»Es kam wohl ein Franzos daher« 

Literatur: Deutsche Dichtung im Ersten Weltkrieg – und warum Kriegsliteratur heute anders funktioniert. 

Von Kai Köhler 

In: junge Welt online vom 23.10.2014 

 

Die große Mehrheit der Schriftsteller im Deutschen Reich und der deutschsprachigen Autoren im Habsburgerreich reagierte enthusiastisch und einsatzbereit auf den Beginn des Ersten Weltkrieges. Einsatzbereit heißt nicht unbedingt, dass sie kämpfen wollten; auch wenn sich einige freiwillig zum Militär meldeten, so der bei Kriegsbeginn immerhin 51jährige Richard Dehmel. Die große Mehrheit indessen bevorzugte es, ihre Leser zum Kampf aufzufordern. 

Zu den bekannteren Autoren traten zahlreiche Dilettanten, die ihre militaristischen Gefühle zu Papier brachten. Schätzungen gehen für die erste Kriegsphase von einer Tagesproduktion von immerhin 50000 Gedichten aus. Es geht im folgenden um diesen Zeitabschnitt bis in den Herbst 1914, als die deutsche Offensive im Westen gescheitert war (siehe jW-Thema vom 5.9. und 22.10.2014) und auch die Öffentlichkeit begriff, dass mit einem raschen Sieg nicht zu rechnen war. Die zeitliche Einschränkung bedeutet, dass wir es mit literarischen Kleinformen zu tun haben: Gedicht, Artikel, Essay, Tagebuchnotiz. Ein Drama oder einen Roman zu konzipieren und abzufassen braucht länger. 

In dieser Phase war die veröffentlichte Meinung in den Mittelmächten fast ausnahmslos auf Kriegskurs. Die historische Forschung hat inzwischen das etablierte Bild von der einhelligen Kriegsbegeisterung relativiert. Organisierten Jubel gab es in Großstädten mehr als in Kleinstädten und Dörfern. Wer abseits blieb, artikulierte sich nicht; wer gegen den Krieg war, hätte, um sich bemerkbar zu machen, eine Organisation gebraucht, die es nach dem Seitenwechsel der SPD (siehe jW-Thema vom 2./3. und 4.8.2014) nicht gab. So dominierten die Kriegsbefürworter die Plätze, Zeitungen und Zeitschriften. Es handelte sich um eine einfache Machtfrage, die vorerst auf imperialistische Weise beantwortet wurde. Die Lage wurde später zum »Augusterlebnis« verklärt (siehe jW-Thema vom 1.8.2014), aus gegensätzlichen Interessen heraus. Diejenigen, die auf eine Volksgemeinschaft statt auf Klassenpolitik zielten, nahmen die Verhältnisse als Vorbild für ein künftiges Deutschland. Denjenigen hingegen, die den Krieg begrüßt und mittlerweile seine Schrecken verstanden hatten, diente die damalige scheinbare Einigkeit als Entschuldigung. 

Der Dichter spielte dabei 1914 in Deutschland und Österreich eine Rolle, wie sie heutzutage kaum mehr vorstellbar ist. Die Debatten um Peter Handke, Christa Wolf oder Martin Walser in den 1990er Jahren sind nur ein Nachklang dieser Bedeutung. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, kein Radio; im deutschen Kino wurden 1914 fast nur ausländische Produktionen gezeigt, und erst die Kriegslage gab den Anstoß für die systematische Entwicklung einer eigenständigen deutschen Filmindustrie, bis hin zur Gründung des Filmkonzerns UFA 1917, die auch von der Obersten Heeresleitung initiiert wurde. Bis dahin waren Postkarten das wohl wichtigste Bildmedium für Propaganda. 

Der politisch begründete Protest wäre von Autoren zu erwarten gewesen, die im Grundsatz antiimperialistischen Parteien wie der SPD nahestanden. Doch ist Literatur ein Geschäft, das sich nur selten rentiert, und insofern für Arbeiter schwer auszuüben; das Versagen der SPD bedeutete eine weitere Schwierigkeit. Diese Position wurde also zunächst kaum besetzt. 

Das gleiche gilt für den moralisch-humanistischen Protest. Es gab zwar die pazifistisch-bürgerliche Literaturzeitschrift Forum des Publizisten Wilhelm Herzog. Für die jüngeren, dem Expressionismus nahestehenden Autoren existierte die von Franz Pfemfert herausgegebene Zeitschrift Aktion, die noch auf der Titelseite vom 1. August einen Antikriegsaufruf brachte. Doch wurden solche Ansätze schnell von der Zensur eingeschränkt und blieben derart selten, dass es sogar als Protest wirken konnte, wenn zuvor publizistisch aktive Schriftsteller nun schwiegen. Immerhin gab es Schriftsteller, die wie Heinrich Mann, Annette Kolb, Johannes R. Becher oder Franz Werfel den Krieg von Beginn an ablehnten. 

Hauptmann – für Anspruchsarme 

Gerhart Hauptmann, immerhin Literaturnobelpreisträger von 1912 und ein Meister der Anpassung an je neue politische Verhältnisse, dichtete dagegen ein »Reiterlied«, dessen erste Strophe lautet: »Es kam wohl ein Franzos daher. – / Wer da, wer? – / Deutschland, wir wollen an deine Ehr’! – / Nimmermehr!! / Schon wecken die Trompeten durchs Land, / jeder hat ein Schwert zur Hand. / Man kennt es gut, dies gute Schwert, / von Spichern, Weißenburg und Wörth, / das deutsche Schwert.« 

Ähnlich schlimm ergeht es den Gegnern in den folgenden Strophen, nämlich einem »schwarzen Russ’« und einem »Englishman«, in der letzten Strophe schließlich »drei Räubern auf einmal«. Spichern, Weißenburg und Wörth waren Orte von Gefechten im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der auch schon nicht mehr mit Schwertern ausgekämpft wurde, sondern mit Gewehren und Kanonen. Reiter waren, wie man spätestens seit dem russisch-japanischen Krieg 1904/05 hätte wissen können, im modernen Krieg veraltet; der Festungskampf von Verdun 1916 war bei Port Arthur 1905 bereits Erfahrung geworden. »Reiterlied« und Schwert waren also – für jeden halbwegs aufmerksamen Zeitungsleser erkennbar – Anachronismen, die muntere Kriegsstimmung vermitteln sollten und mit der Kriegsrealität kaum mehr etwas zu schaffen hatten. Allerdings wurde dieses Wissen erst durch den Ersten Weltkrieg in einem solchen Maß in soziale Erfahrung umgewandelt, dass sich auch kriegsverherrlichende Literatur nicht mehr einer solchen Bilderwelt bedienen mochte. 

Mann – hoher Begründungsaufwand 

Es war dies eine Propaganda für geistig Anspruchsarme, für die es als kulturelle Legitimation ausreichte, wenn nur die eigenen Idealvorstellungen vom Krieg in Verse gepackt wurden, die sich reimten und nicht allzu sehr holperten. Einen viel höheren Begründungsaufwand treibt Thomas Mann in seinen im November 1914 veröffentlichten »Gedanken im Kriege«. Dieser Essay ist wahrscheinlich der meistinterpretierte deutschsprachige literarische Propagandatext aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, und zwar nicht nur wegen der Prominenz seines Autors, sondern weil Mann viele der geläufigen Argumente zu bündeln und mit großer Klarheit auszuführen vermochte. 

Die grundlegende Unterscheidung, auf die er die »Gedanken im Kriege« aufbaut, ist die zwischen Kultur und Zivilisation. Zivilisation ist dabei »Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung – Geist«. Sie findet sich im Westen, besonders in Frankreich. Kultur dagegen ist »Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar«. Für die Kultur steht Deutschland. 

Nun könnte das verwundern, könnte die Zivilisation als das Erstrebenswerte erscheinen. Tatsächlich wird Thomas Mann Jahrzehnte später, wenn er im Exil den Faschismus sowohl aus der deutschen Geistesgeschichte erklärt als auch ihn angreift, das Schema beibehalten, nur eben die Wertung umkehren. 1914 hingegen nimmt er Partei für das, was er für Kultur und damit für deutsch erklärt. 

Grund ist zum einen ein antipolitischer Affekt: Anders als das Wort »Zivilisation«, bei dem die Deutschen »einen politischen Einschlag und Anklang« spürten, sei das Wort »Kultur« »rein menschlichen Inhaltes«. Zum anderen steht Zivilisation bei Mann für Wohlstand und Trägheit. Er hasst die Vorkriegszeit, für ihn »diese Welt des Friedens und der cancanierenden Gesittung«, zu der er rhetorisch fragt: »Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation?« Der Krieg macht mit all dem Schluss. 

Der etwa 40jährige Mann traf sich in dieser Hinsicht mit vielen der jüngeren Avantgardevertretern, für die der Krieg eine verhasste bürgerliche Welt zerstörte. Doch auch der frühere Naturalist Max Halbe dichtete: »Noch keiner hat des Reichtums schmeichelnd Gift / Ganz ungestraft geschlürft. Betäubend schwer / Und honigsüß rann es durch unser Blut, / Ein Taumeltrank, einlullend uns in Wahn / Und Träumerei von Schönheit, Glück und Frieden.« Und sogar der äußerst kriegsskeptische Hermann Hesse, der sich in der Schweiz abseits hielt, äußerte sich brieflich noch am 26. Dezember 1914: »Die moralischen Werte des Krieges schätze ich im ganzen sehr hoch ein. Aus dem blöden Kapitalistenfrieden herausgerissen zu werden, tat vielen gut, grade auch Deutschland, und für einen echten Künstler, scheint mir, wird ein Volk von Männern wertvoller, das dem Tod gegenübergestanden hat und die Frische und Unmittelbarkeit des Lagerlebens kennt.« 

Die Ablehnung einer friedlich-sicheren Existenz war also weit verbreitet, und Mann erwähnt denn auch kurz die Sorge, der Sieg werde zu leicht erreicht: »Und als dann die ersten Entscheidungen fielen, als die Flaggen stiegen, die Böller dröhnten und den Siegeszug unseres Volksheeres bis vor die Tore von Paris verkündeten – war nicht fast etwas wie Enttäuschung, wie Ernüchterung zu spüren, als gehe es zu gut, zu leicht, als bringe die Nervlosigkeit unserer Feinde uns um unsere schönsten Träume?« Doch fährt er fort: »Unbesorgt! Wir stehen am Anfang, wir werden um keine Prüfung betrogen sein«, und die Rede ist von einer »Utopie des Unglücks«. 

»Utopie des Unglücks« 

Nun ist der besondere Bereich von Künstlern die Kunst, und mögen manche von ihnen auch die Fähigkeit haben, politische Sachverhalte besonders prägnant zu formulieren – einen besonderen strategischen Vorteil haben sie genau dann, wenn sie ihre künstlerische Qualifikation für ihre politische Überzeugungstätigkeit einsetzen können. Nur empfiehlt es sich – hat man es mit dem Verhältnis von Kunst und Krieg zu tun –, nicht allzu konkret zu werden. Thomas Mann bezeichnet darum nicht diesen Schrapnelleinschlag oder jenen Gasangriff als Kunst, sondern operiert mit mehreren Vermittlungen. So entspricht erstens die Kunst der Kultur: »Die Kunst ist fern davon, an Fortschritt und Aufklärung, an der Behaglichkeit des Gesellschaftsvertrages, kurz, an der Zivilisierung der Menschheit innerlich interessiert zu sein. Ihre Humanität ist durchaus unpolitischen Wesens, ihr Wachstum unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen. Fanatismus und Aberglaube haben nicht ihr Gedeihen beeinträchtigt, wenn sie es nicht begünstigten, und ganz sicher steht sie mit den Leidenschaften und der Natur auf vertrauterem Fuße als mit der Vernunft und dem Geiste.« 

Zweitens geht es darum, nun die Kunst mit dem Krieg zu verbinden. Entsprechend heißt es: »Sind es nicht völlig gleichnishafte Beziehungen, welche Kunst und Krieg miteinander verbinden? Mir wenigstens schien von jeher, dass es der schlechteste Künstler nicht sei, der sich im Bilde des Soldaten wiedererkenne. Jenes siegende kriegerische Prinzip von heute: Organisation – es ist ja das erste Prinzip, das Wesen der Kunst. Das Ineinanderwirken von Begeisterung und Ordnung; Systematik; das strategische Grundlagen Schaffen, weiter Bauen und vorwärts Dringen mit ›rückwärtigen Verbindungen‹ (…); als ein Ausdruck der Zucht und Ehre endlich Sinn für das Schmucke, das Glänzende: Dies alles ist in der Tat zugleich militärisch und künstlerisch.« 

Das »Glänzende« darf allerdings nicht allzu heiter sein. Thomas Mann verspricht ja eine »Utopie des Unglücks«, und dies verlangt nach Opfern. Wirklich zitiert er eine ungenannt bleibende Gewährsperson mit den Sätzen: »Da wir umringt sind, da unserem Gewerbefleiß die Zufuhr an Rohstoffen abgeschnitten und das Volk ohne Arbeit und Brot sein wird, so werden wir ungeheure Vermögenssteuern ausschreiben, Abgaben der Reichen bis zu zwei Dritteln, nein, bis zu neun Zehnteln ihres Besitzes, eine deutsche Kommune, freiwillig und voll Ordnung, wird sein, damit Deutschland bestehe.« Mann fügt als eigenen Kommentar hinzu: »Das war das mindeste.« 

Nun wissen wir heute, dass es zu diesen ungeheuren Vermögenssteuern nicht kam, sondern die Kriegskosten über längere Arbeitszeiten für die Arbeiterklasse und über Kriegsanleihen für diejenigen, die etwas Geld erübrigen konnten oder mussten, aufgebracht wurden. Die Kriegsanleihen wurden dann durch Inflation und Währungsreform entwertet, und die Gewinner waren die Besitzer von Sachwerten. 

Laiendichter 

Soll die Volksgemeinschaft hergestellt werden, so braucht es auch vernehmbare Stimmen von unten. An Laiendichtern, die die Zeitungsredaktionen mit ihren Versen überschwemmten, war zwar kein Mangel. Einige Autoren aber wurden unter dem Label »Arbeiterdichter« bekannt, wobei häufig im unklaren blieb, ob dies die Herkunft oder eine politische Zugehörigkeit bezeichnete. Zu denen, deren Gedichte weit verbreitet wurden, gehört Karl Bröger, der mindestens bis 1933 der SPD eng verbunden war und nach der Machtübergabe an den Faschismus für einige Monate im KZ Dachau inhaftiert wurde – wobei gleichzeitig draußen die Hitlerjugend einige seiner Gedichte sang. 

Eines seiner bekanntesten Werke aus dem Jahr 1914 heißt »Bekenntnis«, und die erste Strophe lautet: »Immer schon haben wir eine Liebe zu dir gekannt, / bloß wir haben sie nie mit einem Namen genannt. / Als man uns rief, da zogen wir schweigend fort, / auf den Lippen nicht, aber im Herzen das Wort / Deutschland.« Das Gedicht schließt mit den Versen: »Herrlich offenbarte es erst deine größte Gefahr, / dass dein ärmster Sohn auch dein getreuester war. / Denk es, oh Deutschland.« 

Kleine Nebenbemerkung: Die Geschäftsstelle der Nürnberger SPD heißt immer noch Karl-Bröger-Haus. Jedenfalls, solche Werke dienten einerseits dazu, zögernde Arbeiter für den Krieg zu begeistern. Andererseits deutet die Schlusszeile einen Anspruch für die Nachkriegszeit an, nämlich dass die ärmsten Söhne vom Vaterland entsprechend ihrer Verdienste behandelt werden. Allerdings ist es politisch immer dumm, erst zu liefern und dann auf Bezahlung zu hoffen. 

Kriegsliteratur heute 

Alles, was bis hier an Begründungsmustern gezeigt wurde, ist veraltet. Heute mit einem »Reiterlied« zum Krieg zu mobilisieren würde lächerlich wirken. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde der Kampfflieger zum Heldenmodell, im Zweiten Weltkrieg dann zudem der U-Boot-Kommandant (und bei beiden die zählbaren Abschüsse bzw. Versenkungen, also ein Modell der Quantifizierbarkeit militärischer Erfolge). Auch das ist nicht mehr aktuell. Der Computerspezialist, der aus dem sicheren Bunker heraus in einem »Nine to five«-Job Drohnen lenkt, wird sicherlich nie zum heldischen Vorbild taugen; und Ursula von der Leyens Versuche, die Bundeswehr mit Familienfreundlichkeit und Kinderbetreuung attraktiv zu machen, sollen dem Soldatenberuf Normalität geben, was jedem propagandistischen Pathos den Boden entzieht. 

Die hier vorgestellten Schriftsteller sind bei weitem nicht die schlimmsten der schlimmen. Sie haben vor 1914 keineswegs den rechten Flügel der deutschsprachigen bürgerlichen Literatur gebildet, und die Mehrzahl verteidigte nach 1919 die Weimarer Republik. Das gilt ohnehin für den flexiblen Gerhart Hauptmann, der sich dann 1933 den Nazis annäherte, um kurz vor seinem Tod 1946 noch gute Kontakte zur sowjetischen Militäradministration zu knüpfen. Thomas Mann distanzierte sich in den 20er Jahren von seinen konservativen Freunden und musste nach 1933 ins Exil gehen, von dem aus er in Essays und Ansprachen das faschistische Regime bekämpfte. 

Dass von solchen Autoren relativ anspruchsvolle Rechtfertigungen der deutschen Politik erschienen, zeigt die beherrschende Position der Kriegsbefürworter in der Öffentlichkeit, die bis ins Jahr 1915 hinein fast keinen Widerspruch fanden; und eben daran orientieren sich die meisten Intellektuellen. Rückschlüsse auf die Mehrheit der Bevölkerung sind darum nur bedingt möglich. Wie aktuell dies ist, können wir gegenwärtig jeden Abend im Fernsehen und jeden Morgen in fast jeder Tageszeitung erleben. Dennoch hat sich einiges geändert. Dazu als Abschluss sechs Thesen. 

Erstens: Bestimmte Formen naiv-abenteuerlicher Kriegsbegeisterung sind veraltet und lassen sich wohl auch kaum wiederbeleben. Egal, was die NATO nächstens unternehmen wird, wir werden kein »Reiterlied« mehr bekommen und wohl auch kein Fliegerlied. Das Bewusstsein, in welchem Maße der Krieg technisiert ist und welche Folgen die Waffen haben, ist zu verbreitet. 

Zweitens ist mit allzu grober Brutalität kein Krieg mehr zu führen, jedenfalls auf der Propagandaebene. Ein Vers wie »Jeder Schuss ein Russ« geht nicht mehr – die Russen oder wer auch immer werden ja angeblich befreit. 

Drittens: Auch Thomas Manns »Utopie des Unglücks« ist keine große propagandistische Zukunft vorherzusagen. Kriege werden zumindest in den westlichen Ländern nur insoweit akzeptiert, als es den Regierungen gelingt, glaubwürdig zu versichern, dass praktisch keine eigenen Verluste anfallen. 

Das führt viertens zu einer ganz neuen Schwierigkeit. Für diesen Beitrag bot sich eine Unzahl effektvoller Zitate an, und das Problem war, welche wegzulassen. Auf beinahe jeder Druckseite von 1914 findet sich irgendein Satz, der für uns grauslich klingt. Heute ist das Gegenteil der Fall: Die Hälfte der Zeit, die man für Argumente zur Verfügung hat, verbringt man mit dem Streit darüber, ob überhaupt ein Krieg geführt wird oder nicht vielmehr eine humanitäre Intervention, eine Friedenssicherung oder was auch immer stattfindet. Die neue Propaganda rechtfertigt nur einen Teil der eigenen Aktionen; den größeren Teil verbirgt sie hinter Plastikwörtern. 

Das heißt aber – fünftens – nicht, dass die Texte von 1914 ganz einer vergangenen Zeit angehören würden. Vielmehr weisen zumindest die längeren, diskursiven Veröffentlichungen bereits auf die Notwendigkeit hin, den Krieg zu legitimieren. Der Staat hat nicht einfach das Recht, Krieg zu führen und irgendwas zu erobern (jedenfalls nicht die europäischen Staaten untereinander). Es braucht eine moralische Rechtfertigung. Deutschland – so ist man sich einig – sei nur aus Not in den Krieg gezogen. Dies koexistiert allerdings mit einer Vorstellung vom Krieg als nationaler Ertüchtigung. 

Sechstens: Die angebliche Verbreitung von Menschenrechten spielt 1914 noch keine Rolle. Die Sicht ist national-partikularistisch (höchstens wird zugestanden, dass die feindliche Nation eine ebensolche Sicht haben könnte, was dann meist durch Täuschung bzw. Selbsttäuschung erklärt wird). Als Künstler beziehen sich die Schriftsteller zuweilen auf Kultur, doch schließt in ihrem Verständnis Kultur das Zerstörerische ein. In besonders schlau ausgearbeiteten Texten erscheinen zivilisatorische Bindung und Friedensliebe als die Faktoren, die überwunden werden müssen, um zum nationalen Gemeinschaftserlebnis zu gelangen. Wir sind da wieder bei einem macht- und marktgestützten Konformismus, der sehr aktuell wirkt. 

Kai Köhler besprach am 20.9.2014 auf diesen Seiten das Buch von Christel Berger »Als Magd im Dichter-Olymp«. Der Text wird wesentlich erweitert im Heft 6/2014 der Marxistischen Blätter erscheinen.  

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