Herr Gauck, ich empfinde Brechreiz  

Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema: Wie auch „Kleines Russland" in Italien von den Nazis brutal liquidiert wurde

In: unsere zeit online vom 12.09.2014 

 

Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema: Wie auch „Kleines Russland" in Italien von den Nazis brutal liquidiert wurde

Am frühen Morgen des 12. August 1944 überfielen Einheiten der 16. SS-Panzer-Grenadierdivision „Reichsführer SS" die Ortschaft Sant’Anna di Stazzema in der Toskana, am Südrand der Apuarischen Alpen unweit von Lucca gelegen. Die Bilanz der Massenmörder um 10 Uhr dieses grauenvollen Tages: 560 getötete „Partisanen" – fast ausnahmslos Greise, Frauen und Kinder. 

Das jüngste war 20 Tage alt. Gegen Mittag war das unvorstellbare Gemetzel – fast – beendet: 53 Überlebende wurden noch als Geiseln verschleppt und am 19. August 1944 in Bardine San Terenzo ermordet. 

Enio Mancini, der das Massaker als Kind überlebt hatte, berichtet in dem Buch über rund 60 Seiten präzise und unglaublich sachlich über die Vernichtungsorgie, die die Mörder in den einzelnen Bauernschaften wahnhaft zelebriert hatten. Nur ein Beispiel, in dem ein Zeitzeuge den so tugendhaften deutschen Soldaten beschreibt: Er sah, „dass man der Frau den Bauch aufgeschnitten und den Fötus in ihre Arme gelegt hatte. Die beiden Toten waren noch durch die Nabelschnur verbunden. Zur Sicherheit hatte man dem armen Kind mit einer Pistole in den Kopf geschossen und es im Augenblick der Geburt getötet." Dieses eine Beispiel soll an dieser Stelle genug sein. 

Die größte und bevölkerungsreichste Siedlung der Ortschaft Sant’Anna heißt Sennari. Hier wurde Enio Mancini geboren, hier verbrachte er Jahre seiner Kindheit und Jugend. Die Bevölkerung von Sennari hatte schon früh dem Faschismus die Stirn geboten. Dafür bekam es die Bezeichnung „Kleines Russland". Mord und Verwüstung auch hier. 400 Täter sollen aktiv gewesen sein. Und Enio Mancini berichtet von Ausnahmeerscheinungen: „Nur einer (Soldat) blieb bei uns zurück, er war noch sehr jung, fast noch ein Junge. Als der Trupp fort war, sprach er mit uns, aber wir verstanden nichts. Er machte uns drängende Zeichen, und wir begriffen, dass wir still sein und umkehren sollten. Wir drehten uns um, um nach Hause zu gehen. Nach wenigen Metern hörten wir das Geräusch einer automatischen Waffe in unserem Rücken. Es war der Junge, der in die Luft schoss und dann fort ging." Die Täter vor Gericht? 1947 in Venedig: Prozess gegen Generalfeldmarschall Albert Kesselring vor einem britischen Militärgericht wegen Geiselerschießungen und „Bandenbekämpfung": Todesstrafe, lebenslange Haft, 1952: vorzeitige Haftentlassung. 

Keine Anklage wegen Sant’Anna. General Max Simon, Generalleutnant der Waffen-SS und Kommandant der 16. SS-Panzergrenadierdivision: zum Tode verurteilt, Gefängnis, 1954 Begnadigung. 

In Italien verschwanden 2 000 Akten beim Militärgeneralstaatsanwalt in Rom im „Schrank der Schande". Schweigen für einen NATO-Verbündeten. 

Wende 1999: Christiane Kohl von der Süddeutschen Zeitung und Prof. Dr. Carlo Gentile decken Einzelheiten auf. Beide sind mit eigenen Beiträgen in dem Buch vertreten. 22. Juni 2005: Das Gericht in Italien urteilt: lebenslange Haft für zehn Angeklagte. 8. November 2007 Bestätigung durch das Oberste Gericht Italiens. – Deutschland: kein Täter wurde bis auf den heutigen Tag verurteilt. 

Dieses Verhalten der Justiz über fast 70 Jahre ist unentschuldbar. 

Bundespräsident Joachim Gauck begnügt sich am 24. März 2013 in Sant’Anna damit, die Geschichte ein Urteil sprechen zu lassen. Das hat er auch in Lyngiades in Griechenland getan, in Oradour (Frankreich), Lidice (Tschechien). Herr Gauck, bei dieser Form der „Entschuldigung" für die Täter empfinde ich Brechreiz. Um eine Anklage wegen Beleidigung des Staatsoberhauptes (§ 90 StGB) und dafür eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren zu vermeiden, will ich hier nicht zusätzlich eine Charakterbeschreibung abliefern. 

Zu zwei Personen soll hier, über das Buch hinausgehend, aber noch etwas gesagt werden: SS-Untersturmführer Gerhard Sommer ist der letzte Überlebende aus dem Kreis der Täter. Er muss mit einer Anklage in Hamburg rechnen, weil er seinen Wohnsitz in der Hansestadt hat. Rechtsanwältin Gabriele Heinecke vertritt mehr als 30 Überlebende und Angehörige von Getöteten, in der Regel Kinder, in der Nebenklage. Dem Buch steuert sie einen fundierten rechtshistorischen Exkurs bei: „Rechtsgeschichtliche Verarbeitung des Massakers von Sant’Anna di Stazzema in Italien und Deutschland". 

Gabriele Heinecke teilte dem Verfasser mit: „Nach der Drucklegung erging am 5.8.2014 der Beschluss des Oberlandesgerichts Karlsruhe, mit dem die Einstellungsverfügungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart aufgehoben und argumentiert wurde, dass es einen hinreichenden Verdacht gegen Gerhard Sommer für die Anklageerhebung gibt und dass eine Verurteilung angesichts der vorliegenden Beweislage überwiegend wahrscheinlich sei. Da der einzige noch lebende Beschuldigte, gegen den das Klageerzwingungsverfahren für zulässig erachtet wurde (ein weiterer Beschuldigter lebt, wurde aber – trotz Geständnis – nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge vernommen. Anlässlich einer späteren Beschuldigtenvernehmung verweigerte er die Aussage) Herr Sommer ist, ist die Staatsanwaltschaft Hamburg für das weitere Verfahren zuständig. Da das OLG Karlsruhe aufgrund der Tatsache, dass Justiz Ländersache ist, die Staatsanwaltschaft Hamburg nicht anweisen kann, die Anklage zu erheben, sind die Akten nach Hamburg zur Entscheidung über die Anklageerhebung geschickt. Hier sind sie vorletzte Woche angekommen. Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, die Sache sehr schnell zu bearbeiten und Mitte/Ende September 2014 eine Tendenz mitzuteilen, ob Anklage erhoben werden wird oder nicht." Die UZ wird berichten, ob es nach 70 Jahren nun doch noch zu einer Anklageerhebung kommt. 

Die zweite Person ist der SS-Unterscharführer Alfred Schöneberg aus Düsseldorf. Er war wie Gerhard Sommer am 22. Juni 2005 vom italienischen Militärgericht in La Spezia wegen Kriegsverbrechen (Mord) zu lebenslanger Haft und Zahlung einer Entschädigung verurteilt worden. Das Gericht erkannte, dass es sich um eine vorsätzliche Mordaktion an der Zivilbevölkerung gehandelt habe. Er wurde von der Bundesrepublik Deutschland jedoch nicht an Italien zum Strafantritt ausgeliefert. 

Die bundesdeutsche Justiz weigerte sich ihrerseits, Klage gegen Schöneberg zu erheben. 

Nach dem Motto „Die Mörder sind unter uns" sollte am 6. Mai 2006 vor seinem Haus eine Mahnwache der VVN stattfinden. Die Mahnwache wurde vom damaligen Düsseldorfer Polizeipräsidenten verboten. Es wurde sogar darauf aufmerksam gemacht, dass Schöneberg nicht als Mörder oder Kriegsverbrecher bezeichnet werden dürfe, denn er sei in Deutschland nicht als solcher verurteilt worden. Wenn diese Begriffe dennoch verwendet würden, könne dies als Straftat bewertet werden. 

Strafmaß: Geldstrafe oder Gefängnis bis zu zwei Jahren. Die Mahnwache durfte nur außerhalb einer „Schutzzone mit einem Radius von ca. 300" Metern Abstand vom Wohnsitz Schönebergers durchgeführt werden. Es gab aber Gelegenheit, trotz der „Bannmeile" die Nachbarschaft genau zu informieren, wer im Hause Waldenburger Weg 2 wohnte. Die VVN hatte die Auflage bekommen: „Sie beschränken sich bei Ihren versammlungsimmanenten Äußerungen in Wort und Schrift auf reine Faktenwiedergabe." Sogar der Titel der Mahnwache wurde von der Obrigkeit geändert: „Gegen angebliche Kriegsverbrecher". Im verordneten „Schutz seiner Privatsphäre" ist Schöneberg zwischenzeitlich friedlich entschlafen. 

Urteil: Unbedingt lesenswert. 

Uwe Koopmann  

 

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