Tod am Monte Sole  

Geschichte. Vor 70 Jahren verwüsteten deutsche Besatzer die Weiler der italienischen Großgemeinde Marzabotto und töteten mehr als 800 Zivilisten  

Martin Seckendorf  

In: junge Welt online vom 29.09.2014 

 

Am 4. Juni 1944 marschierten amerikanische Truppen in das seit September 1943 von der Wehrmacht besetzte Rom ein. »Die ewige Stadt« war damit die erste vom Faschismus befreite europäische Kapitale. Mit dem »Fall von Rom« entstand auf dem italienischen Kriegsschauplatz eine neue Lage. Der monatelange starre Großkampf an der von der Wehrmacht befestigten »Gustavlinie« nördlich von Neapel (siehe jW-Thema vom 23.3.2014) war in den Bewegungskrieg übergegangen. Die Deutschen zogen sich auf den Apennin zurück. Dort hatten sie unter Nutzung der für eine Defensivstrategie günstigen Topographie die »Gotenlinie«, ab Juni 1944 »Grüne Linie«, aufgebaut. Quer über die Halbinsel von Viareggio nördlich von Pisa bis südlich von Rimini zog sich ein etwa 300 Kilometer langes, bis zu 30 Kilometer tief gestaffeltes Stellungssystem. Zum Bau der Anlagen waren auch Zehntausende italienische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt worden. 

Mit der »Gotenlinie« im Rücken hofften die Deutschen, die für Italien vorgesehene Defensivstrategie umsetzen zu können. An den Befestigungsanlagen sollten für lange Zeit starke alliierte Truppen gebunden werden, auch, um sie von anderen Fronten, z.B. in Frankreich fernzuhalten. 

Außerdem ging es den Deutschen um die rigorose ökonomische Ausbeutung des Landes und seiner Bewohner. Die Ausplünderungsabsichten wiesen in zwei Richtungen: Die Gebiete südlich der »Gotenlinie« sollten militärisch hinhaltend verteidigt und restlos ausgeräumt werden. Alles Brauchbare war der Truppenversorgung zuzuführen oder nach Deutschland zu schaffen. Nicht transportfähige Güter und die zivile Infrastruktur waren ohne Rücksicht auf die Lebensgrundlagen der Bevölkerung, so die Befehle, zu zerstören. Die Alliierten sollten eine Wüste vorfinden. Am 9. Juni 1944 befahl der für das besetzte Italien zuständige Oberbefehlshaber, Albert Kesselring: »Das Vorgehen des Feindes (muß) durch Zerstörung aller für ihn wichtigen Objekte aufgehalten werden. Keine Brücke, kein Tunnel, kein E-Werk oder ähnlich wertvolle Objekte dürfen dem Feind unzerstört in die Hände fallen.« - Die wirtschaftlich wichtigen Gebiete Oberitaliens, die man länger zu beherrschen glaubte, waren planvoller auszunutzen. 

In beiden Bereichen ging es den Deutschen um eine besonders knappe wehrwirtschaftliche Ressource: 1,5 Millionen Menschen wollte man als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportieren. Äußerst brutale »Durchkämmungsaktionen« in den Dörfern und ständige Razzien in den Städten sollten die geforderte Anzahl von Sklavenarbeitern sichern. Viele Italiener flohen vor den Häschern in die Berge und verstärkten die Partisanenverbände. 

Aufschwung des Widerstands Neben der drückenden Besatzungspolitik bewirkten die militärischen Erfolge der Antihitlerkoalition an den Hauptfronten des Krieges ein Anwachsen des Widerstandes. Am 6. Juni, zwei Tage nach der Befreiung Roms, gelang den Alliierten die Landung in der Normandie. Schon nach wenigen Tagen war zur Gewißheit geworden, daß die Wehrmacht die anglo-amerikanischen Truppen nicht mehr ins Meer zurückwerfen konnte. 

Schließlich begann am 22. Juni 1944 im Gebiet Witebsk-Minsk eine der gewaltigsten Offensiven der Roten Armee. Alles, was die Wehrmacht an personellen und materiellen Verlusten in diesem Krieg bis dahin hinnehmen mußte, verblaßte gegenüber den Auswirkungen dieses gewaltigen Sturms mit der Deckbezeichnung »Bagration« (siehe jW-Thema vom 25.6.2009). Die Verluste der Wehrmacht im Osten im Sommer 1944 bedeuteten die größte militärische Katastrophe der deutschen Geschichte. Sie waren schlimmer noch als die im »Schlachthaus« von Verdun im Ersten Weltkrieg und gravierender als die von Stalingrad und Kursk (siehe jW-Geschichte vom 28.6.2008). 

Die schweren Schläge beflügelten auch in Italien die Hoffnung auf einen baldigen Sieg über den Faschismus. Es bildeten sich große Partisaneneinheiten, die ganze Gebiete kontrollierten. Der Befehlshaber der Militärkommandantur Genua, Franz Seuffert, berichtete, die Partisanenbewegung habe sich »in einem Maße verstärkt«, daß diese »mit Ausnahme der Provinzhauptstädte (...) das gesamte Hinterland beherrscht«. 

Dort befänden sich »nach zuverlässigen Meldungen 12000 Banditen (...), die ständig Zuzug erhalten.« Am 8. August schrieb der für die wirtschaftliche Ausplünderung Italiens maßgebliche Hermann-Carl Vering, »die Lage« habe sich wegen der Erfolge der Alliierten deutlich verschlechtert. Die Partisanentätigkeit nehme »weiter zu« und verhindere die Ausbeutung des Landes. Bereits am 17. Juni hatte Generalfeldmarschall Albert Kesselring festgestellt: »Die Bandenlage im ital. Raum (...) hat sich in kurzer Zeit derart verschärft, daß sie eine ernste Gefahr für die kämpfende Truppe und ihre Versorgung sowie die Rüstungswirtschaft bildet.« Auf den Widerstandskampf in Italien reagierten die Deutschen zwar von den ersten Tagen der Besetzung an mit äußerst brutalem Terror. Doch seit der Befreiung Roms ging dieser Terror in einen Krieg gegen die italienische Bevölkerung über. In den von den Deutschen noch kontrollierten Territorien sollte diese mit hemmungsloser Gewalt zur Duldung der Okkupation und zur Arbeit für die Nazis gezwungen werden. Der Massenterror hatte vor allem eine präventive Funktion. Man wollte die Bewohner derart einschüchtern, daß sie die Partisanen nicht unterstützten und es nicht wagen würden, sich gegen die Wehrmacht zu erheben. Außerdem ging es den Deutschen darum, die »heimtückischen« Italiener für das als »Verrat« qualifizierte Ausscheiden des Landes aus dem Achsenbündnis am 8. September 1943 und ihre renitente Haltung gegenüber der deutschen Besatzung zu »bestrafen«. Der Krieg richtete sich explizit auch gegen Frauen und Kinder, da diese, so die Propaganda der Besatzer, die Partisanen unterstützen würden. Jedes Mittel war recht, wenn es der Abschreckung diente. 

Verbrecherische Befehle Grundlage des Waffengangs gegen die Bevölkerung bildete ein System von Befehlen, das sich an jenen verbrecherischen Weisungen orientierte, die zur Unterdrückung des Widerstandes in den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion und des Balkans erlassen worden waren. Entscheidend war Hitlers Befehl vom 16. Dezember 1942. Darin hieß es, der »Kampf gegen die Banden« müsse »mit den allerbrutalsten Mitteln« geführt werden. Es wurde angeordnet, »in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt«. Außerdem wurde den »Einsatzkräften« Straffreiheit versprochen. Diese Festlegung hatte neben der Benennung von »Frauen und Kindern« und der Einführung der Kategorie »Mitläufer« oder »Helfer« als zu tötende Personengruppen verheerende Wirkung. Die Unterführer und Soldaten erhielten eine Carte blanche zum Ausleben auch aller Perversitäten. Der Exzeß war »von oben« angeordnet und legitimiert. 

Um der Partisanenbewegung in Nordostitalien Herr zu werden, erließ General Ludwig Kübler am 24. Februar 1944 einen Grundsatzbefehl, der sich auch in der Gliederung eng an den Hitlers anlehnte. Kübler, nach 1945 Namenspatron bundesdeutscher Soldatenunterkünfte, befahl: »Im Kampf ist alles richtig und notwendig, was zum Erfolg führt.« Es folgte die Zusicherung der Straffreiheit. Außerdem verlangte er: Bei der Behandlung der Partisanen und ihrer »Helfer« sei »äußerste Härte geboten. (...) Wer die Banden durch Gewährung von Unterschlupf oder durch Verpflegung, durch Verheimlichung ihres Aufenthalts oder sonst durch irgendwelche Maßnahmen freiwillig unterstützt, ist todeswürdig und zu erledigen.« Am 17. Juni 1944 erließ Kesselring, dem neben der Wehrmacht auch alle SS- und Polizeikräfte sowie die bewaffneten Einheiten der Mussolinifaschisten unterstanden, einen Befehl, mit dem die Gefechte gegen die Partisanen verbindlich geregelt wurde. Es heißt dort: »Der Kampf gegen die Banden muß (...) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und mit größter Schärfe durchgeführt werden. Ich werde jeden Führer decken, der in der Wahl und Schärfe des Mittels bei der Bekämpfung der Banden über das bei uns übliche zurückhaltende Maß hinausgeht (...). Nur sofortiges schärfstes Eingreifen ist geeignet, als Straf- und Abschreckungsmaßnahme Ausschreitungen größeren Umfanges von Anfang an im Keime zu ersticken.« Außerdem wies er darauf hin, daß er »Unterlassung und Nachlässigkeit«, also ein nicht so brutales Vorgehens, nicht durchgehen lassen werde. 

Immer unverhohlener wurde auch der Mord an Frauen und Kindern befohlen. 

Eines der furchtbarsten Massaker geschah am 23. August 1944 in Padule di Fucècchio südlich von Montecatini. Die Deutschen vermuteten in Italiens größtem Sumpfgebiet einen Partisanenunterschlupf. Mit der Durchführung einer Aktion wurde die Panzeraufklärungsabteilung der 26. Panzerdivision beauftragt. Der Divisionskommandeur Eduard Crasemann befahl, alle im Sumpfgebiet angetroffenen Personen zu vernichten. »Auch Frauen und Kinder«, fügte er hinzu. Während des »Einsatzes« hatte die Abteilung zwar keine »Feindberührung«. Als die Soldaten aber nach sieben Stunden »die Aktion« beendeten, hatten sie 175 Italiener, darunter 27 Kinder und Kleinkinder sowie 63 Frauen, umgebracht. 

Die Befehle zu Massenmord auch an Frauen und Kinder sowie die zugesicherte Straffreiheit bildeten zusammen mit der nazifaschistischen Indoktrination der Soldaten gegen die »hinterhältigen verräterischen Italiener« und der Frustration der Okkupanten über die dramatisch verschlechterte Kriegslage eine für die Zivilbevölkerung verhängnisvolle Mischung. Ohne Rücksicht wollte man gegen das kommunistisch beeinflußte »Mordgesindel« und dessen Unterstützer vorgehen, sollten »ganze Dörfer ausgeräuchert« werden. 

Insgesamt wurden im Zuge des von Kesselring befohlenen Krieges gegen die Bevölkerung mehr als 12000 Zivilisten bei Massakern in Dörfern oder bei Geiselerschießungen getötet. Zu der Opferbilanz hinzuzurechnen sind 24000 Italiener, die in deutsche KZ verschleppt worden waren und dort zum größten Teil umkamen. 

Furor teutonicus In allen von Deutschen besetzten Gebieten Italiens wurden fortgesetzt Zivilisten jedes Alters und beiderlei Geschlechts getötet. In einigen Regionen aber wütete der Furor teutonicus besonders stark, waren die Zahl der Opfer und der Umfang der Zerstörungen extrem groß. Die Nazis hatten bestimmte Landstriche als frontnah ausgewiesen und versuchten dort mit großem Aufwand, die Widerstandsbewegung zu vernichten und die Bevölkerung durch Massenterror einzuschüchtern oder gar zu vertreiben. 

Einen solchen Brennpunkt bildete die »Gotenlinie«. Besonders am Mittelteil des Stellungssystems, etwa 30 Kilometer südlich von Bologna, kam es ab August 1944 zu schweren Kämpfen mit den Alliierten. Sollten die Anglo-amerikaner an diesem Punkt das Defensivwerk durchbrechen, wäre der Weg nach Bologna in die oberitalienische Tiefebene geöffnet, die deutsche Grenze in Reichweite der Alliierten gewesen. Die Sicherung der rückwärtigen Verbindungen der in dem Stellungssystem liegenden Verbände galt den Nazis als entscheidende Aufgabe für das Halten der Linie. 

In diesem Gebiet des Etruskischen Apennin hatte sich seit Ende 1943 eine militärisch aktive Partisanenbrigade gebildet, die u.a. durch die Praktiken der Nazis bei der »Gewinnung« von Zwangsarbeitern und durch entflohene Kriegsgefangene ständig Zulauf erhielt. Der nach seinem Erkennungszeichen, dem roten Stern, »Brigata partigiana Stella Rossa« benannte Verband machte der Wehrmacht an der »Gotenlinie« große Schwierigkeiten. Die Okkupanten beschlossen Mitte September 1944, die Partisanenbrigade, die ihren Mittelpunkt im Gebiet der Großgemeinde Marzabotto hatte, zu vernichten. 

Dazu wurde die 16. SS-Panzergrenadierdivision »Reichsführer SS« in den Etruskischen Apennin verlegt. Der Großverband hatte zuvor »Säuberungsaktionen« im Gebiet nördlich von Pisa durchgeführt, wo man bis in den September hinein eine alliierte Invasion erwartete. Dabei zogen die SS-Soldaten eine blutige Spur an der Westküste Italiens. Fast 2500 Zivilisten jeden Alters und beiderlei Geschlechts wurden umgebracht. 

Höhepunkt des Mordfeldzuges war das Massaker in Sant'Anna di Stazzema vom August 1944, bei dem etwa 560 Zivilisten getötet worden waren. 

Zur Vernichtung der Brigade »Stella Rossa« bildete man unter Führung des Kommandeurs der Panzeraufklärungsabteilung der 16. 

SS-Panzergrenadierdivision, Sturmbannführer Walter Reder, eine etwa 1500 Mann starke Kampfgruppe aus Soldaten der Waffen-SS und Angehörigen verschiedener Wehrmachtseinheiten, die auch mit schwerer Artillerie ausgerüstet wurde. Die Bewaffnung läßt darauf schließen, daß in der ersten Operationsphase die Vernichtung aus der Distanz ohne Rücksicht auf die Bevölkerung vorgesehen war. 

Am 29. September drang der Verband in das abgeriegelte Gebiet um den Sonnenberg ein. Die offenbar überraschten Partisanen waren schon bald handlungsunfähig oder konnten den Einschließungsring durchbrechen. In der Folgezeit gab es nur noch wenige Gefechte, bei denen auch der Brigadekommandeur Mario Musolesi mit dem Nom de guerre Lupo getötet wurde. 

Die Dörfer und Einzelgehöfte um den Monte Sole wurden durchsucht, meist vollständig zerstört. Dabei kam es fortgesetzt zu Massakern an der Bevölkerung. Offensichtlich sollten nicht nur die Partisanen vernichtet oder vertrieben, sondern die ganze Gegend um den für die Deutschen strategisch wichtigen Sonnenberg entvölkert werden. Tatsächlich war sie danach viele Jahre fast menschenleer. Ein Zeitzeugenbericht aus Cerpiano am Sonnenberg, der in dem Bericht der für die Aufarbeitung der Geschehnisse eingerichteten Deutsch-Italienischen Historikerkommission (siehe jW-Thema vom 21.12.2013) vom Juli 2012 wiedergegeben wurde, vermittelt einen Eindruck von den »Säuberungsaktionen«. Am 29. September schlossen Reders Männer 49 Einwohner des Dorfes, darunter 19 Kinder im Pfarrsaal ein: »Plötzlich gingen die Türen auf und es erschienen Soldaten mit Handgranaten. Also schrie ich: Leute, (...) die töten uns alle! Ich hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da fingen sie an, von beiden Türen her und vom Fenster Handgranaten hineinzuwerfen. (...) Die Explosionen der Granaten, meine Verletzungen, die verzweifelten Schreie der Opfer - dadurch hatte ich das Bewußtsein verloren. Als ich wieder zu mir kam, wurde mir das Ausmaß der Katastrophe bewußt. Die Überlebenden riefen sich gegenseitig, und jeder rief nach seinen Lieben, von denen aber viele nicht mehr antworteten, weil sie tot waren. Ungefähr 20 Personen überlebten diese erste Handgranatenattacke. Die Agonie der Überlebenden dauerte mehr als 24 Stunden. Am Nachmittag des folgenden Tages, betraten die Deutschen erneut den Pfarrsaal und verkündeten, 20 Minuten später würden alle tot sein. Man hörte dann, wie die Gewehre nachgeladen wurden. Ein kurzer Kugelhagel folgte.« Insgesamt mehr als 800 Zivilisten wurden am Monte Sole umgebracht. In einer Meldung der für den Einsatz in Marzabotto zuständigen 14. Armee vom 2. 

Oktober an Kesselring wurde betont, die Zahl der Getöteten sei deutlich höher, da nicht alle gezählt werden konnten. Weiter heißt es, sieben Dörfer seien niedergebrannt und »456 männliche Zivilisten« als Zwangsarbeiter »erfaßt« worden. 

Unzureichende Sühne Die massenhaften Tötungen von Frauen, Kindern und alten Männern in der Gemeinde Marzabotto gelten als das größte Kriegsverbrechen der Deutschen in Italien und ist bis heute Sinnbild der Naziherrschaft auf der Apenninenhalbinsel. Sofort nach Kriegsende nahmen sich britische und italienische Gerichte der juristischen Aufarbeitung dieser Massaker an. 

Der Kommandeur der 16. SS-Panzergrenadierdivision, Max Simon, wurde 1947 von einem britischen Militärgericht zunächst zum Tode verurteilt, wenig später verwandelte man das Urteil in lebenslange Haft. Doch schon 1954 wurde Simon aus dem Gefängnis der Alliierten in Werl in Nordrhein-Westfalen entlassen. Ähnlich erging es seinem Vorgesetzten, dem Generalfeldmarschall Kesselring. Er wurde von einem britischen Gericht 1947 vor allem wegen seiner verbrecherischen Befehle für die Partisanenbekämpfung zunächst ebenfalls zum Tode verurteilt, aber schon 1952 wieder auf freien Fuß gesetzt. Beide Haupttäter profitierten von dem eskalierenden Kalten Krieg. 

Die Westmächte erwarteten von der BRD einen »Wehrbeitrag« gegen den »Ostblock«. Hohe Offiziere der »Italienarmee« gelangten in höchste Befehlsstellen der entstehenden Bundeswehr. So wurde der Generalstabschef Kesselrings, Hans Röttiger, erster Inspekteur des Heeres. Da war es inopportun, »deutsche Soldaten« als Kriegsverbrecher zu stigmatisieren. 

Gestützt auf Memoiren der Offiziere wurde über Massenmedien die wirkmächtige Legende von der »sauberen Wehrmacht« verbreitet. In Italien, so die Kernbehauptung, habe sie völkerrechtskonform und ritterlich gekämpft. Die deutsche »Südfront« wurde zum Vorzeigeobjekt gegenüber den Verbündeten in der NATO. 

Anders erging es SS-Sturmbannführer Reder, Kommandeur jenes gemischten Verbandes, der die Aktion am Sonnenberg durchgeführt hatte. Er wurde 1951 von einem italienischen Gericht verurteilt und verbüßte 33 Jahre Haft in der Festung Gaeta. 

In Westdeutschland wurden noch zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen die Angehörigen der SS-Division geführt, aber bald aufgegeben. Im Sinne antikommunistischer NATO-Solidarität mit der BRD stellte auch Italien ab 1960 die Suche nach weiteren Mördern ein. Erst in den 1990er Jahren nahm die italienische Justiz die Ermittlungen wieder auf. 2007 befand ein Militärgericht in La Spezia in Abwesenheit der Angeklagten zehn SS-Soldaten für schuldig, in Marzabotto und den umliegenden Gemeinden im Herbst 1944 mehr als 800 Menschen getötet zu haben. Sie wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, sieben weitere Angeklagte freigesprochen. Außerdem hatte das Gericht eine Schadenersatzzahlung in Höhe von 100 Millionen Euro festgelegt. 

Die Nachfahren der Opfer machten sich zu Beginn des neuen Jahrtausends berechtigte Hoffnung, daß ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren werde. 

Ihnen ging es vor allem darum, daß in Deutschland die Massaker als Mord, als Kriegsverbrechen anerkannt werden. Bis dahin galt in der Bundesrepublik die Aussage Kesselrings, die Attacke gegen Marzabotto sei eine militärische Aktion gegen »Banditen« gewesen. Die Opfer unter den Zivilisten waren nach dieser Lesart sogenannte Kollateralschäden im »Verteidigungskampf der Wehrmacht gegen heimtückische Banden«. 

Am 17. April 2002 besuchte Bundespräsident Johannes Rau Marzabotto. Dort sagte er: »Ich denke an die Kinder und Mütter, an die Frauen und an die ganzen Familien, die an diesem Tag Opfer des Mordens geworden sind, und es ergreifen mich Trauer und Scham. Ich verneige mich vor den Toten.« Die deutsche Strafverfolgungspraxis gegen die (bekannten) Täter und die ablehnende Haltung der Bundesregierung zur Entschädigung der Opfer haben sich seitdem nicht geändert. Die in La Spezia verurteilten Mörder sind, soweit sie noch leben, in Deutschland auf freiem Fuß. Eine Auslieferung an Italien wird nicht erfolgen. Verfahren in Stuttgart wurden eingestellt. Auf die gerichtlich zuerkannte Entschädigung warten die Angehörigen der Opfer noch heute. 

Selbst die Diskriminierung der Opfer lebt wieder auf. Das Ostpreußenblatt schrieb am 27. April 2002: »Es gab von deutscher Seite im Gebiet Marzabotto keine Repressalien, obwohl solche aufgrund des völkerrechtswidrigen Kampfes der Partisanen durchaus legitim gewesen wären. 

Die unklare Zahl von Toten besteht aus gefallenen kämpfenden Partisanen (und) aus Zivilisten, die in die Kämpfe gerieten (...).« Präsidiale Scham und Reue ohne Taten sind für die Opfer offensichtlich wertlos. 

Dr. Martin Seckendorf analysierte zuletzt auf diesen Seiten am 5.9.2014 die Schlacht an der Marne im September 1914. 

 

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