Ausgelöschte Stadt  

Größter Aufstand im besetzten Europa: Vor 70 Jahren erhob sich Warschau gegen die deutsche Besatzung  

Reinhard Lauterbach, Nekielka 

In: junge Welt online vom 04.08.2014 

 

Der größte Aufstand im deutsch besetzten Europa begann an einem Dienstag um 17 Uhr. Mehrere tausend meist junge Leute versuchten ab dem Abend des 1. August 1944, strategische Objekte im von starken deutschen Einheiten besetzten Warschau unter Kontrolle zu bekommen. Es gelang ihnen nur zum Teil, den Überraschungsmoment auszunutzen. Keine der Weichselbrücken, keiner der Bahnhöfe wurde erobert. Der Enthusiasmus der jungen Aufständischen, die als Erkennungszeichen weiß-rote Armbinden trugen, war grenzenlos. Sie und ihre Führung hofften, es werde drei Tage dauern, bis sie ihre Hauptstadt befreit haben würden. Es wurden 63 Tage bis zur Kapitulation der letzten Aufständischen Anfang Oktober. Dazwischen lagen mindestens 150000 Tote, darunter 120000 polnische Zivilisten. Sie kamen nicht nur zwischen die Fronten und starben unter deutschen Fliegerbomben und Granaten, sie wurden von SS-Einheiten und deren osteuropäischen Hilfstruppen aus Lettland oder der Ukraine und von sowjetischen Deserteuren der Wlassow-Armee systematisch ermordet. Allein die Massaker im westlichen Warschauer Stadtteil Wola zwischen dem 5. und dem 7. August kosteten rund 30000 Menschen das Leben. Daß Warschau heute architektonisch keine besonders attraktive Stadt ist, ist ebenfalls eine Spätfolge des Aufstandes. Die Deutschen verwüsteten Haus um Haus, Straßenzug um Straßenzug. Als die Stadt im Januar 1945 von der sowjetischen Armee befreit wurde, waren noch fünf Prozent der Bausubstanz erhalten. In den Ruinen der einstigen Millionenstadt lebten noch 5000 Menschen. Die Zerstörung Warschaus gehört zu den größten Kriegsverbrechen Deutschlands zwischen 1939 und 1945. 

Im nachhinein haben überlebende Kämpfer des Aufstandes kritisiert, daß dessen Beginn mit 17 Uhr schlecht gewählt worden sei. Ein Aufstand in der Nacht hätte größere Erfolgschancen gehabt, argumentierten sie. Die Verteidiger der Aufstandsführung hielten dagegen, ein Aufstandsbeginn außerhalb der Polizeistunde habe es erleichtert, die Kämpfer in ihre Ausgangspositionen zu bringen - sie kamen zum Teil mit der Straßenbahn. Die Erfolgschancen des Aufstandes waren in jedem Fall minimal. Nur ein Viertel der Kämpfer der polnischen »Heimatarmee« (Armia Krajowa, AK) hatte überhaupt Waffen, und was an Bewaffnung vorhanden war, war ein Sammelsurium aus erbeuteten deutschen Modellen, dazu ein paar abgeworfene englische Maschinenpistolen und im Untergrund Selbstgebautes. 

Die Führung des Aufstandes war sich über die Ausgangslage im klaren. Doch die Spitze der Heimatarmee und die hinter ihr stehende Londoner Exilregierung sahen sich unter Zugzwang. Dazu trugen die enormen Erfolge der sowjetischen Sommeroffensive »Bagration« bei, der es im Laufe von fünf Wochen gelungen war, ganz Belorußland und Teile Litauens zu befreien, die deutsche Heeresgruppe Mitte praktisch zu vernichten und die Front um 500 Kilometer nach Westen zu verschieben. Das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 trug zu dem Eindruck bei, daß der Gegner wanke - und, wie die mißtrauischen Polen argwöhnten, versuchen könnte, sich in einem Sonderfrieden mit der Sowjetunion zu einigen, wie er sich schon 1939 auf Kosten Polens mit ihr verständigt hatte. Am 22. Juli 1944 hatte sich in Lublin ein mit der Sowjetunion verbundenes »Nationales Befreiungskomitee« als provisorische Regierung des Landes proklamiert - der Londoner Exilregierung lief die Zeit davon, wenn sie noch versuchen wollte, selbst als politischer Faktor in die Auseinandersetzung um das Nachkriegspolen einzutreten. Daß die Sowjetunion nicht bereit war, sich mit der Londoner Exilregierung paritätisch zu einigen, zeigte der Umgang der Sowjetarmee mit den der AK angehörenden Partisaneneinheiten im Raum Vilnius Mitte Juli. 

Zwar hatte es beim Kampf gegen die Deutschen eine begrenzte Zusammenarbeit zwischen Polen und Sowjets gegeben, aber kaum war dieser Gegner besiegt, versuchte die sowjetische Seite, die polnischen Einheiten zu entwaffnen und ihre Führer festzunehmen. Auch Gespräche des polnischen Exilministerpräsidenten Stanislaw Mikolajczyk in Moskau in den letzten Julitagen brachten keine Einigung über eine Teilung der Einflüsse. Moskau wollte Revanche für den - unter anderem durch Stalins unterlassene Flankendeckung für den Vorstoß von Marschall Michail Tuchatschewski auf Warschau im Sommer 1920 - verlorenen Krieg von 1919/20, es hatte aber auch wenig Anlaß, einem Polen zu trauen, zu dessen politischen Konstanten in der Zwischenkriegszeit eine scharf antisowjetische Ausrichtung gehört hatte. 

Im Warschauer Aufstand verblutete die erste Generation ihrer eigenen nationalen Intelligenz, die die polnische zweite Republik (1919-1939) herangezogen hatte. Viele der Gefallenen waren kaum 20 Jahre alt, manche erst 16 oder 17. Sie hatten kaum in riskanten Untergrundkursen das Abitur gemacht. Unter ihnen waren begabte Dichter und Musiker. Auch Frauen kämpften in den Reihen der Aufständischen: als Sanitäterinnen und Fernmelderinnen, aber auch als Scharfschützinnen. Ob der Aufstand im Falle seines Erfolges zu einer einfachen Restauration des Vorkriegspolens geführt hätte, ist offen. Viele Aufständische berichten rückblickend über ein gegenüber dem reaktionären Ständestaat der letzten Vorkriegsjahre sehr kritisches Klima in den kämpfenden Bataillonen. Auch einige polnische Kommunisten schlossen sich dem Aufstand an, nachdem er einmal ausgebrochen war, ebenso wie die in der Sowjetunion aufgestellte polnische Armee versuchte, die Weichsel zu überqueren und den Aufstand zu unterstützen. 

Beides blieb Episode. 

 

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Vom Tabu zur Popkultur  

Der Warschauer Aufstand in der polnischen Erinnerungspolitik  

Reinhard Lauterbach 

In: junge Welt online vom 04.08.2014 

 

In den ersten zwölf Jahren war der Warschauer Aufstand in Polen ein Flüsterthema. Offiziell wurde er von der Volksrepublik nach Möglichkeit totgeschwiegen, deren Lesart trennte den Heroismus der Aufständischen von den finsteren Absichten, die der Aufstandsführung unterstellt wurden. Gegen die Kämpfer der Heimatarmee, die den Aufstand getragen hatte, gab es Repressionen und Hemmnisse im beruflichen Fortkommen. Das änderte sich erst nach dem »Tauwetter« des Jahres 1956, als im Zuge der sowjetischen Abrechnung mit Stalin auch in Polen mit Wladyslaw Gomulka ein Vertreter des eher nationalistischen und nur realpolitisch auf die UdSSR orientierten Parteiflügels an die Spitze kam. 

Der Aufstand der »Solidarnosc« gegen die Volksrepublik Polen und die »Wende« von 1989 führten dazu, daß die Ereignisse des Sommers 1944 in der Öffentlichkeit umgewertet wurden. Immer lauter meldeten sich jene politischen Kräfte zu Wort, die den Warschauer Aufstand in seinem originalen politischen Kontext als eine militärisch gegen die Deutschen, politisch aber gegen die Sowjetunion gerichtete Aktion würdigten. In der Geschichtswissenschaft und Publizistik wurde jahrzehntelang heftig gestritten, ob der Aufstand als heroische Katastrophe oder katastrophaler Heroismus zu werten sei. Die Vertreter der ersten These verweisen auf die Beispiele persönlichen Muts, die die Kämpfer gegeben hätten: Sich trotz schlechter Chancen für eine gemeinsame Sache einzusetzen, sei ein Beispiel, das auch heute noch der Nachahmung wert sei. Diese »idealistische« Denkschule macht im Zuge der gegenwärtigen antirussischen Stimmungsmache in der polnischen Öffentlichkeit eine zweite Karriere durch. So forderte der ultrakonservative und erzkatholische Journalist Tomasz Terlikowski Anfang der Woche allen Ernstes, die männliche Jugend wieder mit der Härte zu erziehen, die einst eine Generation von Aufstandsteilnehmern hervorgebracht habe. 

Dagegen verweisen die »Revisionisten« darauf, daß der Warschauer Aufstand faktisch eine gigantische Niederlage mit der einzigen Folge gewesen sei, daß für den Widerstand gegen die »Stalinisierung« Polens eine ganze Generation gefehlt habe. 

Im Moment haben, wie es scheint, die Idealisten die Nase vorn. Sie bedienen sich dabei auch der Mittel der Popkultur. Allein zwei Filme über den Aufstand sind in diesem Jahr in Polen in die Kinos gekommen. Der eine (»Der Warschauer Aufstand«), eine Montage aus nachkolorierten historischen Wochenschauen mit unterlegter Rahmenhandlung, läuft seit Mai (jW berichtete); ganz neu ist »Stadt 44«, ein reiner Spielfilm, in dem ein hypernaturalistisch inszenierter Aufstand mit jeder Menge Spezialeffekten den Hintergrund für eine identifikationsfähige Coming-of-Age-Story mit Herz, Schmerz, Mut und Wut liefert. Eine Autorin der liberalen Gazeta Wyborcza schrieb vor einigen Tagen: wenn die Erinnerung an den Aufstand in den Kitsch abrutsche, habe Polen endlich die Chance, über das Trauma von 1944 hinwegzukommen. Und warum sollte es das? Die Antwort liefert die hemmungslose Anti-Putin-Propaganda dieser Tage. Was hier Nachgeborene über die Notwendigkeit bedingungsloser Treue zu Werten ohne Rücksicht auf Verluste zusammenkommentieren, liest sich wie eine Zitatcollage aus den rückblickenden Statements von Aufstandsteilnehmern. Der Mythos lebt. 

 

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Patriotisches Gedenken 

In: junge Welt online vom 04.08.2014 

 

Es war wie jedes Jahr am 1. August: In Warschau heulten am frühen Freitag abend die Sirenen, und für kurze Zeit stand das öffentliche Leben still. 

Die meisten Autofahrer hielten an - sofern sie nicht, wie um 17 Uhr üblich, sowieso im Stau standen - und hupten; Radfahrer betätigten ihre Fahrradklingeln, Straßenbahnen, Busse und U-Bahnen blieben eine Minute lang stehen, und sogar in den Einkaufszentren wurden die Kunden per Durchsage gebeten, den Konsum für einen Augenblick des Gedenkens zu unterbrechen. 

Am Rande der offiziellen Feierlichkeiten und Kranzniederlegungen auf dem Militärfriedhof Powazki kam es zu kleineren Zwischenfällen, als Ultrakonservative den Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski, Premierminister Donald Tusk und die Warschauer Oberbürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz ausbuhten. Die Störer wurden allerdings schnell durch »Ruhe«-Rufe aus den Reihen der staatstragend Gedenkenden zum Verstummen gebracht. An den Feierlichkeiten nahmen etwa 1000 Überlebende des Aufstandes teil, die aus aller Welt angereist waren. Generell herrschte eine Stimmung gefaßten Nationalstolzes; die Erinnerung an den Warschauer Aufstand ist einer der zentralen Kristallisationspunkte des polnischen Patriotismus. Wie eine Kommentatorin der konservativen Rzeczpospolita am Samstag schrieb, zeigt er den Polen ein Bild von sich selbst, wie sie gern wären, nicht unbedingt, wie sie im Alltag tatsächlich seien. 

Viel beachtet wurden in diesem Jahr die Worte der Hochachtung, die der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck letzte Woche bei der Eröffnung einer Gedenkausstellung in der Berliner »Topographie des Terrors« für den Warschauer Aufstand gefunden hatte. Seine Parallele zwischen dem Mut der Aufständischen von 1944 und dem der Anhänger der Solidarnosc in den 1980er Jahren, die aus der Volksrepublik Polen ein zweites Hitlerdeutschland machte, traf den Ton, in dem das offizielle Polen heute seine eigene Rolle beschreibt. (rl) 

 

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