Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg  

In: unsere zeit vom 25.07.2014 

 

Am 28. Juni 1914 wurden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau, Sophie von Hohenburg, durch ein Attentat getötet. Das Attentat wurde sofort der Regierung des Königreichs Serbien angelastet. In Wien entschloss man sich zu einer „Abrechnung mit Serbien". „Jetzt oder nie!", kommentierte Wilhelm II. einen Bericht aus Wien, der von einer Abrechnung mit Serbien sprach. In einem komplizierten, geheim geführten Verhandlungsspiel zwischen Berlin und Wien wurde im Juli der Krieg unmittelbar vorbereitet und ausgelöst. Dabei war den politisch Verantwortlichen in allen europäischen Hauptstädten klar, dass eine militärische Auseinandersetzung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien Russland sofort auf den Plan rufen und damit der europäische Krieg zur Tatsache würde. Das Attentat war jedoch nur ein Anlass: Dieser Krieg war lange vorbereitet worden … Während der Julikrise blieb der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie fast vier Wochen untätig. 

Erst am 25. Juli (siehe Seite 19) erfolgte ein Aufruf zu Antikriegsdemonstrationen. 

Es gab kaum eine größere Stadt in Deutschland, in der die Arbeiter nicht gegen den Krieg demonstrierten. Aber sie wurden getäuscht. 

Am 28. Juli erklärte Österreich- Ungarn dem südlichen Nachbarn Serbien den Krieg. Am 30. Juli mobilisierte Russland. Am 1. August erfolgte die deutsche Kriegserklärung an Russland. 

Deutsche Truppen fielen am 2. 

bzw. 4. August in die neutralen Länder Luxemburg und Belgien ein. Am 3. August erfolgte die Kriegserklärung an Frankreich. Der Krieg wurde zum gesamteuropäischen, ja zum Weltkrieg. 

Insgesamt nahmen bis zum Kriegsende 38 Staaten am Krieg teil. Mit insgesamt 23 Millionen Soldaten der so genannten Mittelmächte (Deutsches Reich und Österreich-Ungarn, später schlossen sich das Osmanische Reich und Bulgarien dem Bündnis an) und 42 Millionen mobilisierten Männern der Entente, die in die Schlachten geführt wurden, übertraf der Krieg die Vorstellungen der Militärs aller Staaten und auch die warnenden Prognosen, wie sie z. B. Friedrich Engels 1887 formuliert hatte: „Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, dass die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt …" Die herrschenden Klassen hatten in ihrer Profitgier alle Warnungen in den Wind geschlagen, die rechte sozialdemokratische Führung, die sich nunmehr dem von Wilhelm II. verkündeten „Burgfrieden" anschlossen, sich als Patrioten ausgaben und damit auf die Seite der herrschenden Klasse schlugen, verleugneten die revolutionären Positionen der Sozialdemokratie. Sie spalteten die Partei und trugen Schuld daran, dass die Arbeiter unter dem Kriegszustand und Mobilisierungsbefehl keinen entscheidenden Widerstand mehr leisten konnten. 

Die entsprechend dem Schlieffenplan auf dem westlichen Hauptkriegsschauplatz begonnene deutsche Offensive scheiterte bereits im September in der Schlacht an der Marne. Zugleich erlitten die österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien und Serbien schwere Niederlagen. Ein im Herbst versuchter zweiter Anlauf, die französisch- englischen Truppen entscheidend zu schlagen, misslang. Das Scheitern des ersten großen Hauptschlages im Westen stellte einen folgenschweren Wendepunkt im Kriegsverlauf dar. 

Während der langjährig vorbereitete Blitzkriegsplan misslang, forcierten die verschiedenen Gruppierungen der herrschenden Klassen ihre Forderungen. 

Schwerindustrie und chemische Industrie forderten direkte Annexionen großer Gebiete Frankreichs, die Einverleibung Belgiens, des Dongebiets und der Krim, der Ostseeprovinzen Russlands und von Teilen Polens. 

Die Großbanken und die Fertigwarenindustriellen traten mehr für eine indirekte weiträumige Vorherrschaft in Europa in der Form eines von Deutschland geführten Wirtschaftsverbandes ein. Die Junker schließlich orientierten vor allem auf die Annexion großer Teile Polens und der Ostseeprovinzen Russlands. Daneben wurde allgemein ein großes Kolonialreich in Afrika gefordert und die Beseitigung des englischen und französischen Einflusses im Nahen Osten angestrebt. Die Kriegszielforderungen, die der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 9. September 1914 in einem geheimen amtlichen Programm zusammenzufassen suchte, offenbarten den eigentlichen Zweck des Krieges ebenso wie die abenteuerliche, realitätsferne Einschätzung des Kräfteverhältnisses durch den deutschen Imperialismus. 

Im Herbst 1914 erstarrte im Westen infolge beiderseitiger Erschöpfung die Front zum Stellungskrieg. Diese Front von der Kanalküste bis an die Schweizer Grenze veränderte sich bis 1918 kaum noch. Auch im Osten bildete sich im Winter 1914/15 eine Front von Ostpreußen bis zu den Karpaten heraus. 

Vier Jahre dauerte der Krieg. Er endete offiziell mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918, doch bereits zuvor wuchs der Widerstand und mündete in Streiks und revolutionären Erhebungen … Weit über 15 Millionen Menschen – Soldaten wie Zivilisten – verloren ihr Leben. UZ Gegen die imperialistischen 

 

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Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts  

Die deutschen Kolonien – Wirklichkeit und Legenden (III) 

Von Frank Hildner 

In: unsere zeit vom 25.07.2014 

 

Als Generalleutnant Lothar von Trotha südafrikanischen Boden betrat, wusste er vielleicht noch nicht genau, wie der Krieg zu führen sei, er wusste aber bereits, wie er enden würde: mit der Vernichtung der Herero. 

Lothar von Trotha war ein Schützling des einflussreichen Generalstabschefs von Schlieffen. Trotha hatte sich bereits bei Kolonialkämpfen in Deutsch-Ostafrika (1894–1897) durch seine Unterdrückung des Wahehe-Aufstandes und als Befehlshaber der Ersten Ostasiatischen Infanteriebrigade im Feldzug zur Niederschlagung des „Boxeraufstandes" 1900 in China, den Ruf eines besonders erbarmungslosen Militärs erworben. Nun Oberbefehlshaber der kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch- Südwestafrika und Hauptverantwortlicher im Krieg gegen die Herero und Nama für den ersten deutschen Genozid. 

Wie weiter vorn schon angedeutet, wurde im 19. Jahrhundert die religiöse Begründung der Auserwähltheit allmählich abgelöst durch eine sozialdarwinistisch- biologische Sicht der Geschichte. 

Von Trotha war überzeugter Anhänger rassentheoretischer Überlegungen. 

Im „Rassenkampf", meinte der General, war die Vernichtung des Gegners ein zwingendes Erfordernis, das nur durch den Untergang der einen Seite zu beenden sei. Afrikaner, so von Trotha, würden „nur der Gewalt weichen". 

Er war gewillt, diese „mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeiten" auszuüben. So sollten „die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut" vernichtet werden. 

Noch während der Schiffsanreise hatte er das Kriegsrecht über Deutsch-Südwest verhängt, obwohl er die Landessituation nicht kannte. Seine Offiziere ermächtigte er, alle bewaffneten „Rebellen" sofort standrechtlich erschießen zu lassen. Wer den Deutschen Widerstand leistete, wurde erschossen. Ohne Zweifel handelte es sich hier um einen wichtigen Radikalisierungsschritt. Jürgen Zimmerer gibt zu bedenken: „Wo nur der illegal handelnde Rebell gesehen wurde, statt der gleichwertige und gleichgestellte Kriegsgegner, war ein Schutz des Gefangenen oder dessen faire und menschliche Behandlung nicht geboten. Dies war eine für Kolonialkriege typische Sicht- und Verhaltensweise". 

Die Forschung hat herausgearbeitet, dass es zur Ingangsetzung eines Vernichtungskrieges und insbesondere eines Völkermordes bestimmter Ausschließungsprozesse bedarf, die eine mögliche Identifikation zwischen dem Täter und dem Opfer verhindern. Die potentiellen Opfer müssen dehumanisiert, ihrer menschlichen Würde beraubt und außerhalb der moralischen Verantwortung gestellt werden. War durch den die Kolonialherrschaft stützenden Rassismus dafür schon der Boden bereitet, so wurde dieser Eindruck nochmals durch die den Kriegsausbruch begleitende Gräuelpropaganda verstärkt. So hieß es, die Herero hätten Frauen und Kinder „abgeschlachtet" und ihre Opfer verstümmelt. 

Generalleutnant von Trotha nahm in seinem berüchtigten „Schießbefehl" vom 2. Oktober 1904, ausdrücklich auf diese Berichte Bezug, um so seine Vertreibungs- und Mordstrategie zu rechtfertigen. 

In dieser Logik waren die Herero auf Grund ihrer angeblich inhumanen Kriegsführung selbst schuld an ihrem Schicksal, waren sie die „Barbaren" und „Wilden", denen die „zivilisierte" und „disziplinierte" deutsche Schutztruppe gegenüberstand. 

In diesem zentralen Dokument hieß es: „Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten, und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Ich sage dem Volk: Jeder, der einen der Kapitäne an einer meiner Stationen als Gefangenen abliefert, erhält 1 000 Mark, wer Samuel Makarero bringt, erhält 5 000 Mark. Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. 

Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. 

Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Die eigentliche genozidale Phase des Krieges begann nach der fehlgeschlagenen Schlacht am Waterberg, ließ von Trotha nun doch die Herero bewusst in die wasserlose Omaheke- Wüste abdrängen. Deutsche Einheiten folgten den fliehenden Herero und trieben sie zangenförmig in das Sandfeld. 

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Vorstellung innerhalb der deutschen militärischen Führung durchgesetzt, dass die Omaheke vollenden könnte, „was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Hererovolkes". Für die Hereromänner, auf die von Trotha schießen lassen wollte, gab es aus Sicht des Generals kein Entrinnen. Sie werden erschossen oder sie verdursten. Zugleich wird damit auch die Passage, „auf Frauen werde nicht gezielt geschossen", bedeutungslos, denn auch ihnen blieb nur die Flucht in die Wüste, wo sie das gleiche Schicksal erwartete wie ihre Männer. Als wenig später auch die Nama ihren Guerillakrieg aufnahmen (wie Gouvon Leutwein vorausgesagt hatte), der die kaiserliche Schutztruppe an den Rand der militärischen Niederlage bringen sollte, fand die Vernichtungsstrategie in Form der Zerstörung der Trinkwasserversorgung und der Nahrungsgrundlage auch gegen sie Anwendung. Die planmäßige Zerstörung von Lebensgrundlagen war eine Taktik, die bereits in Deutsch-Ostafrika ‚erfolgreich’ erprobt worden war, und zwar zu einem Zeitpunkt, als von Trotha dort Dienst ausübte. So galt es schon bei Strafexpeditionen während der 1890er Jahre gegen die dortigen Wahehe als viel versprechende Taktik, Dörfer, Felder und Saatgut zu verbrennen, wie Gouverneur Eduard von Liebert in seinen Aufzeichnungen „Neunzig Tage im Zelt – meine Reise nach Uhehe" festhielt. 

Relativ früh fand der Begriff Genozid (Völkermord) auch Anwendung hinsichtlich des Krieges gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwest und löste intensive Kontroversen bis in die Gegenwart aus. Genozid ist ein relativ neuer Begriff, aber ein weit älteres Verbrechen. In der englischen Literatur wird er auf die kolonialen Massaker, unternommen von Siedlern, Milizen und einzelnen Armeeführern gegenüber der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung als auch auf die Vernichtung der Aborigines in Australien angewandt. 

Legt man die 1948 in der UN-Charta festgelegte Genoziddefinition als historische Analysekategorie zugrunde, so ist das Verhalten von Trothas und der deutschen Schutztruppe eindeutig als Völkermord zu identifizieren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Kaiser Wilhelm II. nach langem Tauziehen, mit Kanzler und Ministerpräsident von Bülow und dem Generalsstab, den „Schießbefehl" Trothas wieder aufhob. 

Zu diesem Zeitpunkt war das Verbrechen bereits geschehen. Dass nicht humanitäre Überlegungen bei der Entscheidung, von Trothas Befehl aufzuheben, ausschlaggebend waren, bestätigte Generalstabschef von Schlieffen, indem er betonte, dass er die genozidale Politik von Trotha teilte. 

„Daß er (Trotha) die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen. 

(…) Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung oder vollständige Knechtung der einen Partei abzuschließen. (…) Die Absicht des Generals von Trotha kann daher gebilligt werden." Von 80 000 Herero vor dem Krieg, ergab die Volkszählung 1911 nur noch 15 130 Stammesmitglieder. Von den geschätzten 20 000 Angehörigen der verschiedenen Nama-Stämme überlebte etwa die Hälfte. Die Zählung 1911 hatte 9 781 Nama im deutschen Schutzgebiet ergeben. Von den 14 000 deutschen Soldaten starben 1 500 an Kriegshandlungen und Krankheiten. Die enorme Dezimierung der Bevölkerung ist nicht nur auf die unmittelbaren Kampfhandlungen zurück zuführen, sondern auch auf die Internierungs- und Deportationspolitik während und nach dem Krieg. So wurden 1906 die überlebenden Herero in das „Konzentrationslager" Swakopmund und die der Nama auf die Haifischinseln in der Lüderitzbucht verbracht, wo sie bei ungewohntem Klima, bewusster Mangelversorgung und Vernichtung durch Vernachlässigung massenhaft starben. Die Konzentrationslager waren damit eine Fortsetzung der genozidalen Politik. In Berlin nahm man von diesen Vorgängen kaum Notiz. 

Rund 585 Millionen Reichsmark hatte der „Sieg" gekostet, bei einer Kolonie, die bis dahin kaum etwas erwirtschaftet hatte. 

Während Major Leutwein als ‚unfähiger’ Militär und Gouverneur abberufen wurde, erhielt General von Trotha für seine (Un)taten den Orden „Pour le Merite". 

H Nicht ungesagt sollte die Auffassung einiger Autoren bleiben, dass es weiterhin umstritten sei, ob es sich bei dem Kampf gegen die Herero um einen Genozid, ein Staatsverbrechen, gehandelt habe. Was den Kolonialstaat angeht, so lässt sich in den allermeisten Fällen die planmäßige Ermordung der Indianer und der Aborigines nicht auf die obersten staatlichen Repräsentanten in den Kolonien zurückführen. Oft waren es lokale Armeekommandeure oder Zusammenrottungen von Siedlern, die die Angelegenheiten in die eigenen Hände nahmen. 

Deshalb verliefen auch Anordnungen zum Schutz der indigenen Bevölkerung oftmals ungehört. Der koloniale Staat, bestenfalls ein vormoderner Staat, hatte nicht die Macht und die Möglichkeiten, das Verhalten der eigenen Bürger zu kontrollieren. Selbst für die Ermordung der Herero und Nama in Deutsch- Südwest (1904–1908) ist der zweifellos vorhandene Vernichtungsbefehl nicht auf die obersten staatlichen Repräsentanten, wie den Kaiser oder den Reichskanzler zurückzuführen. Die genozidalen Züge des Herero-Krieges waren somit erklärtermaßen nicht automatisch Teil des kolonialen deutschen Programms, sondern stark von der Person Trothas und seines Adjutanten Hauptmann Lettow-Vorbeck, abhängig, welcher die Taktik des Vernichtungsfeldzuges vorbereiten half. 

Ohne den eben genannten Genozid eines Volkes in Abrede zu stellen, sei darauf verwiesen, dass alle Kolonialländer zu allen Zeiten ihrer Herrschaftsausübung mehr oder weniger Gewalt ausübten. Dies betrifft sowohl die alltägliche Gewalt wie Zwangssteuern, Zwangsarbeit, Kettenhaft, auch während der Arbeit, das Auspeitschen, Hinrichtungen vor Publikum, zur Schaustellung toter Körper, als auch die Eskalation in opferreichen Kolonialkriegen. 

Selbst in der so genannten „ruhigen Phase", wie in Deutsch-Ostafrika, wurden zwischen 1891 und 1897 insgesamt 61 größere „Strafexpeditionen" durchgeführt. 

Allein die Niederschlagung der Dschagga-Opposition durch Wissmann und Peters, wurde mit 19 Exekutionen von Aufständigen durch Erhängen „bestraft"! Was bleibt von der Legendenbildung? Bebels wirkungsvolle antikoloniale Kritik versuchte bereits 1896 die Wahrheit ans Licht zu bringen: „Die zivilisatorische und religiöse Mission, der deutsche Kulturauftrag, die ‚Vorsehung’, die Peters dauernd ins Spiel brachte, die Frage der Angemessenheit deutscher Rechtsprechung in Afrika, die Moral und Disziplinlosigkeit der deutschen Kolonialverwaltung und der „Schutztruppen, nicht zuletzt der praktizierte Rassismus" sind das „Schmerzenskind", die „Auswüchse" der deutschen Kolonialpolitik: „Wir machen freilich auf diesem Gebiet nur dieselben Erfahrungen, die andere Länder vor uns gemacht haben." In der DDR gehörte die Distanzierung von allen Formen des Kolonialismus zum staatlichen Selbstverständnis. Seit den 60er Jahren arbeiteten DDR-Historiker die Geschichte des deutschen Kolonialismus kritisch auf und konnten mit exakten wissenschaftlichen Untersuchungen die Zwecklügen von „friedlicher Erwerbung deutscher Kolonien", der „zivilisierten Leistungen der Weißen", den „imperialistischen Kulturbringern", der „Bürde des weißen Mannes", den „selbstlosen Kolonialbeamten und Kolonialpionieren auf die das deutsche Volk stolz sein könne", als Legenden widerlegen. 

In der bundesdeutschen Frühzeit spielten Kolonien im offiziellen Bewusstsein zunächst keine bedeutende Rolle. Allerdings erhoben, ähnlich der Weimarer Republik, einzelne westdeutsche Politiker in den 50er Jahren, Forderungen, die BRD erneut mit kolonialen Aufgaben zu betrauen. Zum Beispiel in Form einer Treuhandverwaltung von Togo und Tanganjika. Kolonialrevisionisten witterten Morgenluft, da Italien, trotz der Proteste von Vertretern des somalischen Volkes, 1950 seine ehemalige Kolonie zurück erhielt, eine auf zehn Jahre befristete Treuhandschaft. Aber die deutschen, genauer westdeutschen Hoffnungen, in Ostafrika noch einmal Kolonialherren zu sein, erfüllten sich nicht. Die Zeit der europäischen Gouverneure war abgelaufen. 

Trotzdem konnte es ein „alter Afrikaner", wie der in Deutsch-Ostafrika geborene Sohn eines Schutzoffiziers, Kai- Uwe von Hassel, inzwischen Verteidigungsminister der BRD, nicht lassen, kolonialrevisionistisches Gedankengut in die Öffentlichkeit zu bringen. Als Lettow-Vorbeck 1964 starb, hatte die Bundesrepublik den Kommandeur der Schutztruppe schon wieder fest in ihre Militärtradition aufgenommen. Bei seinem Begräbnis hielt der Verteidigungsminister eine Ansprache: „Der Dank der jungen Generation für das Beispiel, das er in einem voll erfüllten Leben gegeben hat, kann nur darin liegen, dass wir in der Erfüllung unseres Dienstes uns immer an ihn erinnern. Mit diesem Versprechen nimmt die Bundeswehr Abschied von dem unbesiegten Verteidiger Deutsch-Ostafrikas". Die Beteiligung des Generals an Freikorps-Unternehmungen und dem Kapp-Putsch ließ er wohlweislich unerwähnt. Dafür betonte der Bundesminister, dass Lettow-Vorbeck „immer die Gesetze der Menschlichkeit, der Sitte und des Rechts eingehalten" habe. Eine solche Ehre war bislang keinem Kolonialveteran zuteil geworden. 

Die westdeutsche junge Gesellschaft, mit Bundespräsident Heinrich Lübke und Bundeskanzler Konrad Adenauer an der Spitze, erteilte ihm damit bereitwillig Absolution für sein Verhalten vor und nach 1933. 

Ebenso war die Bundeswehr an der Reinhaltung der Erinnerung an das militärische Erbe des Kaiserreiches interessiert, das weniger belastet als jenes der Wehrmacht schien. So erhielten vier Liegenschaften der Bundeswehr den Namen „Lettow-Vorbeck" – Hamburg- Jenfeld, Bremen-Vahr, Leer und Bad Segeberg. Dieser Versuch der Bundesrepublik, eine Art positive Erinnerung an das Kaiserreich inklusive der Kolonialzeit und damit an den 1871 gegründeten Nationalstaat zu pflegen, galt damit dem 1918 ungeschlagenen militärischen Kommandeur und „Helden von Afrika", der sich gleichzeitig als Vorbildfunktion wegen seines Ansehens in Großbritannien empfahl, das nun zum Verbündeten im Rahmen der NATO geworden war. 

Das „Neue Deutschland" schrieb in seinem Nachruf am 18. März 1964 unter dem Titel „Legende und Wirklichkeit", „Der Bonner Staat hat Lettow-Vorbeck wieder seine Generalspension gegeben, ließ ihn Ehrendoktor und Ehrenbürger werden. Er hegt und pflegt die Legende vom mannhaften Soldaten Lettow- Vorbeck, weil seine Träume die gleichen sind, die der pommersche Junker ein Leben lang geträumt hat: das eigene Volk niederzuhalten und fremde Völker zu unterdrücken". 

(red. gekürzt) 

 

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Sehenden Auges – in den Untergang  

Die II. Internationale vor den Massenmorden des I. Weltkriegs 

Von Klaus Wagener  

In: unsere zeit vom 25.07.2014 

 

1912. Die Gefahr war nicht zu übersehen. 

Die Kriegsvorbereitungen liefen auf vollen Touren. Die Rüstungsschmieden produzierten die Vernichtungsmaschinerie für die Millionenheere die sich wenig später in den Millionengräbern wieder finden sollten. 

Die arbeitenden Menschen, die Jugend, die Blüte der Nationen war für das Große Schlachten bestimmt. Für die Arbeiterbewegung kam die Stunde der Wahrheit. Eine Entscheidung wurde unausweichlich. 

H In ihren Deklarationen schien die Marschrichtung der II. Internationalen ziemlich klar: „Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Bureaus, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern." „Alles aufzubieten" – dieser schon auf den internationalen Kongressen in Stuttgart und Kopenhagen formulierte strikte Anti-Militarismus hatte dazu eine klassenkämpferische, antikapitalistische Perspektive: „Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen." Der Außerordentliche Internationale Sozialisten-Kongress zu Basel (24. und 25. November 1912) benannte auch die Kriegsursache: Er forderte „die Arbeiter aller Länder auf, dem kapitalistischen Imperialismus die Kraft der internationalen Solidarität des Proletariats entgegenzustellen". 

„Die Überwindung des Gegensatzes zwischen Deutschland auf der einen, Frankreich und England auf der anderen Seite, würde die größte Gefahr für den Weltfrieden beseitigen, die Machtstellung des Zarismus, der diesen Gegensatz ausbeutet, erschüttern, einen Überfall Österreich-Ungarns auf Serbien unmöglich machen und der Welt den Frieden sichern. Auf dieses Ziel vor allem sind daher die Bemühungen der Internationale zu richten." Der Baseler Kongress war in der Tat eine eindrucksvolle Antikriegsdemonstration. 

Nur etwa 20 Monate danach sah es aus als hätte es Basel nie gegeben. 

Nicht nur, dass die Verwüstungen des imperialistischen Krieges nahezu unbehindert begannen, die Führer fast aller in Basel vertretenen Organisationen, waren auf den Kriegskurs „ihrer" Regierungen eingeschwenkt, hatten seine Finanzierung mitbeschlossen, sich auf einen „Burgfrieden", eine „Union Sacrée", genauer gesagt, auf ein Mordkomplott mit „ihren" Regierungen eingelassen. 

Hatten also mitgetan, die eigenen Genossen auf den Marsch in die Schützengräben und Massengräber zu schicken. Ein erstaunliches Phänomen. 

Imperialismus und Opportunismus Die Krise war lang und tief. Nach dem Gründerboom und bislang beispiellosen Finanzspekulationen war der Kapitalismus 1876 in eine lange Depression gefallen. Klar war, eine einfache Verlängerung des konkurrenzkapitalistischen Krisenzyklus seit 1825 würde es nicht geben. Auswege wurden gesucht. 

„Ein Kapitalist schlägt viele tot." Riesige Monopole und Trusts waren im Entstehen. Der Staat begann seiner „Nachtwächterrolle" zu entwachsen. 

Kohle und Stahl, Elektro- und Chemieindustrie, vor allem die explosionsartig wachsende Rüstungsindustrie brauchten verlässliche Abnehmer. 

Letztere unabdingbar den Staat. 

Und ohne eine international führende Schwerindustrie war Imperialismus, war ein Krieg um die Weltherrschaft nicht führbar. Der Monopolkapitalismus entstand und mit ihm der imperiale Anspruch auf eine möglichst große Basis privilegiert ausbeutbarer Ressourcen. 

Auf den Platz an der Sonne, den Lebensraum im Osten. 

Diese Lage erforderte eine Neupositionierung der Bourgeoisie zur Arbeiterklasse. Bismarck hatte es 1878 konfrontativ versucht – und war gescheitert. Die in Gotha zur SAPD vereinigten Arbeiterparteien wurden zu stark, um sie (Sozialistengesetze) als „Reichsfeinde" einfach verbieten zu können. Die Arbeiterklasse wuchs rasch mit der Industrialisierung. Die Großbetriebe verlangten nach einer gebildeten, hierarchisch geschichteten Führungsstruktur, nach einer technischen wie kaufmännischen Funktionselite sowie technisch-manuell versierten Facharbeitern. Die mit der Monopolbildung entstehende Arbeiteraristokratie ließ sich nicht nach Art des preußischen Junkers kujonieren. Sie verlangte nach besserer Bezahlung und bedurfte politischer, später auch ideologischer Integration. Bismarck hatte, als „Zuckerbrot", schon bald die Sozialgesetze erlassen. Als die offene Repression am 30. September 1890 endgültig gescheitert war, war aus den wenigen Parias ein ernstzunehmender politischer Faktor geworden, der sich 1891 in Erfurt ein marxistisches Programm gab, sich nun SPD nannte, als international führende Sozialdemokratische Partei anerkannt war und 1912 trotz aller Behinderungen mit Abstand (34,8 Prozent) zur stärksten politischen Kraft im Deutschen Reichstag aufstieg. Nicht wenige SPD-Wähler glaubten da, schon deutlich mehr zu verlieren zu haben, als ihre Ketten. 

Proletarier aller Länder – der zweite Versuch Die I. Internationale hatte die Pariser Kommune nicht lange überlebt. Die erste internationale Arbeiterorganisation war an der Auseinandersetzung mit dem Anarchismus zerbrochen. 

Nun, fast zwanzig Jahre später, hatte der Aufschwung der Arbeiterbewegung, die Streikbewegungen in Chicago, in Deutschland, Österreich, Frankreich, England und Russland, geholfen die bittere Niederlage von 1871 zu überwinden. 

Am 14. Juli 1889, dem 100 Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, trafen sich in Paris Delegationen aus 20 Ländern, teilweise sehr prominent besetzt, unter den marxistischen Forderungen „Enteignung der Kapitalistenklasse", Vergesellschaftung der Produktionsmittel" zum Ersten Internationalen Arbeiterkongress. 

Die Parole des Manifests hatte in der leicht abgewandelten Form, „Proletarier aller Länder, vereinigen wir uns!", wieder ihren, wenn auch noch lockeren, organisatorischen Ausdruck gefunden. 

Der Integrationsdruck des Imperialismus machte sich jedoch schon in Paris bemerkbar. Zwar war es gelungen sich von der „Kinderkrankheit" des organisierten Anarchismus abzugrenzen, aber in dem Ökonomismus der französischen „Possibilisten" und der englischen „Trade Unionisten" zeigt sich schon jene kommende opportunistische Strömung, welche die II. Internationale letztlich beherrschen sollte. 

Noch aber kann der Kongress als Durchsetzung des Marxismus auch in der internationalen Arbeiterbewegung gelten. Ein Etappensieg. Letztlich wird die Integrationskraft des Imperialismus, diese gefeierte Einheit der II. 

Internationale, bei gleichzeitiger Wahrung einer formelhaft-dogmatisierten marxistischen Fassade, faktisch soweit aushöhlen, dass sie im August 1914 so sang und klanglos zusammenbricht, als hätte es sie nie gegeben. 

Noch aber geht es um den Kampf für den Achtstunden-Tag, die Durchsetzung des 1. Mai als Kampftag im Gedenken an die Toten des Chicagoer Haymarket-Massakers und natürlich um die Erhaltung des Friedens als „erste und unerlässliche Bedingung jeder Arbeiteremanzipation". 

Der Vorsitzende des Kongresses, Wilhelm Liebknecht, (zusammen mit dem Kommunarden Édouard Vaillant) sah in der Feindschaft Deutschlands und Frankreichs „das Haupthindernis des politischen und sozialen Fortschritts in Europa". 

Bis zum I. Weltkrieg wird es noch neun weitere große Internationale Kongresse geben. (Brüssel 1891, Zürich 1893, London 1896, Paris 1900, Amsterdam 1904, Stuttgart 1907, Kopenhagen 1910 und Basel 1912). Dabei ist der drohende imperialistische Krieg ein ständiges Thema. Der letzte außerordentliche Kongress in Basel steht ganz explizit unter dem Eindruck des unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruchs. Die Ursache des Krieges wird auch zutreffend in der imperialistischen Konkurrenz erkannt. 

Der künftige Krieg später als „imperialistisch" gebranntmarkt. Und dennoch bleibt die II. Internationale in diesem existentiellen Thema spektakulär erfolglos. 

Unklar blieb vor allem die Frage, was im Falle eines Kriegsausbruchs tatsächlich passieren soll. Der von den Anarchisten als ultimative Waffe forcierte politische Generalstreik wurde von Plechanow und Liebknecht mit einer sehr formalen Argumentation als nicht realisierbar zurückgewiesen. 

Man wolle dem Moloch Militarismus keine neuen Opfer liefern, so Liebknecht. Die „Diktatur des Proletariats", die Revolutionstheorie, die Staatsfrage rückten in den folgenden Jahren immer mehr in den Hintergrund. 

Der Sozialismus wird angesichts der rasch zunehmenden Stärke der Arbeiterbewegung immer deutlicher als eine zwangsläufige Folge einer zum Automatismus verkümmerten Dialektik begriffen, die „weder Ochs noch Esel" (Bebel) aufhalten könne. Die meisten Führer der II. Internationale bleiben in den Denkkategorien des vorimperialistischen Kapitalismus verhaftet. Es macht sich eine Unterschätzung der Integrationsfähigkeit, aber vor allem auch der Repressionsfähigkeit imperialistischer Apparate und Institutionen bemerkbar. 

Es gibt die Vorstellung im Kriegsfall die Revolution durchzusetzen zu können, ohne ein Konzept zu entwickeln, wie das genau geschehen soll. 

Die Revisionismusdebatte 1899 fasste Eduard Bernstein die Vorstellungen des revisionistischen Flügels der Sozialdemokratie in seiner Schrift „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" zusammen. Er hatte schon bald nach dem Tode von Engels (1895) begonnen in der „Neuen Zeit" eine Artikelreihe unter dem Titel „Probleme des Sozialismus" zu veröffentlichen, die eine Abkehr von der revolutionären Strategie hin zu einem bürgerlichen Reformismus begründen sollten. 

Bernstein hatte hier schon den Reformismus auf den Begriff gebracht: „Ich gestehe es offen, ich habe für das, was man gemeinhin unter ‚Endziel des Sozialismus’ versteht, außerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles." „Die Voraussetzungen …" nun, können als Generalangriff auf den Marxismus insgesamt gelten. Es geht hier keineswegs nur um eine Variation der sozialdemokratischen Taktik, um eine Abkehr von der strategischen Zielstellung, die an sich schon, konsequenterweise, der Existenzberechtigung der Partei den Boden entzieht, es geht um mehr, um die Revision der wesentlichen theoretischen Grundlagen des Marxismus. 

Dabei wagt Bernstein auch jetzt nicht Marx und Engels frontal anzugreifen. 

Er wählt für seinen neokantianischen „roll back" den Umweg über die Dialektik Hegels und die Arbeitswerttheorie Ricardos und Smiths: „Die logischen Purzelbäume des Hegelianismus schillern radikal und geistreich. Wie das Irrlicht, zeigt er uns in unbestimmten Umrissen jenseitige Projekte. Sobald wir aber im Vertrauen auf ihn unseren Weg wählen, werden wir regelmäßig im Sumpf landen. 

Was Marx und Engels Großes geleistet haben, haben sie nicht möge der Hegelschen Dialektik, sondern trotz ihrer geleistet." Und zur Arbeitswerttheorie: „Vor allem ist die Lehre vom Arbeitswert darin irreführend, dass er doch immer wieder als Maßstab für die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten erscheint, wozu unter anderem die Bezeichnung der Mehrwertrate als Ausbeutungsrate usw. verleitet." Bernsteins ökonomischer Revisionismus, der in einer Gleichsetzung der subjektiv-psychologischen Grenznutzenschule mit der marxistischen Arbeitswerttheorie gipfelt, tritt vor allem als Modernisierung als Anpassung an die neuen (sozialökonomisch-integrativen) Realitäten des Imperialismus auf (die eben neue Möglichkeiten vor allem für die privilegierte Schicht der Arbeiteraristokratie ermöglichte). 

Die „sozialistische Katastrophitis", also die Theorie einer Zuspitzung der Widersprüche aufgrund der inneren Dialektik des Kapitalismus ablehnend, postulierte er die ökonomische Anpassungsfähigkeit und zunehmende Krisensicherheit des modernen Kapitalismus. Die Eroberung der Macht sei „verfrüht", es gebe die Möglichkeit des allmählichen „Hineinwachsens in den Sozialismus". 

In Bernsteins Thesen spiegelt sich der schlichte Glaube an die Extrapolation der Boomphase 1895 ff. Ähnlichkeiten mit den 1990er Jahren sind da kein Zufall. 

H Auf den bürgerlichen Antimarxismus, speziell den deutschen Neokantianismus anspielend, schlussfolgert Lenin es sei „nicht verwunderlich, dass die ‚neue kritische’ Richtung in der Sozialdemokratie mit einem Schlag als etwas völlig Fertiges hervortrat, so wie Minerva dem Haupte Jupiters entstieg. 

Ihrem Inhalt nach brauchte sich diese Richtung nicht zu entwickeln und herauszubilden: sie wurde direkt aus der bürgerlichen Literatur in die sozialistische übertragen." In der sich anschließenden „Endziel- Debatte" verfochten die Parteilinken Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Wilhelm Liebknecht) ideologisch eine scharfe Abgrenzung zum Revisionismus Bernsteins und organisationspolitisch den Ausschluss der Revisionisten aus der Partei. 

Rosa Luxemburg resümiert: Diese ganze Theorie läuft praktisch auf nichts anderes als den Rat hinaus, die soziale Umwälzung, das Endziel der Sozialdemokratie, aufzugeben und die Sozialreform umgekehrt aus einem Mittel des Klassenkampfes zu seinem Zwecke zu machen. 

Die Linken konnten sich aber gegen die Parteiführung um Karl Kautsky nicht durchsetzen. Kautsky (der „geborene Pedant und Haarspalter", so Engels) lehnte zwar den Revisionismus seines alten Freundes Bernstein ab, wandte sich aber entschieden gegen den Ausschluss der Revisionisten aus der Partei. Im Gegenteil meinte er, Bernsteins Buch sei wertvoll für die Bewegung: „Die Entscheidung über das Problem der proletarischen Diktatur können wir wohl ganz ruhig der Zukunft überlassen." Dies war schon eher eine „Kapitulation vor dem Opportunismus", wie Lenin feststellte. Durch diese Tolerie- 

rungs- und Beschwichtigungspolitik nach rechts versuchte die Parteiführung in einer Organisation zwei Flügel mit entgegengesetzten Zielstellungen zu vereinigen. Nach der ersten großen Krise der II. Internationale können sich die Revisionisten, zwar ideologisch unterlegen, organisationspolitisch durchaus als Gewinner fühlen, wie es sich in der „Versöhnung" beim Internationalen Kongress in Paris, 1900, dann auch bestätigte. 

Bolschewismus, „Was tun?" Die harte Repression des reaktionären Zarismus (Illegalität, Verfolgung durch die Ochrana (die zaristischen Geheimdienste) beförderten die Ausrichtung der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) – und in der Folge die der revolutionären Parteien ganz allgemein – auf die zunehmend repressiveren Bedingungen des Imperialismus. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der opportunistischen Herausforderung Bernsteins schrieb Lenin von Herbst 1901 bis Februar 1902 die Broschüre „Was tun?". Der Text versucht eine Antwort auf die Frage, wie eine sozialistische Revolution nicht nur zu propagieren, sondern tatsächlich durchzuführen ist. 

Er begründet die Notwendigkeit einer proletarischen Avantgarde, einer Organisation aktiver, entschlossener und verlässlicher Kämpfer, einer Kaderpartei, deren personell-organisatorisches Rückgrad ein Kreis von Berufsrevolutionären ist, die sich um eine revolutionäre Zeitung („Iskra"), dem seinerzeit primären Kommunikationsmedium gruppieren. 

Im Gegensatz zur üblichen Tolerierungspolitik macht „Was tun?" scharf Front sowohl gegen die anarchistische „Anbetung der Spontaneität" wie auch gegen die „Handwerkelei der Ökonomisten". Lenin: „Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. 

Wir haben uns, nach frei gefasstem Beschluss, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, (…) Und nun beginnen einige von uns zu rufen: Gehen wir in diesen Sumpf! Will man ihnen ins Gewissen reden, so erwidern sie: Was seid ihr doch für rückständige Leute! und ihr schämt euch nicht, uns das freie Recht abzusprechen, euch auf einen besseren Weg zu rufen! – O ja, meine Herren, ihr habt die Freiheit, nicht nur zu rufen, sondern auch zu gehen, wohin ihr wollt, selbst in den Sumpf; wir sind sogar der Meinung, dass euer wahrer Platz gerade im Sumpf ist, und wir sind bereit, euch nach Kräften bei eurer Übersiedlung dorthin zu helfen. Aber lasst unsere Hände los, klammert euch nicht an uns und besudelt nicht das große Wort Freiheit, denn wir haben ja ebenfalls die „Freiheit", zu gehen, wohin wir wollen, die Freiheit, nicht nur gegen den Sumpf zu kämpfen, sondern auch gegen diejenigen, die sich dem Sumpfe zuwenden!" Revolution von 1905 Die Russische Revolution von 1905 war die erste Volkserhebung unter den Bedingungen des Imperialismus und zugleich unter den speziellen repressiven Verhältnissen der Selbstherrschaft. 

Der Kampf um bürgerliche Emanzipation verknüpfte sich mit dem Kampf um die Soziale Revolution. Die schwankende Haltung, die das Bürgertum zur vollen Durchsetzung bürgerlicher Rechte spätestens seit den 1848er Revolutionen, insbesondere aber seit der Kommune von 1871 eingenommen hatte, das Paktieren mit der Adelsreaktion, war aufgrund der relativen Schwäche der russischen Bourgeoisie in Russland besonders ausgeprägt. 

Um dennoch erfolgreich zu sein, wuchs dem russischen Proletariat eine besondere Verantwortung, eine führende Aufgabe zu. Nur unter seiner Führung würden die Durchsetzung bürgerlich-demokratischer Verhältnisse und die Beseitigung der feudalleibeigenen Überreste möglich sein. 

Dazu war – neben der Neutralisierung des zur reaktionären Kumpanei neigenden Bürgertums – ein enges Bündnis mit den Bauern, ein mobilisierendes Agrarprogramm, notwendig. 

Gleichzeitig schuf die Spezifik dieses Revolutionsmodus eine neue Ausgangslage für die sozialistische Revolution. 

Unter den Bedingungen einer zunehmend reaktionäreren Bourgeoisie machte es keinen Sinn auf die volle Entfaltung bürgerlicher Verhältnisse als günstigste Ausgangsbedingung für die sozialistische Revolution zu setzen. 

Die Bourgeoisie hatte spätesten mit der Niederschlagung der Kommune und der Ermordung der 30 000 hinreichend unter Beweis gestellt, wozu sie im Zweifel in der Lage sein würde. 

Die Dynamik der bürgerlich-demokratischen Umwälzung musste daher als Anstoßmoment für das Ingangsetzen der sozialistischen Umwälzung genutzt werden. Es galt nun, nicht auf halbem Weg stehen zu bleiben. 

Volle Herausbildung der drei Strömungen in der Sozialdemokratie Lenin hatte unter dem unmittelbaren Eindruck der 1905er Revolution mit der Broschüre: „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution", ein detailliertes Konzept vorgelegt, wie der Kampf um die Erringung der politischen Macht unter den Bedingungen des Imperialismus konkret aussehen könnte. Damit war die diffuse Hoffnung der II. 

Internationale auf die quasi automatische Geschichtsmächtigkeit des Marxschen Vorworts „Zur Kritik der Politischen Ökonomie", der Glaube an den „Sozialismus in seinem Lauf" in konkrete Taktik, in revolutionäres Handeln überführt. Und dieses Handeln hatte immer ein internationalistisches zu sein. Ein Sieg über den Zarismus „würde allen Arbeitern aller Nationen, in allen Staaten, in allen Teilen des Erdballs ihre Sache erleichtern." (Lenin) Spaltete sich die SDAPR auf dem II. Parteitag schon an der Statutenfrage, an der leninschen Forderung zur aktiven Mitarbeit, so war mit „Was tun?" und den „Zwei Taktiken", eine klare Grenzlinie nicht nur zum Revisionismus, sondern auch zur mehrheitlichen Führung der II. Internationale gezogen. 

In der Folge verfestigten sich, auch international, die drei Strömungen in der Sozialdemokratie. 

Die revolutionäre Parteilinke um Lenin, Liebknecht und Luxemburg, die reformistischen Opportunisten um Bernstein und die im vorimperialistischen Denken verhafteten Zentristen um Kautsky. Da die Konzeption Letzterer letztlich auf einer anachronistischen Illusion basierte, konnte ihre Existenz keinen Bestand haben. Viele neigen im Zweifel ohnehin dem Opportunismus zu. Die Biographie Kautskys ist da beispielhaft. 

Der Zusammenbruch 1914 Die russische Revolution von 1905 und der Aufschwung der proletarischen Kampfaktionen in Deutschland lösten in der SPD noch einmal eine Debatte über den politischen Massenstreik aus, an der sich Parvus, eigentlich Alexander Helphand, („Staatsstreich und politischer Massenstreik") und vor allem Rosa Luxemburg („Ermattung oder Kampf?") und Karl Kautsky („Was nun?") beteiligten. 

1907 hatte die Partei allerdings bei der „Hottentottenwahl", einer von der Bülow-Regierung mit einer massiv nationalistischen und kolonialistischen Kampagne geführten Reichstagswahl, 38 ihrer 83 Reichstagssitze verloren. 

Das Ergebnis gab, wie üblich, den Opportunisten Oberwasser. 

Der Massenstreik verschwand wieder in der Versenkung und tauchte erst 1910 im Kampf gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht wieder auf. 

Gegen Luxemburgs Forderung nach Aufgreifen der russischen Erfahrungen, der Erweiterung, Flexibilisierung und Verschärfung der Kampfformen durch Massenaktionen, polemisiert Kautsky, in dem er, theoretisch, auf eine zunehmend abstraktere Ebene „linker" Sophistik ausweicht und, politisch, die Erfolge der „Ermattungsstrategie" (des Parlamentarismus) gegen die Risiken der „Niederwerfungsstrategie" (Revolution) herausstreicht. 

Die Polemik gipfelt in seinem Text „Die Aktion der Masse" (1912), in dem er „der Masse" eine gewissermaßen klassenneutrale, potentiell reaktionäre Struktur zuweist. Stellenweise ist eine Nähe zur reaktionären Massenpsychologie Le Bons nicht zu übersehen. Je näher die Unausweichlichkeit der Entscheidungssituation rückt, umso klarer erscheint das Überwechseln der Zentristen ins Lager der Opportunisten. 

„Gefahr ist im Verzuge", verkündete der „Vorwärts" am 25. Juli 1914, „Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch im Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. 

Überall muss den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale Völkerverbrüderung!" Die Zeitung war kaum gedruckt, da hatte Albert Südekum der Reichsregierung schon die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten signalisiert. 

Wieder einmal, wie Fraktionschef Hugo Haase vor dem Reichstag verkündete, zur „Verteidigung Deutschlands", und der „Errungenschaften der deutschen Arbeiterklasse" und, wie originell, gegen den „russischen Despotismus". 

„Der Kriegszustand ist erklärt (…) bis zur letzten Minute hat das internationale Proletariat seine Schuldigkeit getan", behauptete der „Vorwärts" sieben Tage später, am 1. August. „So müssen wir jetzt dem, was auch kommen mag, mit Festigkeit ins Auge sehen (…) Unbesonnenheiten, nutzlose und falsch verstandene Opfer schaden in diesem Augenblick nicht nur dem Einzelnen, sondern unserer Sache." So sah es also aus, wenn die SPD, wie in Basel versprochen, „alles aufbot". 

Das große Völkerschlachten konnte beginnen. „Unbesonnenheiten" waren nicht zu erwarten. Die Genossen durften dem Tod „mit Festigkeit ins Auge sehen". 

In den übrigen Zentralen der II. Internationale sah es bis auf wenige Ausnahmen (Russland, Serbien, Bulgarien) kaum anders aus. Der große Versuch von 1889, der zweite internationalistische und antimilitaristische Emanzipationsversuch der Arbeiterbewegung war im Sumpf des Sozial- und Nationalchauvinismus untergegangen. 

In der Ära der Noske und Zörgiebel Der Reformismus hatte sein „Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft" (Lenin). Er beruht auf der Spekulation der privilegierten Teile des Proletariats, an der Ausbeutung des Imperialismus, nach Innen wie Außen, materiell beteiligt zu werden. Die Geschäftsgrundlage dieser Spekulation besteht im Kern darin, dass der Reformismus zuverlässig die revolutionären Kräfte niederhält. 

Mit dem Roten Oktober, der Gründung der III. Internationale und dem Entstehen einer kommunistischen Weltbewegung, war dieser Kumpanei eine neue Herausforderung zugewachsen. Nicht nur wüste Polemik (Kautsky, „Die Diktatur des Proletariat") war gefordert, sondern auch konkretes Handeln. „Einer muss der Bluthund sein", der das Feuer auf die Arbeiter des November 1918 und des 1. Mai 1929 eröffnen ließ. 

Die Toten der Herren Noske und Zörgiebel, und manches andere, ließen die Revolutionäre nicht unbeeindruckt. 

Und die Wut stand manchmal der nüchterne Einschätzung im Wege. 

Die Strukturen aber sind die gleichen geblieben, auch wenn diese Herren manchmal Schmidt hießen oder Bahr. 

Der Feind steht immer links und dagegen gehen sogar Atomraketen in Ordnung. 

 Der Neoliberalismus hat es dennoch zu einer neuen Qualität gebracht. 

Ohne sozialistische Herausforderung keine generösen Privilegien. 

Die Sozialdemokratie (Blair/Schröder) ist von einer reformistischen Partei zur Speerspitze des Sozialabbaus und der Verelendung geworden. 

Einer Umverteilung von Unten nach Oben in dreistelliger Milliardengröße. 

Sie hat für ein paar Regierungssessel auch noch ihr Linsengericht verkauft. 

Und sie hat nicht nur einen imperialistischen Krieg billigend in Kauf genommen, sondern ihn aktiv herbeigeführt. 

Sie hat mit Bomben auf Belgrad das Tabu des „Nie wieder von deutschem Boden …" gebrochen. Und das nach zwei Weltkriegen mit 70 Millionen Toten. 

Tiefer in den Sumpf geht es kaum. 

 

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K. k. Mordbrenner  

Geschichte. Österreich-Ungarn wollte dem »Läusevolk« eine Lektion erteilen und begann am 28. Juli 1914 seinen Sonderkrieg gegen Serbien  

Hans Hautmann 

In: junge Welt online vom 28.07.2014 

 

Mit der Kriegserklärung des Habsburgerreiches an Serbien am 28. Juli 1914 und der Beschießung Belgrads von Schiffen der k. k. Donauflottille am 29. 

Juli eskalierten die imperialistischen Gegensätze zwischen den Mittelmächten und der Entente binnen weniger Tage zum großen Krieg. Der Beginn der Kampfhandlungen der Millionenarmeen an der West- und Ostfront überschattete sogleich den Feldzug Österreich-Ungarns gegen Serbien und degradierte den Balkan zum Nebenschauplatz. Was hier bis zum Jahresende 1914 geschah, blieb weitgehend unbeachtet. Der Krieg der Donaumonarchie mit dem Königreich Serbien wies jedoch im Rahmen des imperialistischen Krieges Besonderheiten auf. So hatte er von Anfang an den Charakter einer »Strafexpedition«. Dagegen kämpfte Serbien als einziges Land in einem gerechten nationalen Verteidigungskrieg. Beides war das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung - wobei die Attacken der Serben gegen die Habsburgermonarchie bürgerlich-nationalistisch bestimmt waren, die anti serbische Haltung der Österreicher hingegen von imperialistischen, rassistischen und sozialdarwinistischen Positionen ausging. 

Das hat auch Lenin so gesehen, als er in der im September 1915 in Genf erschienenen Schrift »Der Zusammenbruch der II. Internationale« feststellte, daß das »nationale Element im jetzigen Krieg nur durch den Krieg Serbiens gegen Österreich« vertreten sei. Und, »wäre dieser Krieg isoliert, d.h., wäre er nicht mit dem gesamteuropäischen Krieg, mit den eigensüchtigen und räuberischen Zielen Englands, Rußlands usw. verknüpft, alle Sozialisten verpflichtet (wären), der serbischen Bourgeoisie den Sieg zu wünschen.« 

Umso höher ist die vorbildlich internationalistische Haltung der beiden sozialdemokratischen Abgeordneten im serbischen Parlament zu bewerten. Sie beharrten auf dem Klassenstandpunkt, verweigerten den Schulterschluß mit ihrer eigenen Bourgeoisie und stimmten gegen die Kriegskredite. 

Zur Geschichte der Serbenhetze 

Die Wende in den Beziehungen zwischen Österreichern und Serben trat ein, als der serbische Nationalstaat 1903 nicht länger Vasall des Habsburgerreich sein wollte. Bis dahin hatte das von der Dynastie der Obrenovic beherrschte Land dem mächtigen österreichisch-ungarischen Nachbarn in geradezu knechtischer Unterwürfigkeit gegenübergestanden. Dabei hatte es Wien niemals gestört, daß in Serbien unter Milan und Alexander Obrenovic selbst nach damaligen Maßstäben in Europa unglaubliche Willkür, despotische Grausamkeit und Korruption herrschte. 

Die Ereignisse in Belgrad im Juni 1903 waren mehr als eine blutige Fehde zwischen rivalisierenden Fürstenhäusern, sie waren eine echte Revolution. 

Der zum serbischen König ausgerufene Peter Karageorgevic brach mit dem Absolutismus, gewährte eine liberale Verfassung, stellte die Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit her und verwandelte Serbien in eine bürgerliche Demokratie, die in fast allen ihren Bestandteilen kühner, radikaler, konsequenter war und weiter ging als das, was in europäischen konstitutionellen Monarchien am Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war. 

Nebenbei bemerkt hat den später nur noch als »Mörderkönig« titulierten Peter kein anderer Staat früher anerkannt als gerade Österreich-Ungarn - offenbar darauf spekulierend, Serbien mit dieser Geste weiterhin in Botmäßigkeit halten zu können. 

Diese Hoffnung zerstob sehr bald. Das erneuerte bürgerliche Serbien suchte sich aus dem politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis zur Habsburgermonarchie zu befreien, was in Wien und Budapest, geschürt von der Lobby der Großagrarier, sofort zu heftigsten Reaktionen und offenen Erpressungsversuchen führte. Im Jahr 1906 bot Österreich-Ungarn Serbien die Verlängerung des Handelsvertrages nur unter der Bedingung an, daß es auf die Ausfuhr von Lebendvieh in die Donaumonarchie verzichte und sich verpflichte, Eisenbahnmaterial und Geschütze nur aus Österreich zu beziehen. Als Serbien das Diktat ablehnte, sperrte die Habsburgermonarchie für die serbischen Agrarprodukte ihre Grenzen. Die als »Schweinekrieg« in die Geschichte eingegangenen Zollsanktionen trafen die serbischen Bauern hart. Und als Belgrad in einer Zollunion mit Bulgarien einen Ausweg zu finden hoffte, erhob man aus der Wiener Hofburg auch dagegen drohend Einspruch und zwang Serbien, die Unionspläne fallen zu lassen. 

Nun verschärften sich die Gegensätze rasant, weil Serbien, als bürgerlicher Staat konsequenterweise dem bürgerlichen Nationalismus huldigend, in Antwort darauf mit der Propagandakampagne für die Vereinigung der Südslawen begann und sich dabei an die Spitze setzte. Außenpolitisch vorerst noch weitgehend isoliert, gelang es Belgrad, während der bosnischen Annexionskrise1 des Jahres 1908 Rußland, England und Frankreich auf seine Seite zu ziehen. Damit verquickte sich der Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien mit dem Hauptgegensatz der imperialistischen Ära, dem zwischen den Mittelmächten und der Entente. 

Aus der Annexionskrise datiert die Serbenhetze, die unter Alois Lexa von Aehrenthal und seinem Nachfolger Leopold Berchtold sechs Jahre vom Literarischen Büro des Ministeriums des Äußeren mit allen nur erdenklichen Mitteln geschürt wurde. Fast die ganze deutschösterreichische Presse stand im Dienste dieser Kampagne. Tag für Tag erschienen Artikel, in denen die Serben als das »Volk der Fürstenmörder«, als »Räubergesindel«, als »Hammeldiebe«, als unkultiviertes »Läusevolk« verunglimpft und verhöhnt wurden. 

Die österreichische Machtelite begnügte sich aber nicht mit der verbalen Hetze, sondern setzte darüber hinaus ohne Bedenken kriminelle Mittel ein. 

Als durch die Annexionskrise in beträchtlichen Teilen des kroatischen Volkes Sympathien für Serbien sichtbar wurden, inszenierte man 1909 den »Agramer Hochverratsprozeß«, für den Beweise in den Büros des k. k. 

Generalstabes und des k. k. Außenministeriums konstruiert worden waren. Sie erwiesen sich als derart plumpe Fälschungen, daß Österreich-Ungarn vor aller Welt bis auf die Knochen kompromittiert dastand. Ein ähnlicher Reinfall war die berüchtigte »Affäre Prochaska«, als im Balkankrieg von 1912 die österreichisch-ungarische Regierung über ihre Agenten in den systemtreuen Zeitungsredaktionen die Lüge von der »Entmannung« des österreichischen Konsuls in der Kosovo-Stadt Prizren, Oskar Prochaska, durch serbische Komitatschi erfinden ließ, um einen Vorwand für die kriegerische Intervention gegen Serbien in die Hand zu bekommen. 

Peinlicherweise tauchte der »verstümmelte« Prochaska schon bald danach völlig unversehrt wieder auf, und die »Abrechnung« mit Serbien mußte ein weiteres Mal aufgeschoben werden. 

Das fortwährende Taumeln von einer Blamage zur anderen und die Hilflosigkeit, mit der Österreich-Ungarn den nationalen Bestrebungen der Serben begegnete, hatten ihre letzte und tiefste Ursache darin, daß die Habsburgermonarchie gegenüber den berechtigten und historisch progressiven Zielen der Südslawen ein politisch rückschrittliches, zum Untergang verurteiltes Prinzip verkörperte. Der österreichische Chauvinismus, der gerade gegenüber den Serben in der schlimmsten Form zutage trat, war von einer Art, die nicht einmal geringfügig von so etwas wie legitimen nationalen Anliegen untermauert war. Es war ein Chauvinismus, der von der zivilen und militärischen Bürokratie förmlich aus der Retorte erzeugt und großgezogen wurde, der nur im Interesse der Dynastie und der imperialistischen Herrschaftsclique lag. Er brachte es im Lauf einer zehnjährigen skrupellosen Verhetzungskampagne zuwege, daß nicht wenige Angehörige der k. k. Armee im Juli 1914 haßerfüllt in den Krieg gegen den serbischen Kleinstaat zogen, mit dem Vorsatz, unter der als »Mördergesindel« abgestempelten dortigen Bevölkerung zu wüten. 

Die »Strafexpedition« 

Vom Wiener Ballhausplatz, dem Sitz der politischen Macht, wurde seit dem 28. Juni 1914, dem Tag des Attentats von Sarajevo, der illusionäre Versuch unternommen, das ganze »kulturelle Europa« gegen die serbische »Barbarei« zu einen, das Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien gleichsam als Wohltat, als Kreuzzug zur Bewahrung »westlicher Kulturwerte« hinzustellen. 

Verbunden wurde das mit der schon seit Jahren benützten Propagandafloskel, daß man sich von Serbien schon viel zu viel gefallen habe lassen, daß dem Land endlich eine »Lektion erteilt« werden müsse, eine »Strafexpedition« notwendig sei, bei der Österreich-Ungarn mit Serbien allein zu bleiben habe und die anderen Großmächte, wollten sie nicht als Verräter an der »abendländischen Zivilisation« dastehen, sich jeglicher Einmischung zu enthalten hätten. 

Zwischen 1906 bis 1914 vermied man es eher, das Wort »Krieg« in den Mund zu nehmen, sprach statt dessen lieber von einer »Strafexpedition« und meinte damit gewissermaßen eine Züchtigung eines mißratenen, frechen Außenseiters. 

Dies Sprachregelung macht vieles von dem verständlich, was nach dem 28. 

Juli 1914 geschah. »Krieg« bedeutet, daß man sich bei der Erreichung des Zieles, dem Gegner gewaltsam seinen Willen aufzuzwingen, doch an bestimmte völkerrechtliche Regeln und Gebräuche hält. »Strafexpedition« heißt, daß man gar nicht so sehr und primär die Niederwerfung des Feindes anstrebt, sondern möglichst viel zerstört, vernichtet, niederbrennt, weniger den feindlichen Soldaten trifft als die Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung, an der man sich rächt und sie mit blutigem Terror überzieht. Aber die Kampfhandlungen im August/September 1914 sollten zeigen, daß die österreichisch-ungarischen Truppen gar nicht in der Lage waren, so auf dem Territorium des Königreiches Serbien zu wüten. Die »Strafexpedition« mußte daher so gut wie ausschließlich die im Verband der Monarchie ansässigen Serben über sich ergehen lassen. 

Ihre Zahl war beträchtlich und belief sich auf 2,1 Millionen: 120000 in der österreichischen Reichshälfte (vorwiegend im Südteil Dalmatiens), 880000 in Bosnien-Herzegowina, 1,1 Millionen in der ungarischen Reichshälfte (Syrmien, Batschka, Banat). Sie wurden des Einverständnisses mit dem Feind, der Spionage, Sabotage und des massenhaft begangenen Verrats beschuldigt. 

Selbst Frauen, Greise und Halbwüchsige wurden erschossen bzw. erhängt, ganze Dörfer niedergebrannt, Geiseln erschossen, Zehntausende in Internierungslager deportiert, wo ein großer Teil an Hunger, Seuchen und Mißhandlungen zugrunde ging. 

Ein Augenzeuge dieser Kriegsverbrechen war Egon Erwin Kisch, damals Korporal beim Infanterieregiment Nr. 11, des »Prager Korps«: Schauplatz Bjelina in Bosnien am Freitag, 7. August 1914: »Auf dem Marktplatz steht ein Galgen, ein Pflock mit einem Nagel oben. Heute sind ein Pope und ein Student gehängt worden.« Schauplatz Bjelina am Samstag, 8. August 1914: »In einem Wagen fuhr eine verwundete Serbin vorüber. Sie hatte angeblich einen Brunnen vergiftet und war dabei ertappt worden; als sie flüchtete, sandte man ihr einen Schuß nach. Ein Serbe wurde mittels Automobil ins Korpskommando eingeliefert (...) In seinem Gesicht zeugte kein Fältchen von Besorgnis oder gar Angst, obwohl ihm der Tod von Henkershand gewiß ist.« Schauplatz Militärlager, vier Kilometer östlich von Bjelina am Sonntag, 9. 

August 1914: »Gerade werden fünf Frauen vorbeigeführt, bei denen man Anilin fand; man beschuldigt sie, daß sie damit Obst vergiften wollten, aber sie erklären, den Farbstoff zum Färben von Wolle zu benötigen (...) Auf der Stationswache (...) im oberen Stockwerk: die Geiseln. Es sind Honoratioren aus österreichischen Landstrichen, wo Hinterhältigkeiten gegen das Militär vorkamen. Sobald sie sich wiederholen sollten, werden die Geiseln hingerichtet - die einzigen, die an diesen Feindseligkeiten nicht direkt beteiligt sein können, weil sie eben in Präventivhaft sind. Das riecht noch stark nach Mittelalter.« 

Eines der größten Massaker ereignete sich jedoch auf serbischem Territorium in der an der Save gelegenen Stadt Sabac. Hier wurden an die 200 Zivilpersonen wegen »feindseligen Verhaltens« am 13. August 1914 festgenommen und in die Kirche eingesperrt. Als am 17. August das Gerücht kursierte, serbische Truppen seien schon in der Nähe der Stadt und würden bald mit dem Artilleriebombardement beginnen, wurden sie von den Österreichern kurzerhand erschossen. 

Schätzungsweise fielen im Sommer und Herbst 1914 dem Terror der k. k. 

Truppen 30000 serbische Zivilisten zum Opfer. Diese Zahl nannten südslawische Abgeordnete in Reden, Anfragen und Interpellationen in den Jahren 1917 und 1918 im österreichischen Parlament. Ihr Wahrheitsgehalt erweist sich daran, daß weder das Kriegsministerium noch das Armeeoberkommando jemals Anstalten machten, sie zu dementieren, zu entkräften oder richtigzustellen. 

Das Feldzugsdesaster 

Vor Österreich-Ungarn stand im August 1914, wollte man den Nimbus einer Großmacht wahren, zwingend die politische Forderung, gegenüber Serbien auch auf dem Schlachtfeld einen raschen und entscheidenden Erfolg zu erzielen. 

Offensives Vorgehen um jeden Preis lautete daher für den Oberkommandierenden der Balkanstreitkräfte, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, selbst dann noch die Devise, als nach dem Abgang der österreichisch-ungarischen 2. Armee nach Galizien keine ausreichende Truppenstärke für Angriffsoperationen mehr verfügbar war. Die am 12. August 1914 an den schwer zu überwindenden Flüssen Drina und Save eröffneten Kampfhandlungen stießen sofort auf hartnäckige serbische Gegenwehr und endeten mit Mißerfolgen. Mehr noch: Die Truppen der 5. und 6. Armee wurden an verschiedenen Stellen sogar in die Flucht geschlagen, deren Schrecknisse Egon Erwin Kisch in seinem Kriegstagebuch eindringlich schildert. 

Nach zwölf Tagen, am 24. August, waren die österreichisch-ungarischen Truppen vom serbischen Boden vertrieben. Der kaum zweiwöchige Feldzug kostete gewaltige Opfer. Österreich-Ungarn verlor über 23000 Mann, die getötet oder verwundet worden waren, Serbien etwa 16000 Mann. 

Noch zweimal versuchte im Herbst 1914 Potiorek, die Offensive wieder aufzunehmen, am 8. September und am 6. November. Während der erste Vormarsch sich erneut festlief, ja die Österreicher sogar in Abwehrkämpfe mit den auf bosnisches Territorium vordringenden Serben verwickelt wurden, schien sich beim zweiten ein Erfolg anzubahnen. Die 5. und 6. Armee stieß über Valjevo auf Belgrad vor und nahm die serbische Hauptstadt am 2. 

Dezember 1914 ein. Doch schon am Tag darauf leitete das serbische Armeeoberkommando den Gegenschlag ein und zwang die kaiserlichen Truppen bis zum 15. Dezember, Belgrad und das gesamte eroberte serbische Gebiet wieder zu räumen. 

Die Verluste im Verlauf der viermonatigen Kämpfe waren auf beiden Seiten erschreckend hoch. Das österreichisch-ungarische Heer verlor von den aufgebotenen 462000 Mann 28000 durch Tod, 122000 durch Verwundung, 76000 durch Gefangennahme und Zehntausende, die an Cholera, Ruhr und anderen Seuchen erkrankten. Das serbische Heer büßte rund 200000 Mann ein (23000 Tote, 91000 Verwundete, 19000 Gefangene, der Rest Erkrankte). Als Folge der riesigen Opfer und unmenschlichen Strapazen trat auf dem Balkankriegsschauplatz eine zehnmonatige Erschöpfungspause bei den Kämpfen ein. 

Die Hauptursache für das militärische Desaster der österreichisch-ungarischen Offensive gegen Serbien im Jahr 1914 lag nicht nur daran, daß man die Widerstandskraft des serbischen Heeres in imperialistisch-rassistischer Verblendung unterschätzte, sondern vor allem daran begründet, daß die Überzeugung, für eine gerechte Sache, für die nationale Unabhängigkeit zu kämpfen, den Serben eine überlegene Kampfmoral verlieh. Der Mißerfolg Österreich-Ungarns gegen das kleine Serbien erschütterte sein militärisches und politisches Prestige nachhaltig, stärkte in den übrigen Balkanstaaten die Entente-freundlichen Kräfte und förderte die nationale Befreiungsbewegung unter den südslawischen Völkern der Donaumonarchie. 

Anmerkung 

1 Am 4. Oktober 1908 gab Franz Joseph I., Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn, per Handschreiben folgende Verfügung heraus: »Ich habe Mich bestimmt gefunden, die Rechte Meiner Souveränität auf Bosnien und die Herzegowina zu erstrecken und die für Mein Haus geltende Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit zu setzen sowie ihnen gleichzeitig verfassungsmäßige Einrichtungen zu gewähren.« Franz Joseph »schenkte sich selbst zum 60. Regierungsjubiläum und Namenstag zwei Provinzen«, die er auch seiner direkten Verwaltung unterstellte. Am 5. 

Oktober 1908 wurde die Annexion des bis dahin völkerrechtlich zum Osmanischen Reich gehörenden Bosnien-Herzegowina durch Österreich-Ungarn vollzogen. Das Gebiet wurde zu diesem Zeitpunkt bereits seit dreißig Jahren von Österreich verwaltet. Die Einverleibung rief Proteste aus der Türkei, aus Serbien und Rußland hervor. 

Hans Hautmann ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte im Ruhestand in Wien. 

 

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Unbelehrbares Bürgertum  

Ausländer raus und Kriegsstricken – Lindau zwischen 1914 und 1918  

Arnold Schölzel 

In: junge Welt online vom 28.07.2014 

 

Der Historiker und Publizist Karl Schweizer hat mit »Lindau und der Erste Weltkrieg« ein Büchlein veröffentlicht, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Sein »Überblick« stützt sich vor allem auf regionale und militärische Archivmaterialien, Zeitungsartikel, Leserbriefe und Annoncen aus der damaligen Lokalpresse. Der Autor läßt im wesentlichen die Dokumente sprechen, nennt Ursachen und entscheidende Wendepunkte des Kriegsverlaufs zwischen 1914 und 1918 nur knapp. Aus den Quellen entsteht so ein Bild, das auch den nicht mit der Geschichte der bayerischen Bodenseestadt vertrauten Leser fesselt. Geschildert werden Lebensverhältnisse, die chauvinistische Hysterie bei Kriegsbeginn, der Stimmungswandel danach, Soldatenerlebnisse und die Unbelehrbarkeit des Bürgertums einer deutschen Kleinstadt in den 20er Jahren. Der Autor erfaßt einen kollektiven Typus, dessen individuelle Gestalt Diederich Heßling in Heinrich Manns »Untertan« verkörpert. 

Schweizer scheint der Auffassung zu sein, daß diese Gestalt mit ihrer Servilität, Heuchelei und nationalistisch befeuerten Brutalität wieder da ist. Er stellt jedenfalls ans Ende seines Buches ein Gedicht des Lindauer Poeten Fritz Reutemann vom Juni 2014: »Laßt euch nicht vergauckeln«. 

Die 100 Seiten sind in fünf Abschnitte eingeteilt. Im ersten Teil skizziert der Autor den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Er war verbunden mit der Ansiedlung von zum Teil bedeutenden Industriebetrieben, einer für die damalige Zeit modernen Infrastruktur und dem Entstehen einer organisierten Arbeiterschaft. Trotz deren antimilitaristischer Manifestationen vor 1914 folgte auch die Lindauer SPD der »Burgfrieden«-Politik der Gesamtpartei. Die Saat von örtlichem »Kriegsveteranenverein«, »Alldeutschem Verband« und »Flottenverein« ging ungestört auf. 

Der zweite Abschnitt schildert den Kriegsbeginn in der Stadt, in der ein bayerisches Regiment seit Jahrzehnten stationiert war. Es rückte noch am Abend des 1. August ab - begleitet von den vorgegebenen Lügen und nationaler Aufwallung. Allerdings vermerkt die Lokalzeitung auch Hamsterkäufe. Der dritte Teil dokumentiert Briefe und Aufzeichnungen von Lindauer Soldaten, der vierte und umfangreichste faßt die Zeit bis 1918 zusammen. Schweizer veröffentlicht z.B. einen Leserbrief vom 19. August 1914, dessen Autor die sofortige Abschiebung aller Ausländer aus der Stadt fordert, weil »das Ausland in der rücksichtslosesten Weise mit den Deutschen umgeht«. Sein Appell: »Deutscher Michel, werde hart!«. Dem Gewäsch folgen rasch Todesanzeigen, Lebensmittelrationierung, Verletzte, Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und die Mobilisierung von Frauen fürs »Kriegsstricken«. Am 9. November 1918 findet auch in Lindau eine Demonstration statt, aber der örtliche Arbeiter- und Soldatenrat sorgt sich vor allem um Ruhe und Ordnung. Zehn Jahre später sagt der Festredner bei der Einweihung der städtischen Kriegergedächtnisstätte etwas wie »Nicht geschlagen im Felde ...« und beschwört die »Einigkeit des deutschen Volkes«. Die wurde 1933 wieder hergestellt 

Karl Schweizer: Lindau und der Erste Weltkrieg - Ein Überblick. edition inseltor, Lindau 2014, 100 Seiten, 13 Euro 

 

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Ein deutscher Mythos  

Geschichte. Das »Augusterlebnis«, die Rede vom sich erhebenden Volk, das gemeinsam in den Krieg zieht, ist eine Legende. Nicht jubelnd, aber naiv marschierten viele Deutsche in den Ersten Weltkrieg  

Kurt Pätzold 

In: junge Welt online vom 01.08.2014 

 

Kommt die Rede auf den Beginn des Ersten Weltkrieges, fällt früher oder später das Wort vom »Augusterlebnis«. Und von da ist es dann nur ein kurzer Gedankensprung zum »Geist von 1914« oder den »Ideen von 1914«, von denen niemand so genau sagen kann, was sie eigentlich waren. Mit ihnen verbindet sich ein noch über Jahre nach dem Kriege gepflegtes Propagandabild. Es ist das vom sich gemeinsam und entschlossen erhebenden Volk, von der »Volksgemeinschaft«, die in den Krieg zieht, das Vaterland zu verteidigen. 

Das lebe in den Millionen fort, die »dabei waren«, wird kolportiert. 

Die Verwandtschaft zu älteren Sprachbildern wie dem Theodor Körners von 1813 »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los« liegt zutage. Ein Vergleich beider durch ein Jahrhundert getrennter Kriege ergibt Gemeinsames und Unterscheidendes. Die sich gegen Napoleon erhoben, und das war beileibe nicht das ganze deutsche Volk, erstrebten das Ende einer Jahre währenden Fremdherrschaft und Besatzung, die ihnen schwerste Lasten auferlegt hatte. 

Sie waren in manchen Gegenden bis aufs Hemd ausgeplündert worden und dem Verhungern nahe. Ihr Motiv rührte vielfach von eigener Erfahrung oder der ihnen Nahestehender her. Die 1914 auszogen, wurden hingegen mit einer Lüge motiviert, wonach Rußland, Frankreich und Großbritannien Deutschland angegriffen hätten, weil sie alle es um seinen Aufstieg beneideten und nicht »hochkommen« lassen wollten. 

Zu den Unterschieden gehört weiter, daß die Zeitgenossen von 1813 wußten, was Krieg bedeutete, namentlich die Preußen aus ihrer Erfahrung von 1806/07, zum anderen aus Berichten vom Feldzug gegen Rußland 1812, an dem Kontingente deutscher Staaten teilgenommen hatten und aus dem weniger die Preußen, jedoch die nach Moskau gezogenen Bayern, Württemberger und Männer aus anderen deutschen Landen nicht zurückkehrten. 1914 hingegen lag der letzte Krieg, den Deutsche erlebt hatten, mehr als 40 Jahre zurück. Er war jenseits der deutschen Grenzen in Frankreich ausgetragen und gewonnen worden. Die Zahl der Kriegstoten wurde amtlich mit nahezu 44000 angegeben, sie enthält die Zahl der während der Kämpfe Umgekommenen und die jener, die Verwundungen und Krankheiten erlagen. 

Vor allem aber: In den Krieg des Jahres 1813 gingen die Preußen an der Seite des zaristischen Rußlands, dessen Armee den Eroberer aus dem eigenen Lande schon vertrieben hatte, dazu mit Schweden und dann auch, was zu erwarten war, mit Österreich. Es formierte sich eine antinapoleonische Übermacht. 1914 hingegen machte sich Deutschland zum Verbündeten des altersschwachen Österreich-Ungarn. An Stelle der einen Front gegen den Franzosenkaiser entstanden binnen weniger Tage drei. Die kurze österreichische gegen Serbien, wo die Truppen des slawischen Königreiches gemeinsam mit denen Montenegros standen, die lange gegen das Zarenreich, die von der rumänischen Grenze durch das dreigeteilte Polen bis an die Ostsee reichte, und die immer länger werdende gegen die Französische Republik und das überfallene Belgien, die sich von der schweizerischen Grenze bis zur Nordsee dehnte und etwa 700 Kilometer maß. Ein Blick auf die Landkarte Europas und ein weiterer in die demographischen und wirtschaftlichen Daten der einander bekriegenden Blöcke, hier die zwei sogenannten Mittelmächte und dort das Dreierbündnis der Entente, hätte die Augusttage für die Deutschen zu einer sich hinziehenden Denkstunde machen können, ja müssen. 

Erinnerung an Sedan 

Statt dessen? Das wieder und wieder so erzählte »Augusterlebnis«: Das kaisertreue deutsche Volk überschreitet im Gleichschritt die Kriegsschwelle. Viele fühlen sich erhoben, ja befreit. Sie sind siegesgewiß und frohen Mutes und nicht wenige ergriffen von einem Gefühl der Dankbarkeit darüber, daß sie ein eintöniges, langweiliges, allzu sattes und keine höheren Ziele kennendes Dasein hinter sich lassen konnten. Mit dieser Schilderung deutscher Befindlichkeit, die schon inmitten der Ereignisse und nicht erst aus dem Rückblick gegeben wurde, sollte auch bezeugt sein: Ein Volk, das so hochgestimmt auf die Schlachtfelder zieht, kann das nur ohne Arg und reinen Herzens getan haben und nicht um irgendwelcher schnöder materieller Ziele willen. Hitler behauptete in seiner Propagandaschrift »Mein Kampf«, die Deutschen hätten den Krieg geradezu »begehrt« und kritisierte die kaiserliche Führung, weil sie ihn nicht früher selbst begann und so angeblich den Zeitpunkt mit den besten Siegesaussichten verpaßt habe. 

Welche Zeugen und Zeugnisse wurden von jenen präsentiert, die das »Augusterlebnis« lange nach Kriegsende wieder und wieder so ausmalten und die Nation in einem Zustand beschrieben, den sie sich als wiederkehrenden und dann dauernden wünschten, den der Volks- oder Kriegsgemeinschaft? Dafür werden bis heute vor allem Fotografien vorgewiesen, auf denen drei Szenen dominieren. Auf den einen sind Ansammlungen von Menschen zu sehen, die auf Plätzen oder Straßen den Kriegsbeginn bejubeln. Aus der Menge werden als Zeichen der Begeisterung Arme zum Himmel gereckt, Stöcke hochgeschwungen, Mützen und Hüte in die Luft geworfen. Und es werden andächtig patriotische Lieder gesungen. Schon dem flüchtigen Betrachter mag auffallen, daß die dort Zusammengeströmten meist in ihren Sonntagskleidern erschienen sind, und das sind nicht die der arbeitenden Schichten, wie ein Vergleich mit jenen Bildern erweist, die während Kundgebungen der Sozialisten gemacht wurden, beispielsweise von Friedensdemonstrationen nur wenige Tage zuvor. 

Der 1. August 1914 war ein Samstag - und da wurde im Deutschen Reich gearbeitet. 

Auf anderen Fotografien sind an Straßenrändern Menschen zu sehen, die die in lockeren Kolonnen an die Fronten abrückenden Soldaten verabschieden. 

Manche begleiten die Uniformierten auch auf dem Weg zu Sammelplätzen in Kasernen oder zu Bahnhöfen. Jungen sind abgebildet, die das Gewehr ihres Vaters tragen dürfen, und Frauen oder Bräute, eingehängt am Arm des Geliebten. Auf wieder anderen drängen sich Einberufene, noch in ihrer Zivilkleidung, an Türen und Fenstern von Eisenbahnwaggons, meist frohen Gesichts den Zurückbleibenden zuwinkend. Würden manche nicht an geöffneten Schiebetüren von Güterwagen stehen, ließe sich glauben, hier begebe sich ein Männerverein auf einen Ausflug. Dem widersprechen aber auch die Aufschriften an den Waggonwänden, die mehr oder - meist - weniger gewandt mit Kreide da hingemalt wurden. Da werden die französische Hauptstadt und ihre Boulevards als Reiseziel angegeben. Ein die bayerische Hauptstadt verlassender Zug trägt die Aufschrift »München über Metz nach Paris«, und das war noch eine der harmloseren. Andere Texte drückten die Überzeugung aus, Weihnachten wieder zu Hause zu sein. 

Wie lassen sich diese Bilder, keine gestellten Aufnahmen für Propagandazwecke, sondern Schnappschüsse, und die sich auf ihnen ausdrückende Stimmung erklären? Wie, daß ein Kriegsbeginn zur Feier nach der Art eines Volksfestes wird? Eine Rolle mochte spielen, daß eben, wer sich des letzten Krieges erinnerte, an dem deutsche Truppen beteiligt waren, mehr als vier Jahrzehnte zurückdenken mußte. Die als junge Burschen an ihm teilgenommen hatten, standen an der Schwelle zum siebten Lebensjahrzehnt. Das bedeutete auch, daß bei der damaligen Lebenserwartung ein erheblicher Teil der Krieger nicht mehr am Leben war. Dieser deutsch-französische Krieg hatte 1870/71 kaum mehr als ein halbes Jahr gedauert. Dann war am 28. Januar 1871 ein Vorfriede geschlossen worden, die belagerte Hauptstadt Paris kapitulierte. Die Waffen schwiegen. Die Erinnerung daran lebte auch deshalb fort, weil Jahr für Jahr - ohne Teilnahme der Sozialdemokraten - am »Sedantag« des kriegsentscheidenden Sieges gedacht wurde, der in der Schlacht bei der nordfranzösischen Stadt nahe der belgischen Grenze errungen worden war, in der auch der Kaiser der Franzosen, der dritte Napoleon, in Gefangenschaft geriet. 

Wichtiger als dieser zu falschen Schlußfolgerungen führende Blick zurück mochte für die Haltung der den Kriegsbeginn Feiernden sein, daß sie trotz bestehender Warnungen keine Ahnung von dem besaßen, was ihnen und vor allem den Soldaten in den nun auszutragenden Schlachten bevorstand. Außerdem waren auch die Kriege der letzten Jahre, von denen sie aus Zeitungen erfuhren, von kurzer Dauer gewesen und hatten zudem fern von ihren Wohnsitzen stattgefunden. Das galt für die Balkankriege 1912/1913, für den Krieg Italiens gegen das Osmanische Reich im Norden Afrikas um den Besitz Libyens 1911, für den russisch-japanischen von 1904/05, für die Burenkriege an der Jahrhundertwende und für den der USA gegen Spanien 1898. Und wiewohl dabei neu entwickelte und modernisierte Waffen eingesetzt worden waren, hatte dies nur ein Vorspiel dessen dargestellt, was nun folgte: der massenweise Einsatz neuartigen Kriegsgeräts. Zum Beispiel von Gewehren mit größerer Reichweite, rascherer Schußfolge, höherer Zielgenauigkeit, von Maschinengewehren und Flammenwerfern und weittragenden Artilleriegeschützen mit vervielfachter Sprengkraft, von Flugzeugen, Zeppelinen, Unterseebooten - und Giftgasen. Und obgleich Militärs darauf hingewiesen hatten, daß sich mit der Technisierung und Industrialisierung des Krieges künftige Kriegsverläufe einschneidend ändern würden, hielt sich der Glaube an eine einzige Schlacht, die den Ausgang entscheiden werde, noch immer, so wie die von Leipzig 1813, Waterloo 1815, Königgrätz 1866 und eben Sedan 1870. 

So ist es ein Bündel von im einzelnen zu gewichtenden Tatsachen, das hilft, die Gesichter und Gesten zu enträtseln, die dem Betrachter auf Fotografien aus den ersten Augusttagen 1914 begegnen. Die Aufnahmen sind keine Fälschungen, doch wurden sie dazu gemacht, als sie zu Zeugnissen für die allgemeine Volksstimmung aufgewertet wurden. Dagegen stehen Quellen aus anderen Lebensbereichen, aus Dörfern und Städten ohne Massenaufgebote an kaisertreuem Bürgertum und ohne Horden verbildeter Studenten, die es gar nicht erwarten konnten, das Buch gegen das Gewehr, den Hörsaal gegen das Schlachtfeld zu tauschen. 

Ernste, gedrückte Stimmung 

Bietigheim ist eine württembergische Kleinstadt zwischen Stuttgart und Heilbronn. Der Ort, in dem sich Eisenbahnlinien kreuzen, besaß um 1914 nahezu 4000 Einwohner. In der Chronik der Stadt, rekonstruiert vor allem aus Meldungen des Lokalblattes, dem Enz- und Metterboten, läßt sich nichts von jener Stimmung auffinden, die aus Zentren deutscher Großstädte bezeugt ist. Der patriotische Aufruf, erlassen vom Stadtschultheiß am 1. August, forderte von den Bewohnern »um des Vaterlandes willen, alle, auch die schwersten Anforderungen, die das militärische Interesse erheischt, willig und freudig zu ertragen«. Zu ertragen - die Sprache ist ein Verräter. Der Autor schien, wenn nicht zu wissen, so doch zu ahnen, daß die Bürger nun Lasten zu schleppen haben würden. Der Gedanke beschlich nicht nur ihn. Als der Krieg ein Jahr dauerte, publizierte das evangelische Gemeindeblatt des Ortes einen Rückblick in die letzten Tage des Friedens und die ersten des Krieges. Von jenem Samstag, an dessen Abend der Mobilmachungsbefehl bekanntgemacht wurde, hieß es: »Eine ernste, gedrückte Stimmung lastete auf den meisten. (...) Nun war es ganz ernst geworden. Was sich an diesem Abend in den Häusern und Herzen abgespielt hat, ist nicht zu beschreiben. Das weiß Gott allein. (...) Zu patriotischen Kundgebungen kam es nicht. Es war ja noch so vieles zu erledigen zur Ordnung der eigenen militärischen und häuslichen Angelegenheiten. Man begegnete sich mit vielsagendem Schweigen, war doch fast jedes Haus vom Krieg betroffen und hatte einen Abschied.« 

Zunächst erhielten die Bietigheimer zu den allgemeinen Verhaltensregeln konkrete Ermahnungen. Die erste besagte, daß an zur Armee einrückende Soldaten, die nüchtern an ihren Sammelpunkten eintreffen sollten, kein Alkohol auszuschenken sei. Am 3. August, es war der Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, verabschiedete sich in einer Anzeige im Lokalblatt ein Bäckermeister, der zur Armee mußte, von seiner Kundschaft. 

Er kam im Kriege 1915 um. Am 4. August wurde den Bürgern vom Stadtschulzenamt mitgeteilt, daß das »Stehenbleiben von Personen in Gruppen auf den öffentlichen Straßen und Nebenwegen« von nun an »bis auf weiteres untersagt« sei und Zuwiderhandlungen bestraft würden. 

In den folgenden Tagen bereiteten sich Bürger, da mit der Durchfahrt von Zügen mit Verwundeten gerechnet wurde, auf deren Empfang und Betreuung während ihres Aufenthaltes vor. Dafür wurde um Geldspenden und »Flaschen mit guten Säften« gebeten. Die Gesamtleitung der Aktion lag in den Händen des Stadtpfarrers, der auch nach anderen Berichten ein Motor dieses tätigen Patriotismus gewesen sein muß. Am 10. August trafen die ersten Soldaten ein, die bei Kämpfen nahe Mülhausen im Elsaß verwundet worden waren. Am 12. 

August wurde die Zahl der Einberufenen, die auch »Ausmarschierte« hießen, mit 300 bis 400 angegeben und vermerkt, daß aus manchen Familien drei und mehr Söhne zur Armee eingerückt seien. 33 dieser Ausmarschierten hatten sich vorher im Sonntagsstaat, angetan mit Vatermörder und Fliege, auf ein Gruppenbild bannen lassen. Sie stehen und sitzen da eng beieinander wie Mitglieder eines Kegelvereins, zusammengekommen anläßlich von dessen besonderem Jubiläum. Aber auf keinem Gesicht läßt sich auch nur ein Anflug von Freude oder gar Begeisterung ausmachen. 

Zwei Tage später passierten erste französische Kriegsgefangene den Bahnhof Bietigheim. Und dann dauerte es nur bis zum 19. Kriegstag, und es gingen die ersten Nachrichten ein, die besagten, daß Bürger der Stadt und nahegelegener Gemeinden »gefallen« seien. In den Anzeigen, die von deren Angehörigen in der Ortszeitung veröffentlicht wurden, wurden die Formeln »den Heldentod fürs Vaterland gestorben« oder »im Kampf für das Vaterland gefallen« gebraucht. Diese Meldungen setzten sich in den folgenden Tagen fort. Sie standen für den Preis der Siege, die bei Metz und Longwy, dort hatte zwischen dem 22. und 25. August eine der sogenannten Grenzschlachten stattgefunden, errungen und durch Glockengeläut und gehißte Fahnen bekanntgemacht wurden. Weiter passierten Züge mit Verwundeten die Stadt. 

Wer sofort ärztlich behandelt werden mußte, wurde ausgeladen und in ein Krankenhaus gebracht, die Masse der Insassen verpflegt. Das hielt ein Fotograf fest. So, und so nüchtern, stellte sich das »Augusterlebnis« für die Bietigheimer dar. Nicht nur für sie. Ernst Glaeser hat in seinem auf eigenem Erleben gründenden Roman »Jahrgang 1902« geschildert, wie ein junger Bursche zufällig dazu kam, beim Ausladen eines Verwundeten zu helfen. Als sie im Krankenhaus des Ortes anlangten, brachten sie einen Toten. 

Abendmahl vor Kriegsbeginn 

Noch weniger verläßliche Zeugnisse existieren von der Aufnahme der Nachricht vom Kriegsbeginn und der Mobilisierung aus Dörfern des Landes. 

Dorthin verirrten sich weder Zeitungsreporter noch Fotografen. Die Männer, die Haus, Stall und Feld verließen, noch war die Sommerernte nicht beendet und die des Herbstes stand erst bevor, waren tags darauf nicht zu ersetzen, selbst wenn sich die zurückbleibenden Frauen deren Schwerstarbeit aufbürdeten. Es war nur eine Frage kurzer Zeit bis das Absinken der heimischen Produktion in Verbindung mit der bei Kriegsbeginn augenblicklich einsetzenden Seeblockade durch britische Kriegsschiffe sich auf den Tellern der Städter empfindlich bemerkbar machen würde. 

Aus einem Dorf nahe Berlin, aus Lütte, sind Ereignisse und Stimmungen jener ersten Augusttage durch Aufzeichnungen von Erlebtem und Gehörtem im Tagebuch eines 15jähigen Mädchens, der Tochter des Ortspfarrers, überliefert. »Abends um halb 9 Uhr - da läuteten die Glocken. Es bedeutete den Krieg... sie mußten den Krieg verkünden! Alle Leute standen vor ihren Häusern und weinten. Am Sonntag war für diejenigen, die in den Krieg ziehen mußten, Abendmahl angesetzt. Es waren auch 50 Männer da (außer drei dann von der Autorin namentlich genannten, K.P.). Da Vater auch eine sehr wegweisende Predigt hielt, weinten alle. Wir hatten nicht wie sonst sonntags weiße Kleider an, sondern dunkle Röcke und nur helle Schuhe.« Ein anderes Geschehen ist dem Mädchen entgangen, wurde aber von einem Lehrer der Dorfschule rückblickend in die Schulchronik eingetragen. Demnach hatte der Ausrufer des Dorfes mit der Bekanntgabe des Kriegsbeginns die Männer in die Gaststätte des Ortes beordert. Davon wird mitgeteilt: »Der Herr Pastor leitete die Versammlung mit einem Kaiserhoch ein. Ich verlas die Mobilmachungsurkunden. Unsere Reservisten, Wehrmänner und Landstürmer waren sehr gefaßt, wie es die Starken sind, die des Sieges gewiß sind oder doch entschlossen, in Ehren zu sterben für Weib und Kind, für König und Vaterland.« Die drei Sätze überliefern jedenfalls die Geistes- und Gemütsverfassung des Lehrers bei Kriegsbeginn. 

Zurichtung allerorten 

Zurück in die Großstädte: Die Fotografierten, aufgenommen an Straßenrändern, waren keine bestellten oder gemieteten Jubelperser. 

Indessen brach aus ihnen in jenen Tagen auch nicht spontan die patriotische deutsche Seele hervor, wie das in der Geschichtsliteratur bis heute behauptet wird. Sie waren allesamt Produkte einer Erziehung durch Pfarrer und Lehrer, wie der beiden im Dorf Lütte. Andere waren geprägt durch jene Professoren, welche eben die Studenten bürgerlicher und adliger Herkunft mitgeformt hatten, die in Berlin vor dem Hauptgebäude der Friedrich-Wilhelms-Universität den Krieg jubelnd begrüßten. Dieser »Geist von 1914« war von Millionen erworben in Kasernen und Kriegervereinen, bei Veranstaltungen der Militär und Militarismus anbetenden Organisationen wie dem Alldeutschen Verband, dem Deutschen Flottenverein und vielen monarchistischen Zusammenschlüssen. Was sie dort an krausen Ideen aufgenommen hatten, was ihnen an verkorksten vaterländischen Gefühlen eingepflanzt worden war, das blühte nun auf in den Willkommensfeiern des Kriegsbeginns, denen sich ein erheblicher Teil der deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz hingab, schreibend, redend, dichtend, musizierend, malend und - dies nicht zu vergessen - predigend und betend in Kirchen beider christlichen Religionen und nicht anders in Synagogen. Die Verklärung des Krieges gipfelte in Behauptungen wie der von seiner »reinigenden Wirkung auf das Volksganze«. Ohne den Beitrag der geistigen Führungsschicht des Deutschen Kaiserreiches - nicht anders im Kernland der österreichisch-ungarischen Monarchie - wäre es zu diesen Verirrungen von Geist und Gemüt schwerlich in dieser Zahl gekommen. 

Und von den Tagen des Kriegsbeginns an wurde an ihrer Konservierung weiter gearbeitet. Kaum jemand entkam dieser Zurichtung. Auch nicht die Kinder. 

Davon zeugen 1914 erschienene Buchtitel wie »Was der Krieg unsere Schulkinder lehrt«, herausgegeben übrigens von einem evangelischen Verlag in Heidelberg, »Was sollen unsere Knaben und Mädchen durch den Krieg lernen - ein Mahnwort an unsere Jugend«, »Das eiserne Jahr 1914 - Ein Büchlein für Kinder« oder »Deutschland, Deutschland über alles: ein Weihnachtsbüchlein für die deutsche Jugend im Jahre des großen Krieges«. 

Die Bilder von den ersten Tagen und Wochen des Krieges sind gerade in den Großstädten unvollständig, wenn nicht von den augenblicklichen sozialen Folgen des Kriegsbeginns auf erhebliche Teile der arbeitenden Klassen die Rede ist. Trotz der Masse der Eingezogenen breitete sich in Hamburg, wo Tausende vom funktionierenden, nun aber blockierten Hafenbetrieb abhängig waren, Arbeitslosigkeit aus. Zudem waren Produktionsbetriebe lahmgelegt, die importierte Rohstoffe oder Halbfertigfabrikate verarbeiteten oder ihrerseits für den Export herstellten und deren Waren über See ausgeführt wurden. Für dort Beschäftigte gehörte zum »Augusterlebnis« der Verlust ihres Arbeitsplatzes. 

Kurt Pätzold beschäftigte sich am 28.6. auf diesen Seiten mit dem Attentat auf Kronprinz Franz Ferdinand 

 

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Pakt am Bosporus  

Vor 100 Jahren wurde ein geheimer Bündnisvertrag zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich geschlossen  

Nick Brauns 

In: junge Welt online vom 02.08.2014 

 

Einen Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Rußland schlossen am 2. 

August 1914 in Konstantinopel die deutsche und die osmanische Regierung einen geheimen Bündnisvertrag. Das auf osmanischer Seite von Kriegsminister Enver Pascha und Innenminister Talaat Bey sowie auf deutscher Seite durch Botschafter Hans von Wangenheim unterzeichnete Abkommen, dem auch die österreichische Regierung brieflich zustimmte, machte das Osmanische Reich zum integralen Bestandteil des deutsch-österreichischen »Nibelungenbündnisses«: »Falls Rußland mit aktiven militärischen Maßnahmen eingreifen und dadurch für Deutschland den Casus foederis [Bündnisfall] gegenüber Österreich-Ungarn herbeiführen sollte, so würde dieser Casus foederis ebenfalls für die Türkei in Kraft treten.« Für diesen zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung ja bereits eingetretenen Kriegsfall ließ sich die deutsche Regierung einen »wirksamen Einfluß« ihrer seit 1913 im Osmanischen Reich tätigen Militärmission auf die türkische Armeeführung absichern. Im Gegenzug verpflichtete sich die deutsche Seite, »das Gebiet des Osmanischen Reiches im Falle der Bedrohung nötigenfalls mit den Waffen« zu verteidigen. Nach der selbst vor mehreren Kabinettsmitgliedern der regierenden Jungtürken geheimgehaltenen Vertragsunterzeichnung wurde die »bewaffnete Neutralität« verkündet. So sollte Zeit für die Reorganisation der Truppe durch die deutschen Militärberater unter Leitung des zum osmanischen Generalinspekteur ernannten Generals Otto Liman von Sanders gewonnen werden. 

Zwar bestanden seit den 1880er Jahren zunehmend engere politische, wirtschaftliche und militärische Beziehungen zwischen beiden Reichen, deren sichtbarstes Symbol der Bau der Bagdadbahn durch ein von der Deutschen Bank geleitetes Konsortium war. Doch die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft war keineswegs ausgemachte Sache. Ein Flügel der Jungtürken plädierte für Neutralität im absehbaren Krieg oder befürwortete aus ideologischer Verbundenheit mit den Werten des französischen Republikanismus ein Bündnis mit der Triple Entente. Diesbezügliche Gespräche mit Rußland und Frankreich waren im Mai allerdings gescheitert. Denn die russische Heeresleitung hatte bereits im Februar auf einer Geheimsitzung beschlossen, selbst bei Neutralität der Türkei im Kriegsfalle Konstantinopel und damit den Zugang zum Mittelmeer zu erobern. Während auch Rußlands Verbündete Frankreich und Großbritannien sich von einem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches territoriale Eroberungen versprachen, setzte das deutsche Kaiserreich auf Erhalt der Türkei - wenn auch in Form eines deutschen Protektorates. 

Kriegsminister Enver war als Militärattaché in Berlin in den Jahren 1909 bis 1911 zum Bewunderer des preußischen Militarismus geworden. In einem Bündnis mit dem Kaiserreich sah er die Chance, nicht nur ehemalige osmanische Provinzen in Nordafrika zurückzuerobern, sondern infolge eines als sicher angenommenen Sieges der Mittelmächte seinen Traum eines Großreiches aller Turkvölker zu verwirklichen. 

Am 22. Juli 1914 signalisierte Enver gegenüber Wangenheim entsprechende Bündnisabsichten. Doch der deutsche Botschafter hatte zu diesem Zeitpunkt noch erhebliche Zweifel an der Zweckmäßigkeit eines solchen Bündnisses mit dem maroden Großreich, dessen Armee sich nach der Niederlage in den Balkankriegen 1912/13 in einem desolaten Zustand befand. »Theoretisch richtig, aber im jetzigen Augenblick falsch!« wischte Kaiser Wilhelm II. 

derartige Bedenken vom Tisch. »Jetzt handelt es sich um Gewinnung jeder Büchse, die auf dem Balkan bereit ist, für Österreich gegen die Slawen loszugehen, daher ist ein turko-bulgarisches Bündnis mit Anschluß an Österreich wohl zu akzeptieren«, notierte der Kaiser am Rande von Wangenheims telegraphischer Nachricht über das Gespräch mit Enver. General von Sanders, der noch im April der osmanischen Armee »einen schnellen militärischen Zusammenbruch im Falle kriegerischer Verwicklungen« attestiert hatte, meldete inzwischen Erfolge der Reorganisation. So gab Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 31. Juli seinem Botschafter am Bosporus grünes Licht zur Unterzeichnung eines Bündnisvertrags, wenn »die Türkei im jetzigen Krieg auch nennenswerte Aktionen gegen Rußland unternehmen kann und wird«. 

An jenem 2. August, an dem die prodeutsche Fraktion der Jungtürken ihr Bündnis mit dem Deutschen Reich besiegelte, ließ der britische Marineminister Winston Churchill zwei im türkischen Auftrag gebaute Kriegsschiffe, die ein Gegengewicht zur russischen Schwarzmeerflotte bilden sollten, in britischen Werften beschlagnahmen. Eine Woche nach dieser Brüskierung der türkischen Führung suchten die zwei deutschen Kreuzer »Goeben« und »Breslau« auf der Flucht vor der britischen Royal Navy Zuflucht im Bosporus. »Ein Sohn ist uns geboren!« jubelte Enver, der den Schiffen ohne Kabinettsbeschluß die Einfahrt gestattet hatte. Um den Neutralitätsbruch zu verschleiern, erklärte die türkische Regierung nach Abstimmung mit Berlin, sie habe die Kreuzer als Ersatz für die von Großbritannien beschlagnahmten Schiffe gekauft. Zum Beweis wurden die Kreuzer in »Yavuz« und »Midilli« umbenannt, und die deutsche Besatzung mußte statt ihrer Matrosenmützen einen Fes tragen. Nun wurde der deutsche Admiral Wilhelm Souchon vom Sultan zum Ersten Kommandanten der osmanischen Flotte ernannt, und die bislang für die Reorganisation der Marine zuständigen britischen Militärberater wurden heimgeschickt. 

Um vorerst den Schein der Neutralität zu wahren, fanden Mitte August türkische Sondierungsgespräche mit der Entente statt. Die osmanische Regierung forderte neben Garantien für die territoriale Integrität des Reiches die Aufhebung der Kapitulationen genannten kolonialen Handelsabkommen, die europäischen Mächten Privilegien insbesondere bei den Zöllen einräumten. Die Zurückweisung dieser Forderung nahm auch den letzten jungtürkischen Befürwortern einer Allianz mit der Entente wie dem Marineminister Djemal Pascha ihre Illusionen. Großwesir Said Halim Pascha proklamierte nun die einseitige Aufkündigung der Kapitulationen. 

Nach der deutschen Niederlage an der Marne und dem Vormarsch russischer Truppen in Galizien drängte die deutsche Oberste Heeresleitung im September zum türkischen Kriegseintritt, um Rußland im Kaukasus und Großbritannien in Ägypten zu binden. Mit einer nach Kriegseintritt zu zahlenden deutschen Staatsanleihe von zwei Millionen türkischen Pfund versuchte die Reichsregierung, die noch zögernden Jungtürken zu bestechen. Um vollendete Tatsachen zu schaffen, befahl Enver am 22. Oktober in einer geheimen Depesche an Admiral Souchon: »Suchen Sie die russische Flotte auf und greifen Sie sie ohne Kriegserklärung an, wo Sie sie finden.« Die durch die »Yavuz« und die »Midilli« verstärkte Marine beschoß darauf am 29. und 30. 

Oktober die Hafenstädte Sewastopol und Odessa und versenkte mehrere russische Schiffe. Rußland reagierte am 2. November mit der Kriegserklärung an die Türkei, die anderen Entente-Mächte folgten. Das Komplott der deutschen und türkischen Militaristen war aufgegangen. In dem ungleichen Bündnis einer imperialistischen Großmacht mit einem halbkolonialen Land übten deutsche Offiziere Kommandogewalt über die osmanischen Truppen aus, während rund 25000 deutsche Soldaten an Fronten des Nahen Ostens und des Kaukasus kämpften. Mit diesem Bündnis, in dem beide Seiten Illusionen von der Kampfkraft ihres Partners hatten, wurde der Untergang des 500jährigen Reiches besiegelt. 

Quellentext. Marineminister Djemal Pascha über das deutsche Interesse an der Türkei 

Deutschland war, man kann sagen, was man will, doch die einzige Macht, die den Wunsch hegte, eine starke Türkei zu sehen. Die Interessen Deutschlands konnten einzig und allein durch die Stärkung der Türkei sichergestellt werden. Deutschland konnte nicht die Hand auf die Türkei wie auf eine Kolonie legen, denn das erlaubten ihm weder die geographische Lage noch seine Hilfsmittel. Infolgedessen betrachtete Deutschland die Türkei als ein Bindeglied für den Handel und wurde dadurch ihr zuverlässigster Verteidiger gegen die Entente-Regierungen, die sie aufzuteilen wünschten. Umso mehr, als das Verschwinden der Türkei die endgültige Einschließung Deutschlands bedeuten würde. Nur dank der Türkei blieb seine südöstliche Front noch offen. Um nun nicht von dem eisernen Ring erdrückt zu werden, blieb als einziger Ausweg übrig, die Zerstückelung der Türkei zu verhindern. 

Djemal Pascha: Erinnerungen, München 1922, S. 120 

 

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Das Ende des Goldes 

Mit Beginn des 1. Weltkrieges änderte sich das Währungssystem 

Von Hermannus Pfeiffer 

 

August 1914: Berlin, Paris und Sankt Petersburg schaffen den Goldstandard ab. Das Zeitalter der Währungsspekulationen hatte begonnen. Die Wirkungen sind noch heute zu spüren. 

Bald nach den ersten tödlichen Schüssen an den Fronten fiel auch in Berlin das erste Opfer - die Mark. Am 4. August setzte die Reichsbank die sechs im »Kriegsfall vorzulegenden Gesetzentwürfe« um, denen tags zuvor der Reichstag zugestimmt hatte. Damit endete auch der Goldstandard. Kaiser Wilhelm II. ließ drei Tage nach Beginn des Völkerschlachtens die Notenpresse anwerfen, um seinen blutigen und ökonomisch verhängnisvollen Krieg zu finanzieren. 

In: Neues Deutschland online vom 04.08.2014 

Weiter unter:  

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/941166.das-ende-des-goldes.html 

 

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