gewinnen: »Wir brauchen die politische Oberschicht, die unser Volk so lange entbehren musste. Bestehend aus unabhängigen Persönlichkeiten, freien deutschen Herrenmenschen, einen Adel nordischer und auch christlicher Gesinnung, der den Willen hat, sich gegen die bestehende organisierte Massenherrschaft, gegen Parlamentarismus und Demokratie auf alle Fälle durchzusetzen.« 

Freiherr von Gleichen war mit der Zeit das Herumkrauchen in den vielen nationalen und konservativen Organisationen zu viel geworden: »Wir jungen Konservativen müssen uns darüber klar sein, dass unser Ziel: das nationale Reich konservativen Aufbaus, nicht in raschem Sturm erobert werden wird, sondern in langandauerndem zähen politischen Ringen, bei dem das Menschenmaterial entscheiden wird, das wir von rechts her aufbringen.« Und so gründete er 1924 aus dem überquellenden »Juni-Klub« heraus zusammen mit dem Gutsbesitzer Hans Bodo Graf von Alvensleben-Neugattersleben den »Deutschen Herrenklub«. Der war im Gegensatz zu dem zuweilen minderen Menschmaterial in Stadtlers Vereinsgründungen streng elitär, die Mitgliederzahl wurde begrenzt, und die Beiträge waren so unverschämt hoch, dass ein - sagen wir - normaler Nationaler sich das nicht leisten konnte. 

Auf leisen Sohlen 

Elitär war auch das Aufnahmeverfahren durch ein 24köpfiges Komitee. Wer auch nur zwei Gegenstimmen bekam, konnte nicht Mitglied werden. Aber Emil Kirdorf und Fritz Thyssen, Friedrich Flick und Edmund Stinnes, Carl Bosch und Carl Duisberg schafften das bequem. Ebenso wie die übrige Elite von Industrie und Banken, Großagrarier und Rittergutsbesitzer und so mancher Minister und Ministerialdirektor, mit dem sich in den abgeschotteten Räumen des Herrenklubs bequem und diskret verhandeln ließ. Und das nicht nur in Berlin, insgesamt gab es bald 18 weitere Herrenklubs in anderen Städten. 

André Postert, Lehrbeauftragter am Institut für Geschichtswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, hat soeben eine Dissertation über den Herrenklub und die jungkonservative Bewegung veröffentlicht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass mit dem Herrenklub das jungkonservative Ziel des »Dritten Reiches« - eines Staats frei von Parteien - »auf leisen Sohlen bis hin zum Staatsstreich« erreicht werden sollte. Erstaunlich, dass Postert sich in seiner umfangreichen Untersuchung das Herrenessen vom Dezember 1930 entgehen lässt, bei dem selbiges Reich durchaus vernehmbar, ja wie mit Stiefeln, in den Herrenklub einmarschiert. Dessen Mitglied Otto Geßler, der als Reichswehrminister dem sozialdemokratischen Mordhelfer Gustav Noske nachgefolgt war, hielt die Festrede, die Postert natürlich ebensowenig erwähnt wie Geßlers Namen. 

Nur der 1999 verstorbene DDR-Historiker Joachim Petzold - Wikipedia warnt (am 9.12.2014): »Als Mitglied der SED wirkte er zudem daran mit, die Geschichtswissenschaft der DDR zu einer historischen Herrschaftswissenschaft zu entwickeln, d. h., sie zu einer Stütze der Parteidiktatur in Ostdeutschland auszubauen« - Petzold also baut selbigen Unrechtsstaat aus, indem er darauf hinweist, dass beim Deutschen Herrenessen heute vor 84 Jahren das Herrenklubmitglied Otto Geßler seine Rede gipfeln ließ in der Aufforderung, jenen Zustand herbeizuführen, »den unsere Jugend das Dritte Reich nennt«. SED-Geschichtsagitator Petzold dazu 1984: »Wenn mit dem Begriff > 

Drittes Reich< damals auch noch keine Hitlerherrschaft gemeint, sondern nur die jungkonservative Zielvorstellung Arthur Moeller van den Brucks aufgegriffen wurde, so war doch ein eindeutiges Bekenntnis gegen die Weimarer Republik abgelegt, die in der Vorstellungswelt des DHK (Deutscher Herrenklub; O. K.) als ein Interregnum zwischen dem zweiten Reich Bismarcks und dem autoritären Herrschaftssystem eines dritten Reiches galt und so schnell wie möglich beseitigt werden sollte.« 

Hindenburg nickt 

Petzold vermerkt, dass bei der Erwähnung des kommenden Dritten Reiches nach einem Pressebericht ein Mann »wie zur Freude aller Anwesenden festgestellt werden konnte, wiederholt mit dem Kopf« nickte. Es war der Reichspräsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, der selbstverständlich in seiner höheren Funktion als Ehrenpräsident des Herrenklubs anwesend war. 

Eineinhalb Jahre später berief dieser Reichspräsident das aktive Herrenklubmitglied Franz von Papen zum Reichskanzler. Es war das »Kabinett der Barone«. Direkt aus seinem Herrenklub rekrutierte Papen den Innenminister Wilhelm Freiherr von Gayl und den bewährten Kapp-Putschisten Magnus Freiherr von Braun - Sohn Wernher bastelte später für die Nazis die »V-Waffen« - als Landwirtschaftsminister, zuständig für den Korruptionsstall der Osthilfe, nach dem auch Hindenburg stank. Und dazu noch als Finanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk. Der hatte Zukunft: Er blieb das unter Reichskanzler Kurt von Schleicher, ebenso unter dem »Führer« und wurde 1945 unter Reichspräsident Karl Dönitz der Leitende Minister und Außenminister der vorläufig letzten Reichsregierung. 

Aber auch alle anderen Minister standen dem Herrenklub nahe oder waren Mitglied in seinen Vorfeldorganisationen wie dem »Juni-Klub«. Papens Kabinett der Barone vom Juni 1932 war das erste echte Präsidialkabinett der Weimarer Republik - im Gegensatz zur Vorgängerregierung Heinrich Brüning war kein einziger der neuen Reichsminister ein gewählter Reichstagsabgeordneter oder hatte auch je einem anderen Kabinett angehört. 

1932, am 16. Dezember, hielt Franz von Papen die große Herrenrede beim Deutschen Herrenessen des Deutschen Herrenklubs, einen Rechenschaftsbericht seines durch und durch autoritären Kabinetts. Dabei musste er allerdings in gewisser Weise Konzessionen an demokratische Gedankengänge in der Form machen, dass er verkündete, »die Eingliederung der großen nationalsozialistischen Freiheitsbewegung« sei »das vornehmste Ziel seiner Regierung«. Hitler hatte 1932 das Kabinett der Barone toleriert und Papen dafür das SA-Verbot aufgehoben. 

Wahnsinn 

Nach seinem Vortrag im Herrenklub zog sich Papen mit seinem Herrenklubkollegen Bankier Kurt Freiherr von Schröder zurück. Sie berieten die Zukunft. Ergebnis: Bankier Schröder stellte sein Haus für ein Treffen mit Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Rudolf Heß zur Verfügung. Das war - so der Historiker Karl Dietrich Bracher - die »Geburtsstunde des Dritten Reiches«. Für den Herrenklub aber war es eine annehmbare Übereinkunft mit den Demokraten. Mitglied Walther Schotte schrieb im Verbandsorgan  

Der Ring 

 am 3. Februar 1933, vier Tage nach der Machtübergabe an Hitler: »Franz von Papen entschloss sich zu der Kompromisslösung des parlamentarischen Minderheitskabinetts der Harzburger Front. Es wäre Wahnsinn, Herrn von Papen zu unterstellen, er hätte dieser Kompromisslösung wegen der Gedanken der autoritären Staatsführung preisgegeben, und stünde nicht auch heute auf dem Standpunkt, dass nur ein echtes Präsidialkabinett diesem Gedanken gerecht werden kann.« Die Machtübergabe hatte also für den Herrenklub nur den Sinn, »den Weg freizumachen für die Bildung einer echt präsidialen« - jeglichen demokratischen Versuchungen abgeneigten - »Regierung, für die große Reform des Reichsaufbaus und der Verfassung«. 

Kurz, die Regierung Hitler ist als ein Kompromiss gegenüber parlamentarisch-demokratischen Vorstellungen zu verstehen, der aber nichts daran ändern kann, dass eine autoritäre Diktatur angeführt von Männern wie Papen notwendig ist. Die Herren vom Deutschen Herrenklub hatten den Steigbügelhalter mit dem entschlossenen Reiter verwechselt. 

Dem Bankier Schröder war das nicht passiert. Er konnte zwischen dem, der im Sattel saß, und dem, der ihm draufhalf, genau unterscheiden, jedenfalls später beim IG-Farben-Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg: »Bevor ich diesen Schritt unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit an der Macht bleiben würde. Als die NSDAP am 6. November 1932 einen ersten Rückschlag (bei der Reichstagswahl; jW) erlitt und somit also ihren Höhepunkt überschritten hatte, wurde eine Unterstützung durch die deutsche Wirtschaft besonders dringend. Ein gemeinsames Interesse der Wirtschaft bestand in der Angst vor dem Bolschewismus und der Hoffnung, dass die Nationalsozialisten - einmal an der Macht - eine beständige politische und wirtschaftliche Grundlage in Deutschland herstellen würden.« 

Als Hitler erst mal oben war, konnte man im Klub nicht mehr ganz unter sich bleiben. Der Deutsche Herrenklub, der sich nun im Zeichen des massenhaften deutschen Herrenmenschen schlicht in »Deutscher Klub« umbenannte, sah es jetzt als seine Aufgabe an, die Führer der Nazis mit den hohen Vertretern von Kapital und Grundbesitz zusammenzubringen. Er litt allerdings unter der Konkurrenz des »Freundeskreises Reichsführer-SS« - das war Heinrich Himmler -, zu dem sich ebenfalls die Größen der Wirtschaft einfanden - und spendeten. 

Es kam zu finanziellen Problemen. Ausgerechnet eine Dame half dem Herrenklub weiter: Viktoria Auguste von Dirksen, in deren Salons schon in der Weimarer Zeit viele national gesinnte Männer verkehrt hatten. In ihrem 50-Zimmer-Heim gleich neben dem Reichswirtschaftsministerium bekam der nun umbenannte Herrenklub zwölf Räume und zwölf Gästezimmer. Das Verhandlungsprotokoll vom November 1933 stellt fest, dass »nicht nur von seiten von Exzellenz v. Dirksen, der Wunsch besteht, in ihrem Haus eine möglichst enge Verbindung zwischen den nationalsozialistischen Führern und dem Deutschen Klub herzustellen, sondern dass dieser Wunsch auch bei führenden nationalsozialistischen Persönlichkeiten insbesondere bei Stabschef Röhm« - der hatte noch ein gutes halbes Jahr zu leben - »und Reichsführer Himmler bereitwilliges Verständnis und lebhaftes Interesse fand«. 

Retter der Freiheit 

Verboten wurde der nunmehr »Deutsche Klub von Berlin«, wie er zuletzt hieß, erst 1945 - von der sowjetischen Besatzungsmacht. In Westdeutschland vegetierte er weiter. Nicht so seine Mitglieder. Der Gründer des Herrenklubs Heinrich Freiherr von Gleichen verlor 1945 durch die Bodenreform sein Rittergut im thüringischen Tannroda (hoffentlich vergisst der neue Ministerpräsident Gleichens Nachkommen nicht, wenn es jetzt in Thüringen zuallererst darum geht, das Unrecht des Unrechtsstaates wiedergutzumachen, falls das Amtsgericht Dresden wenigstens so was erlaubt). Aber der Adelsmann verlor weder Mut noch Übermut. Im Juli 1947 schrieb er dem Tagesspiegel: »Man wird vielleicht begreifen, dass eine überparteiliche Sammlung der wenigen 

 

____________________