Kampf um die Weltherrschaft  

Vor 100 Jahren entfesselten die imperialistischen Hauptmächte den Großen Krieg – seine erste Etappe  

Von Klaus Wagener  

In: unsere zeit online vom 15.08.2014 

 

„Mitten im Frieden überfällt uns der Feind", hatte der blitzende Hohenzoller behauptet. Zu diesem Zeitpunkt, am 6. August 1914, beschossen die deutschen Kanonen schon die Festungen von Lüttich. Belgien hatte die ersten Massenerschießungen von Zivilisten erlebt. Das ebenfalls neutrale Luxemburg war schon am 2. August besetzt worden. Die Zerstörung belgischer Städte durch das Deutsche Heer war der Vorbote des Kommenden. Von einem feindlichen Überfall auf das Reich, „mitten im Frieden", konnte natürlich keine Rede sein. Die Rede des Hohenzollern „An das deutsche Volk!" war ebenso eine Propagandalüge wie die seines braunen Nachfolgers, der nur 25 Jahre später behaupten sollte: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen." Die Vorstellung eines Überfalls, eines Weltkrieges aus heiterem Himmel, ist natürlich ebenso eine Fiktion wie die nachgereichten „Erklärungen" eines „Hineinschlitterns" (David Lloyd George) oder die der „Schlafwandler" (Christopher Clark). Wie Fritz Fischer („Griff nach der Weltmacht") darlegen konnte, wusste man an den entscheidenden Stellen schon sehr genau, was man tat. Um die Entscheidung zu einer derart komplexen und umfassenden Operation wie die Entfesselung des 1. imperialistischen Krieges aber überhaupt treffen zu können, bedurfte es des Vorhandenseins elementarer Voraussetzungen. Auf der militärischen Ebene langfristiger, detaillierter Planungen, eines effektiven militärischen Trainings großer Armeekorps, militärisch ausgerichteter Infrastruktur, wie die einer strategisch ausgerichteten Verkehrsinfrastruktur. Auf der Bewusstseinsebene der Schaffung eines wirksamen Propagandaapparates, und als wichtigstes des Aufbaus eines kompetitiven militär-industriellen Komplexes plus der dazugehörenden Sicherung der strategisch erforderlichen personellen, finanziellen und nicht zuletzt auch der kriegswichtigen Rohstoffressourcen. 

Die Entscheidungen in der Julikrise sind ohne ihren handlungsleitenden strukturellen Hintergrund nicht denkbar. Will man dennoch von politischen Richtungsentscheidungen reden, so liegen sie mehr als 20 Jahre vor dem August 1914. 

Das Ende der „Saturiertheit" Ausgangspunkt für die militärischen Planungen war auf der politischen Ebene das Zerbrechen des Bismarckschen Bündnissystems Mitte bis Ende der 1880er Jahre. Besser gesagt, der Torpedierung dieses Systems. Bismarck steht für die Phase der militaristischen Reichseinigung von Oben, der Verpreußung Deutschlands und dessen innerer Stabilisierung. 

Sein Bündnissystem sollte äußere Bedrohungen (Zweifrontenkrieg) abwehren, aber keine eigenen Ansprüche aufbauen: „Das Deutsche Reich ist saturiert." Seine Nachfolger hingegen wollten den Zweifrontenkrieg nicht mehr vermeiden, sondern gewinnen. 

Als 1890 die Verlängerung des deutsch-russischen „Rückversicherungsvertrages" an der hartnäckigen Weigerung des Reiches scheiterte, zerfiel der Versuch die Interessen der europäischen Großmächte vertraglich auszubalancieren. Die stürmische industrielle Entwicklung des Reiches ließ Bismarcks „Saturiertheit" vergessen. 

Der zackige Kaiser, der personalisierte Ausdruck des neureich gewordenen Zweiten Reiches wollte mit einer „Politik der freien Hand" den „Platz an der Sonne" erobern. Konsequenterweise entstanden nun auf der (selbstredend ebenso imperialistischen) Gegenseite die entgegengesetzten Bündnissysteme (Zweiverband, Entente cordiale, Triple entente) mit der logischen Zielstellung, einer Expansion des Reiches entgegen zu treten. 

Die entsprechenden militärischen Planungen des „Großen Generalstabs" begannen Ende der 1880er Jahre noch unter dem preußischen Generalstabschef Helmuth Karl Bernhard von Moltke. Der Expansionismus der Mittelmächte (wie später der des „Antikomintern- Paktes" 1936 ff.) agierte aus einer Position strategischer Unterlegenheit. 

Der große Teil der Donaumonarchie war agrarisch geprägt, die Industrialisierung Deutschlands war zwar stürmisch, aber nachholend. 

Die etablierten Mächte England und Frankreich hatten die Welt, die Märkte und Ressourcen unter sich aufgeteilt. 

Die Mittelmächte hatten nicht nur ein Macht- und Volumen-, sondern auch ein Zeitproblem. Sie waren nicht nur in fast jeder Hinsicht quantitativ kleiner, sondern sie kamen auch zu spät und ihnen lief, mit der Industrialisierung Russlands, die Zeit davon. Je länger man wartete, umso ungünstiger die Bedingungen, so die Kalkulation der Generale. 

Der Zwang zum Blitzkrieg Der ältere Moltke befürwortete schon 1887 dringend einen „Präventivkrieg" gegen Russland. Auch sein Nachfolger Alfred von Waldersee (1888–1891) wollte mit der Donau-Monarchie gegen Russland ziehen und mit den zurückgehaltenen zwei Dritteln der deutschen Kräfte später auch das französische Heer zerschlagen. Waldersees Nachfolger Alfred von Schlieffen (1891–1905) radikalisierte das deutsche Expansions- Konzept und kehrte es gewissermaßen um, zu einem Angriffskrieg zunächst gegen Frankreich, dessen strategisches Rückgrat ein Überfall, eine Besetzung und ein schneller Durchmarsch durch das neutrale Belgien bildete. Da das russische Heer zur vollständigen Mobilisierung einen relativ langen Zeitraum benötigte, sollte das französische Heer in einer Zangenbewegung schnell zerschlagen und die Hauptmacht des Deutschen Heeres danach auf dafür angelegten strategischen Bahnen nach Osten transportiert werden, um die dort stationierten relativ schwachen Kräfte zu einem Angriff gegen die zaristische Armee rechtzeitig verstärken zu können. 

Unabdingbar blieb in diesem Konzept aber die Neutralität Englands, letztlich auch der USA. Ohnehin eine luftige Wette, aber durch das Tirpitzsche Flottenprogramm wurde diese Spekulation auf Britanniens „Splendid Isolation", dem von Disraeli und Cecil begründeten Kolonialimperialismus bei gleichzeitiger zentraleuropäischer Bündnisneutralität, von eigener Hand versenkt. Der britische Imperialismus musste sich von der deutschen Seerüstung in seinen Interessen spätestens seit der Marokkokrise existentiell bedroht sehen. (Was ja letztlich auch Ziel der Veranstaltung war). Das Zweite Reich rüstete de facto für einen Dreifrontenkrieg; den zu gewinnen allerdings alle Voraussetzungen fehlten. 

Schon hier ist zu erkennen, der (alles andere als schlafwandlerische) Drang, aus einer Position der strukturellen Unterlegenheit zu einer militärisch erzwungenen Expansion zu kommen mündet zwangsläufig ideologisch in zynischem Irrationalismus und politisch-militärisch in menschenverachtendem Abenteurertum. Um zum Erfolg kommen zu können, musste der „Feind" möglichst blitzartig überraschend überfallen werden, bevor er seine Kräfte entfalten konnte. Der Zeitfaktor bekommt überragende Bedeutung. 

Der Kriegsausgang wird abhängig von der Geschwindigkeit. Das Blitzkriegskonzept liegt, aufgrund der technischen Möglichkeiten zwar noch unterentwickelt, schon dem Schlieffenplan zugrunde. Noch sind zu Lande die Eisenbahn, die Artillerie und die gedrillten Millionenheere das Maß der Dinge. Noch glaubt der „Große Generalstab" hier im Vorteil zu sein. 

Sarajewo Kriegsanlass war, wie fast immer, ein relativ unbedeutendes Ereignis: Das Attentat auf den jagdbesessenen Habsburger Franz Ferdinand und seine Gattin. 

Nach dreiwöchigen Debatten war man in Wien, die erforderliche Rückendeckung aus Berlin war inzwischen eingetroffen, zu einem ultimativen Forderungskatalog an Belgrad gelangt, der unter anderem eine Untersuchung des Attentats auch durch k. u. k.-Beamte verlangte. Dieses Rambouillet des Jahres 1914 konnte und wollte die Regierung des serbischen Königs Alexander I. Karadorgevic nicht unterzeichnen. 

Damit war der casus belli geschaffen. 

Es konnte endlich losgehen. 

Innerhalb weniger Tage (1.–6. August 1914) hatten sich auch die an den Ereignissen in Sarajevo völlig unbeteiligten europäischen Hauptmächte den Krieg erklärt. Wegen angeblicher Bündnisverpflichtungen (die im Zweifel natürlich niemanden interessiert hätten). Die Deutsche Führung ergriff entsprechend ihrer langjährigen Vorbereitungen die Initiative: Das Deutsche Heer marschierte durch Luxemburg und Belgien Richtung Paris. Das alles hatte mit Franz Ferdinand und Gavrilo Princip natürlich nicht das Geringste zu tun. Aber nun waren die in Jahrzehnten aufgerüsteten und auf Kadavergehorsam gedrillten Mordmaschinerien von der Kette. Das große Schlachten hatte begonnen. 

Kriegsziele Die leichten Erfolge gegen das weit unterlegene Belgien und die Anfangserfolge im wenig befestigten Norden Frankreichs steigerten die Siegeseuphorie. 

Krupps „Dicke Bertha" hatte den nichtarmierten Beton der älteren belgischen und französischen Sperrforts spektakulär durchschlagen. 

Anfang September war die deutsche 1. Armee nur noch 60 km von Paris entfernt. Die Regierung Poincaré nach Bordeaux geflüchtet. Im Osten war die russische 2. Armee bei Allenstein (später zu Propagandazwecken in Schlacht bei Tannenberg umgetauft) und zwei Wochen später die 1. Russische Armee an den Masurischen Seen vernichtend geschlagen worden. Der „Platz an der Sonne" schien in greifbarer Nähe. 

Es war der Zeitpunkt gekommen Tacheles zu reden. Zumindest intern. 

„Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich", hatte der Hohenzoller erklärt, „wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross." Nun, was da jetzt kurz vor Paris passierte, ließ sich kaum noch mit „wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross" beschreiben. 

Was war es also wirklich, was man mit diesem Krieg wollte? Die Situation geriet zu einer Art „Wünsch dir was!" der verschiedenen Pressure-Groups. 

Kriegsziel-Programme schossen wie Pilze aus dem Boden. Reinhard Opitz gibt in seinem Dokumenten-Band „Europastrategien des deutschen Kapitals 1900–1945" einen guten Überblick. Allein die „Kriegsdenkschrift" des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, mit ihren detaillierten Annexionsplänen umfasst mehr als 40 Seiten. Eines der weitestgehenden „Programme" stammt von August Thyssen, der, das Programm des faschistischen zweiten Versuchs vorwegnehmend, forderte, „nach dem Kaukasus und Kleinasien (zu) kommen, um England in Ägypten und Indien, wenn erforderlich, erreichen zu können." Am 9. September 1914, auf dem Höhepunkt der Schlacht an der Marne, formulierte der Reichskanzler, Theobald von Bethmann Hollweg die Kriegsziele der Reichsregierung in einem 6-Punkte-Programm, dessen (im Kriegsverlauf variierter) Expansionismus sich im Westen gegen den Norden Frankreichs, sowie Belgien, Luxemburg und die Niederlande richtet. Im Osten (noch relativ unklar) gegen das Baltikum, Polen und Russland. Darüber hinaus sei die „Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreichs anzustreben", das in manchen Vorstellungen etwa vom Senegal bis Madagaskar reichte. Dazu kam die „Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes". Mitglieder sollten sein Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich- Ungarn, Polen und eventuell Italien, Schweden und Norwegen. „Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren." Damit war nun zur offiziellen Regierungspolitik erhoben, was seit langem in den strategischen Zirkeln der herrschenden Klasse wie dem Centralverband deutscher Industrieller, dem Alldeutschen Verband, dem Deutschen Flottenverein, bei Deutschkonservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen und anderen Expansionisten diskutiert wurde. 

Geostrategie Der Wiener Kongress hatte 1815 den deutschen Partikularismus zwar etwas übersichtlicher gestaltet, aber keineswegs abgeschafft. In der Europäischen „Pentarchie", der Großmächte Frankreich, Russland, Österreich, England war Preußen der durch das Kriegsglück der Befreiungskriege aufgestiegene, ansonsten etwas minderbemittelte Newcomer. 

Spezifika wie der Dreißigjährige Krieg und die Bauernkriege hatten im Zentrum Europas lange die Herausbildung eines industrie- und kapitalismusförderlichen Zentralstaates, wie in England und Frankreich, verhindert und stattdessen den reaktionären Marsch in die Re-Feudalisierung einer „zweiten Leibeigenschaft" befördert. Vor dem Hintergrund einer nachholenden Industrialisierung wurde für die herrschenden Kreise die Beendigung des damit verbundenen machtpolitischen Vakuums in der Mitte Europas zu einer gewissen Strukturnotwendigkeit. Und damit Gegenstand der strategischen, pangermanistisch und antisemitisch geprägten Debatten. Paul de Lagarde hatte schon 1853 für ein Deutschland, das es da noch gar nicht gab, unter anderem gefordert: „… dass Russisch-Po- len im Osten, und zwar über die Weichsel hinaus bis an die Pinsker Sümpfe, Elsass und das gesamte Lothringen östlich von den Argonnen zu Deutschland zu ziehen sein wird." Im Verlauf des stürmischen ökonomischen und militärischen Wachstums gerieten immer weitergehende Gebietsforderungen, schließlich die Vorherrschaft in Europa, letztlich die Weltmachtposition (auf Augenhöhe mit England und den USA) ins Visier. 

Diese Ambitionen des Deutschen Reiches waren nun keineswegs etwas Besonderes. Wie alle Großen Reiche seit der Antike waren auch die imperialistischen Mächte der Neuzeit ausnahmslos durch Krieg, Raub, Unterdrückung, Betrug und Sklaverei entstanden. 

Der Leuchtturm der Freiheit, die USA, hatte sein Territorium mit Völkermord und seine dominante Machtposition durch eine allenfalls noch von Rom übertroffene Serie von Kriegen erobert. Eine Serie, die bis heute anhält. 

Bei den Kolonialimperien Frankreichs und Englands war es kaum anders, auch Russland, selbst immer wieder Objekt von Eroberungszügen, wuchs durch zahllose Kriege aus dem Moskauer Großfürstentum Iwans III. 

zu einem Dritten Rom, einer kontinentalen Vormacht von Preußen bis Kanada. 

Das Besondere an den deutschen Ambitionen war, dass sie unter den Bedingungen des entwickelten Kapitalismus gegen die ebenfalls hochgerüsteten übrigen Mitglieder des imperialistischen Wolfsrudels ins Werk gesetzt werden mussten und nicht, wie üblich, „heldenhaft" gegen weit unterlegene Völker mit Holzspeeren erkämpft werden konnten. Die Leitwölfe hatten ihre Beute, die Welt, weitgehend unter sich aufgeteilt und verspürten wenig Neigung davon etwas herauszurücken. 

Ganz im Gegenteil. Auch die imperialistischen Entente-Mächte versuchten natürlich ebenfalls den Krieg zum Ausbau ihrer Positionen zu nutzen. Wie Berlin sich die strategische Schwächung Frankreichs zum Ziel gesetzt hatte, so hatte auch Frankreich sich die strategische Schwächung Deutschlands zum Ziel gesetzt. Konkret die „Repatriierung" Elsass-Lothringens, die Annexion des Saarlandes, der linken Rheinseite sowie die Zerschlagung der Reichseinheit in unabhängige Staaten. Das Ziel Englands, bestand nun darin, aus diesem kontinentalen Konflikt ein gegenseitiges Neutralisieren der europäischen Zentralmächte im Hinblick auf die eigenen überseeischen Ambitionen zu gestalten. Zentral war dabei das Interesse Englands sich Teile des taumelnden Osmanischen Reiches vor allem im Nahen Osten (Sykes-Picot-Abkommen 3. Januar 1916) unter den Nagel zu reißen. 

In Afrika und Übersee führte es Eroberungskriege gegen die kaum zu verteidigenden deutschen Kolonien wie Togo, Kamerun und Deutsch-Süd- West. Russland wollte sich den Zugang zum Mittelmeer, Konstantinopel, den Bosporus und die Dardanellen sichern. 

Hier kreuzten sich allerdings seine Interessen mit denen des British Empire, welches global möglichst alle strategischen Meerengen kontrollieren wollte und dem ein Ausgreifen des russischen Konkurrenten in den Mittelmeerraum ein Dorn im Auge war. In den USA drängte vor allem das in die Finanzierung der Entente-Mächte engagierte Finanzkapital (speziell J. P. Morgan) zum Krieg. Wall Street witterte die Chance, sich neben London und Paris als die globale Finanzmetropole zu etablieren und in Europa neue Absatzmärkte zu erobern. 

Mit dem Eintritt des Osmanischen Reiches am 12. November 1914 in den Krieg, an der Seite der Mittelmächte, schossen in Berlin die Phantasien erst recht ins Kraut. Die von den Jungtürken entwickelte elitär-rassistische Expansions- Ideologie eines Panturkismus oder Panturanismus (analog zu Pangermanismus, Panslawismus oder Zionismus), verbunden mit dem aktuellen, gewissermaßen panislamistischen Aufruf zum Dschihad, stellte ein offen expansionistisches Konzept zur Eroberung und Annexion weiter Teile Kaukasiens und Zentralasiens (Iran, Afghanistan) dar. 

Als strategischer Verbündeter dieses expansiven Großreiches (Deutschland modernisierte seit den 1890ern die Bewaffnung und stellte eine umfangreiche Militärmission bis hin zum türkischen Generalstabschef) hofften die Berliner Strategen bis Ägypten und letztlich bis Indien ausgreifen zu können. Gewissermaßen die alte geostrategische Phantasmagorie eines zentralen eurasischen Großreiches (etwa analog der Heartland- Theory Halford Mackinders) realisieren und so das britische Weltreich über Land aus den Angeln heben zu können. 

Kriegstechnik und Kriegsverlauf „Kein Plan überlebt die erste Feindberührung", hatte der ältere Moltke gewarnt. Mit der französischen Gegenoffensive am 6. September war der Überraschungseffekt aufgebraucht, der Vormarsch gestoppt und der Schlieffenplan kurz vor Paris ebenso gescheitert, wie der zweite Versuch 27 Jahre später vor Moskau scheiterte. Auf der operativen Ebene fehlten die erforderlichen Offensivmittel, um einen weiteren Vormarsch erzwingen zu können. Die gegenseitigen Angriffe blieben im Stacheldraht und im MG-Feuer stecken. 

Auch die massierte Artillerie-Vorbereitung erbrachte keine effektive Ausschaltung der gegnerischen Abwehrkräfte. 

Wenige MG-Schützen reichten in der Regel, um den weitgehend ungedeckten Angriff der Infanterie zu stoppen. 

Die Armeen gruben sich im Westen in die Gräben ein, aus denen sie bis zum Kriegsende kaum noch, und wenn, dann nur unter Inkaufnahme Tausender Toter, hinaus kamen. Strategisch war der Ausgang des Krieges damit wieder zu einer Frage der Menschen- und Materialressourcen geworden. Hier waren die Entente-Mächte, auch vor Kriegseintritt der USA, drückend überlegen. 

Dass von deutscher Seite dennoch weiter gekämpft wurde und Millionen sinnlos sterben mussten (sinnlos war das Sterben in diesem Krieg im humanen Sinne von vornherein. Ab Ende 1914 war es das selbst im militärischen Kalkül), legt den zynisch-brutalen Antihumanismus des deutschen Militarismus auch gegen die so gefeierte „eigene Nation" offen. Ein Zynismus, wie er 1945 im Kampf bis zum buchstäblichen letzten Mann vor der Reichskanzlei seinen extremen Ausdruck finden wird. 

Die Lage zur See gestaltete sich für die Mittelmächte noch unerfreulicher. 

Seit 1897 hatte die Aufrüstung der Deutschen Kriegsflotte mit Alfred von Tirpitz einen energischen Propagandisten bekommen. Das Wettrüsten zur See mit immer größeren Schlachtschiffen, das nun – neben der Aufrüstung zu Lande – einsetzte, brachte das Reich an den Rand seiner finanziellen Möglichkeiten. Dennoch konnte keines der konzeptionellen Ziele, die von Tirpitz propagiert worden waren, erreicht werden. Die Flotte blieb ein teurer Torso. 

Die Royal Navy konnte erfolgreich ihre Blockade der Mittelmächte in der Nordsee durchsetzen. Die Skagerrak- Schlacht (31. Mai – 1. Juni 1916), obwohl für die deutsche Seite – relativ – glücklich ausgegangen, konnte die Dominanz der Grand Fleet nicht brechen. Die kaiserliche Flotte wagte danach keine Entscheidungsschlacht mehr. Auch der „UBoot- Krieg" brachte, obwohl neben den unbewaffneten Handelsschiffen auch einige britische Kriegsschiffe spektakulär versenkt wurden, keine Änderung der Lage. Nach Versenkung der „Lusitania" und der „Arabic" (1915) begann man in Berlin einzusehen, dass sich die Ergebnisse des „unbeschränkten U-Boot-Krieges", im Hinblick auf die USA eher kontraproduktiv gestalten würden. Die Blockade blieb. In Deutschland verhungerten im 1. Weltkrieg etwa 800 000 Menschen. Das Flottenprogramm erwies sich als der wohl grandioseste Fehlschlag des weltmachtsüchtigen deutschen Militarismus. 

Der Krieg im Osten förderte im Verlauf die inneren Schwächen des Zarismus und der Donaumonarchie immer mehr zu Tage. Die Mittelmächte konnten zwar im Osten erhebliche Geländegewinne (Baltikum, Polen, Belorussland, Rumänien) erzielen, doch nur bei massiver Unterstützung des unter den hohen Verlusten immer mehr zusammenbrechenden habsburgischen Bündnispartners durch deutsche Einheiten und Kommandostrukturen. Was eine immer stärkere Verpreußung des gesamten Ostfeldzuges zur Folge hatte. 

Der Vorteil der Mittelmächte bestand darin, dass der Zarismus sich offenbar noch stärker in Auflösung befand als die Donaumonarchie. Trotzdem kam die Oberste Heeresleitung (OHL) nicht umhin, auch unter Inkaufnahme einer Schwächung der Westfront, mehr Truppen als geplant nach Osten zu verlegen. 

Die (relativen) Erfolge im Osten führten zu einer gewissen Umkehr des strategischen Ansatzes: In der OHL hoffte man nun zuerst Russland ausschalten zu können und dann im Westen mit ganzer Kraft siegreich zu sein. Im Osten konnte man zu kriegswirtschaftlich wichtigen Erfolgen kommen (beispielsweise rumänisches Erdöl). Dieser Ansatz hatte das geostrategische Denken (Lebensraum) schon lange geprägt. 

Auch im Südosten sah es zunächst für die Mittelmächte relativ erfolgreich aus. Der von Winston Churchill 1915 forcierte Versuch von mehr als einer halben Million Briten, Franzosen, Australiern und Neuseeländern (ANZAC), über die Dardanellen nach Konstantinopel vorzustoßen, scheiterte nach einem Landungsunternehmen auf der Halbinsel Gallipoli auf der ganzen Linie. Nach dem Verlust von etwa 150 000 Toten und Verwundeten musste die Invasionsarmee evakuiert werden. 

Trotz der großen eigenen Verluste von etwa 200 000 Toten und Verwundeten beflügelte der Sieg die osmanischen Kräfte. Aber die Erfolge in Mesopotamien konnten nicht verdecken, dass die von deutscher Seite geforderte Einnahme des strategisch wichtigen Suez-Kanals außerhalb der osmanischen Möglichkeiten lag. Von einer Expansion in Richtung Zentralasien/Indien erst gar nicht zu reden. 

Der relativ größte „Erfolg" der Mittelmächte ergab sich aus dem Ausscheiden Russlands aus dem Krieg. Die Bolschewiki hatten mit der alten sozialdemokratischen Forderung ernst gemacht. 

Die Krise des imperialistischen Kriegs zur Abschaffung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu nutzen. 

Nun galt es das Versprechen auf Frieden, Brot und Land zu realisieren. Eine allgemeine Friedenskonferenz war nicht zu erreichen. Die Burgfriedenspolitiker der SPD hielten ihre Kumpanei mit dem deutschen Imperialismus auch nach dem Roten Oktober aufrecht. 

Daher konnte der deutsche Generalstab, speziell Erich Ludendorff, den Bolschewiki in Brest-Litowsk einen Raub-Frieden diktieren, der dem Land ein Viertel seines europäischen Territoriums, ein Drittel seiner Bevölkerung und drei Viertel seiner Kohlegruben und seiner Eisenindustrie kostete. 

Damit waren die Annexionspläne der OHL noch lange nicht erfüllt. Nur die katastrophale Lage im Westen bewahrte den Roten Oktober vor dem Erwürgtwerden in der Wiege. 

Ergebnisse „Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt", hatte Friedrich Engels schon 1887 prophezeit. 30 Jahre später hatten rund 65 Mio. Soldaten nicht nur Europa verwüstet. Es mussten 17 Millionen Tote aus aller Welt begraben werden. Von den geschwächten Überlebenden fielen mehr als 25 Mio. der Spanischen Grippe zum Opfer. Die Kronen lagen in Berlin, Wien, St. Petersburg und Konstantinopel auf dem Pflaster. Die feudalen Dynastien, welche die europäische Geschichte Jahrhunderte bestimmt hatten, waren Geschichte. 

Die gesamten direkten Kriegskosten werden auf rund eine Billion Goldmark (Deutschland etwa 200 Mrd.) beziffert. 

Die Zerstörungen und ökonomischen Folgen der Kriegswirtschaft nicht eingerechnet. Versailles verpflichtete das völlig bankrotte Deutschland auf Zahlung von zunächst 226 Mrd., 1921 reduziert auf 132 Mrd. Goldmark, plus Zinsen. Der vorinflationäre Reichshaushalt lag gerade bei zwei Mrd., die Reichsschulden dagegen bei 145 Mrd. 

Mark. Eine konventionell nicht lösbare Aufgabe. Hyperinflation – zusammen mit den Gebietsabtretungen und verlorenen Kolonien – Stoff, aus dem Revancheträume geschmiedet werden. 

Die Gewinner England, Frankreich und Italien sind teilweise wesentlich mehr verwüstet als der Verlierer Deutschland. Die Länder leiden unter dem Mord an einer ganzen Generation. 

Vor allem in Belgien und Frankreich, wo die Hauptkräfte eingesetzt wurden, gibt es furchtbare Zerstörungen. 

Ein Konflikt, der 1923 zur Besetzung des Ruhrgebietes führt. 

Die eigentlichen Gewinner des Krieges saßen außerhalb des Kriegsgebietes, in Übersee. Japan konnte seinen Aufstieg zur regionalen Vormacht vor allem mit einem Kolonialanspruch in China befestigen. Das US-Finanzkapital, schon früh in der Kriegsfinanzierung und (Kriegs-)Güterversorgung vor allem der Ententemächte engagiert, konnte jetzt auch auf dem europäischen Kontinent, im Zentrum der etablierten, nun bei der Wall Street verschuldeten Großmächte Fuß fassen. Die von Wall Street forcierte (gerade rechtzeitige) Durchbrechung des US-amerikanischen Isolationismus im ersten Weltkrieg legte den Grundstein zum Aufstieg der USA als führende Industrie- und Finanzmacht, nach dem 2. Weltkrieg, in Ablösung/ Kooperation mit dem britischen und französischen Imperialismus zur globalen Supermacht, und nach 1989 zur „Einzigen Supermacht". 

H „Es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!" hatte der ältere Moltke gewarnt. Diejenigen, welche die Katastrophe des I. Weltkriegs inszeniert hatten, waren weit davon entfernt es mit Versailles bewenden zu lassen. 

„Eine große Armee, wie jede andre große gesellschaftliche Organisation, ist nie besser, als wenn sie nach einer großen Niederlage in sich geht und Buße tut für ihre vergangenen Sünden", hatte Friedrich Engels geschrieben. Das hieß für die deutschen Generäle mehr Offensivkraft, mehr Panzer und Flugzeuge, Radikalisierung des „Hindenburg-Programms" zum totalen Krieg. Für die Lebensraumtheoretiker: rassistische Vernichtung zur eigenen Bereicherung (Arisierung) und zur Beherrschung des Raumes (Generalplan Ost). Auch hier lagen die Muster (Genozid an den indigenen Völkern Amerikas, an den Herero und Nama und an den Armeniern) längst vor. „Der Kaiser ging, die Generäle blieben" (Plievier), und Buße wollten die ganz gewiss nicht tun. Der zweite Teil des Kampfes um die Weltmacht endete, das Grauen des ersten weit in den Schatten stellend, genau da, von wo 30 Jahre zuvor die deutsche Jugend so beigeistert zum großen Morden losgeschickt worden war. 

„Der Krieg mag uns vielleicht momentan in den Hintergrund drängen" so Engels an „die Fürsten und Staatsmänner" gewandt, „mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie die Mächte entfesselt haben, die Sie dann nicht wieder werden bändigen können, so mag es gehn wie es will: am Schluss der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich." Die Gründung der II. 

Internationale stand unmittelbar bevor. 

Engels war überaus optimistisch. Zu optimistisch. 

Der Sieg des Proletariats, das historisch wohl bedeutendste Ergebnis des Ersten Weltkriegs, fiel zusammen mit einem ebenso historischen Erfolg des Imperialismus: Der (voläufig) dauerhaften Spaltung der Arbeiterbewegung in Reformisten und Revolutionäre. 

Aus der zunächst kleinen Splittergruppe um Bernstein war die dominante Strömung der westeuropäischen Arbeiterbewegung geworden. 

Zwar glaubte der deutsche Faschismus auf ihre organisatorische und weltanschauliche Kraft im Kampf gegen den Roten Oktober verzichten zu können. 

Ohne Erfolg. Dafür bediente sich der US-Imperialismus – nach kurzer Bedenkzeit – ihrer umso intensiver. Mit Erfolg. 

„Am Grunde der Moldau wandern die Steine …". Es ist kein sozialdemokratisches Jahrhundert geworden. Der Kapitalismus steckt wieder in einer „Jahrhundertkrise". Der Ruf nach der militärischen Lösung wird wieder lauter. 

Die Sozialdemokratie ist wieder an Bord. Manche lernen nie. 

 

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Tenno gegen Kaiser  

Am 23. August 1914 erklärt Japan auf Drängen Großbritanniens dem Deutschen Reich den Krieg  

Alexander Bahar 

In: junge Welt online vom 23.08.2014 

 

Während der sogenannten Meiji-Restauration war es in Japan ab 1868 zu einer innenpolitischen Neuordnung des Landes gekommen, wobei der Kaiser (Tenno) in den Rang eines Gottes (Arahitogami) gehoben wurde. Als westliches Vorbild für dieses »neue« Japan diente das drei Jahre später gegründete Deutsche Reich, das von Reichskanzler Otto von Bismarck beinahe in Alleinherrschaft regiert wurde. Dieser sicherte den Japanern für die Neuordnung nach deutschem Muster seine volle Unterstützung zu. Der Umstrukturierung des japanischen Militärapparats nach preußischem Vorbild folgte 1885 eine Bildungsreform, ebenfalls orientiert am deutschen Modell. 

Als es schließlich darum ging, eine neue Verfassung für das japanische Kaiserreich auszuarbeiten, die 1889 proklamiert wurde, war es wiederum das Deutsche Reich, dessen Verfassung Pate stand. 

Zu einem Bruch in den guten deutsch-japanischen Beziehungen kam es 1895, als Deutschland gemeinsam mit Frankreich und Rußland die Rückgabe der von Japan nach dem Sieg im Chinesisch-Japanischen Krieg annektierten Liaotung-Halbinsel an China verlangte. Auf diese Weise wollte Berlin einerseits die japanische Aggressions- und Expansionspolitik eindämmen. 

Andererseits hoffte es, sich im Verbund mit anderen europäischen Mächten im Fernen Osten selbst Territorien aneignen und als international agierende Kolonialmacht etablieren zu können. 

Ein offizieller Vorwand hatte sich bald gefunden. Nach der Ermordung zweier deutscher Missionare gab Kaiser Wilhelm II. am 1. November 1897 den Befehl zur Besetzung der Kiautschou-Bucht auf der Halbinsel Shandong an der chinesischen Ostküste durch die kaiserliche Marine. In der Folge wurde China gezwungen, ein an der Bucht gelegenes Gebiet für 99 Jahre an das Deutsche Kaiserreich zu verpachten. Damit hatte sich der deutsche Wunsch nach einem Flottenstützpunkt für die Kaiserliche Marine zum Schutz der deutschen Kolonien im Pazifischen Ozean erfüllt. Berlin begann daraufhin, seinen Einfluß auf die restliche Provinz Shandong auszuweiten und baute den Hafen von Tsingtau, der zum Hauptstützpunkt des Ostasiengeschwaders der Kaiserlichen Marine wurde. In der deutschen Präsenz in China sahen vor allem die Briten eine Bedrohung ihrer Interessen auf dem asiatischen Festland. Das führte zu einer Annäherung an Japan, die am 30. Januar 1902 in die Anglo-Japanische Allianz mündete - in den Augen Tokios ein weiterer Schritt auf dem Weg Japans zur Weltmacht. 

Der Inselstaat hatte durch den Sieg im Russisch-Japanischen Krieg 1905 gegenüber den europäischen Großmächten enorm an Prestige gewonnen. Mit dem Sieg über Rußland hatte erstmals eine asiatische Macht eine europäische besiegt. Das erstarkte japanische Militär verlangte immer drängender nach einer Expansion des japanischen Einflußbereiches. Durch die Unterstützung Großbritanniens glaubte die Regierung unter Premierminister Okuma Shigenobu, auch die eigenen Militärs unter Kontrolle halten zu können. 

Nach dem Eintritt Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg am 4. August 1914 bat London auf der Grundlage des 1905 und 1911 erweiterten britisch-japanischen Bündnisvertrags um die Hilfe Japans. Die Beteiligung am Krieg auf seiten der Alliierten bot Tokio vor allem die Chance, den Deutschen ihre Besitzungen in China und im Stillen Ozean abzunehmen und sich für die durch Berlin erlittene Schmach zu rächen. Am 15. August 1914 stellte Japan dem Deutschen Reich ein Ultimatum. Danach waren alle deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern abzuziehen und der Hafen in Tsingtau an Japan zu übergeben. Als das japanische Ultimatum bekannt wurde, war die Empörung in der deutschen Öffentlichkeit groß: Tokios Schritt wurde als »Raubzug«, die japanische Politik als unaufrichtig, heuchlerisch und perfide verurteilt. Japan, so die weitverbreitete Meinung, habe allen Grund, den Deutschen dankbar zu sein für alles, was dem Land seit dem preußisch-japanischen Freundschafts- und Handelsvertrag von 1861 »Gutes getan« worden sei. Noch im August 1914 kam eine Propagandakampagne gegen Japan in Gang, die einerseits auf den japanischen »Volkscharakter« abzielte, der sich nunmehr »enttarnt« habe, anderseits das Land als von Großbritannien »verführt« darstellte. 

Nach Ablauf des Ultimatums am 23. August erklärte Japan dem Deutschen Reich den Krieg, und bereits ab dem 27. August begann die Belagerung Tsingtaus durch vereinigte japanische und britische Marineverbände. Am 7. November ergaben sich die deutschen Truppen gemeinsam mit ihren österreichisch-ungarischen Verbündeten, und die Stadt wurde unter »ehrenvollen« Bedingungen übergeben. Etliche Soldaten und deutsche Beamte wurden in der Folge in Japan interniert, die meisten deutschen Zivilisten aber konnten in Tsingtau bleiben und ihre Geschäfte fortführen. Bis Ende 1914 besetzten japanische Truppen auch die deutschen Kolonien (Marshall-, Karolinen- und Marianen-Inseln) im Pazifischen Ozean. Dem Verlangen von Briten und Franzosen, sich am Krieg in Europa zu beteiligen, versagte sich Tokio jedoch. 

Im Januar 1915 legte Japan der chinesischen Regierung 21 weitreichende Forderungen vor, in denen die japanischen Hegemonialansprüche gegenüber China und dem gesamten ostasiatischen Raum erstmals in aller Deutlichkeit formuliert waren. Obwohl die Forderungen, mit denen Japan umfassende wirtschaftliche und politische Vorrechte in China für sich reklamierte, dessen Umwandlung in ein halbkoloniales Land unter japanischer Herrschaft bedeuteten, sah sich die chinesische Regierung zum damaligen Zeitpunkt gezwungen, sie in weitem Umfang zu akzeptieren. Ein Jahr später, 1916, überließ China Japan auch seine Handelsrechte in der Inneren Mongolei und der südlichen Mandschurei. Während des weiteren Kriegsverlaufs bemühte sich die deutsche Diplomatie, die ehedem so guten Beziehungen zu Japan zu erneuern. Doch der deutsche Plan, mit Japan einen sogenannten Sonderfrieden auszuhandeln, scheiterte an den zu engen Bindungen zwischen Japan und Großbritannien. 

Im Ergebnis des Versailler Vertrages erhielt Japan nach Kriegsende vom Völkerbund die ehemals deutschen Marshall-, Karolinen- und Marianen-Inseln (mit Ausnahme von Guam, das an die USA ging) als Mandatsgebiete zugesprochen. Das von Deutschland gepachtete chinesische Kiautschou fiel ebenfalls an Japan, mußte aber aufgrund des chinesisch-japanischen Shandong-Vertrags, der am 6. Februar 1922 auf der Washingtoner Flottenkonferenz unter der Schirmherrschaft der USA und Großbritanniens unterzeichnet wurde, noch im selben Jahr an China zurückgegeben werden. Die Vereinbarung schloß neben der Übergabe von Shandong auch die Rücknahme der 21 Forderungen durch Japan sowie die Anerkennung der territorialen Integrität und Souveränität Chinas ein. Zugleich hatte sich Japan in Washington auf eine Begrenzung seiner Flottenstärke festlegen lassen. Trotz dieser »versöhnlichen« Gesten setzte Tokio seine imperialistische Interessenpolitik in China fort. Als bedrohlich wurde das insbesondere von der jungen Sowjetunion wahrgenommen, wo Japan im Bürgerkrieg auf seiten der »Weißen Armee« militärisch mit 70000 Mann interveniert hatte. 

Leo Trotzki über »die japanische Frage« 

Das Vorgehen Japans auf dem fernöstlichen Kriegsschauplatz hatte eine gewaltige Bedeutung für das Land. Mit der Einnahme von Tjingdau (Tsingtau - jw) erhielt Japan nicht nur ein Kolonialgebiet von 552 Quadratkilometer - es übernahm damit auch das gesamte deutsche Erbe in China. Mit Kiao-Tjau (Kiautschou - jw) hatte Deutschland den Schlüssel zur gesamten Provinz Schaudung (Shandong - jw) besessen. Durch eine geschickte und hartnäckige Politik hatte es die Eisenbahnkonzessionen im Inneren Chinas erhalten, die großen Flüsse kanalisiert und politischen Einfluß in Peking erlangt. All das geht nun an die Japaner über. (...) Im Süden werden die Engländer ihre Position festigen, im Norden werden die Japaner die Hausherren sein. Somit kann sich Japan schon jetzt nicht über seinen Anteil an den Kriegsgewinnen beschweren. Die im Prinzip minimalen militärischen Anstrengungen und Opfer eröffnen dem Land ungeahnte Möglichkeiten. Unter solchen Bedingungen ist wohl klar, daß die neuen Gewinne, um derentwillen Japan sich entschließen könnte, eine halbe Million seiner Soldaten in den Strudel des europäischen Krieges zu werfen, außerordentlich attraktiv und populär im Land sein müssen. Nicht umsonst gibt es Zeitungsgerüchte, die japanische Regierung fordere als eine der Kompensationen (...) Hamburg. Aber Hamburg befindet sich vorerst noch in deutscher Hand. 

Aus Kiewskaja Mysl, Nr. 6, 6. Januar 1915, zitiert nach: Leo Trotzki, Europa im Krieg, Mehring Verlag, Essen 1998, S. 42 f. 

 

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Marne und Tannenberg  

Das Scheitern des „Schlieffen-Planes" im Sommer 1914  

In: unsere zeit online vom 29.08.2014 

 

Das „Wunder an der Marne" und das „moderne Cannae" von Tannenberg sind Mythen der deutschen Militärgeschichte. 

An der Marne sei im Sommer 1914 der greifbare Sieg gegen Frankreich vergeben worden, bei Tannenberg habe sich zur gleichen Zeit die Überlegenheit der deutschen Kriegskunst erwiesen. 

Bis heute werden deutsche Offiziersschüler in dem Glauben erzogen, der 1. Weltkrieg sei wegen zufälligen Versagens der Obersten Heeresleitung verlorengegangen; vgl. das dreibändige Standardwerk „Grundkurs deutsche Militärgeschichte", hrsg. von Karl-Volker Neugebauer im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Im Zweiten Band des Werkes wird dem Generalstabschef H. v. Moltke d. J. vorgeworfen, er habe durch seine Entschlusslosigkeit an der Marne, „entscheidend zum Scheitern der deutschen Truppen beigetragen". 

Damit wird unterstellt, dass das Blitzkriegskonzept des „Schlieffen- Planes" von 1905 im Prinzip hätte funktionieren können. Danach sollte in einem kommenden Zwei-Fronten-Krieg zunächst Frankreich mit einem handstreichartig vorgetragenen Angriff unter Verletzung der Neutralität der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs geschlagen werden. Ein starker rechter Flügel (Kräfteverhältnis zum Restheer 7:1) sollte in wenigen Wochen Paris umfassen und dann Richtung Schweiz eindrehen. Die Masse des französischen Heeres wäre so eingeschlossen, aufgerieben oder zur Aufgabe gezwungen worden. Im Osten sollten relativ schwache deutsche Kräfte und der österreichisch- ungarische Verbündete das russische Heer zunächst hinhalten. Nach dem Sieg über Frankreich wollte man die Masse des deutschen Heeres nach Osten verlegen und auch diesen Gegner erledigen. Diesen Plan legte der damalige Generalstabschef Alfred von Schlieffen im Dezember 1905 vor – unmittelbar vor Ende seiner Amtszeit. Ihm folgte Moltke 1906 nach. Dieser modifizierte den bestätigten Plan bis 1914 in einigen Punkten. Ab 1908 bis 1913 wirkte daran auch Erich von Ludendorff, der spätere deutsche „Militärdiktator", als Leiter der Aufmarschabteilung des Generalstabes mit. 

Moltkes Modifikationen Der neue Plan sah von der Verletzung der niederländischen Neutralität ab, weil über den westlichen Nachbarn auch während des Krieges Waren eingeführt werden sollten (was bis 1916 auch der Fall war). Militärisch hatte das zur Folge, dass die starke belgische Festung Lüttich zu Kriegsbeginn in kurzer Zeit genommen werden musste. Nur so konnte sich das deutsche Heer zum Sturmlauf auf Paris entfalten. Eine weitere gravierende Abwandlung war die Veränderung des Kräfteverhältnisses innerhalb der deutschen Westfront – statt 7:1 hieß es nun 3:1. Elsass-Lothingen sollte auch vorübergehend nicht aufgegeben werden. 

Die militärische Mangelhaftigkeit des „Schlieffen-Moltke-Planes" erwies sich an drei Punkten. Zunächst gelang die Einnahme Lüttichs nur ganz knapp, die Besatzung der Festung war entgegen der deutschen Annahme bereits Anfang August auf Kriegsstärke. Auch im Osten war das russische Heer früher aufmarschiert, als der deutsche Generalstab angenommen hatte. Zum dritten gelang es letztlich nicht, Paris westlich zu umfassen. 

Krise im Osten Dramatisch wurde vorerst die Situation im Osten. Die in Ostpreußen stationierte 8. Armee drohte ab Mitte August 1914 von der 1. und 2. russischen Armee eingeschlossen und vernichtet zu werden. 

Als der kommandierende General v. Prittwitz die Aufgabe Ostpreußens und den Rückzug hinter die Weichsel vorschlägt, wird er am 22. August abgelöst. 

Kommandeur der 8. Armee wird der reaktivierte General Paul von Hindenburg, sein Stabschef ist Ludendorff. 

Innerhalb einer Woche wendet sich das Blatt im Osten. Die 8. Armee setzt den Vorkriegs-Plan der Obersten Heeresleitung um und kesselt die 2. russische Armee bei Tannenberg ein – das „neue Cannae". Später wird die 1. russische Armee an den masurischen Seen geschlagen. Der Sieg mit unterlegenen Kräften war nur möglich, weil die russische Heeresführung die Lage in besserer Position haarsträubend falsch beurteilte. 

Die russische Widerstandskraft jedoch war trotz hoher Verluste nicht gebrochen. Der militärische Wert des Sieges lag deshalb ausschließlich darin, dass das „Ostheer" nicht zusammenbrach und der Vormarsch im Westen fortgesetzt werden konnte. Allerdings mit geringeren Kräften, denn Moltke hatte insgesamt sechs Divisionen nach Osten geschickt. Die trafen erst ein, als Tannenberg schon entschieden war. 

Im Westen stand die Entscheidung bevor. Obwohl es nicht gelang, Paris westlich zu umfassen, waren die deutschen Truppen Anfang/Mitte September östlich der französischen Hauptstadt weit hinter die Marne vorgedrungen. 

Doch die deutschen Angriffsspitzen waren nach wochenlangem Vormarsch erschöpft. 1. und 2. deutsche Armee hatten keine Bindung mehr. Als die französische Armee und das britische Expeditionskorps zum Gegenangriff antraten, wurden die deutschen Truppen zurückgenommen. Es folgte der Versuch beider Heere, sich im Wettlauf zum Atlantik gegenseitig zu umfassen. 

Als das scheiterte, erstarrte die Westfront im Stellungskrieg. Das deutsche Blitzkriegskonzept war ein für allemal gescheitert. Die Rücknahme hinter die Marne war kein „Wunder" sondern blanke militärische Not. 

Ein untauglicher Plan Das Scheitern des Planes hat tieferliegende Ursachen, die mit der Anlage und dem imperialistischen Charakter der deutschen Kriegsführung zusammenhängen. 

Die Abkehr von der bismarckschen Rückversicherungspolitik gegenüber Russland erfolgte wegen hegemonialer deutscher Ziele gegenüber Südost-Europa. Der imperialistische deutsche Anspruch auf „einen Platz an der (Kolonial)-Sonne" wurde zum antagonistischen Widerspruch gegenüber den anderen imperialistischen Staaten. 

Die Erringung der Hegemonie auf dem europäischen Festland war Voraussetzung für alle weiteren Pläne. Insofern war eine Erneuerung der bismarckschen Politik nur unter Aufgabe der imperialistischen Pläne möglich. Hielt man daran fest, war der Zwei-Fronten-Krieg unausweichlich. 

Die militärische Antwort auf dieses Dilemma war der „Schlieffen- Plan" und das Blitzkriegskonzept. 

Der imperialistische Charakter deutscher Politik äußerte sich nicht zuletzt in der völkerrechtsverletzenden Missachtung der belgischen und luxemburgischen Neutralität. Die Hoffnung, dass die Geschichte dem Sieger recht geben werde, setzte auf das kurze Gedächtnis der Völker. Das war nicht nur trügerisch, sondern vor allem ein Verbrechen. 

Auch dies hätte dazu beigetragen, dass der Widerstand gegen die Pläne des Kaiserreiches bei einem vordergründigen Gelingen des Schlieffen-Planes nicht erloschen wäre. Ein untrüglicher Hinweis darauf ist die Niederlage des III. 

Reiches, das geschlagen wurde, obwohl Frankreich niedergeworfen wurde und ein Zweifronten-Krieg in den ersten Jahren des II. Weltkrieges vermieden wurde. 

Entscheidend in beiden Weltkriegen war letztlich, dass die Ressourcen der Entente bzw. der Alliierten, das Mehr an Menschen und Wirtschaftskraft, von Anfang an und zum Ende hin immer größer waren. Auch deswegen ist das deutsche Blitzkriegskonzept falsch und verbrecherisch. 

Schlieffen scheint sich ein Bewusstsein dafür erhalten zu haben. Angeblich soll er gefordert haben, sofort Frieden zu schließen, falls sein Plan scheitert. Doch wahrscheinlicher ist, dass er sich wie seine Nachfolger in zwei Weltkriegen damit kaum aufgehalten hätte. Fast 100 Millionen Menschen kostete dieser Ungeist das Leben. Adi Reiher  

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Blitzkrieg gescheitert

Geschichte. Weitreichende Folgen für den Ausgang des ersten Weltenbrands: Vor 100 Jahren verlor das deutsche Heer die Schlacht an der Marne

Martin Seckendorf

In: junge Welt online vom 05.09.2014

Mit der Krönung des Preußenkönigs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser am 18.

Januar 1871 im von deutschen Truppen okkupierten Versailles war eine neue kapitalistische Großmacht entstanden. Dem wilhelminischen Reich gelang unter Nutzung der Möglichkeiten eines bevölkerungsreichen Einheitsstaates und der Entwicklung von Naturwissenschaften und Technik (siehe jW-Thema vom 5.10.2013) ein bedeutender ökonomischer Aufschwung. Bald schon wurde es zum ernsthaftesten Konkurrenten Großbritanniens, der bis dahin führenden Industrie- und Handelsmacht (siehe jW-Thema vom 4.6.2014). Bei wichtigen Indikatoren für den Industrialisierungsgrad und die Produktionskraft verdrängte Deutschland England von der Spitzenposition. In den 1890er Jahren war hierzulande der Kapitalismus der freien Konkurrenz durch den Monopolkapitalismus abgelöst worden. Gestützt von großen Banken entstanden nun Unternehmenskomplexe. Diese verlangten nach neuen Märkten und Rohstoffquellen. Doch es gab für sie keinen globalen freien Handel. Die Mächte hatten ihre Einflußgebiete bereits abgeschottet.

Am 21. Juli 1904 beklagte Reichskanzler Bernhard von Bülow »die fortschreitende Verminderung der Länder, in denen noch freier Absatz und unbeschränkte wirtschaftliche Betätigung möglich« seien. Deutschland brauche Kolonien und Einflußgebiete. Er fügte hinzu: »Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.« Das privatwirtschaftliche Streben nach Maximalprofit wurde zu einem nationalen Anliegen erklärt. 1897 sagte von Bülow im Reichstag: »Wir betrachten es als eine unserer vornehmsten Aufgaben, (...) die Interessen unserer Schiffahrt, unseres Handels und unserer Industrie zu fördern und zu pflegen.«

Die Rivalen Deutschlands hatten die Welt weitgehend parzelliert. Der deutsche Imperialismus drängte auf eine Neuaufteilung. Seine Forderungen lösten einen Wettlauf zur Unterwerfung der noch »freien«, meist halbkolonialen Gebiete, wie des Osmanischen Reichs, aus. In der Türkei kam Berlin etwas schneller zum Zuge. Das Auftauchen der Deutschen an der Nahtstelle zwischen britischen und russischen Interessengebieten bewog Rußland und Britannien zur Beilegung ihrer Differenzen am Bosporus wie in Asien und nötigte sie geradezu zu einem Bündnis gegen Deutschland.

Einen ähnlichen Effekt hatten Versuche Berlins, Einfluß auf Marokko zu gewinnen. Hier kam es 1905 und 1911 zu den den Frieden bedrohenden Zusammenstößen mit Frankreich. Besonders in der zweiten Marokkokrise von 1911 betrieb Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg nach eigenen Worten eine Politik des »höchsten Risikos«. Deutschland bot an, die Unterwerfung Marokkos durch Frankreich zu akzeptieren, wenn der französische Imperialismus der Errichtung eines deutschen mittelafrikanischen Kolonialreichs vom heutigen Tansania am Indischen Ozean bis nach Togo am Atlantik zustimme. Zur Verblüffung Berlins stellte sich Großbritannien an die Seite Frankreichs. Der deutsche Imperialismus mußte sich mit geringen Gebietserwerbungen zufriedengeben und den Rückzug antreten.

Die Marokkokrise war ein entscheidender Schritt hin zu einem großen Krieg.

In den deutschen herrschenden Klassen und Schichten setzte sich die Auffassung durch, Verhandlungen zur Verwirklichung der Expansionsforderungen brächten nichts. Bei der nächsten Gelegenheit werde »zum Schwert« gegriffen. Deutschland müsse sich, so ein Aufsatz in den Berliner Neuesten Nachrichten vom 8. Dezember 1913, »um jeden Preis, auch um den eines Waffengangs, neue Siedlungs- und Absatzgebiete verschaffen«.

Der Krieg sei in diesem Kontext eine »praktische Notwendigkeit«. »Aufgabe unserer Diplomatie wird es sein, den Krieg so vorzubereiten«, daß man außenpolitisch günstige Konstellationen erreiche. Die Verantwortlichen in Deutschland meinten zudem, die Weltmachtpläne seien nicht mit militärischen Abenteuern irgendwo auf dem Planeten durchzusetzen. Die Entscheidung falle in einem europäischen Krieg gegen Frankreich und England. Die Zeit dränge, der Augenblick sei günstig. Man wähnte sich militärisch im Vorteil, da die Rüstungsprogramme der Rivalen noch nicht realisiert worden waren. Die nächste Gelegenheit bot der Mord am österreichischen Thronfolger am 28.

Juni 1914 in Sarajevo (siehe jW-Thema vom 28.6.2014).

Auf Kriegskurs

Der deutsche Imperialismus glaubte, aus beiden Marokkokrisen für die Kriegsvorbereitung neben der Notwendigkeit verstärkter Rüstungen zwei weitere wichtige Erkenntnisse gewonnen zu haben: Zum einen meinte man, angesichts der starken Arbeiterbewegung in Deutschland großen propagandistischen Aufwand für die Konzipierung eines »richtigen« Kriegsgrundes betreiben zu müssen. Die Massen seien nicht bereit, wegen eines Hafens in Afrika Mühsal und Leiden eines europäischen Krieges auf sich zu nehmen, so die Auffassung der Herrschenden. Der Kriegsgrund sei so zu formulieren, daß die Bevölkerung glaube, Deutschland sei zu einem Verteidigungskrieg gezwungen worden. Am 21. Dezember 1912 übersandte der Chef des Großen Generalstabs, Helmuth von Moltke, dem Reichskanzler Bethmann Hollweg eine Denkschrift, die die Schlußfolgerungen der deutschen Militärs aus den Marokkokrisen für die operativen Planungen eines Krieges gegen die Entente, das aus Frankreich, Rußland und England bestehende Bündnis, enthielt. Im Überblick über die militärpolitische Lage heißt es: »Gelingt es im Kriegsfall, den Casus belli so zu formulieren, daß die Nation einmütig und begeistert zu den Waffen greift, so wird man auch den schwersten Aufgaben mit Zuversicht entgegensehen können.« Die Schaffung eines Mythos, man führe einen Verteidigungskrieg, war zu einem Bestandteil der operativen Planung geworden.

Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Rußland den Krieg (siehe jW-Thema vom 1.8.2014). Der Chef des Marinekabinetts, der Personalbehörde für die Offiziere dieser Waffengattung, war Georg Alexander von Müller. Er schrieb dazu in sein Tagebuch: »Stimmung in Berlin glänzend. Die Regierung hat ein glückliches Händchen gehabt, uns als die Angegriffenen darzustellen.«

Eine weitere Erkenntnis betraf die Haltung Großbritanniens, das zu erkennen gegeben hatte, im Kriegsfall Frankreich beizustehen. Bis dahin war man in Berlin davon ausgegangen, das französisch-britische Bündnis laufe eher auf eine moralische Unterstützung Londons für Paris hinaus. Deutschland hatte jetzt damit zu rechnen, daß ein Waffengang nicht nur gegen Frankreich und Rußland, sondern auch gegen Großbritannien geführt werden mußte, und dieser vom ersten Tag an ein »allgemeiner europäischer Krieg«, wie von Moltke in der Denkschrift feststellte, sei.

Die mit der Politik am Rande des Krieges bekräftigten Expansionsforderungen und die Hochrüstung hatten Deutschland außenpolitisch isoliert. Diese selbstgewählte Position wurde zunächst als »Politik der freien Hand« glorifiziert, von der Propaganda für das Volk später als »Einkreisungspolitik der Feindmächte« dargestellt. Den Mittelmächten, letztlich nur aus Deutschland und Österreich-Ungarn bestehend, stand die Entente gegenüber. Bei dieser Konstellation mußte Deutschland einen Zweifrontenkrieg gegen die überlegenen Gegner des Dreierbündnisses führen.

Um einen solchen Kampf gewinnen zu können, hatte der Chef des deutschen Generalstabs, Alfred von Schlieffen, 1905 ein ebenso tollkühnes wie abenteuerliches, in hohem Maße verbrecherisches Konzept entwickelt (siehe jW-Thema vom 3.1.2013). Schlieffen und sein Nachfolger von Moltke wollten den Zweifrontenkrieg in zwei zeitlich gestaffelte Einfrontenkriege auflösen und damit das Dilemma der deutschen numerischen Unterlegenheit beseitigen.

Die Grundidee war, die Masse des deutschen Heeres, nämlich sieben der acht Armeen, sofort offensiv im Westen und eine Armee im Osten als Defensivkraft gegen Rußland einzusetzen. Der General der Infanterie, Karl Bruno von Mudra, beschrieb am 9. November 1911 den deutschen Kriegsplan: Einigkeit herrsche in der Führung darin, »daß wir mit unserem Hauptstoß (...) Frankreich treffen müssen«, um es »mit vernichtender Kraft entscheidend zu schlagen«. Dann bekomme die Heeresleitung »freie Hand zur Verwendung der Streitkräfte, auch gegen den östlichen Gegner«. In der erwähnten Denkschrift an den Reichskanzler begründete von Moltke die »Westoffensive« damit, daß in Frankreich »eine rasche Entscheidung zu erhoffen«, ein »Offensivkrieg nach Rußland« wegen der Größe des Landes jedoch »ohne absehbares Ende« sei. Die Blitzkriegskonzeption gegen den Nachbarstaat wäre, so der Leiter der Eisenbahnabteilung im Großen Generalstab, Wilhelm Groener, das »Geheimnis des Sieges« im Zweifrontenkrieg.

Moltke machte den Reichskanzler auch auf die politischen Tücken des Plans aufmerksam: »Um aber gegen Frankreich offensiv zu werden, wird es nötig sein, die belgische (und die luxemburgische; M.S.) Neutralität zu verletzen.« Da der ostfranzösische Festungsgürtel umgangen werden sollte, war vorgesehen, mit fünf Armeen in Luxemburg und Belgien einzumarschieren und nach Frankreich durchzustoßen. Zwei Armeen sollten die Deckung der deutschen Grenze im Elsaß und in Lothringen übernehmen. In einer riesigen Umfassungsoperation, wie mit einem Zangengriff, wollte man Paris nehmen und die französische Armee gegen die Schweizer Grenze und die französische Festungsfront drücken. Die Masse der Angehörigen der millionenstarken französischen Armee, die belgischen Streitkräfte sowie ein britisches Expeditionskorps seien zu vernichten. Dadurch hätte das Deutsche Reich Frankreich und Großbritannien zur Unterwerfung gezwungen. Der Feldzug sollte nicht länger als zwei Monate dauern. Danach wollte man sich mit den Hauptkräften gegen Rußland wenden.

Der Überfall

Das Aufmarschkonzept der Militärs enthielt neben der Planung von Verstößen gegen das Völkerrecht durch den Überfall auf Belgien und Luxemburg sowie der Formulierung des »richtigen« Kriegsgrunds eine weitere politische Komponente: Sollte die Blitzkriegsdoktrin auch nur die Spur eines Erfolges haben, wollten die Generale, gestützt auf den hohen Bereitschaftsgrad des Heeres, dessen Mobilmachungsplanung schon seit März 1914 abgeschlossen war, so früh wie möglich losschlagen. Politisch-diplomatische Aktionen der Reichsregierung nach einer Kriegserklärung an eine der Ententemächte waren so nicht mehr möglich.

Aber am 1. August war aus »innenpolitischen Gründen« die deutsche Kriegserklärung an Rußland ausgesprochen worden. Und nur einen Tag danach begann der Krieg im Westen. Zwischen dem 2. und 4. August fielen die deutschen Armeen in Belgien und Luxemburg ein. Die belgischen Streitkräfte leisteten hartnäckigen Widerstand, mußten sich aber nach einiger Zeit in die Festung Antwerpen zurückziehen. Am 20. August war Brüssel gefallen.

Die Deutschen errichteten in Belgien ein überaus brutales Okkupationsregime (siehe jW-Thema vom 8.7.2014). Der Staat hatte als »Hinterland« für die Versorgung der nach Frankreich eindringenden deutschen Verbände zu dienen.

Außerdem sollten das Land und seine Bewohner in die deutsche Kriegswirtschaft eingebunden werden. Schon am 23. August beschloß die Reichsregierung die »Grundzüge über die militärische, finanzielle und wirtschaftliche Ausnutzung des Königreichs Belgien«. Um die rückwärtigen Verbindungen zu sichern, einem Partisanenkrieg durch Einschüchterung der Bevölkerung vorzubeugen und die Belgier zu zwingen, die Okkupation sowie die wirtschaftliche Ausbeutung zu dulden und für die Deutschen zu arbeiten, sollte das Land »befriedet« sein. Dazu gingen die Deutschen mit unglaublicher Brutalität gegen die Bevölkerung vor. Geiselnahmen, Folterungen, Massenerschießungen, Deportationen zur Zwangsarbeit, großflächige Zerstörungen waren fast alltäglich. 1914 wurden in Belgien und Nordfrankreich 5512 belgische und mehr als 900 französische Zivilisten durch deutsche Soldaten exekutiert.

Nach der Eroberung von Brüssel drang das deutsche Heer von Norden aus in Frankreich ein. Dort traf es zum ersten Mal auf die britisch-französischen Hauptkräfte. Da zeitgleich die beiden deutschen Armeen im Elsaß und in Lothringen offensiv wurden, entwickelten sich an einer 250 Kilometer langen Frontlinie schwere Kämpfe. Den Deutschen gelang die Überraschung.

Das französische Oberkommando wußte zwar, daß Einheiten des wilhelminischen Kaiserreichs durch Belgien kommen würden, hatte aber nicht mit so einem wuchtigen und vor allem so weit nach Westen ausgreifenden Angriff gerechnet.

Die Erfolge in den »Grenzschlachten« lösten in der deutschen herrschenden Schicht eine unglaubliche Siegeseuphorie aus. Schon am 22. August beauftragte Bethmann Hollweg seinen politischen Berater, Kurt Riezler, Bedingungen zu erarbeiten, die den Franzosen bei Friedensverhandlungen zu diktieren wären. Am 24. August meinte von Moltke, die Entscheidung in Frankreich sei gefallen. Das deutsche Heer brauche die Franzosen nur weiter zu verfolgen. Am 27. August befahl der Kaiser »den Vormarsch des deutschen Heeres auf Paris.«

Die Entscheidungsschlacht

Um die nach Süden und Südosten zurückweichenden britisch-französischen Truppen von Paris abzudrängen, zu verfolgen und von Westen her zu umfassen, drangen die deutschen Armeen östlich an Paris vorbei weiter vor. Bis zum 5.

September war die Marne erreicht und teilweise überschritten. Frankreich befand sich in einer kritischen Situation. Die deutschen Truppen hatten Reims erobert und standen nur noch 40 Kilometer von Paris entfernt. Am 2.

September floh die Regierung nach Bordeaux. Zehn von 86 Provinzen, darunter kriegswirtschaftlich besonders wichtige Gebiete, waren vom Feind besetzt.

Mit dem Erreichen der Marne aber hatten sich die strategische Lage und das numerische Kräfteverhältnis zugunsten Frankreichs verändert. Der Kampfwert der deutschen Truppen und der Mannschaftsbestand waren gesunken. Die Angriffsverbände hatten zwei Armeekorps an die Ostfront und starke Kräfte für die Belagerung noch nicht eroberter belgischer und französischer Festungen sowie zur Sicherung des Okkupationsregimes in Belgien abgeben müssen. Entscheidend war die Erschöpfung von Mannschaften und Pferden durch die Marschanforderungen von bis zu 30 Kilometern täglich bei glühender Hitze. Zunehmend machte sich auch die Überdehnung der rückwärtigen Verbindungen für Nachschub und Kommunikation zwischen der in Luxemburg residierenden Obersten Heeresleitung und den Armeeoberkommandos an der Front bemerkbar. Die Verluste in den Grenzschlachten und Verfolgungskämpfen konnten nicht mehr ausgeglichen werden.

Auch die britisch-französischen Kräfte hatten in den bisherigen Kämpfen schwere Verluste erlitten. Es gelang aber dem französischen Oberkommandierenden, Joseph Joffre, die Truppen planmäßig zurückzuführen, die Umfassung durch die Deutschen zu verhindern und südlich der Marne eine geschlossene Front aufzubauen. Von großer Bedeutung war, daß die französische Führung zwei neue Armeen aufstellen konnte: eine für die Marnefront (9. Armee), die der deutschen Aufklärung entgangen war, und eine nördlich der fränzösischen Hauptstadt (6. Armee). An der Marnefront war Anfang September zwischen den eingesetzten Soldaten beider Seiten ein Kräfteverhältnis von fast eins zu drei zugunsten der Entente entstanden.

Die bei Paris stehende Armee machte sich zum Stoß in die westliche Flanke des nach Süden und Südosten drängenden deutschen Angriffskeils bereit.

Die Oberste Heeresleitung erkannte die Bedrohung. Im Operationsbefehl vom 5. September wird geschlußfolgert: »Ein Abdrängen des gesamten französischen Heeres in südöstlicher Richtung gegen die Schweizer Grenze ist somit nicht mehr möglich.« Wichtige Teile des kaiserlichen Heeres mußten den Vormarsch einstellen, starke Kräfte wieder nach Norden verlegt und gegen die französische Gruppierung bei Paris eingesetzt werden. Da der größere Teil des deutschen Heeres südlich der Marne verharrte, entstand östlich von Paris eine etwa 45 Kilometer breite Lücke in der deutschen Front. Es standen keine Reserven zu deren Schließung zur Verfügung. Im deutschen Kriegsplan war festgelegt worden, zur Erhöhung der Durchschlagskraft alle Reserven von Anfang an für die Front zu verwenden.

Der Generalstab hatte alles auf eine Karte gesetzt und va banque gespielt.

Am 6. September begann für die Deutschen überraschend die britisch-französische Gegenoffensive an der Marne. Einen Tag zuvor hatten bereits die Franzosen die nordöstlich von Paris stehenden deutschen Kräfte angegriffen. Diese wiederum verlegten zur Verstärkung weitere Einheiten aus den südlich der Marne stehenden deutschen Verbänden im Eilmarsch an die Pariser Front, wodurch sich aber die Frontlücke weiter vergrößerte. Auf einer mehr als 250 Kilometer langen Linie entwickelten sich die bis dahin schwersten, für beide Seiten verlustreichsten Kämpfe im Ersten Weltkrieg.

Als die deutsche Heeresleitung erkannte, daß britisch-französische Truppen, wenn auch zögerlich, in die Frontlücke stießen und die deutschen Armeen gleich von zwei Seiten bedrohten, wurde der allgemeine Rückzug befohlen.

Erst am 13. September, als die durch den Fall der französischen Festung Maubeuge freigewordenen deutschen Kräfte herangeführt wurden, gelang die Schließung der Frontlücke und der Aufbau einer stabileren Gefechtslinie hinter der Aisne. Bis zu 80 Kilometer waren die deutschen Truppen zurückgegangen und hatten u.a. Reims wieder aufgeben müssen.

Moltkes Rücktritt

Durch den Rückzug war eine ernsthafte Führungskrise entstanden. Moltke meldete seinem Kaiser: »Majestät, wir haben den Krieg verloren!« Der Generalstabschef wurde für verrückt erklärt. Am 14. September trat von Moltke zurück.

In der Marneschlacht erlitt das deutsche Heer eine strategische Niederlage.

Es hatte sich als unmöglich erwiesen, die französisch-britischen Streitkräfte zu umfassen, in einer riesigen Schlacht zu vernichten und den Krieg im Westen schnell zu beenden.

Gleichzeitig mußten die österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien schwere Niederlagen einstecken. Die Verlegung deutscher Truppen vom Westen an die Ostfront war nicht mehr möglich. Der Blitzkriegsplan Schlieffens war gescheitert, ein Ende der Schlachten nicht mehr abzusehen.

Die Frage des »kurzen Krieges« aber hatte im strategischen Konzept und in der Propaganda eine große Rolle gespielt. Im August 1914 hatte der Kaiser den ins Feld ziehenden Soldaten zugerufen: »Ehe noch die Blätter fallen, seid ihr wieder zu Hause.«

Moltke war vor allem aus zwei Gründen der Meinung, daß der Krieg schnell beendet werden müßte: Einmal glaubte er nicht, daß die privatkapitalistisch-anarchisch geprägte Produktionsweise die Versorgung der Front und der Bevölkerung über eine längere Zeit gewährleisten könnte.

Zum anderen meinte er, daß das Volk die Belastungen eines langen Krieges mit enormen menschlichen Verlusten an der Front und der Unterversorgung in der Heimat nicht hinnehmen werde.

Von den dramatischen Ereignissen an der Marne aber erfuhr der deutsche Zeitungsleser lange Zeit nichts. Die Heeresleitung berichtete lange noch immer vom Erfolg der »deutschen Waffen«. Selbst der Rücktritt von Moltkes und die Ernennung des preußischen Kriegsministers Erich von Falkenhayn zu seinem Nachfolger wurde erst Monate später bekanntgegeben. Erstaunlich ist, daß nur wenige Vertreter der herrschenden Klassen in Politik, Militär und Wirtschaft in der Schlacht eine Zäsur erkannten.

Die Mitte August begonnene Kriegszieldiskussion ging verstärkt weiter.

Ausgerechnet auf den 9. September, als der Rückzug der deutschen Truppen von der Marne in vollem Gange war, datierte der Reichskanzler die »Richtlinien unserer Politik beim Friedensschluß«. Das »Septemberprogramm« Bethmann Hollwegs ist ein Schlüsseldokument zum Beweis für die unersättliche Gier des Kaiserreichs.

Der Blitzkrieg ging an der Marne verloren. Mitte September begann ein neuer Krieg. Auf den war der deutsche Imperialismus nicht vorbereitet.

Dr. Martin Seckendorf schrieb zuletzt auf diesen Seiten über die von der Wehrmacht verwüstete griechische Gemeinde Distomo.

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