Neutralität nicht möglich  

Die öffentliche Meinung in den USA war schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs gegen das Deutsche Reich gerichtet. Die Geschichtsschreibung schwankte  

Robert G. Waite 

In: junge Welt online vom 12.08.2014 

 

Schon in den ersten Monaten nach Beginn des Krieges im August 1914 verfolgten die US-Amerikaner die Ereignisse mit großem Interesse, was sich insbesondere an der hohen Zahl der Artikel zu dem Thema zeigte, die täglich in den Zeitungen sowie in zahlreichen Zeitschriften erschienen. Der Grund dafür lag darin, daß, »wir ein Land von Einwanderern sind«, wie ein Redakteur des Literary Digest am 15. August 1914 schrieb. 

Infolge dieses großen Interesses an Europa, an der politischen, wirtschaftlichen sowie innerstaatlichen Bedeutung für die kriegführenden Länder hatten schon viele US-amerikanische Tageszeitungen sowie die Pressestellen Journalisten in fast jedes Land entsandt, das am Krieg beteiligt war. Die Berichte aus den jeweiligen Hauptstädten wurden täglich in den führenden Zeitungen Amerikas abgedruckt, oft auf der ersten Seite, und viele wurden von Zeitungen in Orte quer durch das gesamte Land weiter veröffentlicht und verbreitet. Bereits im Sommer 1914 waren die US-Amerikaner gut informiert über »diesen schrecklichen Krieg«, »den verheerenden Krieg in der europäische Geschichte«, wie der Herausgeber der Zeitschrift Outlook schrieb. 

Schon vor dem Beginn des Krieges hatten zahlreiche amerikanische Zeitungen und Zeitschriften regelmäßig über die diplomatische Lage sowie die komplizierten Beziehungen zwischen den europäischen Mächten berichtet. Im November 1912 hat die Zeitschrift Living Age beispielsweise mit Rücksicht auf die angespannten Beziehungen zwischen den europäischen Ländern die Prognose getroffen, »die echten Gefahren in der europäischen Situation liegen noch in weiter Zukunft«. Im März 1914 beschrieb ein Journalist die wachsenden Spannungen in den Balkanländern, die angespannten Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Türkei sowie die steigenden militärischen Potentiale der russischen Truppen als »mögliche Bedrohung und mächtigste Gefahr« für die nächste Zeit. Trotz dieser umfänglichen Berichterstattung, waren sich weder Bürger noch Politiker darüber im klaren, wie sich die Spannungen im Juli 1914 weiter entwickeln würden. 

Als der Krieg begann, reagierten die Journalisten mit pessimistischen Berichten. »Vorherzusagen, was demnächst stattfinden wird, nun, da ganz Europa sich entschieden hat, den Fortschritt der Zivilisation zu unterbrechen und dafür massenhaft Morde zu verüben, schrecklicher als es die Welt je erlebt hat, wäre total nutzlos«, bemerkte ein Journalist in The Nation. 

Zurückhaltend antideutsch 

Sofort nach Kriegsbeginn starteten die kriegführenden Länder eine systematische und umfassende Propagandakampagne, um die US-amerikanische Öffentlichkeit zu beeinflussen. Das Deutsche Reich war in dieser Hinsicht besonders aktiv. In den ganzen USA wurden durch Postlieferungen Zeitungen und Zeitschriften verbreitet, »Massen von gedrucktem Lesestoff, der einzig zu dem Zweck entworfen worden war, die Rechtmäßigkeit der Politik Deutschlands sowie die ungerechte amerikanische Haltung gegenüber den Deutschen« zu klären, wie The Nation bemerkte. Als ein Resultat dessen fanden sich in New York City mehr als 10000 Menschen auf einer prodeutschen »Kriegsversammlung« ein. Zahlreiche Zeitungen veröffentlichen Briefe von deutschen Wissenschaftlern sowie Diplomaten, die die Politik ihres Landes verteidigten. 

Die Ausbreitung von deutschfreundlichen Texten hatte in der Praxis jedoch insgesamt wenig Einfluß auf die Haltung der US-Amerikaner, die von ihrer generellen proenglischen Haltung nicht abrückten. Wie der Redakteur der Zeitschrift The Nation im Oktober 1914 erklärte, stützte sich »die Beurteilung dieses Landes auf eine nüchterne Abwägung der Tatsachen, die zum Krieg geführt haben, nämlich den deutschen Angriff auf Belgien. Das amerikanische rgood-willl wurde verschenkt, als der Kaiser zwei Friedensangebote von Sir Edward Grey (britischer Außenminister, Anm. d. 

Red.) abgelehnt hat.« Soweit aus der Presse erkenntlich, wandte sich die öffentliche Meinung in den USA ganz eindeutig gegen das aristokratische Deutschland sowie dessen angriffslustige und kriegerische Staatsführung. 

Für den Historiker Roland Usher war der Krieg aus österreichischer Sicht »ein Krieg von Ehrgeiz und Aggression«, ein Mittel, um Österreichs Traum von der Herrschaft über Südosteuropa zu verwirklichen. Ein Redakteur bei der New York Globe schrieb: »Es ist schwer zu fassen, daß deutsche Interessen dort bedroht wurden. Österreich hatte nur mit der rvölligen Zustimmungl des Kaisers gehandelt. Aus diesen Gründen ist die amerikanische öffentliche Meinung gegen Deutschland, das als Anstifter (...) Europa in den blutigsten Krieg geführt hat, um den Machthunger des Kaisers zu befriedigen.« Ein Redakteur der Zeitschrift Outlook schrieb: »Die Geschichte wird den deutschen Kaiser für den Krieg in Europa verantwortlich machen.« 

Auch Bernadotte Schmitt, damals Professor für Moderne Europäische Geschichte, hielt das deutsche Reich für den Hauptverantwortlichen. Schmitt schrieb: »Die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten, abgesehen wohl von unseren Mitbürgern deutsche Abstammung, ist gegen Deutschland gerichtet, das mit seiner Kriegserklärung gegen Rußland in den Kampf eingetreten ist.« 

Obwohl die amerikanische Presse tägliche Berichte zum Krieg veröffentlichte, wiegte sich die Mehrheit der US-Bürger in Sicherheit. Sie waren weit weg von den europäischen Kriegsereignissen. »Unsere isolierte Lage, unsere Freiheit von den diplomatischen Verträgen bedeuten, daß es keine Gefahr gibt, in den Krieg hineingezogen zu werden«, behauptete ein Redakteur des Literary Digest. Die Entfernung von Europa sowie die Neutralität des Landes, das heißt, die Fernhaltung von komplizierten Verträgen mit geheimen Klauseln sowie engen diplomatischen Beziehungen mit europäischen Länder prägten die amerikanische Haltung. Der verbreitete Isolationismus reflektiert auch die tief begründete Abneigung gegenüber Europas monarchischen Regierungssystemen, der Herrschaft der alten Eliten, der Ungleichheit, sowie gegenüber dem überteuerten Militär. Amerika besaß 1914 nur eine kleine Armee, weniger als 100000 Männer in Uniform. Die US-Politiker, der Präsident sowie die Presse betrachteten den Militarismus der europäischen Länder als eine Geldverschwendung und eine ernste Gefahr für das demokratische System. Viele US-Amerikaner fürchteten, daß infolge der Aufrüstung und der Vergrößerung der Armee gewisse Industriezweige zu sehr erstarken, die Bevölkerung zu übersteigerten patriotischen Gefühlen aufgehetzt werden und die soziale wie politische Ungleichheit wachsen könnte. 

Die amerikanische Presse achtete sehr darauf, in welchem Maße der Krieg in Europa die Wirtschaft ihres Landes beeinflussen würde. Die Auswirkungen waren schnell erkennbar. Nicht nur große Handelsfirmen, die mit europäischen Unternehmen Geschäfte machten, nicht nur die Finanziers der Wall Street oder die Großfabrikanten des mittleren Westens, die ihre Güter regelmäßig nach Europa verkauften, waren vom Kriegsbeginn schwer betroffen. 

Vor allem stiegen die Lebensmittelpreise spürbar. Die Unzufriedenheit der Arbeiter wuchs, Streiks drohten. Die kriegsbedingte Störung der Handelsbeziehungen fügte dem US-Zoll binnen weniger Monate einen Verlust von über zehn Millionen Dollar zu. Präsident Woodrow Wilson mußte den Kongreß um eine bedeutende Steuererhöhung bitten, die ihm auch bewilligt wurde. Wilson bestellte daraufhin leitende Finanziers, Bankiers sowie Wissenschaftler zu einem Gespräch nach Washington ein. 

Neutralität aufgegeben 

Für Wilson war der Kriegsbeginn von großer Bedeutung. Als Präsident hatte er nicht nur die Pflicht, auf die öffentliche Meinung seiner Landsleute zu hören, er konnte sie auch lenken. Im Laufe des Frühlings und Sommers 1914 wurde er von den US-Diplomaten in Europa beständig über die wachsenden Spannungen informiert. Der Botschafter in Paris, Myron Timothy Herrick, schrieb Ende Juli nach Washington: »Die Lage in Europa wird hier als eine der ernstesten in der Geschichte betrachtet. Die Zivilisation ist bedroht.« Herrick drängte den Präsidenten, sich den europäischen Mächten als Vermittler für den Frieden anzubieten. Auf einer Pressekonferenz Ende Juli 1914 sagte Wilson: »Ich kann nur sagen, daß sich die Vereinigten Staaten nie in die Affären Europas einzumischen versucht haben.« Wilson, voller Mißtrauen, hielt sich zurück. Der Isolationismus war noch immer Prinzip der US-Außenpolitik. 

Was der Präsident über die wachsenden Spannungen und den Kriegsausbruch in Europa gedacht haben mag, weiß man nicht. Er war dafür bekannt, bei niemandem Rat zu suchen, und er hat so gut wie keine privaten Aufzeichnungen hinterlassen. Es läßt sich dennoch sagen, daß Wilson ein Isolationist war. Er, wie der überwiegende Teil der US-Amerikaner, war strikt gegen eine Einmischung in die europäische Diplomatie. Er war überzeugt, daß die USA aufgrund ihrer geographischen Lage unangreifbar und dadurch vor einem Krieg geschützt seien. Als Präsident wollte er vor allem, daß sein Land neutral blieb - eine Grundhaltung, die er in seiner Rede vom 18. August 1914 unterstrich. 

Im weiteren Kriegsverlauf gelangte Wilson aber zu anderen Einsichten, die seine Haltung sowie seine politische Führung bis zum Eintritt der USA in den Krieg bestimmen sollten. Er gelangte zu der Auffassung, daß ein Sieg des Deutschen Reiches die amerikanische Sicherheit bedrohen würde und daß dies wiederum einen Militarismus sowie tiefgehende soziale Spannungen in den USA verursachen würde. Außerdem war er der Meinung, daß die Alliierten im Falle eines Sieges eine Nachkriegsordnung ohne ein starkes Militär errichten würden. Die Prinzipien für Wilsons Außenpolitik waren strikte Neutralität sowie uneingeschränkter Handelsverkehr über den Atlantik. Als das Deutsche Reich im Januar 1917 dann den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ankündigte, sah Wilson diese Prinzipien verletzt. Die Neutralität der USA war nicht mehr aufrechtzuerhalten. In seiner Rede vor dem Kongreß am 2. 

April 1917, legte Wilson fest: »Neutralität ist nicht länger möglich oder wünschenswert, wenn es um den Weltfrieden geht. Der Krieg, meinte er, sei »provoziert und geführt im Interesse von Dynastien und einer kleinen Clique ehrgeiziger Männer«. 

Alle Mächte verantwortlich 

Erst in den 1920er Jahren wandten sich US-amerikanische Historiker der Frage nach der deutschen Verantwortung, der Frage nach der »Kriegsschuld« zu. 1920 veröffentlichte der Historiker Sidney B. Fay den ersten aus einer Reihe von drei Aufsätzen zum Ursprung des Krieges in der Zeitschrift The American Historical Review. Er stützte seine Analyse auf erst kurz zuvor publizierte diplomatische Dokumente. Fay machte den in den europäischen Ländern weit verbreiteten Militarismus für den Krieg verantwortlich. Er schrieb: »Das Deutsche Reich hat den Krieg weder angezettelt, noch wollte es ihn.« Nur einige Jahre später veröffentlichten Harry Elmer Barnes und Bernadotte E. Schmitt, zwei angesehene junge Historiker, detaillierte Arbeiten zum Beginn des Krieges. Auf einer Tagung in Chicago, im Council on Foreign Relations, präsentierten sie im April 1926 ihre Schlußfolgerungen. 

Beide lobten die Publikationen der diplomatischen Akten der führenden Mächte, Quellen die erst kurz zuvor durch die demokratischen Regierungen zugänglich geworden waren, und stützten ihre Forschung darauf. Barnes äußerte auf der Tagung sowie in seinem 1926 erschienenen, sehr ausführlichen Buch »The Genesis of the World War. An Introduction to the Problem of War Guilt« die Auffassung, daß Deutschland sowie England »in Opposition zum Krieg in der Krise von 1914 standen«. Schmitt stimmte zu und schloß seinen Vortrag mit den Worten: »Ich betrachte alle Mächte, mehr oder weniger, als verantwortlich für den Krieg.« Sein zweibändiges Werk »The Coming of War 1914« wurde 1930 veröffentlicht. Die Krise vom Juli 1914, schrieb er, war »das bedeutungsvollste Ereignis Europas seit dem Wiener Kongreß ein Jahrhundert zuvor«. Und diese Krise führte deswegen zum Krieg, weil keiner der Diplomaten, egal wie fähig, einen Kompromiß zwischen Österreich und Rußland hatte herbeiführen können. Schmitt hielt nicht nur die Diplomaten für verantwortlich, sondern auch die Öffentlichkeit, deren Haltung von starkem Nationalismus geprägt war. 

Das dritte große Werk aus den 1920er Jahren war die zweibändige Schrift »The Origins of the World War« von Sidney B. Fay. Dieses Buch wird noch heute viel gelesen und gelobt. Fay machte schon am Anfang des ersten Bandes seine Haltung klar: »Als der Weltkrieg plötzlich Europa in Flammen gesetzt hatte und die US-amerikanische Meinung bald Deutschland und den Kaiser als völlig schuldig zu denunzieren suchte, legte ich diese Grundhaltung ab.« Er kam zu dem Schluß, daß »keine der Mächte einen europäischen Krieg wollte«. 

Deshalb war die Kriegsschuldklausel des Versailler Vertrags »historisch nicht vertretbar« und »hätte überarbeitet werden müssen«. 

Während dieser Jahre erschienen auch Bücher, die für Studenten oder das breite Publikum bestimmt waren, kurze Texte, die sich oft auf die zwei Bände von Fay stützten. Die Historiker sowie Politikwissenschaftler, die diese Bücher verfaßten, waren in der Kriegsschuldfrage fast alle der gleichen Ansicht - keiner legte die alleinige Verantwortung auf die Schultern des Deutschen Reiches. Vielmehr sahen sie die Hauptverantwortlichen im damaligen diplomatischen System, in dem Komplex von Verträgen und Abkommen zwischen den herrschenden Monarchien Europas, der aus der Krise auf dem Balkan einen europäischen Krieg entstehen ließ. 

Von den 1930er bis zu den 1950er Jahren sind in Amerika nur wenige neue Bücher zum Beginn des Ersten Weltkrieges erschienen. US-amerikanische Historiker befaßten sich zwar weiterhin mit dem Thema, aber hauptsächlich aus der Perspektive des Eintritts der USA in den Krieg im Jahr 1917. Samuel Taylor Moores Buch »America and the World War« behandelte fast ausschließlich die Erfahrungen der USA, ihren Eintritt in den Krieg, den Aufbau ihres Militärs, ihre Soldaten und deren Erlebnisse. Zum Kriegsbeginn und zum deutschen Kaiser äußerte er, der und »das deutsche Kaiserreich waren längst nicht so gefährlich und bösartig wie Hitler und NS-Deutschland«. Während dieser Jahre widmeten die Wissenschaftler dem Aufstieg NS-Deutschlands und seiner Gefahr für die Welt weit mehr Beachtung. 

In den 1960er Jahren führte nicht nur das 50jährige Jubiläum zu einem erneuten Forschungsinteresse, sondern es spielten dabei insbesondere tiefgehende soziale Spannungen innerhalb der USA eine große Rolle. Die Zahl der Bücher über den Ersten Weltkrieg stieg an. Ein Journalist bemerkte, daß im Jahr 1965 praktisch jeden Monat ein neuer Band erschien. Ein vielgelesenes und einflußreiches Buch war Barbara Tuchmans »The Guns of August«. Tuchman, eine Journalistin, beschrieb die diplomatischen Verhandlungen, die wachsenden Spannungen, die keine der europäischen Mächte beherrschen konnte und die letztlich zum Krieg führten. Sie kam zu dem Schluß, daß weder ein Land noch ein Staatsmann die alleinige Verantwortung trug. Europa sei einfach in den Krieg geschlittert. Ihr Buch war ein großer Erfolg beim Publikum. Die Wissenschaft war weniger begeistert. In einer Rezension schrieb ein Historiker, »als wissenschaftliches Werk läßt es zu wünschen übrig«. Das Buch war trotzdem einflußreich - Präsident John F. 

Kennedy las es am Abend der Kuba-Krise. Er gab an, er wolle die Fehler von 1914 nicht wiederholen, als die Mächte unbeabsichtigt in einen Krieg geschlittert seien. 

Neben Tuchmans »Guns of August« sind noch einige weitere vielbeachtete Bücher erschienen. Laurence Lafores »The Long Fuse« wurde im Jahr 1965 veröffentlicht. Der Autor erklärte schon zu Beginn des Textes, daß er keine Antwort auf die Frage anbiete, wer für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gewesen sei. D. F. Fleming faßte in seinem Buch »The Origins and Legacies of World War I« die Literatur zusammen und schrieb, »die Schuld liegt klar beim habsburgischen Kabinett (...). Die Verantwortung für den Ausbruch trägt Deutschland.« 

Auch in den 1960er Jahren suchte eine jüngere Generation von Historikern, nun von den Spannungen im politischen sowie wirtschaftlichen Leben Amerikas beeinflußt, die Ursachen des Ersten Weltkrieges in den inneren Verhältnissen Europas, insbesondere in der Ungleichheit und in der Aufhetzung zum Nationalismus. Professor Arno Mayer schrieb über lokale Ursachen des Krieges, und in seinem Text kann man eine Warnung vor den Folgen herauslesen, die wachsende soziale Gegensätze sowie Rassendiskriminierung und aggressive Außenpolitik haben können. Er kritisierte auch die die Vertreter der Diplomatiegeschichte, die sich ausschließlich auf die Perspektive des internationalen Systems konzentriert hatten. Mayer suchte die Ursachen in den inneren politischen und sozialen Unruhen. 

Während der nächsten Jahrzehnte konzentrierten sich US-amerikanische Historiker wieder auf die Haltung Präsident Wilsons, das Nachkriegsabkommen sowie das Nachkriegseuropa. Sie befaßten sich mit dem Werdegang der USA zu einer führenden Weltmacht und beachteten die Hintergründe des Krieges in Europa fast gar nicht. 

Das änderte sich ab den 1990er Jahren. John Langdons »July 1914« bietet eine ausführliche Beschreibung der Historiographie. Das im Jahr 2004 erschienene Buch von David Fromkin »Europe's Last Summer« fragte: Wer hat den Krieg begonnen? In seinem sehr lesbaren Band beschreibt Fromkin den diplomatischen Hintergrund, den gewaltigen Widerspruch zwischen der Welt vor 1914 und dem Krieg in Europa. Zunächst war Ruhe und Stille. »Plötzlich war alles außer Kontrolle und führte zu Jahrzehnten geprägt von Tyrannei, Weltkriegen und Massenmord«. Fromkin betrachtete Deutschland und Österreich als für den Kriegsbeginn verantwortlich. 

Michael Neiberg untersuchte in sein Buch »Dance of the Furies. Europe and the Outbreak of World War I« nicht »die Welt militärischer und diplomatischer Planungen«, sondern ging der Frage nach, wie »die einfachen Menschen« auf die Ereignisse vom Juli und August 1914 reagierten. Neiberg kam zu dem Schluß, daß es sich nicht um einen »Volkskrieg« handelte. Die Verantwortung für den Kriegsausbruch lag bei »den Eliten in Berlin und Österreich«, schrieb er. »Sie waren die einzigen, die einen Krieg wollten.« 

Deutungsvielfalt 

Abschließend, läßt sich sagen, daß sich die US-amerikanische Geschichtsschreibung zum Thema der Ursachen und zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in verschiedene Richtungen entwickelt hat. Schon im Jahr 1914 beschuldigten Journalisten sowie Historiker das kaiserliche Deutschland als Hauptverantwortlichen, als das Land, das aufgrund seiner diplomatischen Beziehungen, seines monarchischen Systems sowie seiner Arroganz und militaristischen Haltung Europa in einen Krieg gestürzt habe. 

Innerhalb weniger Jahre, das heißt schon in der Mitte des 1920er Jahre, wurde diese Haltung von jüngeren Historikern in Frage gestellt. 

Wissenschaftler wie Harry Elmer Barnes, Sidney B. Fay und Bernadotte Schmitt stützten ihre Schlußfolgerungen auf Quellen, auf veröffentliche diplomatische Akten. Ihrer Auffassung nach rutschte Europa in den Krieg; kein Land war alleinverantwortlich. Im Laufe der darauffolgenden Jahrzehnte erschienen nur wenige neue Werke zum Ersten Weltkrieg. Historiker wie Politikwissenschaftler lenkten ihre Aufmerksamkeit weit mehr auf den Aufstieg des Faschismus in Europa und vor allem auf die Gefahr der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Erst in den 1960er Jahren griffen sie das Thema erneut auf. Neben einigen generellen Darstellungen zum Ersten Weltkrieg betrachteten einige Historiker, schon beeinflußt von den zeitgenössischen inneren Konflikten in den USA, die Spannungen innerhalb der europäischen Mächte im Jahr 1914 und deren Einflüsse auf die große Politik. Während der 70er Jahre stellten amerikanische Historiker die Frage: Sind im Kaiserreich die Wurzeln der demokratischen Weimarer Republik oder des NS-Regimes zu finden? Dieser Rückblick überformte die bisherige Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg. In den letzten Jahrzehnten kamen Historiker und politische Wissenschaftler wieder auf das Thema Kriegsbeginn. In zahlreichen Studien bietet eine neue Historikergeneration neue Perspektiven zum »decision making«, zur Entscheidungsfindung und zur Verantwortung der kleineren und mittleren Kreise für den Krieg. Noch heute bietet die Thematik Erster Weltkrieg Interpretationsmöglichkeiten, nicht nur für Historiker, sondern ebenso für Journalisten oder selbst politische Aktivisten. 

Der vorliegende Beitrag ist die redaktionell bearbeitete Textfassung des Referats, das der Autor am 11. Juni auf der von der »Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung« organisierten Tagung »Vor 100 Jahren: Beginn des Ersten Weltkriegs. Ursachen und Wertungen« gehalten hat. 

Auf der Internetseite der Veranstalter finden sich zwei ausführlichere Beiträge des US-amerikanischen Historikers in englischer Sprache: server1.info/berliner-gesellschaft.orgx 

Robert G. Waite ist Gasthistoriker in der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. 

 

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