»Die BRD-Justiz deckte bewußt den Nazimörder«  

Gespräch mit Reiner Stenzel. Über das Aufspüren des Kriegsverbrechers Josef Blösche in der DDR, seine Vernehmung und einen Kommentar Hubertus Knabes zu dem Todesurteil von 1967   

Das Gespräch führte Robert Allertz  

In: junge Welt online vom 26.07.2014  

Wochenendbeilage  

  

Reiner Stenzel (geb. 1942) lernte Graugußformer, machte das Abitur an der Volkshochschule. 1960 trat der spätere Diplomjurist in das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ein, arbeitete u. a. in den Kreisen Oschatz und Leipzig-Land, bevor er 1967 in die MfS-Hauptabteilung, die gegen Nazi- und Kriegsverbrecher ermittelte, versetzt wurde. Dort vernahm er u. a. den früheren SS-Rottenführer Josef Blösche, der 1969 vom Bezirksgericht Erfurt wegen seiner Beteiligung bei der Vernichtung des Warschauer Ghettos zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.  

Gibt es Tonaufzeichnungen von Blösches Vernehmungen? Er wurde in den anderthalb Jahren, als er sich in der Obhut der Hauptabteilung (HA) IX/10 des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) befand, pro Woche mindestens zweimal sechs Stunden, insgesamt 746 Stunden lang, vernommen.  

Nein, die gibt es nicht.  

Warum nicht?  

Das ist mir fast peinlich einzuräumen. Wir hatten damals, 1967, zunächst keine Tonbandgeräte, dann kamen die tschechischen Uher mit Mikrofon. Ich stellte beides, wie angewiesen, unter die Tischplatte. Die Mitschnitte waren derart miserabel, daß ich das Gerät nicht mehr benutzte.  

Was war die Alternative?  

Ich habe handschriftlich protokolliert und von Josef Blösche die Mitschriften prüfen und unterschreiben lassen. Die mit der Maschine angefertigten Abschriften hat er ebenfalls gelesen und abgezeichnet.  

Ziemlich mühsam und für die Nachwelt bedauerlich.  

Mag sein. Aber durchs Mitschreiben konzentrierte man sich, so blieb vieles stärker im Bewußtsein und ich konnte dezidiert nachfragen. Daß die Tonaufzeichnung Bedeutung für spätere Generationen erlangen könnten, spielte damals keine Rolle. Es ging um die Überführung und Verurteilung eines Naziverbrechers.  

Blösche mußte doch nicht überführt werden. Er war doch geständig.  

Ja, nachdem wir ihn mit konkreten Tatvorwürfen konfrontierten. Er gab nur das zu, was wir ihm nachweisen konnten. Auch wenn wir wußten, daß er als Gestapo-Angehöriger an vielen Verbrechen im Warschauer Ghetto beteiligt war, mußte jede einzelne brutale Tat belegt und bezeugt werden. Er bestätigte die Beteiligung an drei großen Deportationsaktionen und an Massenerschießungen, aber Einzelhandlungen verschwieg er zunächst und zog sich auf seine schlechte Erinnerung zurück.  

Wie ist die DDR, speziell das MfS und dessen HA IX - das mit der Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen befaßte Untersuchungsorgan -, Blösche nach fast zwei Jahrzehnten auf die Spur gekommen? Er arbeitete unauffällig und unbehelligt im VEB Kaliwerke Volkenroda, hatte nach 1946 geheiratet und zwei Kinder.  

Blösche war von der Sowjetarmee bei Kriegsende festgenommen und, da er aus den Sudeten kam, an die Tschechoslowakei ausgeliefert worden. Als tschechischer Kriegsgefangener mußte er in einem Bergbaubetrieb bei Ostrava untertage arbeiten. Bei einer Abfahrt geriet er mit dem Kopf zwischen Förderkorb und Schachtwand. Es blieb ungeklärt, ob es sich um einen Suizidversuch oder um einen Unfall handelte. Er überlebte, aber das Gesicht war halbseitig völlig entstellt. Dadurch war eine optische Identifizierung etwa auf der Basis der aus Warschau überlieferten Fotos nahezu unmöglich.  

Ich halte Ihnen doch nicht vor, weshalb der Massenmörder nicht früher aufgespürt wurde, sondern möchte nur wissen, woher der Hinweis kam.  

Vom Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von (West-)Berlin, Heinz Galinski.  

Der hatte - wir formulierten das später immer so, um ihn nicht zu kompromittieren - den Ostberliner Gemeindevorsitzenden Heinz Schenk und dieser wiederum das Staatssekretariat für Kirchenfragen der DDR darüber informiert, daß ein ehemaliger SS-Angehöriger mit Namen Josef Blösche in Thüringen lebe. Dieser sei an Judenmorden in Warschau beteiligt gewesen.  

Und das Staatssekretariat informierte uns. So ist die offizielle Lesart.  

Wir bekamen über diesen Kanal aus Westberlin zwei Fotos und genaue Personalangaben zu Blösche. Zur Verschleierung der Quelle vermerkten wir, alle Unterlagen und Hinweise von einem Journalisten der Illustrierten Quick erhalten zu haben. Ein Journalist war unverdächtiger als Heinz Galinski.  

Wann war das?  

Im Dezember 1965.  

Und wie kam Galinski an diese Unterlagen bzw. warum war plötzlich Blösche überhaupt ins Visier geraten?  

In Hamburg hatte 1960 ein Journalist, in diesem Falle stimmt das, Dr.  

Ludwig Hahn angezeigt, der unbehelligt als Führungskraft eines Versicherungsunternehmens in der Hansestadt arbeitete. Hahn hatte als SS-Standartenführer in Polen mehrere Mordaktionen befehligt, als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des »Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS« (SD) in Krakau und Warschau war er maßgebend bei der Liquidierung des Warschauer Ghettos. Hahn wurde verhaftet, wieder freigelassen, wieder verhaftet und freigelassen - erst 1975 wurde er in einem Verfahren zu zwölf Jahren verurteilt.  

Gab es neben den in der BRD üblichen Gründen auch noch andere, Hahns Verfahren auf die lange Bank zu schieben?  

Soweit ich weiß, war Hahn mit einer Schwester von Johannes Steinhoff verheiratet. Der Ritterkreuzträger - Steinhoff flog während des Krieges über 900 Einsätze - gehörte zur Gründergeneration der Bundeswehr, war Inspekteur der Luftwaffe und als Viersternegeneral Vorsitzender des Militärausschusses der NATO und damit ranghöchster Soldat des Bündnisses.  

Da schaute die westdeutsche Justiz schon mal durch die Finger.  

Was hatte nun aber Hahn mit Blösche zu tun - außer daß Blösche einer der vielen SS-Leute in Warschau war, die Hahn unterstellt waren.  

Bei den Ermittlungen im Fall Hahn stieß man auf den in Bielefeld einsitzenden SS-Verbrecher Heinrich Klaustermeyer, der ebenfalls im Warschauer Ghetto aktiv war und dafür verurteilt worden war. Bei einer Zeugenvernehmung in Sachen Hahn im Februar 1962 identifizierte er auf einem Foto Josef Blösche. Die Staatsanwaltschaft des Hamburger Landgerichts ermittelte alsbald dessen Aufenthalt. »Der Wohnort des Blösche ist jetzt ermittelt worden«, notierte Staatsanwalt Beier am 22. März 1962. »Blösche wohnt in Urbach/Thüringen (Sowjetische Besatzungszone - SBZ).« Und dann offenbart er, weshalb die Feststellung ohne Folgen bleiben wird: »Nach der Schwere der gegen ihn vorliegenden Belastungen muß damit gerechnet werden, daß Blösche, wenn gegen ihn in der SBZ ein Verfahren durchgeführt wird, zum Tode verurteilt werden würde.«  

Damit lag der Hamburger Staatsanwalt nicht so falsch.  

Richtig. Die DDR hatte - im Unterschied zur Bundesrepublik - nicht nur in ihre Verfassung, sondern auch in ihre Gesetze die Bestimmungen des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 überführt, das die Alliierten am 20. Dezember 1945 erlassen hatten. Es bildete die Rechtsgrundlage für die Verurteilung von Personen, die wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt worden waren. Das war in der DDR nationales Recht. Zudem gab es zwischen der BRD und der DDR, die dort noch immer SBZ hieß, also als Staat nicht anerkannt war, kein Rechtshilfe- oder Auslieferungsabkommen. Auf welcher Basis hätte Blösche, sofern dies überhaupt beantragt worden wäre, ausgeliefert werden sollen?  

Wenn ein solcher Antrag nach Feststellung von Blösches Aufenthalt 1962 unterblieb, die DDR-Behörden zudem nicht unterrichtet wurden, um Blösches - möglicherweise bedrohtes - Leben zu retten, ist die Bezeichnung »Tatverschleierung« durchaus angemessen.  

Natürlich. Die BRD-Justiz deckte bewußt den Nazimörder, weil er in der DDR lebte.  

Und das ging dem Auschwitz-Überlebenden Heinz Galinski, Präsident des Zentralrats der Juden, der seine Mutter und seine Frau im Vernichtungslager Auschwitz verloren hatte, derart gegen den Strich, daß er die DDR informierte, als er davon erfuhr.  

Nicht nur ihm. Aber er handelte. Man muß auch sehen, daß 1965 in der Bundesrepublik die Verjährung von Naziverbrechen diskutiert wurde. Bereits 1960 hatte man unauffällig die Verjährungsfrist für Totschlag verstreichen lassen, seitdem waren in der BRD alle Verbrechen unterhalb von Mord oder Beihilfe zum Mord der Verfolgung entzogen. Das war gleichsam eine kalte Amnestie für sehr viele faschistischen Verbrecher. 20 Jahre nach dem Ende der Hitlerdiktatur sollten nunmehr auch die Nazimörder nicht mehr belangt werden.  

Nach dem Tip von Galinski wurde vom MfS gegen Blösche fünf Monate lang intensiv ermittelt, ein zehnseitiger Sachstandsbericht vom 26. Mai 1966 schließt mit der Feststellung: »Aufgrund der uns vorliegenden Beweise (...) wird vorgeschlagen, Blösche durch unser Organ festzunehmen und ein Ermittlungsverfahren einzuleiten.« Die Inhaftierung erfolgte am Morgen des 11. Januar 1967, nach der Nachtschicht. Blösche wurde nach Berlin-Hohenschönhausen überführt. Es begannen die Vernehmungen. Wann traten Sie auf den Plan?  

Am 1. Oktober 1967. Bis kurz zuvor hatte ich in Leipzig in der Bezirksverwaltung gearbeitet, nach der Herbstmesse wurde ich nach Berlin versetzt. Ich übernahm als junger Leutnant den Platz von Hauptmann Harry Hesche in der HA IX/10, der seit Blösches Verhaftung diesen vernommen hatte. Untersuchungsführer Hesche war im Sommer nach einem Herzinfarkt verstorben.  

Sie waren 25, Blösche damals 55 Jahre alt. Er hätte, zumindest dem Alter nach, Ihr Vater sein können. Akzeptierte er Sie?  

Blösche war sehr obrigkeitshörig, was auch mit seinem Intellekt zusammenhing. Als SS-Unterscharführer hatte er den niedrigsten Unteroffiziersrang bei dieser Verbrecherorganisation. Ich hingegen war Offizier. Das war auch der Grund, weshalb ich - abweichend von der üblichen Praxis - bei den ersten Vernehmungen Uniform trug. Für ihn war ich »Herr Oberleutnant«, obwohl ich nur zwei Sterne auf den Silberlitzen trug. In der Naziwehrmacht bedeutete ein Stern Leutnant, zwei Sterne Oberleutnant.  

Selbst diesen Unterschied hatte er nicht begriffen.  

Was war Blösche für ein Typ? Und wie fühlt man sich, wenn man in einem kleinen Zimmerchen einem Mann gegenübersitzt, von dem man weiß, daß er an der Deportation von etwa 300000 Menschen ins Vernichtungslager beteiligt war, sie also in den Tod schickte, und selbst mindestens 2000 Menschen ermordet hatte?  

Da muß man sich professionell verhalten. Natürlich, ich verstand, ohne es zu billigen, warum er, der mit Ach und Krach die 8. Klasse geschafft hatte und aus einfachsten Verhältnissen kam - Blösche arbeitete bei seinem Vater, der Landwirt war und eine kleine Gastwirtschaft betrieb -, aus seinem Milieu herauswollte und, um Karriere zu machen, sich im Herbst 1939 freiwillig zur Geheimen Staatspolizei meldete und die Grenzpolizeischule in Pretzsch absolvierte. Hinzu kam, daß er mit seinem völlig entstellten Gesicht durchaus Mitleid erregte. Aber seine schon an Servilität grenzende Unterwürfigkeit, mehr noch aber sein kalter Blick, wenn man ihn wieder eines Verbrechens überführt hatte, stießen ab. Nicht minder seine Weinerlichkeit. Er vergoß Tränen nicht über seine Opfer, sondern aus Selbstmitleid. Dennoch: Trotz allem Haß behandelte ich ihn korrekt, nicht als Monster, nicht als SS-Bestie, wie solche Verbrecher bisweilen in der Propaganda genannt wurden. Er war kein Vieh, sondern ein Mensch. Auch wenn es um individuelle Schuld und Verantwortung ging, mußte man als Marxist immer auch den gesellschaftlichen Kontext sehen und stets die Frage im Hinterkopf haben: Warum handelten Menschen so, wie sie handelten?  

Sie waren in seinem letzten Lebensjahr die wichtigste Bezugsperson. Auf Ihrem 147 Seiten umfassenden Schlußbericht fußte die Anklage und, wenn man so will, letztlich das Urteil. War sich Blösche des Ausgangs seines Verfahrens bewußt?  

Ja und nein. Auf der einen Seite war er geständig. So schrieb er auf die Rückseite des ihm am 12. Januar 1967 vorgelegten, inzwischen sehr berühmten Fotos: »Die auf der umstehenden Fotokopie abgebildete Person in SS-Uniform mit der Maschinenpistole im Anschlag und mit einer Motorradbrille um den Stahlhelm bin ich. Das Bild zeigt mich als Angehörigen der Gestapo im Warschauer Ghetto mit einer Gruppe von SS-Angehörigen bei einer Deportationsaktion. Josef Blösche.«  

Zugleich wollte er nicht als grausamer Mörder erscheinen, er habe nur auf Befehl gehandelt, beteuerte er. Blösche berichtete nicht über brutale Handlungen, die ihn vor Gericht belastet hätten. Wenn aber Zeugen, wie etwa im Gerichtsverfahren in Erfurt, ihm genau diese Barbarei vorhielten - so hatte er sich mit der Rikscha durchs Ghetto fahren lassen und wahllos und willkürlich in Menschenansammlungen gefeuert, oder bei Wohnungsräumungen schwangere Frauen, Kranke und Alte mit der zynischen Begründung erschossen, sie würden ohnehin nicht den Transport überleben -, dann bestritt er dies keineswegs, gab diese Exzesse aber auch nicht zu. »Das kann vielleicht so gewesen sein, aber ich kann mich daran nicht erinnern.« Es gab also immer wieder mal Phasen, in denen er meinte, den Kopf aus der Schlinge gezogen zu haben. Das war schon eigenartig. Mir gegenüber erklärte er verzweifelt in einer Verhandlungspause: »Warum glaubt mir der Richter nicht.«  

Was genau fragten Sie, was erzählte er Ihnen?  

Blösche hatte gegenüber meinem Vorgänger grundsätzliche Aussagen gemacht, meine Aufgabe bestand darin, die Details zu erarbeiten, zu jeder einzelnen Tathandlung die Umstände zu ermitteln. Es genügte ja nicht zu wissen, daß er bei dieser oder jener Exekution oder Deportation dabei war, sondern man mußte auch seinen konkreten Beitrag feststellen.  

Entstand aufgrund des regelmäßigen Zusammenseins so etwas wie Nähe?  

Das ganz gewiß nicht. Aber, das gebe ich gern zu, ihm wurden durchaus kleine Privilegien zugestanden. Er bekam immer seinen Kaffee und seine Zigaretten - nebenbei: Er verweigerte meine F6 und blieb bei seiner Karo.  

Dazu brachte er einen aus Stanniol in seiner Zelle gefalteten »Aschenbecher« mit, um nicht den des Untersuchungsführers zu benutzen. Zu den Feiertagen erhielt er einen Braten, den er im Vernehmungszimmer serviert bekam, um nicht unter den anderen Untersuchungshäftlingen für böses Blut zu sorgen. Und er erhielt Zeitschriften: die Neue Berliner Illustrierte (NBI), den Eulenspiegel, Garten und Kleintierzucht. Bereits in Erfurt, während des Verfahrens vorm Bezirksgericht, wo ich sein Ansprechpartner war, beklagte er sich, daß er seine Zeitungen nicht bekomme und nur den in der Haft üblichen Muckefuck. Das ärgerte mich nun wiederum, weil ich, in Kenntnis der Erfurter Haftanstalt und des dortigen Regimes, extra Kaffeebohnen aus Berlin mitgebracht hatte. Die waren wohl auf dem Dienstweg »verloren«gegangen. Nach meiner Intervention tauchten sie wieder auf, und Blösche bekam wie gewohnt seinen Kaffee.  

Ich sorgte auch dafür, daß er mit seiner Familie korrespondieren und Besuche in der Berliner Magdalenenstraße im Gebäude des MfS empfangen konnte. Sein Sohn kam nur einmal, und er nahm sich später auch das Leben, er zerbrach förmlich an der Schuld seines Vater ...  

Das Gerichtsverfahren vorm Bezirksgericht Erfurt begann am 21. April 1969, am 30. April wurde das Urteil gesprochen und am 29. Juli vollstreckt.  

Wußten Sie davon?  

Offiziell nicht. Ich nahm am 28. Juli einen Anruf von Staatsanwalt Friedrich von der DDR-Generalstaatsanwaltschaft stellvertretend für meinen abwesenden Abteilungsleiter entgegen. Ich solle diesem ausrichten: »Morgen 10 Uhr in der Alfred-Kästner-Straße.« Als gebürtiger Leipziger wußte ich, daß es sich bei dieser Adresse um den Hintereingang der Strafvollzugsanstalt Arndtstraße handelte, wo die Todesurteile vollstreckt wurden. Daraus war zu schließen, daß das Gnadengesuch vom Staatsratsvorsitzenden abgelehnt und das Urteil rechtskräftig war.  

Auch der Leiter der »Stasi-Gedenkstätte« in Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe hat eine Meinung zu Blösche und dessen Verurteilung...  

Ja, ich kenne seine Aussage in der Südthüringer Zeitung vom 19. November 2005. Knabe erklärte dort, die DDR habe Blösche nur deshalb verfolgt, »um sich als antifaschistischer Musterstaat darstellen zu können. Die DDR ist schon deshalb als Vorbild völlig ungeeignet, weil sie selber eine Diktatur war, die die Methoden der Nationalsozialisten in vielem fortschrieb. Wenn ein Verbrecher einen anderen erschießt, hat das mit strafrechtlicher Aufarbeitung nichts zu tun.« Diese Blödheit kommentiert sich selbst, da muß ich nicht meinen Senf dazugeben. Für mich und meine ehemaligen Mitstreiter gilt unverändert das, was der verdienstvolle Naziverfolger, DDR-Staatsanwalt Günter Wieland, der Nachwelt hinterließ: »Wessen ernstliche Profession die Aufklärung von Naziverbrechen ist, wer deren oft so qualvoll geprüften Opfern im Verhandlungssaal oder Vernehmungszimmer begegnet ist, bleibt davon lebenslang geprägt. Er empfindet es nicht nur als berufliche, sondern zudem als ethische Pflicht, zur gerechten Ahndung dieser Kriminalität beizutragen. Das galt auch für die Untersuchungsführer des MfS, die der Autor in mehr als einem Vierteljahrhundert Tätigkeit auf diesem Gebiet kennengelernt hat. Gewissenhafte Recherchen attestieren ihnen selbst ausgesprochen kritische Betrachter.«  

Wie lange blieben Sie Untersuchungsführer?  

Bis Juni 1972, dann wurde ich innerhalb der HA IX versetzt. Bis dahin hatte ich weitere in der DDR lebende ehemalige Gestapo-Angehörige der Warschauer Dienststelle ermittelt, darunter der Mörder Hubert Schwerhoff - 1972 hingerichtet - und Edmund Langer - lebenslange Freiheitsstrafe. Er hatte als Staatsanwalt im Kreis Schwerin-Land gearbeitet.  

Gab es für die Versetzung einen Anlaß?  

Genannt wurde mir keiner. Aber ich vermute mal, daß ein unzulässiger Gefühlsausbruch dafür verantwortlich war. Nach der Vernehmung eines Naziverbrechers, der mich mit seiner arroganten Haltung zur Weißglut gebracht hatte, habe ich wütend gegenüber Kollegen erklärt: Wenn der nicht zum Tode verurteilt wird, mache ich es selbst. Der Verbrecher bekam eine langjährige Haftstrafe - und ich eine neue Arbeitsstelle.  

  

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