»Nicht als Feind Japans« 

Vor 70 Jahren: Der Kundschafter Richard Sorge wird in Tokio hingerichtet.  

Von Klaus Eichner 

In: junge Welt online vom 01.11.2014 

 

Am Morgen des 7. November 1944 öffnete der Wärter die schwere Eisentür zu einer der Todeszellen im Tokioter Sugamo-Zuchthaus. Der Mann in der Zelle erhob sich. Nicht zum ersten Mal besuchte ihn der Direktor der Anstalt. Diesmal jedoch – der Verurteilte erkannte es sofort an den feierlichen Gebärden – sollte es sein letzter Besuch sein. Das also war der Tag, an dem er sterben würde, ein Feiertag, zwar nicht für die Henker, aber für ihn, den Kommunisten Dr. Richard Sorge: Der 27. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution war angebrochen. 

Richard Sorge, 1895 bei Baku als Sohn des deutschen Ingenieurs Wilhelm Sorge und dessen russischer Frau geboren, ging im Auftrag der Hauptverwaltung Aufklärung der Roten Armee (GRU) Anfang 1930 nach Shanghai und war ab 1933 offiziell als deutscher Journalist in Japan akkreditiert. Sorge hatte zuvor in Deutschland mit ausgezeichneten Ergebnissen studiert und in verschiedenen Funktionen für die KPD gearbeitet. Sein Buch »Der deutsche Imperialismus« gilt als eine der besten marxistischen Analysen aus der Zeit vor 1933. Dialektisches Denken und Genauigkeit in der Analyse prägten seinen Arbeitsstil – auch später als Kundschafter, wobei es ihm gelang, sogar aus widersprüchlichen Einzelinformationen den rationalen Kern herauszufiltern und diesen prägnant nach Moskau zu übermitteln. 

Sorge war alles andere als der in vielen Publikationen so bezeichnete heldenhafte Meisterspion mit strenger, konspirativer und asketischer Lebensführung. Er handelte vielfach unkonventionell gegen alle Dienstvorschriften der GRU wie gegen Weisungen aus Moskau und äußerte häufig recht offen, auch im Kreise der Mitarbeiter der deutschen Botschaft, seine Sympathien für die Sowjetunion. Er genoss das Leben in vollen Zügen und war nie ein Freund von Traurigkeit. 

Seine Tätigkeit als Kundschafter stützte sich u. a. auf einen Kreis von rund 40 Internationalisten aus mehreren Ländern. In seiner Gruppe »Ramsay« (nach seinem Decknamen bei der GRU) waren 32 Japaner, vier Deutsche, zwei Jugoslawen und ein Brite tätig. In mindestens zehn Funksprüchen verwies dieser Kreis auf den bevorstehenden Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion – zuletzt mehrfach mit dem konkreten Termin der Aggression. Es gehört zu den tragischen Momenten der sozialistischen Aufklärungsarbeit, dass Stalin diese und andere zuverlässige Informationen ignorierte und ihre Quellen diffamierte. 

Einfluss statt Spionage 

Sorges treuer Freund und Kampfgefährte Hotsumi Ozaki war einer der engsten Berater des Premierministers Fürst Konoe Fumimaro und hatte Einblick in fast alle Entscheidungsprozesse auf höchster staatlicher Ebene, so z. B. in der Geheimkanzlei des japanischen Kaisers. Und mehr noch, Ozaki konnte diese Entscheidungen auch beeinflussen. 

Am 6. September 1941 beschloss die kaiserliche Konferenz in Tokio im engsten Kreis, den Krieg gegen die USA, England und die Niederlande zu beginnen. Sorges Analyse ergab, dass die japanische Armee nicht in der Lage gewesen wäre, an einer zweiten, gegen die Sowjetunion gerichteten Front zu kämpfen. Weiterhin machte erklar, dass die geostrategischen Interessen Japans – zumindest in dieser Phase – auf den pazifischen Raum im Süden gerichtet blieben. So konnte er am 14. September nach Moskau funken, dass die japanische Regierung die UdSSR nicht angreifen werde, der Osten der UdSSR damit erst einmal sicher sei. Deshalb konnte die sowjetische Militärführung gut ausgeruhte und ausgerüstete Divisionen des Fernöstlichen Militärbezirks nach Moskau entsenden, die dazu beitrugen, die Schlacht vor Moskau 1941/1942 zu entscheiden. Der britische Geheimdiensthistoriker Phillip Knightley schrieb dazu: »Das war der größte Dienst, den Sorges Ring der Sowjetunion leistete, aber er lag in der Grauzone zwischen politischem Einfluss (Ozakis Rolle im Kabinett des Ministerpräsidenten) und Spionage. Man kann argumentieren, Sorges Funkspruch sei nur eine Zusammenfassung dessen, was er und Ozaki bereits geschafft hatten – sie hatten die japanischen Entscheidungen gegen einen Angriff auf die Sowjetunion beeinflusst. Sorge selbst glaubte ohne Zweifel, dass der politische Einfluss seines Ringes wichtiger sei als seine Spionagetätigkeit.« 

Sorges Vorgehen lehrt: Eine genaue und zeitnahe Einsicht in die Absichten und Entscheidungsgründe potentieller Gegner erhält man nur, wenn man zuverlässige Quellen im Umkreis der Entscheidungsträger nutzen kann. Diese Quellen sind dann in der Regel so plaziert, dass sie nicht nur schlechthin Informationen beschaffen, sondern durch geschicktes Agieren die politischen Entscheidungen auch im Sinne ihrer Auftraggeber beeinflussen können. 

Zum Verhängnis wurde Sorge kein Aufklärungsfehler, vielmehr die Observierung japanischer Exilkommunisten durch die japanische Geheimpolizei. Sie konnte einen seiner Kontaktpersonen enttarnen. Sein Gehilfe Ozaki wurde am 15. Oktober, Sorge selbst am 18. Oktober 1941 verhaftet. 

Später Freispruch 

Seine Lebensgefährtin, Hanako Ishii, fand 1949 nach längerer Suche den Ort, an dem die japanischen Henker Richard Sorge verscharrt hatten. Sie ließ die sterblichen Überreste verbrennen und sorgte für ein würdiges Grab auf dem Tama-Friedhof in Tokio. Auf der Rückseite des Grabsteines steht: »Hier ruht ein Held, der sein Leben hingab im Kampf gegen den Krieg, für den Frieden auf der ganzen Welt. Geboren 1895 in Baku, 1933 nach Japan gekommen, 1941 verhaftet, hingerichtet am 7.11.1944.« 

Im Jahre 1997 haben zehn Rechtsanwälte in Japan nach jahrelangen Recherchen erreicht, dass die Anwaltskammer von Yokohama Sorge vom Vorwurf der Spionage freisprach. Damit stimmten die japanischen Juristen mit der Position, die Sorge schon im Verfahren gegenüber dem japanischen Ankläger vertreten hatte, überein: Man dürfe ihn nicht als Feind Japans betrachten, weil er kein Spion im herkömmlichen Sinne sei. So auch Sorge selbst: »Die Sowjetunion wollte keine politischen Konflikte oder militärischen Zusammenstöße mit anderen Ländern, besonders nicht mit Japan, und wollte Japan nicht überfallen. Folglich kamen ich und meine Gruppe ganz sicher nicht als Feinde Japans hierher. Wir unterschieden uns völlig von dem, was man normalerweise unter ›Spion‹ versteht. Der Spion Englands oder Amerikas ist jemand, der die schwachen Punkte in Japans Politik, Wirtschaft und Militär als Angriffsziele auskundschaftet. Dies war nicht unsere Absicht, als wir Informationen über Japan sammelten.«  

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Geheime Reichssache 

Telegramm des Militärattachés an der deutschen Botschaft in Tokio, Eugen Ott, an Reichsaußenminister Ribbentrop:  

In: junge Welt online vom 01.11.2014 

 

Sorge, der nach meinen Feststellungen 1930 nach dem Fernen Osten gekommen ist, galt hier als guter Kenner ostasiatischer Verhältnisse. Nach meiner Erinnerung wurde er mir zum ersten Mal Ende 1934 vorgestellt. Er war zu diesem Zeitpunkt schon Parteigenosse (der NSDAP; jW). Aus den Akten der Botschaft und Partei ergibt sich nicht, wie es Sorge erreicht hat, von der hiesigen Ortsgruppe der Reichsparteileitung zur Aufnahme in die Partei vorgeschlagen zu werden. (…) 

Ich habe ebenso wie der damalige Marineattaché von Sorge laufend gewisse Nachrichten erhalten, die sich aber nicht auf Spionageangelegenheiten, sondern hauptsächlich auf Vorgänge der Politik bezogen, an denen bekanntlich Heer und Marine stark beteiligt sind. Wie ich festgestellt habe, hat Sorge gelegentlich für den Luftattaché auch technische Angaben übermittelt. Die Nachrichten, die Sorge beibringt, waren im allgemeinen zuverlässig, aber meist der Art, wie sie ein gut eingeführter Journalist mit japanischen Freundesbeziehungen zu beschaffen in der Lage ist. (…) 

Mir ist nie der Verdacht gekommen, dass Sorge etwa Kommunist sei oder sich sonst staatsfeindlich betätige. Wie mir übereinstimmend die Waffenattachés, der Hoheitsträger und der hiesige Pressevertreter versicherten, ist auch ihnen kein solcher Verdacht aufgetaucht. Die deutschen Journalisten haben mir noch nach der Verhaftung Sorges einen gemeinsamen Brief geschrieben, in dem sie für ihn eintraten und zum Ausdruck brachten, sie hielten den Vorwurf kommunistischer Betätigung für gänzlich unglaubwürdig. Sie haben sich auch in der Folgezeit bereit erklärt, hierfür jederzeit Zeugnis abzulegen. (…) 

Seit Beginn der Kriegszeit hat Sorge zeitweise den von der Botschaft herausgegebenen Deutschen Dienst aus den Transocean-Meldungen zusammengestellt und zu diesem Zweck etwa dreimal wöchentlich morgens in einem Raum der Botschaft gearbeitet. Selbstverständlich ist ihm hierbei keinerlei vertrauliches Material zugänglich gewesen, und er hat auch sonst in Unterhaltungen mit mir und im privaten Verkehr weder von mir noch, wie ich durch ausdrückliche Befragung festgestellt habe, von den Botschaftsmitgliedern vertrauliche Mitteilungen erhalten. 

Aus: Privatarchiv Klaus Eichner  

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