1939 – Ursachen und Folgen  

Bericht über eine Geschichtskonferenz in Berlin  

In: unsere zeit online vom 19.09.2014 

 

Zur gemeinsamen thematischen Konferenz haben kürzlich in Berlin der Arbeitskreis zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei „Die Linke", die Geschichtskommission beim DKP-Parteivorstand, die Marx-Engels- Stiftung e. V. Wuppertal und die Redaktion der Tageszeitung „junge Welt" eingeladen. Die interessierten Teilnehmer hörten zunächst Vorträge, die die Rolle Polens zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion von 1933 bis 1939 beleuchteten (Prof. Eckart Mehls, Berlin) sowie die Rolle der Sowjetunion als militärischem Faktor in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts darstellten (Generalmajor a. D. Hans-Werner Deim, Strausberg). Der zweite Teil zeigte das Ringen der Sowjetunion und die britisch-amerikanische Verzögerungstaktik um die Eröffnung der zweiten Front im Westen 1941 bis 1944 auf (Major a. D. Werner Fischer, Berlin), ergänzt um Ausführungen zur bürgerlichen Geschichtsrevision und zur britischen Appeasementpolitik der Regierung Chamberlain im August 1939 (Rainer Zilkenat, Berlin). 

Eckart Mehls stützte seine Ausführungen zur Todfeind-Außenpolitik der zweiten polnischen Republik („Nicht ohne uns") gegenüber den Nachbarn UdSSR und Deutschland nach Pilsudskis Staatsstreich 1926, einem Präsidentenmord und 15 Regierungswechseln auf „Polen zwischen Hitler und Stalin", Studien zur polnischen Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit, von Marek Kornat, be.bra Verlag. Noch in der vollen Akzeptanz des Münchner Abkommens gegen die Tschechoslowakei unter Bruch des Völkerrechts und der Warschauer Einwilligung in die deutsche Einverleibung Schlesiens zeigte sich die Illusion einer polnisch-deutschen Politik gegen den potenziellen Feind UdSSR. Sowjetische Warnungen vor einem deutschen Überfall auf Polen (der Plan dazu war bereits am 3.4.1939 fertig) und eine einseitig angebotene sowjetische Garantieerklärung gegenüber Polen wurden zurückgewiesen („Das Reich steht auf unserer Seite"). Die Fehlinterpretation des Ribbentrop-Molotow-Vertrags samt Zusatzabkommen durch die Regierung Beck als doppeltes „russisches Spiel" habe den zweiten Weltkrieg erst möglich gemacht. 

Hans-Werner Deim führte den 1939 ausgehandelten Nichtangriffsvertrag auf sowjetische Bestrebungen zurück, den Rapallo- (Neutralitäts-)Vertrag von 1926 zu ergänzen und so operativ-taktisch den vorerst unvermeidlichen Zwei-Fronten Krieg der imperialistischen Blöcke abzuwehren. Der erfolgreiche Kampf um das Überleben der sowjetischen Staatlichkeit, gegen den faschistischen Vernichtungskrieg und die geopolitischen Raubzüge berücksichtigte Lehren seit 1914 und gab das Ziel einer sozialistischen Weltrevolution trotz vieler Rückschläge und ungeheurer Opfer nicht auf. Der Wehrmacht, der entwickeltsten und bestausgerüstetsten Armee in Europa, wurde 1944/45 auch durch ein erzwungenes, nun auch effektiv im Westen angreifendes Militärbündnis eine vernichtende Niederlage zugefügt. Seit den fünfziger Jahren haben die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Vertrages die NATO wirksam gezügelt, so Deim. 

Das heutige Russland behauptet sich noch immer erfolgreich gegen die unipolaren Weltordnungspläne des Imperialismus. 

UZ Juli 1935, Ausfahrt Hermann Görings mit dem polnischen Aussenminister Beck. 1939 ignorierten Beck und andere die sowjetische Warnung vor einem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen („Das Reich steht auf unserer Seite."). 

 

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Arbeiterwiderstand gegen Faschismus und Krieg  

Am ehemaligen Askania-Werk in Berlin-Mariendorf steht nun ein Gedenkzeichen  

In: unsere zeit online vom 19.09.2014 

 

Vor 70 Jahren, ab Sommer 1944, wütete eine Sonderermittlungskommission Hand in Hand mit der Nazijustiz gegen 50 mutige Betriebszellenaktivisten im ehemaligen Berliner Rüstungsbetrieb Askania Werke AG. Nach der möderischen Zerschlagung der im Kern kommunistischen Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation, die sich dem Klassenauftrag treu für das Ziel „Weg mit Hitler – Schluss mit dem Krieg!" um ein politisch und weltanschaulich breites Widerstandsnetz bemüht hatte, wurde der Schlag nun auch gegen die wiederbelebte illegale Basisarbeit in der kriegswichtigen Produktion geführt. 

Trotz des Verbots ihrer Parteien, Gewerkschaften und Sportorganisationen betätigten sich Mutige allein in Berlin in ca. 70 betrieblichen Verbindungen, oft vernetzt. Nicht selten waren politisch Vorbestrafte dabei, die nicht aufgaben und Kampferfahrung einbrachten: Gewerkschafter, ehemalige „Rote Betriebsräte", mit Fürsprache von ehemals sozialdemokratischen Werkmeistern als „dringend benötigte" Fachkräfte in die Präzisionsfertigung der Kriegstechnik eingegliedert. 

Im Tarnschutz der Luftangriffs-Zwangspausen konnten gerade sie die streng überwachte Rüstungsproduktion so stören, dass Maschinen mit der Zeit regelrecht unbrauchbar wurden, ohne dass es eine Handhabe dafür gab. Da für die laufende Rüstungsproduktion ständig mehr Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt werden mussten, wurden heimlich Geld- und Lebensmittelsammlungen für diese ausgemergelten Menschen organisiert, Verfolgte versteckt – nach den gelebten Grundsätzen der Internationalen Arbeiterhilfe. 

Von ursprünglich 2 000 auf 24 000 waren die Belegschaftszahlen beim Luftwaffen-Zulieferer Askania in der Endzeit der Nazidiktatur gestiegen. Darunter waren bis zu 7000 Zwangsarbeiter aus Ost- und Westeuropa. Konstruktion und Produktion hatten insbesondere für die V1-Marschflugkörper- bzw. V2-Raketensteuerung Bedeutung. Daher bauten Mitstreiter der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation unter ständigem Lebensrisiko eine der bedeutendsten illegalen betrieblichen Organisationen auf. 

In Mariendorf umfasste sie rund 50 namentlich bekannte Männer und Frauen. Das waren Arbeiter und Angestellte wie Paul Hirsch, der u. a. über den zivilen französischen Werkzeugmacher Jacques Seintier eine Brücke zu den französischen Askania-Arbeitern aufbaute, der Konstrukteur Karl Ladé, der nach Versetzung eine sogenannte Dreiergruppe im Askania-Zweigwerk für Fluggeräte Weißensee aufbaute, oder der Spandauer Einrichter Theodor Feuerherdt (SPD), der mit Hirsch im politischen Gedankenaustausch stand und NKFD-Materialien wie die Anklagerede Dimitroffs und die Beschlüsse der „Brüsseler Konferenz" illegal mit verbreitete. 

Jetzt konnte am konkreten Ort mit der zuständigen Stadträtin ein ehrendes Zeichen zur Erinnerung gesetzt werden, am ehemaligen Askania- Zugang in der belebten Großbeerenstraße/ Ecke Rathausstraße Mariendorf. Norbert Günther gestaltete ein Gedenkzeichen für diese Menschen, von denen ab Dezember 1944 sieben für ihren selbstlosen Widerstand starben. Zum „Tag des Denkmals" wurde es am vergangenen Sonnabend mit den Porträts von Opfern enthüllt. 

Die Söhne von Paul Hirsch, Helmut und Jürgen Hirsch, taten dies gemeinsam mit Mariendorfer Grundschülern der Rudolf-Hildebrand-Schule, die sich im Geschichtsunterricht mit den Ereignissen vor ihrer Tür beschäftigen. Diese 12-Jährigen lasen dann auf Stationen des Besucherrundgangs aus Zeitzeugenberichten. 

Die in Berlin mit der VVN-BdA, insbesondere Annette Neumann und Bärbel Schindler- Saefkow, gegründete „Initiative zur Erinnerung an den Arbeiterwiderstand gegen das NS-Regime" hat dafür seit 2010 öffentlich geworben. 

Metallgewerkschafter, historisch Interessierte, Angehörige von Opfern und Überlebenden des Widerstands beteiligten sich, 2012 fasste die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg einen entsprechenden Beschluss, nach dem zielgerichtet weitergearbeitet werden konnte, weil Zivilcourage und eine Gegenbewegung gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, inhumane Ideologie und Kriegsvorbereitungen auch heute gebraucht werden. So wurde Forschungsmaterial vervollständigt, auf eigenen Veranstaltungen und auch auf Fachtagungen berichtet, Ausstellungen organisiert, Kataloge und Broschüren herausgegeben. 

An der ins Leben gerufenen Stiftung für das Gedenkzeichen ist vorrangig die IG Metall Berlin- Brandenburg-Sachsen beteiligt, ebenso ver.di, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der DGB-Kreisverband Tempelhof- Schöneberg, die Naturfreunde Berlins. Und nicht zuletzt eine mittelständische Mariendorfer Uhrenmanufaktur im angrenzenden Gewerbepark, die den „eingeführten" Namen Askania kaufte und unter dem Zusatz AG Berlin firmiert. 

Arno Hager, 1. Bevollmächtigter der IG Metall, Verwaltungsstelle Berlin, gab sich überzeugt: Wenn damals Tausende so wie die 50 mutigen Widerstandsaktivisten im Rüstungsbetrieb einen Weg gefunden hätten, als Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter mit oder ohne Parteibuch die Spaltung der Arbeiterbewegung zu überwinden, hätte sich der Hitler- Faschismus nicht länger an der Macht gehalten und den verbrecherischen Weltkrieg verlängern können. „Allein in und um Berlin gab es in den Kriegsjahren mehr als 1 000 Zwangsarbeitslager mit verschleppten Menschen aus ganz Europa, und unter den Berliner Arbeitern gab es viele politisch engagierte, die diesen Drangsalierten und Hungernden auch menschlich begegnet sind. 

Sie hatten den Mut dazu, aktiv Hilfe zu gewähren, wo sie dringend gebraucht wurde. Sie sorgten auch dafür, dass sich Widerstand vernetzte und auf mehr Betriebe ausbreitete. Dafür haben sie ihr Leben gegeben, ihre Familien in Angst gelebt. 

Denn innerhalb drei Monaten wurde der Naziterror auf 50 politische Morde gesteigert." Dass der Widerstand aus der Arbeiterbewegung in der öffentlichen Diskussion zuwenig gewürdigt wird, sei Ausdruck einer schlechten Kultur in Deutschland, denn es gab bei weitem nicht nur die „Männer des 20. Juli" oder „Die Weiße Rose". „Angesichts der heutigen Spaltungsversuche der demokratischen Gesellschaft durch Parteien wie NPD und AfD ist es nötig, mit dem Beispiel des betrieblichen Widerstands weit hinaus in die Öffentlichkeit zu gehen. Und betrachten wir das Verhalten der Bundesregierung in der europäischen Krise, dann kann man aus unserer Sicht fragen, ob Deutschland an dieser Stelle wirklich so viel gelernt hat." Die Historikerin Bärbel Schindler-Saefkow und Helmut Hirsch, der für die DDR in der Weltraumforschung tätig war, warteten u. a. mit einer biografisch fundierten und damit gerechteren Neubewertung des standhaften Widerstandskämpfers Paul Hirsch auf. Die Sängerin Isabell Neuenfeldt rezitierte Karl Ladés Gedicht aus der Todeszelle an seine Frau „Die Freiheit, sie ist unser Erntegut" und trug in diesem Sinn auch ein klassisches Chanson von Georges Brassens vor: „Geh in die Gärten der Freiheit, die zu selten besucht werden!". 

Brassens wurde im März 1943 als Zwangsarbeiter nach Nazideutschland deportiert und arbeitete in der Flugzeugmotorenfertigung in Basdorf, heute Ortsteil der Brandenburg-Gemeinde Wandlitz. In den 50er- und 60er Jahren entdeckten Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hannes Wader in diesem populären Chansonier ein zeitgemäßes Vorbild. 

Hilmar Franz  

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Ehrendes Gedenken den Toten des Widerstands  

In: unsere zeit online vom 19.09.2014 

 

  

Paul Hirsch, Werkzeugmacher, Fichte-Arbeitersportfunktionär, Motor und Kopf der illegalen KPD-Arbeit bei Askania Berlin. Schlüsselfigur linksgerichteter Arbeiterkreise im Bereich Tempelhof – Neukölln, 25.10.1907–21.8.1945, Nach sieben Selbstmordversuchen am 28.11.1944 auf dem Transport zum „Volksgerichtshof" geflohen, nach fünfmonatigem rastlosem Untertauchen von SS-„Kettenhunden" in Schlesien gewaltsam zum „Fronteinsatz" gebracht. Körperlich sehr geschwächt lief er in Wehrmachtsuniform zur Roten Armee über. Trotz medizinischer Hilfe in einem Lazarett nahe Karaganda konnte er aber die Folgen eines langen Transports deutscher Kriegsgefangener nicht überleben. 

Paul Junius Maschinenschlosser, Leiter der illegalen KPD-Betriebsgruppe Askania Werke Mariendorf mit konspirativer Verbindung zur Gruppe im Askania Zweigwerk für Fluggeräte Weißensee, 10.7.1901–4.12.1944 Berlin-Plötzensee, Karl Ladé Konstrukteur, Leiter der illegalen KPD-Betriebsgruppe Askania Werke Weißensee, 25.11.1909–8.1.1945 Brandenburg-Görden, Kurt Rühlmann Technischer Angestellter, KPD, 26.4.1903–8.1.1945 Brandenburg-Görden, Walter Zimmermann Feinmechaniker, SPD, 8.2.1910–8.1.1945 Brandenburg-Görden Alle drei (Ladé, Rühlmann, Zimmermann) bauten im Zweigwerk Weißensee eine illegale Betriebsgruppe auf, betrieben Antikriegspropaganda und Rüstungssabotage Stanislaus Szczygielski Metallsortierer, KPD, 26.9.1902–8.1.1945 Brandenburg-Görden Er beteiligte sich als Mitglied der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation am Widerstand der Askania- Akteure, arbeitete aber nicht im Betrieb. 

Hermann Wolf Vermessungstechniker bei Askania, KPD, 29.6.1906 – März 1945, zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er seine Wohnung für konspirative Besprechungen zur Verfügung gestellt hatte. Als Häftling im Thüringischen gestorben. 

Die illegale betriebliche Widerstandsarbeit bei Askania bestand darin, mit Flugblättern Informationen über den Kriegsverlauf in Umlauf zu setzen, Sabotageakte zu realisieren, Geld und Lebensmittel zu sammeln sowie Quartiere für illegal Lebende zu organisieren. Die konsequentesten Vertreter brachte die Nazi-Justiz wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung" unter das Fallbeil. 

 

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