»Wollten über uns schreiben, bevor es andere tun« 

Das Panzerregiment-1 der DDR wurde vor 25 Jahren aufgelöst, zur Geschichte dieser Einheit gibt es jetzt ein Buch.  

Gespräch mit Rolf Zander 

In: junge Welt online vom 25.11.2014 

 

Fast 300 Ehemalige des Panzerregiments-1 der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR haben sich am Freitag in Potsdam getroffen. Anlass war das Erscheinen eines Buches über diese Einheit. Sie haben es gemeinsam mit Bernd Tuchel verfasst – mit welchem Ziel? 

Anlass war, dass das Regiment vor fast genau 25 Jahren aufgelöst wurde, am 24. Oktober 1989 – ein Jahr vor dem Ende der NVA. Das war für alle Angehörigen des Regiments eine schlimme Zäsur. 

Wir wollten zum einen der üblen Nachrede entgegenwirken, meine Einheit habe mit der Meuterei in der Nacht zum Jahreswechsel 1990 in Beelitz zu tun gehabt, wir waren ja längst aufgelöst. Die Meuterer kann ich übrigens gut verstehen – als Soldaten waren sie in der Volkswirtschaft eingesetzt, hatten aber den Befehl, Weihnachten und Jahreswechsel in der Kaserne zu verbringen. Dass ein solcher Befehl gegeben wurde, war völliger Quatsch, damit wurde der Unmut nur auf die Spitze getrieben. 

Der zweite Grund war, dass wir anlässlich der Berichterstattung über 25 Jahre Auflösung der NVA deren Rolle ein wenig ins richtige Licht rücken wollten. Immerhin haben maßgebliche Offiziere und Generale damals sichergestellt, dass die Unruhen gewaltfrei und ohne Einsatz gegen das eigene Volk verliefen. Es wurde kein einziger Schuss abgegeben, weder in Leipzig noch an der Berliner Mauer. 

Wir wollten über uns selbst schreiben, bevor es andere tun. 

Das Buch macht eher den Eindruck einer Dokumentation als den einer geschichtlichen Darstellung.  

Eine Mischung von beidem, würde ich sagen. Zum einen ist die Geschichte des Regiments geschildert, von der Aufstellung 1956 bis zum Schluss nach gut 33 Jahren. Immerhin waren wir eine Art Großbetrieb, wir hatten 94 Panzer und etwa 200 Lastwagen und sonstige Fahrzeuge. 

Zum anderen wollten wir unsere Einheit authentisch präsentieren und haben daher viele persönliche Erinnerungen aufgenommen – verfasst von Generalen, Offizieren, einfachen Soldaten, Zivilbeschäftigten und auch einer Ehefrau. Wie das Leben im Regiment wirklich war, das wollten wir darstellen. 

Der Saal im Potsdamer Kongresszentrum war am Freitag voll besetzt – wie erklärt es sich, dass nach einem Vierteljahrhundert immer noch ein solcher Zusammenhalt besteht? 

Es waren etwa 260 Personen im Saal. Seit vier Jahren haben wir Treffen ehemaliger Kameraden organisiert, der Zuspruch ist unglaublich groß, auch bei deren Ehefrauen. Das ist wohl ein Indiz dafür, welch eine verschworene Gemeinschaft wir schon zu DDR-Zeiten gewesen sind. Es ist erstaunlich, dass das auch 25 Jahre danach noch anhält. Und es sind nicht nur die Offiziere, die zu unseren Treffen kommen, alle Dienstgrade sind dabei. Sogar die Friseuse kommt, die damals in unserer Kaserne ihren Salon betrieb. 

Zu DDR-Zeiten hatten wir zweimal pro Jahr einen Regimentsabend mit Tanz, der fand in einem Saal statt, in den 500 Leute passten. 750 wollten aber regelmässig rein. 2010 hatten wir die ehemaligen Regimentsangehörigen zu einer Feier in genau denselben Saal eingeladen – er war rappelvoll, wie früher. 

Das Kongresszentrum ist sicher kein billiger Ort für eine solche Veranstaltung. Hatten Sie Sponsoren? 

Die hatten wir. Die Landesbausparkasse Ost hat uns den Saal zur Verfügung gestellt. Die technische Ausrüstung – Videoinstallation, Beschallung etc. – hat eine uns sehr wohlgesonnene Firma gesponsert. 

Sie hatten erstaunlich viele Gäste aus dem Zivilleben – also Leute ohne direkten Bezug zum Militär. Wie erklärt sich das? 

Wir hatten zu DDR-Zeiten beste Verbindungen nicht nur zu kommunalen Stellen – »örtliche Organe« hieß es damals –, sondern auch zu den Bürgern im Umfeld und zu Großbetrieben wie dem Schwermaschinenbau SKET in Magdeburg. Diese Freundschaften haben bis heute gehalten. 

Fast alle Teilnehmer haben sich beim Potsdamer Treffen meiner Beobachtung nach geduzt – vom Generalleutnant bis zum Obergefreiten. War das früher etwa auch so? 

Nein, natürlich nicht. Die Subordination, wie sie in militärischen Verbänden üblich ist, galt auch bei uns. (lacht) Dem Zahn der Zeit wird Tribut gezollt … Es ist ein Vierteljahrhundert her, wir sind ein wenig in die Jahre gekommen. 

Interview: Peter Wolter  

»Das Panzerregiment-1 der NVA: Seine Geschichte und Erinnerungen« 

Steffen-Verlag, 240 Seiten, ISBN-10: 394247798X, 19,95 Euro  

Oberst a.D. Rolf Zander war letzter Kommandeur des in Beelitz stationierten Panzerregiments-1 der DDR.  

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Großbetrieb mit 94 Panzern: Ein Buch über das Panzerregiment-1 der NVA 

In: junge Welt online vom 01.12.2014 

 

Nicht nur für Beelitz bei Potsdam war es ein schwerer Schlag: Vor jetzt 25 Jahren wurde das Panzerregiment-1 der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) aufgelöst. Viele der dort stationierten Offiziere und Soldaten wurden ebenso arbeitslos wie die Zivilbeschäftigten, Läden mussten schließen, junge Leute wanderten ab. Zur Erinnerung an den Herbst 1989 hat nun der letzte Kommandeur dieses Truppenteils, Oberst a. D. Rolf Zander, gemeinsam mit Oberstleutnant a. D. Bernd Tuchel ein Buch herausgegeben, dessen Titel schlicht und einfach lautet: »Das Panzerregiment-1 der NVA«. 

Der Band wurde am 21. November in Potsdam bei einem Veteranentreffen vorgestellt. Rund 260 ehemalige Offiziere und Soldaten nahmen teil – vom Generalleutnant bis zum Gefreiten. Dazu kamen frühere Zivilangestellte der NVA, bekannte Sportler, zu denen die Panzerfahrer Patenschaften unterhielten, und auch einige Kommunalpolitiker. Die Saalmiete im vornehmen Kongresszentrum von Potsdam wurde von der Landesbausparkasse getragen, Videoanlage, Verstärker und Lautsprecher stellte eine ungenannt bleiben wollende Privatfirma zur Verfügung. 

Das Buch war nach Zanders Angaben als Mischung aus historischer Darstellung, Dokumentation und Erinnerungsband gedacht. Es zeichnet die Entwicklung des Regiments nach – von seiner Aufstellung bis zur Auflösung nach gut 33 Jahren. Zahlreiche ehemalige Soldaten und auch eine Offiziersfrau schildern darin ihre persönlichen Erlebnisse, so dass der Leser einen recht plastischen Eindruck vom Alltagsleben eines solchen hochtechnisierten »Großbetriebes« erhält. In ihm waren immerhin rund 1.000 Soldaten für 94 schwere Panzer, 200 Lastwagen und sonstige Fahrzeuge verantwortlich. Es ging schließlich nicht nur um Gefechtsausbildung, sondern auch um Pflege und Instandhaltung. 

Wir wollten »anlässlich der Berichterstattung über 25 Jahre Auflösung der NVA deren Rolle ein wenig ins richtige Licht rücken«, erläuterte Zander im Gespräch mit jW ein weiteres Motiv für die Herausgabe des Bandes. »Immerhin haben maßgebliche Offiziere und Generale damals sichergestellt, dass die damaligen Unruhen gewaltfrei und ohne Einsatz gegen das eigene Volk verliefen.« 

Peter Wolter 

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