Der Schießbefehl 

Im Dezember 1944 befahl die britische Regierung die gewaltsame Liquidierung der antifaschistischen Volksbefreiungsarmee Griechenlands. Als Folge begann eine neue Runde in dem seit 1943 tobenden Bürgerkrieg 

Von Martin Seckendorf 

In: junge Welt online vom 01.12.2014 

 

Am 6. April 1941 überfiel die Wehrmacht Griechenland. Die unprovozierte Aggression sollte den Einfluss Großbritanniens in diesem Gebiet beseitigen und das deutsche Herrschafts- und Einflussgebiet auf dem Balkan stabilisieren. Außerdem wollte man Griechenland als Militärbasis für Operationen gegen den Nahen Osten und Nordafrika nutzen. 

Um die Griechen zur Duldung der Unterwerfung und zur Arbeit für die Deutschen zu zwingen, errichteten die Okkupanten ein überaus hartes Besatzungsregime. Gegen die Aggressoren erhoben sich zuerst die Kreter. Mit unglaublicher Brutalität unterdrückte die Wehrmacht das Aufbegehren. Danach kam es auf dem Festland zu Unruhen. Auslöser war hier die durch die ungeheure Ausbeutung dramatisch verschlechterte Lebenslage breiter Volksschichten, die gegen Ende 1941 in eine Hungersnot mit mehreren hunderttausend Toten mündete. Nach Erkenntnissen der Besatzer war die während der monarchofaschistischen Vorkriegsdiktatur fast zerriebene Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) Organisator der Revolten. 

Die KKE veröffentlichte am 1. Juli 1941 das Programm für die Schaffung einer Einheitsfront. Appelle an die bürgerlichen Parteien zur Zusammenarbeit blieben unerhört. Trotzdem kam es am 27. September 1941 zur Bildung der Nationalen Befreiungsfront (EAM), der sich neben der Nationalen Arbeiterbefreiungsfront vier weitere Parteien anschlossen. Führende Kraft in dieser Koalition war die KKE. Vordringliche Aufgaben der EAM waren die politische Mobilisierung des Volkes und die Organisierung des Widerstands. Am 16. Februar 1942 gründete EAM die Griechische Volksbefreiungsarmee (ELAS). Schon Mitte 1943 hatte ELAS zirka 50.000 Soldaten unter Waffen. Der konsequente Kampf gegen Besatzer und Kollaborateure brachte EAM riesigen Zulauf. 1944 hatte sie 1,6 Millionen Mitglieder (bei 6,5 Millionen Einwohnern). In den befreiten Gebieten schuf sie demokratisch legitimierte Verwaltungen und Justizorgane. Die Umrisse eines modernen, sozial gerechten Griechenlands wurden sichtbar. 

Erst als die Erfolge der ELAS offensichtlich wurden, riefen anglophile bürgerliche Gruppen zum Widerstand auf. Einige Bedeutung gewann eine Organisation mit dem Kürzel EDES. In Nordwestgriechenland stellte sie bewaffnete Gruppen auf, die von den Briten reichlich mit Waffen versorgt wurden. Wichtig war den EDES-Führern und ihren britischen Dienstherren, den Einfluss der ELAS zu unterlaufen. EDES war die Speerspitze der britischen Politik in Griechenland, um die Nachkriegsentwicklung zu dominieren, insbesondere die Abhängigkeit des Landes von Großbritannien zu erreichen. Die Organisation entwickelte sich zu einem Sammelbecken der griechischen Rechten, einschließlich der Royalisten. 

Bürgerkrieg entfacht 

Mit der durch die alliierten Siege in Stalingrad und Nordafrika erkämpften Kriegswende veränderte sich die Okkupationspolitik in Griechenland. Die Deutschen glaubten, dass eine alliierte Großlandung bevorstehe. Griechenland, ursprünglich Basis für offensive Aktionen im östlichen Mittelmeer, wurde zur Festung, die die Südostflanke des Naziimperiums decken sollte. 

In der Festung aber gärte es. Der bewaffnete Widerstand hatte enormen Aufschwung genommen. ELAS konnte große Gebiete befreien. Der Militärbefehlshaber Griechenland, Wilhelm Speidel, stellte im Lagebericht für das III. Quartal 1943 fest, dass das Land »nur zu einem kleinen Teil wirklich in deutscher Hand« sei. Um den kämpfenden Truppen im Falle einer alliierten Invasion den Rücken freizuhalten, wurde die Vernichtung der ELAS die wichtigste militärische Aufgabe der Deutschen. Nach der Schlacht bei Stalingrad konnten die Okkupanten aber keine zusätzlichen Truppen schicken. Sie entwickelten die Idee, alle Antikommunisten Griechenlands zu einen, zu bewaffnen und gegen die ELAS zu führen, einen Bürgerkrieg zu entfachen. Die griechischen Linkskräfte sollten durch Griechen unter deutscher Leitung vernichtet werden. 

Die erste »Runde« im Bürgerkrieg begann im April 1943 mit der Einsetzung einer neuen Kollaborationsregierung unter Ioannis Rallis. Ihre von den Okkupanten vorgegebene Hauptaufgabe war »die Bekämpfung des Kommunismus«. Basis der Kollaboration bildeten jene Kräfte der griechischen Oberschicht und ihre Vertreter in Armee und Polizei, die maßgeblich das monarchofaschistische Vorkriegsregime gestützt hatten. Der Höhere SS- und Polizeiführer stellte etwa zehn schwerbewaffnete sogenannte Sicherheitsbataillone aus fanatischen Antikommunisten auf. Sie übertrafen vielfach ihre deutschen Dienstherren in der Brutalität gegen Widerstandskämpfer. Die griechische Gendarmerie und die Polizei wurden erheblich verstärkt und zum ersten Male nach Beginn der deutschen Besatzung bewaffnet. Außerdem formierten die Okkupanten in großem Umfang griechische »Freiwilligenverbände«. In einem Lagebericht der Wehrmacht für Dezember 1943 wird festgestellt, ein beachtlicher Teil der griechischen Oberschicht vertrete die Auffassung, »nicht die deutsche Besatzung, sondern der Kommunismus (müsse) bekämpft werden«. Diese Kreise (im Bericht werden genannt: »Vertreter der Industrie, des Handels, Bankwesens, der hohen Geistlichkeit, Spitzen der Beamtenschaft und des ehemaligen Offizierskorps«) unterstützten die Aufstellung von griechischen »Kampfverbänden« unter deutscher Führung. 

Ein weiterer Aspekt der deutschen Bemühungen zur Schürung eines Bürgerkriegs war der allenthalben gelungene Versuch, sogenannte nationale Partisanengruppen vom Kampf gegen die Wehrmacht abzuhalten. In einem zweiten Schritt wurden diese Einheiten mit Waffen versorgt und unter Leitung deutscher Offiziere gegen die ELAS eingesetzt. Von besonderer Bedeutung für die deutschen Planungen nach Schaffung einer antikommunistischen Einheitsfront waren die seit Herbst 1943 bestehenden Verbindungen der EDES-Verbände zu dem in Westgriechenland stationierten XII. Gebirgsarmeekorps der Wehrmacht. Die von den Briten exzellent ausgerüsteten EDES-Verbände stellten den Kampf gegen die Wehrmacht ein und gingen mit britischer Genehmigung und deutscher Unterstützung militärisch gegen die ELAS vor. 

Komplott gegen ELAS 

Am Sonntag, dem 20. August 1944, begann die Rote Armee zwischen Dnister und Prut eine spektakuläre Offensive gegen die deutsche Heeresgruppe Südukraine. Binnen weniger Tage wurde der als äußerst kampfstark eingeschätzte strategische Großverband der Wehrmacht aufgerieben (siehe jW-Thema vom 19.8.2009). Das deutsche Herrschaftssystem in Südosteuropa geriet ins Wanken. Die Verbündeten Deutschlands, Rumänien und Bulgarien, erklärten dem Nazireich den Krieg. Die Frontlinie südlich der Karpaten wurde aufgerissen. Es entstanden strategische Lücken, die Hunderte Kilometer breit waren und für die kein deutscher Verband zur Verfügung stand. Für die Rote Armee war der Weg in den Richtungen Belgrad sowie Budapest/Wien geöffnet. Den auf dem Balkan stehenden deutschen Heeresgruppen E und F mit zusammen mehr als 30 Divisionen drohte die Einschließung, ein Superstalingrad. 

Als sich das Ausmaß der Offensive abzeichnete, befahl die deutsche Führung, die Heeresgruppe E aus Griechenland abzuziehen und zum Aufbau einer neuen Front gegen die Rote Armee zu verwenden. Am 2. November 1944 verließ die letzte deutsche Einheit Griechenland. 

Im Zusammenhang mit dem deutschen Abzug kam es zu einem erneuten Komplott des deutschen Faschismus mit England, diesmal auf noch höherer Ebene. Die neue Vereinbarung richtete sich sowohl gegen die ELAS als auch gegen die an der Donau vorgehende Rote Armee – immerhin Bündnispartner Britanniens. Zwar kontrollierten die Deutschen nur noch einen geringen Teil Griechenlands, aber strategisch wichtige Punkte. Laut den Memoiren des deutschen Rüstungsministers und Hitler-Intimus Albert Speer war vereinbart worden, dass die Wehrmacht diese Punkte solange gegen ELAS halten sollte, bis britische Truppen die Stellungen übernehmen könnten. Als Gegenleistung wurde den Deutschen ein unbedrängter Abzug nach Norden zum Kampf gegen die Rote Armee zugesagt. 

Entsprechend passiv verhielten sich die britischen Streitkräfte gegenüber den seit dem 2. September 1944 von den Inseln und seit dem 10. Oktober vom Festland abrückenden deutschen Truppen. Am 10. September telegrafierte der Leiter der Dienststelle Athen des Sonderbevollmächtigten Südost, Kurt-Fritz von Graevenitz, nach Berlin, die Räumung der Inseln verlaufe wegen des passiven Verhaltens der Briten reibungslos. Man glaube, dass die »Engländer unsere Leute (…) bewusst herauslassen«. Fast 90.000 Soldaten konnten z.T. mit schweren Waffen und Kraftfahrzeugen trotz britischer Luft- und Seeherrschaft ohne Verluste durch »Feindeinwirkung« von den Inseln überführt werden. 

Während des Abzugs übergab die Wehrmacht den Kollaborateuren und den mit ihr verbundenen »nationalen« Partisanengruppen große Mengen an Waffen und Munition. Die Athener Polizei erhielt sogar Geschütze. Stalin protestierte in London heftig gegen das Verhalten des britischen Militärs, denn die Rote Armee spürte an der Donau bald den Einsatz der deutschen Verbände aus Griechenland. 

Sobald sich die Folgen der sowjetischen Offensive abzeichneten, gab der britische Premier Winston Churchill den Befehl, »eine sofort auf den deutschen Zusammenbruch in Griechenland folgende britische Expedition vorzubereiten«. Die britischen Streitkräfte sollten nicht die Wehrmacht bekämpfen, sondern das Land nach dem Ende der deutschen Herrschaft besetzen, um die ELAS als militärischen Machtfaktor auszuschalten. In den Nachkriegsplänen des britischen Imperialismus für den Nahen Osten, Nordafrika, aber auch in bezug auf den Südosten Europas, der nach Lage der militärischen Dinge von der Roten Armee befreit werden würde, hatte Helas herausgehobene Bedeutung. Griechenland sollte noch mehr als vor dem Krieg ein Satellit Londons werden. Die sicherste Gewähr für die Verwirklichung dieser Pläne schien den Machthabern in 10 Downing Street die Rückkehr zu den korrupten monarchistischen Vorkriegsverhältnissen mit ihren sozial extrem ungerechten Zuständen. Nach Meinung von Churchill bildete EAM/ELAS das größte Hindernis für die Verwirklichung dieser Planungen. Die Volksbefreiungsarmee hatte inzwischen rund 90 Prozent des griechischen Territoriums befreit. EAM lieferte praktisch einen politischen Gegenentwurf zu den britischen Plänen: Sie forderte die Entwaffnung und Bestrafung der Kollaborateure und der führenden Kräfte des monarchofaschistischen Vorkriegsregimes. Das Volk sollte in freien und fairen Wahlen über die Staatsform und die politische Entwicklung entscheiden. Außenpolitisch müsse Griechenland unabhängig sein. 

Churchill verbreitete die Propagandathese, EAM/ELAS würde nach dem Abzug der Deutschen ihre starke Unterstützung im Volk zu einem Putsch nutzen. Nur die Rückkehr des Königs könne eine kommunistische Machtübernahme verhindern. Im internen Kreis nannte Churchill ganz im Nazistil EAM/ELAS »miserable Greek communist banditti«. 

Zunächst versuchte der Premier mit Hilfe der Exilregierung unter Georgios Papandreou, EAM/ELAS auf dem Verhandlungswege auszuschalten und das Kräfteverhältnis zugunsten der royalistischen Reaktion zu verändern. Papandreou hatte der EAM den Aufbau einer politisch neutralen Armee sowie die Entwaffnung und Bestrafung der Kollaborateure und der rechten Kampfverbände zugesagt. Im Gegenzug unterstellten sich die Partisanenverbände dem britischen General Ronald Scobie, der als Oberbefehlshaber der englischen Truppen in Griechenland vorgesehen war. EAM-Vertreter traten am 26. September 1944 in die Papandreou-Regierung ein, in der sie allerdings nur wenige, dazu unbedeutende, Ministerposten erhielten. 

Gleichzeitig verstärkte Churchill die Vorbereitungen für eine militärische Besetzung. Anfang September – vor Bildung der Einheitsregierung – war die Planung für die Invasion »schon recht weit gediehen«, schrieb er nach 1945. Für die »Operation Manna«, wie die Deckbezeichnung der Invasion lautete, stellten die Briten das III. Corps unter General Scobie als Kommandobehörde, dazu eine Fallschirmjägerbrigade, zwei infanteristische Großverbände und Spezialeinheiten sowie starke Jagd- und Bomberkapazitäten der Royal Air Force bereit. 

Begünstigung der Wehrmacht 

Die Formationen wurden dem alliierten Truppenkontingent in Italien entnommen und ab Oktober 1944 in Griechenland eingesetzt. In Italien waren sie an den seit Ende August 1944 laufenden Offensiven gegen die »Gotenlinie« beteiligt. Das Festungswerk war die letzte deutsche Verteidigungsstellung zur Behauptung der oberitalienischen Tiefebene und der deutschen Grenze gegen die nach Norden drängenden Alliierten. In den Kämpfen an der »Gotenlinie« erlitten die Alliierten bei nur unbedeutenden Geländegewinnen beträchtliche personelle und materielle Verluste. Die Angriffe mussten im November eingestellt werden. Erst Ende April 1945 gelang ihnen der Durchbruch nach Oberitalien. Die Verlegung der Truppen nach Griechenland auf dem Höhepunkt der Kämpfe bedeutete eine erhebliche Schwächung der alliierten Offensivkraft in Italien. Die Nazis erhielten wertvolle Zeit zur Ausbeutung der für die deutsche Kriegswirtschaft wichtigen Gebiete. Außerdem konnten sie frontfähige Verbände zur terroristischen Bekämpfung der Partisanen und der Bevölkerung einsetzen (siehe jW-Thema vom 29.9.14). 

Am 4. Oktober begann die »Operation Manna«. Sie folgte weitgehend der mit den Deutschen vereinbarten Zug-um-Zug-Räumung. Nachdem die Wehrmacht Athen verlassen hatte, drangen britische Truppen in die Stadt ein. Am gleichen Tag erreichten Kriegsschiffe mit der Hauptstreitmacht General Scobies den Piräus. Am 18. Oktober kam die Papandreou-Regierung nach Athen. 

Unruhe löste die Nachricht aus, dass zu den Landungstruppen auch die 3. griechische Brigade und die Elitetruppe »Heilige Schar« gehörten. Die Verbände galten als royalistisch und extrem antikommunistisch. Nach den Plänen der Briten sollten beide Formationen zusammen mit der wegen ihrer Dienste für die griechischen und deutschen Faschisten politisch kompromittierten Polizei das Rückgrat der Sicherheitskräfte Papandreous bilden. Die Behandlung dieser Frage und die Wiederbewaffnung der von der SS aufgestellten Terrortruppe »Sicherheitsbataillone« nährten bei den Linken den Verdacht, dass die Versprechungen Papandreous hinsichtlich des Aufbaus einer politisch neutralen Armee nicht eingehalten würden. 

Der rasche Vormarsch der Roten Armee an der Donau war nach Churchills Meinung eine weitere große Gefahr für die britischen Pläne. Anfang Oktober reiste er nach Moskau. Sein wichtigstes Anliegen war, die Rote Armee von dem Einmarsch in Griechenland abzuhalten. Er bot Stalin an, jene Kräfte in den von der Sowjetunion befreiten osteuropäischen Ländern, die mit britischer Hilfe eine Wiederherstellung der halbfeudalen, erzreaktionären Vorkriegsverhältnisse anstrebten, nicht zu unterstützen. Im Gegenzug sollte die Sowjetunion den Briten Griechenland als Einfluss- und militärisches Operationsgebiet überlassen. Stalin ging auf dieses Angebot ein. Für die Sowjetunion war eine von Britannien nicht gestörte Entwicklung in Osteuropa wichtig. Außerdem galt ein schneller Vorstoß Richtung Westen in die Höhle der faschistischen Bestie als Kernelement der sowjetischen Strategie. Ein eindrehen starker Kräfte der Roten Armee nach Süden hätte den Einmarsch in Deutschland verzögert. Churchill meinte, er habe in Moskau »einen schweren Preis« bezahlt. Jetzt könne gehandelt werden. 

In Athen eskalierte die Lage. Von der Entwaffnung der rechten Verbände war nicht mehr die Rede. In der offiziellen Propaganda ging es nur noch um die Auflösung der Volksbefreiungsarmee. Die Entwaffnung der 3. Brigade und der »Heiligen Schar« lehnte Papandreou ab. Rechte Todesschwadronen intensivierten den Terror gegen die Linkskräfte. 

Churchills Schießbefehl 

Seit Ende Oktober betrieben die Briten intensiv die gewaltsame Vernichtung der ELAS. Verhandlungen spielten keine Rolle mehr. Am 7. November schrieb Churchill an Außenminister Anthony Eden, er hoffe, die 3. Brigade stehe bald zur Verfügung. Sie werde nicht zögern zu schießen, wenn es notwendig sei (»will not hesitate to shoot when necessary«). Er erwarte voller Ungeduld einen Zusammenstoß mit der EAM. Man dürfe davor nicht zurückschrecken. Voraussetzung sei aber, dass der Anlass für diese Auseinandersetzung gut gewählt werde. 

Die Aufgabe, einen »geeigneten« Grund für die blutige Vernichtung der ELAS zu schaffen, übernahmen Scobie und die ihm unterstellte Athener Polizei. Am 1. Dezember 1944 befahlen Scobie und Papandreou ohne Konsultation des Kabinetts die sofortige Entwaffnung der Partisanenverbände. Die EAM-Vertreter verließen die Regierung und verlangten den Rücktritt Papandreous. Für den 3. Dezember riefen sie zu einer Großdemonstration auf. 

Am Sonntag, dem 3. Dezember, versammelte sich eine riesige Menschenmenge zur Kundgebung im Zentrum Athens. Plötzlich eröffneten Polizisten von einem Balkon aus ohne Vorwarnung das Feuer auf die unbewaffnete Menge. 28 Menschen starben, 148 wurden zum Teil schwer verletzt. 

Der Volkszorn entlud sich in einem allgemeinen Aufstand gegen die verhasste Polizei. Das war für Churchill das Signal zum Einsatz der britischen Streitkräfte. Am 5. Dezember befahl er dem Oberkommandierenden Scobie in Athen: »Zögern Sie nicht, so zu handeln, als befänden Sie sich in einer eroberten Stadt, in der ein örtlicher Aufstand ausgebrochen ist.« Das Massaker vom 3. Dezember war der Auftakt zur zweiten Runde im Bürgerkrieg der griechischen Reaktion gegen die Linkskräfte, diesmal unter Leitung der Briten. 

Das Verhalten der Engländer löste auch außerhalb Griechenlands einen Sturm der Entrüstung aus. Zwischen den USA und Großbritannien kam es zu ersten Verstimmungen und das zu einem Zeitpunkt, als die Deutschen in den Ardennen eine Großoffensive begannen, die die alliierten Streitkräfte in Frankreich vorübergehend in arge Schwierigkeiten brachte. (siehe jW-Thema vom 25.2.2010) Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt war entsetzt. Er meinte: »Gegen die Widerständler zu kämpfen, die in den letzten vier Jahren gegen die Nazis gekämpft haben: Wie können die Briten so etwas wagen?« Das State Department veröffentlichte eine äußerst kritische Erklärung. »Die große Mehrheit der amerikanischen Presse«, schrieb Churchill in seinen Erinnerungen, »verurteilte unsere Aktion aufs schärfste; sie verfälsche (…) die Sache, für die Amerika in den Krieg gezogen sei.« Auch in Goßbritannien gab es starke Proteste. Nur mit großer Mühe überstand Churchill eine Vertrauensabstimmung im Unterhaus. Der Athener Korrespondent der Londoner Times, Geoffrey Hoare, bezeichnete in der Ausgabe vom 4. Dezember das Massaker als faschistische Aktion. 

Die Engländer gingen mit Panzern gegen ELAS vor. Die Royal Air Force bombardierte Wohnviertel. Briten und griechische rechte Terrorformationen konnten die ELAS aus Athen-Piräus verdrängen. Der größte Teil des Landes blieb aber unter Kontrolle der Befreiungsfront. Churchill und die griechische Reaktion verspürten trotzdem Aufwind. Sie wollten den totalen Sieg. Die Proteste hatten jedoch bewirkt, dass die Briten auf die Angebote der ELAS für einen Waffenstillstand eingingen, der am 11. Januar zustande kam. Die geschwächte EAM wurde zu Zugeständnissen gezwungen. Eine »neue Runde« im Bürgerkrieg war abzusehen. Im März 1946 brach sie aus und dauerte mit ungeheuren Opfern und Zerstörungen bis Oktober 1949. 

Martin Seckendorf schrieb zuletzt am 29.9.2014 auf diesen Seiten über das Massaker der Wehrmacht im italienischen Marzabotto 

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