Aufruf

Zum Gedenken an den 70. Jahrestag der Ermordung Ernst Thälmanns  

Dem Gedenken an Genossen Thälmann  

In: unsere zeit online vom 08.08.2014 

 

Ich kann’s nicht fassen – Thälmann lebt nicht mehr! Der beste der Genossen ist gegangen … Ein Vorbild war er allen um ihn her, den Freunden Freund – die Feinde macht er bangen. … Doch wenn auch Thälmann uns verließ, Darf Euch die Trauer um den Freund nicht schwächen, Geht weiter auf dem Weg, den er Euch wies! Es kommt die Zeit, wo wir sein Sterben rächen! (Unbekannter sowjetischer Häftling im KZ Buchenwald) Wir rufen alle fortschrittlichen Kräfte auf: Kampf dem neuaufkommenden Faschismus und der Kriegsgefahr! Schluss mit Geschichtsumschreibung und Geschichtsklitterung! Keine Umbenennungen von Straßen, Plätzen und Einrichtungen, die nach antifaschistischen Widerstandskämpfern benannt sind! Schluss mit der modernen Denkmalstürmerei! Schluss mit der Verteufelung des kommunistischen und antifaschistischen Widerstands! Am 18. August dieses Jahres jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem Ernst Thälmann, nach über elfjähriger Kerkerhaft in Buchenwald hinterrücks ermordet wurde. 

47jährig, wurde er am 3. März 1933 in Berlin durch Verrat von Faschisten verhaftet, am 17. August 1944 von seinen Mördern aus der Bautzener Zelle geholt und ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar überführt und in den Morgenstunden des 18. August 1944 auf Befehl Hitlers erschossen. Thälmann hat kein Grab, seine Asche wurde vor dem Krematorium verstreut. 

Seine Ermordung fand in der bundesdeutschen Justiz bis heute keine Sühne. 

In der internationalen Solidaritätsbewegung für seine Freilassung und für die Opfer des Faschismus wurde sein Name zu einem Symbol für eine unbeugsame Haltung gegenüber dem Faschismus. Ernst Thälmann, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands und Vorsitzende des Rotfrontkämpferbundes, war vor und während seiner Haftzeit weltweit bekannt und geschätzt. Er konnte wie kein anderer mit einfachen und klaren Worten den Zusammenhang von Kapitalismus, Faschismus und Krieg darstellen. Dafür hassten und hassen ihn seine Feinde, auch heute noch. 

Ermordet haben sie ihn, aber die Ideale, für die Ernst Thälmann stand, sind unsterblich! Die Erinnerung an den kommunistischen Widerstand und die Widerstandskämpfer aus der Arbeiterbewegung soll aus den Köpfen der Menschen gelöscht werden. 

Heute werden Straßen, Schulen und Plätze, die nach ihm und anderen Antifaschisten benannt wurden, umbenannt, Denkmäler geschleift oder, wie in Ziegenhals, Gedenkstätten zerstört oder „umgewidmet" . 

Auch in Berlin ist das Ernst-Thälmann-Denkmal durch Spekulanten, in Zusammenarbeit mit Bezirkspolitikern, vom Abriss bedroht, trotz zahlreicher Beteuerungen, trotz des Denkmalschutzes. Beschlossene Sache scheint eine Kommentierung des Denkmals durch eine Info-Tafel zu sein; im Gespräch sind Umgestaltungen des Denkmal-Areals. Wir müssen wachsam bleiben und für eine würdige Erinnerung an Ernst Thälmann eintreten. 

Für den Mord an Ernst Thälmann, den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands und des Roten Frontkämpferbundes, für den Mord an Tausenden seiner Kampfgenossinnen und -genossen gibt es kein Vergeben, kein Vergessen. 

Die Toten des faschistischen Terrors, des Massenmords an den Juden, Sinti und Roma in Europa, die Millionen Kriegsopfer, insbesondere die der Völker der Sowjetunion, sind uns stets Mahnung, um unermüdlich gegen Faschismus und Krieg zur Tat zu schreiten. 

Die Machtübergabe an Hitler am 30. Januar 1933 war möglich geworden durch die Verflechtungen von Teilen des deutschen Kapitals, des Militärs, der Polizei und der Justiz mit den Nazis. Sie war auch möglich geworden, da die Einheit aller Antifaschistinnen und Antifaschisten, die Einheit der Arbeiterklasse nicht hergestellt werden konnte. 

Seit 1990 werden in Deutschland fortgesetzt Morde durch Nazis verübt. Nicht erst die NSU-Morde haben gezeigt, welches Ausmaß an Brutalität der faschistische Terror in Deutschland wieder erreicht hat. Möglich war dies durch die Verstrickungen der deutschen Geheimdienste, insbesondere des sog. Verfassungsschutzes (VS), mit Nazis und Nazi-Terroristen. Was uns an Aufklärung präsentiert wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir fordern daher die lückenlose Aufklärung der NSU-Morde; Bekanntgabe aller NSU-Mitglieder und des Umfangs der Zusammenarbeit und der staatlichen Finanzhilfen für braune Strukturen und Parteien (NPD) mittels „V-Männer" durch Polizei und den Geheimdiensten BND, MAD und VS. Beim Anblick dieser Eisbergspitze wird auch deutlich: Die Forderungen nach Auflösung des VS und ein NPD-Verbot können daher nur ein Anfang sein. Ein Anfang, um die Position von uns Antifaschistinnen und Antifaschisten zu stärken – in einem Land, in dem die Schwarz-Braunen behaupten, sie seien politische „Mitte" und der Staat beim Kampf gegen Rechts versagt, weil Links mit Rechts gleichgesetzt wird. 

Daher: Nur gemeinsam können wir Antifaschistinnen und Antifaschisten den braunen Schlägern und Mördern, ihren Förderern und Nutznießern etwas entgegensetzen! Die kontinuierlichen und entschlossenen antifaschistischen Proteste und Blockaden wie bspw. in den vergangenen Monaten gegen die Nazi-Umtriebe in Dresden, Berlin, Cottbus oder Pforzheim sind Beispiele der Erfolge, die wir erzielen können, wenn wir uns nicht spalten lassen. 

Wir rufen auf: Gemeinsam sind wir stark gegen Faschisten und Reaktion! Weg mir der Totalitarismus und Extremismustheorie, der Formel „Rechts gleich Links" , gegen Verharmlosung des Faschismus und Kriminalisierung des Sozialismus! Das Europa der Banken und Konzerne, konkret die Politik des deutschen Imperialismus, hat eine Reihe von Ländern – Griechenland, Portugal oder Spanien – in den Ruin getrieben. Die Bevölkerung, die Werktätigen dieser Länder bezahlen diese Krise des Kapitals. 

Gleichzeitig wachsen faschistische Bewegungen, wie in Griechenland die sog. „Goldene Morgenröte" oder erzielen Wahlerfolge wie in Frankreich der Front National. 

Die jüngsten Vorgänge in der Ukraine lassen uns aufhorchen. Ein Putsch, ein „regime change" , in Auftrag gegeben von den Großmächten Deutschland, Frankreich und den USA – gestützt auf Faschisten und Antisemiten, die uns als „Opposition" ausgegeben werden. 

Diese offene Provokation gegenüber Russland ist ein Spiel mit dem Feuer. Stoppt den imperialistischen Raubzug gegen Jugoslawien, Somalia, Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Mali, Ukraine. Setzen wir den imperialistischen Kriegsbrandstiftern unseren Internationalismus in Wort und Tat entgegen! Der Hauptfeind steht im eigenen Land: Krieg dem Krieg! Wir nehmen den 70. Jahrestag der Ermordung Ernst Thälmanns zum Anlass, um jener Menschen zu gedenken, die Opfer faschistischer, rassistischer oder antisemitischer Gewalt wurden. 

Wir rufen daher gemeinsam zu folgenden Veranstaltungen für Samstag, den 23. August 2014 in Berlin auf: Eine Veranstaltung im Karl-Liebknecht-Haus – anschließende Demonstration zum Ernst-Thälmann-Denkmal in der Greifswalder Straße – sowie dortige Abschlusskundgebung mit Redebeiträgen, Musik und Kultur. 

 

Vera Dehle-Thälmann (Enkelin von Rosa und Ernst Thälmann), Kuratorium „Gedenkstätte Ernst-Thälmann" e. V. Hamburg, Freundeskreis „Ernst-Thälmann- Gedenkstätte" e. V., Ziegenhals, Revolutionärer Freundschaftsbund (RFB), e. V., Aktionsbündnis Thälmann- Denkmal, Berlin Unterzeichner: Alfred Klahr Gesellschaft, Wien, Österreich; Antifaschistische Aktion Burg (AAB); Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh e. V.; Antifaschistische Linke Fürth (ALF); Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB); Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde e. V. (BüSGM); Communist Party of Ireland (KPI); Communist Party of Britain (CPB); DDR-Kabinett e. V., Bochum; Deutscher Freidenker-Verband (DFV) – Verbandsvorstand) –LV Berlin/ Bbg. – LV Nord; Deutsche Kommunistische Partei (DKP); Demokratik Ísçi Dernekleri Federasyonu – Gençlik (DIDFJugend); Freie Deutsche Jugend (FDJ); Freundeskreis Palast der Republik, Berlin; Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e. V. (GBM); Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e. V. (GRH); Gruppe Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ); Hope not Hate, Greater Glasgow, Schottland, Großbritannien; Initiative Buchenwald-Gedenken; Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger bewaffneter Organe und der Zollverwaltung der DDR e. V. (ISOR); Kommunistische Initiative (KI) – Gera 2010; Kommunistische Plattform in der Linkspartei (KPF); Kommunistische Partei Deutschlands (KPD); Marx-Engels-Zentrum (MEZ), Berlin; Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden e. V.  (OKV); für den RotFuchs – Förderverein e. V.: Götz Dieckmann; für den RotFuchs – Monatszeitschrift: Klaus Steiniger; Sozialistische Jugend Deutschlands (SJD) – Die Falken, Niederbayern/ Oberpfalz; Türkiye Komünist Partisi -1920 (TKP-1920); Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), Berlin-Lichtenberg; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Verband der Antifaschistinnen und Antifaschisten e. V. (VVN-VdA), Berlin 

 

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Ernst Thälmann  

In: unsere zeit online vom 22.09.2014 

 

Ernst Thälmann wurde am 16. April 1886 in Hamburg geboren. Sein Vater Jan Thälmann war als Fuhrmann tätig und aus Holstein nach Hamburg gekommen, seine Mutter, Maria Magdalena Kohlpeiß, stammte aus den Vierlanden. 

Bald nach seiner Geburt übernahmen die Eltern eine Kellerwirtschaft in Hafennähe, später einen Grünwarenladen im Stadtteil Eilbek. Nach der Schulentlassung half Ernst Thälmann weiter im elterlichen Geschäft und arbeitete dann als Hafenarbeiter und als Kutscher. 1904 trat er in die Transportarbeitergewerkschaft ein. Schon ein Jahr zuvor war er Mitglied der SPD geworden und übernahm verschiedene Funktionen im Stadtteil und auf Wahlkreisebene. 

Am 14. Januar 1915 heiratete er die Wäscherin und langjährige Arbeitskollegin Rosa Koch. Einen Tag danach wurde er als Soldat eingezogen und kam an die Westfront. Er nahm unter den Kameraden gegen den Krieg Stellung, was ihm vom Kriegsgericht „verschärften Arrest" einbrachte. 

Nach der Novemberrevolution schloss er sich der USPD an und wurde 1919 als Abgeordneter in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt, der er bis 1933 angehörte. 

Am 6. November 1919 wurde Tochter Irma geboren. 

Thälmann, seit Mai 1919 Vorsitzender der USPD in Hamburg, gelang es, die Mehrheit seiner Genossen für einen Zusammenschluss mit der KPD zu gewinnen und trat dafür auch auf den außerordentlichen Parteitagen in Berlin und in Leipzig ein. 1920 vereinigte sich die Mehrheit der USPD mit der KPD zur VKPD, die sich bald darauf wieder KPD nannte, 1923 wurde Thälmann Mitglied des Zentralkomitees der KPD. Am Hamburger Aufstand im Oktober 1923 war er führend beteiligt und half den geordneten Rückzug zu organisieren, als die erwartete übergreifende Revolution in Deutschland ausblieb. Vom Mai 1924 bis zum Ende der Weimarer Republik war er Mitglied des Deutschen Reichstages. Auf dem V. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Juli 1924 in Moskau wählten die Delegierten Thälmann ins Präsidium des Exekutivkomitees (EKKI). Im September 1925 wurde er Vorsitzender der KPD. 

Wenige Monate zuvor hatte er die Leitung des Roten Frontkämpferbundes übernommen. Thälmann verstand es die Massen zu begeistern. Im großen Saal von Sagebiel – zu der Zeit wohl das größte Versammlungslokal in Hamburg – drängten sich oft 1 000 Zuhörer. Auf dem Heiligengeistfeld wurden bis zu zehn Tribünen aufgestellt, da es zu der Zeit noch keine Lautsprecheranlagen gab. Um die Tribüne Thälmanns drängten sich die meisten Teilnehmer. 

1928 gab es eine heftige Kontroverse im Zentralkomitee der KPD weil Thälmann es unterlassen hatte, die Parteiführung rechtzeitig über eine Unterschlagungsaffäre im Bezirk Wasserkante zu unterrichten. Er wurde seiner Funktion als Parteivorsitzender enthoben, aber noch im gleichen Jahr rehabilitiert und wieder eingesetzt. 

Bei den Wahlen 1925 und 1932 kandidierte Thälmann für das Amt des Reichspräsidenten. Die Losung der KPD 1932 „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg" wird Thälmann zugeschrieben. (siehe zur Politik der KPD und den Positionen Thälmanns in jenen Jahren den Beitrag von Eberhard Czichon, UZ vom 15.8.2014, S. 10) Auf der illegalen Tagung der KPD am 7. Februar 1933 in Ziegenhals bei Berlin sprach Thälmann über Schlussfolgerungen aus der Situation für eine Einheitsfront aller Hitlergegner gegen den Faschismus. 

Am 3. März 1933 fiel er den Faschisten in die Hände. Von der Sowjetunion über Europa und die USA bis Japan entstand eine Massenbewegung für die Freilassung Thälmanns und aller inhaftierten Antifaschisten. 1935 ließ die faschistische Führung den gegen Thälmann vorbereiteten Prozess fallen. Sie hob die Untersuchungshaft auf und verfügte Schutzhaft. So hatte Thälmann damals einen einmaligen Häftlingsstatus; er war Schutzhaftgefangener der Gestapo, blieb aber weiter in einem der Justiz unterstehenden Gefängnis. 

Im Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen die der Franco-Diktatur 1936–1939 wurde eine Einheit der XI. Internationalen Brigade, der vorwiegend deutsche Antifaschisten angehörten, „Thälmann-Bataillon" genannt. 

Während seiner Gefangenschaft gelang es durch illegale Verbindungen über Rosa und Irma Thälmann sowie Kuriere Niederschriften und Hinweise Thälmanns zu innen- und außenpolitischen Fragen aus den Gefängnissen zu schmuggeln. Aus Thälmanns Briefen von 1939 bis April 1941 geht hervor, dass er die Hoffnung hegte, Stalin würde – besonders nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag – seine Befreiung erwirken. Die Hoffnung trog; Stalin nutzte seine Möglichkeiten nicht. 

Thälmanns letzte bekannt gewordene Niederschrift „Antwort auf Briefe eines Mitgefangenen" von Anfang 1944 kann als sein politisches Testament angesehen werden. In ihm legt er seine und die Position der deutschen Kommunisten dar und stellt sie der Demagogie, dem Terror und den Kriegsverbrechen des deutschen Faschismus entgegen. 

Ernst Thälmann saß 11 Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern von Berlin-Moabit, Hannover und Bautzen in Einzelhaft, bis Hitler und Himmler am 14. August 1944 seine Ermordung festlegten. 

Vier Tage später wurde er im KZ Buchenwald erschossen. 

Gekürzt, nach der biographischen Skizze von Hans Rondi aus der vom Kuratorium Gedenkstätte Ernst Thälmann e. V., Hamburg, herausgegebenen Broschüre „Ernst Thälmann und Kampfgefährten – Eine Hamburger Ausstellung in Bild und Text"  

 

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Der Mord an Thälmann blieb ungesühnt  

In: unsere zeit online vom 15.08.2014 

 

November 1985. Zusammen mit etwa 20–30 Genossen des Bezirksvorstandes Rheinland- Westfalen und des Parteivorstandes haste ich die Treppe des Krefelder Landgerichts hoch. Ich habe den früheren Vorsitzenden unserer Partei, den ehemaligen Auschwitz- und Buchenwald- Häftling Kurt Bachmann, rechts fest eingehakt. Links von ihm hat ihn ein weiterer Genosse untergehakt. Wir sprinten los. Kurt ist bereits 75 Jahre alt. Dieser plötzliche Sturmlauf ist eine sportliche Hochleistung für ihn. Hinter uns erschallt der Ruf: „Platz für den Nachfolger von Ernst Thälmann". 

Unsere Gruppe ist im Gerichtssaal unerwünscht. 

Doch mit unserem überraschenden Spurt haben die Gerichtsdiener nicht gerechnet. Wir boxen Kurt Bachmann quasi durch die Postenkette durch und finden doch Platz. Vor uns dreht sich eine ältere Frau bei dem Gelärme um. Unverkennbar: es ist Irmgard, die Tochter von Ernst Thälmann. 

Gegen einen seiner Mörder, den früheren SS-Stabsscharführer Wolfgang Otto (1911–1989), soll endlich, nach fast 40 Jahren, der Prozess wegen seiner Beteiligung an der Ermordung ihres Vaters im KZ Buchenwald beginnen. Otto war damals Mitglied des Mord- und Hinrichtungskommandos 99, Protokollführer bei allen Exekutionen und zuletzt auch der „Spieß" – der Funktionsoberste der Unteroffiziere – im Lager. Schon im November 1948 hatte der polnische Augenzeuge und Buchenwald-Häftling Marian Zgoda vor dem Amtsgericht München Ottos Mittäterschaft eidesstattlich bezeugt. 

Doch das Münchner Amtsgericht blieb untätig. Kein Zufall: Der zuständige Amtsgerichtsrat Pückert war schon seit 1933 Scharführer der SA und seit 1937 NSDAP-Mitglied. 

Otto war 1947 von einem amerikanischen Militärgericht wegen Verbrechen an alliierten Häftlingen zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. 1952 wurde er aber schon wieder wegen „guter Führung" entlassen. Mehrfach hatten danach die Thälmann-Witwe Rosa und nach deren Tod (1962) ihre Tochter Irmgard versucht, Otto wegen seiner Beteiligung am Mord Thälmanns vor ein westdeutsches Gericht zu stellen. Otto kam aber ungeschoren davon; alle angestrengten Verfahren, bei denen der damalige DDR-"Staranwalt" Friedrich Karl Kaul federführend gewesen war, wurden niedergeschlagen. So wie bei Tausenden der Nazi-Kameraden. Otto konnte daher nach seiner vorzeitigen Haftentlassung – bis zu seiner schließlich doch erzwungenen vorzeitigen Pensionierung – unbehelligt als Lehrer im niederrheinischen Geldern arbeiten und danach ungestört seine Pension verzehren. 

Nun endlich sollte seine Rolle aufgeklärt werden. Er selbst war jedoch nur eines der letzten Glieder in der Mordkette. Die Hinrichtung des seit März 1933 inhaftierten KPD-Vorsitzenden war von allerhöchster Stelle befohlen worden. 1964 wurde per Zufall von Kaul die Kopie eines unscheinbaren Notizzettels des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, aufgefunden. Diesen hatte er sich vor einem Dienstgespräch bei Adolf Hitler in dessen Hauptquartier „Wolfsschanze" am 14. August 1944 angefertigt. In perfekter Sütterlin- Schrift war dort – offenbar nach dem Gespräch – an letzter Stelle notiert: „ 12. Thälmann ist zu exekutieren." Nur vier Tage später wurde Thälmann in Buchenwald ermordet. 

Fast 40 Jahre nach dem Thälmann- Mord sollte einer der direkten Vollstrecker des Hitler Befehls dafür vor Gericht seine Strafe erhalten. So dachten und so hofften wir. Wir konnten als Zeitzeugen, den ehemaligen polnischen Buchenwaldhäftling Zbigniew Fuks hören, der die Beobachtung des Tatumstands durch den mittlerweile verstorbenen polnischen Häftling Marian Zgoda bestätigte. 

Und wir erlebten unseren Genossen Emil Carlebach vor dem Krefelder Gericht. Der Auftritt von Emil blieb mir in besonderer Erinnerung, weil er in gespenstischer Eindringlichkeit die Atmosphäre im KZ-Buchenwald vermittelte. 

Er demonstrierte dies unter anderem mit der überraschenden Darstellung einer typischen Meldung seiner zum Abendappell angetretenen Barackenbelegschaft. 

Wie er blitzartig die Hacken zusammenknallte und mit sich fast überschlagender Stimme die Meldung herausschrie „Baracke xy mit soundso viel Häftlingen vollständig angetreten!", jagte mir ein Schaudern über den Rücken. 

Carlebach konnte aus eigener Anschauung glaubhaft machen, dass sein Mithäftling Zgoda, die vor Gericht von Fuks erneut vorgetragenen Beobachtungen tatsächlich hatte machen können. 

Wir waren überrascht, als am 15. Mai 1986 das Krefelder Landgericht sein Urteil verkündete: Vier Jahre Haft für Otto wegen Beihilfe zum Mord. Überrascht natürlich über die Milde, aber überrascht vor allem deshalb, weil es überhaupt zu einer Strafe kam. Wir hatten uns zu früh gefreut. Die Verteidigung ging in die Revision und im März 1987 hob der Bundesgerichtshof das Urteil wieder auf. Im Revisionsverfahren vor dem Düsseldorfer Landgericht wurde Otto am 29. August 1988 freigesprochen. 

Die dagegen von Rechtsanwalt Heinrich Hannover eingelegte Revision wurde vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen Der Mord an Thälmann blieb ungesühnt. 

So wie viele Millionen andere Nazi-Morde. Hans-Peter Brenner Foto: UZ-Archiv Bild ganz oben links: Albert Norden bei der Vorstellung des DDR-Braunbuches 1965. Es enthielt Namen von über 1 800 Nazis und Kriegsverbrechern in westdeutschen Führungspositionen (in der 3. Auflage über 2 300 Namen). Bild ganz oben rechts: Protestaktion der VVN-BdA in Hambur (1987) Bild oben: Düsseldorf 1979 Bild unten: „Verjährungs-Debatte" im Bundestag, Juli 1979. Zu den lautstark Protestierenden gehörte Emil Carlebach (stehend links). 

 

 

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Ernst Thälmann – der Kommunist  

Vor 70 Jahren wurde Thälmann im KZ Buchenwald ermordet  

Von Eberhard Czichon  

In: unsere zeit online vom 15.08.2014 

 

Ernst Thälmann gehörte zu jenen Kommunisten, die noch vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 verhaftet wurden. Nachdem es den Faschisten nicht gelungen war, einen Prozess gegen den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands zu inszenieren, behielt sich Hitler die persönlichen Entscheidungen über seine Haftbedingungen vor. Doch Thälmann ließ sich von den Versprechungen, die ihm mehrmals im Auftrage Hitlers angetragen wurden, nicht blenden. 

Ungebeugt von der Einzelhaft blieb Thälmann, wie viele Kommunisten in den Konzentrationslagern. 

Doch dann am 14. August 1944 erteilte Hitler bei einem Vortrag von Himmler diesem sein Einverständnis, Thälmann zu liquidieren, was ein SS-Kommando am 18. August im Krematorium in Buchenwald vollzog. 

Als linker Sozialdemokrat Ernst Thälmann war Partei- und Gewerkschaftsfunktionär in Hamburg. Hier stand er immer auf dem linken Flügel der Arbeiterorganisationen und kämpfte als Kutscher und Hafenarbeiter gegen die sich entwickelnde Bürokratie stets um die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Besonders lag es ihm daran, den 1. Mai zum Kampfund nicht zum Bierfeiertag für die Arbeiterklasse zu machen. Er gehörte auch nicht zu den Freiwilligen, die sich nach der Generalmobilmachung für einen Fronteinsatz meldeten und wurde 1915 eingezogen. Fast ein Jahr später wurde Thälmann an der Westfront als Kanonier eingesetzt, stand vor einem Kriegsgericht „wegen Beleidigung Vorgesetzter und Beharrens im Ungehorsam" und kämpfte nach seiner Militärhaft als Pferdepfleger und im Schützengraben in der Champagne und vor Verdun. Nach einer schweren Verwundung im Genesungsurlaub half er seiner Frau Rosa, die er noch 1915 kurz vor seiner Einberufung geheiratet hatte, bei ihrer Arbeit auf einem Holzplatz und seinem Vater schwere Lasten zu tragen. Das alles ist in seinem „Kriegstagebuch", Notizen in seinen Gewerkschaftskalendern, nachzulesen. Auch, dass er sich in seinem Urlaub mit seinen Genossen traf, die im Hafen arbeiteten, und wie Rosa, ihm die Folgen des Krieges in der Heimat berichteten. In seinem Fronturlaub 1917 nahm er an den ersten illegalen Versammlungen der USPD in Hamburg teil, der er nach seiner Rückkehr von der Front 1918 sofort beitrat. 

Der Übertritt zur Kommunistischen Partei Die Hamburger USPD delegierte ihn 1919 als ihren Abgeordneten in die Hamburger Bürgerschaft. 

1920 trat Thälmann, inzwischen zum Vorsitzenden der USPD-Ortsgruppe gewählt, mit dieser nahezu geschlossen auf dem Parteitag in Halle/ Saale im Dezember der Vereinigten Kommunistischen Partei bei. In seinen Reden vor dem Kommunalparlament entwickelte er in polemischer Argumentation bemerkenswerte Grundsätze kommunistischer Kommunalpolitik. Er stand bis 1920 in linker Opposition zu Heinrich Brandler, dem KPD-Vorsitzenden und hatte auch im August 1923 auf einer Sitzung der Komintern vor einem geplanten bewaffneten Aufstand gewarnt, wenn dieser nicht gründlich vorbereitet sei und von der Mehrheit der Arbeiterklasse nicht getragen werde. 

Als durch ein Missverständnis der Aufstand in Hamburg ausgelöst wurde, stand Thälmann dennoch an der Spitze der isoliert kämpfenden Arbeiter und leitete den Rückzug ein, als ihm Fritz Heckert dazu die Anweisung gab. 

Zunächst stand Thälmann an der Seite von Ruth Fischer und wurde im Dezember 1924 in den Deutschen Reichstag gewählt. Doch er wandte sich von ihr ab als er beobachtete, wie sie die KPD von den Arbeitermassen isolierte, indem sie die Grundsätze der Gewerkschaftspolitik grob verletzte. 

So wurde dann 1925 der Hamburger Hafenarbeiter auf Empfehlung des Vorsitzenden des Präsidiums des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (Komintern), Grigori Sinowjew, zum Vorsitzenden der KPD gewählt. Seit 1927 gehörte dann Thälmann als Mitglied auch ihrem Präsidium an. 

Über Thälmanns Arbeitsstil Thälmann, der auf dem III. Komintern-Kongress 1921 Lenin kritisierte, studierte nach dessen Tod intensiv seine Schriften und entwickelte sich bald zum Verteidiger der leninschen Strategie und Taktik im Klassenkampf. Trotz seiner Funktionen blieb er, der ehemalige Hafenarbeiter und Gewerkschaftsfunktionär, in den folgenden Jahren an der Seite seiner Kollegen. Oftmals war der KPD-Vorsitzende im Gebiet des Hamburger Hafens anzutreffen oder er diskutierte in Hafenkneipen mit Genossen der Hafenparteigruppe, bevor er an Sitzungen der Hamburger Parteileitung teilnahm. 

Der Arbeitsstil Thälmanns blieb für einen Parteivorsitzenden unkonventionell. Zwischen den Sitzungen des Präsidiums der Komintern, der des Politbüros oder des ZK der KPD nahm er oftmals an Sitzungen der „Bruderparteien" teil, den zur Komintern gehörenden Kommunistischen Parteien, und war zwischendurch immer wieder bei den Hamburger Hafenarbeitern. Er diskutierte aber auch im Ruhrgebiet, traf sich dort mit Bergarbeitern und reiste durch ganz Deutschland, wenn Neuwahlen zum Deutschen Reichstag anstanden. 

Dann sprach er auf Großveranstaltungen. Wenn Thälmann kam waren Säle, ja ganze Stadien gefüllt. 

Er argumentierte scharf und überzeugte die Menschen. 

An der Spitze des Roten Frontkämpferbundes Gegen die nationalistischen Kriegervereine gründete die KPD den Roten Frontkämpferbund (RFB), dessen Leitung Thälmann übertragen wurde, der wusste welches Leid der „Frontkämpfer" im Weltkrieg hatte ertragen müssen. Er formte den Bund zu einer disziplinierten politisch schlagkräftigen Formation, die ihrem Gegner Respekt einflößte. Er wurde oft zum Schutz der Parteiveranstaltungen eingesetzt. Thälmann überzeugte die Genossen auch sich nicht provozieren zu lassen als regierende Sozialdemokraten den Roten Frontkämpferbund (gegen den Widerstand eigener Genossen) 1929 verboten. 

Widersprüche im Klassenkampf Die Führung der Partei war nicht konfliktfrei. 

Aber der Kampf gegen den deutschen Imperialismus erfolgte ja auch nicht nach vorgezeichneten Beschlüssen. So musste Thälmann auch im Präsidium der Komintern für die Berücksichtung realer Klassenkampferfahrungen in Deutschland kämpfen und konnte nicht immer für seine Vorschläge eine Mehrheit erreichen. Er hielt die Beschlüsse der Komintern dennoch immer diszipliniert ein, versuchte aber stets, sie den deutschen Kampfbedingungen anzupassen. Die Losung, die er als das Ziel der Kommunisten verfolgte „Heran an die Massen", konnte nur unter komplizierten Bedingungen umgesetzt werden. So in der Gewerkschaftspolitik, wo die rechten Führer des ADGB, unterstützt von verschiedenen Parteifunktionären, Kommunisten, ja ganze Zahlstellen oder Verbände aus der Gewerkschaft ausschlossen, wenn sie beispielsweise Streikbeschlüsse fassten. 

Gegen den Willen Thälmanns, aber mit der Unterstützung einer Mehrheit im Präsidium der Komintern bildeten die Ausgeschlossenen eigene „rote Gewerkschaften". Diese Taktik isolierte sie zunehmend von der Masse der Gewerkschaftler, worauf Thälmann immer wieder warnend hingewiesen hat. 

Die Ausschlüsse kämpfender Genossen aus den freien Gewerkschaften (dem ADGB), die Ermordung von 32 Arbeiterinnen und Arbeitern am 1. und 2. Mai 1929 in Berlin durch den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel (dem Blutmai) und das Verbot des RFB durch eine sozialdemokratisch geführte Regierung, verschärften die Klassenauseinandersetzungen, in denen Thälmann stets die Genossen mahnte, die sozialdemokratischen Führer nicht mit den sozialdemokratischen Arbeitern gleichzusetzen. 

Sozialdemokratische Arbeiter sind keine Sozialfaschisten Doch nicht immer konnte Thälmann die Wirkung des politischen Kampfes auf die Parteimitglieder auffangen. Viele revolutionär gestimmte Arbeiter griffen nur zu gern die These von den Sozialdemokraten als Sozialfaschisten auf, die im Januar 1924 von Sinowjew zur Charakterisierung der Sozialdemokraten verwendet wurde, die 1919 die Revolution in Zusammenarbeit mit den Reichswehrbrigaden blutig niedergeschlagen und 1923 wieder die Reichswehr gegen revolutionär kämpfende Arbeiter als mordende Truppe eingesetzt hatten. Die Tatsachen waren unstreitig, der Begriff für sie falsch gewählt. Von Stalin verwendet, fand er dann Eingang in verschiedene Dokumente der Komintern. Thälmann argumentierte gegen diesen Terminus in seinen Reden im Plenum der Komintern und vor Parteifunktionären. Er schätzte berechtigt ein, dass dieser Begriff in der Argumentation die kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter in den Betrieben trennt und ihre Einheitsfront gegen den drohenden Faschismus unzulässig belastet. Trotz seiner Mahnungen wurden seine Manuskripte jedoch vielfach von den Redakteuren der KPD-Presse mit diesem Terminus belastet. Eines ihrer entlastenden Argumente für diese Handlungsweise bestand darin, damit einem verbindlichen Beschluss der Komintern zu entsprechen. 

Otto Wels vertiefte die Kluft von Sozialdemokraten und Kommunisten Am 11. Juni 1932 sprach Thälmann im Berliner Sportpalast und rief den sozialdemokratischen Arbeitern zu: Wir bieten allen die Hand, die mit uns gegen den Kapitalismus kämpfen. Und er diskutierte in Berlin stundenlang mit sozialdemokratischen Funktionären. In diese sich anbahnende Einheitsfront gegen Kapital und Faschismus wirkte die Rede von Otto Wels auf dem Leipziger Parteitag 1931 sprengend. In seinem Rechenschaftsbericht gab der Vorsitzende der SPD die verhängnisvolle Parole aus, Kommunisten und Faschisten seien Zwillingsbrüder und der „Vorwärts" griff sie umgehend auf, dass es mit den „roten Faschisten" keine Zusammenarbeit gäbe. 

Wenn schon der Terminus „Sozialfaschismus" in der realen Klassenkampfsituation gefährlich war, so wurde die öffentliche Situation mit der sinnlosen Losung von „roten Faschisten" noch mehr belastet und verhinderte letztlich auch auf der Parteiausschusssitzung der SPD mit Vertretern der Reichstagsfraktion am 31. Januar 1933 die Unterstützung des Generalstreikaufrufes der KPD gegen das Hitler-Papen-Kabinett vom 30. Januar 1933. Die Einsicht verschiedener sozialdemokratischer Funktionäre, aber auch von Kommunisten, sich gegenseitig misstraut zu haben und falschen Losungen gefolgt zu sein, kam zu spät. 

H Thälmann hatte trotz aller Widersprüche und Hindernisse, vor allem in den Jahren der Weltwirtschaftskrise den Masseneinfluss der Partei wiederhergestellt, der ihr nach 1923 verloren gegangen war. Vor allem die Arbeit der Kommunisten in den Betrieben (in denen es noch Betriebsgruppen gab) und unter den Arbeitslosen brachte der KPD bei den Wahlen 1932 zunehmende Gewinne ein. Wenn auch nur noch 11 Prozent der Parteimitglieder von 300 000 in Arbeit standen, wurde das Ergebnis bei der Novemberwahl 1932 zum Deutschen Reichstag mit fast 6 Millionen Stimmen (16,9 Prozent) und 100 Reichstagsabgeordneten ein voller Erfolg für die Thälmannsche Parteiführung. 

Zu dieser Zeit (im Herbst 1932) waren offiziell 5 110 000 registrierte Menschen ohne Arbeit (die Quote betrug 22,6 Prozent), 44,4 Prozent der Arbeiter mussten Kurzarbeit hinnehmen. Insgesamt waren nur noch 33 Prozent der Arbeiter und Angestellten vollbeschäftigt. 

Ansätze einer neuen Strategie im Kampf gegen den Faschismus Als es einer Mehrheitsgruppe im deutschen Finanzkapital Ende Januar 1933 gelungen war, die politische Macht in Deutschland der Hitler-Clique in der Hoffnung zuzuschieben, Sozialdemokraten und Kommunisten auszuschalten, die SPD aber den Generalstreikaufruf der KPD gegen das Hitler- Kabinett trotzdem nicht unterstützte, warnte Thälmann vor jeder Spielerei mit einem spontanen „bewaffneten Aufstand", den er als unverantwortlich ablehnte. In seiner Rede vor ZK-Mitgliedern und führenden Funktionären der KPD im Februar in Ziegenhals hat er auch der Auffassung entschieden widersprochen, dass ein Generalstreik zwangsläufig in einen bewaffneten Aufstand übergehen muss und dass ein Sieg über Hitler und den Faschismus mit einem Generalstreik noch keinen Sieg in der proletarischen Revolution bedeuten würde. Für ein Mitglied der Führungsgruppe der Komintern war das der Ansatz, für eine neue Taktik im Kampf gegen die faschistische Herrschaft, die erst Georgi Dimitroff nach seinem Erfolg im Berliner Reichstagsbrandprozess in der Kommunistischen Internationale 1934 und 1935 weiterentwickeln und mit Unterstützung von Wilhelm Pieck und Palmiro Togliatti von der italienischen Kommunistischen Partei durchsetzen konnte. 

Schon auf dem XIII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale war 1933 der Faschismus in Deutschland als „… offene terroristische Diktatur, der am meisten reaktionären chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals…" eingeschätzt, eine Bewertung, die Georgi Dimitroff 1935 nur noch zu unterstützen und vertiefen brauchte. 

H Heinrich Mann schrieb zum 50. Geburtstag von Ernst Thälmann 1936: „Ernst Thälmann ist ein wirklicher Arbeiter mit Fäusten und einem gesunden Verstand" – eben, das Vorbild für Kommunisten. 

 

 

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»Hamburgs Kommunisten waren bis Kriegsende im Widerstand«  

Gespräch mit Uwe Scheer. Über die Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg-Eppendorf, ihr Überleben nach 1989 und kenntnisreiche DDR-Bürger  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Uwe Scheer war von 2003 bis 2009 Vorsitzender des Kuratoriums »Gedenkstätte Ernst Thälmann« e. V. in Hamburg und ist heute Vorstandsmitglied. Seit 2012 ist er Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte. 

Die Hamburger Morgenpost titelte 2005 »Die letzte Bastion der Kommunisten« und schrieb: »Mitten im edlen Eppendorf ist er noch lebendig, der Geist des Kommunismus. Im Erdgeschoß des Eckhauses an der Tarpenbekstraße 66 hängen rote Fahnen an der Wand, auf einer steht: rProletarier aller Länder, vereinigt euch!l Hier ist die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, in der seit mehr als 35 Jahren an den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei erinnert wird.« Der Hamburg-Korrespondent der FAZ, der übrigens aus der DDR stammt, schrieb im November 2013: »Wie der Quastenflosser als lebendes Fossil die Tiefen des Ozeans durchschwimmt, so gibt es in Hamburg-Eppendorf noch immer eine Ernst-Thälmann-Gedenkstätte.« Haben die recht? 

Etwas Ähnliches war auch in Springers Hamburger Abendblatt zu lesen. Da wird nach dem Motto verfahren: Das sind die letzten Mohikaner. Tatsache ist, daß die Existenz der Gedenkstätte nach 1989 am seidenen Faden hing und ihr Weiterbestehen ein Va-Banque-Spiel war. Mein Vorgänger als Vorsitzender im Kuratorium, Jan Wienecke, der lange Jahre die DKP in Hamburg leitete, sammelte Anfang der 90er Jahre umfangreiche Spenden für den Erhalt der Gedenkstätte, auch durch Aufrufe in UZ, junge Welt und Neues Deutschland. Es kam soviel Geld zusammen, daß der Gebäudeteil im Erdgeschoß, in dem sich die Gedenkstätte am Thälmann-Platz befindet, gekauft werden konnte. Als das sichergestellt war, konnte wieder eine kontinuierliche Arbeit beginnen. 

Die Gedenkstätte wurde 1969, also kurz nach Wiederzulassung einer legalen kommunistischen Partei in der Bundesrepublik, gegründet. Wie kam es dazu? 

Das hing durchaus mit der Gründung der DKP zusammen. Damals lebten noch viele Genossen und Freunde Ernst Thälmanns in Hamburg, die eigene Erinnerungsstücke beisteuerten und aus der Zeit mit ihm berichten konnten. 

Die wollten damit wieder an die Öffentlichkeit. Da bot sich das Haus an, in dem Thälmann bis 1933 und seine Familie bis 1944 gewohnt hatte. Ein Teil der unteren Etage konnte damals gesichert werden, wobei neben der Gedenkstätte noch ein Schuhmacher seinen Laden hatte... 

... bei dem Thälmann oft gewesen sein soll, wenn er in Hamburg war, um zu hören, worüber so gesprochen wurde... 

Das kann durchaus sein. Neben der Schuhmacherei war jedenfalls die erste Ausstellung, bis dann 1976 die Exposition in den Vitrinen so eingerichtet wurde, wie sie im wesentlichen heute noch im ganzen Erdgeschoß zu sehen ist. Damals half uns das DDR-Museum für Deutsche Geschichte in Berlin, und Wissenschaftler wie Günther Wehner konzipierten alles. Er unterstützt uns auch heute noch bei nötigen Aktualisierungen, wenn z.B. Exponate ausgetauscht werden müssen, weil sie vergilben, oder Ähnlichem. Leider fehlt uns das Geld, um alles, was er vorgeschlagen hat, zu verwirklichen. 

Es gab damals übrigens auch einen Austausch von Exponaten zwischen Berlin und Hamburg, wir halfen uns gegenseitig. 

Der Chronik der Gedenkstätte ist zu entnehmen, wie klein alles anfing, auch wenn es von Anfang an offenbar öffentliche Veranstaltungen mit großer Resonanz gab. Da wird z. B. 1969 von einem Gedenktag für Thälmann und dem Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid berichtet. Der kam am 24. August 1944 im KZ Buchenwald bei einem Luftangriff der Alliierten um. Der Gedenktag damals sollte an den 25. Todestag beider Politiker erinnern. Strahlte das in die Stadt aus? 

Ich will das wechselnde politische Klima am Beispiel der Straßenumbenennung illustrieren. Gleich 1946 hatte die Hamburger Bürgerschaft praktisch einstimmig beschlossen, eine Straße nach Ernst Thälmann zu benennen. Nach den konterrevolutionären Ereignissen in Ungarn 1956, auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde das wieder rückgängig gemacht, und sie hieß dann Budapester Straße. Nach 1968 änderte sich das wieder und schließlich war es so weit, daß wir 1984, als wir die Bürgerschaft aufforderten, Ernst Thälmann in seiner Heimatstadt so zu ehren wie es z. B. Dortmund, Mörfelden oder Städte in Frankreich tun, auf eine positive Resonanz bei SPD und Grün-Alternativer Liste (GAL) stießen. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Henning Voscherau und Bürgermeister Klaus von Dohnanyi unterstützten den Antrag. Die Springer-Presse und die CDU liefen selbstverständlich Sturm, aber SPD und GAL wollten Thälmann als Antifaschisten zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus ehren. So wurde ein kurzes Straßenstück am 99. Geburtstag Thälmanns, dem 16. April 1985, nach ihm benannt und zum Ernst-Thälmann-Platz. Eine ganze Straße umzubenennen, sei nicht möglich, meinte Voscherau damals. Aber immerhin engagierte er sich dafür. Und er gilt als rechter Sozialdemokrat. 

Wie war das nach 1989? In der DDR wurde ja sogar Heinrich Heine als Stalinist entlarvt und sein Name verschwand z.B. 1990 von einer Grundschule in Berlin-Mitte. 

CDU und FDP erörterten in der Bezirksversammlung tatsächlich ernsthaft die Beseitigung des Namens Ernst Thälmann von dem Platz und die Räumung der Gedenkstätte. Sie wollten alles im Staatsarchiv vermodern lassen. Zum Glück hatten SPD und GAL dort die Mehrheit und sagten nein. Sie sorgten sogar dafür, daß wir finanzielle Unterstützung für den Druck einer Broschüre über die Geschichte der Gedenkstätte in ziemlich hoher Auflage erhielten. Wir können von Glück sagen, daß sie uns gewogen waren. 

Zurück noch einmal in die 70er Jahre. Ich war sehr erstaunt, als ich die Chronik studierte, wie sich die Besucherzahlen entwickelten. Das waren anfangs einige hundert im Jahr, später Tausende, bis zu 15000 in den 80er Jahren. Woran lag das? 

Das hatte verschiedene Ursachen. Eine war z.B., daß uns ganze Besatzungen sowjetischer Schiffe besuchten, Delegationen aus sozialistischen Ländern und selbstverständlich sehr viele Leute aus der Region. 

Sie hatten auch allerhand Prominenz zu Besuch. Ich habe mir notiert: 7. Mai 1978, KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew macht auf dem Weg zum Privathaus von Bundeskanzler Helmut Schmidt Station in der Gedenkstätte. 

Ich nehme an, das geschah mit allerhand Bohai. 

Kann man wohl sagen. Die Straße in Eppendorf war voll, und ich konnte alles nur von weitem sehen. Mich bringt die Frage auf ein Problem unserer Arbeit: Wir haben zwar sehr viel Fotomaterial aus diesen Jahren, aber vieles ist unbeschriftet und wir sind leider nicht die Experten, die identifizieren könnten, wer da alles zu sehen ist. Selbstverständlich war Irma Gabel-Thälmann, die Tochter Ernst Thälmanns, immer wieder in der Gedenkstätte und andere bekannte Antifaschistinnen und Antifaschisten. Vor allem gab es immer wieder große Kundgebungen vor dem Haus. Ich war damals allerdings - gegen mich lief ein Berufsverbotsverfahren - mehr Zuschauer als aktiver Teilnehmer. 

Irma starb im Jahr 2000, und nun engagiert sich die Enkelin Vera Dehle-Thälmann bei uns in Hamburg und auch auswärts. Wir waren gemeinsam im Jugendcamp der Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF) auf der Insel Föhr und sprachen mit den Jugendlichen über Thälmann und den antifaschistischen Widerstand im Hamburger Hafen und waren wiederholt bei Jahrestreffen der DIDF. 

Die Hamburger Gedenkstätte verfügt über einen erstaunlich großen Bestand an Büchern - da ist von über 10000 die Rede - und historischen Materialien. 

Wie ist das entstanden? 

Wir haben im Lauf der Jahrzehnte viele Nachlässe erhalten, Geschenke und Zuwendungen. Darunter sind jede Menge wissenschaftliche Werke und ziemlich große Archivbestände, darunter viele Kopien von Akten aus der Nazizeit. Wir besitzen die Hamburger Volkszeitung, die kommunistische Zeitung, von 1946 bis zum KPD-Verbot 1956 komplett, oder auch die Zeitung Blinkfüer aus der Zeit danach. Damit kann und soll gearbeitet werden. Es kommt immer wieder vor, daß Studenten bei uns für Examensarbeiten recherchieren. Die haben sie nach Fertigstellung auch bei uns eingereicht, und es sind auf der Grundlage von Forschungen bei uns schon einige Bücher entstanden. Darunter waren zwar auch Publikationen, die nicht gerade erfreulich waren, aber das läßt sich nicht verhindern. Bücher und Archivmaterial befinden sich in Nebenräumen und im Keller, zum Teil unter sehr schlechten Aufbewahrungsbedingungen. Bis 1989 gab es hauptamtliche Mitarbeiter, die sich um den Erhalt der Bestände kümmern konnten. Jetzt arbeiten alle bei uns unbezahlt, und wir können uns damit nicht so intensiv befassen, wie es nötig wäre. Immerhin können wir im allgemeinen regelmäßige Öffnungszeiten gewährleisten. 

Die Forschung zu Thälmann ist seit 1989 besonders umkämpft. Es tauchten eine ganze Reihe von Historikern auf, die Kontroverses in den Vordergrund stellen, von den eigenen früheren Erkenntnissen nichts mehr wissen wollen und speziell Thälmann im antikommunistischen Überschwang der vergangenen 25 Jahre demontieren möchten. Bekommen Sie das zu spüren? 

Für mich spielt das im Grunde keine Rolle, ich bin aber auch kein Historiker. Ich will nur ein Beispiel nennen: Ich habe gehört, daß Thälmann nicht in einer einzigen Rede das Wort »Sozialfaschismus« (für die SPD Ende der 20er Jahre in der Kommunistischen Internationale gebraucht - d. Red.) verwendet hat. In Texten, die unter seinem Namen veröffentlicht worden sind, taucht es auf, aber in den Mund genommen hat er es nach verläßlichen Aussagen nicht. 

Ist die Gedenkstätte die einzige Einrichtung in Hamburg, die an den antifaschistischen Widerstand erinnert? 

Nein, da gibt es viele Initiativen, an der Spitze die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschisten (VVN-BdA), mit der wir eng zusammenarbeiten. Wir sind auch in der Bewegung »Weg mit dem Kriegsklotz« aktiv, dem Kriegerdenkmal von 1936 am Bahnhof Dammtor mit der Inschrift »Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen«. Als ein Resultat der Proteste gab es immerhin einen Wettbewerb für ein Gegendenkmal, für das die Gelder schon bewilligt wurden. Wir mischen außerdem bei den alternativen Hafenrundfahrten mit, halten Verbindung zu Spanienkämpfern, sind also Teil eines breiten Netzwerkes. Und ich möchte unbedingt die Willi-Bredel-Gesellschaft und das Erholungsheim für Antifaschisten »Heideruh« in Buchholz bei Hamburg erwähnen. 

Was für Besucher kommen heute? Wie ist es mit jungen Leuten? 

Früher kamen regelmäßig Jugendorganisationen über den Landesjugendring zu uns, aber das ist leider nicht mehr der Fall. Uns besuchen Schulklassen, wenn sie einen engagierten Lehrer haben, vor allem aber sind es Einzelpersonen und Familien. Die Zusammensetzung der Besucher hat sich in interessanter Weise verändert. Etwa seit dem Jahr 2000 sind viele ehemalige DDR-Bürger dabei, die jetzt in Hamburg leben oder dort zu Besuch sind. Da hören wir öfter den Ausruf, »Mensch, das kenn ich doch«. Ich fordere solche Besucher manchmal auf, doch gleich selbst eine Führung zu machen, und viele von ihnen haben wirklich erstaunliche Kenntnisse. Wir haben die Geschichte der Arbeiterbewegung im Gegensatz zu ihnen jedenfalls nicht in der Schule gelernt. Ich habe auch schon erlebt, daß Leute kommen, die sich vorher in der DDR nicht kannten und dann hier mit großem Hallo aufeinander zugehen, wenn sie ins Gespräch kommen. Ich schätze, daß ungefähr ein Drittel der heutigen Besucher aus der DDR stammt, zumeist Leute, die mit der historischen Entwicklung von SPD, KPD und von Gewerkschaften gut vertraut sind. 

Die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte ist Treffpunkt für Ex-DDR-Bürger? 

Das läßt sich in gewisser Weise so sagen. Aber natürlich kommen auch aus dem alten Bundesgebiet Leute oder Gruppen, die sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessieren - und nicht wenige aus dem Ausland. Ich hatte z. B. schon Wissenschaftler von der Universität Princeton in den USA bei mir, die sehr interessiert waren. 

Sie bieten angesichts der beschränkten Kräfte ein erstaunlich breites Spektrum von Veranstaltungen an - Filme, Vorträge, Diskussionen und anderes. Was für ein Publikum kommt dorthin? 

Das sind schon vor allem Leute aus Hamburg, das ist überschaubar. Wenn wir allerdings jemanden wie Moshe Zuckermann aus Tel Aviv bei uns haben, ist der Laden richtig voll. 

Sie sind jedenfalls eine feste Adresse für linke Veranstaltungen in Hamburg? 

Das trifft zu. Wir bemühen uns darüber hinaus, mit Veranstaltungen verschiedenster Art in die Öffentlichkeit zu kommen. In jedem Jahr veranstaltet der Bezirk Hamburg-Nord eine Woche des Gedenkens der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, also um den 27. Januar. Dabei machen sehr viele Vereine des Bezirks mit, manchmal sind das 25 Organisationen. Es gibt ein breites Programm, das gedruckt und in allen öffentlichen Einrichtungen verteilt wird. Wir sind auch immer dabei mit zwei oder drei Veranstaltungen, darunter am 30. Januar jeden Jahres eine Ehrung der antifaschistischen Widerstandskämpfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Für das nächste Jahr haben wir schon Ralph Dobrawa eingeladen, der ein Buch zum Frankfurter Auschwitz-Prozeß vorgelegt hat. So versuchen wir heute, Öffentlichkeit herzustellen - und das gelingt auch. Denn bei solchen Gelegenheiten kommen Leute zu uns, die sich sonst wahrscheinlich nie in die Gedenkstätte hineintrauen. Es gibt leider immer noch Hemmungen bei Sozialdemokraten oder anderen politisch Engagierten. Ähnliches gilt für den Museumstag in Hamburg, an dem ein alter Bunker, der sich neben der Gedenkstätte befindet, zur Besichtigung geöffnet wird. Und was für uns besonders wichtig ist: Dabei kommen viele Spenden zusammen. 

Es gibt nur noch eine Handvoll authentischer Orte der deutschen Arbeiterbewegung, an denen Gedenkstätten existieren. Welche Bedeutung kommt ihnen aus Ihrer Sicht zu? 

Nach der Zerstörung des Sporthauses Ziegenhals, in dem eine Woche nach der Machtübertragung an Hitler 1933 die letzte Tagung der KPD-Führung mit Ernst Thälmann stattfand, sind es tatsächlich nur das Karl-Marx-Haus in Trier und das Friedrich-Engels-Haus in Wuppertal, die mit der Thälmann-Gedenkstätte in Hamburg vergleichbar sind. In den ersten beiden wird aber allerhand Antikommunismus verbreitet, und die Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung spielt praktisch überhaupt keine Rolle. Solche Mätzchen machen wir nicht. Vielmehr können sozialdemokratische Forscher bei uns sehr viel Material zur Geschichte ihrer Partei finden. 

Wie sind die Aussichten für die Gedenkstätte? 

Es gilt: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Einige Jahre geht es auf jeden Fall weiter. Es gibt das Problem mit dem Haus. Es ist über 100 Jahre alt, stark sanierungsbedürftig und wenn die Eigentümergesellschaft etwas beschließt, was viel Geld kostet, reißt uns das ein Loch in die Kasse. Wir haben leider nur einzelne Spender aus den linken Parteien und Bewegungen. 

Welche Bedeutung hat es heute, an Thälmann zu erinnern? 

Es geht um die organisierte Arbeiterbewegung und um den Arbeiterwiderstand gegen den Faschismus. Bei einem Vortrag von Ulrich Sander, dem Sprecher der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen und gebürtigen Hamburger, erfuhr ich, daß die Sozialdemokraten hier in der Stadt bis 1937 organisierten Widerstand geleistet haben, die Kommunisten bis zum Kriegsende. Wir kümmern uns z. B. 

um solche Dinge wie die Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Werftarbeiter. Bei den letzten Hafentagen haben wir in Anwesenheit von über 100 Antifaschisten aus verschiedenen Ländern eine entsprechende Gedenktafel enthüllt. Das Bedürfnis, über diese Geschichte etwas zu erfahren, ist da und insofern haben wir wenig Zukunftssorgen. Vielleicht noch ein Hinweis: Am Sonntag, dem 2. November, findet im Hamburger »Kino 3000« eine Benefizveranstaltung zugunsten der Gedenkstätte Ernst Thälmann statt. 

Gezeigt wird der britische Film »Good bye Barcelona«, das ist die Aufzeichnung einer Theateraufführung in London zum spanischen Krieg und den internationalen Brigaden. Dazu möchte ich bei dieser Gelegenheit jetzt schon einladen. 

Am kommenden Montag, dem 18. August, vor 70 Jahren wurde der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann nach über elfjähriger Einzelhaft auf direkten Befehl Himmlers und Hitlers vor dem Krematorium des KZ Buchenwald hinterrücks ermordet. Aus diesem Anlaß finden an diesem Tag in Hamburg, Dresden, Stralsund, Magdeburg und anderen Städten der Bundesrepublik sowie in der Mahn-und Gedenkstätte Buchenwald Veranstaltungen statt. 

Am Sonnabend, den 23. August, wird in Berlin Thälmanns mit einer bundesweiten Konferenz (ab 10 Uhr im Karl-Liebknecht-Haus) und einer zentralen Kundgebung (16 Uhr am Ernst-Thälmann-Denkmal) gedacht. 

In Hamburg die Gedenkstätte Ernst Thälmann (Tarpenbekstraße 66) ab 10 Uhr geöffnet sein. Im Programm: Filme, Lesungen, Gespräche. Um 17 Uhr Kundgebung. 

Mitglied im Kuratorium der Hamburger »Gedenkstätte Ernst Thälmann« e. V. 

kann jeder werden - ob Mitglied einer Partei oder nicht -, der sich für die Arbeiterbewegung, z. B. in Gewerkschaften, engagiert und die Satzung (mußte nach 1989 nicht geändert werden) anerkennt. 

 

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Die Krise spitzt sich zu  

Erwerbslosigkeit, wirtschaftliche Zerrüttung, Verelendung: Am 15. Oktober 1932 analysierte Ernst Thälmann auf einer KPD-Parteikonferenz die Lage in Deutschland 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Das XII. Plenum (des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, der Komintern - jW) spricht in seinen politischen Thesen aus, daß das Ende der politischen Stabilisierung des Kapitalismus eingetreten ist. Was bedeutet das, Genossen? Wir müssen den ganzen Ernst und das ganze Gewicht einer solchen Feststellung verstehen. Lenin und die Komintern haben bekanntlich die ganze gegenwärtige Epoche, die im Zeichen des Monopolkapitalismus, des Imperialismus steht, als die Epoche der Weltrevolution gekennzeichnet. Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 und die russische Revolution des Jahres 1917 stehen am Beginn dieser Epoche und enthüllen ihren geschichtlichen Charakter. Die ersten Jahre der Nachkriegszeit waren erfüllt von einer nicht abreißenden Kette revolutionärer Kämpfe und bewaffneter Auseinandersetzungen, politischen Massenstreiks und Generalstreiks in einer ganzen Reihe von Ländern. 

Deutschland, das nach dem verheerenden Weltkrieg als das schwächste Glied in der Kette des Imperialismus anzusprechen war, zeigte ganz besonders deutlich diese rasche Aufeinanderfolge revolutionärer Zuspitzungen und Kämpfe. Mit der Oktoberniederlage des deutschen Proletariats von 1923, mit der Niederwerfung der bulgarischen Arbeiter und Bauern beim Sturz der Regierung Stambolijski (durch einen Putsch von Militär und Faschisten im Juni 1923 - jW) endete dieser Turnus, diese erste Reihe von Kriegen und Revolutionen. (...) 

Es folgte die Zeit der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, die mit einer Festigung der bürgerlichen Klassenherrschaft, mit einer günstigen Konjunktur der Wirtschaft, mit einem Anwachsen der demokratisch-pazifistischen Illusionen der Massen begann. Auf die erste große Flutwelle der Weltrevolution folgte eine gewisse Ebbe, eine gewisse Stagnation, ja teilweise rückläufige Entwicklung der revolutionären Bewegung. Die Propheten des Kapitalismus frohlockten, die Vertreter des Reformismus, die Führer der internationalen Sozialdemokratie verkündeten das Ende der Weltrevolution und wollten den Massen einreden, daß nunmehr der friedliche »demokratische« Weg zum Sozialismus, das allmähliche »Hineinwachsen in den Sozialismus« gesichert sei. (...) 

Als dann die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 einsetzte, als sie immer mehr Länder des Kapitalismus in ihren Bann zog und sich immer mehr vertiefte, haben wir bereits auf den damaligen Tagungen der Komintern und auch der KPD die Bedeutung der Krise für den Gang der Weltgeschichte aufgezeigt. (...) Wir sahen, wie die zyklische Krise sich auf dem Boden der allgemeinen Krise des kapitalistischen Systems in der Epoche des Imperialismus in viel schärferer und umfassenderer Form entfalten mußte, als das bei den periodischen Krisen der Vorkriegszeit der Fall war. Wir zeigten gleichzeitig schon damals auf, wie umgekehrt die Weltwirtschaftskrise ihrerseits die allgemeine Krise des Kapitalismus vertiefen und in ein höheres Stadium steigern muß. Die Ereignisse haben uns vollkommen recht gegeben. (...) 

Die ungeheure Erwerbslosigkeit in Deutschland, die völlige Zerrüttung der gesamten Ökonomik, die immer stärkere Stillegung des Produktionsapparates, die fortgesetzte Einschrumpfung des inneren Absatzmarktes durch die Verelendung der werktätigen Millionenmassen, die direkte Pauperisierung breitester Massen - das alles sind unbestreitbare Tatsachen. (...) 

Alles Gerede der Bourgeoisie, der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse über ein Abflauen der Krise, einen nahe bevorstehenden Umschwung in (...) eine baldige neue Prosperität, ist entweder haltlose Utopie oder bewußter Betrug. Gegenüber diesen Spekulationen, irreführenden und verlogenen, der Irreführung der Massen dienenden Phrasen, sagen wir Kommunisten den Massen mit aller Schärfe, daß sich die Krise nicht abschwächt, sondern daß sie im Gegenteil in ein verschärftes Stadium tritt. 

(...) Übrig bleibt bei diesem Programm der Bourgeoisie nur das eine: das krankhafte Bestreben, die Ausplünderung der Massen mit immer neueren Methoden zu steigern! 

Ernst Thälmann: Die Krise des Kapitalismus. Aus dem Referat auf der 3. 

Parteikonferenz der KPD, 15. Oktober 1932. Hier zitiert nach: Ernst Thälmann. Über proletarischen Internationalismus. Reclam Verlag, Leipzig 1977, Seiten 160-167 

Ernst Thälmann wurde am 18. August 1944 im KZ Buchenwald ermordet. Der Freundeskreis »Ernst- Thälmann-Gedenkstätte« e. V. Ziegenhals ruft aus Anlaß des 70. Jahrestages zur Teilnahme an zentralen Gedenkveranstaltungen, am Sonnabend, dem 23. August, in Berlin auf. U.a. finden von 10 bis 12 Uhr eine Konferenz im Karl-Liebknecht-Haus und von 14 bis 16 Uhr eine Kundgebung vor dem Ernst-Thälmann-Denkmal in der Greifswalder Straße statt. 

 

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Keine grausame und heimtückische Tat  

Die bundesdeutsche Justiz verhinderte systematisch jahrzehntelang einen Prozeß gegen die Thälmann-Mörder. Eine Chronik  

Friedrich Karl Kaul 

In: junge Welt online vom 16.08.2014 

Wochenendbeilage  

 

Als in der BRD die Erkenntnis wuchs, daß die Adenauersche Politik der Stärke erfolglos bleiben mußte, begann das Eis des Kalten Krieges zu schmelzen. Nun war auch die Möglichkeit der Strafverfolgung der Mörder Ernst Thälmanns keine Illusion mehr. 

Am 11. April 1962 erstattete deswegen die Witwe Ernst Thälmanns, Genossin Rosa Thälmann (1890-1962), gegen die beiden ehemaligen SS-Angehörigen, 

1. den jetzigen Lehrer Wolfgang Gunther Klaus Otto, wohnhaft in Geldern (Rheinland), Hartorstraße 21, und 

2. den jetzigen Bankbeamten Alfred Werner Berger, wohnhaft in Rottweil (Neckar), Anzeige wegen Mittäterschaft an der Ermordung Ernst Thälmanns. In der Anzeige wurde darauf hingewiesen, daß bei der Ermordung Ernst Thälmanns außerdem folgende Angehörige der SS-Besatzung des KZ Buchenwald anwesend waren: 

3. der Lagerführer, SS-Obersturmführer Gust 

4. der Rapportsführer, Hauptscharführer Hofschulte, 

5. SS-Oberscharführer Warnstaedt, Kommandoführer im Krematorium Buchenwald, 

6. der Adjutant des Kommandanten, SS-Hauptsturmführer Schmidt, 

7. der Lagerarzt, Hauptsturmführer Schidlauski, und schließlich 

8. der Unterführer Stobbe, stellvertretender Kommandoführer im Krematorium Buchenwald. 

Dieser Hinweis erfolgte, weil es ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist, daß bereits die bloße Anwesenheit einer Person bei einer Mordtat als Mittäterschaft, zumindest aber als strafbare Beihilfe strafrechtlich zu werten ist, wenn »durch die dadurch zum Ausdruck kommende Billigung der Mordtat der Tötungswille des Täters gestärkt« wird. 

Mit der Nennung dieser acht SS-Mörder war der Kreis der am Mord Ernst Thälmanns beteiligten Täter geschlossen! 

Nicht hinreichend 

Da bis zum 28. Juni 1962 noch nicht einmal der Eingang der Strafanzeige bestätigt war, erfolgte Mahnung, auf die am 16. Juli 1962 mitgeteilt wurde, daß das »auf Grund der Anzeige eingeleitete Ermittlungsverfahren von der Zentralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Behandlung von nationalsozialistischen Massenverbrechen in Konzentrationslagern übernommen wurde«. 

Auf die weitere Mahnung an diese Stelle am 28. August 1962 erfolgte am 6. 

September die Mitteilung, daß die »Ermittlungen noch nicht abgeschlossen« seien. 

Nach weiteren monatlichen Mahnungen bequemte sich die »Zentralstelle« schließlich am 17. April 1964 zu der Nachricht, daß das »Verfahren eingestellt« worden sei, da »die umfangreichen Ermittlungen keine hinreichenden Verdachtsgründe dafür ergeben haben, daß die Beschuldigten in strafrechtlich faßbarer Weise an der Ermordung Ernst Thälmanns beteiligt waren«. 

Begründet wurde die »Feststellung« folgendermaßen: »...fast alle verantwortlichen Männer der Kommandantur des KZ Buchenwald sind inzwischen verstorben, darunter auch die in der Anzeige genannten früheren SS-Angehörigen Hofschulte, Schmidt und Dr. Schidlauski. Die übrigen Beschuldigten, soweit sie ermittelt werden konnten, stellen eine Teilnahme an der Ermordung Ernst Thälmanns in Abrede...« 

Und die Angaben (Marian) Zgodas (polnischer Buchenwaldhäftling, der im Krematorium als Leichenträger gearbeitet hatte. Er wurde 1947 staatsanwaltlich vernommen und nannte die Namen der Mörder - jW) über das, was er in der Tatnacht des 18. August 1944 im Krematorium des KZ Buchenwald beobachtet hatte? »...vermitteln keine hinreichende Klärung des Sachverhalts!« heißt es darüber in dem Einstellungsbescheid: »...hat nur bekunden können, daß Otto, Berger und die anderen bei der Ankunft Thälmanns auf dem Hofe des Krematoriums zugegen waren. Über die Art ihrer Beteiligung an der Tat, insbesondere darüber, wer die Schüsse auf Thälmann abgegeben hat, konnte der Zeuge Zgoda keine Angaben machen... Bei diesem Ermittlungsergebnis mußte das Verfahren mangels Beweises eingestellt werden!« Mit 68 maschinegeschriebenen Zeilen wurde die Mordanzeige schnoddrig »abgeschmiert«. 

Noch bevor dieser Einstellungsbescheid ergangen war, hatte der Generalstaatsanwalt der DDR am 20. März 1964 den Kölner Justizbehörden angeboten, die Akten der zur Feststellung der Mörder Ernst Thälmanns von ihm durchgeführten Ermittlungen einzusehen und auszuwerten. 

Am 8. Mai 1964 wurde gegen den Einstellungsbescheid beim Generalstaatsanwalt des Oberlandesgerichts Köln Beschwerde eingelegt. 

Daraufhin ließ dieser am 28. August 1964 mitteilen, daß »die Ermittlungen in der Mordsache Thälmann erneut aufgenommen« seien. 

Genickschußkommando 

Am 5. November 1964 geruhten die Kölner Justizbehörden das Angebot des Generalstaatsanwalts der DDR anzunehmen. Vom 15. bis 17. Dezember 1964 sahen die Kölner Staatsanwälte Dr. Korsch und Dr. Plümpe die Originalakten der Ermittlungen des Generalstaatsanwalts der DDR in dessen Dienstsitz in der Hauptstadt der DDR ein, werteten sie aus und erhielten die von ihnen gewünschten Fotokopien. In diesen Originalakten des Generalstaatsanwalts der DDR befand sich ein überaus aufschlußreiches Dokument: Am 18. Oktober 1962 war auf Veranlassung des Generalstaatsanwalts der in der Hauptstadt der DDR lebende Verlagsbuchhändler Heinz Mißlitz als Zeuge vernommen worden. Seit 1931 Genosse der KPD, war er 1934 wegen Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung seiner Strafe 1937 in das KZ Buchenwald gebracht worden. Über den SS-Stabsscharführer Otto äußerte sich Mißlitz wie folgt: »Stabsscharführer Wolfgang Otto, geboren am 23. August 1911, ist mir von meiner Tätigkeit in der Stabsbaracke genau bekannt. Zu seinem Tätigkeitsbereich gehörte unmittelbar die Durchführung der Exekutionen, die meist durch Fernschreiben vom Reichssicherheitshauptamt oder den Gestapoleitstellen angeordnet wurden. Otto nahm an sämtlichen Einzelexekutionen teil, soweit er sich im Dienst befand, wie auch an Massenexekutionen im Pferdestall. Otto war Leiter des Exekutionskommandos 99 (genannt nach dem Telefonanschluß). - Das Kommando wurde auch Genickschußkommando genannt. - 

Das Auftreten Ottos bei solchen Hinrichtungen war in allen Fällen überbetont forsch, und zweifellos war das auch der Grund für das große Vertrauen, was ihm vom Lagerkommandanten entgegengebracht wurde. Der persönliche Eindruck von Otto war der eines verschlossenen, eiskalten Menschen, der berechnend immer seine Karriere im Auge hatte. - 

Im April 1947 war ich als Zeuge vor das Amerikanische Militärgericht in Dachau geladen worden. In Gegenwart anderer deutscher Zeugen wurden vom Chief interrogater Kerschbaum der in Dachau internierte Hauptscharführer Fricke und der Berufsverbrecher Krematoriumskapo Müller vorgeführt. 

Kerschbaum stellte im Zusammenhang mit der Ermordung Thälmanns an Fricke die Frage: rWaren Sie öfter im Krematorium?l - Fricke antwortete mit Nein. 

Daraufhin beschuldigte ihn Müller, er sei dort Stammgast gewesen und er wäre auch wegen Thälmann dort gewesen. 

Daraufhin machte Fricke die bemerkenswerte Feststellung: rJawohl, weil ich vom Stabsscharführer Otto noch nicht einmal genaue Personalien zur Beurkundung erhalten habe.l Aus dieser Aussage geht eindeutig hervor, daß für die Durchführung der Ermordung Thälmanns in erster Linie Otto verantwortlich war. Für mich und meine damaligen Leidensgefährten gibt es nicht den geringsten Zweifel an der maßgeblichen Mitwirkung des Otto bei der Ermordung Ernst Thälmanns, sowohl von der Person als auch von der Funktion her gesehen.« (...) 

Dabei gewesen 

Diese Unterlagen erhielt die Kölner Staatsanwaltschaft. (...) Die Kölner Staatsanwälte bedankten sich artig für die »interessanten« Beweismaterialien und - verstummten. Am 2. Februar wurden sie gemahnt. 

Antwort auf diese Mahnung erfolgte am 9. Februar 1965: »Die Ermittlungen dauern an.« 

Über zwei Jahre vergingen, ohne daß aus Köln über die »andauernden« Ermittlungen etwas zu erfahren war. Um der »Versandung« des Verfahrens entgegenzuwirken, bot der Generalstaatsanwalt unserer Republik den Kölner Staatsanwälten an, den Tatort des Mordes im ehemaligen KZ Buchenwald in Augenschein zu nehmen. Mit wiederum »artiger« Danksagung nahmen die Kölner Staatsanwälte dieses Angebot an. 

Am 9. August 1967 besuchten sie Buchenwald, fotografierten den Innenraum des Krematoriums, in dem Ernst Thälmann durch Genickschuß ermordet worden war, und erklärten beim Abschied, »nunmehr Veranlassung zu haben, die gesamten Ermittlungsakten nochmals von vorn durchzuarbeiten, da die vorliegenden Belastungsbeweise bisher unterbewertet worden waren«. 

Eines der Kernstücke dieser Belastungsbeweise waren die Angaben, die der ehemalige SS-Hauptscharführer Werner Fricke gemacht hatte. Fricke, der im KZ Buchenwald Leiter des Standesamtes war und, wie der Zeuge Mißlitz bei seiner Vernehmung durch das Stadtbezirksgericht Mitte der Hauptstadt der DDR bekundete, vor dem USA-Vernehmer Kerschbaum 1947 zugegeben hatte, bei dem ehemaligen SS-Stabsscharführer Otto seinerzeit die persönlichen Daten des ermordeten Ernst Thälmann auf Weisung der Lagerkommandantur erforscht zu haben, mußte unter dem Druck dieser Bekundung in Köln vernommen werden. 

Diese Vernehmung war in überraschender Weise »fündig«, wie sich aus der Gegenüberstellung Frickes mit Otto, die am 1. August 1963 stattfand, ergab. 

(...) 

Fricke: » (...) Otto war nämlich in Buchenwald nicht sehr beliebt gewesen. 

Er versuchte immer, die Reservisten gegen die Aktiven auszuspielen. Ich hatte ihm deshalb damals in Buchenwald einmal gesagt, daß er das besser nicht täte, weil eine Zeit kommen könne, in der er die alten Aktiven dringend nötig hätte. Nun war diese Zeit gekommen, und ich erinnerte Otto an seine damalige Haltung und das Gespräch. Otto sagte daraufhin: rDu wirst mir doch nichts antun.l In diesem Zusammenhang kamen wir auf die Sache Thälmann zu sprechen. Otto erklärte mir dabei, daß er zusammen mit Schmidt und (Otto) Barnewald (SS-Sturmbannführer - jW) dabei gewesen sei. (...)« 

(Otto): »Ich vermag nicht zu sagen, wie der Zeuge Fricke zu seinen Angaben kommt. Ich erkläre erneut, daß ich mit ihm zu keiner Zeit über den Tod Thälmanns gesprochen habe. (...) 

Trotz dieser nahezu handgreiflichen Beweise zumindest für die Mordbeteiligung Ottos erfolgte am 10. April 1972 die Mitteilung, daß »das Verfahren erneut eingestellt« sei. In der Begründung dieses Bescheides wurden die Angaben der Zeugen Mißlitz und Fricke nicht erwähnt. Pauschal wurde erklärt: »Ob die Beschuldigten, von denen der SS-Oberscharführer Berger inzwischen verstorben ist, vor der Erschießung Thälmanns durch die Lagerleitung informiert und zur Absperrung auf dem Weg zum Krematorium beigezogen worden sind, war nicht zu klären.« 

Wiederum wurde gegen diese Einstellung Beschwerde eingelegt. Aufgrund ihrer eingehenden Begründung mußte das Ermittlungsverfahren von der Kölner »Zentralstelle« erneut aufgenommen werden. 

Verlogener Rechtsbruch 

Jetzt dauerte es zwei Jahre und sieben Monate, bis am 14. November 1974 - und dies zum dritten Mal - der Bescheid einging, daß »das Ermittlungsverfahren erneut eingestellt« worden sei. Dieser Bescheid zeigte in seinem Ausmaß von 15 Seiten die ganze Verlogenheit, von der die Strafverfolgung nazistischer Gewaltverbrechen in der BRD durchtränkt ist. 

Die so schwerwiegenden Beschuldigungen, die sich aus der Gegenüberstellung von Fricke und Otto ergaben, wurden mit der Bemerkung abgetan: »...abgesehen davon, daß Otto diese Angaben (Frickes) bestreitet, ist es unwahrscheinlich, daß Otto sich mit einem solchen Teilgeständnis in die Hand eines ihm nicht gerade freundlich gesonnenen ehemaligen Kameraden in eine Situation begeben haben soll, in der er um seinen Kopf zu kämpfen hatte.« Darüber hinaus aber stellten die allgemeinen strafrechtlichen Überlegungen, mit denen die Verfahrenseinstellung begründet wurde, schlechthin einen Bruch des in der BRD geltenden Rechts und eine offene Verleugnung der einschlägigen - Nazimördern gegenüber freilich Theorie bleibenden - höchstrichterlichen Rechtsprechung dar: »Schließlich kommt die Erhebung der öffentlichen Klage auch deswegen nicht in Betracht, weil hinsichtlich der noch lebenden und ermittelten Beschuldigten Stobbe und Otto Strafverfolgungsverjährung eingetreten ist. Beiden konnte - wenn überhaupt - nur der Vorwurf der Beihilfe zum Mord gemacht werden. 

Anhaltspunkte dafür, daß die Tötung Thälmanns grausam gewesen ist, liegen nicht vor. Aber auch Heimtücke ist nicht nachweisbar. Es wäre zugunsten der Beschuldigten von der Annahme auszugehen, daß Thälmann nicht arglos gewesen ist, als er nächtens in das Krematorium des KZ Buchenwald gebracht worden war. Somit kämen lediglich niedrige Beweggründe als mordqualifizierendes Tatbestandsmerkmal in Betracht. Den Beschuldigten dürfte nach allem, was über die Ermordung Thälmanns als festgestellt erachtet werden kann, nicht nachzuweisen sein, daß ihr Handeln selbst von niedrigen Beweggründen getragen war. Sie hatten offensichtlich nur einem Befehl Folge geleistet, der durch Führerbefehl legitimiert zu sein schien. Es könnte sicherlich nicht festgestellt werden, daß sie mehr getan hatten, als ihnen befohlen worden war. Unter diesen Umständen müßte ihre Strafe nach den gesetzlichen Vorschriften zwingend gemildert werden, so daß allenfalls eine zeitliche Freiheitsstrafe verhängt werden dürfte. Dies hat Auswirkungen auf die Verjährungsfrist, die danach bereits abgelaufen wäre.« (...) 

Natürlich konnte dieses Schanddokument nicht unwidersprochen bleiben. 

Wiederum wurde gegen die Einstellung des Verfahrens gegen die Mörder Thälmanns Beschwerde eingelegt. Wiederum mußte sich daraufhin die Kölner Staatsanwaltschaft mit der Aufklärung des an Ernst Thälmann begangenen Mordes beschäftigen. 

Sie tat es wie der Jagdhund, der zur Jagd getragen werden muß. 

1976 wurde das Verfahren zum vierten Mal eingestellt, 1979 zum fünften und sechsten Mal sowie im Januar 1982 zum siebten Mal. Daraufhin stellte Rechtsanwalt Heinrich Hannover, der die weitere Vertretung der Tochter Ernst Thälmanns, Irma Gabel-Thälmann (1919-2000), übernommen hatte, im Februar 1982 einen Antrag auf Klageerzwingung. Am 24. Juni 1983 ordnete das Oberlandesgericht Köln die Anklageerhebung an. Das damit beauftragte Landgericht Kleve lehnte aber die Eröffnung des Hauptverfahrens und Zulassung der Anklage ab mit der Begründung, Wolfgang Otto sei »nach den Ergebnissen des vorbereitenden Verfahrens nicht hinreichend verdächtig«. 

Aufgrund der Beschwerden von Staatsanwaltschaft und von Rechtsanwalt Hannover hob das Oberlandesgericht Düsseldorf am 25. Januar 1985 den Beschluß des Landgerichts Kleve wieder auf und verwies das Verfahren an das Landgericht Krefeld. Dort wurde am 5. November 1985 unter großer öffentlicher Anteilnahme die Hauptverhandlung gegen Wolfgang Otto eröffnet. 

Am 15. Mai 1986 wurde er wegen Beihilfe zum Mord zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Aufgrund der eingelegten Revision hob der Bundesgerichtshof am 25. März 1987 das Urteil auf und verwies das Verfahren nun an das Landgericht Düsseldorf. Dort begann der Prozeß am 10. März 1988 erneut. Am 29. August 1988 wurde Otto freigesprochen. Begründung: Der Tatzeitpunkt sei nicht mehr sicher feststellbar. Die von der Nebenklage eingelegte Revision wurde vom Bundesgerichtshof abgewiesen. Wolfgang Otto starb am 26. November 1989 in Geldern. 

 

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