Der ordinäre Kohl 

Der Herr Kanzler hatte einmal einen Ghostwriter – nun hat der alles auf Band und bewundert ihn immer noch. 

Von Otto Köhler 

In: junge Welt online vom 25.10.2014 

 

Das war nun freilich eine sensationelle Enthüllung, die sofort auf den Titel des unterelbischen Blome-Magazins musste: »Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, so dass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste«. (Spiegel, Heft 41/2014) Genialisch formuliert nicht nur das ungewöhnliche, wenn auch masturbatorisch sehr aussagekräftige »sich« in Zusammenhang mit »lungern«, das wiederum 1885 im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm definiert wurde als »gierig sein, auf gelegenheit lauern, seine lüsternheit zu befriedigen«, beachtlich auch die ungestüme Offenheit, mit der unser großer Pfälzer ausspricht, warum sein Mädchen zu diesem Zwecke Messer und Gabel nicht benutzte. 

Auch Helmut Kohl selbst, das aber verschweigt der Spiegel (und seine Quelle), hatte in seinen Lehrjahren Probleme im Umgang mit dem jeweils richtigen Besteck. Der energisch ins Amt eines rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten strebende junge Lokalpolitiker wurde – Zukunftsinvestition – vom Kreis um den Pegulan-Fabrikanten Fritz Ries gefördert (siehe jW-Thema vom 29.9.2012). Der kämpfte – dank Kohl – erfolgreich um Entschädigungszahlungen für seine Villa und seine Betriebe in Polen, die er in den frühen vierziger Jahren rechtmäßig arisiert hatte. Aber einen Kummer machte der junge Kohl dem wohlhabenden Ries: Er konnte wohl nicht richtig mit Messer und Gabel umgehen. Jedenfalls beklagte sich der Fabrikant bei seinem Freund, dem aus dem Sicherheitsdienst der SS zum Daimler-Chef und schließlich zum Präsidenten aller Arbeitgeber und Industriellen emporgestiegenen Hanns Martin Schleyer, über die »schlechten Manieren« und die »schrecklichen« Umgangsformen des jungen Provinzpolitikers. Aber Schleyer tröstete Ries: »Lass man, Fritz, wenn er werden soll, was wir uns ausgedacht haben, dann kann er gar nicht rücksichtslos genug sein.« 

Richtig, Kohls Klage über die Manieren der jungen Angela Merkel ist taktlos. Wenn man Europa beherrschen will, muss man nicht von Geburt an die feinsten Manieren besitzen. Auch dem jungen Adolf Hitler brachte man erst einmal im Salon der Münchner Verlegerfamilie Bruckmann anständige Umgangsformen bei – bevor man ihn zur »Machtergreifung« losließ. 

Das Lamentieren des Altkanzlers über die Tischsitten der Nachnachfolgerin stammt aus den »Kohl-Protokollen«, die sein Ghostwriter Heribert Schwan Anfang des Monats im Heyne Verlag als Helmut Kohls »Vermächtnis« veröffentlichte. Als Kohls Lakai – »mein Volksschriftsteller« wurde er geduzt und musste selbst beim »Sie« bleiben – durfte Schwan anhören, was er als bisher dreibändige »Erinnerungen« (1930–1994) im Droemer-Verlag zu Papier brachte. Vom vierten Band hatte er aus den Tonbändern schon 200 Seiten ins – tatsächlich – »Reine« geschrieben, da war Schluss. Des Altbundeskanzlers junge Nachfolgefrau Maike mochte Schwan nicht. Er war zu vertraut mit Vorgängerin Hannelore. Schwan musste dem Gerichtsvollzieher die insgesamt 200 Tonbänder ausliefern, auf denen seine Gespräche mit dem Oggersheimer aufgezeichnet sind. Nicht schlimm: Kopien der Bänder und Abschriften lagern an geheimen Orten, zum Teil im Ausland. Was Helmut Kohl ihm gesagt hat, wird mutmaßlich nie untergehen. 

Größte charakterliche Dreckigkeit 

Und er hat viel gesagt. Nur ein kleiner Teil des Polittratsches über die Freunde und Parteifreunde ist schon in den vorliegenden »Protokollen« zu lesen. Dass der »Law and Order«-Innenminister Friedrich Zimmermann nur dienstags bis donnerstags in Bonn weilte, und bei den Treibjagden im Herbst war »seine Anwesenheit dann noch reduzierter«. Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg erwies sich als »keine feste Burg«, er war »immer feige, in protestantischer Weise feige und falsch«. Arbeitsminister Norbert Blüm der »Wackelpeter«. Schulfreund und Ries-Schwiegersohn Kurt Biedenkopf – »hinterfotzig und feige«. Ministerpräsident Lothar Späth: »Er ist natürlich einer der Dreckigsten.« Nicht zu vergessen: der damalige CDU-Landesvorsitzende Christian Wulff – »ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.« Ghostwriter Schwan bestätigt aus heutiger Sicht: »Er wird wohl als Null in die Geschichtsbücher eingehen.« Freund Wolfgang Schäuble – »von größter charakterlicher Dreckigkeit«. Rita Süssmuth, die »Schreckschraube, die sich wegen günstiger Todesfälle in der Frauenunion hochhievte ins Kabinett«. 

Und vor allem Generalsekretär Heiner Geißler, der »Narr und Rechthaber«, der »Geizkragen«, der immer in einer »Abstellkammer im Adenauer-Haus« übernachtete, so wie viele MdBs über Nacht »in den engen Büroräumen des Bonner Abgeordnetenhauses« logierten. Kohl: »Das Haus war ja so, dass wenn einer einen Furz gelassen hat, man das vier Etagen drunter gehört hat. Da waren auch weibliche Abgeordnete. Wenn die zum Stöhnen gebracht wurden, hat das ganze Haus mitgehört.« 

Schwans Kohl-Protokolle bei Heyne sind eine gelegentlich unterhaltsame Sommerlektüre für Sonne und Strand. Gewichtiger dagegen und für nüchterne – obwohl auch da ein unverfälschter Kohl überkommt – wissenschaftliche Arbeit geeignet sind zwei beim Droste Verlag im Auftrag der Adenauer-Stiftung herausgegebene dicke Protokollbände »Berichte zur Lage«, die die streng vertraulichen Reden des Parteivorsitzenden und des Kanzlers vor dem Bundesvorstand der CDU enthalten. Der zweite Band »1989–1998« erschien bereits 2012 und soeben der erste: »1982–1989«. Auf dessen letzten Seiten wird deutlich, warum Kohl in den Schwan-Protokollen mit solch zurückhaltender Verbindlichkeit über seine Parteifreunde spricht. 

Kohl war im Herbst 1989 eigentlich am Ende, er hatte in Partei und Staat abgewirtschaftet und konnte nicht mehr damit rechnen, bei den im Herbst des folgenden Jahres bevorstehenden Bundestagswahlen wiedergewählt zu werden. Das erkannte er klar in seinem Rechenschaftsbericht vom 28. August 1989, mit dem der erste Droste-Band endet: »Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, was über mich in diesen sieben Jahren hinweggegangen ist? Vom Ermittlungsverfahren über vieles andere? Es erwartet inzwischen jeder in der Union, ich sage das, wie ich es empfinde, dass der Kohl das wegsteckt. Der ist halt so, der ist unempfindlich, der reagiert nicht, der ist so, wie er ist.« Nein, sagte er: »Ich bin nicht so, wie es sich darstellt. Mein Problem ist überhaupt nicht, was unsere politischen Gegner sagen. Mir ist völlig gleichgültig, was diese Magazine und andere z.T. ganz unerträgliche Druckerzeugnisse produzieren.« Aber, so bettelte er und flehte: »Was ich brauche, um arbeiten zu können, ist wenigstens ein Stück – ich sage das einmal bewusst – Wärme in einem Umfeld, wobei ich die normalen Kontroversen nicht übersehe, das gehört auch dazu. Ich bin auch niemandem böse, dass darüber nachgedacht wird, wenn der Parteivorsitzende und Bundeskanzler sechzig Jahre alt wird, was kommt dann. Ich finde das absolut legitim. Bloß, finde ich, muss das in einem menschlichem Umfeld geschehen, das einigermaßen in Ordnung geht.« 

So machte Kohl am 28. August 1989 seinen Parteivorstand an, eine sichere Abwahl auf dem Parteitag zwei Wochen später vor Augen. Keiner glaubte mehr, mit ihm 1990 die Bundestagswahl gewinnen zu können. Und so waren sie alle im Herbst 1989 entschlossen zum Putsch gegen Kohl: der hinterfotzige Biedenkopf, der Verräter Blüm, der Narr Geißler, der dreckigste Späth, die Schreckschraube Süssmuth und viele andere noch zu Beschimpfende mehr. 

Atemberaubendes Geschichtswissen 

Doch die Freundlichkeit und Güte der ungarischen, nun ja, Kommunisten rettete Kohl. Sie erlaubten ihm einen Tag früher als vereinbart, die Öffnung der Grenze nach Österreich für DDR-Flüchtlinge zu verkünden. Das war der Presseabend vor dem Parteitag, und damit war Kohl der Messias, der die verfolgten Brüder und Schwestern in unser gelobtes Land führte, unangreifbar geworden: Von Blüm bis Süssmuth zogen alle den Schwanz ein, der Putsch gegen den Parteivorsitzenden wurde abgeblasen, Kohl mit beachtlicher Mehrheit wiedergewählt. Und er verkündete seine erneute Kanzlerkandidatur bei den Bundestagswahlen im Herbst 1990. 

Für Ghostwriter Heribert Schwan ist Kohl selbst noch in seinem Protokollband »ein gebildeter Zeitgenosse mit geradezu atemberaubendem Wissen auf dem Gebiet der Geschichte«. Diese Veröffentlichung ist das Buch einer unglücklich gewordenen Liebe. »Dies ist gewiss kein Buch der Rache«, versichert Schwan, auch wenn »Frau Dr. Kohl-Richter nun alles daransetzt, mir den Mund zu verbieten: Der große Respekt vor Helmut Kohls Lebensleistung bleibt. Wir haben gemeinsam einiges geschafft: im Gespräch eine Bilanz von 1939 bis ins Jahr 2002, drei Memoirenbände von 1930 bis 1994 – und ein rekordverdächtiges Gesprächsprotokoll über ein Leben, das, wie selbst eingefleischte Gegner einräumen werden, einmal in die Geschichte eingehen wird. Mag sein, just damit geht der vielleicht größte Traum des Helmut Kohl in Erfüllung.« 

Und auch der schien mit Schwans Memoirenarbeit zufrieden gewesen zu sein: »Kohl meinte anerkennend, ich hätte seinen Duktus getroffen. Das tat gut.« 

Er verehrt den »Kanzler der Einheit« – welcher auch immer. Denn mit den Bürgerrechtlern (»Keine Gewalt«), die für die »friedliche Revolution« – friedlich auf beiden Seiten – sorgten, hatte Kohl nichts im Sinn. »Wir wissen ja nicht, wie hoch der Anteil der Stasi war an den Friedensgebeten«, erläuterte er seinem Ghostwriter. Irrig sei die gern verbreitete Annahme, »der Heilige Geist sei über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert«. Nur Verachtung empfindet er für »dieses Subjekt« Wolfgang Thierse, »der mit der Kerze, der Rauschebart, der sich durch die Geschichte lügt, dass es eine Schande ist«. Kohl weiß mit seinem atemberaubenden Wissen auf dem Gebiet der Geschichte besser, wie alles gekommen ist: »Es ist doch dem Volksschulhirn von Thierse entsprungen, dass das auf der Straße entschieden wurde.« 

Nichts da. Er, Helmut Kohl, habe dem Führer der Sowjetunion in ihrer ökonomisch wohl schwersten Stunde ein Angebot für die Überlassung der DDR gemacht, das dieser kaum ausschlagen konnte. Und wie hat der Kanzler nun dieses schutzlos gewordene Gebiet übernommen? Wie machte er aus der friedlichen die betrogene Revolution? 

»Ich habe nun wirklich die Bitte, dass wir anfangen, wir haben hier eine Bundesvorstandssitzung«, sagte Helmut Kohl am 13. Mai 1985, laut Seite 285 des ersten Bandes seiner »Berichte zur Lage«. Und er rief: »Machen Sie bitte die Tür zu, Herr Schumacher.« Die Fußnote erläutert: »Schumacher, Karl (1926–2006), 1978–1993 Leiter der Organisationsabteilung der CDU-Bundesgeschäftsstelle«. Es ist das einzige Mal, dass dieser Schumacher in beiden Berichtsbänden auftaucht. Auch in Schwans Kohl-Erinnerungen ist dieser Schumacher, Karl, nur einmal in Band II als Wahlkampfleiter für die nordrhein-westfälischen Landtagswahlen erwähnt. Und in den »Protokollen« überhaupt nicht. Dabei hat der Organisationsleiter, der 1985 die Tür zumachen sollte, 1990 das Tor für Kohl weit geöffnet. Der machte sich Sorgen um seine Kandidatur bei den im März bevorstehenden Volkskammerwahlen im Osten, zu denen ihn keiner aufgestellt hatte. 

Am 22. Januar 1990 lockte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, damals noch eng vertraut mit Kanzler Kohl, den neuen Vorsitzenden der Ost-CDU, Lothar de Maizière, zu einem Sondierungsgespräch über die Wahlen in die Abfertigungshalle des Westberliner Flughafens Tegel. Der machte sich auch Sorgen und fragte: »Warum redet Kohl mit allen andern, nur nicht mit mir? Will die CDU im Wahlkampf an uns vorbeigehen?« In der Tat, Kohl hatte Bedenken gegen die Stiefschwesterpartei im Osten. Tags darauf, bei der abgeschotteten Sitzung des CDU-Bundesvorstandes in Bonn, trug er sie vor: Mindestens ein Dutzend diverser Besucher aus der Bundesrepublik hätte bezeugt, dass an vielen Orten in den CDU-Ost-Kreisbüros noch immer »das Bild von Otto Nuschke hängt«, dem 1957 verstorbenen Vorsitzenden der Ost-CDU. Und er überlegte, ob man nicht besser mit dem »Demokratischen Aufbruch« unter Wolfgang Schnur zusammenarbeite. 

Nachts in der Otto-Nuschke-Straße 

Doch während am Abend zuvor Schäuble in Tegel den Vorsitzenden der Ost-CDU ablenkte, fuhr – so der Kohl-Biograph Klaus Dreher – in einer »Nacht- und Nebelaktion« Kohls CDU-Organisationschef Karl Schumacher in der Otto-Nuschke-Straße mit einem Kleinbus vor, packte die gesamten Personalakten der Ost-CDU ein und entführte sie nach Bonn. Eine Woche später gründete Helmut Kohl die Allianz für Deutschland, zu der sich die gutartigen Ostdeutschen aus »Demokratischem Aufbruch« (Kohl-Liebling Schnur wurde kurz vor der Wahl als Stasi-IM entfernt), Deutscher Forumspartei, Deutscher Sozialer Union und der gesäuberten Ost-CDU zusammenschließen durften. 

Die Allensbacher Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, die schon Volksaufklärungsminister Joseph Goebbels als seine Adjutantin anstellen wollte (siehe jW-Thema vom 31.5.2013), schickte Unterlagen, mit denen CDU-Generalsekretär Volker Rühe Kohl überzeugte, dass eine schnelle Währungsunion als Wahlkampfschlager not tue, weil andernfalls die CDU durch die Ostdeutschen (»insgesamt protestantischer, nördlicher, östlicher ausgerichtet«) ihre »Mehrheitsfähigkeit für immer verlieren« könnte. Der Kanzler geriet in Panik und zog in den Kampf gen Osten. 

Bereits im Dezember, bei Kohls erstem Auftritt in Dresden, waren Ewald König, dem Korrespondenten der Wiener Presse, vor dem Rednerpult viele große blonde Männer aufgefallen, die ihre Fäuste in den Himmel stießen und sich in militantem Rhythmus die Seele aus dem Leib brüllten: »Deutschland! Deutschland! Deutschland! Deutschland!« Bestellte Einpeitscher? Und die unzähligen großformatigen Fahnen in bundesdeutschem Schwarz-Rot-Gold (also ohne DDR-Emblem): Woher hatten die DDR-Bürger plötzlich all diese fabrikneuen »Winkelemente«? Der Korrespondent hatte gehört, dass sie vor Kohls Rede aus einem Fahrzeug heraus an die Zuhörer verteilt worden seien. 

Später schrieb Hans Ulrich Kempski, der Chefkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, in seinem Buch »Um die Macht«: »Kohl als Stimmenfänger im DDR-Wahlkampf. Wo immer er während dieser Kampagne auftritt, hat eine unsichtbar bleibende Regie sichergestellt, dass die jeweilige Zuhörerschaft erfährt, mit welcher historischen Figur der Bonner Bundeskanzler verglichen werden müsse: ›Schon einmal hat vor rund 110 Jahren ein Kanzler die Einheit Deutschlands geschafft – Otto von Bismarck. Heute ist es Helmut Kohl, der uns die Einheit bringt.‹« Und Kempski verrät, wer auch da der Regisseur ist: »Ein Kanzler-Wahlkampf verlangt, dass Kohl kanzlerhaft ins Bild kommt. Und kanzlerhaft ist identisch mit ›groß‹. Damit das Ganze kanzlerhaft wird, ist aus der Bonner CDU-Zentrale Karl Schumacher angereist, ein in den letzten 17 Jahren, seitdem Kohl CDU-Vorsitzender ist, erprobter Organisator. Schumacher überlässt nichts dem Zufall. Er hat für die imposant dekorierte Rednertribüne gesorgt, für geschickte Scheinwerferbestrahlung, für gut ausgesteuerte Lautsprecheranlagen, für Luftballons und Flugzettel und für sonstigen Propaganda-Schnickschnack in bunter Fülle.« 

Den tollsten Auftritt bekam Kohl in Leipzig bei seiner Abschlusskundgebung zur Volkskammerwahl der DDR. Inmitten der friedlichen Revolutionäre war die Monarchie ausgebrochen: »Helmut, nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland«, flehte ein Riesentransparent. Der Angebetete gewann die Wahl zur Volkskammer, obwohl er gar nicht auf den Stimmzetteln stand. Das war mehr als Zettelfalten. Es war die Erhebung Helmut Kohls zum Kanzler der Einheit, wie ihn auch sein Volksschriftsteller Schwan verehrt. 

Bösartigste Weiber 

Unvermeidlicher Nachtrag: Hildegard Hamm-Brücher, die große Liberale, die Kohl 1982 bei der durch den Wendehals Hans-Dietrich Genscher ermöglichten Kanzlerwahl ihre Stimme verweigerte und schließlich aus der FDP austrat, sie kommt bei den Kohl-Reden im Parteivorstand überhaupt nicht vor. Und doch ist »diese Spezialziege« in den Schwan-»Protokollen« eines der »bösartigsten Weiber in der Geschichte der Republik«. Allerdings ist die Treuhandpräsidentin Birgit Breuel hier mit keinem Wort erwähnt, auch in den »Berichten zur Lage« taucht sie nur einziges Mal auf – im Zusammenhang mit der von ihr ebenfalls in die Pleite gefahrenen Hannoveraner Weltausstellung »Expo 2000«. Wohl aber wird Birgit Breuel im ebenfalls von Schwan verfassten dritten Band von Kohls Memoiren hoch gewürdigt. Da schildert der Kanzler, wie er Breuel »in die Pflicht« nahm und verkündet: Sie, die hurtig die ostdeutsche Wirtschaft in westdeutsche Hände enteignete und den Rest demolierte, »glänzte schon nach kürzester Zeit durch herausragende Leistungen«. Kohl zufrieden: »Sie berufen zu haben war eine der besten Personalentscheidungen während meiner Kanzlerschaft.« Er hat ihr die Drecksarbeit überlassen, und sie hat sie zu seiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt. 

Der Kanzler watete übrigens nicht nur durch seinen Spendensumpf. Er scheute auch sonst keinerlei Morast. Auf Seite 243 seiner »Erinnerungen 1990–1994« formuliert Schwan: »Als wir uns auf den Weg zur Einheit machten, war es wie vor der Durchquerung eines Hochmoors: Wir standen knietief im Wasser, Nebel behinderte die Sicht, und wir wussten nur, dass es irgendwo einen festen Pfad geben musste. Schritt für Schritt tasteten wir uns vor und kamen schließlich wohlbehalten auf der anderen Seite an.« Natürlich hatte ein Höherer Beihilfe geleistet: »Ohne Gottes Hilfe hätten wir es wohl nicht geschafft.« 

Der Unbußfertige wird wohl nimmermehr verraten, wie sein Gott hieß. Aber viele Götter haben ihm zu danken, dass sie mit Breuels Hilfe die DDR ausplündern durften. Ihr Verwaltungsratsvorsitzender Jens Odewald, ein enger guter Freund Kohls, musste vom ersten Treuhandsitz nur ein paar Schritte weiter über den Alexanderplatz gehen, um sich das repräsentative Centrum-Warenhaus samt allen Filialen für seine eigene Kaufhof-Holding gegen eine lächerliche Summe unter den schwarzen – er sitzt im CDU-Wirtschaftsrat – Nagel zu reißen. Als Freund Kohl nach der Aufdeckung der CDU-Spendenaffäre Gelder zum Ausgleich von Rückforderungen an die Partei sammelte, spendierte Odewald mit seiner Frau offiziell 700.000 D-Mark. Hinwiederum durfte er dann 2009 als Mitglied der Bundesversammlung seinen ehemals für die Treuhand zuständigen Finanzstaatssekretär Horst Köhler in der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten wiederwählen, den, der dann zurücktrat, als er versehentlich ausgeplaudert hatte, wie sehr deutsche Wirtschaft und deutscher Krieg heute wieder zusammenhängen. – Gott weiß alles. 

Literatur 

Helmut Kohl (Heribert Schwan): Erinnerungen, 3 Bände. Droemer Verlag. München 

– 1930–1982, 684 Seiten, 2004, 28 Euro 

– 1982–1990, 1.134 Seiten, 2005, 29,90 Euro 

– 1990–1994, 784 Seiten, 2007, 29,90 Euro 

Helmut Kohl (selbst): Berichte zur Lage, 2 Bände Droste Verlag. Düsseldorf 

– 1982–1989, 814 Seiten, 2014, 69 Euro 

– 1989–1998,1.150 Seiten, 2012, 69 Euro 

– Heribert Schwan: Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle. Heyne Verlag. München 2014, 256 Seiten, 19,99 Euro  

_______________________