Ein Stück Westen im Osten 

DDR 1989:  40 Jahre evangelische Kirche in der DDR.  

Von Dieter Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 22.10.2014 

 

Das Zusammentreffen der evangelischen Kirche mit einer von Kommunisten bestimmten Regierung ist von vornherein nicht gutgegangen. Der Antikommunismus war schon rund 100 Jahre vor 1945 Tradition in der Kirche. Im 19. Jahrhundert wandte sie sich bewusst von der Arbeiterklasse ab. 1914 schürte sie die Begeisterung für den Krieg gegen alle Nachbarn Deutschlands, in den 1920er Jahren die Verleumdung der Oktoberrevolution. 1933 stand sie hinter Hitler, auch mit der Minderheit der »Bekennenden Kirche«. Die wollte nicht, dass die Naziideologie in die christliche Verkündigung eindrang. Die Kirche folgte der faschistischen Machtpolitik mit Ausnahme weniger, die Hitler ablehnten. Und es waren noch einmal weniger, die in den Widerstand gingen. 1941 huldigte die Kirche in aller Form der Aggression gegen die Sowjetunion. Und nach 1945 hoffte sie nicht auf Befreiung, sondern hatte Angst vor den Befreiern. 

Ihr Zusammentreffen mit dem Sozialismus nach 1945 hätte dennoch günstig verlaufen können. Die Kommunisten erkannten an, dass es Christen gab, die für den Sozialismus gekämpft und weitere, die dem Faschismus unter Einsatz ihres Lebens widerstanden hatten. Im übrigen hielten sie grundsätzlich jeden Menschen für gewinnbar und gingen mit Freundlichkeit an ihre Machtausübung. Das haben allerdings die meisten Christen nicht erfahren. Gewiss auch wegen Not und Unerfahrenheit auf kommunistischer Seite, vor allem aber, weil sie darauf eingestimmt waren, sich dieser Erfahrung unter allen Umständen zu verweigern. Die Kommunisten haben 1945, 1946 und 1949 nicht gleich herumgefragt, wo in der Kirche die Progressiven geblieben wären und was die mit ihnen machte. Aber sie haben bald gesehen, dass die Glaubensgemeinschaft solche Leute damals möglichst fern von sich hielt. 

Einig Vertreter der deutschen evangelischen Kirche hatten im Oktober 1945 vor Besuchern aus dem Weltkirchenrat ein Schuldbekenntnis abgelegt, das den Satz enthielt: »Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.« Dagegen erhob sich ein Sturm der Entrüstung deutscher Bürger, die dabei die Mehrheit der kirchlichen Oberschicht auf ihrer Seite hatten. Dabei wäre es auch mögich gewesen, dass diese Elite, bewegt von den furchtbaren Tatsachen des unendlichen Leides, dem Kirchenvolk das Bewusstsein davon vermittelt, wie gut wir doch noch davongekommen seien. Aber sie sprachen nicht von »unseren« Grausamkeiten des Mordens und Zerstörens und von »unserem« Schweigen dazu. Sie sprachen von dem Leid der Umgesiedelten aus Pommern, Schlesien und Ostpreußen und von dem Unrecht des Verlusts dieser Länder. 

Die Kirche verhielt sich einfach nur bürgerlich, und das war ihr ganz selbstverständlich, darüber musste sie nicht erst nachdenken. Selbstverständlich also, dass im Prinzip alle zu ihr gehören sollten, dass alle getauft wurden, wodurch die Kirche ein Recht über sie zu haben beanspruchte, zuvörderst das Recht auf einen Teil ihres Geldes. Dass sie nun in einem Staat lebte, der das keineswegs so sah, empfand sie als Beleidigung – eine vorübergehende, hoffte sie. Sie richtete sich auf das Überwintern ein. 

Orientierung nach Westen 

Es war ja richtig, dass die Kirche ihre neue Lage »den Kommunisten« zuschrieb. Aber sie hätte sich und die Christen jetzt aufrufen könne, das Recht ihres alten Antikommunismus zu überprüfen und das Recht der Arbeiterklasse zu verstehen. Doch sie intensivierte nur ihren Antikommunismus. Die Besatzungsmacht, d. h. die Rote Armee, und noch mehr dann die DDR, war der böse Feind. Das sollten alle Christen wissen. 

In Ostdeutschland hat die evangelische Kirche das nie öffentlich ausgesprochen, auch nicht in den Predigten. Es genügten Anspielungen, Anzüglichkeiten, Sticheleien. Auf internen Versammlungen ihrer Mitarbeiter ging es schärfer zu Sache. Alle waren gespannt auf den sogenannten Lagebericht. Darin schilderte ein aus Westdeutschland angereister höherer Kirchenmann, wie schlimm alles eigentlich sei. Außerdem hatte man das Radio und später das Fernsehen von »drüben«. 

Alle wussten, wohin man »schauen« muss, nach dem Widerpart des bösen Feindes, nach dem »guten Westen«. Wahrscheinlich faszinierte dieses Wort die Christen noch mehr als die übrigen Bürgerlichen. Es drückte alle Hoffnung aus – Westpaket, Westreise, Westgeld, Westbuch usw. Der Vorsatz »West« hat bei manchem das Denken ersetzt. Der eigenartigen Vermengung von Unausgesprochenem und Gemeintem hinsichtlich des Bösen entsprach das absolute Vertrauen auf den Guten, auf dessen rettende Taten die Christen sich verlassen sollten, ohne von ihnen zu hören. 

Der West-Ost-Deal 

Der Staat hatte mit seiner Gründung 1949 aufgehört, den Einzug der Kirchensteuer zu erledigen. Was nun? Man behielt die Bezeichnung »Kirchensteuer« bei, konnte jedoch den dazugehörenden Zwang nicht mehr ausüben lassen. Es handelte sich nur noch um eine freiwillige Gabe. Das entsprach ja nun dem Sinn des der Kirche gegebenen Geldes viel besser. Es hätte nahegelegen, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, mit den Mitgliedern offen zu reden, zu beraten und zu sagen: »Materiell liegt es ganz an euch, ob ihr hauptamtliche Prediger, kirchliche Gebäude und eine bescheidene Organisation unterhalten wollt.« Es ist nicht so, dass niemand auf diesen Gedanken gekommen wäre, aber die Amtskirche hat ihn unterdrückt, wann immer er vorgebracht wurde. Sie betrieb längst ihre bequeme Versorgung auf den verschlungenen Wegen des Westgeldes. 

Dafür hatte man eine gerissene und verwickelte Konstruktion erdacht. Auch die Pfarrer durften nichts davon wissen. Ironisch raunten sie einander ihre Ahnung von dem »Kohle- und Stahlabkommen« zu, womit sie ziemlich richtig lagen. Es ging um Waren, die nach Entscheidung der Bundesregierung nicht in die DDR geliefert wurden, was diese in die beabsichtigten Schwierigkeiten brachte. Nun traten beide Regierungen in eine gewollt-ungewollte Partnerschaft: »Pankow«, also Berlin, konnte immer wieder den Wunsch nach Ausnahmen äußern, und Bonn konnte genehmigen. Sie haben indessen nie darüber verhandelt. Dazu gab es eine zweite Partnerschaft, die ebenso verdeckt existierte – zwischen der evangelischen Kirche West, die den Hut aufhatte, und der evangelischen Kirche Ost, die die Hand aufhielt. Sie sahen sich zwar nach wie vor organisatorisch und natürlich geistlich in der einen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vereint, was zum Dauerstreit zwischen der Regierung und der evangelischen Kirche in der DDR führte. In dem in Frage stehenden Geschäft wollte die EKD aber nur bestimmen, nicht auftreten. Die Kirchen West und Ost vertrauten die Durchführung einer dritten geheimen Partnerschaft an. Das waren Prälat Hermann Kunst, Bevollmächtigter der EKD bei der Regierung der Bundesrepublik und Militärbischof, gelernter Bankkaufmann, und ein Experte aus der Zentrale des Evangelischen Hilfswerks in Stuttgart, Ludwig Geißel. Diese zwei scheinen auch die Erfinder des Deals gewesen zu sein. Der eine verhandelte mit Bonn, der andere mit Bonn und Berlin, wozu er ständig zwischen Köln, Berlin und Leipzig hin- und herflog (mit Dauergenehmigung der DDR). Im Ergebnis bezahlte die DDR für ihre geheimen Westkäufe die Ostkirche, und die Westkirche bezahlte ihre Westlieferanten. Dass die Kirche in der DDR von der im Westen lebte, ist das einzige, was ihre Mitglieder immer »irgendwie« gewusst haben. 

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Die Einrichtung ermöglichte das Einfließen von Zuschüssen des Bonner Staates, der sich dessen nachträglich auch gerühmt hat – einschließlich seiner Gewissheit, auch damit langfristig zum Untergang der DDR beigetragen zu haben. Über die Höhe dieser Beträge ist in der Öffentlichkeit bis heute nichts bekannt geworden. Ludwig Geißel gibt in seinen Memoiren »Unterhändler der Menschlichkeit« für einige der früheren Jahre des Geschäfts Lieferungen im Wert von je 40 bis 45 Millionen D-Mark an. Mehrfach erwähnt er weitere Absprachen oder auch unvereinbarte zusätzliche Einfuhren. Er gibt zu, dass illegale Transfers mitliefen und dass seine Partner in der DDR-Regierung dies kritisierten, woraufhin er versprach, es abzustellen. Das aber, teilt er im Buch mit, sei natürlich gar nicht beabsichtigt gewesen. So lief es von 1952 bis 1989. 

Hinzu kamen Lieferungen von Gütern und Geld auf vielen anderen Wegen, z. B. zwischen Patengemeinden, später Partnergemeinden genannt. Es war gewöhnlich aus DM zum mit Recht sogenannten Schwindelkurs eingetauschte Mark der DDR dabei. Hierzu gab es vielfältige Botendienste, z. B. durch junge Ausländer, die Kirche nannte sie »Fraternal workers«, die sich ein Jahr für Westberlin freigenommen hatten, um die Situation in einer geteilten Stadt zu studieren, oder durch rüstige Rentner aus der DDR, nachdem sie für insgesamt vier Wochen pro Jahr in den Westen ausreisen durften. – In manches Pfarrhaus zog erheblicher Wohlstand ein. 

»Kirche im Sozialismus« 

Hinter der Art, ihre materielle Existenz zu gestalten, stand die Verachtung der Kirche für die DDR und ihre Parteinahme im Kalten Krieg auf seiten des Bündnisses gegen die sozialistischen Länder. Zwecks Wahrung der Hallstein-Doktrin, nach der kein nichtsozialistisches Land die DDR anerkennen durfte, hat die Kirche nicht einmal im Eigeninteresse normale Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten und damit einen Schritt zum Frieden angemahnt. Ebenso scheint sie die Tragikomik nicht zu empfinden, dass sie predigte, man sollte Gott vertrauen, sich in der Tat aber auf »den Westen« verließ. 

Die katholische Kirche stand im ganzen klarer zum Sozialismus, nämlich in erklärter Feindschaft. Das hatten die Päpste Pius XII. (1939–1958) und später Johannes Paul II. (1978–2005) festgeklopft. Sie waren auch massiv an Geheimpolitik gegen sozialistische Länder beteiligt. Da konnte im kleinen der höhere Klerus mit der Regierung der DDR freundlich sein oder tun, er konnte aber auch harsch auftreten und sich im übrigen darauf berufen, dass er mehrheitlich Bischöfen unterstand, die ihren Sitz in der Bundesrepublik hatten. Die SED hatte, ist mein Verdacht, insgeheim Scheu und Respekt vor der weltgewandt auftretenden Kirche. Deren Prälaten in der DDR behielten sich ein für allemal jeglichen Kontakt mit politischen Organisationen und Behörden vor – den Priestern war er untersagt. 

Einem evangelischen Pfarrer hat wahrscheinlich niemals ein Vorgesetzter verboten, einer Einladung der Nationalen Front, des Zusammenschlusses aller Parteien und Massenorganisationen, oder der DDR-CDU zu folgen. Aber wehe, wenn er es tat! Dann war er bei den Kollegen unten durch. »Friedenspfarrer« war in diesen Kreisen ein Schimpfwort. 

Eine gewisse Entkrampfung in ihren Verhaltensformen gestattete sich die Kirche in der DDR dann doch. Die Bindung an die EKD gab sie in der Weise auf, wie die Bundesrepublik die Hallstein-Doktrin aufgeben musste. Sie hatte 1969 ihren selbständigen »Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR« aus den Landeskirchen gegründet. Im Bund fand sie die Formel, nach der sie »Kirche im Sozialismus« sei. Richtig froh – man könnte auch sagen: ehrlich – war sie dabei nicht. Sie brachte zu viele bemühte Erläuterungen der Formel vor wie »nicht neben« dem Sozialismus, »nicht gegen« ihn, eben »in« ihm – natürlich nicht für ihn. Auch konnte man doch nicht ganz von der EKD lassen. Man bestand auf der »besonderen Gemeinschaft« mit den Kirchen in der Bundesrepublik. Das nahm die Regierung der DDR übel, und dass diese den neuen Kirchenbund noch immer nicht »anerkannte«, nahm die Kirche übel. 

Erst 1978 fand ein groß aufgemachtes Gespräch zwischen den Spitzen dieses Kirchenbundes und dem Staatsrat statt, zu dem dessen Vorsitzender Erich Honecker eingeladen hatte. Der Staat wünschte sein international gestiegenes Ansehen mit der Loyalität der Kirche weiter zu fördern, die Kirche hoffte auf mehr Großzügigkeit hinsichtlich ihrer Aktivitäten außerhalb der Gottesdienste. Die Begegnung verlief sehr freundlich, was nicht heißt, dass die Kirche zum Freund wurde. 

»Schwerter zu Pflugscharen« 

Im Gegenteil empörte die »Kirche im Sozialismus« sich sehr, als bald darauf das Schulfach Wehrkunde eingeführt wurde. Im Fortgang des Kalten Krieges folgte die furchterregende Auseinandersetzung um den sogenannten NATO-Doppelbeschluss. In ihr war Honecker das europäische Staatsoberhaupt, das sich am meisten für Abrüstung und Frieden einsetzte. Kein Bischof hat ihm ein Wort der Unterstützung gegönnt. 

Auffällig war das gesamte Verhalten der evangelischen Kirche zum Frieden. Von der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) hielt sie sich so brüsk fern, dass es einer Beleidigung der internationalen Glaubensgemeinden gleichkam. Sie fand die CFK zu »ostlastig«. Sie hat auch sonst nie ein eindeutiges Wort gegen die Atomwaffen gefunden, auch nicht angesichts der großen Friedensbewegungen in Großbritannien, den USA und der Bundesrepublik, in denen mehrheitlich Christen wirkten, aber eben nicht die EKD. In der CFK war die Beteiligung von Christen aus der DDR, zumal von jungen, besonders groß. Es waren Menschen, die eine Kirche suchten, die nicht um ihr Prestige besorgt ist, sondern die »Freiheit zum Dienen« hat, ein Wort aus Thesen des »Weißenseer Arbeitskreises« zum vernünftigen Einsatz aller zusammen für gesellschaftliche Gerechtigkeit. Ihre Kirche wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Auch der Staat, bei aller Sympathie, fand sie schwierig, denn sie waren nicht einfach Parteigänger. Vor allem wollte er selbst hier nicht Partei ergreifen. In der Kirchenpolitik fürchtete er nichts so sehr wie den Vorwurf, einen Kirchenkampf zu führen. 

Mit der 1980 gegründeten Bewegung »Schwerter zu Pflugscharen« ging die Kirche sogleich engagiert zusammen. Merkwürdig, die Propheten der Bibel waren dafür, die Sowjetunion war dafür, der »Westen« war dagegen, aber von dort kam der Anstoß. Denn gemeint waren die Schwerter der sozialistischen Länder. Das wusste die Kirche, die christlichen Jugendlichen, die für die Pflugscharen brannten, wussten es nicht, erlitten staatliche Repression und vernahmen den Kommentar der Kirche: Da seht ihr es. Es war ein Skandal, dass die FDJ nicht ausschwärmte, mit den Jugendlichen zu diskutieren. 

Lorbeer für die Sieger 

SED und FDJ begingen den Fehler aufs neue, als 1987 vor Berliner Kirchen Mahnwachen standen, um Meinungsfreiheit einzuklagen. Die Kirche zeigte ernste Freude, hat aber auch mehrfach bremsend eingegriffen. Damit wollte sie die Jugendlichen schützen und mindestens ebenso sich selbst. Sie suchte schon nicht mehr zu überwintern, sie rechnete überhaupt nicht mit einem Ende der DDR – manche an ihrer Spitze sogar Anfang 1990 noch nicht –, sie hatte sich eingerichtet. Sie würde bald ein Stück Westen im Osten sein, wurde schon kalkuliert. Die Versorgung stimmte, niemand wollte, dass zwischen Kirche und Staat etwas passiert. Religiöser Bekennermut und staatliche Unduldsamkeit waren aufeinander eingespielt. Staats- und Kirchenvertreter einschließlich Pfarrer trafen sich halbwegs regelmäßig und redeten gesittet miteinander. Zuweilen wurde lokal Nützliches besprochen. Pfarrer entdeckten, dass Kommunisten freundlich und sachkundig sein und Probleme haben können. Bischöfe reisten in die weite Welt und berichteten, dass es viel Elend gäbe. Einige wurden unversehens Propagandisten der DDR, etwa wenn sie Christen in den USA widersprechen mussten, die genau »wussten«, dass in der DDR Gottesdienste verboten seien. 

Die sogenannte Bürgerrechtsbewegung war nicht kirchlich interessiert, verstand aber die Verwandtschaft der Auffassungen. Die Kirche ging das Bündnis mit ihr in Leipzig enger ein als in Berlin. Viele ehrliche Bürgerrechtler wollten einfach eine »bessere DDR« in einer friedlicheren Welt. Doch fragten sie weder nach der sozialistischen Konzeption gerechter Gesellschaft noch nach den vernünftigen, niemanden bedrohenden Abrüstungsvorschlägen der Sowjetunion. Vielleicht kannten sie sie gar nicht, sie lasen nicht das Neue Deutschland. Mit so leichtem Rüstzeug ließ sich die DDR nicht verbessern. Und abgeschafft wurde sie weder von den Bürgerrechtlern noch von der Kirche. 

Das hat der Imperialismus getan. Die evangelische Kirche hat nur die ihm dienende Ideologie besonders eifrig hochgehalten. Sie sah gleich Unrecht, wo sie sich um Verständnis für den Sozialismus hätte bemühen können. Nach ihrer eigenen Botschaft wäre es zu erwarten gewesen, dass sie dem Sozialismus und so den Menschen geholfen hätte. Sie hat den Ausweg aus der Barbarei nicht begriffen. 

Erst einmal hat sie sich um den Lorbeer für die Sieger vorne angestellt und steht da bis heute. Sie lässt kein gutes Haar an den Kommunisten und schweigt zu dem Unrecht an ihnen. Es ist ihr offenbar unbewusst geblieben, was es bedeutet, dass sie seit Kaiser Konstantin (312 u. Z.) zum ersten Mal in einem Staat lebte, der keine religiöse Weihe wollte. Sie nimmt wieder ihre gehobene Stellung in der Gesellschaft ein und darf die Werte feiern, welche die Elite anerkennt. Sie profitiert wie keiner sonst von den unterbezahlten Arbeitsstellen, die der Staat den Unternehmern beschert. Ihre Großen bekräftigen ihre Haltung gegen den Krieg, um sie ihrer Bedeutung nach umzudrehen – sie sind Freunde der Generäle. Die evangelische Kirche beschwichtigt das Entsetzen der Menschen vor der mörderischen Profitgier mit ihrem »heile, heile Segen«. Vor dem »täglichen Massaker«, so bezeichnet es der Schweizer Soziologe Jean Ziegler, das unter den Kindern fortwährend angerichtet wird, verschont sie die Gläubigen. 

Man möchte kaum glauben, in welchem Ausmaß das Leben in der Kirche von Gebäuden und Türmen, von Glocken, Orgeln und feierlichen Gewändern beherrscht ist. Der Anspruch auf eigenen Glanz verdrängt einfaches Mitleid und ersetzt das christlich Besondere durch religiöse Belanglosigkeit. Gut evangelisch gesprochen streiten hier Pomp und Protz gegen die »Zehn Gebote« und die Solidarität. 

Dieter Frielinghaus war Gemeindepastor in Dresden und danach in Bergholz bei Pasewalk.  

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