Die Fackel am Brennen halten, nicht die Asche aufheben  

Von der Berliner Konferenz zum (un-)vergessenen Widerstand der Arbeiter 1933–1945  

In: unsere zeit online vom 21.11.2014 

 

„Der 9. November sollte in unserer Geschichtskultur ganz anders besetzt sein als mit weißen Luftballons zum Mauerfall 1989. Es ist auch unser Tag für die Arbeiterbewegung. Deshalb müssten überall auf der Welt rote Ballons aufsteigen." Es war Prof. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin (FU), der dies am 8. November auf der 2. Berliner Geschichtskonferenz zum Widerstand der Arbeiter 1933 bis 1945 aussprach. Ein besseres Geschichtsbewusstsein hängt nach seiner Meinung auch von pragmatischen Zugangsmöglichkeiten ab: „Welche Vergangenheit wollen wir mit produktiven Diskussionsangeboten für jeweils eigenständige Handlungskonzepte unterrichten? Fragen eines lesenden Arbeiters werden nicht mehr gestellt. 

Es gibt in der Schule so wenig Wissen über die organisierten Arbeiter und über jene, die historisch bewusst und als erste Widerstand gegen Naziherrschaft und Krieg leisteten. 

Der Gang der Geschichte ist auch heute beeinflussbar, wenn die Nachgeborenen Schlüsse für eigenes Handeln entwickeln. Schüler wollen sehen: Da gab es Menschen in der Vergangenheit, die hatten bestimmte Interessen und Perspektiven. Ein Arbeiter wie Georg Elser konnte aus seiner Perspektive das mörderische Nazi-System durchdringen und verurteilen. Deshalb konnte er Widerstand leisten. Das gleiche Verständnis müssen wir aber auch für alle anderen Arbeiter fordern und ihnen dieses Potenzial zugestehen." Was Schüler wissen und erinnern können, ist in den fünf Jahren seit der ersten Berliner Konferenz zum Thema deutlich geworden. Sie wurde 2009 wie auch jetzt von Helle Panke e. V. – Rosa- Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der Berliner VVN-BdA im Haus der Demokratie und Menschenrechte veranstaltet. 

Der Studienkreis Deutscher Widerstand präsentierte nun methodische und empirische Vergleichsdaten, Länder- Unterschiede in den Geschichtslehrplänen der Sekundarstufen I und II und Schulbuchanalysen. Was können Lehrer in möglichen Projektarbeiten anders machen, fragte der Referent Thomas Altmeyer. Er empfahl die Arbeit mit historischen Flugblättern und anderen illegalen Dokumenten, wenn die neuen Lehrpläne außer großen Spielräumen auch genügend Zeit dafür liessen. 

Dem Politikwissenschaftler Hans- Rainer Sandvoß von der (Stauffenberg)- Gedenkstätte Deutscher Widerstand gebührt das Verdienst, in 35-jährigem persönlichem Engagement die Berliner Erforschung des Arbeiterwiderstands tatkräftig vorangebracht zu haben. 14 Einzelbände und zwei gesamtstädtische Darstellungen kamen dazu heraus. Ab 1990 änderte sich die Quellenlage. Neue Zugänge zu historischen Akten und zu schriftlichen Selbstauskünften aus der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden möglich, ebenso erweiterte Zeitzeugenbefragungen im Ostteil der Stadt. Unter den Arbeiter- und Gewerkschaftsakteuren des Widerstands behielten die Kommunisten ihre Vorrangstellung, die nach den Details differenzierter dargestellt wurde. Das ermöglichte Publikationen in verändertem Beleg-Umfang, wofür sich neue Leser in steigender Anzahl interessierten. Der nachfolgenden jungen Berliner Forschergeneration rief Sandvoß die bleibende Aufforderung des französischen Sozialisten Jean Jaurés in Erinnerung, der vor 100 Jahren wegen seiner friedenspolitischen Aktion ermordet wurde: „Nicht die Asche aufheben, sondern die Fackel am Brennen halten!" Die vergessenen Handlungsmotive Sehr zu Recht, denn Fragen der Art, wie sie Wolfgang Abendroth in den 60er Jahren und DDR-Historiker immer stellten, bleiben fast immer offen. Mein Sitznachbar aus Below, der Rentner Eberhard G., greift die geäußerte Kritik an einer merkwürdigen Zurückhaltung der Gewerkschaften zur Erforschung ihrer eigenen Geschichte auf und fragt die Diskussionsteilnehmer: „Jetzt wird selbst in den Reihen der faschistischen Polizei vom Herbst 1944 nach Widerständischen gegraben. Was waren deren Motive: Mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen? Der Kampf gegen Hitler und für die rasche Beendigung des Krieges? Der Kampf für eine bessere und menschlichere Gesellschaftsordnung?" An den organisationsmethodisch bewährten Vorgehensweisen zum Arbeiterwiderstand orientiert sich Dennis Egginger, einer der vortragenden FUPromovenden, bei seiner Arbeit zum „Roten Stoßtrupp". Die sozialdemokratische Studentengruppe hatte 1931 den Einheitsfrontgedanken propagiert und wurde zum Jahresende 1933 zerschlagen. 

(Für etwa sechs Millionen Menschen, die die Wahllosung der Thälmannschen KPD unterstützt hatten, ein relativ kleiner Zeitraum.) 1934 gab es schon zwei neue Stoßtrupp-Gruppierungen, die taktisch geschickt in Berlin bzw. vom Ausland her agierten. Sie hatten insgesamt 300 Mitglieder und erreichten mit widerständischen Publikationen Tausende Leser. 

Die „jahrelange Durststrecke" beim Erinnerungsauftrag der Gewerkschaften über die Verlegung von Stolpersteinen hinaus, erklärt Stefan Heinz aus fehlenden Forschungsmitteln, die durch die Auftraggeber schwer aufzubringen sind. Für das ständige Auf und Ab sei die öffentliche Nachfrage verantwortlich. 

Der emeritierte FU-Professor Siegfried Nierse regt Forschungsaufträge an und sucht sie koordinierend auf den Weg zu bringen. Christian Schletze-Wischmann, Bezirksjugendsekretär der IG Metall- Jugend Berlin-Brandenburg-Sachsen, hat die Initiative zu einer eigenen Videoserie „Widerstand aus den Reihen des Deutschen Metallarbeiterverbandes" gestartet. Die aktivierten Metall-Jugendlichen werden in der Gedenkstätte Sachsenhausen und in Kooperation mit ihr vor die Kamera geholt, um eigene Standpunkte weiterzugeben. 

Ausgrenzung und Entpolitisierung „In der Gedenkstättenkultur spielt der Arbeiterwiderstand in Zeiten anhaltender Abgrenzung gegenüber der DDR noch immer kaum eine Rolle", stellte Sabine Kritter von der Gedenkstätte Sachsenhausen fest. „Die politische Ausgrenzung von ‚Opfergruppen’ ist inzwischen Bestandteil des verstaatlichten Gedenkens. 

Entpolitisierungstendenzen und Methoden der Individualisierung lassen den politischen Aktivismus der historisch handelnden Subjekte lediglich noch als Engagement von Minderheiten, von Opfern erscheinen …" „… und bringen nebensächliche Ergebnisse", ergänzte Hans Coppi, Berliner Vorsitzender der VVN-BdA, in der Diskussion. Er plädiert für gruppendifferenzierte Forschungsansätze, die vom historisch dokumentierten „Willen" der Verfolgungsbehörden ausgehen. Coppi hatte in der Einleitung zur Tagung deutlich gemacht, dass die Tat eines Außenseiters wie Georg Elser, Tischlergeselle mit dem bei der Verhaftung unterm Revers gefundenen Abzeichen des Rot- Front-Kämpferbundes, dann ebenso dazu gehört wie das konspirativ begonnene Zusammengehen der Kommunisten bzw. Sozialdemokraten Franz Jacob, Julius Leber, Adolf Reichwein und Anton Saefkow am 22. Juni 1944. 

Bei Askania gab es organisierten Widerstand Die Kommunisten Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein leiteten 1943/1944 die Berliner Widerstandsorganisation, ein Netz illegaler Zellen in Fabriken. Ihm waren zahlreiche Arbeiter und Angestellte in den Askania-Rüstungsbetrieben angeschlossen. Mit Flugblättern und Mundpropaganda klärten sie über die Rüstungsproduktion und den wahren Kriegsverlauf auf und solidarisierten sich mit Opfern des Nazi-Regimes. 

Auch die praktische Solidarität mit Zwangsarbeitern gehörte dazu. Sieben Männer mussten den Widerstand mit ihrem Leben bezahlen, andere wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt. Nichtverhaftete setzten den Kampf fort. 

Die Historikerin Bärbel Schindler- Saefkow ging auf die über vier Jahre andauernden, letztlich erfolggekrönten Bemühungen für ein Denkzeichen bei Askania ein. Sie und ihre Kollegin Annette Neumann, IGM-Aktivist Detlef Fendt, die Söhne des umgekommenen Widerstandskämpfers Paul Hirsch, Helmut und Jürgen Hirsch, weitere Gewerkschafter und heutige AntifaschistInnen wirkten dafür in einer gemeinsamen Initiative. Das Denkzeichen für 50 namentlich bekannte Askania- Beschäftigte, die bislang noch nicht gewürdigt worden waren, wurde im September 2014 sichtbar an einer belebten Straße in Berlin-Mariendorf eingeweiht. Den Gedanken an eine Ehrung solcherart habe das CDU-geführte Bezirksamt von Tempelhof-Schöneberg von Anfang an unterstützt. Das Amt gehört neben der Initiative, der Bezirksverordnetenversammlung, den IG Metall-Verwaltungsstellen Berlin, der GEW, dem DGB Tempelhof-Schöneberg, der Berliner VVN-BdA, den NaturFreunden Berlin und der heutigen Uhrenmanufaktur Askania AG zu den Stiftern des Denkzeichens. 

Für eine angemessene Finanzierung von Erinnerungskultur beziehen sich CDU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag allerdings überwiegend auf das Gedenken an die Zeit ab 1945. 

Hilmar Franz 

 

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Das ist erstklassiger Journalismus 

Unter Lebensgefahr hat Maria Leitner (1892–1942) im faschistischen Deutschland recherchiert. Ihre Reportagen über die Kriegsvorbereitungen wurden jetzt wiederaufgelegt.  

Von Cristina Fischer 

In: junge Welt online vom 24.11.2014 

 

Sie sah aus wie eine kleine Maus, die gegen übermächtige Feinde ihre Behändigkeit und Unscheinbarkeit zu Hilfe nahm, um zu entrinnen«, heißt es in Maria Leitners Roman »Elisabeth, ein Hitlermädchen« (1937) über eine kindliche Tochter inhaftierter Antifaschisten, die in einem feindlichen Umfeld geradezu erschreckende Stärke entwickelt. 

Unscheinbar und voll unbändiger Energie muss Maria Leitner Mitte der 30er Jahre durch das faschistische Deutschland gehuscht sein. Als engagierte Kommunistin aus einer jüdischen Familie war sie 1933 über Prag nach Paris geflohen. Inkognito kehrte sie immer wieder aus dem Exil zurück, um an Schauplätzen der Kriegsvorbereitung brisantes Material zusammenzutragen. Für Reportagen, die ihresgleichen suchen. 

Es war ihre zweite Emigration. Aufgewachsen war Leitner in Budapest, wo sie die Kommunistische Jugend mitgegründet haben soll. Im August 1919 war die ungarische Räterepublik nach vier Monaten gefallen. Leitner hatte das Land verlassen müssen. So verschlug es sie nach Berlin, wo sie als Journalistin arbeitete. Bekanntheit erlangte sie 1932 mit einem Reportageroman über ihre Erfahrungen als Billigjobberin in verschiedenen Ländern, »Eine Frau reist durch die Welt«. Auch ihr Roman »Hotel Amerika« (1930) über elende Arbeitsbedingungen in einem New Yorker Luxushotel fand Beachtung. Polnische, russische, spanische Übersetzungen erschienen. Heute wäre Leitner gleichwohl weitgehend vergessen, hätte die Publizistin Helga Schwarz nicht seit den 60er Jahren Biographie und Werk erforscht. 

Im Herbst hat Schwarz einen Band mit dem »Hitlermädchen«-Roman und Reportagen aus den 30er Jahren herausgegeben. Letztere erschienen in der Neuen Weltbühne, den Saarbrücker Zeitungen Westland und Grenzland oder im Ausland: Tvorba (Prag), Regards und Vendredi (beide Paris), Pariser Tageszeitung, Das Wort (Moskau), Deutsches Volksecho (New York). Unter dem Namen der Autorin oder Pseudonym oder auch anonym geht es in vielen dieser Texte um deutsche Kriegsvorbereitungen, besonders in der Rüstungsproduktion. Leitner thematisierte die Herstellung von Benzin in den Leunawerken und die von Sprengstoff in Reinsdorf bei Wittenberg, die Flugzeugproduktion in Berlin-Siemensstadt, die Gummifabrikation in Leverkusen, die Fertigung von Waffen in Solingen und von Munition in Berlin-Wittenau. In »Die Giftküchen von Hoechst« äußerte sie den Verdacht, dass bei IG Farben Giftgas für den kommenden Weltkrieg hergestellt würde. »Ein glücklicher Zufall erlaubte mir den Zugang zu diesem von starken Mauern geschützten Heiligtum«, merkte sie an. Es dürfte alles andere als ein glücklicher Zufall gewesen sein, dass sie an Mitarbeiter solcher Betriebe herankam. 

Außerdem führte sie Vergleichsinterviews in Nazideutschland und dem noch freien Saarland, erörterte die »Säuberung« der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Institute), hinterfragte die Wohltätigkeit der »Kraft durch Freude«-Organisation, besuchte eine Dorfschule und nahm die durch die Reichswirtschaftsabfallverwertungsgesellschaft angeordnete penible Mülltrennung ins Visier. Ein gelungener Coup auch ihr Besuch in dem für die Öffentlichkeit gesperrten Heinrich-Heine-Zimmer der Stadt- und Landesbibliothek Düsseldorf. In der beklemmenden »Danziger Gespenstergeschichte« geht es um die »Endlösung der Judenfrage« . 

Geschrieben in lakonischer und bildhafter Sprache, sind diese Texte sachlich, pointiert und bis heute lebendig. Das ist erstklassiger Journalismus. 

Ein Resultat von Leitners Feldstudien im »Dritten Reich« war auch »Elisabeth, ein Hitlermädchen«, 1937 als Fortsetzungsroman in der Pariser Tageszeitung erschienen. 1985 kam in der DDR eine Wiederauflage heraus. Die Titelheldin ist Schuhverkäuferin in einem Berliner Warenhaus. Sie verliebt sich in einen SA-Mann, von dem sie schwanger wird, und lässt den Fötus abtreiben (nach Prüfung der finanziellen Mittel und Rücksprache mit dem SA-Mann, der sie beruhigt: »Der Arzt ist Nationalsozialist.«) Kurz darauf wird sie in ein Arbeitsdienstlager der Landhilfe im Osten abkommandiert. Das Unheil nimmt seinen Lauf, bis die anfangs relativ heile Welt Elisabeths in Trümmern liegt. 

Leitner schildert die Atmosphären im Warenhaus, beim 1.-Mai- Aufmarsch und im Lager, stellt ein ziemlich originelles Figurenensemble auf die Beine, benennt die Existenzsorgen der »kleinen Leute«, deren Verunsicherung oder Gleichgültigkeit, lässt eine Betroffene über Sterilisierung und das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuches plappern. Trotzdem vermag der Roman nicht so recht zu überzeugen. Die Darstellung einer sympathischen Nationalsozialistin ist nur halb gelungen. Auch die übrigen Figuren bleiben Skizzen, zum Teil fast Karikaturen. 

Auffällig ist die Tatsache, dass Arbeitsbedingungen, die für die Reporterin stets so wichtig waren, ausgespart bleiben. Das Arbeitslagerleben beschränkt sich im Roman auf Fahnenappell, banale Gespräche übers Essen und Schießübungen und kulminiert schließlich in einer eher romantischen Revolte der jungen Frauen. 

Maria Leitner scheint eine Einzelkämpferin gewesen zu sein. Nichts ist über Liebesbeziehungen oder engere Freundschaften bekannt. Sie brauchte wenig zum Leben – eine Kammer, Schreibzeug, etwas zu essen. Die Arbeit war ihr Daseinsinhalt. Im Exil im besetzten Frankreich, ihrer Publikationsmöglichkeiten beraubt, geriet sie allmählich an ihre physischen und psychischen Grenzen. In einem Brief aus dem Frühjahr 1941 ist von »Hunger und Angst« die Rede: »Meine Situation verschlimmert sich aus jeder Sicht. Wie ist dieses Leben auszuhalten?« In einem anderen Brief fleht sie: »Lassen Sie mich nicht zugrunde gehen!!!« 

Als sie die endgültige Gewissheit hatte, dass sie nach langen und verzweifelten Bemühungen kein Visum für die USA bekommen würde, brach sie zusammen und musste in Marseille in eine Psychiatrie eingeliefert werden. Dort ist sie im Frühjahr 1942, am Ende ihrer Kräfte, gestorben. 

Maria Leitner: Elisabeth, ein Hitlermädchen. Ein Roman und Reportagen (1934–39). Herausgegeben von Helga und Wilfried Schwarz. Aviva-Verlag, Berlin 2014, 393 S., 19,90 Euro 

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