Reformillusionen 

Literatur : Wie DDR-Schriftsteller im Herbst 1989 glaubten, Revolution machen zu können 

Von Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 10.11.2014 

 

Schriftsteller verstehen ungefähr so viel von Politik wie Maurer, Bankangestellte oder Supermarktkassierer – manche ziemlich viel und manche jämmerlich wenig. Allerdings vermögen sie ihre Meinungen besser zu formulieren. Auch sehen sie sich mit der schmeichelhaften Erwartung konfrontiert, tiefsinniger als andere Leute zu denken. 

All das ist normalerweise harmlos. Als besonders handlungsmächtig erleben sich Schriftsteller hingegen in zwei Fällen. Der erste Fall liegt dann vor, wenn sie herausbrüllen, was ohnehin alle denken (die nationalistischen Schriftsteller im Jahr 1914 zum Beispiel). Der zweite Fall ist der einer stark kontrollierten Öffentlichkeit, in der nur sie als berufsmäßige Träumer das aussprechen dürfen, was sonst nicht auszusprechen geht. 

Blickt man auf die Monate, in denen die DDR zusammenbrach, so ist vor allem eine Gruppe interessant: die der solidarisch-kritischen Reformsozialisten. Von der Ausreisewelle im August 1989 bis zum Ende jenes Jahres, als sich die deutsche Einstaatlichkeit abzeichnete, schien diese Gruppe ein realitätstaugliches politisches Programm zu vertreten. 

Diese Autoren sind insofern interessant, als sie sich zwar auf die demonstrierenden Teile der DDR-Bevölkerung bezogen, jedoch auf keine institutionalisierte Macht. Damit sind sie ganz untypisch, denn politisch beachtet wird gemeinhin, wer über Macht verfügt. Doch es gab zur Position der Reformsozialisten in der intellektuellen Diskussion während einiger Monate wenig Konkurrenz. 

Auf der einen Seite schwiegen oder taktierten die der SED nahestehenden Autoren. Eine öffentliche Verteidigung des bestehenden Staates ist schwer zu finden. Auf der anderen Seite gab es zwar Schriftsteller, die für Kapitalismus und eine deutsche staatliche Einheit argumentierten. Aber erstens waren sie in der DDR in der Minderheit und vertraten zweitens nur das, was ohnehin in Westmedien dauernd zu lesen war. So war die Zeit der »Wende« die große Zeit jener Dichter, die einen idealen Sozialismus herbeisehnten und mehr oder weniger bewusst einen Bezug auf reale Mächte ablehnten. Um diese Leute soll es hier gehen. 

Naiv und absurd 

Vorweg dieses: Es ist heute klar, daß ihre Vorstellungen nicht Wirklichkeit wurden. Hohn und Spott sind im Rückblick einfach auszuschütten. Allerdings kann man fragen, ob die nachträgliche Erkenntnis nicht auch schon damals möglich gewesen wäre. Das ist zum einen ökonomisch begründet. Vom Beginn der Ausreisewelle im August 1989 an war klar, daß eine politische Reform im Sinne des sozialistischen Idealismus ohne eine Maueröffnung nicht zu haben war. Damit aber wurde die Situation wiederhergestellt, die mit dem Mauerbau 1961 unter Kontrolle gebracht worden war: dass insbesondere gut (und teuer) ausgebildete Bewohner der DDR einen Anreiz hatten, ihre Arbeitskraft im Westen zu verkaufen. Ein Staat mit weitgehend egalitärer Bezahlung hier, einer mit erheblichen Einkommensdifferenzen dort, keine Sprachprobleme beim Überqueren der Grenze und die herrschende Klasse des reicheren Staats mit einem handfesten Interesse, eine attraktive Entwicklung des weniger produktiven Staats zu verhindern – über die wirtschaftlichen Konsequenzen einer solchen Lage können keine ernsthaften Zweifel bestehen. 

Das gilt auch fürs Politische. Es gab in der Geschichte immer wieder zeitweise vergessene Gegenden, wo ein paar Jahre oder Jahrhunderte lang eine von außen wenig beeinflusste Entwicklung möglich war, weil sich die mächtigen Akteure auf lohnendere Ziele konzentrierten. Ein Staat 1989 in Mitteleuropa, direkt an der Systemgrenze, praktisch schon verlassen von der Hauptschutzmacht Sowjetunion, gehörte gewiss nicht dazu. Der Imperialismus verwendete beträchtliche Kräfte darauf, die nach außen wenig attraktiven realsozialistischen Staaten der 1980er Jahre zu bekämpfen. Der Gedanke, er hätte einen ausstrahlungskräftigen Sozialismus auf dem Gebiet der DDR tolerieren können, ist naiv. 

Die DDR war 1989 in einer Lage, in der nur entschlossene Abwehrbereitschaft vielleicht noch retten konnte. Die Idee, dass ausgerechnet eine Auflösung von Herrschaftsstrukturen ihr den Sozialismus garantieren könnte, war einerseits völlig absurd. Andererseits werden Absurditäten nie ohne Gründe wirkmächtig. 

Das Blöde setzt sich dann durch, wenn das Gute versagt. Künstler scheuen nicht die Gewalt (das maoistische China hatte im Westen nie mehr Anhänger als während der barbarischen Kulturrevolution); was Künstler scheuen, ist die Schwäche. Der Staat DDR und die Partei SED agierten seit geraumer Zeit defensiv. Sie hoben punktuelle wirtschaftliche Erfolge hervor und erklärten nicht das konfliktentscheidende relative Zurückbleiben hinter dem westlichen Gegner. Im Spätsommer 1989 konnten sie keine überzeugende Erklärung für die massenhafte Ausreise vermitteln. Das Vorgehen der Volkspolizei gegen Demonstrationen Anfang Oktober war zu schwach, um sie zu stoppen, doch hart genug, um die Empörung anzuheizen. 

Als am 17. Oktober Erich Honecker als Generalsekretär der SED von Egon Krenz abgelöst wurde, erschien auch dies lediglich als Rückzugsbewegung. Nun wurde zwar deutlich, daß eine gewaltsame Lösung kaum mehr zu fürchten war. Die Politik der Partei wirkte jedoch immer noch ausschließlich reaktiv, mehrere Autoren mutmaßten: opportunistisch. Die Initiative blieb deshalb bei den Reformkräften, die – scheinbar siegreich – die Macht von Staat und Partei abräumten und damit tatsächlich ihr eigenes Grab schaufelten. 

Angriff auf den Staat 

Schriftsteller agieren einzeln, aber auch in Verbänden. Letztere, die zuvor trotz mancher Konflikte die Vorgaben der SED umgesetzt hatten, entwickelten angesichts der offensichtlich hilflosen Partei stärker eigene Impulse. Den Anfang machte dabei am 14. September der Bezirk Berlin des Schriftstellerverbands. Wenige Tage nach Gründung des oppositionellen Neuen Forums und nach der Grenzöffnung durch Ungarn, aber noch vor Beginn größerer Demonstrationen in der DDR, gingen die Autoren davon aus, daß die Ursachen für die Abwanderung »in nicht ausgetragenen Widersprüchen im eigenen Land« lägen. Entsprechend forderten sie einen »demokratischen Dialog auf allen Ebenen«.

Das markierte einerseits Distanz von Partei und Regierung, verzichtete andererseits auf eine politische Zuspitzung. Ein Dialog kann zu konkreten Veränderungen führen, muss dies aber nicht. Indem die Schriftsteller gleichzeitig die »kritische Auseinandersetzung mit westlichen Massenmedien« forderten, machten sie deutlich, daß es ihnen nicht um einen Kampf gegen die DDR ging. Eine SED-Politik der Machtsicherung hätte angesichts dieser Lage zwei Möglichkeiten gehabt: entweder eine entschlossene Repression oder ein Dialog mit den sozialistischen Teilen der Opposition, mochte auch ein solches Gespräch nur pro forma und zwecks Zeitgewinn geführt werden. 

Tatsächlich entschloss sich die Parteiführung, das Angebot anzunehmen. In der Berliner Zeitung war als Antwort auf den Schriftstellerverband zu lesen: »Die eingeleitete Wende, die es durch konkrete Taten weiter zu untermauern gilt, braucht auch fürderhin und jetzt erst recht das Wort der Autoren unseres Landes. Die notwendige Erneuerung unserer Gesellschaft kann nur gelingen, wenn sie von den breitesten Schichten des Volkes getragen wird.« Diese Erklärung von Egon Krenz hatte den einzigen Schönheitsfehler, dass sie erst am 1. November veröffentlicht wurde. Nach sechs ereignisreichen Wochen standen andere Forderungen auf der Tagesordnung. 

Die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten Anfang Oktober, die immer größer werdenden Protestveranstaltungen führten zu einer Konkretisierung des Verlangten. Noch am 22. September hatte das Präsidium des P. E. N.-Zentrums DDR zum 40. Jahrestag der Staatsgründung eine Erklärung herausgegeben, die allenfalls indirekt als Kritik lesbar war. Die DDR sei immer ein Ort gewesen, wo es möglich war, »sich gegen rassistische Vorurteile zu wenden, nationalen Größenwahn zurückzuweisen und die Freiheit des Wortes zu verteidigen« – hier kam es auf den letzten der Punkte an und darauf, seine Einlösung für die Zukunft zu garantieren. Erklärungen von Organisationen des Schriftstellerverbands benannten dagegen in zunehmender Schärfe das, was erst eingelöst werden sollte. 

Am 4. Oktober sahen die Schriftsteller aus dem Bezirk Halle »deutliche Anzeichen dafür, daß das Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Bürgern beschädigt ist«. Betonten hier Autoren wie Erik Neutsch Gesprächsbereitschaft als Voraussetzung einer »Entwicklung des Sozialismus«, so forderte der Bezirksverband Potsdam am 10. Oktober eine gänzlich neue Medienpolitik. Einen Tag später formulierte dann das Präsidium des Schriftstellerverbands eine Mitteilung, in der von einer »revolutionären Reform« die Rede war. Dieses Begriffsungetüm erklärt sich daraus, dass die Verfasser den »Übergang« zu der im »Kommunistischen Manifest« geforderten »Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«, verlangten. 

Das bezeichnet den Kommunismus, also einerseits eine Gesellschaft, die den Interessen des in der »Mitteilung« auch benannten westlichen Klassenfeinds klar widerspricht. Andererseits ist in dieser Perspektive der Sozialismus als eigene Gesellschaftsordnung, die aus realpolitischen Gründen viel länger dauerte, als bei der russischen Oktoberrevolution 1917 erhofft, abgewertet. Der unter den Bedingungen von 1989 utopistische Vorgriff ging in der Folge einher mit dem Rückbezug auf einen bürgerlichen Menschenrechtskatalog. Wenn am 16. Oktober der Bezirksverband Dresden nicht nur »Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit« forderte, sondern auch das »Recht zur Bildung von Vereinigungen«, so ließ sich dieses zwar auch im Kommunismus vorstellen. Es bedeutete aber jedenfalls einen Angriff auf den sozialistischen Staat, der angesichts seiner Bedrohung von außen und innen die Gründung von Organisationen gerade zu kontrollieren versuchte. 

Das von den Dresdnern geforderte Wahlsystem, »das dem mündigen Bürger das Recht der freien Wahl unter Parteien und Personen sichert«, lief dagegen auf eine repräsentative Demokratie hinaus, die mit der kommunistischen »freien Assoziation« und dem damit verbundenen Absterben des Staats wenig zu schaffen hat. Linksradikalismus und rechte Reformforderungen sind zwar inhaltlich nicht vereinbar, trafen sich allerdings in der Ablehnung des sozialistischen Staats, wie er 1989 bestand. 

Hoffnung auf erneuerten Sozialismus 

Den Machtverschiebungen der folgenden Wochen entsprechend trat in den Deklarationen die Forderung nach Elementen bürgerlich-demokratischer Rechtsordnung in den Vordergrund. Am 30. Oktober schlug die Mehrheit des P. E. N.-Präsidiums – darunter Friedrich Dieckmann, Stephan Hermlin und Helga Königsdorf – ganz andere Töne an als einen guten Monat zuvor. Nun forderte sie eine »Vielfalt politischer Meinungen und Organisationsformen, deren Koordination kein obrigkeitliches Monopol sein darf, sondern sich als demokratischer Prozess herstellen muss.« Mit Hinweis auf die Verfassung der DDR forderten die Unterzeichner auch »Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, das Recht auf Vereinigung und die Unantastbarkeit der Persönlichkeit« zu garantieren. Von einer führenden Rolle der SED konnte in dieser Konzeption nicht mehr die Rede sein. 

Heinz Kamnitzer, Präsident des P. E. N.-Zentrums, war nicht bereit, diese Erklärung mitzutragen. Er gab nicht nur sein Amt ab, sondern äußerte öffentlich im Neuen Deutschland, dass der P.E.N. mit dieser Stellungnahme zur Staatsverfassung der DDR seine Kompetenzen überschritten habe. Kamnitzers kurze Wortmeldung ist insofern eine Ausnahme, als von Autoren, die den Zerfall der Parteimacht mit Sorge sahen, sonst wenig zu hören und zu lesen war. Andererseits ist sie in ihrer defensiven Grundhaltung bezeichnend. Kamnitzer – der in den Weißenseer Blättern seine Position inhaltlich erläuterte – war in der Parteizeitung dazu gezwungen, sich auf Formalia zurückzuziehen. Dies war angesichts des raschen Niedergangs von Partei und Staat keine brauchbare Verteidigungsstellung. Die zentrale inhaltliche Frage – nämlich was Organisationsfreiheit angesichts der Grenzlage der DDR und einer interventionsbereiten Bundesrepublik bedeuten musste – sprach auch Kamnitzer nicht an. 

So zeichnete sich in den Stellungnahmen von Institutionen in den Wochen vor der Maueröffnung eine zunehmend grundsätzliche Kritik ab, verbunden mit weitreichenden politischen Forderungen. Schriftsteller haben jedoch auch andere Möglichkeiten, sich zu dem Geschehen zu positionieren, vielleicht sogar einzugreifen. Angesichts einer schnellen politischen Entwicklung taugt dabei nicht, was doch ihr Hauptjob sein sollte: Romane, Erzählungen, Theaterstücke zu schreiben. Vielmehr treten andere Genres in den Vordergrund: Reden, Interviews, Essays. Schriftsteller können auch bei Veranstaltungen mitwirken und dabei ihr künstlerisches Ansehen in politischen Einfluss ummünzen. 

Dabei zeigen sich durchaus unterschiedliche Strategien. Auf der einen Seite hob Christa Wolf in ihren Reden und Auftritten immer wieder die Bedeutung einer neuen Sprache für ein erneuertes Miteinander hervor. Von Schriftstellern erwartet man qua Beruf, dass sie besonders genau mit Sprache umgehen können; zudem hatte sich Christa Wolf der Öffentlichkeit als besonders sensibel und empfindsam dargestellt, so dass ihr politisch-literarisches Programm jetzt als ideales Gegenbild zu einer erstarrten Formelsprache der Macht erscheinen konnte. Während Wolf auf die Identität von Dichtung und Politik zielte, hielt auf der anderen Seite Christoph Hein die Tätigkeiten klar getrennt. Im November lehnte er einen Beitrag für einen im bundesrepublikanischen Rowohlt-Verlag geplanten Sammelband ab: Er sei ganz durch »›berufsfremde‹ Arbeiten« in Anspruch genommen. Überhaupt erscheine ihm praktische Arbeit nun wichtiger als Resolutionen oder Absichtserklärungen. Allerdings dürfte Heins Beruf das Gewicht seiner Tätigkeiten in der Kommission vergrößert haben. 

Wer absagt, muss zunächst einmal überhaupt eine Anfrage erhalten haben. Es ist eine überschaubare Gruppe prominenter Autoren, die sich immer wieder in Medien mit großer Reichweite zu Wort melden konnte. Einige von ihnen hatten die Möglichkeit, auch zeitnah in Westmedien zu publizieren – Heiner Müller, Christa Wolf, Volker Braun, Stefan Heym, Christoph Hein, Günter de Bruyn und (in Ausnahmefällen) Hermann Kant. Auch wenn Die Zeit oder Der Spiegel in der DDR bis zum 9. November nur schwer erhältlich waren, Westradio und -fernsehen wurden verfolgt, und die berichteten über diese Beiträge. 

Von den eben Genannten gehörten zwei im Herbst 1989 nicht zur Kerngruppe der Reformsozialisten. Auf der einen Seite ist dies Günter de Bruyn, der schon früh für eine Umwandlung der DDR in eine bürgerliche Demokratie und bald auch für die deutsche Einigung optierte. Auf der anderen Seite forderte Hermann Kant zwar wie die anderen Schriftsteller von der Führung der DDR Reformen ein. In einer Umfrage der Zeit vom 22. September 1989, ob der Sozialismus am Ende sei, benannte er jedoch hellsichtig die Folgen eines möglichen Scheiterns. Eine ausschließlich kapitalistische Welt sei eine Welt des Krieges und der Zerstörung sozialer Zusammenhänge. Kant beschrieb damit im Vorgriff ziemlich genau das, was wir seit 25 Jahren erleben. 

Die anderen Autoren hofften auf einen erneuerten Sozialismus und vergaßen im Protest gegen Probleme im Bestehenden die Gefahr, die vom Westen ausging. Zwar nannten sie hin und wieder das Risiko einer feindlichen Übernahme. Doch der Gesichtspunkt blieb entweder randständig oder wurde sogar zum Argument, dass der Sozialismus, sollte er überleben, ganz anders werden müsse als bisher. Unter diesem Blickwinkel erschien der demonstrierende Teil der Bevölkerung als Hoffnung, wenn nicht gar als Erfüllung linker Versprechen. 

Ein Schlagwort, das in fast allen Reden und Essays von Oktober an vorkam, ist in diesem Zusammenhang »Revolution«. Die Autoren waren derart begeistert, dass überhaupt etwas geschah, und gar noch von unten, dass sie nicht nach den Folgen fragten und danach, wer davon den Nutzen hatte. Doch eine Revolution muss sich gegen etwas richten. Das Zauberwort lautete hier »Stalinismus«, und die Fixierung darauf glich einer Obsession. In immer neuen Varianten wurden die Verhältnisse in der DDR als stalinistisch gegeißelt. 

Der Vorwurf war dabei von allem historisch Konkreten gesäubert. Weder erläuterten die Autoren, welche von Stalins Maßnahmen unvermeidbar gewesen waren, welche auf einem – vielleicht vermeidbaren – Irrtum beruht hatten und ob es Befehle gegeben hatte, die als Verbrechen zu verurteilen sind. Ebenso wenig findet man eine Begründung, wieso die Herrschaftspraxis in der DDR, die von ihrer Gründung an erkennbar milder als die in der Sowjetunion der Stalinzeit war, dennoch stalinistisch sein soll. Das Wort Stalinismus hat in all diesen Texten überhaupt keinen Inhalt; vielmehr diente es der Feindmarkierung. Den reformsozialistischen Autoren ging es, abgesehen von einigen Psychologisierungen, nirgends darum, die politischen Zwänge und Beweggründe der Führungspersonen von Staat und Partei nachzuvollziehen und sich auf dieser Basis politisch mit ihnen zu verständigen. Vielmehr identifizierten sie sich ganz mit dem Protest von unten. 

Politisches Scheitern 

Getragen von einer solchen Begeisterung, gelangen den Schriftstellern Auftritte, bei denen sie sich im Einklang mit der historischen Bewegung fühlen konnten. Die Podiumsdiskussion »DDR – wie ich sie träume« am 24. Oktober im Berliner Haus der jungen Talente und vier Tage später eine Gemeinschaftsaktion Berliner Künstler in der Erlöserkirche unter dem Titel »Wider den Schlaf der Vernunft« – das waren Gelegenheiten, sich im Kreis von Gleichgesinnten der eigenen Bedeutung zu vergewissern. 

Den Höhepunkt solcher Aktivitäten bildete die Demonstration für Pressefreiheit auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November. Die Reden von Christa Wolf, Christoph Hein und Stefan Heym wurden mit viel Applaus belohnt; nur Heiner Müller, unzureichend vorgestellt, wurde ausgepfiffen, als er statt eines eigenen Beitrags einen Gewerkschaftsappell verlas. Insgesamt jedoch bezeichnet dieses Datum den Höhepunkt einer Einheit von Intellektuellen und Protest. 

Wie gering der gefühlte Einfluss der Dichter auf die Ereignisse war, das zeigt eine Erklärung, die Christa Wolf im Namen von Künstlern und Vertretern von fünf Bürgerinitiativen am 8. November im DDR-Fernsehen abgab, also am Vorabend der Maueröffnung. Hier heißt es: »Was können wir Ihnen versprechen? Kein leichtes, aber ein nützliches und interessantes Leben. Keinen schnellen Wohlstand, aber Mitwirkung an großen Veränderungen. Wir wollen einstehen für Demokratisierung, freie Wahlen, Rechtssicherheit und Freizügigkeit.« 

Man möge für Ideale auf den erhofften Wohlstand verzichten und in der DDR bleiben – dieser kaum massenwirksame Appell deutet schon die Defensive an, in die die reformsozialistischen Autoren, als sie nach dem Anschluss nicht mehr gebraucht wurden, sämtlich gerieten. Wollte man sich als Kritiker der DDR profilieren, so war dafür die mindeste Voraussetzung, dass es überhaupt eine DDR gab. Insofern Wolf, Hein, Heym, Braun und Müller, wahrscheinlich wider Willen, die Abschaffung dieses Staates beförderten, schafften sie selbst ihre politisch relevante Position ab. 

Nachdem die SED keinen Rückhalt mehr in Moskau sah und die Demonstrationen in der DDR die Maueröffnung erzwungen hatten, klärten sich die Machtverhältnisse. Schon am 8. November hatte Bundeskanzler Helmut Kohl in einem Bericht zur »Lage der Nation« den westdeutschen Gesamtvertretungsanspruch erneuert und ein »Selbstbestimmungsrecht für alle Deutschen« eingefordert. An die Stelle des »Wir sind das Volk« trat nun: »Wir sind ein Volk« – eine in sich stimmige Verschiebung, denn die zweite Parole entsprach den Verhältnissen, die mit der ersten hergestellt worden waren. Was folgte, war nur noch die Abwicklung. 

Die Autoren bemerkten die Gefahr durchaus, hielten jedoch eine sozialistische Entwicklung nach wie vor für möglich. Der Aufruf »Für unser Land« vom 28. November, der u. a. von Braun, Heym und Wolf unterzeichnet war, stellt zwei gegensätzliche Wege vor. Entweder komme es unter Druck »einflussreicher Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik« zu einem Ausverkauf der »materiellen und moralischen Werte«, wobei »über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt« werde – oder es gelinge, »in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind«. 

Natürlich plädierten die Unterzeichner für die letztere Version und für eine Besinnung »auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind«. Aber dafür war es bereits zu spät. In dem im Juli 1990 entstandenen Gedicht »Das Eigentum« konstatierte Volker Braun dann: »Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. / Ich selber habe ihm den Tritt versetzt. / Es wirft sich weg und seine magre Zierde. / Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. (…)« 

  

1 Der Schriftstellerverband der DDR hat 1990 in den ersten drei Heften seiner Zeitschrift Neue Deutsche Literatur eine Zusammenstellung von Dokumenten aus den Herbstmonaten publiziert, auf die sich die folgende Darstellung stützt. 

Kai Köhler schrieb auf diesen Seiten zuletzt am 22.10. über deutsche Dichtung im Ersten Weltkrieg.  

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Ende der Utopie? 

Alexander Amberger über marxistische Systemkritik in der DDR.  

Von Siegfried Prokop 

In: junge Welt online vom 10.11.2014 

 

In einer jüngst erschienenen Studie untersucht Alexander Amberger die in den 70er und frühen 80er Jahren von Wolfgang Harich, Rudolf Bahro und Robert Havemann niedergeschriebenen marxistischen Postwachstumsutopien; sie gingen davon aus, dass der revolutionäre Impetus ohne die Utopie ihr Ideal verliert. Ohne die progressive Kraft und Dynamik der Utopie würde der Realsozialismus zu einem als »ausweglos« empfundenen System erstarren. 

Wolfgang Harich plädierte 1975 in seinem in Interviewform gestalteten Buch »Kommunismus ohne Wachstum?« für eine anmaßende Ökodiktatur, die eher Züge einer Dystopie trug. Er reagierte damit auf den Meadows-Bericht des Club of Rome, der die fatalen Konsequenzen für die Entwicklung der Menschheit aufzeigte, falls die Grenzen des Wachstums überschritten würden. Die offizielle DDR verschwieg den Report nicht, stellte dessen Schlussfolgerungen aber als typisch für die »westliche Welt« dar, dem das »gesunde Wachstum« des Sozialismus gegenüberstehe. Harich ließ diese selbstgefällige Sicht nicht gelten. Er ging davon aus, dass die Vorstellung von einem »Luxuskommunismus« durch einen »homöostatischen Kommunismus«, einen Kommunismus ohne Wachstum, der mit der Ökologie vereinbar ist, ersetzt werden muss. Er plädierte für den sofortigen Übergang zum Kommunismus und für einen Stopp des Bevölkerungswachstums und der individuellen Motorisierung. Da Harich für die Verwirklichung dieser Ziele eine Diktatur für erforderlich hielt, wurde ihm häufig vorgeworfen, ein »Ökostalinist« zu sein. Amberger hält dem entgegen, dass Harichs Utopie nicht »stalinistisch« war, wohl aber »archistisch im Sinne von Lenins ›Diktatur des Proletariats‹«. Außerdem weist er darauf hin, dass sich Harich von dieser Vorstellung später distanziert habe. 1980 wurde die dem Kulturbund angegliederte »Gesellschaft für Natur und Umwelt« (GNU) gegründet, die nach fünf Jahren bereits über 50.000 Mitglieder verfügte. Zusätzlich gab es einen Minister für Umweltfragen und dazu staatliche umweltpolitische Räte, Ausschüsse und Inspektionen. Diese Institutionen waren allerdings allesamt dem Primat der kriselnden Wirtschaft und dem Druck der Staatsverschuldung unterworfen. Sie konnten vorwiegend im lokalen und kommunalen Raum kleinere Wirkungen erzielen. Die SED verschwieg Umweltprobleme nicht kategorisch. Sie habe versucht, diese in einer »taktischen Kombination aus Vertuschung und Einbindung« in den Griff zu bekommen. 

Rudolf Bahro verfasste sein Buch »Die Alternative« (1977) als Analyse des Realsozialismus, der er einen utopischen Gegenentwurf anfügte. Er fand die materiellen Privilegien der Nomenklaturkader zwar ärgerlich, sah darin aber nicht das zentrale Problem. Dies verortete er auf dem Gebiet der Privilegien, die mit den dauerhaft gesicherten Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur verbunden waren. Die DDR-Bevölkerung lebe dauerhaft subaltern, was dem marxistischen Anspruch nach menschlicher Emanzipation zutiefst widerspreche. Der Antagonismus »Volk und Funktionäre«, das sei die unvermeidliche Dichotomie jeder realsozialistischen Gesellschaft. Bahros Utopie ging davon aus, dass die Menschen in Kommunen leben. Die Kommunen stellen dabei Einheiten eines Ganzen dar. Sie delegieren Vertreter in die Nationalversammlung. Aber nicht diese, sondern ein »Bund der Kommunisten« sei die höchste Instanz. Bahro plädierte gegen ideologische Indoktrination und Bevormundung von oben. Er setzte auf Basisdemokratie. Zwischen Produktion und Verbrauch sollte ein Gleichgewicht hergestellt werden, weshalb es nicht mehr primär um Wachstum gehe. 

Robert Havemann verkleidete seine subjektiv-anarchokommunistische Utopie »Morgen« 1980 als Roman. Für Havemann war die Oktoberrevolution zu früh gekommen. So sei ein System geschaffen worden, das als »sozialistischer Feudalismus« bezeichnet werden solle. Die Sowjetunion wurde ein Staat mit absoluter pyramidaler Hierarchie, gegen dessen Willkür keine Rechtsmittel existierten, außer in der erniedrigenden Form der Eingabe. Die Planwirtschaft hielt Havemann für undynamisch und chaotisch. Die Preise entsprächen nicht den Werten, was zur Vergeudung führe. Eine Veränderung sah Havemann nicht »in einem Polizeisystem à la Harich«, das in die Barbarei münde. Der einzige Weg, der durch das große nahende Unheil hindurchführe, sei der Weg eines wirklichen, freiheitlichen Sozialismus. Havemann hoffte also, so Amberger, auf eine Transformation aus den realsozialistischen Gesellschaften heraus, basierend auf den bereits sozialisierten Produktionsmitteln. Damit habe er im Einklang mit Bahro und Harich gelegen. Amberger versteht es in seiner aktuellen Studie, die Rolle der Utopien für die Ausformung der Kritik am realen Sozialismus ins rechte Licht zu setzen. 

Schade ist, dass Amberger nicht die Analysen des Realsozialismus von Fritz Behrens in die Betrachtung einbezieht, die erst 1992 unter dem Titel »Abschied von der sozialen Utopie« im Akademie-Verlag erschienen. Im Unterschied zu Harich, Bahro und Havemann ging Behrens davon aus, dass eine Renaissance des Sozialismus eine »systemtranszendente Reform« zur Voraussetzung habe. Bemerkenswert ist auch, dass der Verlag des Buches von Behrens in zeitgeistiger Unterwürfigkeit das Fragezeichen, das der Autor hinter den Titel gesetzt hatte, strich. 

Alexander Amberger: Bahro – Harich – Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, 332 S., 39,90 Euro  

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