Vorspiel zum Bruderkrieg 

Österreich und Preußen besiegelten am 30. Oktober 1864 in Wien das Ende des Deutsch-Dänischen Krieges – zur Vorbereitung eines Waffengangs gegeneinander.  

Von Alexander Bahar 

In: junge Welt online vom 25.10.2014 

 

Nach dem Sieg Preußens und Österreich-Ungarns im Deutsch-Dänischen Krieg übernahmen die beiden Siegermächte die Besetzung und Verwaltung der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg zunächst als Kondominium, als Gemeinherrschaft. Im »Vorfrieden von Wien« vom 1. August, dem am 30. Oktober 1864 der endgültige »Frieden von Wien« folgte, entsagte Dänemark allen seinen Rechten auf die Herzogtümer zugunsten des Kaisers von Österreich, Franz-Joseph I., und des Königs von Preußen, Wilhelm I. Damit hatten die Führungen in Wien und Berlin auf militärischem und diplomatischem Weg einen Erfolg erzielt, um den die deutsche Nationalbewegung zwischen 1848 und 1850 auf revolutionärem Wege vergeblich gerungen hatte: Die Verbindung der Elbherzogtümer mit dem dänischen Staat und der dänischen Krone war gelöst, ohne dass Dänemark, das auf drei Fünftel seines Staatsgebiets geschrumpft war, das nationale Selbstbestimmungsrecht, ja auch nur eine Schutzklausel für die dänische Nationalität durchsetzen konnte. 

Der dänische Herrschaftsbereich verkleinerte sich damit zum zweiten Mal im 19. Jahrhundert, nachdem Dänemark bereits 1814 im »Frieden von Kiel« Norwegen an Schweden hatte abtreten müssen. Das Königreich Dänemark selbst allerdings blieb in seinem Umfang unberührt, waren die Herzogtümer doch nur durch Personalunion mit ihm verbunden. Durch einen Gebietsaustausch mit dem Herzogtum Schleswig vergrößerte es sich letztlich sogar. In der Absicht, die Integrität seines Herrschaftsbereichs zu wahren, bot König Christian IX. dem preußischen König Wilhelm I. an, mit ganz Dänemark dem Deutschen Bund beizutreten. Dies jedoch wurde abgelehnt. 

Entzweite Partner 

Mit dem Sieg über Dänemark war der unmittelbare Zweck der preußisch-österreichischen Allianz entfallen, doch »die Frage nach dem künftigen Status der Herzogtümer innerhalb Deutschlands wurde durch den Wiener Frieden nicht gelöst, sie begann jetzt, die Beziehungen der beiden deutschen Hauptmächte zu beherrschen, und wurde das Zeichen, unter dem der Führungskampf zwischen ihnen in sein entscheidendes Stadium eintrat«, stellt der Historiker Theodor Schieder fest. Eine selbständige Existenz des von Preußen und Österreich nun gemeinsam verwalteten Schleswig-Holstein wurde von Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck im Februar 1865 an für Wien kaum annehmbare Bedingungen geknüpft: die Eingliederung von Heer und Flotte in die preußische Armee, die Vereinigung des Zoll-, Post- und Telegraphenwesens sowie die preußische Besetzung der Bundesfestung Rendsburg und des Kriegshafens Kiel. Eine Zustimmung Österreichs zu diesen Forderungen hätte die Selbständigkeit der Herzogtümer zur Farce werden lassen. Für die Regierung in Wien war dies so wenig akzeptabel wie für die deutsche Nationalbewegung und auch die als das »Dritte Deutschland« bezeichneten mittleren und kleineren deutschen Staaten. 

Kurz nach dem Abbruch der bilateralen Verhandlungen sprach die Bundesversammlung mit Beschluss vom 6. April 1865 »die vertrauensvolle Erwartung« aus, »es werde den höchsten Regierungen von Österreich und Preußen gefallen, dem Erbprinzen von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg das Herzogtum Holstein in eigen Verwaltung nunmehr zu übergeben«. Dies ließ den Konflikt zwischen Wien und Berlin nur noch schärfer hervortreten. Im preußischen Kronrat war Ende Mai 1865 die Bereitschaft zum Krieg ausgeprägt; nicht zuletzt auf Drängen Bismarcks wurde eine Entscheidung darüber jedoch vertagt. Auch die Führung in Wien, die immer wieder auf Kompensationen für ein Entgegenkommen in der Schleswig-Holstein-Frage hoffte, schreckte vor einem offenen Konflikt zurück. 

In der am 14. August 1865 abgeschlossenen Konvention von Gastein fanden beide Seiten dem Schein nach noch einmal zu einem Kompromiss: Um den »Unzukömmlichkeiten« auszuweichen, die das Kondominium über die Herzogtümer herbeigeführt hatte, wurde Holstein der österreichischen und Schleswig der preußischen Verwaltung unterstellt. Die Ansprüche der beiden Prinzen von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg wurden komplett ignoriert. Das Herzogtum Sachsen-Lauenburg schließlich ging gegen eine finanzielle Kompensation an den preußischen König über. 

Allerdings erhielt Preußen zugleich Rechte hinsichtlich verschiedener Verkehrswege durch Holstein und die Zusage des Beitritts beider Herzogtümer zum Zollverein. Dies war, wie die anschließende Erhebung Bismarcks in den Grafenstand vor Augen führte, zuallererst ein Erfolg der preußischen Politik. Die allenfalls provisorische Lösung der Krise bot für Preußen zudem die Möglichkeit, den Konflikt jederzeit erneut zu verschärfen. »Und schließlich diskreditierte sie die österreichische Politik in den Augen weiter Teile der Nationalbewegung und des dritten Deutschlands, die sich auf ein selbständiges Schleswig-Holstein unter Augustenburgischer Herrschaft festgelegt hatten«, resümiert der Historiker Friedrich Lenger. 

Kriegslüsterne Liberale 

Die Schleswig-Holstein-Politik Bismarcks mit ihren sichtbaren Erfolgen war auf die liberale Opposition in Deutschland, vor allem in Preußen, nicht ohne Wirkung geblieben. Bereits seit dem Wiener Vorfrieden hatten sich in der Nationalbewegung Zersetzungserscheinungen bemerkbar gemacht, und seit den letzten Monaten des Jahres 1864 breiteten sich im Norden Deutschlands sogar annexionistische Stimmungen aus. Das angesehenste Organ des Liberalismus, die Preußischen Jahrbücher, trat im Dezember 1864 offen auf den Boden des Annexionsprogramms, und Heinrich von Treitschke, der eloquenteste Sprecher eines preußisch geprägten Machtgedankens, begann die Annexion nicht nur als ein Mittel zur Lösung der Schleswig-Holstein-Frage, sondern zur deutschen Frage überhaupt zu fordern. Bis zum Herbst 1865 lief auch ein Großteil der preußischen Abgeordneten wie Theodor Mommsen oder Carl Twesten ins Lager der Annexionisten über. 

Ende Februar 1866 wies Innenminister Eulenburg im Preußischen Kronrat »auf den vorteilhaften Einfluss« hin, den ein Krieg gegen Österreich »auf die Lösung des inneren Konflikts haben würde«. Obschon Bismarck darin keinen legitimen Kriegsgrund sah, war man sich im Kronrat weitgehend einig, dass ein Krieg um die Vorherrschaft in Deutschland nur noch eine Frage der Zeit sei – eine Einschätzung, die in Wien geteilt wurde. Noch wichtiger jedoch als die militärische Vorbereitung des Krieges war die diplomatische. Schon am 8. April 1866 gelang es Bismarck – unter Verstoß gegen die Deutsche Bundesakte –, ein auf drei Monate befristetes geheimes Angriffsbündnis mit Italien gegen Österreich abzuschließen. Darin verpflichtete sich Italien für den Fall eines preußisch-österreichischen Krieges zum Kriegseintritt gegen Österreich. Am 9. Juni 1866 marschierten preußische Truppen in Holstein ein. Dies wurde der formale Grund für den Deutsch-Deutschen Krieg, in dessen Folge Preußen Holstein annektierte und aus allen drei Gebieten 1867 die preußische Provinz Schleswig-Holstein bildete.  

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QUELLE: AUSZUG AUS DEM WIENER FRIEDENSVERTRAG VOM 30. OKTOBER 1864 

 

Artikel 1: Es soll in Zukunft und für beständig Friede und Freundschaft zwischen ihren Majestäten dem Kaiser von Österreich und dem Könige von Preußen einerseits und dem Könige von Dänemark andererseits, sowie zwischen deren Erben und Nachfolgern und deren gegenseitigen Staaten und Unterthanen herrschen. 

Artikel 3: Seine Majestät der König von Dänemark verzichtet auf alle Seine Rechte auf die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg zugunsten Ihrer Majestäten des Kaisers von Österreich und des Königs von Preußen und verpflichtet Sich, die Verfügungen, welche Ihre genannten Majestäten hinsichtlich dieser Herzogthümer treffen werden, anzuerkennen. 

Artikel 12: Die Regierungen von Österreich und Preußen werden sich von den Herzogthümern die Kriegskosten zurückerstatten lassen. 

Artikel 14: Die dänische Regierung wird die Rückerstattung aller jener Summen zu tragen haben, welche von den Unterthanen der Herzogthümer, von den Gemeinden, öffentlichen Anstalten und Körperschaften unter dem Titel von Cautionen, Depositen oder Hinterlagen in den öffentlichen Cassen Dänemarks eingelegt worden sind.  

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