Häftlingsnummer 58866 Kurt Julius Goldstein  

Vor 100 Jahren wurde der Jude und Kommunist geboren.  

Er überlebte Auschwitz und Buchenwald. Unentwegt gemahnte der engagierte Antifaschist in Zeitzeugengesprächen an die Greuel der Nazidiktatur.  

Ein Auszug aus seinen Lebenserinnerungen.  

In: junge Welt online vom 03.11.2014 

 

Vor 100 Jahren, am 3. November 1914, wurde Kurt Julius Goldstein in Scharnhorst, heute Dortmund, geboren. Einer jüdischen Familie entstammend begegnete Goldstein bereits in der Schule dem Antisemitismus der Weimarer Republik, schloss sich dem linken jüdischen Jugendbund »Kameraden«, dann der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend an und wurde schließlich Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands. Kommunist blieb er sein Leben lang. Ab November 1936 nahm Goldstein als Interbrigadist am Spanischen Bürgerkrieg teil, wurde nach der Demobilisierung der Brigaden in Frankreich interniert, im Juli 1942 an das faschistische Deutschland ausgeliefert und nach Auschwitz verschleppt. Er überlebte 30 Monate im Konzentrationslager und im Januar 1945 den Todesmarsch ins KZ Buchenwald. 1951 siedelte er aus Dortmund in die DDR über und arbeitete von 1956 bis zu seiner Pensionierung 1978 beim Rundfunk. Bis zu seinem Tod, er starb am 24. September 2007 in Berlin, berichtete Goldstein unermüdlich in Zeitzeugengesprächen, bevorzugt an Schulen, über die Nazizeit. Aus Anlass seines 100. Geburtstages druckt jW einen Auszug aus einer 1986 aufgezeichneten autobiographischen Skizze nach, die zuerst in dem von Wolfgang Herzberg herausgegebenen Band »Überleben heißt erinnern. Lebensgeschichten deutscher Juden« erschienen ist und nochmals veröffentlicht wurde in einer von Friedrich-Martin Balzer besorgten Zusammenstellung mit Reden und Schriften von Goldstein mit dem Titel: »Wir sind die letzten – fragt uns«. Beide Bücher sind nur noch antiquarisch erhältlich. Der hier ausgewählte Auszug setzt ein mit der Erinnerung Golsteins an seine Deportation nach Auschwitz und endet mit der Befreiung Buchenwalds. _(jW) 

  

Wir wurden zunächst im Lager isoliert und kamen dann auf Transport, zuerst in ein Lager bei Paris, Drancy. Von dort aus gingen alle Transporte ins KZ Auschwitz. Es waren diese furchtbaren Transporte auf Güterwagen, die zugelassen waren für acht Pferde, und wir waren etwa einhundertzwanzig Leute pro Waggon. Man konnte gerade so stehen. Die Waggons waren zugenagelt. Sie hatten nur kleine Luftritzen. Von Paris bis Auschwitz wurden sie nicht geöffnet. In jedem Waggon standen ein Kübel Wasser und ein Scheißkübel. Der Wasserkübel war bald leer, und auch er wurde zum Scheißkübel, und als beide Kübel voll waren, entleerte man sich daneben. Das dauerte fast eine Woche. Es gab nichts zu essen oder zu trinken. 

Auf dem Bahnhof in Birkenau bei Auschwitz kamen wir auf die Rampe, und es folgte die berüchtigte Selektion. Wir alle waren Juden, aber aus irgendeinem Grund war auch ein Nichtjude darunter, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter der KPD. Er fuhr unter falschem, skandinavischem, Namen. Die meisten unserer Gruppe kamen auf die »richtige« Seite, nur einer, der kleine Gustav Hartog, er hatte damals schon eine Glatze, geriet auf die »falsche« Seite und kam sofort ins Gas. Man trieb uns ins Lager, zuerst zum Haareschneiden und in die Desinfektion, und wir mußten alles, was wir bei uns hatten, abgeben. Wer etwas versteckt, wurde gesagt, geht sofort ins Gas. Sie guckten sogar in den After. Es wurde geprügelt, ohne Gnade. Dann ging es zum Tätowieren, und jedem wurde die Kleidung hingeworfen. Ich bekam die Häftlingsnummer 58866. 

Wir waren die ersten Häftlinge, die man unter Tage in den Bergbau schickte. Es wurden ungefähr einhundertfünfzig Häftlinge für das Nebenlager Jawischowitz ausgewählt. Dort gab es zwei Steinkohlengruben. Wir marschierten los. Es war ein schrecklicher Marsch, unterwegs prügelte man uns. Wir mußten springen und laufen. Wir wußten zunächst nicht, daß es in Auschwitz Gaskammern und Krematorien gab. Wir wußten nur, daß die SS-Leute Bestien waren. In Jawischowitz herrschte das Regime der SS und der ihnen dienenden Berufsverbrecher, die dort Kapofunktionen hatten. Die Berufsverbrecher prügelten mit Fäusten und Gegenständen, die SS trat und prügelte mit Kolben. Das war der Alltag im Lager gewesen. Paul Skrotzki aus Bochum hat Häftlinge in den elektrisch geladenen Zaun gejagt. Nach 1945 hatte er einen Prozeß in Bochum, der mit einem milden Urteil endete. 

Alle Neuen mußten in die Duschen, sich ausziehen und nackt auf dem Appellplatz antreten. Vorne standen der Lagerführer Kowoll, sein Stellvertreter Marcelli, der Lagergestapomann, der Grubendirektor Heine und sein Stellvertreter so-wie der Grubenbetriebsführer Borgstedt und der Fahrsteiger Frost. Die Häftlinge mußten wie auf dem Sklavenmarkt der Reihe nach vortreten, sich breitbeinig hinstellen, die Muskeln zeigen und ihre Nummer und den Beruf nennen. Bei jedem machten sie eine antisemitische, dumme Bemerkung. Das ärgerte mich. Ich überlegte, was ich antworten könnte. Als der Grubendirektor und der Betriebsführer den Mund aufmachten, hörte ich, daß das Ruhrgebietler waren. Die Lagerführer waren Oberschlesier. Als ich an der Reihe war, sagte ich, in richtigem Ruhrgebietsdeutsch, einfach »Püttmann«! Einen Bruchteil einer Sekunde war Schweigen, und der Grubendirektor fragte: »Wo hast du gearbeitet?« Und ich sagte, wie aus der Pistole geschossen: »Zeche DeWendel, Schacht Franz und Schacht Robert!« Das waren die beiden Schächte, die ich auch von unten kannte. Und er: »Als was haste gearbeitet?« Und ich: »Als Schlepper vor Stein und Kohle.« Das war kein Hauer, sondern Hilfsarbeiter. Der Lagerführer fragte: »Warum bist du von Deutschland weggegangen?« Darauf ich: »Der Führer brauchte mich nicht mehr zum Kohlehacken«. Und er: »Warum bist du wiedergekommen?« Und ich: »Der Führer brauchte mich wieder zum Kohlehacken!« Dann konnte ich wegtreten. Im Wegtreten hörte ich, wie der Grubendirektor zu dem Lagerführer sagte: »Der erste Facharbeiter!« und der Lagerführer zum Lagerältesten: »Der Mann kriegt doppelten Schlag Essen!« 

»Flügelmann« 

Die Juden sind wie alle anderen. Es gibt gute und schlechte, kluge und dumme, faule und fleißige, anständige und unanständige, konsequente und Verräter. Ein Kommerzienrat trat nach vorne, und als er nach seinem Beruf gefragt wurde, sagte er, er sei Hauptmann bei irgendeiner Division im kaiserlichen Deutschland gewesen und hätte das EK I bekommen. Der Lagerführer trat ihm in den Bauch und sagte: »Ein Dreckjude bist du!« Aber das war noch nicht Lehre genug. Als wir die ersten Tage in der Grube arbeiteten, hat sich dieser Kommerzienrat nicht geschämt, eine Meldung bei der SS-Lagerleitung zu machen, weil zwei Polen mit Juden ihr Brot geteilt hatten. Wir arbeiteten ja mit polnischen Bergleuten zusammen. Die Polen sind daraufhin ins Lager gebracht und beim Appell vor allen Häftlingen über den Bock gelegt und geschlagen worden. Für das Verhalten der polnischen Bergleute uns gegenüber hatte das natürlich schlimme Folgen. Ein Teil von ihnen hat sich sehr solidarisch verhalten. Es hat natürlich auch andere gegeben. 

Kaum waren wir in die Baracken eingeteilt, pfiff es draußen, und wir mußten zur Arbeit raustreten. Jede Schachtanlage hatte drei Schichten: Früh-, Nachmittag- und Nachtschicht. Ich wurde eingeteilt für die Nachtschicht Jawischowitz. Das hab’ ich vom ersten bis zum letzten Tag gemacht. Wir rückten aus, kaum waren wir aus dem Lager raus, sagten die SS-Leute: »Ein Lied!« Wir waren Juden aus aller Herren Länder. Was sollten wir für gemeinsame Lieder singen? Und für diese Kerle? Die SS-Leute fingen an zu drohen, als wir nicht zu singen begannen. Die Gruppe war nicht stark, etwa zwanzig Mann. Ich stimmte ein Lied an, eines der Landsknechtslieder, wie »Vom Barette schwang die Feder« und »Wir sind des Geyers Schwarzer Haufen«. Der eine oder andere kannte es und brummte mit. Als wir am nächsten Tag ausrückten, sagten die schon zu mir: »Sänger, komm nach vorne. Du bist Flügelmann!« 

Unsere Arbeit war Bergeversatz, das heißt, das Ausgekohlte mußte wieder mit Stein angefüllt werden. Die Häftlinge wurden einem polnischen Hauer zugeteilt. Nach ein paar Wochen fehlte plötzlich ein Hauer, und da erinnerte man sich meiner: Wo ist denn der Jude Facharbeiter? Nun war ich dran und mußte als Hauer mit drei Häftlingen Bergeversatz machen. Nach drei oder vier Wochen schon machten wir einen Bergeversatz eigener Art: Auf halber Breite setzten wir Hölzer, ganz schnell. Dann gingen wir zum Kohlenstoß hinüber und bauten aus den dicken Brocken, die dort von der Wand herunterfielen, und ein paar dicken Steinen eine Mauer. Aber ein gutes Drittel dahinter bis zur Hälfte des Kohlenstoßes war hohl! Wir setzten die Hölzer nach vorne und schütteten das schnell wieder an. So konnte der Steiger, der kontrollierte, ob man keine Löcher beim Auffüllen ließ, hämmern, soviel er wollte, er hat uns nie erwischt! Wir haben also bloß die Hälfte der Schicht gearbeitet, um Kräfte zu sparen. Drei von uns konnten sich dann hinlegen und ausruhen, der vierte mußte Wache sitzen, ob jemand kam. Die SS hat uns immer nur bis zur Grube gebracht, und ein SS-Mann stand am Korb, aber im Berg waren wir unter uns. 

Meine »Karriere« hat also angefangen mit Singen, dann wurde ich Vorarbeiter, der die Arbeit einteilte, und schließlich Kapo, das heißt Kolonnenführer der Nachtschicht. Da war ich für etwa einhundert Mann verantwortlich. In meiner Kolonne war auch Hermann Axen. Er hatte mal einen Konflikt mit einem polnischen Hauer, der Antisemit war und zwei Kopf größer als er. Als der Pole seine Lampe auf Hermanns Kopf hauen wollte, bin ich dazugekommen und hab’ dem Polen eine gewischt. Das hat Hermann möglicherweise das Leben gerettet. 

Kapo 

Kapo zu sein war nicht unkompliziert. An einem Morgen kam der bekannte KZ-Arzt Fischer nach Jawischowitz zur Selektion. Karl Polak war, wie wir im Lager sagten, ein richtiger Muselmann. Er hatte eine Hautflechte im Gesicht und trug deshalb einen Halbbart. Da er nicht mehr fähig war, in der Grube zu arbeiten, teilte ich ihn zum Stubendienst ein. Ich war ganz sicher, wenn Fischer ihn sah, käme er weg. Als Fischer sich unserer angetretenen Barackenmannschaft näherte, sagte ich zu Karl: »Mach, daß du wegkommst!« Der verstand das aber nicht. Daraufhin bin ich auf ihn zugegangen und hab’ ihn in den Hintern getreten und gesagt: »Du bist Stubendienst! Mach, daß du an deine Arbeit kommst, du hast hier nicht so rumzustehen!« So hab’ ich den Karl Polak vor der Selektion bewahrt. Er hat das selbst in einem Buch über seine Erlebnisse in der Nazizeit erzählt. 

Eines Tages bekam ich abends Bescheid vom Lagerschreiber Karl Grimmer, einem »Berufsverbrecher«, der aber ein anständiger Kerl war, daß am nächsten Morgen beim Einmarsch ins Lager unsere Kolonne gefilzt werden sollte. Durch den Kontakt mit den polnischen Bergleuten wurde ja alles mögliche ins Lager gebracht, und wir schleppten aus dem Lager alles mögliche heraus, Hemden und Hosen und so weiter. Wir tauschten das gegen Brot, ein bißchen Tabak oder auch mal ein Fläschchen Selbstgebrannten. Als wir morgens unter Tage antraten, bin ich durch die Reihen gegangen und hab’ den Leuten gesagt, wer was hätte, sollte es hier unten im Stoß verstecken! Wir würden heute gefilzt. Ich bin zwei-, dreimal durch die Reihen gegangen und fuhr beruhigt raus. Wir waren draußen noch keine fünf Minuten marschiert, da ruft mich einer: »Kapo, ich hab’ ein bißchen Tabak!« Ich sagte: »Idiot, schmeiß das weg! Ich habe doch unten Bescheid gesagt!« Fünfzig Schritt weiter ruft der nächste: »Ich hab’ ein Stückl Brot, und ich hab’ ein Flaschl mit Sermogonka!« Mir war plötzlich klar, die hatten unten nicht auf mich gehört! Was tun? Es ging auch gegen mich, falls sie was fanden! Ich war der einzige Jude auf diesem Kapoposten! Als wir am Lager ankamen, stand dort als Diensthabender der Lagerführer-Stellvertreter, dem man Meldung machen mußte: Nachtschicht Jawischowitz mit soundsoviel Häftlingen im Lager zurück! Ich ging auf den zu, machte mein Männeken und meldete, und als der »Einrücken« sagte, antwortete ich: »Herr Lagerführer, die Bande ist heute früh so schlecht marschiert. Ich möchte mit denen noch ein bißchen Sport machen!« Da sagte der Lagerführer: »Judenkönig, laß sie hüpfen, laß sie springen!« Und ich kommandierte: »Im Laufschritt, marsch, marsch!« Am Lagertor standen schon die Berufsverbrecher und warteten darauf, uns filzen zu können. Ich ließ die Kolonne über die alte Lagerstraße laufen, dann hüpfen, dann rollen, grausam! Aber ich hab’ mir gedacht, das ist die Gelegenheit für diejenigen, die noch was in der Tasche hatten, es wegzuwerfen. Diese Überlegung war richtig. Ich sah: da lag was, und da lag was. Dann ließ ich sie im Laufschritt zur Lagerstraße marschieren. Wir wurden gefilzt, doch man hat nichts gefunden. Die Gefahr war abgewendet! Hinterher sind Genossen zu mir gekommen und haben gesagt: »Bist du verrückt geworden, uns vor dem Lagerführer Sport machen zu lassen?!« Ich hab’ erklärt, warum, doch es gab keine einheitliche Meinung, ob es richtig gewesen war. 

Die Genossen, die in der Nachtschicht waren, haben miteinander Verbindung gehabt. Wir haben uns am Tag getroffen, Christian Kloß, Hermann Axen, Vati Hoffmann und ich, und haben Informationen, die wir auf diesem und jenem Weg kriegten, weitergegeben. Natürlich hatten wir Angst vor Spitzeln. Wir haben auch Sabotage betrieben. Die Nazis hatten auf die Loren und Kohlenwagen geschrieben: »Räder müssen rollen für den Sieg!« Wir haben gesagt: »Räder müssen rollen für die Niederlage!« und systematisch Transportbänder angeritzt, so daß sie rissen und die Förderung stillstand. Wir haben Sand in das Öl getan für die Schüttelrutschen und ähnliches. Ich bin ja viel in der Grube herumgelaufen und habe mich jede Nacht auch ein paar Stunden in den ehemaligen Pferdestall gelegt. Unser Schacht lag in 700 Metern Tiefe. Er war teilweise sehr niedrig, so daß man nur kriechen konnte. Wir mußten viel schippen. Es wurde vorher maschinell geschrammt und abgesprengt. Die Hauptbeschäftigung für die Häftlinge war schippen mit »Weiberärschen«, so hießen die breiten Schaufeln. Das haben wir bis zum 17. Januar 1945 gemacht. (…) 

Andererseits ist in Auschwitz vom ersten Tag an Widerstand geleistet worden, zuerst von den polnischen Häftlingen, die dort eingeliefert wurden. Es gab eine Widerstandsorganisation, die in den Schreibstuben die Totenlisten verfolgte und darüber Berichte anfertigte, die aus dem Lager herausgeschmuggelt wurden, nach Krakau, und von dort bis nach England, bis in die Regierungskreise, bis in die USA und den Vatikan durchsickerten. Es hat in Auschwitz nicht einen Tag gegeben, an dem nicht Menschen erschlagen, erschossen, erhängt und vergast wurden. Unmenschlich ist jeder Tag gewesen! Aber es hat auch keinen Tag gegeben, an dem Juden, Nichtjuden, Kommunisten und Nichtkommunisten nicht Widerstand geleistet haben. Wenn man nicht beide Seiten sieht, macht man sich ein falsches Bild von Auschwitz. 

Todesmarsch 

Es gibt kein Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, das mit Auschwitz vergleichbar ist. Ich habe in Auschwitz gesehen, wie die Kinder gelitten haben und wie sie ins Gas getrieben wurden. (…) 

Ende 1944 kam ein Scharführer zu mir und sagte: »Judenkönig, ich will dir einen Vorschlag machen: Wenn das hier zu Ende geht, helf ich dir, zu überleben, und du hilfst mir, wenn die Russen kommen!« Ich sagte: »Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden, ich bin hier Häftling.« Später sagte er wieder: »Du weißt, der Vorschlag gilt!« Ich gab keine Antwort. Am 17. Januar 1945, als der Abmarsch vorbereitet wurde, rief er mich und sagte: »Such dir mal drei, vier Leute aus. Ich habe im Schlitten ein geschlachtetes Schwein, Decken und meine Koffer. Den zieht ihr mir. Wir gehen zusammen. Mein Vorschlag gilt!« So begann der Todesmarsch nach Buchenwald, die Flucht vor der Roten Armee, die aufgrund eines Telegramms von Churchill an Stalin vorfristig eine Entlastungsoperation an der Belorussischen Front einleitete und am 27. Januar 1945 auch Auschwitz befreite. Wir sind bei fünfzehn und zwanzig Grad Kälte und dreiviertel Meter hohem Schnee zu Fuß in unserer Häftlingskleidung losmarschiert, mit einem Stück Decke, wer das mitnehmen konnte, und einem Stück Brot. Die SS bewachte uns mit Hunden. Jeder, der auch nur einen Schritt zu weit nach rechts oder links ging, wurde von den Hunden angefallen und von der SS auf der Stelle erschossen. Es war ein ständiges Geknalle. Wir waren damals etwa dreitausend Häftlinge. In Buchenwald kamen noch etwa fünfhundert an. Wer konnte, hatte sich gegen die Kälte Zementsäcke oder Papier unter die Häftlingskleidung getan. Wir zogen den Schlitten für den Scharführer. Er kommandierte uns und hielt immer größeren Abstand zu der Kolonne. Plötzlich sagte er: »Hundert Meter von der Straße weg, am Wald, ist eine Blockhütte. Da gehen wir rein.« Wir zogen den Schlitten dort hin und machten in der Hütte ein kleines Feuer. Die Kolonne zog weiter. Dann versuchten wir, von dem gefrorenen Schwein etwas abzuschneiden und auf dem Feuer zu rösten. Als der Scharführer einen Moment hinausging, hab’ ich meinen Kameraden zugeflüstert: »Heut nacht stirbt er.« Ich war fest entschlossen, ihn zu töten. Danach wollten wir zu den Partisanen flüchten. Aber daraus wurde nichts. Plötzlich war draußen großes Geschrei. In unsere kleine Hütte kam eine Schar hoher SS-Offiziere. Die wollten dort auch die Nacht verbringen und uns da raushaben. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten uns erschossen. Doch dann machte der Scharführer Meldung, daß unsere Kolonne vorne sei, und wir wären auf seinen Befehl hier. Wir schlossen uns wieder an unsere Kolonne an und haben zwei Nächte im Freien zugebracht. Es war furchtbarer Frost. Von einer kleinen Eisenbahnstation aus ging dann die Fahrt in offenen Güterwagen, die voll Schnee und Eis waren, bis Buchenwald. Wir sind dort mehr tot als lebend angekommen. 

Wir wankten ins Lager. Die Häftlinge von Buchenwald übernahmen uns. Es war eine andere Welt! Der Ton war menschlich. Es waren unsere Kameraden und Genossen, die uns in die Dusche brachten. Dort mußten wir alles ausziehen und bekamen neue Kleider. Dann wurden wir neu registriert. An einem langen Tisch saßen ein Dutzend Häftlinge. Ein SS-Mann stand davor und einer dahinter. Es wurden immer zehn oder zwölf Häftlinge zum Registrieren an den Tisch geschickt, sie mußten Namen, Vornamen, Häftlingsnummer, Geburtsdatum und -ort sowie Nationalität angeben. Ich überlegte mir schnell, daß ich jahrelang in Auschwitz in Gefahr gewesen war, vergast zu werden, weil ich ein Jude war, und ich nahm die Identität eines Franzosen an, des Bauernsohnes, bei dem ich mich aufgehalten hatte, bevor ich nach Palästina auswanderte. So schnell konnten die das nicht kontrollieren, dachte ich mir. (…) 

Befreiung 

Dann kam der Monat April. Die amerikanische Armee nahm die Orte Gotha und Ohrdruf ein. Das war ein Katzensprung von uns entfernt. In Buchenwald hörte man die Kanonen donnern. Die SS versuchte Hals über Kopf zu evakuieren. Der außerordentlich tapfere Lagerälteste und Kommunist Hans Eiden aus Trier ist dem Lagerführer Pister entgegengetreten. Ich glaube, am 8. oder 9. April hat dann die illegale Lagerleitung, bestehend aus deutschen, französischen, russischen, polnischen, tschechischen und jugoslawischen Kommunisten, die Militärorganisation der Häftlinge in höchste Bereitschaft versetzt. Dann wurde der kleine, selbstgebaute Sender gebrauchsfähig gemacht, und man hat SOS an die US-Armee gesendet. Historiker Frankreichs haben in den USA im Kriegstagebuch des Generals Patton die Eintragungen über den SOS-Ruf gefunden und auch darüber, wie die Amerikaner das Lager vorfanden. Zunächst tat sich aber nichts, und am 11. April hat dann, um die weitere Evakuierung des Lagers zu verhindern, die illegale Organisation beschlossen, das Lager mit militärischen Mitteln zu befreien. Ich weiß nicht, was in den Köpfen der Amerikaner vorgegangen ist. Von Gotha bis Buchenwald sind es, glaub’ ich, nur etwa dreißig Kilometer Luftlinie, und es gab ja keinen effektiven Widerstand mehr. Sie wußten, welche Verbrechen die Nazis in den KZ begingen, doch sie haben nichts getan, um uns in Buchenwald so schnell wie möglich zu helfen. 

Ich war an dem Aufstand nicht beteiligt, ich war ja ganz neu in Buchenwald. Ich bin auch nicht in Gefahr gekommen, mit den jüdischen Häftlingen noch evakuiert zu werden. Erich Loch, der das Lebensmittelmagazin unter sich hatte, hat mich in das Kommando im Kartoffelkeller gegeben. Dort habe ich die letzten Tage verbracht. 

Die Befreiung war eine zweite Geburt. Ich habe immer daran geglaubt, daß wir den Faschismus besiegen und ich zu den Siegern gehören werde. Auch in den schlimmsten Zeiten in Auschwitz habe ich eigentlich nicht ans Sterben gedacht. Ich hatte keine Angst vor dem Tod. Das Wichtigste für mich, um zu überleben, war die Entschlossenheit, diesen Kampf zu Ende zu führen. Dazu kamen Optimismus und das Eingebundensein in den Kreis der Freunde und Genossen, der Gleichgesinnten. Ich fühlte mich nie allein. Wir waren eine Familie, die fest zusammenhielt. Es gab bei uns keine Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. 

  

Literatur  

– Wolfgang Herzberg: Überleben heißt erinnern. Lebensgeschichten deutscher Juden. Aufbau Verlag, Berlin 1990, 435 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich 

– Friedrich-Martin Balzer (Hg.): Wir sind die letzten – fragt uns. Kurt Julius Goldstein – Spanienkämpfer, Auschwitz- und Buchenwaldhäftling. Reden und Schriften (1974–2004) mit einer autobiographischen Einführung, Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2005, 328 Seiten, nur noch antiquarisch erhältlich 

 

Am Samstag, dem 15. November, veranstalten die VVN-BdA, der Verein Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939, die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V., die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer, das Internationale Auschwitz-Komitee und der Emil Carlebach Club Frankfurt am Main eine Matinee zu den 100. Geburtstagen von Emil Carlebach und Kurt Julius Goldstein. Ort: Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Saal B, Stauffenbergstraße 13/14, 10785 Berlin. Beginn: 10 Uhr  

Kurt Julius Goldstein (1914–2007) bei einer Rede im Deutschen Theater Berlin während einer Gedenkveranstaltung des »Internationalen Auschwitz-Komitees« zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers am 25. Januar 2005 

 

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