Unschärfen, Annahmen und verschobene Proportionen  

Zu Werner Hechts „Die Mühen der Ebenen. Brecht und die DDR"  

In: unsere zeit online vom 19.09.2014 

 

Brecht und die DDR – das heißt erfolgreiche Inszenierungen wie die Inszenierung der „Mutter Courage und ihre Kinder" (1949), die als neue Epoche in die Geschichte der Theaterkunst einging und wofür Helene Weigel 1949 den Nationalpreis der DDR bekam, oder die für das Berliner Ensemble bearbeitete Komödie „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung" (1950) von J. M. R. Lenz, begleitet von Interpretationen und theoretischem Material Brechts und seiner Mitarbeiter. 

Brechts Bearbeitung, die 1950 von Hannover bis Wien – da allein 14 Vorstellungen –, von Weimar bis Leipzig gespielt wurde, bestand aus dem Text für das neue Stück, aus Notaten „Über das Poetische und Artistische" im Kontext des Stückes, Notaten zum epischen Theater, Materialien für ein Modell im Band „Theaterarbeit", einer Ausstellung mit historischem Material zum Stück, verantwortet von Gerhard Scholz, und zeitgenössischen Veröffentlichungen. Es war Brechts Beitrag zum Goethe-Jahr 1949 und gleichzeitig die Verarbeitung seiner historischen Erfahrung mit deutscher Geschichte. 

Brecht und die DDR – das war Brechts Beziehung zu dem Lehrer zahlreicher Germanisten und universellen Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der in Sachen Lenz‘ „Hofmeister" mit Brecht korrespondierte und gleichzeitig die wissenschaftliche Beschäftigung mit Brechts Werk intensiv vorantrieb. Maßstabsetzende Arbeiten von Ernst Schumacher über das frühe Schaffen Brechts und Klaus Schuhmann über Brechts Lyrik waren neben anderen Arbeiten die Folge. Mayer veröffentlichte selbst mehrere Untersuchungen zu Brecht, die dessen Beziehung zur DDR verfolgten; für Hecht haben sie – wie die Sonderhefte von „Sinn und Form" über Brecht, die Brechts Rolle in der DDR detailliert erkennen lassen – keine Rolle gespielt. Im Epilog erwähnt Hecht, dass er als Student Mayers zum Berliner Ensemble (BE) gefahren sei, um eine Inszenierung zu sehen und Mayer „Sonderseminare über das epische Theater" (S. 307) gegeben habe: Das ist unscharf – Brecht und seine Werke gehörten zu Hans Mayers ständigem Vorlesungs- und Unterrichtsgegenstand. 

Brecht und die DDR – das waren Inszenierungen, die im Ausland für Furore sorgten, das waren Brechts Werke in der Schule, und in Volkshochschulkursen, das waren zahllose problemlose Veröffentlichungen seiner Werke, oft direkt als Schulstoff gedruckt („Die Erziehung der Hirse" und andere, die nicht genannt werden). 

Brecht und die DDR – das war Brechts Wirkung auf die Gegenwartsliteratur im Lande, die Entstehung einer bedeutenden Brecht-Nachfolge, zu der Namen wie Heiner Müller, Peter Hacks, Volker Braun und weitere gehören. 

Brecht und die DDR – das war zuerst unter schwierigsten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen das Schaffen von Arbeitsmöglichkeiten, auch mit Hilfe sowjetischer Kulturoffiziere; einer von ihnen – Ilja Fradkin (1915–1993) – schrieb eine methodisch bedeutsame Biografie „Bertolt Brecht. Weg und Methode" (russ. 1965, dt. 1974) und setzte Brechts Werk in der Sowjetunion durch. Er war nicht nur ein energischer Vertreter des Brecht-schen Theaters und hielt dazu in der DDR Vorlesungen, sondern bezahlte seinen engagierten und undogmatischen Einsatz wie andere Kulturoffiziere 1950 mit der durch Chruschtschow befohlenen Abkommandierung aus der DDR. Dass er später nie habe die DDR besuchen dürfen, wie „Die Zeit" bei seinem Tode schrieb, ist wie so vieles ein Märchen: Ich habe ihn 1977 bei einer Reise durch die DDR begleitet und wir sprachen dabei, wie sollte es anders sein, viel über Brecht. 

Bei Hecht allerdings wird kein gutes Wort an den sowjetischen Kulturoffizieren gelassen, man habe sie „zu spüren bekommen" (S. 21 u. a.). 

Brecht und die DDR – das sind schließlich der Nationalpreis der DDR, 1. Klasse (1951), auch Sonderbriefmarken, Filme, Dokumentationen, Zeitungsberichte usw. 

Die Liste ließe sich weiterführen. 

Sie umfasste, was man als Leser von einem Buch „Brecht und die DDR" erwarten würde. Hier aber ist sie die Andeutung dessen, was in Werner Hechts Buch mit dem vielversprechenden Titel nicht steht oder allenfalls als Zeitungsnotiz, dass Walter Ulbricht vom „Nationalpreisträger Bertolt Brecht" (S. 173) ein Schreiben gesandt bekommen habe u. ä. Im Vordergrund bei Hecht stehen Brechts Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Partei und Staat, Akademie und Presse: Nach Hecht bestand Brechts Wirken in der DDR aus einer Abfolge von Problemen und Schwierigkeiten. Die Tatsache, dass Brecht nur dort überhaupt Arbeitsmöglichkeiten nach seiner Rückkehr nach Europa fand, während die anderen deutschsprachigen Länder keinen Wert auf seine Anwesenheit legten, wird lapidar mitgeteilt: Es sei „das einzige Arbeitsangebot" gewesen, „das ihm aus Deutschland gemacht wurde" (S. 10). Die hier vorhandene Unschärfe – es gab 1947 kein Deutschland mehr, nur Besatzungszonen – ist Methode des Buches. 

Dazu gehört auch die Einseitigkeit, die Beziehung Brechts zur DDR auf der politisch-staatlichen Ebene zu verfolgen und dazu zahlreiche Dokumente, Protokolle usw. einzufügen und ihn zum Opfer in der Formalismusdiskussion zu machen. Neben der dogmatischen offiziellen Kulturpolitik gab es jedoch Brecht im alltäglichen Kulturleben der DDR, an den Theatern, an den Universitäten – besonders in Leipzig bei Hans Mayer – und in Schulen. Dabei hätte eine genaue Betrachtung des Bandes „Theaterarbeit" genügend Material für die Arbeit Brechts und des Berliner Ensembles in Betrieben, mit Rundfunk- Landessendern in Dresden und Weimar usw. geboten, aber über dieses einzigartige Dokument wird auf acht Seiten nur berichtet, wie offizielle Seiten die angenommene „unerwünschte Wirkung der Publikation" (S. 68) zu verhindern trachteten. Wieder wird Hechts Unschärfe deutlich: Das Buch sei für die Bundesrepublik als „geeignet" bezeichnet worden und das sei Ausdruck dafür, dass es für die DDR nicht „gültig" (S. 68) sei. Die Unschärfe besteht darin, dass es Anfang der fünfziger Jahre in allen Verlagen der DDR Bemühungen um gesamtdeutsche Wirksamkeit gab und dafür spezifische gesamtdeutsche Anthologien und andere Publikationen entwickelt wurden. 

Über die einzelnen Inszenierungen, die in „Theaterarbeit" dokumentiert werden, einschließlich ihrer Wirkungen wird nichts mitgeteilt. Dass eine Inszenierung des „Coriolan" (nach Shakespeare) abgelehnt wurde, wird jedoch vermerkt; verschwiegen wird, dass „Coriolan" Fragment blieb und von Brecht 1953 aufgegeben wurde. 

Dabei wäre das Fragment, die Diskussion darüber und die Folgen ein wesentlicher Inhalt zum Thema gewesen, ging es Brecht doch um „Positionen der unterdrückten Klassen" und die „Möglichkeiten der Menschen" („Studium des ersten Auftritts"). 

Hecht kann auch anders, wie ein einziger Vers aus dem „Herrnhuter Bericht" zeigt, der mit dem gesamten Gedicht und dessen Faksimile gedruckt und in einem selbstständigen Kapitel („Busch-Gefechte", S. 46–60) behandelt wird, weil sich Erich Honecker an dem Vers gestoßen und Veränderungen gewünscht habe. Das in der gleichen Zeit entstandene und für das spätere bundesdeutsche Straßentheater folgenreiche Gedicht „Der Anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy" (1947), das nationalsozialistisches Personal in der westdeutschen Wirklichkeit sieht, wird dagegen nicht einmal genannt. 

Es gehört zur Methode der Darstellung, durch die Verschiebung von Proportionen Brecht als Opfer der Partei und Behörden darzustellen. 

Künstlerische Erfolge werden allenfalls gemeldet, Schwierigkeiten bis ins Detail verfolgt. Von der Begeisterung des Publikums wird beiläufig gesprochen; der Leser wird deshalb überrascht, wenn unvorbereitet von internationaler Anerkennung für Brecht gesprochen wird. Wie kann die bei den Querelen entstanden sein. Aber „Der kaukasische Kreidekreis" schlug 1955 in Paris „wie ein Blitz" ein – hier zitiert Hecht allerdings Vladimir Pozner, um das eigene Urteil zu vermeiden –, „die Presse jubelt" (S. 226). Als das Theater des BE 1954 eröffnet wurde, hätten einige Kritiker dem Ereignis „ein paar Zeilen gewidmet" (S. 222), was Nichtbeachtung signalisieren soll. Danach aber zitiert Hecht mehrere große Absätze aus erschienenen Berichten. Andererseits gehört den oft kleinlichen, an Provinzialität nicht überbietbaren Auseinandersetzungen – wie der Diskussion um die Veröffentlichung des Gedichtes „Die Lösung" in der Werkausgabe, in die Brecht geriet oder an denen er teilnahm, minutiöse Aufmerksamkeit, selbst dann, wenn es weniger um Brecht ging, sondern er „für einen gemaßregelten Kollegen" (S. 117–127) eintrat wie bei den Diskussionen um Arnold Zweigs Roman und Film „Das Beil von Wandsbek". 

Öffentlich gewirkt haben indessen Brechts Stücke und Gedichte. Darüber schweigt das Buch, auch von der Arbeit des BE in Betrieben und Schulen usw. 

Wo Unschärfe nicht reicht, um die Proportionen zu verzerren, werden Vermutungen und Annahmen verwendet: Langhoff habe an die Unterbringung des BE im Deutschen Theater „wohl kaum geglaubt" (S. 62). 

Wenn Brecht eine noch nicht beendete „Austreibung des Nazismus" in der DDR vermerkt, ist das für Hecht „im Grunde … eine Bankrotterklärung der Maßnahmen der Partei und des Staatsapparates" (S. 180), als könnte eine Analyse eine Bankrotterklärung sein: Auch sprachlich erreicht Hecht an vielen Stellen seine Grenzen. 

Wenn Girnus Brechts Auffassung von „Volksverbundenheit" und „Volk" in Frage stellt, sieht Hecht in Girnus‘ Bericht „Brecht als entschiedenen Feind der Kulturpolitik der SED" ausgewiesen usw. usf. Beispiele solcher Annahmen und nicht nachvollziehbarer Verallgemeinerungen sind zahlreich. 

Wenn auch das nicht für beabsichtigte Umwertungen ausreicht, werden Tatsachen und Daten angepasst: Nach Hecht wandte sich Brecht am 15. Juni 1953 wegen des Theaters für das Berliner Ensemble an Grotewohl, gesichert durch seine Erklärungen, mit denen er sich am 17. Juni 1953 zur DDR bekannt hatte (S. 218 f.) Das Buch gipfelt im Vorwurf, der Staat habe bei der Pflege des Brecht’schen Werkes versagt, die „sich dieser Staat angemaßt" habe. 

Zwei Seiten danach wird allerdings eine solche Fülle von entsprechenden Maßnahmen aufgelistet – von einem neuen Brecht-Haus, einem Brecht- Zentrum, einem neuen Intendanten für das Berliner Ensemble, den Hecht allerdings nicht mag, u. a. –, die keinem anderen Dichter je zuteil wurde; sie werden von Hecht als „Konzessionen" diffamiert. 

So eignet sich das Buch durch seine methodische Anlage, die letztlich politische Ursachen hat, als Bezugspunkt für DDR-Fresser und Kommunistenhasser: Für Ulf Heise von der Freien Presse war die wichtigste Phase in Brechts Schaffen, die Zeit in der DDR, in der er erstmals mit einem eigenen Ensemble und schließlich in einem eigenen Theater „seine Vorstellungen von einem neuen Theater" (S. 66) verwirklichen konnte, eine „Episode", die Hecht nicht kritisch genug aufgearbeitet habe, weil er „zu wenig objektiv" sei, womit Heise Recht hat, nur meint er es anders. Wolf Biermann, nach Brechts Tod kurzzeitig Regieassistent am BE, sieht im Spiegel in Hechts Brecht einen „wankelmütigen Helden", der „nie ein Kommunist" gewesen sei und sich deshalb zur Identifikation anböte. Biermanns geistig-politischer Verfall in die Reaktion hätte einem Brecht, dessen Leitidee immer war, eine zukünftige Kunst zu entwickeln, „gerichtet auf die Veränderung der Gesellschaft", das Grausen eingejagt. 

Das Buch über Brecht und die DDR muss noch geschrieben werden; Hechts Versuch ist es nicht. Es ist eine einseitige und willkürliche Dokumentensammlung und -auswertung und für ein zukünftiges Buch allenfalls ein Kapitel; die anderen ergeben sich aus den eingangs genannten Inhalten. 

Unschärfe geht bis in das Literaturverzeichnis hinein: Von den eigenen Arbeiten verzeichnet Hecht bis auf eine nur die, die nach 1989 erschienen sind, Literatur aus der DDR fehlt bis auf eine Ausnahme, Hecht verzichtete auf wesentliche Standardwerke und die Arbeiten Hans Mayers zu Brecht. 

Die DDR bestand aber vor 1989 und außerdem nicht aus Dokumenten und Kommissionen, sondern aus Menschen und Arbeit, aus Theatern, Lesern und einem begeistert folgenden Publikum. Deren Erinnerungen und Erfahrungen mit Brecht gehören in ein solches Buch. Bedauerlich ist, dass ein Wissenschaftler, der sich lebenslang mit Brecht beschäftigt und dabei Richtiges veröffentlicht hat – „Bertolt Brecht Leben und Werk im Bild" (1979), auch als Mitherausgeber der Berliner und Frankfurter Ausgabe und vieles mehr – unter dem Druck der öffentlich erwünschten Delegitimation der DDR-Kultur, Bertolt Brechts und seines dialektischen Theaters seine gesicherten Positionen um der Zustimmung der herrschenden Kultur willen aufzugeben bereit war. 

Rüdiger Bernhardt Werner Hecht: Die Mühen der Ebenen. 

Brecht und die DDR. Berlin: Aufbau Verlag, 2013, 362 S., 29,99 Euro  

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