Kalter Krieg in Klassenzimmern 

Geschichte: Der Beginn des Zweiten Weltkrieges in Schulgeschichtsbüchern der Bundesrepublik.  

Von Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 09.10.2014 

 

Wer sich hierzulande verlässlich informieren will, welche Geschichtsbilder den Herrschenden und Regierenden als ihren Zwecken dienlich erscheinen, kann das auf einfachem Wege tun. Er braucht nur in Bücher zu schauen, die von Staats wegen zum Gebrauch in öffentlichen Schulen zugelassen sind. Das geschieht im folgenden. Ausgewählt wurden acht Schulbücher, von fünf verschiedenen Verlagen herausgegeben. Sie sind für Heranwachsende im Alter von mindestens 14 oder 15 Lebensjahren bestimmt (siehe die bibliographischen Angaben am Ende dieses Artikels). Durchmustert werden Texte, die sich mit der Vorgeschichte und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges befassen, der eben ein dreiviertel Jahrhundert zurückliegt. 

Ursachensuche 

Zwei Publikationen vermerken ausdrücklich, dass es über die Entstehung und Verursachung des Zweiten Weltkrieges und die Kriegsschuld keinen Streit gebe. Die Autoren nennen den Krieg, der am 1. September 1939 begann, sämtlich Hitlers KriegEr habe ihn gewollt, geplant, auf ihn hinarbeiten und ihn schließlich per Befehl eröffnen lassen. Und dieser Krieg sei eine Erscheinung sui generis, er besitze Singularität, die ihm durch seinen »rassenpolitischen Charakter verliehen« worden sei (Cornelsen, S. 95). Zur Bekräftigung dieser Sicht wird die eines Vorurteils und einer Parteinahme unverdächtige Neue Zürcher Zeitung vom 4. September 1939 mit dem Satz zitiert, dass »die Verantwortung für diese europäische Katastrophe auf einem Mann liegt, der ... mit Name und Vorname bezeichnet werden kann« (Buchner 2, S. 186). 

In Hitlers Außenpolitik seien zwei Phasen zu unterscheiden, die der Revisions- und die folgende der Expansionspolitik (Cornelsen, S. 200). Völlig allein und einsam habe der Diktator sich auf diesem Kurs jedoch nicht befunden. Die sogenannten Nahziele Hitlers seien auch die der konservativen deutschen Eliten und traditionellen Führungsschichten gewesen (Buchner 3, S. 11). Die aber hätten in der zweiten Phase nicht mehr mitgemacht. Beweisen würden dies die Biographien Hjalmar Schachts, der seinen Platz als Reichswirtschaftsminister 1937 und als Reichsbankpräsident 1939 räumte, und des Generals Ludwig Beck, der als Chef des Heeresgeneralstabes 1938 abtrat (Cornelsen, S. 201). In einem Band wird darauf verwiesen, dass Rüstungskapitalisten an den Profiten interessiert gewesen wären, die ihnen aus den Staatsaufträgen zuwuchsen, und Generale am Ruhm, der auf den Kriegspfad lockte. Doch reiht sie diese Erwähnung eher in eine besondere Kategorie von Mittätern oder Mitläufern ein, und nicht in eine Gruppe, die für den Weg in den Krieg besondere Verantwortung auf sich geladen hat. 

Eine darüber hinausgehende Einordnung der deutschen Außenpolitik in die voraufgegangene Geschichte erfolgt nicht. Mit einer Ausnahme: Deren Text ist aus Joachim C. Fests Hitler-Biographie entliehen. Zitiert werden Passagen, die von der »Kontinuität des deutschen Weltmachtstrebens« vom Kaiser- ins Hitlerreich handeln, die sich auch anhand der Rolle »gesellschaftlicher Gruppen« verfolgen lasse (Buchner 3, S. 28–29). 

In den Bänden nimmt bei aller Abstufung pädagogischer Ansprüche und verfügbaren Platzes die Vorgeschichte des Krieges einen herausragenden Platz ein. Ohne dass Fragen zum Thema zugespitzt würden, wie dieser Krieg sich womöglich hätte verhindern lassen, steht dabei jedoch im Zentrum die Appeasement-Politik, die Großbritannien mit dem Flottenvertrag 1935 einleitete. Unter den Motiven, die London dabei antrieben, wird in einer Publikation nahezu nebenher und mit nebelhafter Wortwahl erwähnt: »Der offen zur Schau gestellte Antibolschewismus Hitlers kam den bürgerlichen Politikern Westeuropas gar nicht einmal ungelegen«. 

Selbstredend bestreitet niemand, dass die Politik der Beschwichtigung durch Zugeständnisse eine verfehlte Antwort auf den deutschen Kurs darstellte. Doch werden dem erklärende und gleichsam entschuldigende Gründe hinzugefügt. Die einzige scharf kritische Stimme unter zwölf in einem Buch zitierten ist die Winston Churchills. Das Vorgehen der britischen Regierung wird als »Politik des Ausgleichs gegenüber Diktatoren« bezeichnet, zudem seien die Beteiligten einem Irrtum verfallen, in ihrem Tun und Lassen hätte sich »geistige Trägheit« ausgedrückt (Cornelsen, S. 219–222). So informiert sollen Schüler dann folgende Aufgabe angehen: »Schreiben Sie einen Leitartikel zum ›Münchener Abkommen‹ aus der Sicht eines Befürworters und einen aus der eines Gegners der Appeasement-Politik« (ebenda, S. 222). 

Zur letztlich verhängnisvollen Strategie der Westmächte sei es gekommen, weil diese auf eine Konfrontation mit dem hochrüstenden Deutschland militärisch nicht vorbereitet gewesen seien, sich innenpolitisch noch immer mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise auseinandersetzen mussten und namentlich England Probleme in seinen Kolonien zu bewältigen gehabt hätte, so dass man sich insgesamt Ruhe und Frieden in Europa gewünscht habe. Daher sei es zur Reise des britischen Regierungschefs Neville Chamberlain und und seines französischen Amtskollegen Edouard Daladier nach München und dem nach der Stadt benannten Vertrag gekommen. Der Leser erfährt, dass dort ohne die Tschechoslowakei über deren Kopf hinweg verhandelt und das Abkommen geschlossen wurde. Er erfährt aber nicht, dass Frankreich mit der Tschechoslowakei so verfuhr, obwohl beide Staaten seit 1935 durch einen Beistandsvertrag verbündet waren. Und auch nicht, dass das Verfahren von München der Sowjetunion den Stuhl vor die Tür Europas setzte und sie erneut in eben jene Lage brachte, aus der herauszukommen sie sich seit 1933 verstärkt bemühte. Davon gibt es eine Ausnahme: »Bewusst hatten sie (die Westmächte, K.P.) die UdSSR noch von der Münchener Konferenz ausgeschlossen« (Cornelsen, S. 202). 

Kein Sicherheitssystem 

Im Buchner Verlag werden die Anstrengungen des Kremls erwähnt, angesichts der sich abzeichnenden Bedrohung Verbündete zu finden und sich deshalb dem Westen anzunähern (Buchner 3, S. 12). Sie habe »den Schulterschluss mit den ehemaligen Alliierten (gemeint sind offenbar die Verbündeten des einstigen Zarenreichs, K.P.)« gesucht (Buchner 2, S. 182). Auf diesem Kurs, das erwähnen mehrere Autoren, wurde die UdSSR 1934 Mitglied des Völkerbundes. Aber dass sie damit Anschluss an ein System der kollektiven Sicherheit erstrebt habe (Buchner 3, S. 12), ist ein Phantasieprodukt. Es waren vielmehr zuerst der französische Außenminister Louis Barthou, der 1934 bei einem Attentat tödlich verletzt wurde, und dann Maxim Litwinow, sein sowjetischer Amtskollege, die ein derartiges System als erste anstrebten. Dessen Kristallisationskern hätte jener mit den Maiverträgen 1935 zwischen Moskau, Prag und Paris geschaffene Verbund werden können (Die Verträge werden immerhin in einem Buch so erwähnt: »Die UdSSR schloss mit Frankreich und der Tschechoslowakei Beistandspakte für den Fall eines bewaffneten Angriffs von außen« (Buchner 3, S. 13). Doch London torpedierte das Projekt, und weder die Regierung in Warschau noch die in Bukarest ergriff die Chance, hier eine Front schaffen zu helfen, die den Aggressor hätte abgeschrecken können. 

Keine für die Schülerhand bestimmte Darstellung arbeitet die einzige in der Mitte der dreißiger Jahre noch existierende Alternative europäischer Politik heraus und die hieß kollektive Sicherheit oder Appeasement-Politik. Als letztere mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 einen Bankrott erlitt, versuchte Litwinow sofort, diese kollektiven Sicherheitsbestrebungen zu reanimieren. Vergeblich. Davon ist in keinem Buch die Rede. 

Aus dieser diplomatischen Initiative Moskaus gingen einzig jene dreiseitigen Verhandlungen hervor, zu denen sich Militärs der französischen und der britischen Streitkräfte in der Stadt an der Moskwa einfanden. Von diesen und den Hemmnissen, die sie scheitern ließen, ist, wo sie erwähnt werden, nur nebenher die Rede. Niemand benennt die unüberwindbaren Meinungsverschiedenheiten über Charakter und Ausmaß der gegenseitigen Verpflichtungen. Ohne Beleg für die Verursachung wird in einem Band geschrieben, die Verhandlungen hätten sich, »von Stalin durchaus nicht ungewollt« hingezogen (Cornelsen, S. 202). Behauptet wird die Unaufrichtigkeit des Kremls, der Parallelgespräche mit Deutschland führte, die auch als »raffiniertes Doppelspiel« (Buchner 3, S. 19) bezeichnet werden. 

Der Nichtangriffspakt 

Kein einzelnes Thema aus der Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges nimmt in den Schulgeschichtsbüchern in Wort und Bild so viel Platz ein wie der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939, der meist als Hitler-Stalin-Pakt bezeichnet wird. Es gibt in den untersuchten Bänden in einem ein Foto, das Hitler am Tisch mit Chamberlain und Daladier abbildet, aber keine Karikatur des einen oder anderen. Hingegen findet sich in jedem entweder ein Foto vom Vertragsabschluss im Kreml, darauf Stalin der deutschen Delegation zuprostend, oder eine Karikatur (V u. W, S. 137), die ihn und Hitler als Komplizen und fröhliches Gaunerduo darstellen (Buchner 3, S. 9). Manche Autoren liefern beides. Und die des in Mecklenburg-Vorpommern eingeführten Lehrbuches erteilen Schülern den »Arbeitsauftrag«: »Erläutere die Sicht auf den Hitler-Stalin-Pakt, die in der Karikatur zum Ausdruck kommt« (V u. W, S. 138). 

In den Texten wird der Vertragsabschluss zunächst als »Sensation«, »Überraschungscoup« und »spektakulärer Erfolg der deutschen Diplomatie« bezeichnet. Niemand stellt die naheliegende Frage, wer die Sowjetunion in jene Lage manövriert hatte, in der die Idee einer kollektiven Wappnung gegen den deutschen Aggressor nicht mehr war als ein schöner Traum. So standen die Politiker in Moskau vor der Entscheidung, den Dingen ihren Lauf zu lassen oder die Chance zu ergreifen, die ihnen die deutsche Offerte eines Nichtangriffsvertrages bot, die freilich ein Konkurrenzangebot wider das in Berlin gefürchtete Dreierbündnis darstellte. In diesem Moment erst vollzogen die Vertreter der UdSSR jene abrupte Wendung, die ihnen die Aussicht verschaffte, ihren Staat aus dem nahen Krieg auf unbestimmte Zeit herauszuhalten. Aus einem Krieg, dessen vorhersehbares baldiges Ergebnis sein würde, dass die Sowjetunion mit dem faschistischen Reich eine mehrere hundert Kilometer lange Landgrenze erhielt. 

Nur war es dahin nicht in einem »Doppelspiel« gekommen. Die Verhandlungen, die mit Deutschland geführt wurden, betrafen die längste Zeit allein die Zukunft der erstarrten wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder und kamen im August zum Abschluss. In den Sitzungen mit den nicht mit verbindlichen Vollmachten ausgestatteten Offizieren der Westmächte hingegen wurde die Möglichkeit erörtert, zu einem militärischen Dreibund zu gelangen, der ohne die Genehmigungen Polens und Rumäniens für Durchmarschrechte sowjetischer Truppen nicht funktionstüchtig werden konnte. Wo letzteres erwähnt wird, muss angemerkt werden, dass sich Polen dagegen sperrte. Es habe sich davor »nicht weniger als vor einer deutschen Aggression« gefürchtet (Cornelsen, S. 202). Dass die Verhandlungen unter einem sich verschärfenden Zeitdruck stattfanden, schien in den Hauptstädten an der Themse und der Seine keine ihr Verhalten beschleunigenden Impulse auszulösen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass London und Paris doch nach ihrer Münchener Politik an der Reihe waren, vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen. Statt dessen nährten sie mit ihrer Art, die Beratungen zu verschleppen, das auf beiden Seiten ohnehin vorhandene Misstrauen. 

An diesen Tatsachen vorbei wird in einem Schulbuch behauptet, dass Großbritannien und Frankreich »trotz intensiver Bemühungen« ein Bündnis mit der UdSSR nicht erreicht hätten (Buchner 1, S. 99). Auch in einem anderen Band, in dem die Verhandlungen »über ein Bündnis unter möglicher polnischer Beteiligung« erwähnt werden, wird über ihren Verlauf und die Ursachen ihres Scheiterns geschwiegen (Buchner 2, S. 184). In die Rolle von Buridans Esel, der sich zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen nicht entscheiden kann und deswegen verhungert, wollte sich die Sowjetunion nicht begeben. Ihre Führung entschied unter dem Drängen der deutschen Regierung und auch dem von Hitler persönlich, das keinen Zweifel am Ernst des Angebots ließ, auf den deutschen Vorschlag einzugehen, der zudem die Möglichkeit bot, dafür einen Preis auszuhandeln. 

Wessen Verantwortung?  

Erörtert wird das den Übereinkünften zugrunde liegende Generalinteresse der Vertragspartner. Dasjenige Hitlers bestand darin, einen Zweifrontenkrieg abzuwenden und erst allein Polen und danach die Westmächte anzugreifen. Gleichzeitig erhielten die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschem Reich und UdSSR damit einen politischen Rahmen. Über Stalins Motive wird geschrieben: Er »wollte in jedem Falle seine Einflusssphäre in Osteuropa auch im Kriegsfalle gesichert wissen. So konnte er sich bei dem zu erwartenden Angriff Deutschlands aus allen Kampfhandlungen heraushalten« (Buchner 2, S. 184). 

Nur in einem Band lässt sich eine relativ sachliche Darstellung der sowjetischen Antriebe lesen: »Stalin bekam eine Atempause für die innere Festigung seines Staates. Auch schien die Gefahr eines großen Bündnisses aller Gegner der Sowjetunion, wie in den Jahren 1919/1920, vorerst gebannt« (Diesterweg, S. 153). Das hinderte die Autoren indessen nicht, die Schüler danach mit Darstellungen von Historikern bekanntzumachen, die Stalin zum Mitschuldigen am Zweiten Weltkrieg erklären. Zitiert wird der Stalin- und Trotzki-Biograph Isaac Deutscher: »Stalin konnte nicht darüber im Zweifel sein, dass er (...) damit (mit dem Vertragsabschluss – K.P.) den zweiten Weltkrieg entfesselte«. Worauf der (west)deutsche Historiker Karl Dietrich Erdmann mit der These folgt: »Stalin hätte es in der Hand gehabt, den Krieg zu verhindern«. Er hätte sich dazu nur mit den Westmächten verbünden müssen. Zwischen Deutscher und Erdmann kommen zwei DDR-Historiker, das ist ein Unikat, mit dem Verweis zu Wort, Hitler hatte sich auf den Kriegsbeginn gegenüber den Generalen bereits im Frühjahr 1939 festgelegt und erklärt, eine spätere Offensive werde nur die eigenen Siegesaussichten verschlechtern. Am Ende sollen die Schüler die konträren Standpunkte »abwägen« und sich »eine Meinung bilden«. Die Buchautoren haben keine oder lassen sie jedenfalls nicht erkennen. 

Anders jene eines weiteren Lehrbuches, die Schülern die Beantwortung folgender Frage zur Aufgabe machen: »Welchen Sinn hatten die Vereinbarungen für beide Staaten?« (Buchner 3, S. 27) Ihre Vorgabe lautet, sofern es die UdSSR betrifft: »Stalin konnte sich aus einem europäischen Kriege einstweilen heraushalten«. Darüber hinaus wird postuliert, er habe mit dem Vertrag weltrevolutionäre Ziele fördern wollen: »Der Konflikt der hochindustrialisierten kapitalistischen Mächte Europas untereinander schien ihm hingegen nützlich für die Verbreitung der Revolution des Proletariats.« Zu seinem Kalkül hätte auch gehört, »zu einem günstigen Zeitpunkt entscheidend ins Geschehen einzugreifen.« Das angebotene Fazit lautet: »Seine Rechnung ist ... insgesamt aufgegangen« (Buchner 3, S. 22). 

Mehrere Darstellungen zeichnen Stalin als den europäischen Politiker, in dessen Hand die Entscheidung über Krieg und Frieden lag, und der, da sie zugunsten des Krieges fiel, auch der letztlich für ihn verantwortliche ist. Für 1939 wird festgestellt: »Die Schlüsselrolle in Europa gegen Hitler fiel Stalin zu« (Diesterweg 1, S. 386). Auch Schüler in Mecklenburg lesen: Mit dem Abschluss des Nichtangriffsvertrages »war der Weg frei für Hitler. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg« (V u. W, S. 137). In einem Band lautet der abschließende Satz zur Vorgeschichte des Krieges: »Stalin hoffte ihn (Hitler, K. P.) in einen vernichtenden Krieg mit den Westmächten zu treiben« (Westermann, S. 94). Und dass ihm dies gelungen sei, geht aus einem anderen Text hervor: »Noch am selben Tag der Vertragsunterzeichnung legte Hitler den 26. August als Termin für den Angriff auf Polen fest«. Mit diesem Wissen sollen Schüler die Frage beantworten: »Lässt sich aus dem ›Hitler-Stalin-Pakt‹ eine Mitverantwortung der Sowjetunion an dem Ausbruch des Krieges ableiten?« (Buchner 1, S. 99 u. 101) Eine verwandte, milder formulierte Beschreibung der Wirkung des Vertrages besagt, dass Hitler nun »die Bedingungen für einen militärischen Angriff gegen Polen als gegeben« ansah (Cornelsen, S. 202). 

In Wahrheit hatte Hitler, so in einer weiteren Ansprache vor Generalen, die Eröffnung des Angriffs nicht an die Vermeidung eines Zweifrontenkrieges, nicht an das Stillhalten der Westmächte gebunden: »Auch wenn im Westen Krieg ausbricht, bleibt Vernichtung Polens im Vordergrund« (Eine längere Passage aus der Mitschrift von Hitlers Rede mit diesem Satz zitiert Buchner 1, S. 100). Das hieß, er schloss ein Eingreifen der Westmächte nicht aus und bestimmte, auch in diesem Falle werde der Schwerpunkt der Kriegshandlungen zunächst im Osten liegen. Mit dem in Moskau geschlossenen Vertrag wuchs freilich seine Hoffnung auf einen Separatkrieg im Osten. Doch zu keinem Zeitpunkt war der eine Bedingung für seinen Angriffsbefehl. 

In einem Geschichtsbuch wird eine Sicht geboten, die Stalin nicht zum Kriegsmitschuldigen Hitlers macht. Nach der Feststellung, dass Hitler den Krieg »entfesselte«, wird geschrieben, dass Stalins Paktschluss (der an erster Stelle, K. P.), Chamberlains »Appeasement« und die französische Defensivpolitik das deutsche Vorgehen im Vorfeld erleichterten« (Diesterweg 1, S. 397). Das bewirkten die hier aufgezählten Tatsachen jedoch in sehr unterschiedlichem Grad. 

Bei allen Unterschieden im einzelnen verbindet die durchmusterten Schulgeschichtsbücher eine im wesentlichen einheitliche Darstellung der geschilderten Zeitspanne. Unterschiede existieren in Schärfe oder Milde der Wortwahl bei der Charakterisierung von Ereignissen, Entscheidungen oder Personen, sind also gleichsam von quantitativer Natur. Und es gibt sie auch in der Deutlichkeit, mit der die Verfasser eigene Standpunkte ausdrücken. Insgesamt entsprechen die Lehrbuchtexte den in der Fachwissenschaft vorherrschenden Darstellungen. 

   

Ausgewählte Schulbücher für den Geschichtsunterricht 

– (Buchner 1): Das waren Zeiten. Das 20. Jahrhundert, C. C. Buchner Verlag, Bamberg 2002 

– (Buchner 2): Weimarer Republik und NS-Staat, C. C. Buchner Verlag, Bamberg 2000 

– (Buchner 3): Vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Ausgabe B, C. C. Buchner Verlag, Bamberg 1995 

– (Cornelsen): Geschichtsbuch Oberstufe, Bd. 2: Das 20. Jahrhundert, Cornelsen Verlag, Berlin 1996 

– (Diesterweg): Epochen und Strukturen. Grundzüge einer Universalgeschichte für die Oberstufe, B. II: Vom Absolutismus bis zur Gegenwart, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt a. M. 1996 

– (Diesterweg 2): Expedition Geschichte 4. Mittelschulen Sachsen Klasse 4, Diesterweg u. a. 2006 

– (V u. W): Geschichte plus. Klasse 9. Mecklenburg-Vorpommern, Volk und Wissen Verlag, Berlin 2003 

– (Westermann): Anno 4, Bd. IV: Das 20. Jahrhundert, Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig 1997 

Von Kurt Pätzold erschien zuletzt am 16.9. auf diesen Seiten ein Beitrag über den Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen vor 75 Jahren.  

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