500 Jahre „Armer Konrad"  

Ein herausragendes revolutionäres Ereignis 

Von Dieter Keller (Fellbach) und Lothar Letsche (Weinstadt/Tübingen)  

In: unsere zeit online vom 05.09.2014 

 

Das Jahr 2014 steht nicht nur für 100 Jahre 1.Weltkrieg und 75 Jahre 2. Weltkrieg. Nicht nur für 65 Jahre NATO und 15 Jahre Bundeswehreinsätze in aller Welt. Nicht nur für Militäreinsätze, Kriegsvorbereitung und grauenvolle imperialistische Kriege. Es steht auch für ein herausragendes revolutionäres Ereignis deutscher Geschichte, dem Aufstand „Armer Konrad", vor 500 Jahren. 

Er nahm im Mai 1514 im Remstal1 seinen Ausgang, versetzte ganz Württemberg, Süddeutschland und den damals herrschenden Adel in Aufruhr. 

Dieser Aufstand richtete sich gegen Eingriffe der Herrschenden in alte Rechte, gegen politische Bevormundung, gegen die Verschwendungssucht des Herzogs und korrupte herzogliche Beamte, gegen ständig neue Angriffe auf den Lebensstandard der Mehrheit der Bevölkerung. Mehr Rechte, Mitsprache und Mitbestimmung für das einfache Volk wurden gefordert. Es war der Aufstand gegen die politische Obrigkeit. Friedrich Wolf, der Arzt und spätere Kommunist, setzte 1924 mit seinem sozialkritischen Drama „Armer Konrad" diesem Ereignis ein würdiges Denkmal. Sein Stück wurde vor 90 Jahren im Staatstheater Stuttgart uraufgeführt. Jahrzehntelang legendär war eine Aufführung mit Laiendarstellern, die ebenfalls 1924 in Nehren stattfand – auf halbem Weg zwischen Tübingen und Mössingen, dem Ort des Generalstreiks gegen Hitler am 30. Januar 1933. 

Revolutionäre Erhebung des „gemeinen Mannes" Friedrich Engels verfasste 1850 seine Schrift „Der Deutsche Bauerkrieg", in der er den Bauernaufstand von 1525 ebenso wie die Reformation Martin Luthers einordnet in die Klassenkämpfe der frühbürgerlichen deutschen Revolution. 

Schon im ersten Satz auf die „revolutionäre Tradition" des deutschen Volkes verweisend, zieht er ganz bewusst eine Parallele: „Wer profitiert von der Revolution von 1525? Die Fürsten. – Wer profitierte von der Revolution von 1848? Die großen Fürsten, Österreich und Preußen. Hinter den kleinen Fürsten von 1525 standen, sie an sich kettend durch die Steuer, die kleinen Spießbürger, hinter den großen Fürsten von 1850, hinter Österreich und Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehn die modernen großen Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois stehen die Proletarier." Und es gab –darauf verweist Engels – „zwei große Verschwörungen, die den Bauernkrieg vorbereiteten: den Bundschuh und den Armen Konrad." Aus gutem Grund trägt Wolfs Drama also den Untertitel: „Schauspiel aus dem Deutschen Bauernkrieg 1514". Wolf bringt auch Szenen aus dem späteren Bauernkrieg in seinen „Armen Konrad" ein. Schon damals wurden grundlegende Forderungen formuliert, die elf Jahre später im Bauernkrieg zum Tragen kamen. 

„Gleichzeitig mit dem Bundschuh in Baden und offenbar in direkter Verbindung mit ihm hatte sich in Württemberg eine zweite Verschwörung gebildet. 

Sie bestand urkundlich schon seit 1503, und da der Name Bundschuh … zu gefährlich wurde, nahm sie den des Armen Konrad an", schreibt Engels. 

„Armer Konrad" oder „Armer Kunz" galt als eine Art Standesbezeichnung des armen oder „gemeinen" Mannes, die Angehörigen der unteren, einfachen Schicht, die gleichzeitig arm an politischen Mitwirkungsrechten war, eben die große Mehrheit der Bevölkerung schlechthin. Hauptakteure der Erhebung waren Bauern, Weingärtner und Handwerker, aber auch bürgerliche Kräfte, Bürgermeister, Schultheißen Pfarrer, Ärzte, Patrizier („Ehrbarkeit") schlossen sich an. 

Auch die 1974 in Berlin/DDR erschienene Illustrierte Geschichte der deutschen frühbürgerlichen Revolution – immer noch ein hervorragendes Standardwerk (leider nur noch antiquarisch erhältlich) – ordnet die Ereignisse bei den damaligen Klassenkämpfen ein und schreibt: „Das Willkürregiment Herzog Ulrichs von Württemberg, seine äußerst aufwendige Hofhaltung und die finanzielle Misswirtschaft seiner Räte, hatte zu einer… weitgehenden Verschuldung des Landes geführt. … Deshalb versuchte die herzogliche Finanzverwaltung, anstelle einer von den Städten abgelehnten Vermögenssteuer, einige der wichtigsten Lebensmittel – Wein, Fleisch und Mehl – mit einer Akzise2 zu belegen. 

Das sollte jedoch verschleiert werden, indem nicht die Preise erhöht, sondern Maße und Gewichte um den geforderten Steuerbetrug vermindert wurden." Zu diesem Zweck versandte man neue Pfundsteine von Stuttgart in alle Städte und Orte. Von einem Tag auf den anderen galt also als Gewichtseinheit ein neues, ein leichteres Pfund. Diese Maßnahmen lösten im ganzen Lande große Empörung aus. Vor allem im dicht besiedelten Weinbaugebiet Remstal, mit krassen Vermögensunterschieden, begann sich der Widerstand zu regen. 

Die Erhöhung des Weinzolls wirkte sich hier besonders stark aus. 

Die Wasserprobe und der Verrat Um den Betrug des Herzogs deutlich zu machen, hatte ein armer, aber angesehener Bürger aus Beutelsbach, Gaißpeter genannt, einen originellen Einfall. So soll es sich zugetragen haben: Am 2. Mai 1514 nahm er die neuen Gewichtsteine von der Fleischbank eines dort ansässigen Metzgers. 

Er zog mit ihnen, an der Spitze einer großen Schar Empörter, unter Trommel- und Pfeifenklang zu dem in die Rems fließenden Schweizerbach. Dort warf er die Steine ins Wasser und rief dazu aus: „Haben die Bauern recht, so fall nach unten; hat unser Herr recht, so schwimm oben." Wie ein Lauffeuer machte das Beispiel Schule und schnell standen das ganze Remstal und andere Teile des Landes in hellem Aufruhr. 

Hilfesuchend schrieb am 15. Juni der württembergische Landesherr, der grausame und verschwenderische Herzog Ulrich, an Kaiser Maximilian: „So kann ich nicht unterlassen, (…) anzuzeigen, daß sich solche Empörungen stets mehren und mir eine Stadt nach der anderen umfällt". Gaispeter wurde zur Symbolfigur des Widerstands. 

Er zog mit den empörten Bauern und Bürgern auf den Kappelberg bei Beutelsbach und ließ in der dortigen Nikolauskapelle Sturm läuten. Bereits am 4. Mai zogen Tausende in die Amtsstadt Schorndorf. Sie riefen dazu auf, „der Gerechtigkeit einen Beistand zu thun", das heißt ihre althergebrachten Rechte gegen die Willkür des Herzogs zu verteidigen. 

Trotz dieser Anfangserfolge wurde der „Arme Konrad" wie auch Jahre später der Bauernkrieg blutig niedergeschlagen. 

Der „gemeine Mann" wurde entwaffnet und war geschlagen. 

Mit dem „Tübinger Vertrag" (Verrat) wurde die Niederlage perfektioniert. 

Mit dem Versprechen eines Landtags wurden die Aufständischen hingehalten. 

Dieser wurde jedoch vom Herzog ins „linientreue" Tübingen einberufen, ausschließlich mit Vertretern der „Ehrbarkeit" und kaiserlichen Vermittlern. 

Im Gegenzug zur Übernahme seiner riesigen Schulden gewährte der Herzog den Landständen im „Tübinger Vertrag" gewisse Mitspracherechte. 

Die Forderungen des „gemeinen Mannes" und der Bauern wurden nicht berücksichtigt. Im Gegenteil: Ein neuer Straftatbestand wurde geschaffen: „Wer sich gegenüber der Obrigkeit – egal ob es fürstliche Räte, Amtleute, Geistlichkeit, Bürgermeister oder Stadtgericht – als ungehorsam erzaigt, habe Leib und Leben verwirkt."3 So wurde die Niederlage des „Armen Konrad" perfektioniert. 

Der „gemeine Mann" wurde entwaffnet und war geschlagen. Die Anführer wurden eingesperrt, gefoltert, geköpft und hingerichtet. Drei Jahre später, als der Herzog die selbstbewusste bürgerlich- städtische Oberschicht nicht mehr brauchte, ließ er auch noch einen ihrer führenden Tübinger Vertreter in Stuttgart hinrichten. 

„Konrad lebt" – wo und wie? „Konrad lebt", verkündet die Stadt Weinstadt, deren heutiges Rathaus in Beutelsbach steht, auf Transparenten, Bussen und Fahnen.4 „Zwar wurde der Bauernaufstand blutig niedergeschlagen, ging jedoch als einer der wichtigsten Vorläufer des Bauernkriegs 1525 und damit als eine der ersten demokratischen Errungenschaften in Europa in die Geschichte ein." So weit so gut. 

In Weinstadt und weiteren Gemeinden der Umgebung (Fellbach, Waiblingen, Schorndorf) läuft eine verteilte Ausstellung mit gemeinsamem Katalog und ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. 

Auch in Waldenbuch und Glashütte (im Schönbuch zwischen Stuttgart und Tübingen), im Bauernkriegsmuseum von Böblingen und im Stuttgarter Staatsarchiv wird Spuren des „Armen Konrad" nachgegangen. 

Einen anderen Schwerpunkt hat die aufwändige Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle. Sie steht unter dem Motto „1514 Macht Gewalt Freiheit – Der Vertrag zu Tübingen in Zeiten des Umbruchs". 

In den Ausstellungen und Katalogen werden „neueste Forschungsergebnisse" vorgestellt. Die zeitgenössischen Quellen und Illustrationen sind eindrucksvoll und lohnen den Besuch. 

Aber – wie nicht anders zu erwarten – der Zusammenhang der damaligen Klassenkämpfe, der deutschen frühbürgerlichen Revolution, den Engels und die marxistische Geschichtswissenschaft herausarbeiteten, wird in Einzelereignisse aufgelöst oder mitsamt der entsprechenden Literatur ganz oder teilweise tot geschwiegen. 

Natürlich wird auch in der historischen Fachdiskussion Partei ergriffen. Differenzierte Urteile über einzelne Ereignisse, auch im Licht späterer Nachwirkungen (im Sinne einer dialektischen Entwicklung), sind selbstverständlich notwendig. 

Eine ganz andere Frage ist allerdings, was es 500 Jahre später von wem zu feiern gibt. „Wer Gaispeters knitzen Humor bedenkt, der weiß, einen Sieg hätte er kräftig gefeiert," meinen die Veranstalter eines Dorffestes in Beutelsbach. 

Es war (leider) eine Niederlage, aber gut. Doch was soll es, wenn in der Remstal-Ausstellung ein Bogen geschlagen wird von der angeblichen „ersten europäischen Demokratiebewegung" und „medial inszenierten Großaktion" zu „kleinen Gesten und Aktionen im Alltag, die der wahren inneren Haltung der Betroffenen Ausdruck verleihen. …Zivilcourage im Alltag, Auflehnen gegen Ungerechtigkeit, Eintreten für Mitspracherecht und Gestaltung ihres persönlichen, bürgerlichen und politischen Umfelds." Mehr soll der „Arme Konrad" nicht gewesen sein? Sollen wir also durch Übernahme von Ehrenämtern Kommunen und Staat finanziell entlasten und deren Aufgaben übernehmen? Wenn gefragt wird nach „Geschichten, die den Gedanken des Bauernaufstands des Armen Konrad aufgreifen: das Richtige tun, auch wenn Gesellschaft und Politik das Gegenteil vermitteln, und bereit sein, seinen guten Ruf oder gar sein Leben zu riskieren" – meint man damit den antifaschistischen Widerstand, auch von Kommunist/ inn/ en, oder die Bereitschaft zu künftigen Kriegseinsätzen? „Die engen Verhältnisse, der Kampf um das tägliche Brot, ein von strikten Regeln bestimmter Alltag haben mit der heutigen Wohlstandsgesellschaft nichts zu tun" – sehen das die in Arbeitslosigkeit und Armut gedrängten Hartz-IV-Abhängigen auch so? Nicht fehlen darf platte Reklame für das angeblich „demokratisch legitimierte" Wahnsinnsprojekt „Stuttgart 21", das unter der durch Proteste an die Regierungsmacht gekommenen „grün-roten" Landesregierung, von ihr nun gegen weitere anhaltende Proteste durch gezogen werden soll. Für aktuelle Legitimationsbedürfnisse muss vor allem der „Tübinger Verrat" vor 500 Jahren her halten, wenn er von heutigen grünen Politikern zum „Anfang vom Ende der Fürstenwillkür" (1514!), geradezu zu einer Wiege der Demokratie hochstilisiert und die „Elite-Familie" des 1517 hingerichteten Tübinger Vogts hofiert wird. Die mit der Niederschlagung des Armen Konrads im Remstal erkauften „verbrieften Freiheitsrechte" (die ohnehin nicht die der breiten Masse der Bevölkerung waren) nützen gar nichts, wenn sie von den Herrschenden mit Füßen getreten werden. 

Es wäre aber völlig verkehrt, diese Erinnerungskultur bürgerlichen Kräften zu überlassen. „In jeder nationalen Kultur gibt es", erinnerte Lenin 1913, „seien es auch unentwickelte Elemente einer demokratischen und sozialistischen Kultur, denn in jeder Nation gibt es eine werktätige und ausgebeutete Masse, deren Lebensbedingungen unvermeidlich eine demokratische und sozialistische Ideologie erzeugen." Zu deren Entwicklung heute beizutragen, ist eine unserer Aufgaben als DKP. Da haben auch solche Ereignisse wie der „Arme Konrad" ihren gebührenden Platz. 

1 Das Remstal ist ein 78 km langes Flusstal östlich von Stuttgart. Die Rems entspringt in der Nähe von Aalen. Sie fließt über Schwäbisch Gmünd, Schorndorf, das heutige Weinstadt (zu dem Beutelsbach gehört) bis kurz hinter Waiblingen und mündet in den Neckar. Damals wie heute war vor allem das Untere Remstal stark geprägt vom Weinbau. 

2 eine Art Verbrauchersteuer 3 Andreas Schmauder u. Wilfried Setzler: Vor 500 Jahren: Württemberg im Aufstand. Der Arme Konrad und der Tübinger Vertrag von 1514. In: Schwäbische Heimat, Heft 1, 2014 4 http://www.weinstadt.de/Armer-Konrad- 2014  

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