»Ein düsterer Weg …« 

Geschichte: Am 29. Oktober 1914 beschoss die Flotte des Osmanischen Reiches die russischen Häfen Odessa und Sewastopol. Sie kam damit dem deutschen Drängen nach Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte nach. 

Von Alexander Bahar 

In: junge Welt online vom 29.10.2014 

 

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs befand sich das Osmanische Reich in einem wenig beneidenswerten Zustand: Erfolglose Verteidigungskriege um Libyen gegen Italien in Bengasi und in der Kyrenaika 1911 sowie gegen die Balkanstaaten (1912–1913) hatten die letzten Kräfte des einstigen osmanischen Imperiums aufgezehrt und das Reich auf sein asiatisches Kernland sowie das europäische Vorland von Istanbul zurückgeworfen. Unter Führung des Generals Enver Paşa hatte sich das jungtürkische »Komitee für Einheit und Fortschritt« (İttihad ve Terakki Fırkası) am 23. Januar 1913 erneut an die Macht geputscht. Die jungtürkischen Führer, die im separatistischen Nationalismus den ursächlichen Faktor für die Loslösung der Balkanländer erblickten, fürchteten ein gleiches oder ähnliches Szenario in den arabischen, besonders aber in den ostanatolischen, von Armeniern und Kurden bewohnten Gebieten des Reiches. Die Ermordung des reformwilligen Großwesirs Mahmud Şevket Paşa am 11. Juni 1913 durch Mitglieder der »liberalen« Opposition beendete fürs erste alle Reformanstrengungen und diente dem »Komitee für Einheit und Fortschritt« als Anlass zur Verfolgung und Zerschlagung seiner Gegner. In der Folge bildete Enver Paşa mit Cemal Paşa und Talât Bey (auch Talât Paşa) ein »Triumvirat«, welches das Osmanische Reich von da an bis 1918 diktatorisch regierte. Zum neuen Großwesir (und Außenminister) ernannte Sultan Mehmed V. den Ägypter Said Halim Paşa. Kriegsminister blieb vorerst Ahmed Izzet Paşa, Talât Bey wurde Innen-, Cemal Paşa Marineminister. In der Folge arbeitete das »Komitee für Einheit und Fortschritt« ein ehrgeiziges Reformprogramm aus, das u.a. die grundlegende Industrialisierung des osmanischen Agrarstaates vorsah und letztlich die wirtschaftliche Unabhängigkeit von den europäischen Mächten zum Ziel hatte. 

Am 14. Dezember 1913 traf eine deutsche Militärmission unter General Otto Liman von Sanders in Konstantinopel ein, die den Auftrag hatte, die osmanische Armee zu reorganisieren. Schon zuvor hatten deutsche Militärs der Hohen Pforte, also dem Sitz der osmanischen Regierung, als Berater gedient Als Cemal Paşa dem deutschen General das Kommando des 1. Armeekorps in der Hauptstadt übergeben wollte, löste das eine Krise aus. Russland sah in der Mission eine Gefährdung seiner Interessen und eine »deutsche Annexion« der Meerengen zwischen Schwarz- und Mittelmeer. Um die Situation zu entschärfen, beförderte Kaiser Wilhelm II. Generalleutnant von Sanders zum preußischen General der Kavallerie. Das versetzte ihn in den Rang eines Marschalls der osmanischen Armee, deren Generalinspekteur er alsbald wurde. 

Die Beziehungen zwischen Russland und dem Osmanischen Reich waren seit langem von gegenseitigem Misstrauen erfüllt. Ende Januar äußerte Zar Nikolaus II. gegenüber dem französischen Botschafter: »Die Anstrengungen Deutschlands, sich in der Türkei auszubreiten und festzusetzen, werden vielleicht zu einem unvermeidlichen Zusammenstoß zwischen den deutschen Bestrebungen und den russischen Interessen führen.« Auf einer Geheimsitzung am 21. Februar 1914 in St. Petersburg beschloss die russische Heeresleitung dann, selbst bei Neutralität des Osmanischen Reiches im Falle eines Krieges Konstantinopel und damit den Zugang zum Mittelmeer zu erobern. Nachdem ein Sondierungsgespräch von Innenminister Talât Bey mit der russischen Führung gescheitert war, bemühten sich Talât und Marineminister Cemal Paşa um eine Annäherung an Frankreich und Großbritannien. 

Anders als Talât und Cemal sah die germanophile Fraktion innerhalb der regierenden Jungtürken unter dem auf deutschen Militärschulen ausgebildeten Kriegsminister Enver Paşa in Deutschland den idealen Bündnispartner. Jungtürkische Politiker und Militärs sowie ein großer Teil der Presse hatten die Hoffnung auf eine Rückgewinnung Makedoniens, des Kosovo und Thessaliens nicht aufgegeben. Aus ihrer Sicht waren diese ehemaligen Provinzen untrennbare Glieder eines pantürkischen Vaterlandes vom Persischen Golf bis zur Adria. Während Großbritannien und Russland, aber auch Frankreich sich vom Zusammenbruch des Osmanischen Reiches territorialen Zugewinn erhofften, war Berlin an dessen Erhaltung interessiert. Deutschlands militärischer und wirtschaftlicher Einfluss war nach den Balkankriegen noch gewachsen. Mit der unter Federführung der Deutschen Bank und deutscher Konstrukteure gebauten Bagdadbahn eröffnete sich für das Deutsche Reich ein lukrativer Absatzmarkt im gesamten Nahen Osten. Mit dem ambitionierten Projekt geriet Berlin aber auch zunehmend in Interessenskonflikt mit London, das um sein Transport- und Handelsmonopol fürchtete und seine strategische Position im Nahen und Mittleren Osten bedroht sah. 

Geheimabkommen vom 2. August 

Kriegsminister Enver Paşa war sich bewusst, dass auch die Einhaltung strikter Neutralität das Osmanische Reich im Falle eines Sieges der Ententemächte nicht vor der Auflösung durch diese bewahren würde. Aus diesem Grund brachte er bereits Ende Juli 1914 beim deutschen Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim eine deutsch-osmanische Allianz ins Gespräch. Wangenheim allerdings zweifelte zu diesem Zeitpunkt noch an der Zweckmäßigkeit eines solchen Bündnisses mit dem maroden Großreich, befand sich dessen Armee doch nach der Niederlage in den Balkankriegen 1912/13 in einem desolaten Zustand. Doch General von Sanders, der noch im April der osmanischen Armee »einen schnellen militärischen Zusammenbruch im Falle kriegerischer Verwicklungen« attestiert hatte, konnte inzwischen erste Erfolge seiner Reorganisationsbemühungen vermelden. So gab Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 31. Juli seinem Botschafter in Konstantinopel grünes Licht zur Unterzeichnung eines Bündnisvertrags unter der Bedingung, dass »die Türkei im jetzigen Krieg auch nennenswerte Aktionen gegen Russland unternehmen kann und wird«. 

Nachdem Deutschland am 1. August 1914 Russland den Krieg erklärt hatte, berief Enver Paşa noch in der darauffolgenden Nacht eine Geheimsitzung in der Residenz des Großwesirs Said Halim Paşa ein, an der neben dem deutschen Botschafter von Wangenheim Kriegsminister Enver Paşa, Parlamentspräsident Halil Bey (Menteşe) und Innenminister Talât Paşa teilnahmen. Der dabei unterzeichnete geheime Bündnisvertrag legte fest: »Falls Russland mit aktiven militärischen Maßnahmen eingreifen und dadurch für Deutschland den Casus foederis gegenüber Österreich-Ungarn herbeiführen sollte, so würde dieser Casus foederis ebenfalls für die Türkei in Kraft treten.« (Tatsächlich war der Bündnisfall mit der Kriegserklärung Deutschlands an Russland vom Vortag bereits eingetreten.) 

In dem Abkommen verpflichtete sich die deutsche Seite, »das Gebiet des Osmanischen Reiches im Falle der Bedrohung nötigenfalls mit den Waffen« zu verteidigen, während die Osmanen ihrerseits der deutschen Militärmission die Einbindung in die Führung der osmanischen Streitkräfte zusagten. Ihre Waffenbrüderschaft ließ sich die jungtürkische Regierung vom Deutschen Reich mit der stolzen Summe von 56.255.800 Mark (fast ausschließlich in Gold) bezahlen. Das Abkommen, dem auch die Regierung in Wien brieflich zustimmte, galt bis zum 31. Dezember 1918 und wurde selbst vor einigen Mitgliedern der Kabinetts in Istanbul geheimgehalten. In der Folge verkündete die Regierung des Osmanischen Reichs, einem Vorschlag Enver Paşas folgend, die »bewaffnete Neutralität«. Durch die Verzögerung der Kriegserklärung bis zum Frühjahr 1915, so das Kalkül des jungtürkischen Kabinetts, hoffte man, Zeit für die Reorganisation der Truppe durch die deutschen Militärberater zu gewinnen. Auf der Kabinettssitzung vom 9. August sah Finanzminister Cavit Bey für das Osmanische Reich »nur einen Weg ..., nämlich den an der Seite Deutschlands in den Krieg. Es ist ein düsterer Weg, und es bestehen nicht viele Chancen auf ein glückliches Ende, aber eine Neutralität bedeutet sofortiges Ende der osmanischen Souveränität. [...] Ob wir wollen, ist hier nicht die Frage. Wir müssen uns Deutschland anschließen.« 

Am gleichen Tag, an dem die jungtürkische Regierung ihr Bündnis mit den Mittelmächten besiegelte, ließ der 1. Lord der britischen Admiralität, Winston Churchill, die beiden Schlachtschiffe »Reşadiye« und »Sultan Osman« konfiszieren, die Konstantinopel in britischen Werften in Auftrag gegeben und bezahlt hatte. Die beiden Schiffe hätten ein Gegengewicht zur russischen Schwarzmeerflotte bilden sollen. Churchill wollte mit dem Schritt die Neutralität des Osmanischen Reiches im Großen Krieg erzwingen: das Osmanische Reich, das zwei strategisch wichtige Knotenpunkte (die Dardanellen und den Suez-Kanal) kontrollierte, musste nach Churchills Auffassung unter Druck wenn nicht auf die Seite der Entente, dann wenigsten zur absoluten Neutralität bewegt werden. 

Als am 10. August, eine Woche nach der Brüskierung Konstantinopels durch die Briten, die beiden deutschen Kreuzer »SMS Goeben« und »SMS Breslau« unter Konteradmiral Wilhelm Souchon auf der Flucht vor der britischen Royal Navy Zuflucht im Bosporus suchten, gestattete Enver Paşa ohne Rückversicherung bei seinen Kabinettskollegen den beiden deutschen Schiffen die Einfahrt in die Dardanellen, wogegen die sie verfolgenden Schiffe der Royal Navy abgewiesen wurden. Um diesen offenen Neutralitätsbruch zu kaschieren, schlug Marineminister Cemal Paşa vor, die beiden Schiffe pro forma anzukaufen. In Abstimmung mit Berlin behauptete die jungtürkische Regierung, sie habe die Kreuzer als Ersatz für die von Großbritannien konfiszierten Schiffe erworben. Am 16. August 1914 ging der Halbmond am Mast der deutschen Schiffe hoch. »Goeben« hieß jetzt »Yavuz Sultan Semlin« (»der Strenge«), »Breslau« wurde in »Midilli« umbenannt. Der deutsche Admiral Wilhelm Souchon wurde vom Sultan zum Befehlshaber der osmanischen Kriegsmarine ernannt, während die bislang für die Reorganisation der Marine zuständigen britischen Militärberater die Heimreise antreten mussten. Souchon verschwor sich sofort mit Kriegsminister Enver Paşa, der anders als die Mehrheit seiner Ministerkollegen willens war, dem Drängen Berlins auf einen Kriegseintritt der Türkei an der Seite der Mittelmächte nachzugeben. Mit dem preußischen General Friedrich Bronsart von Schellendorf, dem ranghöchsten deutschen Soldaten in osmanischen Diensten, stellten die Deutschen nicht nur den Chef des Generalstabs des osmanischen Feldheeres, auch die Chefs der Generalstäbe der meisten osmanischen Armeen sowie zahllose Instrukteure waren Deutsche. Über sie gelangten deutsche Interessen später auch in den Kriegsplan der Jungtürken, den Bronsart von Schellendorf gemeinsam mit Kriegsminister Enver ausgearbeitet hatte. 

Diplomatisches Tauziehen 

Nach wie vor erhielt das Osmanische Reich jedoch formal seine Neutralität aufrecht. Am 4. August 1914 hatte die osmanische Regierung die Zufahrt in die Dardanellen gesperrt, um so den Großmächten die Beibehaltung der Neutralität zu versichern. Angesichts der Verschiebung im Kräfteverhältnis, das durch die Aktion vom 10. August eingetreten war, erklärten sich der britische Premier Herbert Henry Asquith und sein Außenminister Sir Edward Grey bereit, neue Gespräche mit der osmanischen Regierung aufzunehmen. Großbritannien und Frankreich versicherten, die Souveränität und Integrität des Osmanischen Reiches zu schützen, sollte dieses seine Neutralität bis zum Ende des Krieges beibehalten. Doch die osmanische Regierung stellte Bedingungen: 1. die Aufhebung der sogenannten Kapitulationen1 2. die Rückgabe der Ägäischen Inseln und 3. die Lösung des Ägyptenproblems (Ägypten war seit 1882 von britischen Truppen besetzt). Großbritannien lehnte ab. Auch mit Russland stand Enver Paşa seit dem 5. August in Kontakt, um sich verschiedene Optionen offenzuhalten. Am 12. August erteilte der Sultan den Befehl zur Generalmobilmachung der Armee. Nur wenige Tage später unterbreitete der russische Außenminister Sergei Dmitrijewitsch Sasonow im Namen der Triple Entente einen Entwurf, der die Integrität des Osmanischen Reiches anerkannte und eine Unterstützung bei den Bemühungen um Rückgabe der Ägäischen Inseln sowie erstmals auch Westthrakiens zusicherte, das im Balkankrieg an Bulgarien verlorengegangen war. 

Der osmanischen Regierung ging der Vorschlag jedoch nicht weit genug. Finanzminister Cavit Bey verlangte die volle Zusicherung der Integrität für die nächsten 15 bis 20 Jahre, die komplette wirtschaftliche Freiheit von den Großmächten und die Abschaffung der Kapitulationen. Am 28. August reichte die Triple Entente einen Vorschlag bei der osmanischen Regierung ein, der die Integrität des Osmanischen Reiches zwar garantierte, aber beim Thema Kapitulationen nur eine »freundschaftliche Rücksichtnahme bei ökonomischen und juristischen Angelegenheiten« versprach, wenn das Reich seine Neutralität beibehalte. Für die osmanische Regierung war dies eine herbe Enttäuschung. Am 9. September proklamierte Großwesir Said Halim Paşa die einseitige Kündigung der Kapitulationen zum 1. Oktober 1914. Ein britisch-französisches Geschwader blockierte daraufhin die Zufahrt zu den Dardanellen und hinderte sogar am 26. September 1914 ein osmanisches Torpedoboot unter Androhung des Beschusses am Verlassen der Meerengen. Das Osmanische Reich befand sich immer noch im Status der Neutralität. Am 19. Oktober liefen zwei britische Kanonenboote in den Persischen Golf ein, wogegen die osmanische Regierung Protest in London einlegte. Kurz darauf, am 25. Oktober, unterzeichneten die osmanische und die persische Regierung ein geheimes Bündnisabkommen für den Fall eines Angriffes durch Russland oder das Vereinigte Königreich. 

Flottenbeschuss 

Am 21. Oktober ernannte Sultan Mehmed V. Kriegsminister Enver Paşa zum »Vize-Generalissimus« und damit de facto zum Oberbefehlshaber über die osmanischen Land- und Seestreitkräfte. Einen Tag später unterzeichnete Enver einen Befehl an Konteradmiral Souchon: »Die osmanische Flotte soll die Seeherrschaft im Schwarzen Meer erringen. Suchen Sie die russische Flotte auf und greifen Sie sie ohne Kriegserklärung an, wo Sie sie finden!« Nicht völlig geklärt ist bis heute die Frage, ob Enver den Befehl am 24. Oktober in Rücksprache mit Marineminister Cemal Paşa und Innenminister Talât Paşa an Admiral Souchon geleitet hat oder ob er den Befehl eigenmächtig zu einem Zeitpunkt übergab, als seine beiden Ministerkollegen bereits im Begriff waren, einen Kurswechsel zu vollziehen. Die Entscheidung des Kriegsministers wurde durch Informationen osmanischer Agenten in Sewastopol unterstützt, die meldeten, der russische Minenleger »Pruth« habe mit 700 Minen an Bord Kurs auf den Bosporus genommen, um den Eingang zur Meerenge zu versperren. Am 28. Oktober lief die osmanische Flotte aus dem Bosporus aus, und in den frühen Morgenstunden des 29. Oktober griffen die osmanischen Zerstörer »Gayret-i Vataniye« und »Muavenet-i Milliye« die russische Hafenstadt Odessa an. Sie versenkten die Kanonenboote »Donez« und »Kubanez«, nahmen Handelsschiffe, Hafenanlagen und Öltanks unter Beschuss und zerstörten das Elektrizitätswerk. Währenddessen nahm der Schlachtkreuzer »Yavuz Sultan Selim« unter Admiral Souchon mit zwei Torpedobooten Kurs auf Sewastopol. Bei der Beschießung des Hafens wurde der Minenleger »Pruth« gestellt und versenkt. Der Kleine Kreuzer »Midilli« legte zur gleichen Zeit Minen im Asowschen Meer und beschoss daraufhin die Hafenstadt Noworossijsk. 

Das Osmanische Reich befand sich nunmehr im Kriegszustand. Der von Enver offenbar nicht in die Aktion eingeweihte Großwesir Said Halim Paşa zeigte sich über den Angriff erschüttert und ordnete die sofortige Beilegung der Operation an, was allerdings viel zu spät erfolgte. Inzwischen (29. Oktober) hatte bereits Serbien dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt, am 2. November Russland und am 5. bzw. am 6. November folgten Großbritannien und Frankreich mit ihren Kriegserklärungen. Das Osmanische Reich erklärte den drei Großmächten offiziell erst am 12. November den Krieg. Tags darauf rief Sultan Mehmed V. seine Soldaten zum Dschihad gegen die Triple Entente auf. Bereits am 1. November 1914 hatte die russische Armee die Grenze zum Osmanischen Reich überschritten und mit ihrer Offensive begonnen. Nach den Angriffen der osmanischen Marine auf die russischen Häfen sollten die Truppen des Zaren im Kaukasus festgehalten und die Briten am Suezkanal angegriffen werden. Die jungtürkische Führung hoffte, dass Aufstände in der gesamten arabischen und islamischen Welt das Britische Empire in Ägypten und Indien und die französische Kolonialmacht in Afrika schwächen würden. 

Von der deutschfreundlichen Fraktion unter Kriegsminister Enver Paşa angetrieben, hatte die jungtürkische Regierung zwischen zwei Übeln das scheinbar kleinere gewählt. Drohte doch im Falle einer Niederlage gegen Russland und seine Verbündeten der Verlust der Hauptstadt, des Sitzes von Sultanat und Kalifat. Das Bündnis mit den Mittelmächten hingegen versprach militärstrategisches Know-how, die Stellung von Truppen, Lieferungen von Waffen und Material sowie eine langfristige, über den Krieg hinausreichende »Entwicklungshilfe«: von der Reform des Grundschulwesens bis zu Staudammprojekten in Anatolien. 

Völkermord und Untergang 

Unmittelbar nach der Kriegserklärung Großbritanniens drohte die von Winston Churchill ausgearbeitete Besetzung Istanbuls durch die britische Flotte. Mit deutscher Unterstützung gelang es den Türken, die alliierten Landungstruppen an den Dardanellen nach verlustreichen Schlachten zurückzuschlagen. Die Kämpfe ihrer Dritten Armee im Südkaukasus gegen Russland endeten hingegen schon Mitte Januar 1915 in der Schlacht von Sarıkamış mit einer desaströsen Niederlage. Enver Paşa, der in der Schlacht 90 Prozent seiner Soldaten verloren hatte, trat vom Kommando zurück. 

Am Ausgang der Schlacht von Sarıkamış hatten die auf seiten Russlands kämpfenden armenischen Verbände einen nicht unbedeutenden Anteil. Schon als die armenischen Führer auf dem 8. Parteitag der nationalrevolutionären Daschnaken-Partei Anfang August 1914 das Ansinnen der Jungtürken zurückgewiesen hatten, unter ihren Landsleuten im Transkaukasus einen Aufstand gegen die Russen anzuzetteln, hatten diese ihnen »Verrat« vorgeworfen. Die Furcht, dass Armenien zum Einfallstor für Russland nach Anatolien werden könnte, entsprach dabei keineswegs nur türkischer Phantasie. Schon der Vertrag von St. Stefano (1878) hatte ausgerechnet das zaristische Russland mit der Überwachung demokratischer Reformen in Armenien und der Bürgschaft für die Sicherheit der Armenier beauftragt, was wiederum die Briten beunruhigte, die nun ihrerseits versuchten, Armenien zu einer Bastion gegen die russische Expansion auszubauen. Aus der Sicht der Jungtürken hatte der Vorwurf des »Verrats« gegen die um Autonomie bzw. Nationalstaatlichkeit ringende bürgerliche armenische Opposition daher durchaus eine gewisse Berechtigung. 

Nach Istanbul zurückgekehrt, gab Enver Paşa die Schuld an der Niederlage den Armeniern der Region, die mit den Russen kooperiert hatten, womit er zugleich von seiner eigenen stümperhaften Kriegsführung ablenkte. In der Folge mehrten sich die gesteuerten Meldungen, wonach die Armenier sich gegen die Türken »verschworen« hätten. Der Krieg gegen Russland und die gegen das Zarenreich erlittenen verheerenden militärischen Niederlagen dienten dem Triumvirat Talaat, Enver und Cemal schließlich als willkommener Anlass, um mit den Armeniern kurzen Prozess zu machen. Vereinzelte Aktionen von Gegenwehr der drangsalierten und bis aufs Blut gequälten Armenier (so in Zeytun und Van im April bzw. Mai 1915) nahm die Regierung zum Vorwand für alle folgenden, längst beschlossenen Maßnahmen. Die wenigen, lokal beschränkten Versuche armenischer Selbstverteidigung fanden als türkische »Dolchstoßlegende« Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung. Die jungtürkische Führung beschuldigte die Armenier als »Verräter und Verschwörer« der Kooperation mit Russland und ordnete ihre Deportation in die syrische Wüste an. Dahinter stand der Plan einer ethnischen Homogenisierung Kleinasiens zugunsten der Türken. Bis zu 1,5 Millionen Armenier und andere Christen kamen zu Tode. Sie starben durch Massaker und Krankheiten, verdursteten oder verhungerten. 

Mit dem Fall von Bagdad an die Briten im Frühjahr 1917 war das Ende des Osmanischen Reiches besiegelt. Enver hatte die militärische Stärke der osmanischen Heere ebenso überschätzt wie das Gewicht der deutschen Militärhilfe. Die stärksten Gegner der Osmanen jedoch waren die Winterkälte im Kaukasus und die im Heer wütenden Krankheiten: Ruhr und Typhus, Cholera, Fleckfieber und Pest. Ganze Regimenter waren desertiert, der Untergang des Reiches programmiert. 

 

Anmerkung 

1 Diese erstmals 1536 mit Frankreich, dann mit weiteren europäischen Staaten geschlossene Abkommen, die in Kapitel (capitule) eingeteilt waren, räumten den europäischen Handelspartnern im Osmanischen Reich gegenüber den einheimischen Kaufleuten erhebliche Vorteile ein. Sie waren keine Verträge zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern Privilegien des Sultans, für welche die europäischen Staaten dem Osmanischen Reich Tribute oder Militärhilfen zusagten. Die Verträge führten langfristig dazu, dass sich die ökonomische Position des Osmanischen Reiches gegenüber der europäischen Konkurrenz bis ins 18. und insbesondere 19. Jahrhundert kontinuierlich verschlechterte. 

Alexander Bahar erinnerte am 30.9. auf diesen Seiten an den französischen Philosophen und Aufklärer Étienne Bonnot de Condillac, der an diesem Tag vor 300 Jahren geboren worden war.  

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