Va banque 

Geschichte: Die deutschen Generäle gingen Mitte Oktober 1914 gegen das belgische, französische und das britische Heer in die Offensive. Der verlustreiche Angriff scheiterte – die Grabenkämpfe begannen. 

Von Martin Seckendorf 

In: junge Welt online vom 16.10.2014 

 

In der Marne-Schlacht östlich von Paris im September 1914 (siehe jW-Thema vom 5.9.2014) hatte der deutsche Imperialismus eine strategische Niederlage erlitten. Der auf einen Blitzfeldzug im Westen hinauslaufende Kriegsplan war gescheitert. In Frankreich mussten die deutschen Truppen rund 80 Kilometer bis hinter den Fluss Aisne zurückgehen. Es zeichnete sich ab, dass der Krieg wesentlich länger dauern wird, als bis dahin angenommen. Darauf war der deutsche Imperialismus weder politisch noch materiell vorbereitet. Wilhelm Groener, Chef des Feldeisenbahnwesens im Generalstab und Verfechter der Blitzkriegsdoktrin, schrieb später in seinen Kriegserinnerungen: »Mit dem Misserfolg an der Marne fing die große politische Krise an, aus der wir nicht wieder herausgekommen sind.« Das offizielle Geschichtswerk des Reichsarchivs über den »Weltkrieg 1914–1918« enthält im Band 4 die Wertung, der Ausgang der Marne-Schlacht sei »von einschneidender Bedeutung für den Verlauf des Krieges« gewesen. Er hätte eine »weltgeschichtliche Bedeutung« erlangt. Weiter heißt es: »Daraus wuchsen ernste Fragen nicht bloß militärischer, sondern auch politischer und wirtschaftlicher Art. Die gesamte Kriegsführung musste auf völlig neue Grundlage gestellt werden.« Die deutsche Bevölkerung erfuhr von den schwerwiegenden Ereignissen verspätet nur Halb- oder Unwahrheiten. Die Niederlage wurde in den Zeitungen in einen taktischen Rückzug für eine neue entscheidungssuchende Offensive umgedeutet. 

Das Debakel an der Marne stürzte das Kaiserreich in eine Führungskrise. Helmuth von Moltke trat als Generalstabschef zurück. Seinen Posten übernahm am 14. September der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn, Prototyp des zynischen, menschenverachtenden preußischen Generals. Da er weiterhin Minister blieb, erreichte er eine bis dahin ungekannte Machtfülle. 

Fortsetzung des Burgfriedens 

Falkenhayn informierte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und Außenminister Gottlieb von Jagow über die militärische Lage. In den Gesprächen ging er zwar davon aus, »dass kein Anlass vorliegt, an einem befriedigenden Kriegsende zu zweifeln«, fügte aber hinzu, die »Absicht, eine schnelle Entscheidung zu erzwingen«, sei »zunichte geworden«. Man müsse »mit einer sehr viel längeren Kriegsdauer (…) rechnen«. Dann ging er auf grundlegende Folgerungen aus dem nicht geplanten langen Krieg ein. Die Marne-Schlacht habe »Anforderungen von ganz außerordentlicher Höhe an das innere Widerstandsvermögen der Mittelmächte« gestellt. 

Politisch von erstrangiger Bedeutung für die herrschenden Klassen war die Fortsetzung der »Burgfriedenspolitik«. Die Führungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie sollten dazu gebracht werden, die im August 1914 vollzogene freiwillige Unterordnung unter die Herrschenden fortzusetzen und den Kriegskurs weiter zu unterstützen. Der Reichskanzler schickte seinen Chefberater Kurt Riezler (siehe jW-Thema vom 8.9.2014) zu den Sozialdemokraten. Er sollte auf die Funktionäre einwirken, durchzuhalten, weiterhin die Position der Vaterlandsverteidigung einzunehmen und nicht wieder »mit ihrem Parteidogma anzufangen«. 

Angesichts des Massensterbens an der Front und der rapide zunehmenden, absoluten Verelendung breiter Bevölkerungsschichten sowie der schreienden Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der »Kriegslasten« wuchs die Opposition gegen die Burgfriedenspolitik. Bedrohlich für die Herrschenden war, dass sie auch in der Reichstagsfraktion der SPD existierte. So gab es auf der Zusammenkunft der Fraktion am 29. November 1914 zur Vorbereitung der Reichstagssitzung am 2. Dezember, auf der über neue Kriegskredite entschieden werden sollte, heftige Auseinandersetzungen. 17 Abgeordnete bekundeten ihre Absicht, dagegen zu votieren. In der entscheidenden Abstimmung im Reichstag fielen aber 16 oppositionelle SPD-Abgeordnete wieder um. Nur Karl Liebknecht blieb bei seinem Nein. 

Signifikanter Ausdruck der Not des Volkes waren die Hungertoten. Während des Ersten Weltkrieges starben 700 000 Zivilisten an Unterernährung – fast 100 000 mehr als im gesamten Zweiten Weltkrieg durch die alliierten Bombenangriffe. Im Gegensatz dazu machten viele Firmen märchenhafte Gewinne. Die 16 wichtigsten Stahl- und Bergbauunternehmen konnten ihre Profite zwischen 1913 und 1917 um 800 Prozent steigern. Bei Krupp wuchs der Gewinn von 31,3 Millionen Mark im Geschäftsjahr 1913/14 auf 79,7 Millionen Mark 1916/17, bei der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik von 5,5 auf 12,7 Millionen Mark, bei den Kölner Pulverfabriken von 4,3 auf 14,7 Millionen Mark, bei Rheinmetall von 1,4 auf 15,3 Millionen Mark. Die Realgewinne lagen sogar noch höher, da ein großer Teil des Profits in Rücklagen und im Aktienkapital versteckt worden war, ehe Zahlen publiziert wurden. 

Die Militärdiktatur, die im Zuge der Verhängung des Belagerungszustandes im August 1914 errichtet worden war, wurde perfektioniert. Ihre Organe gingen zunehmend brutaler gegen die Pazifisten und die linke Opposition in der Arbeiterbewegung vor – häufig mit Zustimmung der rechten Arbeiterführer. Flankiert wurde der Terror durch chauvinistische Propaganda und die Verbreitung der Ideologie von der angeblichen Vaterlandsverteidigung, vermengt mit einer angesichts der Kriegslage unverständlichen Siegesgewissheit. 

Ein weiterer wichtiger Programmpunkt Falkenhayns war die Neuaufstellung von Truppen. Durch die Gefechte bis zum Herbst 1914 hatte das Heer seinen Stamm an ausgebildeten Soldaten zu großen Teilen eingebüßt. Die Kampfstärke vieler Großverbände war auf 50 bis 60 Prozent gesunken. Im ursprünglichen Kriegsplan Moltkes war festgelegt worden, zur Erhöhung der Durchschlagskraft der Angriffsarmeen alle Reserven von Anfang an in der Front zu verwenden. Nach der Marne-Schlacht standen keine ausgebildeten Soldaten mehr zur Verfügung. Der Generalstab hatte alles auf eine Karte gesetzt, va banque gespielt. Probleme bei der Neuaufstellung bereiteten die hohen Verluste an Unterführern und Frontoffizieren. Für die neuen Armeekorps standen weitgehend nur ältere Reserveoffiziere zur Verfügung, die keine Vorstellung von den Anforderungen des modernen Krieges hatten. Die frisch zusammengestellten  

Einheiten mussten nach nur kurzer Ausbildung an die Front und erlitten wegen des geringeren Kampfwerts unverhältnismäßig hohe Verluste. 

Staatsmonopolistischer Kapitalismus 

Die schnelle Umgestaltung der Ökonomie des Landes in eine leistungsfähige Kriegswirtschaft galt inzwischen auch den Generälen als kriegsentscheidender Faktor. Nur durch Verzahnung von Wirtschaft und Militärwesen konnten die kriegerischen Operationen ökonomisch sichergestellt werden. Grundproblem waren die deutschen Einfuhren. Über 40 Prozent des Imports, bestehend hauptsächlich aus Rohstoffen, wurden bis zum August 1914 über See – dem Zugriffsbereich der überlegenen britischen Flotte – abgewickelt. Bei den rüstungsrelevanten Metallen Wolfram, Chrom, Nickel, Aluminium, Zinn und Mangan war Deutschland vollständig auf Importe angewiesen. Fast die gesamte chemische Industrie hing von eingeführtem Salpeter, Schwefel, Kautschuk und Rohöl ab. Und die Textilindustrie verarbeitete nahezu ausschließlich Rohbaumwolle. England hatte am 4. August 1914 erste Blockademaßnahmen gegen das Kaiserreich verhängt. Der deutsche Überseeimport wurde bald unterbunden. 

Entscheidend für das Umdenken der Militärs waren die Verbrauchszahlen aus den bisherigen Schlachten. Falkenhayn schrieb, in diesen Kämpfen habe sich erstmals »das Gespenst des Munitionsmangels« gezeigt, das Problem habe sich in den Herbstkämpfen im Artois und in Flandern zu einer veritablen Krise ausgeweitet. Der Munitionsmangel war Folge der verfehlten Vorkriegsplanung. Diese ging von den Erfahrungen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und von einem kurzen Waffengang aus. Sie berücksichtigte nicht, dass Deutschland nur über geringe Vorkommen an rüstungssensiblen Rohstoffen verfügte. Der Kriegsminister konstatierte, schon nach kurzer Zeit habe der Munitionsverbrauch »die Friedensannahme um das Mehrfache« überstiegen. 

Die Behebung der Krise verlangte vor allem eine Lösung der Rohstoffprobleme. So bildete Salpeter die Grundlage aller modernen Pulver und Sprengstoffe, der hauptsächlich aus Chile bezogen worden war. Schon wenige Tage nach Kriegsbeginn fielen diese Lieferungen aus. Auf Empfehlung des Chemikers Fritz Haber, der als wissenschaftlicher Berater im Kriegsministerium tätig und gleichzeitig vertraglich mit der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) verbunden war, wurden mit Reichsmitteln in Oppau und Leuna neue Werke aus dem Boden gestampft, in denen die BASF auf der Grundlage eines von Haber entwickelten Verfahrens synthetischen Salpeter produzierte. 

Zur Lösung der Rohstofffragen wurde auf Empfehlung und nach den Vorstellungen des mächtigen Industrie- und Bankmagnaten Walther Rathenau im Kriegsministerium die Kriegsrohstoffabteilung (KRA) mit dem Status einer obersten Reichsbehörde eingerichtet. Falkenhayn ernannte den Monopolisten zum Leiter dieser Schlüsselabteilung, in der noch weitere Wirtschaftsvertreter tätig waren. Die KRA beschlagnahmte alle Rohstoffe im eigenen Land, in den von ihm besetzten Gebieten und im verbündeten Österreich-Ungarn. In einem Flugblatt wird eine Anordnung der KRA zitiert: »Einrichtungsgegenstände aus Aluminium, Kupfer, Messing, Nickel, Zinn sind enteignet. Liefert sie ab!« 

Nach den Weisungen der mächtigen Rathenau-Behörde, die an die 2.500 Mitarbeiter hatte, bildeten Industrielle und Bankiers für jeden Stoff privatkapitalistische Kriegsgesellschaften, die mit staatlichen Vollmachten versehen waren. Diese teilten die beschlagnahmten Materialien unter sich auf. Ein riesiger militärisch-industrieller Komplex war entstanden, in dem die Macht der Banken, der Großindustrie und des Staates verschmolzen. Die Organe des staatsmonopolistischen Apparates beeinflussten das wirtschaftliche und soziale Leben und gewährleisteten den Konzernen riesige Gewinne. Vor allem sicherten sie die Fortsetzung des imperialistischen Krieges. Der Hamburger Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Eduard Heimann schrieb 1929, Rathenau habe mit der KRA den neuen Krieg nach der Marne-Schlacht überhaupt »erst möglich gemacht«. Falkenhayn urteilte, Rathenaus »Regelung der Rohstofffrage« hätte für den Krieg »eine ausschlaggebende Bedeutung gewonnen«. Dabei sei es vorrangig um »die dringende Ergänzung und Vermehrung der Munition für die Artillerie« gegangen. Die Oberste Heeresleitung (OHL) plante darüber hinaus die Entwicklung weittragender Geschütze mit schneller Schussfolge sowie die Massenproduktion neuer Minenwerfer und Maschinengewehre. 

Mit dem Hochrüstungsprogramm und der Aufstellung neuer Armeekorps hoffte Falkenhayn, die Strategie der neuen OHL, die eigentlich die alte war, umsetzen zu können. Der Minister schrieb, dass er »an der dem ursprünglichen Kriegsplan zugrunde gelegten Absicht« festhalte, »die Entscheidung im Westen zu suchen« und sich vorläufig »bei dem Kräfteeinsatz im Osten auf das Mindestmaß (…) zu beschränken«. Die OHL glaubte, die offensichtliche materielle und personelle Unterlegenheit im Osten wie an der Westfront durch die moralische – 20 Jahre später sagte man »rassische« – Überlegenheit des deutschen Soldaten ausgleichen zu können. Bei Falkenhayn heißt es, die »wundervollen kriegerischen Eigenschaften des deutschen Mannes« sollten den Ausschlag geben. 

Auch der Kanzler und andere führende Kräfte der herrschenden Klassen in Deutschland teilten zu dieser Zeit den irrationalen Optimismus des Generalstabschefs. Selbst in der Zeitprojektion wich Falkenhayn nicht vom alten Kriegsplan ab. Er schrieb zwar nach seiner Berufung zum Chef des Generalstabs, dass »im Augenblick nicht vorauszusehen« sei, »wann man zu neuem Schlage im Westen ausholen« könne. Trotzdem wurde von der OHL noch im September »der Übergang (von den Rückzugskämpfen bis zur Aisne; M. S.) zu Gegenangriffen auf der ganzen Front (…) angeordnet«. Sie waren, wie die OHL einschätzte, ohne Erfolg. Trotzdem blieben die deutschen Militärs bei der Auffassung, Franzosen und Briten in offener Feldschlacht besiegen zu können. 

Schlachten in Flandern 

Nach dem Rückzug von der Marne an die Aisne war die Front nach Süden ziemlich verfestigt. Der deutsche Generalstab sah nur in Richtung Westen operative Möglichkeiten, um die Initiative wieder zu erlangen. Falkenhayn griff dazu auf die soeben gescheiterte offensive Umfassungsdoktrin Moltkes zurück. Mit Vorstößen in Richtung Westen sollten Franzosen und Briten nördlich umfasst werden, um in deren Rücken zu gelangen. Zur Abwehr der deutschen Angriffe gingen die Ententetruppen ihrerseits dazu über, die Deutschen zu umfassen. Dadurch verschob sich die Front schnell bis an die Nordseeküste. Zwischen Mitte September und Anfang Oktober ergab sich eine verwirrende Vielzahl von teils schweren Gefechten, die den Eindruck eines »Wettlaufs zum Meer« vermittelten. Bei dieser Nordverschiebung der Front gelang den Deutschen zwar nicht die geplante Umfassung der anglo-französischen Truppen. Sie brachten aber wichtige Gebiete und Städte in Nordfrankreich und Nordwestbelgien unter ihre Kontrolle, darunter die bedeutende französische Industriestadt Lille sowie Gent, Ostende, Seebrugge und Brügge. Ostende und Seebrugge wurden wichtige deutsche Stützpunkte im U-Boot-Krieg. Am 9. Oktober zwangen die Deutschen die belagerte Festung Antwerpen, die bis dahin starke Kräfte gebunden hatte, zur Kapitulation. Allerdings gelang der belgischen Armee mit fast 90.000 Soldaten noch rechtzeitig die Flucht aus der eingeschlossenen Stadt. Sie konnte sich mit britisch-französischer Unterstützung hinter der Yser westlich des am 15. Oktober von den Deutschen eroberten Nieuwpoort an der Küste festsetzen. Um die nach Norden verlängerte Front zu verstärken und an diesem Abschnitt neue Offensiven vorzubereiten, wurde die 6. Deutsche Armee mit starken Kavallerieverbänden in weitem Bogen von Lothringen in Eilmärschen in die Gegend von Lille verlegt. Nördlich davon bis zur Küste entstand eine neue 4. Armee. Sie setzte sich aus den Belagerungstruppen von Antwerpen und vier Armeekorps aus der Reserve der OHL zusammen. Da auch die Entente immer mehr Truppen nach Norden schickte, um eine Umfassung durch die Deutschen zu verhindern, standen sich in Flandern zwei gewaltige Heeresgruppierungen gegenüber. 

Die OHL plante, mit mehreren Stoßkeilen die noch ungefestigten Stellungen der Entente zwischen der Nordseeküste und der nordfranzösischen Stadt Lille zu durchbrechen, die Umfassung der gegnerischen Armeen doch noch zu erreichen. Bei den Herrschenden in Deutschland machte sich, gestärkt durch die Propaganda der OHL, unglaubliche Siegeszuversicht breit. Noch vor Einbruch des Winters könne die Entscheidungsschlacht des Krieges geschlagen, laut Falkenhayn »eine günstige Wendung der ganzen Lage an der Westfront erzwungen werden«. Der Kaiser zog mit seinem Hofstaat näher an die Front, um den Einmarsch der Deutschen in die belgische Stadt Ypern, die zum Drehpunkt der kommenden Schlacht wurde, mitzuerleben. Nach ergebnislosen Gefechten südlich von Lille gingen die deutsche 6. und 4. Armee ab 16. Oktober zum Angriff über. Allgemeines Ziel war der taktische Durchbruch durch die Ententestellungen und dessen operative Erweiterung in Richtung Westen. An einem etwa 70 Kilometer langen Abschnitt tobten bis Ende November Kämpfe, die für beide Seiten zu den blutigsten im Ersten Weltkrieg gehörten. 

Die nördliche deutsche Stoßgruppe ging an der Küste zwischen Nieuwpoort und Ypern vor. Sie sollte die belgisch-britischen Stellungen an der Yser überwinden. Südlich davon traten zwei weitere Heeresgruppierungen in Richtung Nordwesten und Westen an. Vordringliches Angriffsziel war die Eroberung von Dunkerque, Calais und Boulogne-sur-Mer. Der Schiffsverkehr im Ärmelkanal und der Nachschub für die britischen Truppen in Frankreich sollte unterbunden werden. Von dort wollte man offensiv gegen England vorgehen, »die Insel selbst wirksam an(zu)fassen«, wie Falkenhayn schrieb. Am 29. Oktober öffneten belgische Truppen die Schleusen am Yserkanal, setzten die Niederung bis weit nach Süden unter Wasser und schufen so ein für die deutschen Truppen unüberwindliches Hindernis. Auch die südlich vorgehenden Verbände konnten nichts erreichen. 

Sinnloses Massensterben 

Die deutsche Offensive war gescheitert. Es wurden keine oder nur geringfügige Geländegewinne erzielt. Trotzdem trieb die OHL die Truppen zu weiteren Kämpfen an. Schwerpunkt des am 10. November begonnenen Vorstoßes war Ypern. Die letzten Reserven der 4. Armee, meist ungenügend ausgebildete junge Männer, taktisch naiv geführt von älteren Reserveoffizieren, warf man in die Schlacht. Falkenhayn befahl, »ohne irgendwelche Rücksichtnahme auf Verluste vorzugehen«. Die Soldaten stürmten gegen die britischen Stellungen. Da Artilleriemunition knapp war, konnten die gut ausgerüsteten Engländer nicht niedergehalten werden. Tausende junger Männer wurden u. a. bei dem Ort Langemarck regelrecht niedergemäht. 

In der Mitteilung der OHL vom 11. November heißt es: »Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ›Deutschland, Deutschland, über alles‹ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie.« Der verlogene Bericht sollte das sinnlose Massensterben als »Opfergang der kriegsfreiwilligen Jugend für das Vaterland« heroisieren und ein Durchhaltesignal an die Front und die Heimat senden. Dieser in Langemarck bewiesene Geist sei es, so die Frankfurter Zeitung vom nächsten Tag, »der unbesiegbar macht«. Nach dem Krieg wurde der Heeresbericht Grundlage für einen Heldenkult mit dem Ziel, systemstabilisierend zu wirken. Nach 1933 diente der Langemarck-Mythos der ideologischen Vorbereitung eines neuen Krieges. 

Die Offensive in Flandern wurde Ende November eingestellt. Die prekäre Lage der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen an der Ostfront verlangte die Verlegung starker Verbände vom Westen. 

In Flandern hatten die Deutschen eine Niederlage erlitten. Der Plan, eine schnelle Kriegsentscheidung zu erzwingen, war gescheitert. In den herrschenden Klassen brachen heftige Differenzen über den weiteren Kurs auf. Es ging um die Frage, ob es nicht besser wäre, die Stellung im Westen zu halten und eine Kriegsentscheidung im Osten zu suchen – gewissermaßen einen umgedrehten Schlieffenplan. Damit könne man Russland aus der Entente herausbrechen und dem Bündnis noch immer einen Siegfrieden diktieren. Außerdem gab es Zweifel an den militärischen Fähigkeiten Falkenhayns. Der Oberbefehlshaber der Ostarmeen, Paul von Hindenburg, sollte Falkenhayn ersetzen. Der greise Feldmarschall (vor allem sein »smarter« Stabschef Erich Ludendorff) schien den Mächtigen wegen seiner Anfangssiege gegen die russischen Truppen und des von der Propaganda für den »Sieger von Tannenberg« geschaffenen Mythos besser geeignet, die »Heimatfront« mit »harter Hand« zu stabilisieren und einen militärischen Erfolg gegen die Ententemächte zu erringen. 

Das sichtbarste Ergebnis der Flandernschlacht war der Übergang zum Stellungskrieg von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze. »Der Grabenkrieg mit all seinen Schrecken begann«, schrieb Falkenhayn rückblickend. 

Martin Seckendorf schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 29.9.2014 über die Verbrechen der Wehrmacht im italienischen Marzabotto im September 1944. 

 

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